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entwurf einer treppe

Freitag, Juli 1st, 2011

Um die Schwierigkeit des Entwerfens und dessen syntaktische wie semantische Komplexität einmal anschaulich zu machen, soll dieser Prozess des Entscheidens hier am Beispiel einer einfachen Treppe demonstriert werden. Zunächst fangen wir mit den konstruktiven und funktionalen Fragen an und vertiefen uns schließlich in Fragen der Details, Materialien und Oberflächen:

– Wo soll die Treppe beginnen, wo soll sie hinführen?
– Optimale bzw. ideale Lage der Treppe im Grundriss?
– Einläufig oder mehrläufig mit Podest ausgeführt?
– Gerader, gebogener, geknickter oder gewendelter Treppenlauf?
– Treppe frei im Raum oder entlang einer Wand?
– Wie breit soll die Treppe sein?
– Wieviele Personen benutzen die Treppe gleichzeitig?
– Welche Personen (Kinder, Alte) benutzen die Treppe?
– Maximale Läne des Treppenlaufes bis zum nächsten Podest?
– Wie groß/ tief sollen die Podeste ausgeführt werden?
– Aus welchem Material sollen die Podeste ausgeführt werden?
– Lezte Stufe vom Bodenbelag bzw. Podest differenziert?
– Treppe am Antritt und/oder Austritt mit Aufweitung?
– Wie steil darf die Treppe sein? Maximales Steigungsmasz?
– Baurechtliche Bestimmungen zur Breite und Steigung der Treppe?
– Treppe massiv oder mit Unterkonstruktion?
– Statischer Querschnitt des massiven Unterlaufes?
– Unterlauf gerade/ treppenförmig verlaufend?
– Unterlauf und Seiten: verputzt/ verkleidet/ Sichtbeton?
– Stufenbelag flächenbündig mit Putzebene? Auskragung?
– Fugenausbildung zwischen Putz und Stufen?
– Seitl. Randeinfassung der Stufen über Stahlprofile?
– Seitliche Auflager der Trittstufen untermauert? Konsolen?
– Unterkonstruktion aus Holmen oder Wangen? Querschnitt?
– Auflager der Holme oder Wangen am An- und Austritt?
– Trittstufen einachsig, zwei- oder mehrachsig gelagert?
– Position der Holme, Wangen: seitl., mittig, eingerückt?
– Trittstufen ggfs. mit zusätzlicher, statischer Verstärkung?
– Zusätzliche Konstruktion der Stufen sichtbar/verdeckt?
– Stufen evt. einzeln an Stäben oder Seilen abgehängt?
– Aus welchem Material bestehen die Seile/ Stäbe?
– Welcher Querschnitt soll für die Seile/ Stäbe gewählt werden?
– Wie werden die Seile/ Stäbe an den Trittstufen befestigt?
– Stufen an der Umwehrung abgehängt oder eingespannt?
– Stufen als Kragarm (z.B. seitl. eingespannt) ausgebildet?
– Material der Unterkonstruktion der Trittstufen?
– Material der Trittstufen/ Setzstufen?
– Wie sind die Kanten der Trittstufen ausgebildet?
– Trittstufen mit einem rutschsicheren Profil?
– Rutschsicher Oberfläche der Trittstufen?
– Treppe mit geschlossenen Setzstufen?
– Stufen mit Unterschnitt?
– Treppe einseitig/ beidseitig umwehrt?
– Höhe der Umwehrung bzw. des Handlaufes?
– Mehrere Handläufe (niedrigere Höhe für Kinder)?
– Material des Handlaufes?
– Querschnitt des Handlaufes?
– Seitliche Befestigung des Handlaufes an Wänden/ Geländer?
– Wie soll der Handlauf an den Treppenenden fortgeführt werden?
– Material der Unterkonstruktion für das Geländer?
– Befestigung der Geländerpfosten an Treppe/Treppenlauf?
– Material und Querschnitt der Füllung?
– Transparente, semitransparente, opake oder gemischte Füllung?
– Füllung massiv, aus Platten, Stäben, Seilen, Blechen, Rosten?
– Befestigung der Füllung an Pfosten bzw. tragenden Bauteilen?
– Geländerstäbe, -Seile, Roste etc. verikal/ horizontal/ schräg?
– Max. Abstände zwischen den Stäben, baurechtliche Vorgabe?
– Abstand zwischen Füllung und Handlauf bzw. Trittstufe?
– Ausbildung Geländer am An-u. Austritt (Treppenauge, Podest)?
– Darf die Konstruktion frei „schwingen“?
– Trittstufen mit Trittschallschutz?
– Brandschutzanforderungen an die Treppenkonstruktion?
– Beleuchtung an den Geländern oder Stufen?
– Lackierung der Konstruktion/ Füllung? In welcher Farbe?

Wie man leicht erkennen kann: „Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ Natürlich könnten wir unsere Treppen auf zwei oder drei bewährte und übliche Konstruktionsarten „konventionell“ reduzieren, was aber dazu führen würde, dass alle Treppen mehr oder weniger gleich aussehen. Tatsächlich gibt es diese „standartisierten“ Katalog-Treppen aus Holz, Stahl oder Stahlbeton, einläufig, mit Podest oder gewendelt mit frei wählbaren Materialien, Querschnitten, Füllungen, Handläufen usw. Dieses Beispiel soll nur exemplarisch zeigen, wieviele Fragen zunächst einmal gestellt und beantwortet werden müssen/ können, um letztendlich eine Treppe bauen zu können. Ähnlich viele Fragen bzw. komplexe Zusammenhänge ergeben sich auch beim Gestalten/ Entwerfen eines Fensters, einer Tür, eines Möbelstücks oder der Einrichtung einer Küche oder eines Badezimmers. Um nun zu „neuen“ Lösungen zu kommen, müssen auch neue, andere Fragen gestellt werden, die wiederum durch neue oder andere Materialien und Konstruktionen gelöst werden können. Im Falle der Treppe könnten wir aktuelle Materialien auf ihre Brauchbarkeit bzw. Verwendung überprüfen. So etwa können unterschiedlichste Bleche als durchgehender Treppenlauf gefaltet bzw. gekantet werden. Blechtafeln könnten, anstatt sie zu schweißen oder zu schrauben, mit modernen Klebern „geklebt“ werden. Diverse Kunststoffe könnten mit zugfesten Carbonfasern zu extrem dünnplattigen Treppenläufen vergossen, gepresst oder kaltverformt werden (Kunststoffschalenbau). Statt massiver Hölzer für die Trittstufen könnten aus dünnen Funieren zusammengeleimte, extrem stabile Mehschichtplatten (Multiplex etc.) verwendet werden. Um noch dünnere Querschnitte zu bekommen, könnten die Platten mit Carbonfasern oder modernen, zugfesten Textilien armiert werden. Die unerwünschte Durchbiegung oder das Brechen von massiven Platten (Stein, Holz) könnte durch aufgeklebte bzw. eingelassene Stahl- oder Aluminiumprofile wie auch textile Armierung vermieden werden. Konventionelle Stahlbetonläufe könnten durch den Zusatz von zugfesten Fasern (Faserbeton) noch schlanker gestaltet werden. Ein gefalteter Treppenlauf kann beispielsweise auch aus kraftschlüssig verleimten, dünnen Holzplatten, Funierplatten oder sonstigen Holzquerschnitten hergestellt werden (analog der Herstellung von Brettschichtholz BSH). Trittstufen können aus Verbundsicherheitsgläsern hergestellt werden. Geländer und Handlauf können pfostenlos aus einseitig, an der Unterseite linear eingespannten Verbundsicherheitsglasscheiben (VSG) oder auch Acrylglasscheiben ausgeführt werden. Geländer können aus dünnen, extrem leichten Steg- oder Wabenplatten aus (gefärbten) Polycarbonat etc. hergestellt werden. Textile Mebranen können als seilgespannte Geländerfüllung verwendet werden. Die neuen Anwendungsmöglichkeiten von LED´s erlauben eine direkte Integration der Leuchtmittel in die (transluzenten) Bauteile. Denkbar sind auch hydraulisch über einen Teleskopmechanismus in die Wände einfahrbare Trittstufen. Aber auch „Zweckentfemdung“ von Baustoffen kann zu neuen Lösungen führen. So könnten Kunststoffrohre, wie sie üblicherweise für Ab-/Wasserleitung verwendet werden, Bambusrohre oder auch Stahrohre aus dem Gerüstbau für die Treppenkonstruktion verwendet werden. Auch U-Profile, wie sie üblicherweise für den Trockenbau verwendet werden, könnten als Unterkonstruktion für die gesamten Treppe verwendet werden. Die gesamte Treppe einschließlich Geländer könnte komplett ohne Träger (Wangen, Holme etc.) an vertikal abgespannten Seilen montiert werden. Das Geländer könnte – wie Günther Behnisch es Anfang der 1990´er Jahre beim Deutschen Bundestag in Bonn getan hat- aus einem wilden Verbund von Latten wie ein  Art „Treppennest“ konstruiert sein. Auch „Schiebbare“, also mobile Treppen, wie man sie etwa zum Besteigen von Flugzeugen kennt, könnten unsere klassischen, „immobilen“ Treppen zum Vorteile flexibel nutzbarer Grundrisse ersetzen. Solange die Treppe sicher und komfortabel zu benutzen ist, ihre sichere Konstruktion uns das Abtragen der Lasten plausibel macht oder uns wie von Zauberhand getragen zum Staunen bringt, kann eine Treppe ohne Vergleich der Kosten und Aufwendungen nicht besser oder schlechter im Sinne von Richtig oder Falsch sein. Wohl kann ihre Rafinesse, ihre Ästhetik, ihr Design und ihre handwerkliche Machart einen qualitativen Wert vermitteln, der unsere individuellen Vorlieben jenseits aller physikalischen Funktionalität ausreichend befriedigt.

