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wahrnehmung der skalen

Dienstag, Februar 28th, 2012

wahrnehmung > Die Wahrnehmung von Objekten im zeitgebundenen Raum ist ganz allgemein betrachtet Voraussetzung für das Entstehen und Machen wie auch Bewerten und Nutzen von Architekturen. Diese zunächst sinnliche, später dann auch mentale oder auch abstrakt geistige Wahrnehmung, Rekonstruktion, Erinnerung wie auch Vorstellung von gebautem Raum ist jedoch sehr stark vom wahrnehmenden Individuum (Subjekt) und seinem sinnlichen wie geistigem Erfahrungshorizont abhängig. Dies macht es freilich sehr schwierig wenn nicht sogar unmöglich, bei mehreren Milliarden Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Kulturkreises etc. auch nur annähernd einen gemeinsamen Nenner als vermeindliche Wirklichkeit und/ oder Wahrheit von Architektur benennen zu können. Physikalisch oder stofflich, also naturwissenschaftlich, können wir die Dinge vielleicht relativ exakt und scharf umrisssen definieren. Doch wie etwas Stoffliches in seiner Form, seiner Proportion, seiner Farbigkeit, seiner Materialität, seiner Größe, seiner Struktur usw. letztendlich auf den einzelnen Menschen „wirkt“, können wir i.d.R. nur über Verständigung (also kommunikative Konvention) erahnen, vermuten und verifizieren, daß andere Menschen ähnliches (kongruent) sinnlich wahrnehmen, fühlen, denken, spüren etc..

In unserem westlichen Kulturkreis (wie natürlich auch in anderen Kulturen) haben wir durch unsere über hunderte von Jahren spezifisch entwickelte Sprache und unsere Bildung bzw. Ausbildung (kurz: Kulturentwicklung) eine relativ hohe Sprach- und Ausdruckskompatibilität, die uns mehr oder weniger unbewußt in aller Wahrnehmung wie auch sinnlichen und geistigen Wertung, Bewertung und Interpretation auf einen quasi „Großen Nenner“ bringt. Hier sind alle Kulturkreise mehr oder weniger in einem relativ geschlossenen, jedoch in sich schlüssigen und über Jahrhunderte hinweg bewehrten System, während Kulturentwicklung i.d.R. nur durch Austausch (inter-soziokulturell), Forschung (neue Erkenntnisse) und/ oder Innovationen (Erfindungen) stattfinden kann. Eine Vielzahl von Bautechniken und Baustilen sind (wie vieles andere natürlich auch) nur über die vielen Völkerwanderungen, Kriege, Eroberungen, den internationalen Handel und die abenteuerlustigen wie forschenden Entdecker und Seefahrer seiner Zeit quasi als Import fremder Kulturformen nach Europa gekommen (wie auch umgekehrt). Und mit dem Aufkommen von Medien (Buchdruck, Zeitung, Telefon, Radio, Fernsehen, Internet) und der zunhmend grenzenlosen Mobilität (Automobil, Eisenbahn, Flugzeug) gelangen sie immer schneller, direkter, nahezu synchron von der einen in die andere Kulturform, vermischen sich, lösen sich auf und ab, bilden Hybride, konkurrieren miteinander usw.. Bis heute haben wir dadurch vor allem innerhalb der letzten 200 Jahre eine durchgehende „Verwestlichung“ der globalen Welt in sehr vielen Kulturkreisen, zumindest, was die Technik und Artefakte anbelangt, wohl weniger im Bereich von Sprache, Religion/ Ritus, Politik, Wirtschaft und allgemein gesellschaftlicher Norm- und Ethikvorstellungen. Dennoch: der wie auch immer hergestellte Siegeszug der sogenannten westlichen (oder auch „zivilisierten“) Welt ist evident und zudem in seiner quantitativen Ausbreitung kaum mehr umkehrbar.

Aus diesen Gründen ist die Welt des 21. Jahrhunderts auch nicht mehr vergleichbar mit den sogenannten „Alten Welten“, die jedoch räumlich, stofflich, in Form von Gebäuden und Architekturen auch ausserhalb von Museen immer noch Teil unserer modernen Gegenwart sind. Sie zu differenzieren und sich ihrere Genesis, Legitimation und epochalen Authentizität bewußt zu werden, fällt den meisten Menschen jedoch schwer. Unsere Städte sind qusi ein gebautes Nebeneinander von manchmal mehr als 1.000 Jahren Kulturgeschichte. Immer wieder werden wir also mit sehr alten Formen, Strukturen, Konstruktionen, Grundrissen, Fassaden, Bildern, Ornamenten usw. konfrontiert, ohne diese als wirklich antiquiert zu empfinden, da wir sie mit aktuellen Nutzungen in die Gegenwart gerettet  bzw. durch „Updates“ transferiert haben (dies funktioniert mit universalem Raum sehr gut, weniger mit sonstigen irdischen Artefakten, etwa einer alten Schreibmaschine oder einem Pferdewagen). Damit gehen sie (also die alten Architekturen) aber auch automatisch in unseren aktuellen Sprach- und Kulturfundus ein, werden historisch (zeitlich) „sublimiert“ und eingeebnet, obwohl sie architektonisch natürlich antiquiert und damit eigentlich mehr als unpassend wie unzeitgemäß sind. Alte Gegenstände kommen ins Museum und sind dort eindeutig als Antiquität erkennbar. Bei Gebäuden und Städten hingegen ist dies fast unmöglich. Daher auch die innere Zerissenheit, wenn bei Neubaustädten „ohne“ historischen Kontext plötzlich in der Wahrnehmung und Bewertung von Raum trotz aller funktionalen Vollständigkeit scheinbar etwas (hier dann gewohnt „altes“) fehlt. Niemand käme auf die Idee, eine alte Schreibmaschine anno 1889 oder ein altes Bakalittelefon einem schnellen Smartbook oder Handy vorzuziegen. In der Architektur aber emfinden wir die alten Raum- und Gebäudelösungen nach wie vor in ihrer gesamten Wirkung irgendwie „ansprechend“ und „schön“, daß wir sie eben nicht abreissen oder ins Museum stecken. All das ist unser meist unbewußter wie selbstverständlicher (normaler) Alltag im Umgang mit Architekturen. Tatsächlich verhält sich die Sache aber weitaus komplexer und vielschichtiger.

skalierung der welt > um die Sache nicht komplizierter, aber verständlicher zu machen, wird die vermeindliche Subjektivität und temporäre, vielmehr historische Überlagerung und undifferenzierte Durchmischung (die ja zu großer Unschärfe wie auch Mißverständnissen führt) nun noch durch das Vorhandensein von Maßstäben und „Skalen“ differenziert . In der Gebäude- und Architekturplanung befassen sich Architekten i.d.R. in einer Maßstabs-Skala von M 1:1.000 bis M 1:10. In der Innenarchitektur M 1:50 bis M 2:1. Im Städtebau M 1:100.000 bis M 1:500. Der Mensch beherrscht ohne techn. Zusatzmittel in seinem Leben mehr oder weniger die Meter-Skala M 1: 10.000.000 (10.000km: Umfang Äquator = 40.000km) bis M 10.000:1 (1/10 Millimeter: Haar, Staubkorn), also insgesamt ein Spektrum mit dem Faktor 10 Milliarden! Mit dem Auge sehen wir hingegen je nach Witterung und Höhenlage nur 200-300km weit, im Nahbereich liegt die Sehschärfe je nach Alter bei etwa 3cm auf 100 Meter Entfernung, was in etwa einem Punkt von 3/10 Millimeter entspricht. Die Physik hingegen umfaßt ganze 44 Größenordnungen und kommt locker in Bereiche von 1: 10.000.000.000.000.000.000.000.000 (10 exp. 26 = Yottameter) bis 1.000.000.000.000.000.000 : 1 (10 exp. -18 = Attometer). Die kleinste mögliche Raumlänge überhaupt ist die Planck-Länge mit 10 exp. -35!

Jeder einzelne dieser für den normalen Menschen primär maßgeblichen 10 Größenordnungen, in denen sich unser ganzes Handeln, Denken, Fühlen und Wahrnehmen abspielt, hat nachweislich seine vollkommen eigene Gesetzmäßigkeit, Sprach-, Bedeutungs- und Bewertungsebene, die zum Teil fließend ineinander übergehen oder auch mehrere Größenordnungen umfassen können. Man stelle sich etwa eine Winterlandschaft vor, bei dem alles sichtbare auf der Erde über 10 Größenordnungen hinweg, also vom mit dem Auge noch erkennbaren 1/10 Millimeter bis zum 40.000km messenden Erdumfang als Satelittenbild „schneeweiss“ ist!

skalen in der architektur > In der Architektur hingegen haben wir es in der Planung, Herstellung und bewußten Wahrnehmung i.d.R. mit dem 1/10 Millimeter (feinkörnige Oberflächenstrukturen, Folien etc.), dem Millimeter (normale Oberflächenstrukturen, Körnung, Maserung, Spaltmaße, Fugen etc.), dem Zentimeter (Fugen, übliche Profilmaße und Schichtdicken von i.d.R. nichttragenden Bauteilen), dem Dezimeter (tragende Bauteile wie Stützen, Pfeiler, Platten- und Steinmaße etc.), dem Meter (Fenster, Türen, Öffnungen, Wände, Decken, Fassadenelemente), 10 Meter (Gebäudeansichten/ -Fassaden, Bauvolumen, unmittelbarer städtebaulicher Kontext etc.), 100 Meter (mittelbarer Kontext, Blockstrukturen, städtisches Gefüge) bis hin zum Kilometer (bei sehr große Gebäuden, Parkanlagen, Flughäfen, Verkehrsinfrastrukturen etc.) zu tun, also immerhin 7-8 relevante Größenordnungen.

skalen im städtebau > Im Städtebau bewegen wir uns in der Skala von 10 Meter (übliche Parzellengröße) über 100 Meter (Blockstrukturen), 1km (Quartiere/ Stadtteile/ Dörfer), 10km (ganze Städte) bis hin zu 100 km (Ballungsgebiete), also etwa 5 relevante Größenordnungen. Städtebau und Architektur umfassen also insgesamt 9 bis 10 zum Teil stark ineinander übergehende wie zusammenhämgende Größenordnungen, die „theoretisch“ bei jeder professionellen wie sachlichen Diskussion differenziert betrachtet werden müßten, in der Praxis aber meist willkürlich vermengt werden. Es wäre sehr hilfreich, die jeweilige Größenordnung als feste Kategorie zu benennen, wenn man über einzelne Gebäudeaspekte oder Stadtaspekte diskutiert. Auch fehlt bisher eine umfassende Darstellung bzw. Differenzierung von Skaleneffekten: wie wirkt z.B. eine Farbe oder Oberflächenstruktur/ Materialität (z.B. Sichtbeton, Metallpaneel, Glas) im Zentimeter- und Meterbereich (Innenwand- und Fassadenbereich), wie im 10- bis 100-Meterbereich? Eine regelmäßige Lochfassade, bestimmte Gebäude- oder Dachformen wirken im Kilometerbereich (die klassische Fernsicht oder auch Perspektive der Stadtsilhouhette) freilich ganz anders als im Vertrauten 1- bis 10-Meter-Bereich. Auch Lichtquellen haben je nach Größenordnung ganz unterschiedliche Effekte auf die Wahrnehmung des Raumes. Soetwa ist das typische Nachtbild von Frankfurt, Hamburg, L.A. oder N.Y. vor allem ein Bild der Kilometer-Skala (Flugzeugperspektive), während der Timessquare oder auch das Brandenburger-Tor überwiegend in der 10-Meter-Skale funktioniert usw., obwohl ja auch alle anderen Größenordnungen und deren spezifischen Aspekte trotzdem vorhanden sind.

jeder skala ihr geheimnis > Es macht also Sinn, unsere (gebaute) Umwelt einmal mehr viel differenzierter unter dem Aspekt und der spezifischen Perspektive der Skalen zu betrachten und zu interpretieren, um vielleicht neue Sichtweisen, aber auch neue Zusammenhänge erschliessen zu können. Sicherlich ist die Skalenfrage vor allem eine Frage des Kontextes, also der fliessenden Übergänge von Maßstäben und Größenordnungen, die in Zeiten zunehmender Verselbständigung von Bauaktivitäten und Bauprojekten umso mehr beachtet werden sollte. In der Praxis schliesslich muß sich das Ding, das Objekt, das Gebäude wie auch die Stadt in beinahe allen Größenordnungen und Maßstäben bewerten, vielmehr „erfahren“ lassen. Was im kleinen Maßstab oder einer kleinen Größenordnung (Skala) funktioniert, kann bereits für einen größeren Maßstab oder eine höhere Größenordnung ganz unpassend oder unstimmig sein wie auch umgekehrt. Tatsächlich ist es unsere Praxis und tief verankerte Logik, trotz unterschiedlicher Größenordnungen stets und immer wieder die gleichen uns bekannten Strukturen und Ordnungsmuster (hier also vorallem die Geometrie, die gerade Linie, den rechten Winkel, das Quadrat/ Rechteck, das Dreieck, den Kreis, die Mathematik i.a.) anzuwenden, obwohl jede Größenordnung genau genommen seine eigene Gesetzmäßigkeit wie auch seine eigene Struktur hat. Die uns bekannten Strukturen und Ordnungsmuster werden von uns Menschen mehr oder weniger beliebig rauf- oder runterskaliert, ohne sich tatsächlich mit den spezifischen Eigenheiten der jeweiligen Größenordnung zu beschäftigen. Beim Straßenbau oder auch Eisenbahnbau etwa funktioniert zum Beispiel beim Richtungswechsel der rechte Winkel überhaupt nicht und auch Flüsse oder Kanäle folgen nur schwerlich der geraden Linie oder einem 30°, 60° oder 90° Winkel. Und auch das Prinzip der scharfen Kanten funktioniert (etwa aus Verletzungsgründen, ergonomischen Gründen, Gründen der Herstellung etc.) u.a. nicht mehr bei Möbeln, Objekten oder anderen Artefakten. Und auch in der ästehtischen Wahrnehmung macht die Größe und Anzahl aus ein und dem gleichen Ding etwas ganz anderes. Wird etwa ein in den Proportionen und Materialien für sich genommen gestalterisch ausgewogenes Haus 100 oder 1000 mal entlang einer geraden Linie aneinandergereiht (multipliziert), verliert das Haus an sich all seine ursprüngliche Schönheit und Bedeutung. Ähnlich geht es mit gestalterisch passablen Einzellösungen von Fenstern und Balkonen, die aber in der Multiplikation (etwa bei einem Hochhaus) eine ganz andere gestalterische, ästhetische wie semantische Wahrnehmung erzeugen. Es gilt der Übersummensatz: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Skalenbewertungen (und damit kontextgebundene Bewertungen) sind daher sehr wichtig, da sie allein und ausschliesslich den gegebenen Kontext berücksichtigen und ganzheitliche, umfassende Bewertungen und Aussagen ermöglichen. Was in der planerischen wie dann auch gebauten Praxis jedoch zunehmend geschieht, ist ein meist unbedachtes „Zusammenschustern“ von in sich funktionierenen Einzellösungen, womit natürlich kein gestalterisches Gesamtkonzept mehr zu realisieren ist. Auch die hohe Qualität von Einzellösung -was selten genug vorkommt- kann hier ein Versagen in der Summenwirkung, also dem Gesamtbild, nicht verhindern. Von der Industrie angebotene oder entwickelte Einzellösungen (Bausysteme) sollten daher zumindest gestalterische Optionen (Varianzen) für unterschiedliche Situationen und Kontexte (Maßstäbe, Größenordnungen) anbieten, um hier maximale Kompatibilität und gestalerische Kontinuität zu ermöglichen.

skalensprünge : üblicherweise versuchen wir Menschen, einmal gefundene Lösungsansätze, Einsichten und Erklärungsmodelle (hier also unser theoretisches wie praktisches Verständnis von Logik) stets auf andere Phänomene des Lebens zu übertragen. Die Bionik etwa ist eine dieser neuen wissenschaftlichen Disziplinen, die Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten und Strukturen aus der beobachteten Natur irgendwie gewinn- und erkenntnisbringend in die Welt der Artefakte übertragen möchte. Tatsächlich lassen sich aus der Beobachtung der Natur wertvolle Schlüsse ziehen, die uns bei der Konstruktion künstlicher Objekte helfen können (nicht unbedingt müssen), diese zu optimieren. Doch: nicht alles, was in der meist biologischen (Nano-) Welt funktioniert, läßt sich desswegen auch einfach auf unsere technischen oder gar sozialen Probleme skalieren und/ oder kopieren. Auf der Suche nach idealen wie leistungsstarken Sozialstrukturen hat man bereits sehr früh die Natur (etwa die Bienen- und Ameisenvölker) als Vorbild herangezogen, und doch mußte der direkte Transfer dieser beobachteten Strukturen auf die Menschheit oftmals scheitern. Anders, als bei den meisten vorkommenden biologischen Existenzformen können Menschen soetwas wie Liebe, Nächstenliebe, ein Mitgefühl und auch ein Gewissen entwickeln, welche den natürlichen, allzu logischen Gesetzmäßigkeiten von „Friß oder Stirb“ (darwinsitisch: nur der Stärkere und/oder Gesündeste gewinnt/ überlebt) ein strategisches Schnippchen schlagen. Wesentlich erfolgreicher hingegen sind aus der Natur beobachtete bzw. abgeleitete „physikalische“ Strukturen, mit denen vor allem Statiker und Konstrukteure zu mit unter hervorragenden wie besonderen technischen Lösungen gekommen sind (vom Klettverschluß bis hin zum Tubemodell beim Hochhausbau). Wie Zug- und Druckkräfte am Besten in materialisierter Form stabil funktionieren, können wir in unterschiedlichen Maßstäben etwa an Bäumen, Gräsern, Vogelnestern, Bienenstöcken, Eiern, Skelettstrukturen, Schuppen, Korallenriffs oder sonstigen Naturgebilden gut studieren. Hier hat Mutter Erde in mehreren Millionen von Jahren (mühsamer) statischer Entwicklungsarbeit beinahe ideale wie perfekte Lösungen und Strukturen geschaffen, deren Geheimnisse uns helfen können. Und auch sonstige Strukturen, insbesondere in der Ornamentik,  haben wir Menschen ja längst imitiert, kopiert und auf andere Gegenstände und/ oder Mechanismen tranferiert.

