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ästhetisches bewußtsein

Freitag, Oktober 12th, 2012

Immer wieder kommem wir Gestalter, Designer und Architekten in unserer alltäglichen Arbeit an einen Punkt, wo es in der entscheidenden Bewertung und Auseinandersetzung mit Gestalt, Form, Material und Farbe ausschließlich um eine Vorstellungen und Definition von Ästhetik im weitesten Sinne geht. Diese Momente sind zugegebener Maßen relativ zur Dauer einer normalen Projektbearbeitung sehr selten und kurz, beinahe nebensächlich und beiläufig, zudem auch noch subjektiv gefärbt, doch im fatalen Ergebnis des fertigen Werkes letztendlich für jeden sichtbar, erfahrbar mehr als evident. Die Anmutung eines Gebäudes, seine Eleganz, seine formale wie materielle Klarheit wie auch seine ästhetische, vielleicht auch skulpturale, künstlerische Ausdruckskraft erfreuen und berauschen den Betrachter, schenken ihm Sinnesfreude und erinnern ihn an die wundersame Schönheit, die in unserer menschlichen Sinneswelt irgendwie verborgen ist. Ist Schönheit „planbar“? Gibt es eine „Gesetzmäßigkeit“, mit der das Schöne zu planen, zu entwerfen und schließlich zu bauen ist? Empfinden alle Menschen das Gleiche (oder auch Ähnliche), wenn sie vor oder in einem schönen Gebäude stehen? Und wenn das Schöne scheinbar irgendeiner universalen Gesetzmäßigkeit folgte, gilt dies dann auch für das Häßliche, das Unschöne? Bereits hier stoßen wir in der kritischen Analyse von Ästhetik auf große Widersprüche, die unterschiedliche Menschen und Kulturen hinsichtlich ihrer ästhetischen Vorstellungen aktikulieren. Junge Menschen empfinden anders als ältere Menschen, Menschen vom Land vielleicht anders als Städter, Frauen vielleicht anders als Männer und gebildete vielleicht anders als weniger gebildete . . . alles scheinbar stets eine Frage der soziokulturellen Prägung, der Umweltbedingungen und vielleicht oder wahrscheindlich auch zum Teil der genetischen Disposition, die für die unterschiedliche Ausprägung von Sinnesorganen sowie deren neurologische Verarbeitung sorgt. Wenn das so ist, gibt es folglich auch kein universales Gesetz der Ästhetik, das für alle Menschen gleichermaßen sinnlich wahrnehmbar ist. Geschmack und die Ästhetik der Wahrnehmung sind also vielmehr eine Frage der kulturellen Bildung, des kulturellen Kontextes und werden bestenfalls nur marginal durch mögliche, naturgegebene Konstanten, etwa der Symmetrie, der arithmetischen Proportionen usw. definiert. Was uns aber bleibt, ist eine intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit ästhetischen Effekten, das persönliche „Suchen“ nach neuen, unbekannten, vielleicht auch nur vergessenen ästhetischen Effekten unserer Vorgänger, um sie dann schließlich als gebaute, anschaubare Kreation der Mitwelt als sinnlich wahrnehmbares Artefakt und materielles Dokument zu übergeben. Ob sie als ästhetisches Bauwerk auch von den Menschen gelesen und verstanden wird – zu welcher zeit auch immer – kann dabei nicht sichergestellt werden. Oftmals werden künstlerische Werke bzw. Kreationen erst sehr viel später von den Menschen verinnerlicht und verstanden. Progressive Ästhetik macht also nur dann Sinn, wenn wir uns individuell mit ihr beschäftigen, ihren tieferen Geheimnissen folgen und sie auf ihre Art und Weise wirken lassen. Einen Absolutheitsanspruch gibt es in dieser Disziplin nicht, wohl aber das Erfinden und Finden neuer Effekte, die irgendwie als materielle Realisation auf uns „wirken“! Die (erlernte) Gewöhnung an einen besimmten Geschmack ist dabei mindestens so hinderlich wie die Ignoranz vor anderen Geschmäckern und persönlichen Präferenzen der äshetischen Stilistik, wenngleich das eindeutige Bekenntnis zu einem Stil (oder einer ästhetischen Richtung) in unserer westlichen Kultur der Persönlichkeiten (Individualgesellschaft) ein soziokulturelles Merkmal wie auch kultureller Zwang und Usus geworden ist. Doch ästhetische Eindeutigkeit, die sich als Identifikationsmerkmal klar nach außen hin abgrenzt und sich selbst der besseren Ablesbarkeit wegen meist sehr „extrem“ darstellt, ist bloß ein persönliches, auch soziales Bekenntnis und hat mit Ästhetik selbst nur wenig zu tun. Wer sich einmal mit dem PUNKT und der Aneinanderreihung von Punkten, also der LINIE ernsthaft auseinander gesetzt hat, wird im Reich der unendlichen Möglichkeiten von Punkteverknüpfungen im Raum sehr vorsichtig sein, auch nur eine -wenn auch schöne- gefundene Konstellation von Punkten als die Beste oder Schönste zu bezeichnen. Hier ist unserem Rechenapparat (Gehirn) einfach eine natürliche Kapazitätsgrenze gesetzt, alle nur möglichen Punkte im (unendlich großen) Raum zu durchdenken und zu ersinnen, und dies erst Recht, wenn jeder einzelne Punkt auch noch eine bestimmte Farbe, eine bestimmte Materialität, einen bestimmten Klang, einen bestimmten Geruch und/ oder eine bestimmte Dynamik besitzt. Auch wenn man das Spektrum des Möglichen naturwissenschaftlich eingrenzen und definieren kann (etwa in der Akustik die wahrnehmbaren Töne, in der Farbenwelt die Wellenlänge des für das menschliche Auge sichtbaren Lichtes usw.), ist eine musikalische Komposition oder auch der Lichteffekt eines Sonnenaufgangs in der ästhetischen Wirkung wohl kaum zu determinieren, also künstlich und abstrakt durch „Planung“ (also der Anwendung von Gesetzmäßigkeiten) vorwegzunehmen. Eine Komposition ist in der ästhetischen Wahrnehmung etwas ganz anderes als die bloße Aneinanderreihung von einzelnen Tönen, einzelnen Punkten, Linien, Farben, Stoffen oder auch Buchstaben! Lediglich eine Ahnung, ein „intuitives“ Wissen von BALANCE und HARMONIE der einzelnen Teile scheint es (zumindest in der Wahrnehmung der Menschen) zu geben, nicht mehr und nicht weniger. Aber auch die Kunst der DISHARMONIE, der spannungsvollen UNBALANCE kann ästhetisch wirken! Letztendlich probieren wir Menschen etwas aus, lassen es (gerade wie schief) „wirken“ und finden Gefallen oder Ungefallen daran. So einfach geht (empirische) Ästhetik für den Menschen. Ein guter Gestalter addiert und kombiniert einmal gefundene Effekte -die er in seinem Erfahrungsschatz gespeichert hat- miteinander, baut sie um, verändert sie, stark oder geringfügig, um vielleicht zu neuen, zu komplexeren Effekten zu gelangen, deren Wirkung er beim Entwerfen synchron beobachten und bewerten kann. Doch wer stehen bleibt und sich immer nur mit den gleichen Elementen (Punkten, Buchstaben, Tönen, Farben, Formen etc.) beschäftigt, begeht eine Art kreativen wie ästhetischen Selbstmord: Neuschöpfungen entstehen nur noch durch Variationen eines in sich begrenzten Spieles. Und da nichts so alt und langweilig ist wie die Zeitung von gestern, müssen auch immer wieder neue Kombinationen von materiallen, akustischen, visuellen oder auch kommunikativen Punkten das „hungrige“ menschliche Publikum (also unseren Denk- und Sinnesapparat) erfreuen. Kurzum: Ästhetik muß immer wieder von uns Menschen subjektiv, also individuell neu erfunden, entdeckt und genossen werden!