Letztendlich bestimmen neben der Statik und der Funktion vor allem ökonomische, rationelle wie auch ökologische Aspekte (Materialverbrauch, Ressourcen-Input, Recycelbarkeit etc.), mit welchen Materialien und Konstruktionsmethoden eine Treppe gebaut wird. Massive Treppen (Stein, Beton) haben zum Beispiel den Vorteil, den Trittschall durch den hohen Anteil an Masse bestmöglich zu reduzieren. Nachteilig hingegen bei Ortbetontreppen der relativ hohe Arbeits- und Zeitaufwand beim Einschalen, Betongießen, Ausschalen sowie Nachbehandeln der Oberflächen vor Ort. Relativ exakt vorgefertigte Betontreppen hingegen müssen bereits während des Bauprozesses (Baulogistik) mit Krananlagen in das Bauwerk eingebracht werden. Holz- oder Stahltreppen (Wangen- oder Holmtreppen) hingegen können -ebenfalls exakt in leicht zu transportierenden Einzelteilen vorgefertigt- innerhalb weniger Stunden auch nach Abschluss der Rohbauarbeiten noch vor Ort montiert werden.

komplexität von architektur

Donnerstag, Juni 30th, 2011

Im Ergebnis erscheint uns die Architektur in Form von realen Gebäuden meist relativ verständlich und plausibel zu sein. Tatsächlich aber verbergen sich hinter der sichtbaren, wahrnehmbaren Architektur eine große Anzahl von mehr oder weniger gut gelösten, in stetiger Wechselwirkung miteinander verbundenen Teilaspekten. Diese über den Raum und das Material gelöste Verknüpfungsarbeit nennen wir „komplex“, wenn die Teile zueinander in einer starken Wechselbeziehung stehen. Je größer die Anzahl der Teilaspekte sowie deren Beziehung bzw. Verknüpfungspunkte zu- und untereinander ist, desto höher ist der Grad der Komplexität des Gebäudes. Kompliziertheit oder Einfachheit hat hingegen nichts mit dem Maß an Komplexität zu tun. Um einen ungefähren Eindruck zu geben, wie vielschichtig und komplex Architekturen konzipiert sein können, hier eine grobe, ungegliederte wie unvollständige Auflistung von Teil- und Einzelaspekten, die mal mehr, mal weniger entwurfsprägend zusammenhängen.

– Tragwerk, Konstruktion
– Material, Stofflichkeit
– Statik, Festigkeit
– Topographie
– Funktion, Nutzung
– Flexibilität, Universalität
– Bauteile, Bauelemente
– Gebäudetypen, Typologie
– Morphologie
– Genesis, Habitus
– Fassaden und Hüllflächen
– Böden, Decken und Dächer
– Räume, Raumdisposition
– Transparenz
– Monumentalität
– Wegeführung
– Fluchtwege
– Ordnungssysteme
– Horizontale, Vertikale
– Körper und Volumen
– Raum, Fläche, Linie, Punkt
– Überlagerung, Durchdringung
– Fugen, Fügungen
– Proportionen, Harmonie
– Licht, Lichtführung, Kunstlicht
– Farbe, Farbigkeit, Sättigung
– Symmetrie, Asymmetrie
– Hierarchien, Struktur
– Takt, Rhythmus
– Figur und Hintergrund
– Übersummenprinzip
– Kontrastwirkung, Schärfe
– promenade architectural
– Analogie Innenraum-Aussenraum
– Perspektiven, Standpunkte
– Visuelle Effekte, Verzerrungen, Täuschungen
– Formen, Figuren und Körper
– Haustechnik, Versorgung
– Bauphysik, Wärmeschutz
– Klimatisierung, Heizen, Kühlen
– Sonnenschutz
– Schallschutz, Akustik
– Brandschutz
– Gebäudesicherung
– Gebäudeautomatisierung
– Gebäudereinigung
– genius loci, Ort
– Setzung, Verankerung
– Kontext, Umgebung
– mikro-makro, lokal-global
– Muster, Texturen, Oberflächen
– Objekte im Raum
– Reihung, Addition, Subtraktion, Multiplikation
– Numera, Zahl, Quantität
– ergonomisches Design
– energetisches Design
– Ökologie, Nachhaltigkeit
– Ökonomie, Wirtschaftlichkeit
– Abstraktionsebene, Gegenständlichkeit
– Freiräume, Zwischenräume
– Achsen, Linien
– Markierungen, Zeichen
– Symol, Motiv, Thema, Leitbild
– Syntax, Semantik, Sprache
– Interieur, Möblierung
– Detailausbildung
– Ornamentik, Schmuck
– Treppen, Rampen, Stiegen
– Fenster, Türen, Öffnungen
– Wandverkleidungen, Wandsysteme
– Fassadensysteme
– Komposition, Arrangement
– Ästhetik, Sinnfälligkeit
– Dialog, Kommunikation
– Metaphern, Gestik, Artikulation
– Maszstab, Größe, Dimensionierung
– Lebenszyklus, Zerfall, Recycling

Über jeden einzelnen Punkt und mögliche Beziehungen bzw. Wechselwirkungen zu anderen Aspekten ließe sich nun ausführlich und vertiefend berichten und erläutern. Erfahrene Architekten haben durch viel Übung, Lernen und Ausprobieren sowie aus dem reichen Fundus vorangegangener Baulösungen eine Vielzahl von Wechselwirkungen, Phänomenen und Mechanismen begriffen. Dieses erworbene (Sprach-) Wissen setzen sie intuitiv, systematisch, methodisch oder manchmal auch ganz zufällig in ihren Werken um. Da nicht alle Punkte gleichzeitig bedacht werden können, braucht ein Entwurf viel Zeit, um mögliche Wechselwirkung durch sukzessive Nachverdichtung und Perspektivwechsel zu verstehen und beurteilen zu können. Grundsätzlich können und werden Teilaspekte sowie deren physischen und psychischen Mechanismen und Phänomene zunächst isoliert und objektiv betrachtet. Durch die Verknüpfungsarbeit mit anderen Teilen entstehen jedoch meist -analog zur Sprache- vollkommen neue Bedingungen und Bedeutungen, die mit den analytischen, syntaktischen wie semantischen Methoden der Einzelaspekte meist nicht mehr zufriedenstellend zu lösen oder zu klären sind. Daher die Erfahrung, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Neben den rein technischen, physikalischen wie psychologischen Effekten, Phänomenen und Mechanismen, die wir empirisch relativ gut beschreiben können, sind alle existierenden Ausdruckssysteme jedoch stets orts-, personen-, kultur und zeitgebunden. Sinn, Zweck und Schönheit von Architekturen (begriffen als kulturelles Sprachsystem) unterliegen damit einem natürlichen Prozess des Vergänglichen, des „gesellschaftlichen“ Wandels. Alte Sprachen können wir heute nicht mehr verstehen, so wie aktuelle oder moderne Sprachen i.d.R. nicht durch das Sprachmuster älterer/ anderer Kulturen gelesen werden können. Damit wir uns überhaupt „verstehen“, also „kommunizieren“ können, braucht es für alle Menschen und zu allen Zeiten eine „Sprachkonvention“. Dies gilt im gleichen Maße auch für das räumliche, stoffliche Ausdruckssystem „Architektur“. Hinzuz kommt, daß Sprachsysteme nicht und niemals starr sind. Sie entwickeln sich mit den Menschen und der Zeit weiter, mischen sich mit anderen Sprachen, verfremden sich, gleichen sich an oder werden sogar syntaktisch wie semantisch ganz neu entwickelt (Beispiel: Symbole, Abkürzungen, kulturelle Mischsprachen usw.). In der Architektur wird bis heute fälschlicher Weise die sogenannte „Klassik“ des Altertums (ein ausgeklügeltes, gebundenes System von geometrisch proportionierten Stützen, Wänden und Balken aus Stein und Holz) als universale „Muttersprache“ bezeichnet. Tatsächlich aber haben wir nicht zuletzt durch beinahe unendlich neue Materialien, neue Konstruktionsmöglichkeiten und vollkommen neue Funktionen längst andere, eigenständige Sprachsysteme und Ausdrucksweisen erfunden, die zudem „synchron“ mit unserer modernen Kultur, unseren aktuellen Ansprüchen und Erkenntnissen schwingen. Überhaupt ist das Thema der Synchronität bzw. Synchronisation kennzeichnend für den permanenten Wandel von modernen, „fortschrittlichen“ Gesellschaften und Kulturen. Bereits vor mehr als 100 Jahren gab es unter den führenden Architekten und Baumeistern einen tiefen Dissenz über die tatsächliche Notwendigkeit von „synchronen“, „zeitgemäßen“ Sprach-, Konstruktions- und Ausdruckssystemen. Bereits damals skizzierte man (u.a. Sant Elias) ein „futuristisches“ Bild von der Stadt und den Gebäuden, die mit Stahl, Stahlbeton und Glas den neuen Gesetzen der unaufhaltsamen wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik, der zunehmenden Geschwindigkeit, Wandelbarkeit und Flexibilität, dem ungeheuren Tempo der rasanten Entwicklungen und des bahnbrechenden technischen wie auch sozialen und interkulturellen Fortschrittes folgen sollten bzw. dessen direkter architektonischer und städtebaulicher Ausdruck sein sollte. Andere hingegen beschworen (bis heute) weiterhin den jahrhunderte lang kultivierten Kanon der monumentalen, griechischen und römischen, vitruvianischen Bautradition, die auf den Prinzipien der „firmitas“, „utilitas“ und „venustas“ basierte und im europäischen, akademisierten Klassizismus als Weiterentwicklung der Renaissance scheinbar ihren ultimativen Höhepunkt gefunden hatte. Die Modernisten, Futuristen, Reformer, Revolutionäre und Avantgardisten warfen den klassizistischen Protagonisten einen nicht mehr tragbaren, historisierenden wie ästhetisierenden, dennoch totgetrampelten, stupiden, schablonenartigen Malen-Nach-Zahlen „Formalimus“ vor, der den aktuellen sozialen, wirtschaftlichen und technischen Gegebenheiten und Bedürfnissen asynchron wie negierend gegenüber stand. Die Traditionalisten hingegen sahen allein in den festen Werten, Formen, Typologien und Konstruktionen, in Langlebigkeit, im Denkmal und im baulich Monumentalen die essentiellen Bedürfnisse der Menschen wie auch eines (National-) Staates langfristig gesichert und befriedigt. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine psychologische Komponente, die nach individueller wie letztendlich auch nationaler, also politischer Sicherheit, Kontinuität, Stärke, Größe und fester Struktur verlangt. Die andere psychologische Komponente hingegen sucht Veränderung, Fortschritt, Wandel, Entwicklung, Wagnis und Experiment und ist aus heutiger Sicht mehr oder weniger alleiniger Quell allen menschlichen Fortschritts.