überlagerzung von skalen > Doch Skalierung kann auch noch anders funktionieren: unser Gehirn ist in der Lage, unterschiedlichste Bilder (und damit auch Skalen, Maßstäbe, Ebenen) von der Echtzeit und dem Raum (synchrone Wahrnehmung der Welt) zu lösen, um sie als einmal gespeicherte Information beliebig in unserem Denken und Fühlen in einen neuen Kontext zu stellen. Soweta können wir denkenderweise die Vorstellungen von den unendlichen Weiten des Universums (Galaxie, Sternenbild) mühelos auf eine im Mikroskop beobachtete Molekularstruktur übertragen und beide Welten, obwohl sie mehrer Tausend von Größenordnungen voneinander entfernt sind,  „fiktiv“ miteinander verbinden. Diese Form der geistigen Rekonstruktion wie Konstruktion ist eine kreative wie phantasievolle Arbeit, die offensichtlich etwas ermöglicht, was es in der realen Welt eigentlich nicht gibt und doch in unserem Denken als Phantasie (also als gedachte/ vorgestellte Wahrheit) existiert. Wir sind also in der Lage, ein objektives Bild, vielmehr ein hier und jetzt wahrgenommenes Abbild unserer „realen“ Umwelt mit vorangegangenen Bildern (Erinnerungen) aus einer ganz anderer Zeit, aus einem ganz anderen Raum . . . miteinander zu verbinden. Damit lösen wir die tatsächliche Geschichte der unmittelbar wahrgenommenen Wirklichkeit aus ihrem festen Kontext heraus, überlagern sie unzulässiger aber möglicher Weise mit anderen Bildern und kommen durch dieses Mischen automatisch und stets individuell zu ganz anderen geistigen wie emotionalen, vor allem ästhetischen Bewertungen. Ebenen- und Bildersprünge kommen hier genauso wie Skalensprünge zur psychologischen Wirkung. Die Welt ist nicht (ausschließlich) so, wie sie uns Kraft unserer Sinne erscheint  . . . sondern auch so, wie wir sie uns (dazu-)denken. Und gerade Architektur ist etwas, das allein schon durch seine jahrtausende alte Geschichte unendlich viele dieser vielen Bilder, Ebenen und Skalen in sich trägt. Es gibt kaum eine Architektur, die sich von all diesen psychologischen Effekten in der subjektiven Wahrnehmung derselben absolut und gesetzmäßig (damit zwingend) frei machen kann. Selbst die hochabstrakten, stets weißen Geometrien von Richard Meyer oder auch die wilden Dekonstruktionen von Tschumi oder Coop Himmelblau (die allesamt sehr wenige geometrische Analogien zur Natur aufweisen) werden von uns Menschen trotz ihrer Autoreferenz immer und immer wieder mit den erlernten alten, ursprünglichen Bilden von der Höhle, der Hütte, dem Zelt oder dem Giebelhaus in Verbindung gebracht. Es ist in der Artefaktewelt sehr schwierig, sich in der Gestaltung, erst recht in der Objektwahrnehmung von den unendlich vielen Bildern von unserer Natur und damit auch von ihren Skalen zu lösen.

skalierung schafft grösse :: Skalensprünge in der Architektur hat es freilich immer gegeben, solange das unentwegte Streben nach Größe und Höhe immer gewaltigere Bauwerke und Konstruktionen geschaffen hat. Die bisher radikalsten Skalensprünge hatte wohl noch vor der faschistischen Monumental-Architektur von Albert Speer (Kuppelbau der Ruhmeshalle der Welthauptstadt Germania 1939) der Franzose Étienne-Louis Boullée mit seinen maßlosen Kuppel- und Kugelbauten (Kenotaph für Newton 1784, Revolutionsarchitektur) gehabt. Aber auch die gewaltigen Pyramidenbauten stellten einen enormen Skalensprung dar. Die 415 Meter hohen Türme des WTC in N.Y. aus den frühen 1970´er Jahren waren hingegen nur unwesentlich höher als das Empire State Building mit 381m Höhe anno 1931! Hingegen ist das 828 Meter hohe Burj Khalifa anno 2010 in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) bereits doppelt so hoch wie das ehemalige WTC. Und auch in der Horizontalen haben wir heute mittlerweile Megastädte wie Sao Paulo oder Mexico City, deren Metropolregion bereits heute über 80km bis 90km Quadratlänge erreicht haben (das Ruhrgebiet hat zum Vergleich eine Quadratlänge von zirka 66km). Das Gefühl für eine Region solcher Größe ist freilich etwas anderes, als ein überschaubares Dorf oder eine kleine Stadt seine Heimat nennen zu können. Hier verliert sich lokale Identität in globaler und damit auch anonymer Identität, wenn man über mehrere Stunden hinweg durch eine nicht enden wollende Stadt fahren kann. Das Phänomen von Größe ist jedoch zweischneidig, da es einerseits dem universalen Charakter entgegenkommt (man denke an die Weite der Ozeane oder an die Unendlichkeit des Universums), andererseits aber den menschlichen Maßstab und damit Eigenschaften wie Vertrautheit und/ oder manuelles Handling/ Beherrschbarkeit überwindet. Der Wunsch nach Größe ist auch religiös motiviert, wenn man an den Turmbau zu Babel denkt. Das Große und Unendliche wird „Gott“ gleichgestellt. Und schließlich sagt Größe etwas über den gesellschaftlichen Rang innerhalb einer hierarschischen Sozialstruktur aus.

skalierung von bauteilen > Größe im Sinne der Skala heißt aber auch, daß die tragenden Bauteile wie Stützen und Träger in ihren Querschnitten weit über 1 Meter messen, Streben über mehrere Geschosse spannen, Träger über 80 bis 100 Meter weit spannen und massive Wände wie auch Fundamente mehrere Meter Dicke haben. Die Fundamente des WTC 1 etwa bildeten insgesamt einen massiven Betonwürfel von 18 Meter Kantenlänge (über 6000 Kubikmeter Beton). Damit kann man verdammt viele Fundamente für Einfamilienhäuser bauen. Dennoch: die Skalierung von einzelnen Gebäuden scheint derzeit horizontal wie vertikal noch relativ begrenzt und überschaubar zu sein und bewegt sich (ausgehend vom Kabinenraum einer kleinen Badezimmerzelle oder eines WC´s, also etwa 1,5 bis 2 m² Grundfläche bzw. 3 bis 5m³ umbauter Raum  realistisch etwa um den Skalenfaktor 1.000. Sicherlich können wir auch Gebäude von 10km oder gar 100km Länge herstellen, doch baukonstruktiv und strukturell wäre dieses Gebäude lediglich eine Aneinanderreihung von konventionellen Einzelgebäuden und deren Konstruktionen mit dem Skalenfaktor 10 bis 100. Auch einzelne Bauteile sind derzeit technisch und wirtschaftlich bedingt auf eine (statische) Montage- und Transportlänge von 30 bis 50 Meter begrenzt, wenngleich man auch kilometerlange Mauern und Flächen aus Steinen, Asphalt oder Beton herstellen kann und es auch Folienbahnen gibt, die mehrer hundert Meter an Länge erreichen können. So stelle man sich etwa einen 1km hohen Wolkenkratzer vor, dessen Fassade nicht aus etwa 5 bis 10m² großen, geschoßhohen Einzelpaneelen (Glaselementen) sondern von der Rolle weg aus 10.000m² großen Fassaden-Folien mit einer Breite von 10 Metern und einer Länge von 1km bestünde, die mehrlagig übereinander abgerollt und verbunden eine statisch wirksame Fassadenmembran bilden würden. Dies wäre zumindest mal ein echter Skalensprung um den Fakltor 100 im Bereich der Baulemente, aber auch aus formaler und ästhetischer Sicht sicherlich eine Innovation. Der kilometerlange „Fassadenteppich“ aus einem Stück würde auch in der horizontalen (etwa die Fassadenabwicklung eines ganzen Straßenzuges oder Stadtblockes von 1km Länge) funktionieren und ebenfalls zu formal wie ästhetisch ganz neuen Ansichten und Qualitäten führen. Im übrigen ist die „Folie“ als modernes Gestaltungselement für Flächen eine konsequente Weiterentwicklung der neoplastizistischen Verfahren aus der Moderne. Statt weiss verputzter und gestrichener Flächen (Bauhaus & Co.) nun nicht nur in der Werbung extrem dünne Folien oder Netze, x-beliebig bedruckt, in allen Farben, in allen möglichen Strukturen, wasserabweisend, hygienisch, extrem leicht, transparent, semitransparent oder opak, selbstleuchtend als Flächen-LED oder mit integrierten Photovoltaikmodulen usw. Und auch die Unterkonstruktion sind nicht mehr massiv aus Wänden sondern eher wie eine leichte Zeltunterkonstruktion aus filigranen Stangen und Rohren, die ein leichtes Raumtragwerk bilden. Oder im Grundriss als vertikale Membran in freier Abwicklung aufgestellt, etwa mit kurvig fließenden Formen analog zu Alvar Aaltos geschwungenen Vasen usw. Doch große Bauteile allein machen noch lange keine gelungene Architektur aus, so, wie auch der Sinn, Zweck und die Anmutung von großen Gebäuden stets fragwürdig bleibt.

vom plakativen zum konstruktiven skalensprung :: der erste wirkliche Skalensprung (nach dem Bau der Pyramiden) vollzog sich wohl mit der Postmoderne, als miniaturisierte (Comic-) Figuren auf den Maßstab von Gebäuden um den Faktor 100 hochskaliert wurden. Soetwa wurde in den USA aus dem üblichen, kistenähnlichen Imbißtand (die Imbißbude als mobiler Bauwagen oder ähnliches) in den 1970´er Jahren ein übergroßes, 10 Meter langes „Hot-Dog“ oder ein mutiertes „Mega-Huhn“. All das ist freilich Hollywood, Entertainment pur und die Sorge in Europa war groß, daß Architektur (nach dem Schock der Moderne) nun noch zu einem „dekorierten Schuppen“ verkommen könnte. Wenn schon Dekor, dann doch bitte jenes der alten Baumeister! Doch auch hier nur allzu flacher Formalismus, wenn Quadrat, Kreis und Dreieck uns in poppigen bis pastellen Farben entgegenspringen, gleich, ob nach den Regeln der Alten oder in dekonstruktiver, maßstäblich wie statisch irritierender Manier á la Tschumi. Ganz anders hingegen der konstruktive Skalensprung, bei dem hochskalierte Konstruktionen (gewaltige Balken und Stahlrohrkonstruktionen) schon weitaus glaubwürdiger daher kamen (Centre Pompidou, Ölplattform, Shanghai Bank etc.). Diese seinerzeit sehr technisch anmutenden Gebäude (manche schimpfen sie noch heute auch als brutale, seelenlose „Architektur-Maschinen“) haben jedoch den Vorteil, daß sie das Wesen von Tragen und Lasten (die „firmitas“ als eine der drei Haupttugenden von Architektur) nicht verschleiern und damit weitaus authentischer wirken als etwa ein vollverglastes Pyramiden-Hotel. Und bis heute haben wir diese Frage von Schein und Sein immer noch nicht kulturell so richtig beantworten können. Sollen die Dinge so sein wie sie sind? Oder sollen wir die Dinge so machen, wie sie uns als „schön“ erscheinen? Man hat sich darauf geeinigt, diese Frage neuerdings den „individuellen“ Präferenzen zu überlassen und überläßt damit das Feld der vermeindlichen Stilfrage rigeros dem Individualismus (anstatt der Einsicht und/ oder Wissenschaft), stets in der Hoffnung, daß das Individuum „einsichtig“ und vernünftig wird (als fortgesetzter Glaube in die Vernunft der Aufklärung) und sich die beste Lösung langfristig von alleine durchsetzen wird. Tatsächlich aber bestimmt der Markt (und nicht die Vernunft), was und wie gebaut wird. Und zum Markt gehört natürlich auch die Bauindustrie wie auch zahlreiche Immobilienspekulanten. Die einen wollen möglichst viele Produkte verkaufen . . . die anderen wollen mit möglichst wenig Produkten (Investitionen) maximale Renditen erzielen. Man trifft sich letztendlich in der vermeindlichen „Mittelmäßigkeit“ des Konsenses und baut (sehr wahrscheinlich) an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen wie auch an unseren tatsächlichen Möglichkeiten des Entwerfens und Bauens (handwerkliche Kunst) vorbei (doch dies ist keine Frage der Skalierung sondern eine kulturelle und politische Frage).

anachronismus der skalen > das Idyll einer mittelalterlichen Gasse mit feinteilig gegliederten Butzenfenstern und viel zu kleinen Türen ist freilich kaum vereinbar mit Gebäuden aus der Kilometer-Klasse. Der Kontrast zwischen beiden Gebäudetypen ist maßstabsbedingt zu gross (wenn auch faszinierend), als daß man noch von einer artverwandten „Familie“ sprechen könnte und entspricht in etwa dem Bild eines 400 Meter langen Supertankers (oder der Queen Mary XXL), der in einem kleinen, französischen Fischerhafen direkt neben einer Vielzahl kleiner Fischerboote vor Anker liegt. Sollen wir nun alle Fachwerkstädte und kleinen Fischkutter abschaffen und uns allein auf den „modernen“ Bau von Megagebäuden, Megaschiffen und Megaflugzeugen konzentrieren, weil sie am ehesten unseren (wirtschaftlichen) Bedürfnissen und unserem technischen Know-how entsprechen? Warum überhaupt noch am „Meter-Detail“ festhalten, wenn die Zeit doch so schnell und grenzenlos geworden ist? Tatsächlich geht es darum, eine Skala zu beherrschen und ihren Reichtum an Formen und Möglichkeiten zu erkennen, um daraus eine „Kultur“ bilden zu können. Die Kilometer-Skala ersetzt also an kulturellem Gehalt und Potential nicht etwa die über Jahrhunderte kultivierte wie gewohnte „Meter-Skala“ sowenig die moderne „Mikro-oder Nano-Skala“ etwa die Meter- oder Kilometer-Skala ersetzen könnte/ würde. Sie bilden abstrakt formuliert lediglich zusätzliche „Möglichkeiten“ der Existenz, unserer Existenz, als Menschen auf dieser Erde, einer begrenten Umwelt leben zu können. Und solange wir mit dem Kulturgut vorangegangener Epochen respektvoll umgehen, trägt dies zur Vielfalt unserer aktuellen Kultur bei. Und doch sind wir Menschen immer wieder erschüttert, wenn wir uns die tatsächlichen Dimensionen der modernen Industrie und ihrer baulichen Anlagen (hier also die 100 Meter- bis 10 km-Skala) vor Auge halten und sie uns nicht selten als bedrohlich, häßlich und fremd entgegen tritt, obwohl die Skalen der Natur weitaus größere oder ähnliche Dimensionen und Maßstäbe erreicht (Bergmassiv, Wüste, Flüsse, Ozeane etc.). Interessant erscheint hier, daß wir Menschen spätestens mit dem Zeitalter der Mikroelektronik (Chipbau usw.), in den Naturwissenschaften bereits mit Beginn der ersten Vergrößerungsgläser und Mikroskope, eine explosionsartige Skalenerweiterung in beide Richtungen vollziehen: „Miniaturisierung“ und „Maxiaturisierung“ erweitern und bereichern seitdem unsere angestammte wie über Jahrtausende hinweg vertraute Meter-Welt.

vorteile der skalierung :: bei der Bewertung von unterschiedlichen Skalen hinsichtlich Zweck, Sinnhaftigkeit und Nutzen kommen wir in unserer technologischen Entwicklung jedoch schnell an meist praktikable oder wirtschaftliche Grenzen, nicht selten auch an rein physikalische oder herstellungsbedingte Grenzen. Beispiel: selbst, wenn die wirtschaftliche Herstellung einer etwa 10 x 10 Meter großen Glasscheibe möglich wäre, bleibt zu klären, ob der zusätzliche Zeit- und Kostenaufwand für den Transport und die Montage mit konventionellen großformatigen Glasscheiben (also etwa 150 x 350cm) konkurrieren kann. Auch in einem möglichen Schadensfall würden enorme Kosten auftreten, da gleich 100m² Glasscheibe anstatt 5m² Glasscheibe ausgetauscht bzw. ersetzt werden müssen. Auch bei statischen Systemen muß sehr genau abgewägt werden, welche Vorteile Großstrukturen tatsächlich gegenüber konventionellen, vielgliedrigen Tragsystemen (autonome Teilsysteme) haben, insbesondere im Sicherheitsbereich, wenn es etwa bei Erdbeben oder sonstigen Schadensfällen zum Versagen dieser Großstrukturen führt: führt das Versagen eines einzigen Bauteils zum Zusammenbruch eines ganzen Gebäudes, ist das statische System wohl nicht sehr empfehlenswert, zumindest aber sehr risikohaft. Im Schiffsbau etwa wurde dieses Problem bei den ersten Haverien der großen Öltanker schließlich durch den Bau von zusätzlichen Doppelwänden und statisch autonomen Sektionen gelöst. Sicherheitsbeiwerte und zusätzliche, redundante Systeme sorgen schließlich für erhebliche Mehrkosten und stellen den tatsächlichen Nutzen von Großstruktur letztendlich wieder in Frage. Auch im Mikrobereich gibt es ähnliche Probleme, wenn etwa die Ausschussrate und Fehlerquote bei der sehr kostenintensiven Herstellung von extrem leistungsfähigen Mikroprozessoren produktionsbedingt zu hoch ist oder es im Anwendungsfall zu kompletten Systemausfällen von Rechnern führen kann. Skalierung als reiner Selbstzweck macht in der Praxis also erfahrungsgemäß keinen Sinn, wenn die kritischen Größen der Beherrschbarkeit von spezifischen Systemen überschritten werden. Eine der gewaltigsten High-Tech-Maschinen der Menschheit überhaupt, das Space-Shuttle der Nasa, versagte beim Start der Challenger 1986 tragischer Weise, weil trotz Wissen der Ingenieure nur ein einziges Material, ein Dichtungsring am Feststoff-Booster, fehlerhaft bzw. für bestimmte Temperaturen nicht geeignet war. Dies nur ein Beispiel, wie schwierig und anspruchsvoll es bei hochkomplexen technischen Systemen ist, das Risiko von Teilversagen einzelner Systeme (Technik wie auch menschlicher Systeme) mit einer realtiven Sicherheit zu beherrschen (siehe auch Sicherheit von Atomkraftwerken, Tschernobyl, Fukushima etc.). Im Bauwesen werden uns diese Grenzen hauptsächlich durch den Standsicherheitsnachweis gesetzt, bei dem die statischen Systeme mögliche Explosionen, Stürme, Schneelasten oder Erdbeben stand halten müssen.

in welchem stil bauen?