Was heute im 20. wie auch 21. Jahrhundert passiert, ist u.a. ein sehr seltsames, beinahe groteskes Nebeneinander des moderaten Traditionalisten und innovativen Modernisten (Futuristen, Avantgardisten) am gleichen Ort. Wärend man in Berlin, Braunschweig oder Hannover alte Schlösser mit modernen Stahlbetonkonstruktionen „rekonstruiert“, sie im gleichen Atemzug durch (halbwegs) moderne, aber allseits bekannte „Shoparchitektur“ (Corporate Design) kreuzt, baut man in Dubai, Tokio und Shanghai seltsam skulpturale High-Tech-Wolkenkrater als nationale Statussymbole. In beiden wie noch tausend anderen Fällen allerorts findet sich jedoch weit und breit keine „Authentizität“, keine „Synchronisation“ von Material, Konstruktion, Form, Funktion und gesellschaftlicher Kultur. So leben wir nun schon seit einigen Jahrzehnten in einem eher bedauerlichen Zustand der architektonischen wie städtebaulichen Hilfs- und Konzeptionslosigkeit, ein gestalterisches Vakuum, in dem es offensichtlich keine synchrone, konventionelle Sprache mehr gibt, bestenfalls einen chaotischen Wettbewerb meist willkürlicher, vor allem aber „extremer“, damit nolens volens provozierender, aggressiver, polemisierender wie polarisierender Stil- und Sprachoptionen. Doch diese durch den freien Markt und das Wettbewerbswesen implizierte pluralistische Vielfalt, nennen wir es „Moden“, liegt derart extrem wie selbstreferentiell ausformuliert wohl nicht in der (idealen) Vorstellung der meisten Städtebauer und Architekten. So kommt es, dass rekonstruierte wilhelminische Schlossfassaden und farbig bis formal „verspielte“ Rizzi-Häuser (mehr eine Kunst-Skulptur als ein Gebäude) dicht beisammen den neuen/ alten urbanen Kontext für die (reparierte) Stadt der Zukunft formulieren. Krasser -vielleicht auch witziger, gar homurvoll- kann man nicht darstellen, wie zerissen und widersprüchlich offensichtlich unserer Wünsche und Begehren sind. Wenn aber Städte zu Spielplätzen á la Disney-World umgebaut werden, kommen wir zu einer Art Ausstellungs-Architektur, vielmehr zu einem Ausstellungs-Städtebau, in dem übergeordnete Gestaltungszusammenhänge anscheinend keinerlei Bedeutung mehr haben. Da aber das Übersummenprinzip in der Gestaltung immer noch allgemeingültiges Gesetz ist, müssen wir diesen formalen Widerspruch lösen. Entwerder „gestalten wir“ im Sinne „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ oder wir überlassen den dann ungestalteten, fragmentierten Raum einer pluralistischen, unkontrollierbaren Ausdrucksform.

architektur….was ist das?

Montag, Juni 27th, 2011

Die Geschichte der Baukunst und Architektur ist lang. Betrachten wir nur die letzten 100 Jahre, hat sich in diesem relativ kurzem Zeitraum beinahe die gesamte Vorstellung und Praxis von Architektur und Städtebau fundamental verändert. Primärer Auslöser dieser architektonischen Revolution ist neben den gesellschaftlichen wie politischen Veränderung vor allem die Industrialisierung, die -um 1750 in England begonnen, etwa 100 Jahre später dann auch im übrigen Europa angekommen- durch eine systematische wie progressive Organisation von Wissen und Forschung (Aufklärung) sowie der Herstellung (Fabrikation) neuer Maschinen, Produkte und Artefakte auch die Architektur zu ganz neuen Bauaufgaben wie auch neuen technischen Möglichkeiten des Bauens geführt hat. Die wirtschaftliche Herstellung von Gussstahl (ab 1740 in England, ab 1811 durch Friedrich Krupp in Essen) und Stahlprofilen, die Efindung von Beton (Wasser, Sand, Kies und Portlandzement, ab 1824 durch Jospeh Aspdin) sowie Stahlbeton (mit Eisen armierter Beton, ab 1867 durch Joseph Monier) und die Innovationen der Glashütten (40×60 Zoll-Glasscheiben im Walzverfahren in St. Gobain ab 1688, erster kontinuiertlicher Wannenofen ab 1867 durch Friedrich Siemens) haben den Architekten und Baumeistern plötzlich ganz neue Möglichkeiten gegeben, Gebäude und Bauwerke vollkommen neu zu konstruieren. Die maschinelle wie rationelle Herstellung von Artefakten jeder Art (Massenproduktion) konnte nur in grossen Fabriken erfolgen, die die konventionelle, handwerkliche Produktion in kleinen Räumen oder kleinen Gebäuden sukzessive überflüssig machte.

technic takes command….das zeitalter der erfindungen

Mit der Erfindung der Eisenbahn und dem Flugzeug (erster Flug Gebr. Wright 1904, erste Überquerung des Ärmekanals Calais-Dover 1909 durch Blèriot, erstes Ganzmetall-Verkehrsflugzeug Junkers F13 1919) mußten plötzlich große, überdachte Bahnhofshallen, Bahnsteige und Lokschuppen (ab 1848), Gleistrassen (ab 1841), Flugzeughangars (ab 1908), Flughäfen (Flugplätze „Areodrome“ seit 1910, Flughafen erstmals 1917 in Deutschland, Verkehrsflughafen Berlin-Tempelhof ab 1923) und aspahltierte Startbahnen gebaut werden. 1863 mit der „Metropolitan Railway“ die erste noch mit Dampflokomotiven betriebene U-Bahn der Welt in London, ab 1890 dann ebenfalls in London die erste elektrische U-Bahn ). 1881 wurde die erste elektrische Straßenbahn in Berlin Lichterfelde betrieben, nachdem Siemens 1879 die erste elektrische Lokomotive baute. Die erste Hochbahn der Welt wurde 1892 in Chicago eröffnet, 1895 dann auch elektrisch. 1898 die Eröffnung der Wiener Stadtbahn (noch bis 1925 dampfbefahren). 1900 der Bau der Pariser Metro. 1901 die erste einschienige Hängebahn „Wuppertaler Schwebebahn“. Die Berliner Metro eröffnete 1902. Mit der Efrindung des Automobils (Carl Benz Patent „Motorwagen Nr. 1“, 1886) mußten befestigte, asphaltierte Strassen, Autobahnen (Versuchsstrecke Avus ab 1921, erste Autobahn A555 zwischen Köln und Bonn 1932) Brücken und Tunnel gebaut werden. Zudem die ersten großen Automobilfabriken, die schliesslich nach dem Vorbild der amerikanischen Ford-Werke die erstmals von Ford 1914 eingeführte Fließbandfabrikation ermöglichte. Für die immer größer werdenden Schiffe aus Stahl (erstes Dampfschiff 1783 in Frankreich, ab 1881 erste Großsegler und Dampfschiffe aus England und Schottland komplett aus Siemens-Martin-Stahl, 1884 mit dem Kriegsschiff SMS Oldenburg das erste Ganzmetallschiff aus Deutschland) mußten riesige Docks und befestigte Hafenanlagen (1830 erstes künstliches Hafenbecken in Bremerhaven, erster Linienbetrieb Bremen-New York mit der Bremen I ab 1858) ausgestattet mit großen Krananlagen und großen, mehrgeschossigen Lagergebäuden (z.B. Speicherstadt Hamburg ab 1883) gebaut werden. Ausbau der künstlichen Wasserstrassen mit dem Ludwig-Donau-Main-Kanal 1845, ab 1905 der Ausbau des Mittellandkanals. Für die landwirtschaftliche Massenproduktion mußten nun große Silagen und große Hallen für die neuen Maschinen (erste Getreidemähmaschine 1826, erster selbstfahrender Dampfmaschinen-Mähdrescher ab 1886) und für die rationelle Massentierhaltung gebaut werden.

das rapide wachstum der städte

Für die vielen Millionen Menschen, die nun überwiegend vom Land zu den neuen, hoffnungsvollen Arbeitsplätzen in die Fabriken, Zechen und den neuen Handels- und Warenumschlagplätzen in die sich neu bildenden Fabrik- und Zechenstädte sowie rapide ansteigenden Großstätde zogen, mußten innerhalb kürzester Zeit solide, preiswerte, halbwegs hygienische wie funktionale (Werks-) Wohnungen gebaut werden, um nicht zuletzt auch die Stammbelegschaft mittelfristig an die Unternehmen zu binden („Arbeitersiedlungen Kuchen“ (Baumwollindustrie) 1857-1869, „Unionvorstadt“ Dortmund 1871, „Kammergarnquartier“ Augsburg 1876, „Krupp-Arbeiter-Siedlung“ in Essen-Rüttenscheid 1893-1914), die auf kleinstem Raum möglichst viele Menschen unterbrachten. Hier mit unter die eigentliche Geburtsstunde des großmaßstäblich angelegten Zeilen- und Geschosswohnungsbaues sowie des hochverdichteten Städtebaus (Blockstrukturen mit Innenhöfen, Quartiersbau, Mietskasernen etc.). Für den großmaßstäblichen Vertrieb der neuen Industrieprodukte mußten zudem neue, riesige Lager-, Waren- und Messehallen gebaut werden. Dazu mußten im großen Stil neue, zentrale Gas-, Heiz- und Elektrizitätswerke, Stromtrassen, Gasleitungen, Wassertürme, Kanalnetze und Abwasseranlagen zur grundversorgenden Infrastruktur gebaut werden. In den bereits dicht besiedelten Städten wie Chicago und New York begann man nun erstmals, mit Stahlskeletten, Beton und Ziegelsteinen „Hochhäuser“ zu bauen, um die limitierte Grundstücksfläche maximal wie profitabel ausnutzen zu können (erstes Hochhaus mit 42 Meter Höhe von „William Le Baron Jenny“ 1858 in Chicago, erstes Hochhaus in Deutschland mit 43 Meter Höhe erst 1915/16 für die „Carl Zeiss AG“ in Jena). Die ersten, großräumigen Supermärkte und mehrgeschossigen Warenhäuser entstanden. Ebenfalls im großen Stile wurden nun auch Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Verwaltungsbauten und Freizeiteinrichtungen (Museen, Stadien, Sporthallen usw.) gebaut.

neue materialien

All das, was hier in Deutschland wie auch im übrigen Europa innerhalb nur weniger Jahrzehnte überwiegend von 1870 bis 1920 gewaltsam und mit großer Kraftanstrengung aus dem Boden gestampft wurde und bis heute unsere Stadt- und Lebensstruktur nachhaltig verändert und geprägt hat, wäre bautechnsich und baukonstruktiv ohne die neuen Baumaterialien Stahl, Beton und Glas nicht zu realisieren gewesen.

Dieser überwiegend von der Industrie und Wirtschaft des vorletzten Jahrhunderts ausgehende, extrem starke Fokus auf Technik, Materialität und Rationalität hat seit dem auch unser Jahrtausende altes, mehr oder weniger realtiv konstantes Bild der Architektur, der Baukunst und des Städtebaus gravierend in seiner Struktur verändert und bis heute maßgeblich wie umfassend beeinflußt. Aus dem rationellen wie wirtschaftlichen Bauen mit modernen Baumaterialien wurde letztendlich die traditionelle, handwerkliche „Stilarchitektur“ bzw. Baukunst, wie wir sie traditionell u.a. von den Griechen und später vor allem von den Römern übernommen haben, durch eine Art maschinellen Konstruktivismus und zweckmäßig orientierten Funktionalismus abgelöst bzw. mit diesem zu Weilen formal willkürlich vermischt (Eklektizismus, Postmoderne u.a.). Tatsächlich haben wir mehrheitlich lange Zeit an die große Idee geglaubt, unser gesellschaftliches, kulturelles wie wirtschaftliches Leben (auch nationales Überleben) allein durch Technik, Fortschritt, Rationalität, Klarheit, Einfachheit, kurz unter dem Begriff und Mythos „Moderne“ sublimiert, maßgeblich zu verbessern und im Vergleich zu vorangegangenen Epochen auch „lebenswerter“ zu gestalten. In vielen Bereichen ist uns dieser radikale wie kühne Paradigmenwechsel, diese gesamtgesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Zäsur als hochkomplexe Systemumstellung und tiefgreifender Strukturwandel ja auch (mit vielen Menschen- wie Ressourcenopfern) geglückt. Und doch haben wir bei allen Erfolgen des an Größe, Überlegenheit und Schnelligkeit orientierten Modells „Fortschritt“ bis heute zur eigentlichen, sinnstiftenden Bedeutung (Semantik) von Material, Konstruktion, Form und Ästehtik kein klares wie mehrheitlich übereinkommendes Verhältnis mehr. Immer noch tragen wir die überlieferte „Schönheit“ einer traditionellen wie stets immer noch in unseren Städten und Landschaften gegenwärtigen Baukunst der vorangegangenen Epochen als (manchmal auch romantisch verzerrte) Sprachreferenz in unserem Bewußtsein (quasi als eine Art metaphysischer Erfahrunsgwert) und versuchen vergeblich, dennoch sehnsüchtig, Altes und Modernes irgendwie miteinander zu verknüpfen. Eine wirkliche Symbiose beider Stile oder Welten durch die „Moderne“ allein ist uns zumindest auf symbolischer, semantischer wie auch künstlerischer und ästhetischer Sicht offensichtlich nicht wirklich plausibel, selbstverständlich wie umfassend gelungen.

 das recht auf freiheit und selbstbestimmung

Individualismus, Freiheit, Pluralismus und Persönlichkeitsrechte als gesellschaftliche Ordnungssysteme schliessen zudem eine immerhin theoretisch mögliche „Konvention“ (wie sie politisch und gesellschaftlich viele Epochen dominierte) mehr oder weniger systembedingt aus. Der von uns favorisierte „Pluralismus“ und die selbstbewußte „Individualgesellschaft“ (im Gegensatz zum Modell Kommunismus, Diktatur, Monarchie etc.) lebt ja gerade durch seine Unterschiedlichkeit, Vielfalt wie Ungleichheit, durch das Konträre, den Dissenz und den Widerspruch. Dennoch: die gestalterischen wie eine Gesellschaft ordnenden wie „formal“, also auf einer „metaphysischen“ bzw. semantischen Ebene zusammenhaltenden Kräfte -nach denen wir Menschen uns ja nach wie vor sehnen- kommen als Idee und Lösung nicht mehr oder nur noch sehr selten von den Architekten, Städtebauern und Handwerkern, sondern überwiegend nur noch von privaten, wirtschaftlichen Interessensvertretern (kapitalträchtige Bauleien) sowie meist damit verbundenen rein ökonomischen Überlegungen bzw. Zielen, die automatisch zu einem Vulgär-Kapitalimus, Vulgär-Funktionalismus und einer privilegierten Immobilienspekulation führen. Der „soziale“ wie auch „kulturelle“ Kleber (der sich nur schwer in einen monetären oder materiellen Gewinn fassen läßt) wurde letztendlich durch die (Über-) Macht bzw. Überbewertung des Kapitals (20% der Bevölkerung besitzen 80% des gesamten Immobilien- und Geldwertes) und den damit verbundenen Privatbesitz buchstäblich zerbröselt, da die rein monetären Interessen (Profite, Renditen, Zinsen) defacto über den „sozialen“ und „kulturellen“, gesamtgesellschaftlichen Interessen stehen. Dies, weil die politsichen Rahmenbedingungen (hier also die Etablierung einer quasi von Privatleuten dominierten autonomen, freie Marktwirtschaft) dies gesetzlich zugelassen  haben und trotz gesellschaftlicher Proteste immer noch zulassen. Auch die zunehmend dominanter werdende Bauindustrie hat sich als marktorientierter Lobbyist bis heute über die Jahrzehnte relativ verselbständigt und kämpft zuweilen ganz ohne Architekten und Städtebauer direkt an der Seite der potenten, privaten Investoren (Konzerne, Aktienunternehmen, Banken usw.) um Marktanteile. Die Macht und der Einfluss der Wirtschaft wie auch der privaten Investoren ist längst größer als es den „gestaltenden“ Architekten und Städtebauern, den Gesetzgebern sowie deren organisierten, rechtlich verankerten Kammern und Berufsverbänden es tatsächlich lieb sein kann. Auch die Gesetzgebung versagt hier durch ökonomische wie gesellschaftliche Interessenskonflikte mehr als kläglich, wenn die Bauinvestition überwiegend privater Großinvestoren mehr oder weniger durch wirtschaftliche Vorteile von allen städtebaulichen wie kulturellen Auflagen und Plänen befreit.