Freitag, November 25th, 2011

fragen über fragen > Diese Frage haben sich damalige Architekten, Baumeister und Städtebauer allesamt vor nun mehr als 100 Jahren gestellt, als die neuen gesellschaftlichen, funktionalen wie räumlichen Anforderungen als Resultat der ungebremsten industriellen Revolution (Fortschritt) nicht mehr mit den „alten“, klassischen wie über Jahrhunderte erprobten Vorstellungen und Lösungen von Stadt und Architektur beantwortet werden konnten oder sollten. Für die neuen, immer größer werdenden  Fabriken und Industrieanlagen, die neuen Verkehrsanlagen (Eisenbahn, Schiff, Flugzeug, Automobil), die dazugehörigen technischen wie versorgenden Infrastrukturen (Gas, Wasser, Elektrizität) wie auch für die explosionsartige Nachfrage nach neuem Lebens-, Stadt-, Handels- und Wohnraum taugten die „alten“ Lösungen (Fachwerkstadt, Gutshof/ Bauernhof etc.) nur bedingt bis garnicht mehr. Zumindest standen diese neuen Gebäude und Anlagen nun in einem offensichtlichen Kontext mit den althergebrachten Baustilen. Alles mußte nun weitaus größer und schneller gebaut werden, natürlich mit modernen, industriell hergestellten Baustoffen (Stahl, Beton, Glas). Anfänglich taten sich die modernen Baumeister schwer, ihren über die Jahrhunderte entwickelten, traditionellen, zuletzt mit dem Klassizismus stark akademisierten Entwurfs- und Stilkanon auf Grundlage überwiegend handwerklicher Produktion komplett zu ersetzen, so daß man zwar moderne, stählerne Fabrik- und Bahnhofshallen baute, diese aber mit konventionellen Kopfgebäuden mit klassischen Fassadenmotiven (Stilarchitekturen) kaschierte. Mit dem Bauhaus Ende der 1920´er Jahre wurde erstmals ein durch und durch modernes Bauwerk errichtet, daß formal vollkommen frei von eklektizistischen Überlagerungen war. Statt sichtbarer Ziegelmauern, Fachwerk,  Sprossenfenstern, Resaliten, Erkern, Gauben und Walmdächern gab´s nun weiss verputzte Wände, filigrane Stahlfenster, Stahlbeton- und Stahlstützen und auf Kuben reduzierte Baukörper mit Flachdächern. Immerhin ein formal „neuer Stil“, den wir bis heute als sogenannten „Bauhausstil“ kennen und der sich damals auch international und flächendeckend als sogenannter „International Style“ weltweit etablieren konnte.  Doch seit der Geburtsstunde der sogenannten „Moderne“ hat sich rückblickend in den letzten vergangenen 80 Jahren dieser formal „ablesbare“, ästhetische Stil bis heute in unzählige Stilvarianten wie Neuschöpfungen mehr oder weniger aufgelöst und negiert. In Deutschland hat das 3. Reich die bedeutsame Entwicklung der Moderne, deren Väter ja mit dem Bauhaus u.a. Walter Gropius und Mies van der Rohe zweifelsfrei waren, im Keim erstickt (Araberarchitektur) und der Wiederaufbau hat die Stilfrage aus soziohistorischen wie auch organisatorischen Gründen mehr oder weniger ins Abseits gedrängt. Mit der Postmoderne der 1970´er und 1980´er Jahre gab es sogar wieder so etwas wie einen (rückwärtsgewandten) Eklektizismus, indem man alte Motive aus der steingehauenen Antike mit modernen, weissen Putzfassaden kreuzte und die klare Sprache der Kuben erneut durch mehr oder weniger „altbackene“ Giebelarchitekturen, Kuppelbauten und Tonnengewölbe ersetzte. Dies war die (vielleicht berechtigte wie notwendige) gesellschaftliche Reaktion auf die bis in die 1970´er Jahre durch den Vulgär-Kapitalismus (die Immobilie als Spekulationsobjekt) zum gestaltarmen Funktionalismus (z.B. Plattenbau) reduzierten bzw. verarmten Moderne. Die Postmoderne war quasi der architektonische Ausdruck der endlich nach Freiheit und Selbstbestimmung strebenden Hippyzeit, die bewußt und konsequent mit dem Konservativen, dem Regelwerk der industriellen Rationalisierung (die man – als Strukturalist – glaubte, einfach in seiner geordneten Struktur auf den Menschen zu übertragen) brechen wollte und mußte und sich in seiner sozialen Kritik noch am ehesten im Dekonstruktivismus verinnerlichte. „Erlaubt ist, was gefällt!“ und: „Mach es anders, als die anderen!“ waren der vom Wohlstand begleitete Beginn der sogenannten Individualgesellschaft, die wir ja noch bis heute in einem gesättigten bis zum Teil sehr dekadentem, vor allem materialistischen Zustand haben. Zweifelsfrei haben diese gestalterisch verarmten, funktionalistischen Bauwerke (die es auch heute noch gibt) nichts gemein mit den Ursprüngen und Intentionen der eigentlichen Moderne (Leitbild von Mies van der Rohe: „less is more“), deren Protagonisten sich immerhin nebst programmatischen Visionen auch noch eines ästhetischen Stils bewußt waren. Seltsamer Weise bewegt uns die Ästhetik des Bauhauses noch heute, obwohl wir längst ganz andere Formen und Materialien kennen, die das Produktdesign seit Jahrzehnten in unseren Alltag bringt. Das ehemals so starke „sozialkritische“ Moment (also das radikale Suchen nach neuen, besseren, historisch „unbelasteten“ Kultur- und Ausdrucksformen) wird heute eigentlich nur noch von sehr wenigen, wenn auch sehr bekannten Architekten transportiert, jedoch mit weitaus weniger politischer oder sozialkritischer Motivation und Intention. Zu Ihnen zählen etwa Coop Himmelblau, Günther Behnisch, Daniel Libeskind, Zaha Hadid oder Frank O. Gehry. Statt ein modernes „less is more“ oder postmodernes „less is bore“ schreien sie nun: „Architektur muß brennen (und fliegen)!“.

Sie legen bewußt den Stachel in die akademisch verwalteten Wunden, ignorieren rationale wie rationelle Baustandards, bedienen sich innovativer Bautechnologien und einer (laut) protestierenden wie auch mahnenden Zeichen- und Symbolhaftigkeit. Selbstverständlich liegt auch in ihren Gebäuden trotz aller zu kritisierender ästhetischer wie funktionaler Formalismen nebst einer wichtigen sozialen Funktion (nämlich die Kritik per se) auch eine ästhetische Sprache zu Grunde, die sie als Künstler und Baumeister in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit meisterhaft beherrschen. Und doch ist das Bild, daß wir „zusammen“ in unseren alten wie neuen Städten zeichnen (und diese sind zunächst einmal ein Konglomerat aus zirka 50% historischer Bausubstanz vor 1900, 25% moderner Bauwerke ab 1900 bis 1950 und zirka 25% zeitgenössischer Bauwerke aus den letzten 50 Jahren) , ein ästhetisch und formal äußerst chaotoisches Bild, eine belanglose Potterie von 1001 Möglichkeiten, die für sich genommen zweifelsfrei „ästhetisches“ Potential besitzen, aber unfähig sind, eine Art „orchestrale Musik“ anzustimmen. Auch sogenannte Masterpläne, wie man sie spätestens seit den 1990´er Jahren gerne und vermehrt für große Baugebiete verwendet, können und konnten den bunten Stilmix auf der eizelnen Parzelle nicht verhindern. Ein bunter Blumenstrauß ist dann doch noch etwas anderes als ein großer Blumenladen, der 100 verschiedene, wenn auch sehr schöne Blumen präsentiert. Was uns fehlt, ist die erkennbare Linie, die Einheit, die Gemeinsamkeit, der Respekt voreinander. Und gerade das sollte eine höher entwickelte Kultur doch gerade leisten und sich an Komplexität und Schönheit von der Kunst der Solitärbebauung unterscheiden! Es scheint, als ob wir jede Menge gute bis hervorragende Solisten haben, die aber unfähig sind, irgendeine Melodie gemeinsam anzustimmen. Hier versagt unserer Kreativität und unser Können, etwas komplexes innerhalb einer Stadt neu zu schaffen. Auf die dann doch allzu bunt geratene wie formalistische Postmoderne (ich nenne sie mal Denkmal- und Zitatenarchitektur) folgte etwa Anfang der 1990´er Jahre mit der erneuten Besinnung auf Klarheit und vor allem technischer Rationalität (Vorbild: Mies van der Rohe) wiederum eine Art Gegenbewegung, die sich mehr an die Möglichkeiten und das Design modernen, überwiegend industriell hergestellter Materialien (Stahl, Glas, Aluminium, Beton), innovativer Tragwerke und innovativer Haustechnik orientierte. Doch auch diese vollkommen reduzierte, quasi perfekte, eher technisch anmutende Stahl-Glas-Beton-Architektur mit ihren minimalistischen bis nahezu versteckten Detaillösungen konnte unser sinnliches Bedürfnis nach Gemütlichkeit, Geborgenheit, Authentizität und formaler Zeichenhaftigkeit bis heute nicht wirklich befriedigen. In Berlin etwa bemüht man sich seit Jahrzehnten, den alten Glanz der ehemals steinernen Stadt (Schinkel´s Klassizismus) mit edlen Messingprofilen und teuren, als Lochfassade in allen Variationen durchgerasterten Steinfassaden am Leben zu erhalten. In Hamburg bedient man sich erfolgreich der Besinnung auf den wetterfesten Klinker, das hanseatische Kupferblech und alte Gebäudemotive wie etwa den typischen Setbacks (Staffelgeschossen) und die großzügigen Hofanlagen der alten Kontorhäuser. In Braunschweig, Hannover wie auch Berlin rekonstruiert man in aller Hilflosigkeit sogar wieder alte Schlösser, um den Menschen ein sicheres Gefühl von würdiger Heimat, Geschichte und Stadtbewußtsein zu geben. All das ist freilich mehr als 80 Jahre nach dem Bauhaus sehr rückwärtsgewand, ziemlich konservativ, beinahe nostalgisch bis romatisch verklärt, um nicht zu sagen geradezu anachronistisch und schizophrän verglichen mit allen anderen „fortschrittlichen“ Entwicklungen unserer Lebensbereiche im 21. Jahrhundert. Wie auch paßt das I-Pad, das I-Phone, das Internet, der aerodynamisch geformte Hightech-Schuh, unserer Nasa-Multifunktionskleidung aus Gore-Tex oder der windschnittige Aluminium-Audi TT zu Berlins oder Braunschweigs monumentalen, steinernen (Schloss-)Fassaden oder den bunt geklinkerten, walmgedeckten „Puppenhäusern“ der zahlreichen Fertighausanbieter in unseren zeitgenössischen Neubausiedlungen? All das passt natürlich garnicht zusammen und ist in der Analyse Ausdruck einer kompletten gesellschaftlichen wie auch architektonischen und städtebaulichen Orientierungslosigkeit. Und weil hier offensichtlich tragende wie gehaltvolle Konzepte infolge politischer wie fachlicher Konsenslosigkeit fehlen, darf es nicht wundern, dass zahlreiche Projekte neuerdings unter dem ach so fortschrittlich klingendem Motto „energetisches“ oder „nachhaltiges“ Bauen zum Besten verkauft werden. Als ob technische (Einzel-) Lösungen allein uns hier wirklich weiterhelfen könnten! Im Gegenteil: die neue EnEv (Energieeinsparverordnung) führt in der praktischen Anwendung letztendlich dazu, dass -meist aus Kostengründen- nur noch billige Wärmedämmverbundsysteme (weiss, zartgelb oder siennarot gestrichene Klock-Klock-Fassaden) verbaut werden. Selbst ansehnliche, alte Klinkerfassaden von hohem Wert werden bei der Sanierung komplett mit WDVS in Weiss gepampert. Diese „Pampas-Fassaden“ verdecken all das, was Architektur mit sichtbaren Konstruktionen und Materialien gestalten könnte. Überhaupt ist das Thema „Authentizität“ nicht zuletzt mit der EnEv zu einer Achillesverse der modernen Architektur verkommen. Wenn die Aufgabe der Architektur allein darauf reduziert wird, einen geschaffenen Raum klimatisch oder energetisch sinnvoll einzufassen, beraubt man sie ihrer eigentlichen Legitimation und Essenz. Solche Bauwerke sind bestenfalls Zweckbauten, aber keine Architekturen. Es wäre so, als ob man einem Musiker lediglich 3 Töne und 1 Oktave zur Verfügung stellt. Da kommt nur langweiliges wie primitives Spielautomaten-Gedudel bei heraus.

stilmerkmale > Doch zurück zur Stilfrage: einen Baustil erkennen wir in der Architektur und im Städtebau immer dann, wenn die kreierten Gestaltungsregeln -welche auch immer- durchgehend und konsequent bei einer Vielzahl von Gebäuden (auch typologisch und funktional unterschiedlicher Art) angewendet werden. Die geschaffenen Regeln sorgen dafür, dass sich die Gebäude von anderen Gebäuden (anderen Stilen) eindeutig unterscheiden. Damit sich ein Stil baugeschichtlich etablieren kann, muß er zudem in genügend großer Anzahl wiederholt werden. Die Gestaltungsregeln müssen nicht starr sein, sondern können auch variieren und weiter entwickelt werden, sofern sich daraus ein ähnlicher oder gar ein anderer erkennbarer Stil ergibt. Der Stil selbst ergibt sich vereinfacht aus der spezifischen An- und Verwendung wie auch Verbindung des Materials innerhalb einer dafür geeigneten, materialspezifischen Konstruktion, dem Organisationsprinzip des Raumes und seiner Funktionen (horizontal, vertikal, orthogonal, gekrümmt, gestapelt etc.) sowie dem Umgang mit Öffnungen in horizontalen wie vertikalen Bauteilen. Dabei reicht es formal nicht, nur ein oder zwei Kriterien zu erfüllen. Es müssen alle 3 Kriterien erfüllt werden, um das Gebäude stilistisch zu definieren. Ein gläsernes Gewächshaus mit Giebeldach ist freilich etwas ganz anderes als ein der Form, Kubatur und Größe nach ähnliches, aber massiv mit Steinen, Fenstern und Türen gebautes Wohnhaus. Auch eine Gruppe von formal identischen Häusern (z.B. zweigeschossiges Wohnhaus mit Giebeldach) erreicht keine stilistische Kohärenz innerhalb der Gruppe, wenn die verwendeten Materialien und Farben trotz gleicher Anordnung der Öffnungen (Fenster, Türen) sich zu stark voneinander unterscheiden. Die Verwendung des gleichen Materials ist bei der beabsichtigten Stilbildung weitaus signifikanter als bei den anderen beiden Kriterien, bei denen der Umgang mit den Öffnungen wiederum stäker ins Gewicht fällt als das gewählte Organisationsprinzip. Der Trick besteht nun einfach darin, vor allem über das Material eine sichtbare Einheit zu schaffen, obwohl die einzelnen Gebäude ganz unterschiedlicher Form und Größe sind und zudem noch unterschiedliche Öffnungen aufweisen. Werden dennoch unterschiedliche Materialien verwendet, müssen dafür Form, Größe und Öffnungen umso stärker einander gleichen. Diese gestaltungs- wie wahrnehmungspsychologischen Effekte kann man sehr leicht an alten Städten und deren noch bestehenden Gebäudeeinheiten bzw. Quartieren nachvollziehen (z.B. alte Fachwerk-Städte, Renaissance-Städte wie Venedig oder Florenz, antike Städte wie Rom, klassizistische Bauwerke usw.), die uns in ihrem Gesamterscheinungsbild überwiegend „positiv“ wie in sich schlüssig auffallen. Doch am Beispiel der tristen Plattenbausiedlungen und monotonen Hochhaussiedlungen (Menschenburgen, Wohnmaschinen) ab Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es offensichtlich neben den oben genannten drei stilistischen Hauptkriterien noch etwas anderes, was schliesslich unseren ästetischen Geschmack beeinflußt: die „Maßstäblichkeit“ eines Gebäudes, die Qualität und Güte des verwendeten wie verbauten Materials (auch die Qualität der Ausführung) sowie der Reichtum an formaler Gestaltung und Kreativität (die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit). Bei diesen „weichen“ Kriterien geht es in erster Linie um Respekt und Würde, die wir in die materielle Welt einarbeiten, ob uns Menschen etwas grob, fremd und brutal oder angenehm, feinsinnig, ebenbürtig, elegant und kultiviert gegenüber tritt. Wenn die Architektur die menschlichen Gefühle und Denkweisen mißachtet oder nicht auf sie reagiert, wird sie unsere Herzen als auch unseren Verstand nicht erwärmen. „Erhabenheit“ und „Schönheit“ (Poesie) ist etwas, was man immer nur im Zusammenhang mit dem (kultivierten) denkenden wie sinnenden Menschen bewerten kann. Selbstverständlich können wir durch Artefakte auch negative Gefühle und Denkweisen zum Ausdruck bringen, die wenig erhaben und menschenwürdig sind. Doch es scheint wenig sinnvoll wie nachvollziehbar zu sein, unsere Gebäude bewußt böse, grob, verachtend, aggressiv, herrisch, dominant oder gar einfaltslos und primitiv zu gestalten, wenn es denn keine ideologisch mißbrauchten Gebäude sondern unsere eigenen Lebensräume sind.