das reich der präferenzen

Wenn wir uns heute fragen, was Architektur ist oder sein könnte, bekommen wir je nach Standpunkt von den Architekten über 1000 vertretbare Antworten. Denn auch die Architekten haben sich im Reich der Möglichkeiten, der technischen wie formalen, künstlerischen und ästhetischen Optionen und Verlockungen, der Individualisierung und persönlichen Präferenzen trotz übergeordneter Kammern längst untereinander verloren. Der Erste ist spezialisiert auf puristische Stahl- und Glasbauten, der Zweite schwört auf Holz, der dritte auf Beton- und Mauerwerk, der Vierte auf innovative Membranen und Netzwerke, der Fünfte auf traditionelle Ornamentik, der Sechste macht alles orthogonal, der Siebte arbeitet gern mit Schrägen und Kurven, der Achte schwört auf Kreis, Quadrat und Dreieck, der Neunte mag´s gerne schwarz und weiss, der Zehnte am liebsten alles in weichen Pastelltönen, der Elfte zelebriert alles technische und konstruktive, der Zwölfte ist Meister der Verkleidung, der Dreizehnte liebt die Symmetrie, der Vierzehnte mag´s nur asymmetrisch, der Fünzehnte macht´s ökologisch, der Sechzehnte funktional und rational, der Siebzehnte gerne flexibel und wandelbar, der Achtzehnte betont die Horizontale, der Neunzehnte gern die Vertikale, der Zwanzigste ist Meister der Fuge, der Einundzwanzigste läßt alles schweben und beim Zweiundzwanzigsten muß alles „brennen“ usw. Letztendlich aber entscheidet in diesem offensichtlichen Supermarkt der stilistischen Präferenzen und individuellen Eitelkeiten (positiv: die Vielfalt der kreativen Schöpfungen) nicht einmal mehr der Architekt, sondern allein der Bauherr.

der spagat zwischen freiheit und ordnung

Weil heute alles baubar ist und auch alles gebaut wird, was baubar ist (ungeachtet ob sinnvoll, geschmackvoll, bezahlbar, mehrheitlich gewünscht oder in den Kontext passend), haben wir es in der Architektur und im Städtebau mit einem eher  unkontrollierbaren, zumindest aber intransparentem und wenig geordnetem Mosaik (Teilgebilde) zu tun, das räumlich meist allein noch durch sein vorgegebenes Wege- und Straßennetz „strukturell“ zusammengehalten wird. Diese eher zufällige, wenn letztendlich auch geplante Ansammlung und Überlagerung von Stilen und/ oder Bauarten sowie Bauwerken und diversen Nutzungen kann man als bunten Blumenstrauss willkommen heißen oder ihn auch als häßliche Potterie von Unprofessionalität abwerten. Wir haben aus eigener Vergangenheit und schmerzvollen Demokratieprozessen gelernt, zu leben und leben zu lassen, Freiheit zu erlauben, wo sie den anderen nicht einschränkt (Kant uva.). Diese demokratische Tugend der Toleranz von persönlichen Präferenzen nutzen wir jedoch im Zeichen des konkurrierenden Wettbewerbes meist allzu gerne schamlos zu unseren eigenen Gunsten und Vorteilen aus. Doch diese wohlwollende Toleranz und Freiheit hat gesellschaftlich, vor allem aber „sozial“ auch etwas zersetzendes, etwas isolierendes, wenn es um übergeordnete, ganzheitliche, gesamtgesellschaftliche Sichtweisen bzw. Perspektiven auf unsere Kultur geht. Was auch soll denn diese immer wieder auf´s Neue beschworene „Kultur“ einer Region, eines Landes oder der Menschen überhaupt sein? Gibt es in den globalen wie schnelllebigen Dimensionen überhaupt noch so etwas wie eine aktuelle, zeitgemäße „Deutsche Architektur“, eine „Hanseatische…“, „Berlinerische…“ oder typisch „Niedersächsische Architektur“? Es könnte sie geben, wenn die Architekten die alten, regional „typischen“ Baustile und formalen Eigenarten (etwa das Holzfachwerk, spezielle Dachformen und/ oder Fassadenverkleidungen, Fensterformate oder Eingangssituationen, bestimmte Grundrisstypen und Erschliessungsweisen wie auch Grundstücksparzellierungen etc.) konsequent wie traditionsbewußt (und fdabei trotzdem mit neuen Baumaterialien und neuen Baukonstruktionen) weiterentwickelt hätten oder zumindest an diese mit ihren neuen Bauwerken quasi zeichenhaft und symbolisch „erinnern“ würden. Dies ist leider nur sehr, sehr selten der Fall. Stattdessen mehr oder weniger „internationalisierte“, sprich globalisierte, also vom jeweiligen Ort, seinen Menschen und seiner Geschichte losgelösten Bauformen, Baumaterialien und Baulösungen. Ein moderner Flughafen, ein Wolkenkratzer oder eine moderne Shopping-Mall sieht in Oslo oder Helsinki genau so aus wie in Berlin, Tokyo, Hong Kong, Toronto oder Sao Paulo. Das ist der berüchtigte „VW-Käfer“ oder auch „IKEA-Effekt“, wenn industrialisierte, ökonomisch wie technisch perfektionierte Teillösungen auf den globalen Markt drängen und sich international zu einem Standard entwickeln.

 die beherrschbarkeit der kreativen ordnung

Architekten sind heute in einer zunehmend arbeitsteiligen, hochspezialisierten Welt immerhin noch einer der wenigen Berufsgruppen, die sich überhaupt noch professionell (künstlerisch, gestalterisch, systematisch, ideell, kommunikativ, konstruktiv, ideologisch etc.) mit dem Fügen und Herstellen von funktionierenden Teilsystemen zu einem „Ganzen“ beschäftigen, also wahre „Kreateure“ sind . Manchmal, das ist unbestritten, zerstören wir auch urban wie landschaftlich funktionierende „Räume“ oder schaffen mit unseren neuen „Werken“ wahre „Unräume“. Doch wenn wir an die großen „ästhetischen“ wie sozialen Leistungen alter Kulturen anknüpfen wollen (was es gesellschaftlich als Ziel ja noch zu formulieren gilt), können wir Architekten und Städtebauer dies zumindest gestalterisch wie auch symbolisch nur über einen (sprachlichen) Konsenz erreichen, der wiederum in einer Demokratie und einem Rechtsstaat nur politisch durch konventionelle Setzungen von Rahmen und Spielregeln hergestellt werden kann. Man kann sagen: das Ding ist uns schon längst über die Ohren gewachsen! Es gibt weder den großen, verbindlichen  Masterplan, noch einen verbindlichen, allgemein anerkannten architektonischen Sprachkanon noch eine Garantie, dass freie Kräfte auf der Bauherrenseite wie auch auf der Seite der Kreativen „glücklicherweise“ das Richtige tun (Prinzip Hoffnung). Allein und speziell in Deutschland ist das einzige, was dafür neben der Bauordnung umso schärfer, enger und konkreter in Normen, Gesetzen, Richtlinien und Verordnungen gefasst ist, die Anwendung von „Technik“. Doch Städte wie Gebäude lassen sich, wenn wir denn einen kulturellen, ästhetischen oder auch sozialen Wert von ihnen abverlangen, nicht durch bloße Erfüllung von technischen Normen und Gesetzen herstellen. Ziel wie auch Vision der meisten großen Baumeister des letzten Jahrhunderts war es, diese beiden scheinbar widersprüchlichen Welten durch „moderne“ Gestaltung von Architektur ineinander übergehen zu lassen, sie zu integrieren, quasi eine Symbiose aus Technik, Funktion und Form herzustellen, die sowohl ökonomischen, technischen, funktionalen, neuerdings auch ökologischen wie auch sozialen, ästhetischen, kulturellen und metaphysischen Aspekten genügt.