unit speak + spell ?! >Würden alle Bauschaffenden (öffentliche wie private, dito Hochschulen für Architektur und Städtebau) begreifen, wie wichtig die „gemeinsame“ Sprach- und Stilbildung insgesamt für unsere Städte und unsere Baukultur ist, hätten wir m.E. sehr, sehr viel gewonnen. Stattdessen bleibt es scheinbar beim stilistischen Wetteifern von (Pseudo-) Innovationen und endet im schlimmsten Falle bei den allzu egozentrischen Selbstverwirklichungen irgendwelcher zahlungskräftigen Bauherren, Stararchitekten oder Baukünstler. Freilich gibt es immer noch einige Architekten, die dem Klassizismus (also dem Regelwerk der klassischen Antike) sehr nahe stehen und dieses über mehrer Jahrhunderte sehr fein ausgeklügelte System für das ursprünglichste, vernünftigste, ausdrucksstärkste wie auch variabelste halten, zumal es darüber hinaus eines der wenigen System ist, dass auch den Maßstab des Menschen in Maß, Zahl und Proportion auf anspruchsvolle Art und Weise integriert. Man sagt, es sei als „gebundenes System“ wohl das komplexeste aller bekannten Systeme. Die Moderne hingegen hat diese korrekte wie sichere Methode des Entwerfens und Bauens bewußt vom strengen, geometrischen Regelwerk befreit, zumal die neuen Baumaterialien und Konstruktionsmöglichkeiten nun ganz andere Bauteile, Räume und Gebäude ermöglichte, die mit dem alten formalen Regelwerk und den dafür vorgesehenen Konstruktionsweisen nicht herzustellen waren. Und warum auch sollte man etwa den Fortschritt in der Kunst, also rückblickend etwa den Expressionimus, den Impressionismus oder den Kubismus . . . für falsch oder unbrauchbar erklären, nur weil er nicht konservativ, gegenständlich oder wirklichkeitstreu war? Tatsächlich haben uns diese vollkommen neuen Stile und Techniken auch ein neues Bewußtsein in der Kunst- und Wahrnehumgswelt von Objekten und Artefakten geöffnet. Die damals moderne Architektur von Walter Gropius und Mies van der Rohe u.a. hat es der Kunst, wenn auch etwas zeitverzögert, nur gleichgetan. Und dies zu Recht! Und dabei haben sich vor allem an das neue Material (Stahl, Glas, Beton), die neuen Konstruktionsmethoden sowie deren statischen Potentiale und Gersetzmäßigkeiten gehalten. Und die Proportionen der klaren, ungegliederten Flächen und Stützen haben sie anfänglich vielleicht noch mit dem Zirkel (Goldener Schnitt etc.), später aber ganz intuitiv bestimmt. Und die aus heutiger Sicht recht plumpe, herrschaftliche Achsialsymmetrie vergangener Jahrhunderte haben sie verlassen, um endlich die schönen Geheimnisse der asymmetrischen, dynamischen, Spannung erzeugenden Balance zu ergründen und zudem der Demokratie eine neue, geometrische Ordnung bzw. Ausdrucksweise zu geben. Aus dem Einerlei der getakteten, mathematischen (geometrischen) Regelmäßigkeit haben sie die Töne nun weit in die Länge gezogen oder abrupt und kurz enden lassen. Aus der Klassik wurde nun Jazz, Blues und Rock, später dann auch Funk, Soul, Heavy Metal, Punk, Pop usw. . Zumindest haben sie die Gebäude von der akademischen Zier und erdrückenden Corsage der dominanten Klassik befreit, um die Dinge (Materialien, Konstruktionen, Funktionen) so zu lassen, wie sie (gemäß dem Fortschritt der Technik und den menschlichen Bedürfnissen und aktuellen Lebensweisen) eben waren und sind. Kurzum: der Klassizusmus ist, auch wenn er über Jahrhunderte hinweg das Primat aller Architekturen bildete, heute aus vielerlei Gründen nicht mehr zeitgemäß. Nicht etwa, weil heute die Gesetze der schönen Proportionen oder der Statik (Stütze/ Balken) nicht mehr gelten würden, wohl aber, weil uns die Moderne andere Geheimnisse und Wahrheiten des Schönen geöffnet hat, die unserem heutigen freien, demokratischen, nicht hierarchisch organisiertem Leben eher entsprechen als etwa Rekonstruktionen von wilhelminischen Schlossfassaden. Wir können nicht auf der einen Seite Fortschritt wollen und zulassen, ihn aber an anderer Stelle verweigern. Diese Methode ist anachronistisch und irreführend! Doch was ist nun der Stil des Fortschrittes? Oder hat der Fortschritt überhaupt keinen Stil mehr? Fest steht, dass auch der Bauhausstil antiquiert ist, so, wie auch der Klassizismus in die Mottenkiste gehört. Beide Stile gehorchen freilich immer noch den klassischen Gestaltungsgesetzen, sind quasi ausgewiesene „Klassiker“ durch und durch. Doch wie man stilistisch nun mit Faserbetonen, Kunststoffen, Carbonfasern, Hightech-Stahl, Textilmembranen, Holzschichtstoffen und Hightech-Glas ein „korrektes“ (aktuelles, zeitgemäßes) Gebäude zu konstruieren hat, wissen wir immer noch nicht so recht. Beton und Stein, selbst Stahl sollten eigentlich keine bedeutende Rolle mehr spielen, wenn wir den konstruktiven wie statischen Fortschritt in der Gewichts- und Materialreduzierung sehen.

next to the future >  Ein realistischer Blick in die nahe Zukunft: Im Bereich der innovativen Baumaterialien werden Produkte aus Zement- und Carbonfasern, etwa mit Carbonfasern seilgespannte Zelt oder Flächentragwerk mit einer dünnen, transluzenten bis semitranspartenten, selbsttragenden High-Tech-Kunststoffmembran mit integriertem Sonnen-Energie-Aborber sowie integrierten Licht- und Medienfunktionen die hohe Kunst der Raumkonstruktion darstellen. Die ehemals massiven Stahlbetondecken können nun als extrem leichte, voll recycelbare Kunststoff-, Papier-/ Pappe- oder optimierte Holzverbunddecken bzw. Flächentragwerke kaum leichter und entmaterialisierter, damit auch umwelt- und ressourcenschonender hergestellt werden. Die riesigen mit einer Membran überkuppelten Städte von Buckminster Fuller aus den 1960´er und 1970´er Jahren werden nun im großen Stil industriell, damit kostengünstig und in großen Massen verfügbar quasi „von der Rolle“ als kostengünstige Meterware hergestellt. Alle Maschinen, Objekte, Apparaturen wie auch Möbel sind ebenfalls zunehmend entmaterialisiert und miniaturisiert. Masse und Material ist in der neuen Welt kaum noch zu finden. Stattdessen ist alles extrem leicht, variabel, transparent und medial-kommunikativ „ins Licht“ gesetzt. Unser Leben wird mehr und mehr eine nicht endenwollende (Licht-)Projektion von intelligenten Algorithmen sein. Umbauter Raum wie bebauter Grund wird trotz Bevölkerungswachstum nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was wir heute als luxeriösen Standard je Einwohner in einer trügerisch unbegrenzten Wohlstandsgesellschaft an Flächen verbrauchen (ca. 40-50m² Wohnfläche, 20m² je Büroarbeitsplatz, 10m² Verkehrsflächen etc.). Unsere derzeit extrem materiell ausgerichtete Welt (trotz Hightech wiegt ein Sport-Utility-Vehicle Baujahr 2011 über 2 Tonnen!) wird zunehmend effizienter und ressourcensparender, so dass auch die energie- und ressourcenhungrige Industrie sowie das produzierende Gewerbe dramatisch schrumpfen wird. Funk und digitale Informationstechnologien (Internet etfc.) sorgen für dezentrale, ortsunabhängige wie platzsparende Arbeitsplätze im 3. und 4. Wirtschaftssektor, der bis zu 80% aller Arbeitsplätze abdecken wird. Es wird sich zunehmend eine Bildungs-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft bilden, die auf virtuelle, mediale wie kommunikative Art und Weise den Stoff, das Material und den Raum überwindet. Auch der Transport von Rohstoffen, Waren, Gütern und Personen wird dramatisch sinken. Unbegrenzte Energie durch Sonne, Wind und Wasser (Solarthermie etc.) wird sämtliche fossilen Energieträger ablösen. Individuelle Flugobjekte aus leichten Carbonfasern (IFO´s) mit solarem Stromantrieb werden das rollende 1-2 Tonnen-Auto mit emissionsstarken Diesel- oder Ottomotor ablösen, zigtausend Kilometer asphaltierter Strassen und Autobahnen werden überflüssig werden und renaturalisiert. Zersiedelte wie versiegelte Landschaften werden wieder renaturalisiert, die vorhandenen Großstädte nachverdichtet und wesentlich effizienter ausgestattet. Millionen Quadratmeter von Laden- und Verkaufsflächen in den Konsumtempeln der Innenstädte wie auch auf der „Grünen Wiese“ (Gewerbeparks)  werden durch den digitalen Direktversand obsolet. Je Einwohner werden jährlich nur noch 50 bis 60 Tonnenkilometern an Waren bewegt. Im mobilen Bereich (Reisen) sind wir dafür je Einwohner und Jahr mit 1.600 bis 2.000 Tonnenkilometern – allerding umweltschonend mit kostenloser Sonnenenergie – global von Megapolis zu Megapolis mit IFO´s und solar angtriebenen THST (Tube High-Speed-Train, 800 bis 1.000km/h)) unterwegs. Unsere Städte werden eine Einwohnerdichte von mindestens 500 bis weit über 1000 Einwohnern je Hektar haben. Zum Vergleich: eine eingeschossige Bungalowsiedlung aus den 1970´er Jahren kommt auf zirka 100 Einwohnern je Hektar Grund und Boden. 10 Mrd. Menschen werden dann weltweit in etwa 1.000 bis 1.500 Megastädten mit bis zu 10 Mio. und mehr Einwohnern auf insgesamt nur 10 Mio Hektar (100.000 km²) Bodenfläche leben und arbeiten. 100 Mio. kosmopolitische Deutsche (Europäer) werden dann zu 80% in vielleicht 20 attraktiven Großstädten um die 5 Mio. Einwohner auf insgesamt nur knapp 1.000 km² Grund- und Bodenfläche leben. Die neuen Städte werden nicht größer als 10x10km sein und sind innerhalb weniger Minuten bis maximal 10 Minuten mit intelligenten, emissionsfreien Verkehrsmitteln unter- wie oberirdisch komplett zu erschliessen. Die alten, nicht mehr genutzten Dörfer, Kleinstädte,  Vorstädte und monofunktionalen Satelittenstädte werden abgerissen oder für touristische und kulturelle Zwecke genutzt. Die Strecke Hamburg-München wird mit den in luftdurchströmten Röhren durchsausenden THST´s innerhalb von 60 Minuten zurück gelegt. Der Besitz von Grund und Boden, Immobilien wie materiellen Gütern wird in der neuen Kommunikations- und Wissensgesellschaft keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Stattdessen geht es immer mehr um soziale Interaktion, „Geselligkeit“, Bildung und kreative Kommunikation. Die Beschäftigungsquote wird auf unter 20%, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf 20 Stunden und die durchschnittliche Beschäftigungszeit auf unter 25 Jahre gesenkt. Schule, Bildung und Ausbildung werden auf 20 Lebensjahre erweitert und lebenslang fortgeführt. Die Lebenserwartung wird von 85 auf über 100 Jahre ansteigen. Innerhalb der Städte wird es zu massiven Umbaumaßnahmen kommen, bei denen ein Großteil der alten, aus Denkmalschutzgründen nicht erhaltenswerten Gebäude und Quartiere durch flexibel nutzbare, hochvernetzte Großraum- oder multifunktionale Hybridgebäude der Größe XXL mit mehr als 10 bis zu 25 Geschossen ersetzt werden. Statt Einzelbebauungen mit Monofunktionen werden die neuen Gebäudekomplexe auf hochverdichteten Grundflächen von 2 bis 5 Hektar errichtet und funktionieren mit allen Infrastrukturen und Angeboten im Prinzip wie eine kleine Stadt (1.000 bis 2.500 Einwohner je Cluster) in der Stadt. Diese City-Cluster werden von einer gemeinsamen Klimahülle umfasst und sind energetisch vollständig autark (Energiegewinnung, Abfälle, Recycling, Stoffkreislauf etc.). Zwischen den Clustern befinden sich großzügig dimensionierte, urban gestaltete Natur- und Landschaftsräume mit Parkanlagen, Wäldern , Wiesen, Sport- und Freizeitanlagen. Der Anteil der privat genutzten Räume sinkt von derzeit 40m² je Einwohner auf weit unter 20m² je Einwohner. Dafür steigt der Anteil der gemeinschaftlich für Kultur und Freizeit genutzten Flächen und Räume. Bäume, Pflanzen und Grün wird eine Renaissance in den neuen Städten erleben und einen wesentlichen Beitrag zum Raumklima wie zur Innen- und Aussenraumgestaltung beitragen. Jeder Haushalt wird einen kleinen Balkon- , Terrassen- oder Dachgarten mit Nutz- und Zierpflanzen kultivieren. Die komplette, öko-strombetriebene Verkehrsinfrastruktur wird in unterirdischen High-Speed-Tubes verlegt. Asphaltierte Strassen werden zu begrünten, überdachten Promenaden, Wohn- und Spiellandschaften umgebaut. Die Geschosse werden hochgradig über Skywalks, Brücken und „Speed-Walks“ miteinander vernetzt sein, so dass es einen horizontalen wie vertikalen Austausch gibt. Vier- bis fünfgeschossige Hallenräume („local centers“) werden direkt mit den angrenzenden Wohn-, Laden- und Bürogeschossen auf allen Ebenen verbunden sein. Werkstätten, Läden, Praxen, Freizeit- und Wellnesseinrichtungen, Bildungs- und Kultureinrichtungen etc. finden sich nun auch in den oberen, mit Wohnungen und halböffentlichen Platzanlagen ausgestatteten Geschossen. Die Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit wird zunehmend aufgehoben sein. Räume werden, mit Ausnahme sehr spezieller Nutzungsanforderungen (Labore, Reinräume, Kliniken, Schallräume etc.), multifunktional und variabel bespielbar sein. In der Komposition wird es eine Mischung wie Weiterentwicklung des N.Y.´er Rockefeller Centers (komplexe Blockstruktur, vertikale/ horizontale Vernetzung) sowie des Centre Pompidou in Paris (Tragstruktur, Technik, Transparenz, Erschliessung) sein. Je Wohneinheit (derzeit 40m²/ Einwohner) werden statt 50 Tonnen i.d.R. massiver Baumaterialien (Beton, Stein, Stahl, Glas) bei nur noch halber Wohnungsgröße (20m²/ Einwohner) und innovativer Leichtbauweise weit weniger als 5 Tonnen Baumaterial je Einwohner benötigt. Damit werden etwa im Wohnungsbau für 100 Mio. Menschen in der BRD statt 5 Mrd. Tonnen massiver Baumaterialien nur noch 500 Mio. Tonnen Leichtbau-Baumaterialien benötigt und 90% der Ressourcen und der damit einhergehenden Material- und Energieverbräuche (Material Input Per Service) sowie damit verbundenen Emissionen eingespart. Die neuen Konstruktionen sind auf eine Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren ausgerichtet, dafür aber zu 100% recycelbar. Insgesamt kommt es damit langfristig zu Einsparungen von mehr als 80% an Rohstoffen und sonstiger Baukosten. Die primäre Raum- und Tragstruktur der neuen Gebäude wird aus funktionalen wie statischen Gründen überwiegend orthogonal, zumindest geometrisch ogranisiert sein, wird aber durch einen formal freien Innenausbau flexibel ergänzt. Sämtliche Gebäudeteile sind industriell vorfabriziert und werden als vorinstallierte Fix+Foxi-Units in modularer Montagebauweise vor Ort aufgebaut. Alle Gebäude sind zudem mit intelligenten Steuerungssystemen vollautomatisiert (Licht, Klima/ Heizung, Schliessanlagen, Sicherheit etc.).

systemfrage > Die neue Gebäudeklasse XXL ist, wie der holländische Architekt Rem Koolhaas und der Designer Bruce Mau es bereits 1995 in ihrer Publikation S-M-L-XL vorwegnenommen haben, in Folge der maximalen Komplexität solcher Gebäude ausser Konkurrenz mit konvetionellen Architekturvorstellungen und den üblichen, vor allem ästhetischen Bewertungsverfahren. Da die großen Gebäude sich dem Betrachter niemals als Ganzes erschliessen, präsentiert sich das Gebäude maszstabsbedingt immer nur in Teilbereichen, in Sequenzen und einzelnen Szenen, deren Gesamtkontext (Thema, Handlung, Geschichte) jedoch stets verborgen bleibt. Doch solch eine hohe Komplexität von Gebäuden kann nur durch eine konsequente wie multikompatible Systemanwendungen erreicht werden, die den gewohnten individuellen Gestaltungsspielraum mehr oder weniger auflösen wird. Die jeweiligen Einzelkomponenten der Gebäude können also nicht eigenständig, sondern immer nur im Kontext und damit in starker Systemabhängigkeit der gefundenen bzw. vorgegebenen Megastruktur entwickelt werden. Je flexibler die Megastruktur angelegt ist, desto größer wird die Gestaltungsfreiheit und Austauschbarkeit der einzelnen Module und Systemkomponenten sein, desto geringer wird gleichzeitig ihre formale wie ästhetische Konsistenz sein. Die antiken Städte wie beispielsweise später auch die wunderbaren Fachwerkstädte hatten u.a. durch die begrenzt vorgegebenen Materialien und Konstruktionsmöglichkeiten ein solch übergeordnetes Primärsystem (unit speak + spell), mit dem man vergleichbar zu den XXL-Gebäuden ebenfalls einen hochkomplexen Städtebau umgesetzt hat. Auch die alten Pyramiden waren – zumindest typologisch – vergleichbar mit solchen noch zu entwerfenden XXL-Gebäuden, die wir in Zukunft bauen werden. Die Systemfrage wird daher vor allem eine Strukturfrage sein, aus der sich dann alle weiteren in sich stimmigen Möglichkeiten und Lösungen ableiten lassen. XXL-Gebäude sind demnach mehr Städtebau als Architektur bzw. führen die Architektur durch Auflösung der gleichen strukturell und systematisch in den Städtebau über. Wohlgemerkt: es geht nicht mehr darum, den Raum ästhetisch oder künstlerisch zu gestalten, sonder allein darum, den Raum und die Funktionen in maximaler Quantität rational, rationell, effizient und synergetisch über die Konstruktion und eine ihr folgende Mega-Struktur zu organisieren. Die neue Qualität dieser Städte besteht also in ihrer maximalen räumlichen wie funktionalen Venetzung und Verknüpfung der bis dato stets isoliert und unabhängig bzw. eigenständig konstruierten Funktionen. „Das Einfamilienhaus“, „die Schule“, „das Krankenhaus“, „das Museum“ oder die „Stadthalle“ wird es bautypologisch wie programmatisch als neue Bauaufgabe nicht mehr geben. Stattdessen nahtlos ineinander übergehende, fliessende Räume und Funktionen, die ständig wechseln und örtlich wandern. Diese neue Form der universalen Multifinktionalität bzw. Auflösung der Bautypologien entspricht in etwa dem Modell der grossen Messen. Freilich werden die alten Gebäude, die jahrhunderte alte Bausubstanz mit ihrer tradierten, typologiebestimmten Architektur- und Städtebaustruktur „parallel“ zu diesen neuen „Universal City-Clustern“ bestehen bleiben. Hierbei kommt es entweder zu einer Überlagerungen und Durchdringungen von Alt und Neu wie auch zu einem örtlichen Nebeneinander beider Systeme. Vor allem in Ländern mit einem starken Bevölkerungswachstum entstehen jedoch auch vollkommen neue Städte (Neu-Urbanisierungen) ohne irgendeinen bauhistorischen Kontext. In der nächsten Stufe schliesslich wird die konventionell festverortete, also „immobile“ Achitektur in eine mobile, dynamische Raumauffassung übergeführt. Nicht nur einzelne Bauteile können bewegt werden, auch ganze Units oder Cluster werden wie auf einem Rangierbahnhof oder Containerterminal immer wieder neu arrangiert. Es wird vor allem zunehmend mobile Städte geben, die auf mehrgeschossigen Superschiffen die Ozeane durchkreuzen. Auf dem derzeit größten Kreuzfahrtschiff der Welt, der Oasis of the Seas, haben 5.400 Passagiere sowie 2.165 Besatzungsmitglieder (insg. 7.565 Personen) in 2706 Kabinen und 1956 Balkonkabinen auf 16 Ebenen mit 4 Pools und 8 Restaurants auf einer Fläche von zirka 47m Breite x 361m Länge (ca. 1,5 ha) Platz. Hier liegt die (Einwohner-)Dichte bei über 5.000 Menschen je Hektar Grundfläche! Die Stadt als sichere Festung mit installiertem Bürgerrecht (Stadtrecht) wird unter dem Namen „Heimat“ keine Bedeutung mehr für die Standortfrage haben, weder ethnisch, wirtschaftlich, kulturell noch gesellschaftlich. All das, weil materieller Besitz und örtliche Verankerung (millelalterlich: „my home is my castle“) den tatsächlichen Bedürfnissen, Wünschen und Möglichkeiten der Web-Menschen nicht mehr gerecht wird. Unser Leben wird eine ständige, ortsunabhängige „Reise“ auf Mutter Erde sein. Durch diese globale Verortung bzw. Vernetzung aller Menschen entsteht ein synergetischer Austausch von Ideen, Gedanken, Sprachen und Kulturen, wie wir ihn derzeit nur von der internationalen Wirtschaft (internationale Produktion und Handel) kennen. Die Überwindung von Grenzen (Ort) und Sprachen setzt kulturelle Potentiale frei, die es in dieser hohen Komplexität zuvor noch nie gegeben hat. Damit wird vor allem der Mensch im Allgemeinen sich und seine soziale Kultur quasi „neu erfinden“. Die ständige Angst vor materieller wie sozialer, aber auch nationaler Sicherung (Nahrung, Gesundheit, sozialer Status Quo, Arbeit, Wettbewerb, Rente etc.) infolge altbekannter egoistischer Lobbyisten- und Machtökonomie (nicht altruistischer, vielmehr eigennütziger „Haushaltung“) wird durch weltweite Demokratieprozesse (Kommunikation und Organisation via Internet) zunehmend aufgehoben.

soziale utopie? > Das Zusammenwachsen der Welt scheint mit dem Internet aus heutiger Sicht kein wirkliches Problem mehr zu sein. Der direkte Austausch der Menschen kann nun auf allen Ebenen (politisch, wirtschaftlich, privat/ zivil etc.) ganz „ungefiltert“, ganz ohne Gewaltmonopol oder mediale Zensur „online“ erfolgen. Diese technische Möglichkeit verändert unsere Kultur der freien und mündigen Geister schneller, als wir es vielleicht von den Innovationen der letzten Jahrzehnte gewohnt waren. Die alten Machtstrukturen (politische wie wirtschaftliche) haben gegen diese neue Form der Kommunikation keine wirksame Waffe mehr und müssen sich zunehmend der Freiheit und Selbstorganisation der Menschen ergeben. Diese neue Freiheit der „aktiven Kommunikation“ führt jedoch nicht in die angemahnte und viel beschworene „Anarchie“ (das vermeindliche Chaos wildgewordener wie gewaltsamer Stupidos) sondern in Transparenz, Aufklärung, zivile Verantwortung und beachtenswerte Sozialkompetenz. Auch wird der aktuell viel beschworene „Clash of Cultures“ wie auch der Kampf um die letzten Ressourcen sich als ein leztes vergebliches Aufbäumen alter konservativer wie materialistischer Kräfte erschöpfen. Es wird kaum mehr möglich sein, ein Volk von mehreren Milliarden Menschen medial durch eine bis dato kontrollierte Einweg-Kommunikation zu täuschen oder es zielgerichtet zu manipulieren. Je stärker die gesteuerte Manipulation (Zensur, Werbung, Desinformatione etc.), desto enger rücken die Menschen medial wie kommunikativ „weltweit“ zusammen und erkennen, dass sie als große Gruppe „Mensch“ nicht nur theoretisch sondern ganz praktisch und real die eigentliche Macht darstellt. Dies bedeutet aber auch, dass die Menschen nun selbst „Verantwortung“ für alles tragen, was in der (hochspezialisierten) Welt passiert. Aus der unbekümmerten Arbeits- und Konsumgesellschaft am Tropf von Politik und Wirtschaft (Führungseliten) wird nun eine kritische, reflektierende, nachfragende, mitdenkende und verantwortungsbewußte Gesellschaft, die ihr soziales, kulturelles, politisches wie materialistisches Verhalten selbst definiert und dann auch über sicherlich mühsame Demokratieprozesse von der kommunalen Ebene bis hin zum Land und Bund realisiert. Damit werden dann auch erstmals strukturelle, städtebauliche wie architektonische Fragen auf einer vollkommen neuen, weitaus transparenteren wie argumentationsstärkeren, vor allem aber weitaus komplexeren Ebene diskutiert und entschieden. Vorhandene Komplexität, deren wechselseitigen Mechanismen und Ahängigkeiten, gilt es nun unter sozialen, kulturellen wie wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten zu entschlüsseln, zu entfilzen, zu analysieren und kritisch auf ihre Tauglichkeit, Effizienz und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Am Anfang aller Diskussion um irgendetwas stehen die primären, existentiellen Fragen, „wie“ wir überhaupt leben wollen/ können und „welche“ Welt wir dabei unseren Kindern hinterlassen werden.

ökonomie + ökologie > Alles, was wir Menschen machen, hat im stofflichen Gesamtsystem Erde-Natur-Mensch einen Einfluss auf unsere unmittelbare Umwelt, hinterläßt also Fußspuren und Abdrücke, die sich mehr oder weniger schnell verflüchtigen. Ökonomie heißt zunächst einmal, mit dem, was an Ressourcen, Energien und sonstigen Potentialen vorhanden ist, das beste für uns „und“ unsere Umwelt (Ökologie) herauszuholen. Neu ist, dass wir seit etwa 40 Jahren (Saurer Regen, Waldsterben, Ölkrise, Grünen-Bewegung, Club of Rome etc.) den Umweltschutz in unsere industriell geprägte, sozial-kapitalistische Wirtschafterei per Gesetz eingeführt haben. Rückblickend haben wir hier sicherlich bis heute sehr viel erreicht, und doch haben wir angesichts der derzeitigen Ökobilanz und aktuellen Zustände offensichtlich immer noch zu wenig gemacht (Artensterben, Klimaerwärmung, emissionsstarke Kohlekraftwerke, zu hoher Gesamt-Energieverbrauch, zu hoher Rohstoffverbrauch, risikohafte Kernenergie, Abholzung der Regenwäldern/ Brandrodung, Verlust von einzigartigen Ökosystemen durch profitorientierte Ressourcenausbeute und Urbanisierung, Müllproblem, Smog, Tankerhaverien usw.). Viele dieser vermeindlichen Umweltkatastrophen entstehen sicherlich nicht direkt in unserem Land, doch sind wir als ausgewiesene Rohstoffimporteure und -veredler, Spitzen-Technik-Produzenten, Technikexporteure und privilegierte Wohlstandskonsumenten maßgeblich mitverantwortlich für eine Vielzahl von wirtschaftlichen wie kulturellen Fehlentwicklungen, die bis heute mehr an Profit, Renditen und sicheren Arbeitsplätzen (Beschäftigungsdruck, Wettbewerb) als an zukunftsfähigen, nachhaltigen, umweltschonenden wie auch sozial verträglichen  Lösungen orientiert waren/ sind. Die industrielle Massentierhaltung mit den bekannten, gravierenden gesundheitlichen Folgen für Tier, Landschaft und Mensch ist nur eines von vielen Beispielen, wie unsere renditeorientierte Wirtschafterei zu mit unter lebensgefährlichen, zumindest umweltbelastenden Konsequenzen führen kann. Auch die verhängnisvolle Überfischung der Meere schließt nicht gerade auf ein intelligente, vorausschauende Wirtschafterei, ebensowenig die unversicherbare (weil nicht zu kontrollierende) Kernenergie (Tschernobyl, Fukushima) oder zigtausende Kilometer von lecken Gas- und Ölpipelines, die den Europäern Energie aus Russland liefern. Alle Probleme, die „allein“ aus unserer Wohlstandsgesellschaft resultieren, werden letztendlich zu einem großen Anteil im fernen Ausland (billige, zudem rechtelose Arbeitskräfte, billige Rohstoffe und Energien, fehlende Umweltauflagen usw.) und natürlich stets auf Kosten der Natur und Menschen gelöst. Deutsche Bäckereien etwa produzieren bis zu 20% über, damit die Regale auch noch nach 18:00h im Discounter voll gefüllt sind. Diese wertvollen Abfälle (die Welt hungert ja bedauerlicher Weise immer noch) werden schließlich zu Tierfutter verarbeitet (den Tieren sei die feine Körnerkost gegönnt) oder zur Erzeugung von Wärme (Backwaren haben in etwa den gleichen Heizwert wie Holzpellets) verwendet. Allein mit der Energieproduktion aus den Bäckerei-Abfällen könnte ein ganzes Atomkraftwerk in der BRD stillgelegt werden. Doch das Spiel ist noch lange nicht zu Ende: die Überproduktion wird natürlich auf den Brotpreis umgeschlagen (den zahlen natürlich wir Verbraucher mit steigenden Lebenshaltungskosten) und die erhöhte Nachfrage nach Weizen treibt den Weizenpreis auf dem Weltmartkt nach oben, so dass arme Länder (defacto unsere Weizenproduzenten) sich selbst keinen Weizen als Grundnahrung mehr leisten können und damit die Hungerproblematik zusätzlich verschärft wird. Die Mengen an weltweit weggeworfenen Weizenprodukten würde ausreichen, um alle weltweit 1 Mrd. hungernden Menschen (24.000 sterben nach Angaben von UNICEF täglich an Hunger und deren Folgen, davon 75% Kinder unter 5 Jahren) 3x mit Nahrung zu versorgen. Dieses Wirschaftssystem, welches sich freilich durch pervertierte Markt- und Spekulationsmechanismen in allen anderen Branchen ähnlich gestaltet, ist also alles andere als intelligent, effizient, nachhaltig oder gar sozialverträglich. Im Bereich Hoch- und Tiefbau sieht es mit der Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und Effizienz übrigens nicht anders aus. Am Beispiel des extrem gestiegenen Flächenbedarfs je Einwohner verbrauchen wir nahezu doppelt so viel kostbare, zudem immer weniger nachwachsende Rohstoffe und Energien wie noch vor 100 Jahren. Dazu kommen trotz Bevölkerungsrückgang und immer effizienter gebauten Produktionsanlagen tagtäglich mehr als 100, von den Kommunen meist aus steuerlichen Gründen (attraktiver Wohnraum, Schaffung neuer Arbeitsplätze durch Ansiedlung neuer Betriebe/ Firmen, Standortfaktor, Konkurrenz mit den Nachbargemeinden etc.) freigegebene Hektar „frisches Bauland“ für neue Gewerbeparks (Shoppen auf der Grünen Parkplatz-Wiese, Outletcenter usw.) und kleine Einfamilienhaussiedlungen inklusive Strassen und versorgender Infrastrukturen verbraucht wird. Bis 2020 ist es das ehrenwerte Ziel der Bundesregierung, den Flächenverbrauch auf 30 Hektar „täglich“ zu reduzieren. Doch: nachhaltig, ökologisch wie ökonomisch wäre tatsächlich, bereits heute täglich 30 Hektar und mehr durch Nachverdichtung der Städte an wertvollem Grund und Boden zurück zu gewinnen. Die Energie, die wir durch moderne Technik und Dämmung einsparen, wird in der Gesamtbilanz unterm Strich jedoch absolut durch den gestiegenen Flächenverbrauch wieder aufgezehrt. Hinzu kommt, dass die verwendeten „modernen“ Baumaterialien (Stahl, Glas, Zement, Verbundbaustoffe etc.) zunehmend „veredelt“ sind, also viel mehr Energie und Rohstoffe (MIPS) in der Herstellung verbrauchen als der nach wie vor ökologischste Referenzbaustoff „Holz“. Beispiel Automobilbranche: Ein alter Golf GTI mit 110PS der ersten Generation Baujahr 1976 (ca. 810kg Leergewicht, natürlich ohne Servolenkung, EPS, Airbags, Klimaanlage und elektr. Fensterheber) verbraucht im Berliner Stadtverkehr in etwa so viel Sprit wie der neuste Golf Bluemotion mit 105PS und zirka 6,0 Liter Verbrauch auf 100km. Der neuste Golf GTI V mit 200PS und 1420kg Leergewicht verbraucht zirka 13,7 Liter/100km. Auch hier wird der technische Fortschritt durch innovative, effizientere Antriebstechniken durch ein vermeindlich „komfortables“ Zusatzgewicht (+ 75% Gewichtszunahme) defacto wieder aufgezehrt. Hier versagt gleichermaßen der Automobilhersteller (verdient wird nach wie vor an den teuren Luxus-Autos), der Kunde (der statt leichten und sparsamer 1 Liter Hybrid-Autos immer noch 2 Tonnen schwere SUV´s nachfragt) wie auch die Gesetzgebung (die den Herstellern infolge starker Lobbyarbeit oder auch Imkompetenz eben keine oder zu halbherzige gesetzliche Grenzwerte vorgeben). Solange unser marktorientiertes Wirtschaftssystem allein und überwiegend durch Absatzsteigerung und damit verbundenen Mehrverbrauch an Energien und Ressourcen motiviert ist, haben vernünftige, nachhaltige Ökonomie- und Ökologiekonzepte global wie lokal betrachtet keine Chance. Da der „freie Markt“ offensichtlich nicht von selbst  -wie immner wieder fälschlicher Weise behauptet – ökonomische wie ökologische Konzepte generiert (das macht er nur in der „rationalisierten“ Produktions- und Arbeitswelt), kann hier nur der Gesetzgeber als übergeordneter Regulator die Wirtschaft wie privaten Konsumenten zur gesellschaftlichen Ökonomie und Ökologie durch entsprechende Gesetze zwingen. Obwohl die Industrie, die Wirtschaft wie auch die privaten Haushalte immer effizientere Produktions- und Energiesysteme (Heizen, Klimatisierung, Licht, regenerative Energiegewinnung etc.) verwenden, sinkt die Ressourcen-, Emissions- und CO2 Belastung infolge steigender Produktionseinheiten, zunehmender Produktvielfalt, kurzlebiger Produkte, zunehmender Verbrauchseinheiten und steigendem Raum- bzw. Flächenverbrauch bei gleichzeitig stagnierender bis leicht rückgängiger Bevölkerung nicht. Defacto versagt hier unserer Regierung (gleich welcher Coleur), da sie wider besseren Wissens seit Jahrzehnten die ökonomische wie ökologische Grundproblematik unserer kurzsichtigen Mehrverbrauchswirtschaft nicht konsequent genug bekämpft. Statt einer verbrauchsorientierten Marktwirtschaft (von der letztendlich nur wenige profitieren) brauchen wir „weltweit“ eine ökologisch ausgerichtete Sozialwirtschaft (von der alle materiell wie kulturell profitieren), und diese natürlich nicht mit altertümlichen, sondern mit hocheffizienten Spitzentechnologien. Solange man auf dieser Erde mit selbst gemachten Gefahren und Risiken (Krieg, Umweltkatastrophen, Umweltverschmutzung, Entsorgung/ Müll, Krankheiten, Ressourcenverbrauch usw.) Geld verdienen kann, bewegen wir uns kulturell und wirtschaftlich jenseits von Vernunft und Verantwortung für Natur und Mensch.

Wenn wir dieses Konzept einer ökologischen wie gleichermaßen sozialen Wirtschaft nun auch konsequent auf den Städtebau und die Architektur übertragen, kommen wir freilich zu ganz anderen Stadtgrundrissen, Verkehrskonzepten, Gebäudetypologien, Raumgrößen, Raumnutzungen, Gebäudegrundrissen, Konstruktionsmethoden und Materialien, die sich bekanntermaßen eben nicht mit den alten Techniken, Verfahren und Methoden lösen lassen. Hier benötigen wir vollkommen neue Werkzeuge wie auch neue Sprachsysteme, um einen Paradigmenwechsel herzustellen. Alte Dächer mir PV-Modulen zu bestücken, ist nicht etwa innovativ oder fortschrittlich, sondern technisch wie architektonisch bloß ein Kompromiss, ein Provisorium, das weder der Architektur noch der Technologie gerecht wird. Stattdessen müssen wir alte Systeme (Ordnungssysteme, Bauweisen) und Gewohnheiten (Lebensweisen, kultureller Ritus etc.) verlassen und neue Systeme suchen, die unseren aktuellen Lebensweisen, vielmehr Lebenswünsche und vor allem auch Lebensträume am ehesten entsprechen. Hieran schließt sich die allererste Frage, wie wir Menschen überhaupt miteinander leben und arbeiten wollen und können. Die Technik (Industrialisierung) hat uns über viele Jahrundert hinweg von der Landwirtschaft und dem dezantralen Wohnen in kleinen Einheiten auf dem Lande emanzipiert (Bauernhaus, Dorf etc.). Dies war bis heute freilich die Geburtststunde der Großstadt und ihrer Ober- und Unterzentren, wie wir sie heute erleben. Doch auch die Industrie hat heute, anders als noch vor 30 Jahren, weder eine gesellschaftlich noch räumlich (städtebaulich) ordnende Rolle (Arbeitsplätze schwinden zunehmend wie zuvor in der Landwirtschaft durch zunehmende Rationalisierung und Technikeinsatz). Durch den Verkehr und den internationalen Warenhandel ist die Industrie wie auch das produzierende Gewerbe mehr oder wenigiger „ortsunabhängig“ geworden. Nokia baut heute eine Fabrik in Deutschland, morgen in Rumänien und übermorgen in Ungarn. Fest angeraumte Arbeitsplätze auf Lebenszeit gibt es kaum noch. Produktionsstandorte wandern, sobald sie fiskalisch abgeschrieben sind und mögliche Subventionen maximal abgegriffen wurden. Ganze Familien ziehen derzeit innerhalb nur weniger Jahre der verfügbaren Arbeit hinterher, und das grenzüberschreitend. Die Suche nach materieller wie auch räumlicher „Sicherheit“ (Heimat) wird immer schwerer zu lösen sein. Flexibilität (und damit auch die Bereitschaft, räumlich umzuziehen) wird nicht mehr nur von Führungskräften verlangt sondern durchzieht beinahe den gesamten Arbeitsmarkt. Das über lange Zeiträume mit Krediten finanzierte „Einfamilienhaus“ obliegt einem enorm hohen Risiko, da der sichere Arbeitsplatz auch in Spitzenpositionen langfristig nicht mehr garantiert ist.