Was für eine Aufgabe! Die Ergebnisse der letzten 100 Jahre Architektur- und Baugeschichte kennen wir. Vieles an vermeindlichen Irrtümern haben wir eingesehen, anderes steht immer noch als unbeantwortete Frage im Raum und neue Konzepte (Hoffnungen wie Irrtümer) drängen auf den Markt. Funktionaler wie technischer Anachronismus zeichnet sich natürlich in und an den meisten Gebäuden des letzten Jahrhunderts ab. Sie wurden nicht für die Ewigkeit gebaut, machen aber den Großteil aller uns umgebenden Immobilien aus. Heute haben wir vor allen in den europäischen Städten die große Chance, durch die anstehenden „Sanierungen“ der zahlreichen Nachkriegsbauten (Wohn- wie auch Zweck- und Industriebauten), alte Fehler zu korrigieren. Wenn sich diese Sanierung jedoch allein darin erschöpft, alte Fassaden lediglich durch Isolierfenster und Wärmedämmverbundsysteme (Klock-Klock-Fassaden) zu ersetzen, moderne, effizientere Heizungssysteme zu installieren (immerhin!) und billigste Laminatböden auf neuen Fußbodenheizungen zu verlegen, haben wir die Chance vertan, unsere Kultur im 21. Jahrhundert in unseren Gebäuden zu manifestieren. Überhaupt schmerzt es sehr, dass auch Neubauten mittlerweile eine Qualität haben, die weder ästhetisch noch materiell kaum die nächsten 10, geschweige denn 20 Jahre überdauern wird. Weil in 5-10 Jahren die Immobilie mit maximalen Profiten „abgeschrieben“ ist, lohnt die Investition anscheinend nicht mehr in Qualität, Wert und Substanz, die über 1-2 Generationen hinaureicht. Diese Kurzlebigkeit haben wir einer sehr unanständigen wie kopflosen (dummen) „Wegwerf-Konsumgesellschaft“ zu verdanken (die Industrie „muß“ produzieren und absetzen!), die jährlich ein neues Handy kauft und den trendigen „Coffee-To-Go“ wie Fastfood in Plastikbechern konsumiert. Diese „Trash-Society“ achtet weder den Rohstoff-, Energie- und Umweltaufwand noch ist sie sich über einen wirklichen „Vorteil“, geschweige denn über die Konsequenzen dieser Trash-Mentalität bewußt. Verantwortung und Maßhaltigkeit sind in unserer Gesellschaft offensichtlich und generell als überholte „Tugenden“ antiquierter Kulturen in Vergessenheit und Mißkredit geraten. Wir Menschen müssen offensichtlich erst wieder lernen, was Langlebigkeit, Kontinuität und Besitz für einen kulturellen Wert in unserem Leben hat bzw. haben kann. „Geschichte“ kann hier und derart zumindest nicht entstehen.

wohnformen

Dienstag, März 8th, 2011

geschichte :: die geschichte des „wohnens“ ist so alt wie die geschichte der menschen selbst. erste formen des gemeinschaftlich organisierten zusammenleben von menschen finden wir u.a. bei den ersten sogenannten „mobilen“ völkern (nomaden, reitervölker, hirtenvölker, jäger und sammler, indianer, inuit etc.), später dann -infolge der landwirtschaftlichen kultivierung und viehzucht und der damit verbundenen bodenbindung- bei den sesshaft oder teilsesshaft gewordenen völkern (ackerbau- und viehzuchtkulturen, entstehung erster dörfer und kleinsiedlungen). die ersten „geplanten“ städte (oder auch siedlungen) entstanden vor mehr als 5000 jahren vorwiegend in china, indien, mesopotamien und ägypten. soetwa die stadt „Ur“, einer der ältesten sumerischen stadtgründungen in mesopotamien, deren anfänge bis 4.000 v. chr. zurückreichen. seit dem haben sich in der langen geschichte der urbanisierung zahlreiche wohnformen entwickelt, die eng mit den sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen wie auch technischen möglichkeiten und bedingungen der jeweiligen epochen verbunden ist und stets als  permanente entwicklung zu begreifen ist. beinahe jeder stamm, jedes dorf, jede zeitepoche, jede ethnische herkunft wie auch jede geographische region hatte mehr oder weniger seine eigene, ganz spezifische, kultur- wie ortsgebundene urbanisierung und wohnform, die sich mit zunehmender globalisierung (handel, verkehr) über hunderte von jahren stück für stück durchmischt und gegenseitig, zum teil auch im regionalen oder nationalen wettbewerb, weiterentwickelt und befruchtet hat. die stärkste kulturelle durchmischung innerhalb europas hat es zweifelsfrei mit der überall durchschlagenden industrialisierung, der erfindung der eisenbahn, des autos und der telekommunikation gegeben. die möglichkeiten der mobilität (transport, reisen) und kommunikation (telefon, fernsehen, internet) haben die völker, deren kulturen und speziellen techniken bis heute global eng zusammengeführt. in europa wie nordamerika finden sich bis heute nur noch sehr wenige unterschiede im kulturellen wie auch städtebaulichen „way of life“. doch auch in den anderen kontinenten haben sich vor allem europäische wie nordamerikanische lebensmuster, kulturelemente und techniken -teils durch kolonisation, teils durch kriege, teils durch handelsbeziehungen wie auch ständige bevölkerungsbewegungen- signifikant bemerkbar gemacht. umgekehrt fliessen aber auch bei uns zunehmend kulturen und techniken aus anderen ländern wie indien, china oder japan ein.

bis heute haben sich seitdem zahlreiche formen des mobilen wie auch immobilen „wohnens“ auf der ganzen welt entwickelt. nach wie vor gibt es auch immer noch mobile oder teilsesshaft gewordene (natur-)völker, inuits oder durch die wüsten „ziehende“ beduinenvölker/ -stämme (nomadische wüstenbewohner), die in temporären zeltbauten leben. auch „moderne nomaden“ oder auch „stadtnomaden“ finden sich mittlerweile weltweit. hier leben die menschen mobil wie auch immobil in modernen zeltlagern, wohnwagen, containerstädten oder ziehen von hotel zu hotel, von motel zu motel, von city zu city, von flughafen zu flughafen, von wohngemeinschaft zu wohngemeinschaft. neuerdings gibt es auch das temporäre, interkulturelle „tauschen“ von wohnungen und/ oder ganzer häuser (nicht nur für urlaubszwecke).

eigentum und miete :: grundsätzlich wird der benötigte wohnraum entweder selbst geschaffen bzw. bezahlt (eigentum) oder aber gemietet. in deutschland liegt die wohneigentumsquote bei zirka 43% (innerhaln der EU bei 60%). von den 1-personenhaushalten sind jedoch nur zirka 20% wohneigentum, während bei den 3-personenhaushalte bereits 50% und bei den 5-personenhaushalten 65% wohneigentum sind. hinzu kommt, dass die wohneigentumsquote auf dem land (ländliche regionen) wesentlich höher ist als in den städten. am geringsten ist sie in städten über 500.000 einwohnern, da hier zum einen die baulandpreise i.d.r. wesentlich teurer sind, vor allem aber weniger flächen bzw. geeignete grundstücke bereit stehen, die vorstellungen vom individuellen wohnen bei „normalem kapitaleinsatz“ zu realisieren. ein städtisches grundstück wird in der regel sehr dicht und zudem renditeorientiert (höhere mieteinnahmen über ladengeschäfte und büros) bebaut und ist damit relativ zum eigenheim auf der grünen wiese sehr kapitalintensiv. um überhaupt ein attraktives, städtisches grundstück als einzelperson bebauen zu können, hilft hier nur der zusammenschluss von bauherrengruppen, um die finanziellen aufwendungen realisieren zu können.

der ort :: der geographie und lage nach können wir zunächst einmal folgende hauptunterteilung vornehmen: wohnen auf dem land und wohnen in der stadt. dazwischen liegen mit unterschiedlicher infrastruktur kleinere dörfer, vorstädte, neubaugebiete, satelitten- und trabantenstädte oder einzelne stadtteile. desweiteren differenziert nach geographischen aspekten:

  • wohnen auf dem festland (mit entsprechender vegetation/ klima)
  • wohnen am wasser (ozean, meer, see, fluss, kanal)
  • wohnen auf dem wasser (hausboote, schiffe, auch bohrinseln)
  • wohnen auf dem/ am berg (berghütten)
  • wohnen auf dem eis (inuits/ eskimos)

die wahl des richtigen ortes hängt allerdings von vielen faktoren ab und ist meist nur bedingt frei wählbar. mit dem ort verbindet sich zum beispiel die „heimat“, ein gewachsenes netz sozialer bindungen (eltern, freunde, kindheit). jeder mensch hat zudem eine gewisse individuelle präferenz, einen bestimmten ort zu favorisieren. soetwa kann ein stadtkind sich schlecht vorstellen, mitten auf dem land zu leben (wie auch umgekehrt). oder ein kind von der küste kann nichts mit bergigen regionen anfangen. und auch der regional geprägte menschenschlag (u.a. dialekt) mag ein kriterium für den norden, osten, westen oder süden sein. sehr stark bestimmt jedoch der arbeitsplatz -und damit die einkommensquelle-, wo man überhaupt lebt bzw. sesshaft wird. auch das einkommen entscheidet notgedrungen, wie und wo man leben kann. es gibt sehr teure wohngebiete (z.b. villengegenden) und relativ günstige wohngebiete, wobei die vermeindlich günstigen nicht unbedingt auch die schlechteren sein müssen und die teuren häufig auch grosse nachteile haben.

infrastruktur: schliesslich noch die lage relativ zur vorhandenen infrastruktur. dazu zählen neben den strassen, wegen und plätzen auch alle öffentlichen infrastrukturen (verwaltung, krankenhäuser, schulen, kindergärten, bahnhöfe, flughäfen, museen, kultureinrichtungen, sport- und freizeiteinrichtungen etc.) wie auch die versorgung mit handel, gewerbe, shops, dienstleistungen usw.