stadt vs. land > um die Ziele einer nachhaltigen wie sozialen Volkswirtschaft zu erreichen, muß auch die räumliche Organisation der Bereiche Wohnen, Freizeit, Kultur, Arbeit und Handel viel dichter und effizienter ausgestaltet sein. Der massive Ausbau des Verkehrs- und Straßennetzes sowie bezahlbare Mobilität hat in den letzten 30 bis 40 Jahren dazu geführt, daß die einzelnen Funktionen räumlich immer weiter auseinander gedrivtet sind und damit vermeindliche Unsummen von Zeitaufwendungen, Energie- und Rohstoffverbrauch, Emissionen, Unfallrisiken sowie Kosten produzieren. Die meisten Menschen „pendeln“ heute täglich zwischen 20 bis 50 Kilometer zwischen Arbeitsplatz und Wohnung und selbst kurze Strecken werden überflüssiger Weise mit dem PKW erledigt. Hierfür opfern die Menschen nicht selten 10% der Arbeitszeit (6 x 40 Stunden p.a. im Berufsverkehr) und mehr als 10% ihres Einkommens für den Unterhalt eines KfZ. Dieser Mobilitätswahnsinn hat freilich seinen Preis, den nicht zuletzt die Umwelt und die Natur zu zahlen hat. Diese alltäglichen Hauptverkehrsströme durch Stadt und Dorf machen die betroffenen, zu Verkehrsräumen mißbrauchten Lebensräume zu wahren Unräumen mit viel unnötigem Lärm, Gestank und erhöhtem Unfallrisiko. Viel sinnvoller wäre es, Wohnen, Freizeit und Arbeiten wieder räumlich in einem Radius von 5 bis 10 Kilometern anzuordnen, um den Anteil des motorisierten Individualverkehres zu Gunsten des emissionsarmen sowie weitaus „kommunikativeren“ Fußgänger- und Fahrradverkehrs zu senken. Bundesdeutsche Straßenprofile sind in manchen Städten und Dörfern mittlerweile derart fußgängerunfreundlich gestaltet, dass für PKW-Stellflächen (Parkplätze) und Fahrbahnen mehr als 80% der Flächen bereit gestellt werden. Ein ausgewogenes, innerstädtisches Strassenprofil hält mindestens 50% der Flächen für Fußgänger frei zuzüglich Grünstreifen/ Bebaumung, Radweg, PKW-Parkplatz und Fahrbahn. Und auch die sogenannte „Wohnstrasse“ mit Tempo 30 macht als zurückeroberter Lebensraum nur dann Sinn, wenn die Bürgersteige mindestens 2 Meter breit sind, genügend Bäume platziert sind und die Laufflächen frei von Hindernissen wie Pollern, Schildermasten, Leuchtenmasten und Stromkästen sind. Nicht nur Kinderwagen brauchen ordentlich Platz, auch ältere Menschen bewegen sich zunehmend mit sperrigen Rollatoren. Und auch der zunehmende, unsinnige wie verunsichernde „Schilderwald“ muß nicht nur aus gestalterischen Gründen ein Ende finden.

architektur, vernunft & poesie

Freitag, Oktober 28th, 2011

Eine für uns wesentliche Erkenntnis aus der Beschäftigung mit alter und neuer Architektur ist die wichtige Bedeutung des ausgewogenen Zusammenspiels von Vernunft und Poesie. Die meisten Gebäude sind funktional und ökonomisch wohl passabel, aber i.d.R. arm an Poesie und Phantasie, sind daher weder ästhetisch „sinnstiftend“ noch irgendwie „kulturell“ bedeutend für uns Menschen als Lebensraum. Andere Gebäude verirren sich hingegen in seltsamen, skulpturalen Formalismen oder allzu plakativer „Zeichenhaftigkeit“ und stehen meist jenseits aller Vernunft, funktionaler Tauglichkeit und Wirtschaftlichkeit. Es gibt freilich nur wenige Architekten, denen es gelungen ist, eben diese Vernunft einerseits und die räumliche Poesie andererseits in ein Gebäude zu transformieren, dass es „klassisch“ über die Zeit hinaus von jedem in seiner Schönheit und Selbstverständlichkeit innen wie aussen gelesen und erkannt werden kann. Funktion, Ästhetik und Kontext stehen sich bei solchen Schöpfungen nicht im Wege sondern bedingen und ergänzen sich einander, bilden quasi eine Symbiose, sind in sich schlüssig und hinterlassen keine unbeantworteten Fragen. Architekturen wie auch Objekte werden immer von unserem Logos, unserem Verstand auf abstrakte, theoretische wie auch praktische Art und Weise ergründet und auf seine tatsächliche Tauglichkeit bewertet. Gleichzeitig vollziehen wir mit unseren Sinnen aber immer auch eine ästhetische Bewertung, die freilich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein kann (Präferenzen), doch im Ganzen stets ganz bestimmten „Gestaltungsregeln“ folgt. So etwa wird eine Stütze im Verhältnis seiner Breite (Durchmesser) zur Höhe von 1:6 für uns Menschen niemals schlank und elegant, stattdessen kompakt und robust wirken. Hierfür muss sie – bereits schon nach den Regeln der alten Griechen – mindestens 1:8 oder 1:10 gegliedert sein. Runde Stahlstützen können von uns heute mühelos mit einer statisch wirksamen Schlankheit von 1:20 gebaut werden. Doch woher kommt dieses Empfinden für die Anmutung und Schönheit der Schlankheit von Gliedern? Zum einen sind es die Finger, Arme und Beine, deren Schlankheit wir sinnlich ja von Klein an erfahren und später in subjektive Kategorien wie stark, robust, dick, fett etc. oder schlank, elegant, zerbrechlich, dünn oder auch zärtlich referenziell bewerten. Mit Poesie hat dies noch nichts zu tun, wohl aber entstehen Gedichte -um im Terminus der Sprache zu bleiben- i.d.R. nicht mit plumpen oder negativ besetzten Wörtern, Sätzen und Aussagen. Und ein schönes Gedicht braucht auch mehr als nur die geschickte, kunst- und phantasievolle Verwendung schöner oder eleganter Wörter. Es muß inhaltlich auch „Sinn“ machen, verständlich sein. Zumindest ist ein schönes Gedicht inhaltlich wie sprachlich in sich schlüssig, ausgewogen, ausbalanciert, in sich ruhend.

Ein Gebäude wie das ehemalige „World Trade Center“ in New York wäre als Solitär in seiner geometrischen wie formalen Einfachheit zumindest aus ästhetischer Sicht fast eine Beleidigung für seinen Ort und die Zunft der Architekten. Doch durch die Spiegelung bzw. Duplizierung des Baukörpers sowie den Versatz im Stadtgrundriss entsteht plötzlich ein Dialog, ein ausbalanciertes Spannungsfeld zwischen beiden Baukörpern, so dass die unmittelbare Umgebung nicht auf den großen, groben wie undifferenzierten Maßstab antworten bzw. reagieren muß (was sie defacto nicht könnte). Durch den Dialog beider im Prinzip „plumpen“ Türme ist die Geschichte dennoch rund und in sich schlüssig, obwohl der Maßstab wie auch die Form nicht auf den Ort reagiert bzw. auf diesen abgestimmt ist. Das Crysler-Building hingegen ist durch seine vertikal betonte Achsialsymmetrie (Kirchturmarchitektur) wie kunstvolle Fassadengestaltung vollkommen in sich abgeschlossen, ohne dass es eines zweiten Gebäudes oder eines städtebaulichen Pendant bedürfte. Das Rockefeller Center hingegen bezieht seine Schönheit aus der abgewogenen Komposition mehrere, vollkommen unterschiedlich hoher und großer Baukörper, die dennoch u.a. durch die sich wiederholenden Motive (Setbacks) und Materialien (Limestone, Messing) als kompositorische Einheit wirken. Hätte man alle Grundstücksparzellen mit der gleichen Dichte und Geschosshöhe „gleichmäßig“ (zudem formal noch unterschiedlich) bebaut bzw. investor-like „aufgefüllt“, wäre der Ort städtebaulich, räumlich wie ästhetisch nicht weiter zu erwähnen. So aber haben die damaligen Architekten eine spannungsvolle räumliche wie funktionale Vielfalt geschaffen, die in der Summe vollkommen ausbalanciert ist. Dies sind nur ein paar Beispiele, wie die gekonnte Anwendung von „Gestaltungsregeln“ auch funktionalen Gebäuden zu poetischen Architekturen verhelfen. Sobald unsere Gebäude und Stadtviertel nichts mehr „erzählen“, verlieren sie ihre Poesie. Und selbst, wenn ein einzelnes Gebäude sehr viel zu erzählen hat, muß diese Geschichte auch und immer in den unmittelbaren Kontext „passen“, und sei es, dass man sich gekonnt von der Umgebung loslöst (wie am Beispiel des WTC), um in sich selbst aufzugehen.

Welche Rolle die „Vernunft“ in der Architektur spielt, sollte sich in Zeiten ökonomischer Zwänge und hoher Ingenieurskunst eigentlich von selbst erklären. Dennoch finden sich bei zahlreichen, auch neueren Gebäuden seltsame Grundrisse, Konstruktionen, Formen wie auch Materialien, die alles andere als vernünftig, wirtschaftlich, funktional und praktisch sind. So etwa sind Verkehrsflächen wie auch Nutzflächen oftmals zu klein oder zu groß geraten, Nutzungen am falschen Ort, Fassaden haben zu wenig oder zu viel Fensterfläche, Geschosse sind zu niedrig oder zu hoch dimensioniert usw. Entwickeln sich Architekturen zu stark aus einer Form oder einem formalen Zwang heraus, führt dies meist immer zu Konflikten mit der Funktion. Wie etwa soll man spitze (oder auch runde) Ecken möblieren und räumlich nutzen? Was passiert, wenn Türen und Fenster zu nahe an Wänden aufschlagen und damit wertvolle Stellflächen verhindern usw.? Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten, etwas falsch zu planen und zu bauen. Vernunft meint hier grundsätzlich, mit angemessenen wie sparsamen Mitteln den höchsten wie sinnvollen Komfort in der Nutzung zu ermöglichen. Nicht, daß mit der Erfüllung und Gewährleistung der Funktion allein schon all unsere Bedürfnisse an Gebäuden bereits befriedigt sind, doch was nutzt uns ein „schönes“ Gebäude (Poesie), wenn es nicht funktioniert? Umgekehrt werden wir an einem hochfunktionalem Gebäude nicht viel Freude haben, wenn es uns ästhetisch, sinnlich im Sinne der Poesie nicht anspricht.

Um ein paar Beispiele für gelungene „Poetische Architektur“ des letzten Jahrhunderts zu nennen, sollen Werke von Gottfried Böhm (u.a. das Rathaus in Bensberg, der „Mariendom“ in Neviges, die „Herz-Jesu-Kirche“ in Schildgen) , Karljosef Schattner (div. Universitätsbauten in Eichstätt) und Carlo Scarpa (u.a. die „Friedhofserweiterung Brion“ in San Vito d’Altivole/ Italien, der Museumsumbau „Castelvecchio“ in Verona/ Italien, der „Showroom Olivetti“ in Venedig/ Italien ) im Umgang mit dem Material und dem Bestand beispielhaft sein. Aber auch Mies van der Rohe (der „Barcelona Pavillion“, das „Farnsworth House“ in Plano Illinois/USA, die „Neue Nationalgalerie“ in Berlin), Le Corbusier (die „Chapelle Notre-Dame-du-Haut“ de Ronchamp 1951-1955/ Frankreich, das Doppelhaus in der Weissenhofsiedlung 1926-1927 in Stuttgart, die „Villa Savoye“ 1928-1931 in Poissy/ Frankreich, div. öffentliche Bauten in Candigarh/ Indien, die „Häuser Jaoul“ 1951-1955 in Neuilly-sur-Seine/ Frankreich), Frank Lloyd Wright (das „Solomon R. Guggenheim Museum“ in New York/USA, das „Haus Fallingwater“ in Pittsburgh/ USA, die „Johnson-Wax-Company“ in Racine bei Wisconsin/USA) und Walter Gropius (das „Fagus-Werk“ 1911-1914 in Alfeld an der Leine, das „Bauhaus“ und die Meisterhäuser 1925/26 in Dessau) sowie Adolf Loos (das „Haus Moller“ 1928 in Wien/ Österreich) haben hier mit Stahl, Glas, Ziegel und Beton Pionierarbeit in der Moderne geleistet. Ferner natürlich auch Werke von Alvar Aalto (u.a. die „Heilig-Geist-Kirche“ in Wolfsburg, das „Kulturhaus“ in Wolfsburg), Hans Scharoun (u.a. die „Philharmonie Berlin“ 1965-1963, das „Stadttheater Wolfsburg“ 1965-1973), Eero Saarinnen (der „JFK-Airport“ in New York/ USA, div. MIT-Gebäude in Cambridge/USA), Oscar Niemeyer (div. öffentliche Gebäude in „Brasilia“/ Brasilien, das „Museum für zeitgenössische Kunst“ in Niteroi bei Rio de Janeiro/ Brasilien), Luis Barragàn (das „Wohnhaus Barragàn“, „Las Arbodelas“, „Cuadra San Cristobal“, alle in Mexico City/ Mexico), Louis I. Kahn (das „Regierungsviertel Dhakar“ 1962-1983/ Bangladesch, das „Indian Institute of Management“ 1962-1974 in Ahmedabad/ Indien), Charles + Ray Eames (das „Case-Study-Haus Nr. 8“ in Pacific Palisades California/ USA), Richard Neutra (das „Haus Kaufmann“ 1947 in Palm Springs California/ USA, das „Haus Bucerius“ 1966 in Navegna im Tessin/ Schweiz). Aber auch aktuell gibt es ebenfalls eine Vielzahl sehr schöner, bemerkenswerter Architekturen, die den entspannten, sinnfälligen Umgang mit Form, Material, Kontext, Konstruktion und Funktion „en detail“ beherrschen. Soetwa die „Jakob-Kemenate“ in Braunschweig von O.M. Architekten, die „Neue Oper“ in Oslo von Snohetta, das Institusgebäude T in Bremerhaven von Kister Scheithauer Gross, das „Domenikuszentrum“ in München von meck architekten, der Glaspavillion der TU-Braunschweig sowie das Bergbauarchiv in Clausthal-Zellerfeld von gmp, die „Galeria Solare“ und das Studentenhaus im Rahmen der Stadtreperatur in Vila do Condo/ Portugal von Manuel Maia Gomez, die „Therme Vals“ in Graubunden/Schweiz von Peter Zumthor, die „Universitätsbibliothek Cottbus“ sowie das „Stellwerk SSB“ in Basel/ Schweiz von Herzog & de Meuron, das „Kunstmuseum Gallego“/ Spanien von Alvaro Siza, die „Church of the Light“ in Haraki bei Osaka/ Japan von Tadao Ando, die „Cooper Residence“ in Orleons/ Massachusetts sowie die „Cohn Residence“ und die „Gwathmey Residence“ in Amagansett bei N.Y/ USA von Gwathmey & Siegel, das „Neue Museum Berlin“ 1997-2009 sowie das “ River and Rowing Museum“ 1989-1997 in Henley-in-Thames/ England oder das „Liangzhu Museum“ in Liangzhu Cultural Village/ China von David Chipperfield, das „Vitra-Museum“ 1989 in Weil am Rhein von Frank O. Gehry, die „Feuerwache“ 1993 im Vitra-Werk sowie die „Bergstation Hungerburgbahn“ in Innsbruck/ Österreich von Zaha Hadid, die „Neue Synagoge Dresden“ 2001 sowie das „Jüdische Zentrum“ 2007 in München von  Wandel-Hoefer-Lorch, die „Feuerwache Heidelberg“ 2004-2007 sowie das „Haus W“ in Aachen 2005-1009 von Kulka + Urbanietz, das „Red House“ 2002 in Oslo/ Norwegen sowie das „White House“ 2006 in Strand/ Norwegen oder das „Dune House“ in Thorpeness/Suffolk/ England von Jarmund/ Vigsnaes,  das „Kew House 3“ in Australien von der Vibe Design Group, das „House in Ise“ 2010 in Mie/ Japan und der „White Tempel“ 2000 in Kyoto/ Japan von Takashi Yamaguchi, das Haus „Les Aventuriers“ 2007-2009 in Kanagawa/ Japan von Shun Hirayama Architecture und so viele weitere nationale wie internationale Beispiele mehr. Dennoch bleiben diese bemerkenserten wie vorbildlichen Gebäude nach wie vor die Ausnahme, verglichen mit den Millionen von Quadratmetern und Kubikmetern umbauten Raumes, die alljährlich im kleinen wie auch großen Maßstab neu-, an- und umgebaut werden.

Hierbei ist es meist nicht allein die Schuld „geiziger“ oder etwa „engstirniger“ Bauherren (den sogenannten Kunstbanausen) als vielmehr auch das künstlerische wie organisatorische Versagen oder Unterlassen der Architekten, auch mit wenigen Mitteln, unbequemen Bauherren oder unspektakulären Bauaufgaben wie kleinen Bausummen dennoch beispielhafte, schöne, ästhetisch befriedigende wie originelle Stadt-, Gebäude- und Raumlösungen auf´s Papier zu bringen und sie entsprechend mit guten Handwerkern und Baufirmen zu realisieren. Das hat auch etwas mit dem zunehmenden Zeit- und Kostendruck zu tun, unter dem vor allem größere Projekte meist leiden. Kreativität und Ideenreichtum wie auch Genialität und Kunstsinn/ Architektursinn läßt sich eben nicht mit der Stechuhr, in Schablonen oder über einen vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen generieren. Künstlerisches Talent und Begabung sind das eine . . . Erfahrung, Übung und Teamwork das andere, um den hohen komplexen Ansprüche von anspruchsvollen Gebäuden und Architekturen irgendwie gerecht zu werden. Überhaupt gibt es viel zu viele „billige“, ästhetisch aber ausdruckslose, einfallslose, im weitesten Sinne plumpe und ordinäre, meist industrialisierte Standardlösungen im Bauwesen, die tagtäglich -auch von den Profis- angewendet werden. Sei es, um die vermeindlichen Kosten zu minimieren oder aus purer Einfalls- und Ideenlosigkeit. Freilich kostet es den Architekten Zeit und Geld -sowie Know-How-, ein originelles, schönes, durchdachtes Detail für eine Treppenanlage zu entwerfen oder einen gelungenen Fliesenspiegel für ein WC oder Badezimmer anzureissen, der auch in das gestalterische Gesamtkonzept passt. Freilich, die Summe der zu treffenden Entscheidungen an und in einem Bauwerk ist imens groß, so daß Architekten gerne auf sogenannte Standard- und Systemdetails zurück greifen, die dann im Sinne des Bauherren oder Investors „kostengünstig“ und „erprobt“ in Serie verwendet werden können. Doch hiermit erfüllt man bestenfalls funktionale Ansprüche, nicht aber gestalterische, ästethische, sinnliche Ansprüche.