  • wohnen direkt im stadtzentrum
  • wohnen in historischen stadtgebieten
  • wohnen direkt an der strasse (blockrandbebauuung, strassenbebauung)
  • wohnen in ausgewiesenen, verkehrsberuhigten wohngebieten oder auch ruhigeren mischgebieten
  • wohnen in heterogenen gebieten (gewerbegebiet, industriegebiet)
  • wohnen im grünen (grosse gärten/ grundstücke, parkanlagen, auf dem land, zwischen den städten etc.)

auch hier gibt es keinen „idealen“ standort sondern nur viele „angebote“, die stets mit der persönlichen lebenssituation, den einkommensverhältnissen und den persönlichen vorlieben in deckung gebracht werden können. familien mit vielen kindern bevorzugen eher geschützte, „sichere“ räume mit vorhandenen infrastrukturen für ihre kinder (nachbarschaft zu familien mit kindern, kindergärten, schulen, spielplätze, medizinische versorgung etc.). junge menschen (heranwachsende) tendieren hingegen eher zur stadt (grosses freizeit- und kulturangebot, scene). ältere menschen möchten vielleicht ihren lebensabend allein und in aller ruhe geniessen oder suchen anschluss an gleichaltrige wie auch jüngere menschen. auch junge familien können bewußt die nähe zu älteren menschen suchen, um gemeinsam die aufgaben der kindererziehung und freizeitgestaltung besser zu lösen. müssen oder wollen familienmitglieder betreut und gepflegt werden, kann auch dies ein kriterium für die standortwahl sein (nähe zu den eltern/ verwandten/ freunden). auch die mobilität (verkehrsmittel/ führerschein vorhanden) kann entscheiden, ob man auf dem lande oder besser in der stadt wohnt.

wohnungsgrösse :: die durchschnittliche wohnungsgrösse liegt derzeit in der bundesrepublik bei etwa 40m² je einwohner. 1950 waren es im durchschnitt gerade mal 15m² je kopf. mitunter haben um 1900 in den dicht besiedelten städten mehrere familien mit 10 und mehr personen in kleinen wohnungen mit nur 5 bis 10 m² wohnfläche je kopf gelebt. der starke anstieg der wohnfläche je kopf hat zum teil etwas mit dem demographischen wandel, zum teil mit einer veränderten arbeits- und wirtschaftswelt (rollenverteilung mann-frau, hohe flexibilität/mobilität am arbeitsplatz, einkommensverhältnisse) und zum teil mit dem starken wunsch sowie den steigenden finanziellen möglichkeiten nach individueller selbstverwirklichung durch das „eigenheim“ zu tun (bauboom etwa in den 1960´er bis 1970´er jahren). durch die zunehmende auflösung der ländlichen wie städtischen grossfamilie (mehrer generationen leben in einem haus oder einer wohnung) und einer zunehmenden land-stadtflucht der überwiegend jüngeren menschen haben sich die wohnverhältnisse und wohnungsgrössen bis heute sehr stark verändert. immer mehr menschen leben heute in singelhaushalten und führen selbst innerhalb einer partnerschaft einen doppelten haushalt. durch den zunehmenden fortzug der jungen aus den ländlichen gebieten ist dort bei den bestandsbauten die wohnungsgrösse je kopf automatisch gestiegen (bevölkerungsrückgang). dem zunehmenden ansturm auf die städte konnte man seit dem nur mit großmaßstäblichen neubausiedlungen bzw. neubaugebieten entgegnen, die relativ zu den alten, engen bestandswohnungen immer großzügiger wurden. hier wurden im schnitt zirka 30m² bis 35m² je kopf für die sogenannten kleinfamilien wie auch singelhaushalte oder arbeiterhaushalte verbaut. dazu in den etwas einkommenstärkeren haushalten das wesentlich großzügigere einfamilienhaus auf freiem grundstück mit zirka 40m² bis 60m² je kopf. im gegenzug haben sich mit den veränderten familienstrukturen und sinkenden geburtenzahlen aber auch die vorhandenen wohnungen in den städten vergrößert. heute leben in den kleinen wohnungen (30m²/ kopf) lediglich studenten, junge singels und einkommensschwache wie zunehmend ältere menschen mit einer geringen rentenversorgung. in den ehemals bis zu 120m² grossen familienwohnungen (altbauten) leben nun paare wie auch finanzstarke singels mit über 60m² wohnfläche je kopf.

wohntypen :: schliesslich gibt es die unterschiedlichsten haus- und gebäudetypen, in denen man wohnen kann. auf dem lande und vor den städten oder wohngebieten sind es i.d.r. ein- und zweifamilienhäuser, bungalows, reihenhäuser, kettenhäuser oder zeilenhäuser in eingeschossiger bis drei- oder auch viergeschossiger bauweise. diese können in geschlossener oder auch offener bzw- freier bauweise mit oder ohne garten auf einem grundstück angeordnet sein. daneben historische bauformen bzw. sondergebäude wie: burg, schloss, villa, hütte, fachwerkhaus, bauernhof, landgut etc. im zeichen des „modernen massenwohnungsbaues“ hinzu gekommen sind mehrgeschossige „plattenbauten“ und hochhäuser (appartmenthäuser). in den städten selbst meist mehrgeschossige blockrandbebauungen, zum teil mit hinterhofhäusern oder auch mehrgeschossige, freistehende punkthäuser bzw. stadthäuser. daben eine vielzahl von attraktiven umnutzungen, bei denen alte, mehrgeschossige gewerbe- oder bürobauten, stillgelegte fabrikanlagen, kasernen oder ähnliche sonderbauwerke zu modernen „loftwohnungen“ mit tiefen grundrissen umgebaut werden. jeder wohntyp bringt eine ganz spezielle lebensform mit sich, die zwangsläufig auch auf die bewohner zurückwirkt. gebäudetypen wirken immer auch milieubildend, ziehen also nicht nur bestimmte „typen“ von menschen oder gesellschaftsgruppen an sondern festigen und prägend diese auch nachhaltig. hier etwa das reichenviertel (z.b. villen), die arbeitersiedlung (z.b. reihenhaus, platte), das studentenviertel (altbau, wohngemeinschaften, wohnheime), die akademikersiedlung (altbauten, einfamilienhaus), das altenviertel (mietwohnungen, wohnanlagen), die familiensiedlung (familienhäuser), das künstlerquartier (lofts, ateliers, altbauten) usw.

freier grundriss vs. raumgliederung :: mit beginn der modernen architektur wurde zu beginn des 20.jahrhunderts u.a. durch den schweizer architekten „Le Corbusier“ der sogenannte „plan libre“ eingeführt. hierbei ermöglichen freistehende stützen und einzelne, tragende wandscheiben (minimiertes tragwerksystem, skelettbauweise) einen relativ freien grundriss und die bisher eingesetzten raumhohen, raumumschliessenden, tragenden mauern mit entsprechenden fenster- und türöffnungen verschwanden peu a peu, innen wie aussen. nun konnten auch ganze fassadenteile beliebig und nach freier wahl „vollverglast“ werden, was dem verlangen nach mehr licht, mehr ausblick (auf den garten, die natur) und mehr transparenz (offene, demokratische gesellschaft) sehr entgegenkam. dank der neuen baukonstruktionen und baumaterialien (stahl, stahlbeton, glas) konnten nun sehr grosse/ weite, wandlose und zudem nach aussen vollverglaste räume entworfen werden, die auch die konventionelle „raumgliederung“ durch geschlossene einzelräume obsolet gemacht haben. seit dem wohnen wir räumlich „offen“ und „transparent“, zudem noch ausgestattet mit galerien und lufträumen. hatte man zuvor noch alle funktionalen bereiche (eingang/ flur, küche, essplatz, wohnzimmer, musikzimmer, bibliothek etc.) in separate, wandumschlossene räume differenziert, werden diese -zum teil auch weggefallenen oder stark veränderten- funktionen heute auf einem freien grundrissen „flexibel“ und räumlich fliessend angeordnet. die flexible wie individuelle zonierung erfolgt damit überwiegend über die möblierung selbst. auch küche, essplatz und wohnbereich, zuvor wegen der schall- und geruchsbelästigung strikt voneinander getrennt, werden zunehmend als „offener raum“ umgesetzt. hier funktioniert der „küchenblock“ oder eine schicke, praktische „tresenanlage“ als optische raumtrennung zum essbereich und regale oder borads als halbdurchlässige raumtrennung zum wohnbereich. auch im schlafbereich werden heute zunehmend schlafplatz (bett), garderobe (ankleide) und badezimmer als offene „einraumlösung“ umgesetzt, dei denen die mögliche raumteilung allein über transparente oder semitransparente schiebetüren und/oder flexible sichtschutzwände angeboten wird. das zusammenlegen von räumen hat darüber hinaus auch einen grossen spreffekt bei den herstellungskosten wie auch bei den renovierungs- bzw. instandhaltungskosten: jeder weggelassener quadratmeter nichttragender innenwand spart je nach ausführung zirka 100,- bis 200,- euro herstellungskosten sowie jährlich 3,- bis 5,- euro je quadratmeter für anfallende renovierungskosten (tapezieren, malern, fliesen, austauschen von türen etc.).

wohnen :: bauherrengruppe

Montag, März 7th, 2011

bauherrengruppen sind heute ideale werkzeuge, mit denen unterschiedlichste menschen mit unterschiedlichsten interessen und lebensvorstellungen unterschiedlichste bauvorhaben jeder größenordnung und preisklasse realisieren können. hierbei lassen sich die einzelnen baugruppen (kleingruppen, siedlungseinheiten, grössere wohnanlagen bis hin zu grossgruppen) in 5 übergeordnete kategorien mit entsprechendem sozialen profil einteilen:

  1. professionell initiiert: demographisch gemischt, soziokulturell eher homogen
  2. spezielle interessiert: demographisch gemischt, soziokulturell eher homogen
  3. lebenssituation: sozial und/ oder demographisch und/ oder kulturell homogen
  4. mehrgenerationen: generationsübergreifend, soziokulturell überwiegend homogen
  5. gemeinwesen: sozial und/ oder kulturell gemischt, integration von randgruppen

initiatoren, rechtsformen und interessen :: bauherrengruppen können je nach kategorie angeregt und initiiert sein durch architekten, externe dienstleister, alternativbeispiele, initiativgruppen, kommunen, netzwerkarbeit oder auch politische bewegungen. der rechtsform nach treten sie i.d.r. als WEG (wohnungseigentümergemeinschaft), aber auch als verein oder genossenschaft auf und haben u.a. folgende, zum teil auch nur einzelen zielsetzung:

  • ökonomische vorteile gegenüber individuellen lösungen
  • individueller einfluss auf raumprogramm
  • besondere lage/ besonderes objekt
  • einfluss auf soziales umfeld
  • solares/ energiesparendes bauen
  • ökologisches bauen
  • besondere haus- oder wohnungstypen
  • wohnen für frauen, alleinerziehende mütter
  • wohnen für senioren als wohngemeinschaft
  • symbiotische gruppen (z.b. senioren und studenten)
  • gemeinschaft von familien und singels, alt + jung
  • integration von wohnen + arbeiten
  • kleingruppenübergreifende organisationsstrukturen
  • arbeitsplätze durch internes raumprogramm

motivation, soziale aspekte :: auch die motivation sowie „sozialen ansprüche“ können ganz unterschiedlich sein:

  • der prozess des bauens selbst
  • gemeinschaft ist nicht ausgangspunkt, vlt. aber resultat des prozesses
  • verwirklichung einer „idee“, erfordert eine gemeinschaft, ist jedoch nicht primäres ziel
  • problembewältigung, emotionale einbettung, balance zwischen unabhängigkeit + wahlfamilie
  • verwirklichung eigener wohn- und lebensformen, erhöhte toleranzschwelle
  • möglichkeit wechselnder gemeinschaftsbildung

gemeinschaftsräume :: je nach baugruppe und programm können zusätzliche räume, flächen oder ganze einrichtungen als gemeinschaftsflächen oder gemeinschaftseinrichtungen vorgesehen werden:

  • gemeinschaftlich genutzte garagenanlagen, stellplätze für pkw/ fahrräder, müllsammelplätze
  • gemeinschaftlich genutzte freiflächen für kinder (spielplatz), gartenflächen, erholungsflächen
  • gemeinschafsräume für´s kochen, essen, feiern, freizeit, bibliothek usw.
  • gemeinschaftlich genutzte hobbyräume, werkräume, lagerräume, waschräum, haustechnik
  • gemeinschaftlich genutzte wellnessräume wie sauna, schwimmbad, fitnessraum
  • gemeinschaftlich genutzte erschliessungsanlagen (aufzug, lift, rolltreppe)
  • gemeinschaftlich genutzte energieversorgung (block-heiz-kraftwerk, kombianlagen etc.)
  • gemeinschaftlich genutzte serviceeinheiten (hausmeister, pförtner, mediz. dienste etc.)

gesucht + gefunden :: viele dieser bauherrengruppen, insbesondere die privaten kleingruppen, sind im städtischen bereich meist durch architekten und/ oder stadtplaner selbst angeregt, initiiert und/ oder fachlich moderiert bzw. begleitet. die baulichen und programmatischen möglichkeiten sind nebst interessenlage und zielsetzung der bauherrengruppe dann abhängig vom bauplatz bzw. grundstück, der vorhandenen, umzunutzenden bzw. umzubauenden oder anzubauenden immobilie (altbau, industriebau, gewerbebau), den baurechtlichen rahmenbedingungen (bauordnung, bebauungsplan, auflagen etc.) sowie schliesslich auch von den finanziellen möglichkeiten der bauherrengruppe. hat sich einmal eine „idee“, eine kleinere gruppe, eine immobilie oder ein geeigneter bauplatz gefunden, kann das „projekt“ konzeptionell wie planerisch erste umrisse annehmen, um im weiteren prozess des dialoges weitere interessenten anzuwerben. durch professionell moderierte „besprechungen“ und „regelmäßige treffen“ der bauherrengruppe können nun alle wichtigen vorstellungen, wünsche und sonstigen aspekte peu a peu „verdichtet“ und konkretisiert werden. manchmal können diese prozesse -je nach bauaufgabe und personenkreis- mehrere monate und jahre dauern, diese können aber auch bereits nach wenigen monaten des richtigen „suchen + finden“ sofort in einen konkreten bauantrag umgesetzt werden.

sparvorteile :: bei durchschnittlichen investitionen von 40.000,- bis 60.000,- euro je person für die baukosten (ca. 40m² wohnfläche je person), 12.000,- bis 18.000 euro für ein durchschnittliches neubaugrundstück (zirka 120,- euro/m²) sowie zirka 6.000,- bis 10.000,- euro für die planungskosten (honorare: statik, architekt, vermessung, bauphysik) kommt eine kalkulatorische einzelsummesumme von  zirka 60.000,- bis 90.000,- euro invest je hausbewohner zusammen (ohne finanzierungskosten). um nun ein größeres baugrundstück oder auch eine größere immobilie mit mehreren wohneinheiten unterschiedlicher größe zu bebauen bzw. umzubauen, kann bereits ab 10 personen eine „wirtschaftliche“ investition von 600.000,- bis 900.000,- euro zusammengetragen werden. einsparpotentiale gegenüber einer einzelbebauung ergeben sich hier zum einen aus dem größeren, zusammenhängendem bauvolumen (weniger hüllfläche, kompaktere bauweise, weniger erschliessungsfläche, geringerer anteil von versorgungsleitungen, geringere baukosten, ca.10-35%), einer gemeinschaftlich genutzten heizungszentrale (haustechnik, wartungskosten, ca- 15-25%), den gemeinschaftlich, wesentlich effizienter genutzten räumen bzw. freiflächen (beispiel sauna, pool, hobbyraum, werkstatt, kinderspielplatz etc., ca. 50-80%) sowie den geringeren planungskosten (ca. 10-20%). insgesamt können also bei zusammengelegten bauvorhaben allein die herstellungskosten um 10 bis 25% gesenkt werden. auch bei den laufenden betriebs- und unterhaltungskosten können durch eine effizientere energieversorgung spareffekte von mehr als 25% realisiert werden. hinzu kommen mögliche einsparpotentiale durch eigenleistungen, die in der gruppe wesentlich effizienter umgesetzt werden kann.

mehrwert :: eigentlich kann man bei bauherrengruppen -egal in welcher größenordnung- nur profitieren: effizientere planung, signifikante kostenreduktion (bei der planung, bauherstellung und unterhaltung) stärkung des sozialen umfeldes/ nachbarschaft, mehr raum und fläche durch gemeinschaftliche nutzung usw. insgesamt begrüßen wir als planer und architekten vor allem die gestalterischen möglichkeiten, über ein größeres bauvolumen ein mehr an gebäude- und raum qualität, ein weniger an ressourcenverbrauch sowie ein mehr an städtebaulicher qualität schaffen zu können.

fragen :: wenn sie weitere fragen zu thema „baugruppen“ haben, beraten wir [BLAUSTIFT] und unsere partner von „ACI Ingenieurgesellschaft mbH“ sie natürlich gerne individuell und ausführlich. beispiele und erfahrungsberichte von realisierten bauherrengruppen können wir ihnen gerne anhand abgeschlossener und aktueller bauprojekte der „ACI Ingenieurgesellschaft mbH“ erläutern. wir freuen uns auf ihre ideen! rufen sie uns einfach an: 0531-3618292