Immerhin gibt es Architekten, die sich vor dem ersten Strich zunächst einmal sehr intensiv mit dem Baugrundstück, dem Ort (genius loci) und dem unmittelbaren Kontext auseinander setzen. Es folgt dann die spezifisch auf den jeweiligen Ort abgestimmte „semantische“ Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe, aus der letztendlich dann die der Funktion entsprechenste Bautypologie abgeleitet bzw. entwickelt wird. Es macht daher keinen Sinn, eine bereits fertig entwickelte Bautypologie funktions- und ortsunabhängig x-beliebig zu reproduzieren. Architekturen lassen sich aufgrund der vielen unterschiedlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten (Ort, Topographie, Grün, Funktion, Bautechnik etc.) eben nicht universal „standardisieren“, will man dem jeweiligen Ort und der spezifischen Funktion respektvoll, vernünftig und angemessen begegnen. Wie aber nun reagiert man mit einem Bauwerk und einer Funktion „angemessen“ auf einen Ort? Etwa, in dem man den Maßstab, die Struktur und die charakteristische Körnigkeit des Ortes berücksichtigt, indem man (natur-) gegebene Besonderheiten eines Ortes unbebaut läßt und diese sogar noch durch das Bauwerk hervorhebt und verstärkt, indem man Material und Farbe sorgsam in Beziehung zur Landschaft und Umgebung setzt, indem man auf die vorhandene Topographie reagiert und mit ihr arbeitet, gegebenenfalls sogar neue, raumbildende Topographie schafft, erhaltenswerte wie schöne Grün- und Baumbestände räumlich wie funktional integriert, indem man baukörperlich wie auch mit den Materialien auf die klimatischen Besonderheiten eines Ortes regaiert usw. Wie nun funktioniert eine „semantische“ Auseinandersetzung mit dem Ort und der Bauaufgabe? Etwa, indem man den Rang und die Bedeutung des Ortes wie auch des Gebäudes definiert, indem man den Takt, den Rhytmus, die Harmonie, die Melodie und Lautstärke definiert, indem man Wünsche, Bilder, Sehnsüchte, Phantasien und Bedürfnisse der Menschen formuliert und artikuliert, indem man eine räumliche Vorstellung (Leitbild, Motiv) skizziert, wie wir Menschen gerne Leben wollen usw. Und schliesslich funktionale Überlegungen, welche und wieviele Innen- und Aussenräume welcher Größe wir auf welche Art und Weise nutzen und zueinander organisieren wollen, welche Räume für unser Leben, Wohnen und Arbeiten eine besondere Bedeutung haben, welche Räume oder Orte eine untergeordnete Rolle spielen, wie wir Räume miteinander verbinden, öffnen oder abgrenzen wollen, wie wir Ein- und Ausblicke, das Private und das Öffentliche gestalten wollen, wie wir Technik integrieren, Wege und Zugänge platzieren usw.  All das zu überlegen ist für sich genommen schon ziemlich viel, fließt aber letztendlich ganz konkret und ablesbar als Summe vieler einzelner Entscheidungen und Überlegungen in ein gutes Gebäude ein. Diese hohe Komplexität zu beherrschen ist vielleicht eine Kunst, vor allem aber das Ergebnis eines vielschichtigen, mehrdimensionalen, hochvernetzten Denkens, wofür man als Kreateur (Architekt) viel Zeit, Muße, Erfahrung, Wissen und Fleiß benötigt.

vom verlust des raumes

Dienstag, Juli 5th, 2011

Ein wesentliches Merkmal aller herausragenden Architekturen bis zu Beginn der „Moderne“ ist der plastische, raumbildende Umgang mit den vornehmlich massiven Bauteilen. All das, was uns die griechische, später dann auch die römische Baukunst neben ihrem reichen, künstlerischen Schmuckwerk und Dekor nebst der Kunst der rechten Teilung (Proportionen) an Schönheit überlassen hat, würde ohne diese innen- wie aussenraumbildenden Elemente nicht funktionieren. Diese besonderen, den Gebäuden „Tiefe“ und Kraft gebenden Zwischenräume wirken vor allem durch das komplexe Zusammenspiel von frei gestellten Stützen (Säulen) oder Pfeilern, die mit Wänden, Balken und meist gewölbten Decken als „gebundenes System“ zu wunderschönen Arkarden, Loggien und Portalen geformt sind, an denen die Sonne ihren Schatten werfen kann. Innenräumlich wurden durch Reihen von Säulen insbesondere beim Typus der Basilika mehrschiffige Grundrisse räumlich fein differenziert sowie durch Kuppeln, Kreuzgewölbe wie auch kassettierte Decken (Balkendecken) plastisch im Deckenbereich fortgeführt. Obwohl bei einem Amphietheater die kreisrunde oder ovalen Form  von aussen betrachtet eine recht plumpe Körpergeometrie aufweist, gelang es den Baumeistern, die monumentale Fassade durch Ausbildung mehrgeschossiger Arkaden, also von Säulen oder Pfeilern getragene Bögen, räumlich und plastisch zu differenzieren und zudem der Fassade mit den aneinander gereihten Rundbogenöffnungen ein unverwechselbares Motiv zu geben. Dieses raumbildende Arkaden-Motiv wurde auch bei den die Landschaft bildlich prägenden, römischen Aquädukten sowie einigen Brückenbauwerken angewendet. Ferner finden wir es auch bei den monumentalen Triumpfbögen oder den großzügigen Eingangsportalen bedeutender Bauwerke wieder, feiner differenziert und im kleineren Maszstab dann auch bei Fensteröffnungen, Hauseingängen und Loggien von Wohngebäuden. Diese monumentale, zudem motivgebende Plastizität von Massivbauten mit überwiegend platonischen Körpern findet sich später bereits entmaterialisiert auch noch in den gotischen Bauwerken mit ihrem statisch wirksamen System von filigranen Strebepfeilern und Maszwerk wieder. Hier wohl seit der Antike der erste Versuch, die bis dato massive, solide Konstruktion (hoher Materialaufwand, hoher Flächen- und Raumverbrauch der Konstruktion) statisch so weit wie möglich zu entmaterialisieren und dem quasi ausgehöhlten Innenraum nicht nur formal eine neue Qualität von räumlicher Leichtigkeit und Weite zu verschaffen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, mit filigranem Maszwerk und Glasscheiben erstmals große Öffnungen in den Wänden anzulegen, die den Innenraum mit Licht fluten.

Aus überwiegend technischen, rationellen wie ökonomischen, zum Teil auch energetischen Überlegungen haben wir jedoch heute diese Form der architektonischen wie auch städtebaulich bedeutenden Raumbildung nahezu aufgegeben und durch überwiegend „plane“ Fassaden sowie überwiegend kompakte Baukörper ohne nennenswerte Ausbildung von Zwischenräumen (Atrien, Höfe, Gassen, Platzfolgen, Hallen, Säulengänge, Balkone, Loggien etc.) ersetzt. Lediglich die bewußte Trennung von Tragwerk (Stützen, Pfeiler) und Fassade (Curtain-Wall) hat hier noch zu einem „neuen“ räumlichen Zwischenspiel der Bauelemente beigetragen, kann aber räumlich nicht an die signifikante Expressivität der griechischen oder römischen Monumentalbauwerke heranreichen. Freilich sind monumentale Bauwerke aus Stein -und kaum andere, zudem „wehrhafte“ Materialien standen den alten Baumeistern dieser bedeutenden Epochen neben Holz zur Verfügung- konstruktiv wie statisch vollkommen anders zu bewerten als neuzeitliche, statisch minimierte Stahl- oder Stahlbetonbauten mit nahezu entmaterialisierten Glasfassaden oder mehrschichtig aufgebauten Fassaden und Hüllflächen. Doch nicht nur die materielle Minimierung der konstruktiven Bauteile (Wände, Stützen, Decken) hat den Bauwerken ihre innen- wie außenräumliche Plastizität durch Tiefe und Masse geraubt. Auch die Oberflächengestaltung ist innen wie aussen auf überwiegend „plane“, möglichst großformatige, meist fugenfreie, pflegeleichte Flächen reduziert worden.

So etwa ist der relieffartige Langzeitverbund von Schrift bzw. Zeichen/ Symbol und tragendem Material, also der „Gravur“, durch zweidimensionale, hauchdünne,  mehr oder weniger transparente, farbige, jederzeit austauschbare „Klebefolie“ (als Nachfolger der ebenfalls zweidimensionalen Mal- und Lackiertechnik) gewichen. Räumlich wirkende Geländer und Zaunanlagen, die ehemals noch kunstvoll sowie reich an Formen und Ornament handwerklich geschreinert, gedrechselt oder geschmiedet wurden, sind durch industriell fabrizierte, gleichmäßig angeordnete, uniforme Drähte, Seile, Stäbe oder dünne Platten/ Bleche reduziert worden. Letztendlich hat u.a. die Pop Art der 1960´er und 1970´er Jahre das „Plakative“ und seriell herstellbare wie kopierbare nicht nur in die Kunst, sondern auch in das Design und -kaum vorstellbar- in die ja vornehmlich auf „Raum“ und „Konstruktion“ ausgerichtete Architektur getragen. Der Mangel bzw. das Fehlen von (materiell begrenztem) Raum wurde durch Begriffe wie „Transparenz“ und der Vorstellung vom „fließenden Raum“ (plan libre) ersetzt. Und tatsächlich haben wir mit der Loslösung vom überwiegend geschlossenem, massiven wie monumentalen „Einraum“ mit Fenstern und Türen hin zum entmaterialisierten, fließenden, vollverglasten, wie von Zauberhand getragenen „plan libre“ eines Le Corbusiers oder den in wunderbaren Scheibenkompositionen aufgelösten „Barcelona Pavillion“ eines Mies van der Rohes urplötzlich eine ganz andere, vollkommen neue, befreiende Raum- wie auch Bauteilerfahrung dazu gewonnen. Die Qualitäten von Transparenz, kontrollierbarer bzw. individuell regulierbarer Weite und Tiefe durch großformatige, manchmal auch nur verspiegelte Glasflächen und die Befreiung von statischen wie auch konstruktiven Zwängen (stüzen- und wandfreie, nahezu endlos weitspannende Räume) ist letztendlich der Beginn wie zugleich in seiner extremen Gegenhaltung zum monumentalen Massivbau der vorangegangenen Jahrtausende auch schon der Höhepunkt der sogenannten „Moderne“.

Die Rolle des Raumes in der Architektur ist mit dem Vorhandensein dieser beiden Extreme (maximale Transparenz vs. maximale Massivität) quasi mathematisch-physikalisch-chemisch seit beinahe mehr als 80 Jahren in ihren Potentialen theoretisch wie praktisch erschöpft und kann sich seit dem nur noch irgendwo dazwischen, wenn auch sehr vielfältig in der Bandbreite alter wie neuer Materialien und Materialkombinationen variieren wie thematisieren. Das einzige, was noch ein Novum sein kann, ist der raumzeitliche Umgang mit Materie (also der Vorstellung von „Immobilie“ als etwas im Raum statisch festes, zeitlich dauerhaftes, örtlich unverrückbares), wenn zum Beispiel die maximale Transparenz selbst zu einem Monument wird (Kristall, Diamant) oder dazu analog unsere tonnenschweren Pyramiden das Fliegen anfangen. Auch der Maßstab -man denke an membranüberdachte Städte oder Orte, wie sie Buckminster Fuller bereits vor 60 Jahren visionierte- wird uns im Vergleich zu den weiten Bahnhofshallen, Fabrikhallen, Stadien und Messehallen nicht wirklich eine neue Raumerfahrungen bringen. Wohl aber der schnelle, unkontrollierbare Wechsel von Raumeindrücken, möglicherweise sogar auch von ganzen Bauteilen, Fassaden und Oberflächen, wenn wir uns etwa mit temporären wie dynamischen Bauwerken befassen oder Oberflächen sich zu permanent ändernden Screens, Projektions- und Werbeflächen verwandeln. Ein Bauwerk ist dann weder räumlich noch funktional etwas kontinuierliches, statisches und abgeschlossenes (im Sinne einer materiellen, örtlichen „Setzung“), sondern etwas prozesshaftes, wandelbares, stets veränderliches. Diese Form von plakativer, temporärer, auf Geschwindigkeit und Fernblick ausgerichteter „Kulissenarchitektur“ wurde u.a. in den 1960´er und 1970´er Jahren vor allem in Las Vegas etabliert („Der dekorierte Schuppen“, Robert Venturi, Denise Scott Brown). In einer Welt der Symbole und Zeichen reicht ein „anständiges“ Gebäude der Form und Typologie nach allein nicht mehr aus, um seinen Zweck oder Inhalt mit den bescheidenen Mitteln der Architektur zu repräsentieren, zu kommunizieren. Schrift und Zeichen, Symbol, Farbe und Licht haben seitdem immer mehr an Bedeutung bei der scheinbar allein auf Kommunikation und Werbung gerichteten Gestaltung des öffentlichen Raumes dazu gewonnen. Das, was ehemals die signifikanten Kirchtürme für die Stadtsilhouette waren, später dann die Hochhäuser und Wolkenkratzer, sind heute gigantisch große, meist leuchtende Werbebanner an den glatten Glas- und Blechfassaden unserer modernen Konsumkisten neben der Autobahn. Aber auch die Fassaden der Innenstädte sind -und dies bereits seit den 1950´er und 1960´er Jahren- mehr oder weniger zugekleistert mit konkurrierender, meist agressiver, um jeden Preis Aufmerkasamkeit erhaschender Leuchtreklame, Werbebannern und aktuell großformatigen, digitalen LED-Displays, auf denen sich auch Filme und Videos abspielen lassen. Die Innenstädte von Tokyo, Shanghai oder Las Vegas würden bei Dunkelheit ohne Licht und Strom nicht funktionieren.

Was bleibt, ist hier als Paradigmenwechsel allein die vollständige Loslösung von Materie und Raum, die in diesem Falle nur virtuell und künstlich, also als vom Menschen kreierte, digitale Kunstwelt hergestellt werden kann. 3d-Hologramme etwa simulieren optisch wie auch sinnlich, vor allem aber in der Wirkung emotional wahrnehmbaren Raum jenseits unserer tatsächlichen, physikalisch-chemisch begrenzten Möglichkeiten auf der Oberfläche Erde. Längst haben Programmierer von Spielen und digital erstellten Filmen (Science Fiction, Animationen etc.) damit angefangen, solche virtuellen, quasi phantastischen Räume, Objekte, Scenen wie auch Handlungen zu entwerfen, sie digital für unsere Sinne abzubilden und auch durch Simulatoren (z.B. Flugsimulator) physisch für uns erfahrbar zu machen. Tatsächlich wird diese Technologie der virtuellen, digitalen Simulation und vor allem der „visuellen Projektion“ zunehmend unseren Alltag beherrschen. Und dies nicht, weil wir es wirklich wollten, bräuchten, für sinnvoll oder gar schön hielten, es also unseren tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen würde, sondern allein, weil u.a. die Wirtschaft, die Industrie mit ihrem dem Mensch innenwohnenden Zwang, Drang und Mechanismus des ewigen Erfindens und Optimierens „ohne“ diese technischen Innovationen ihren Antrieb und damit ihre Legitimation verlieren würde. Der phantastische, nahezu grenzenlose „Schein vom Sein“ wird etwas sein -und war es übrigens schon immer- , was uns Menschen sehr stark beschäftigt und interessiert, solange wir dabei nicht vergessen, daß es neben dieser vielversprechend grenzenlosen Scheinwelt noch eine reale Welt der einfachsten stofflichen, physischen Bedürfnisse gibt. Welche Bedeutung haben dann noch Gebäude, außer, einen physischen, geschützten Ort anzubieten, der dann beliebig und variierend mit digitalen Scheinwelten projeziert und bespielt wird? Und warum konventionell eine massive Wand als neutrale Projektionsfläche bauen, wenn die Wand selbst bereits aktives „Medium“ für den „Informationen“ sinnenden und saugenden, vielmehr „sehenden“ Menschen sein kann? Freilich: „Licht“ ist nicht alles, doch für uns Menschen offensichtlich das ideale und effizienteste Kommunikations- und Orientierungsmedium im Raum und Gedanken. Darum wird moderne Architektur im 21. Jahrhundert -wie Julius Posener es bereits für das 20. Jahrhundert festgehalten hat, ausschliesslich und überwiegend mit kommunikativen, medialen Bauelementen arrangiert. Und dies nicht wie gewohnt immobil, sondern flexibel, austauschbar, mobil und auch dynamisch. Der geschlossene, statisch fest verortete Raum wird im Zeitalter der Lichtgeschwindigkeit, der synchronen Kommunikation und Miniaturisierung unserer Objektewelt kaum noch Bedeutung, vielmehr Interesse haben. Stattdessen maximale Auflösung von Grenzen und Hindernissen, maximale Aufweitung des Raumkontinuums, Raumgewinn durch Skalierung und Maszstabswechsel. Die dazugehörigen Bauelemente werden multifunktional sein, mehr wandelbares wie bespielbares Medium als solides, selbstreferentielles Tragwerk.

Natürlich bleibt der geschützte Raum, den wir nach wie vor benötigen, eine Angelegenheit der Kostruktion und Materie, die aber immer weiter reduziert und zunehmend mit anderen Funktionen durchdrungen und überlagert sein wird. Die Effizienz von Bauteilen wird nicht nur wegen der Ressourcenknappheit und damit verbundenen Kosten ein wichtiges Thema spielen. Wenn wir z.B. transluzente Dächer aus hauchdünnen, weit über den Raum spannenden Membranen fertigen können, läßt sich das Flächengewicht und damit letztendlich der Materialverbrauch je Quadratmeter Dachfläche von derzeit vielleicht 100 bis 150 kg auf vielleicht 2 kg/m² und weniger reduzieren. Damit könnte auch die bisher massive Tragkonstruktion durch statisch optimierte Pylone und weitspannende Seile extrem minimiert werden. Die Membran selbst kann nun so augebaut sein, daß sie sowohl das Sonnenlicht in Strom umwandelt (Photovoltaik) und dazu noch durch Veränderung der molekularen Dichte von transparent bis opak die Sonneneinstrahlung und das einfallende Licht wie auch den Energiedurchlass reguliert. Natürlich kann sie auch mit LED´s bestückt selbst zur flächigen Leuchtquelle wie auch zur lichtreflektierenden Projektionsfläche werden. Und zuletzt kann diese Membran je nach Witterung und Nutzung oder für Reperaturen schnell und lautlos eingefahren bzw. eingerollt werden. Stromleitende, interaktive Spezialkunststoffe können all dies bei minimalsten Ressourcenverbrauch. Mit den selbstleuchtenden, energieregulierenden wie statisch extrem festen wie wandelbaren Leichtbaukunststoffen werden auch Autos und Flugzeuge gebaut. Natürlich dann auch auch Häuser und Gebäude. Wer dennoch Sehnsucht nach handfestem „Erdmaterial“ jenseits der molekularen Strukturen hat, besucht einfach das weltgrößte Museum für Bau- und Architekturgeschichte: nämlich nach wie vor unsere Erde.

Ob diese Welt der neuen Technik uns Menschen vollkommen und optimal befriedigen wird, kann jedoch schon heute mit Recht bezeifelt werden. Selbstverständlich können wir Menschen lernen, in künstlichen Räumen mit künstlichen Materialien und virtuellen Projektionen zu leben, zu überleben. Doch Natur und Lebendigkeit bleiben als Referenz für den Menschen nach wie vor die bestmöglichen Erfüller unserer Psyche, unserer Seele und unserer Sinne. Die Natur zu simulieren, sie zu imitieren, ist freilich denkbar, um der seelenlosen Sterilität von Kunstlicht und Kunststoff wenigstens etwas irdisches mit auf den Weg zu geben. Doch ästhetisch sind wir Menschen nicht so leicht in die Irre zu führen, wie das Beispiel der perfekt imitierten Laminatböden und Resopalmuster leicht zeigt. Sobald wir Menschen um den sinnlichen „Betrug“ wissen, bekommt die ganze Anstrengung etwas „billiges“, kulturloses und wertloses mit auf den Weg. Eines der größten Probleme, daß die Baustoffindustrie mit den neuen High-Tech-Produkten hat, ist das Fehlen von Varianz, Porösität und Körnigkeit. Diese ist zum einen aus funktionalen Gründen natürlich nicht gewünscht (Hygiene, Schmutzresistenz, Leitfähigkeit von Flüssigkeiten etc.), zum anderen ist sie durch maschinelle Fabrikationsprozesse quasi vorbedingt (Walzen, Ziehen, Pressen, Giessen, Lackieren etc.). Wie stark wir uns dennoch nach den „Löchern“ sehnen, macht das abstruse Beispiel der industriell gelöcherten, geknickten, sandgestrahlten, beinahe vollkommen zerstörten Jeansstoffe deutlich. „Gebrauchsspuren“ sind etwas, was wir Menschen durch Respekt und Wissen um die Geschichte als etwas wertvolles erachten und schätzen. Ein nagelneuer Teddybär hat keinen Wert verglichen mit dem über die Jahrzehnte stark abgenutzten Lieblingsteddy. Perfekte Technik kann uns zumindest seelisch und emotional nicht wirklich glücklichen machen. Hier sind wir Menschen quasi ambivalent, vielleicht, weil im Leben selbst das Werden stets mit dem Vergehen, mit dem Zerfall verbunden ist. So haben wir einerseits Sehnsucht nach dem ewigen Leben, nach der Perfektion, nach dem Absoluten, wissen aber auch, dass dieses „Diamantenleben“ naturgegeben nicht möglich ist und zudem ahnen wir um seine Kälte und Unlebendigkeit. Hier mag es unserer eigene Angst vor dem Vergänglichen sein, die uns die wahre Qualität und den Wert der „Geschichte“, der Patina und des Alterns verstellt. Zum Glück haben wir in der Architektur noch genügend solcher Bauwerke, die uns von diesem „Altern“ des mit Lebensgeschichten begleiteten Stofflichen erzählen. Der Ort ist wichtig für die Erinnerung. Der Raum ist wichtig für die Erinnerung. Ohne diese mit dem Ort und dem Raum verknüpfte Erinnerung sind wir Menschen „leer wie eine Flasche“. Metaphysisch ist der Raum dazwischen, die Nische, etwas zutiefst existentielles. Der Zwischenraum, die Fuge, die Pore, die Höle gibt uns Schutz und Sicherheit. Je glatter und raumloser wir nun unsere Umwelt gestalten, desto mehr negieren wir symbolisch wie formal dieses Prinzip des in der Nische sich einnistenden und werdenden Lebens. Auch, wenn wir den aufrechten Gang beherrschen und das Wissen um die Welt uns viel Angst genommen hat, sind diese vielleicht archaischen Instinkte und Bedürfnisse nach geschlossenen, schützenden, beherrschbaren Räumen immer noch in uns Menschen vorhanden. In einem Glashaus öffentlich zu leben, ist sicherlich ein Abenteuer und eine Herausforderung wert, widerspricht auf lange Sicht derzeit jedoch unserem kulturellen Habitus. Zumindest haben wir diese Form der räumlichen Haltlosigkeit (noch) nicht in unserer Kultur vorgesehen. Diese kompromisslos „offene“ Kultur müßten wir Menschen erst noch schaffen, dass sie tatsächlich normative, kulturelle Kräfte auf unsere Bewertungsmuster entfaltet. Dazu würde auch der Verzicht auf Eigentum und Besitz, den es ja (räumlich) zu schützen gilt, entfallen. Auch unsere körperliche Scham, unsere ganze Intimität müßten wir aufgeben. Das Verbergen, Verstecken und Geheimhalten ist dennoch eine Kunst des Seins, die uns Menschen ganz gut zu befriedigen mag. Was aber soll an diese Stelle treten, wenn das „Verborgene“, der Schleier, das Unscharfe und Undeutliche keinen Reiz mehr haben soll?

Quantitativ betrachtet ist die Entwicklung moderen, aktueller Architektur zumindest in Europa natürlich in der unzähligen Masse von vorhandenen alten, konventionellen Bauwerken wie Städten und Stadträumen nicht oder nur kaum relevant. Anders sieht es in den neuen Supermetropolen und gigantischen Neubauprojekten Chinas oder Indiens aus. Hier können und werden tatsächlich im großen Maßstab komplett neue Strukturen geschaffen , ohne sich mit dem Alten auseinander setzen zu müssen. Wie diese neuen Welten als gebaute Utopien dann aussehen, kann man zum Beispiel in Dubai, Shanghai oder Singapor studieren. Auch, wenn diese neuen Städte und Gebäude immer noch jede Menge Reminiszensen an die „Alte Welt“ haben, versuchen sie zumindest im Maßstab und den neuen Materialien und Techniken dem gewohnten Formalismus zu entkommen, sofern wirtschaftliche Überlegungen auch hier immer wieder zu den gleichen, bekannten Lösungen zwingen. Doch was ist das für ein urbaner Raum, in dem ein „selbstverliebter“ Bubble auf den anderen folgt und allein über skulpturale Form und illuminierte Oberfläche zu beeindrucken versucht? Hier fehlen im Städtebau noch Strukturen, diese neuen Gebäudeformen und Typen zu einem ganzen Gebilde zu fügen. Doch diese Unfähigkeit, den öffentlichen Raum irgendwie über die bloße Funktion hinaus auch ästhetisch und künstlerisch „zusammenhängend“ zu gestalten, liegt nicht an den Bubble-Architekturen oder sonstigen modernen Entwürfen, sondern generell an fehlenden, übergreifenden Gesamtkonzepten. Selbst bei kleinsten Neubausiedlungen passiert meist immer das, was jedem Städtebauer und Architekten an seiner Kunst und gesellschaftlichen Aufgabe als Gestalter von Räumen zweifeln und verzweifeln läßt: eine bunte Potterie von „individuellen“, die Umgebung nicht weiter respektierenden Stilen, die weder Form-, Typologie- noch Materialzusammenhänge erkennen läßt. In der Musik nennt man das eine Kakaphonie. Im Städtebau ist es die Verwirklichung der eigenen Träume, etwa mit dem Landhaus im toskanischen Stil, dem Sylter Haus mit Fledermausgauben oder auch dem sogenannten Architektenhaus im Bauhausstil usw.! All das darf sich baurechtlich und zivilrechtlich fein nebeneinander reihen als ultimative Präsentation des „Guten Geschmackes“. Darum ist der Verlust des Raumes etwas, was im Grunde schon mit Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hat, als die Baumeister ihr Gestaltungsmonopol mehr oder weniger, aber Stück für Stück an die private Wirtschaft, an die Bauindustrie wie später dann auch an demokratische Verfahren eines neuen Rechtsstaates abgegeben haben. Demokratien und Rechtssysteme sind freilich nicht verwerflich, wenn denn die Entscheider, Gesetzgeber und Volksvertreter auch „kompetent“ auf ihrem Gebiet sind und ein lanfristig angelegtes Konzept als Rahmenstruktur mit auf den Weg geben.

entwurf einer treppe

Freitag, Juli 1st, 2011

Um die Schwierigkeit des Entwerfens und dessen syntaktische wie semantische Komplexität einmal anschaulich zu machen, soll dieser Prozess des Entscheidens hier am Beispiel einer einfachen Treppe demonstriert werden. Zunächst fangen wir mit den konstruktiven und funktionalen Fragen an und vertiefen uns schließlich in Fragen der Details, Materialien und Oberflächen:

– Wo soll die Treppe beginnen, wo soll sie hinführen?
– Optimale bzw. ideale Lage der Treppe im Grundriss?
– Einläufig oder mehrläufig mit Podest ausgeführt?
– Gerader, gebogener, geknickter oder gewendelter Treppenlauf?
– Treppe frei im Raum oder entlang einer Wand?
– Wie breit soll die Treppe sein?
– Wieviele Personen benutzen die Treppe gleichzeitig?
– Welche Personen (Kinder, Alte) benutzen die Treppe?
– Maximale Läne des Treppenlaufes bis zum nächsten Podest?
– Wie groß/ tief sollen die Podeste ausgeführt werden?
– Aus welchem Material sollen die Podeste ausgeführt werden?
– Lezte Stufe vom Bodenbelag bzw. Podest differenziert?
– Treppe am Antritt und/oder Austritt mit Aufweitung?
– Wie steil darf die Treppe sein? Maximales Steigungsmasz?
– Baurechtliche Bestimmungen zur Breite und Steigung der Treppe?
– Treppe massiv oder mit Unterkonstruktion?
– Statischer Querschnitt des massiven Unterlaufes?
– Unterlauf gerade/ treppenförmig verlaufend?
– Unterlauf und Seiten: verputzt/ verkleidet/ Sichtbeton?
– Stufenbelag flächenbündig mit Putzebene? Auskragung?
– Fugenausbildung zwischen Putz und Stufen?
– Seitl. Randeinfassung der Stufen über Stahlprofile?
– Seitliche Auflager der Trittstufen untermauert? Konsolen?
– Unterkonstruktion aus Holmen oder Wangen? Querschnitt?
– Auflager der Holme oder Wangen am An- und Austritt?
– Trittstufen einachsig, zwei- oder mehrachsig gelagert?
– Position der Holme, Wangen: seitl., mittig, eingerückt?
– Trittstufen ggfs. mit zusätzlicher, statischer Verstärkung?
– Zusätzliche Konstruktion der Stufen sichtbar/verdeckt?
– Stufen evt. einzeln an Stäben oder Seilen abgehängt?
– Aus welchem Material bestehen die Seile/ Stäbe?
– Welcher Querschnitt soll für die Seile/ Stäbe gewählt werden?
– Wie werden die Seile/ Stäbe an den Trittstufen befestigt?
– Stufen an der Umwehrung abgehängt oder eingespannt?
– Stufen als Kragarm (z.B. seitl. eingespannt) ausgebildet?
– Material der Unterkonstruktion der Trittstufen?
– Material der Trittstufen/ Setzstufen?
– Wie sind die Kanten der Trittstufen ausgebildet?
– Trittstufen mit einem rutschsicheren Profil?
– Rutschsicher Oberfläche der Trittstufen?
– Treppe mit geschlossenen Setzstufen?
– Stufen mit Unterschnitt?
– Treppe einseitig/ beidseitig umwehrt?
– Höhe der Umwehrung bzw. des Handlaufes?
– Mehrere Handläufe (niedrigere Höhe für Kinder)?
– Material des Handlaufes?
– Querschnitt des Handlaufes?
– Seitliche Befestigung des Handlaufes an Wänden/ Geländer?
– Wie soll der Handlauf an den Treppenenden fortgeführt werden?
– Material der Unterkonstruktion für das Geländer?
– Befestigung der Geländerpfosten an Treppe/Treppenlauf?
– Material und Querschnitt der Füllung?
– Transparente, semitransparente, opake oder gemischte Füllung?
– Füllung massiv, aus Platten, Stäben, Seilen, Blechen, Rosten?
– Befestigung der Füllung an Pfosten bzw. tragenden Bauteilen?
– Geländerstäbe, -Seile, Roste etc. verikal/ horizontal/ schräg?
– Max. Abstände zwischen den Stäben, baurechtliche Vorgabe?
– Abstand zwischen Füllung und Handlauf bzw. Trittstufe?
– Ausbildung Geländer am An-u. Austritt (Treppenauge, Podest)?
– Darf die Konstruktion frei „schwingen“?
– Trittstufen mit Trittschallschutz?
– Brandschutzanforderungen an die Treppenkonstruktion?
– Beleuchtung an den Geländern oder Stufen?
– Lackierung der Konstruktion/ Füllung? In welcher Farbe?

Wie man leicht erkennen kann: „Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ Natürlich könnten wir unsere Treppen auf zwei oder drei bewährte und übliche Konstruktionsarten „konventionell“ reduzieren, was aber dazu führen würde, dass alle Treppen mehr oder weniger gleich aussehen. Tatsächlich gibt es diese „standartisierten“ Katalog-Treppen aus Holz, Stahl oder Stahlbeton, einläufig, mit Podest oder gewendelt mit frei wählbaren Materialien, Querschnitten, Füllungen, Handläufen usw. Dieses Beispiel soll nur exemplarisch zeigen, wieviele Fragen zunächst einmal gestellt und beantwortet werden müssen/ können, um letztendlich eine Treppe bauen zu können. Ähnlich viele Fragen bzw. komplexe Zusammenhänge ergeben sich auch beim Gestalten/ Entwerfen eines Fensters, einer Tür, eines Möbelstücks oder der Einrichtung einer Küche oder eines Badezimmers. Um nun zu „neuen“ Lösungen zu kommen, müssen auch neue, andere Fragen gestellt werden, die wiederum durch neue oder andere Materialien und Konstruktionen gelöst werden können. Im Falle der Treppe könnten wir aktuelle Materialien auf ihre Brauchbarkeit bzw. Verwendung überprüfen. So etwa können unterschiedlichste Bleche als durchgehender Treppenlauf gefaltet bzw. gekantet werden. Blechtafeln könnten, anstatt sie zu schweißen oder zu schrauben, mit modernen Klebern „geklebt“ werden. Diverse Kunststoffe könnten mit zugfesten Carbonfasern zu extrem dünnplattigen Treppenläufen vergossen, gepresst oder kaltverformt werden (Kunststoffschalenbau). Statt massiver Hölzer für die Trittstufen könnten aus dünnen Funieren zusammengeleimte, extrem stabile Mehschichtplatten (Multiplex etc.) verwendet werden. Um noch dünnere Querschnitte zu bekommen, könnten die Platten mit Carbonfasern oder modernen, zugfesten Textilien armiert werden. Die unerwünschte Durchbiegung oder das Brechen von massiven Platten (Stein, Holz) könnte durch aufgeklebte bzw. eingelassene Stahl- oder Aluminiumprofile wie auch textile Armierung vermieden werden. Konventionelle Stahlbetonläufe könnten durch den Zusatz von zugfesten Fasern (Faserbeton) noch schlanker gestaltet werden. Ein gefalteter Treppenlauf kann beispielsweise auch aus kraftschlüssig verleimten, dünnen Holzplatten, Funierplatten oder sonstigen Holzquerschnitten hergestellt werden (analog der Herstellung von Brettschichtholz BSH). Trittstufen können aus Verbundsicherheitsgläsern hergestellt werden. Geländer und Handlauf können pfostenlos aus einseitig, an der Unterseite linear eingespannten Verbundsicherheitsglasscheiben (VSG) oder auch Acrylglasscheiben ausgeführt werden. Geländer können aus dünnen, extrem leichten Steg- oder Wabenplatten aus (gefärbten) Polycarbonat etc. hergestellt werden. Textile Mebranen können als seilgespannte Geländerfüllung verwendet werden. Die neuen Anwendungsmöglichkeiten von LED´s erlauben eine direkte Integration der Leuchtmittel in die (transluzenten) Bauteile. Denkbar sind auch hydraulisch über einen Teleskopmechanismus in die Wände einfahrbare Trittstufen. Aber auch „Zweckentfemdung“ von Baustoffen kann zu neuen Lösungen führen. So könnten Kunststoffrohre, wie sie üblicherweise für Ab-/Wasserleitung verwendet werden, Bambusrohre oder auch Stahrohre aus dem Gerüstbau für die Treppenkonstruktion verwendet werden. Auch U-Profile, wie sie üblicherweise für den Trockenbau verwendet werden, könnten als Unterkonstruktion für die gesamten Treppe verwendet werden. Die gesamte Treppe einschließlich Geländer könnte komplett ohne Träger (Wangen, Holme etc.) an vertikal abgespannten Seilen montiert werden. Das Geländer könnte – wie Günther Behnisch es Anfang der 1990´er Jahre beim Deutschen Bundestag in Bonn getan hat- aus einem wilden Verbund von Latten wie ein  Art „Treppennest“ konstruiert sein. Auch „Schiebbare“, also mobile Treppen, wie man sie etwa zum Besteigen von Flugzeugen kennt, könnten unsere klassischen, „immobilen“ Treppen zum Vorteile flexibel nutzbarer Grundrisse ersetzen. Solange die Treppe sicher und komfortabel zu benutzen ist, ihre sichere Konstruktion uns das Abtragen der Lasten plausibel macht oder uns wie von Zauberhand getragen zum Staunen bringt, kann eine Treppe ohne Vergleich der Kosten und Aufwendungen nicht besser oder schlechter im Sinne von Richtig oder Falsch sein. Wohl kann ihre Rafinesse, ihre Ästhetik, ihr Design und ihre handwerkliche Machart einen qualitativen Wert vermitteln, der unsere individuellen Vorlieben jenseits aller physikalischen Funktionalität ausreichend befriedigt.

Letztendlich bestimmen neben der Statik und der Funktion vor allem ökonomische, rationelle wie auch ökologische Aspekte (Materialverbrauch, Ressourcen-Input, Recycelbarkeit etc.), mit welchen Materialien und Konstruktionsmethoden eine Treppe gebaut wird. Massive Treppen (Stein, Beton) haben zum Beispiel den Vorteil, den Trittschall durch den hohen Anteil an Masse bestmöglich zu reduzieren. Nachteilig hingegen bei Ortbetontreppen der relativ hohe Arbeits- und Zeitaufwand beim Einschalen, Betongießen, Ausschalen sowie Nachbehandeln der Oberflächen vor Ort. Relativ exakt vorgefertigte Betontreppen hingegen müssen bereits während des Bauprozesses (Baulogistik) mit Krananlagen in das Bauwerk eingebracht werden. Holz- oder Stahltreppen (Wangen- oder Holmtreppen) hingegen können -ebenfalls exakt in leicht zu transportierenden Einzelteilen vorgefertigt- innerhalb weniger Stunden auch nach Abschluss der Rohbauarbeiten noch vor Ort montiert werden.