arten der ästhetik ::  ausgehend von der Graphik und Malerei gibt es allein im 2-dimensionalen Bereich eine Vielzahl von ästhetischen Phänomenen, die durch unterschiedlicheste Formen, Umrisse, Linien, Strukturen, Texturen, Kompositionen, Kontraste, Farben oder auch handwerkliche Techniken erzeugt werden. Spannend ist hierbei die komplexe Überlagerung und Durchdringung von Linie, Form, Motiv, Farbe, Textur etc., weniger die extreme, überrissene Isolation nur eines bestimmten Effektes: die schön geschwungene, schwarze Linie auf hellem Untergrund mag für sich genommen ästhetisch genug sein (Karrikatur, Comic, Skizze etc.). Doch was passiert, wenn sie zusätzlich mit einer ästhetischen Farbkomposition, einer ästhetischen Textur, Struktur oder sonstigen Geometrie, gar mit einem ästhetischen Motiv kombiniert wird? Es geht hier im weiteren Sinne von Ästhetik also um die gekonnte Komplementierung und Erweiterung sinnlicher Effekte, also das bewußte Ausschöpfen von Möglichkeiten in der sinnlichen Darstellung unserer Umwelt, ohne sich auf Teilaspekte oder einzelne Phänomene von Effekten zu beschränken (was ja viele Künstler wie Architekten der Moderne bis heute bewußt und intendiert getan haben, während die „Alten“ noch ein „Gesamtbild“ zu entwerfen hatten ). Die schmackhafte Pasta reicht alleine nicht aus: sie braucht zur ästhetischen Vollendung noch einen schönen Wein, einen hübsch gedeckten Tisch in netter Umgebung, vielleicht einen Kerzenschein, eine schöne Musik im Hintergrund, vielleicht einen schönen Blick auf´s offene Meer, natürlich einen reizvollen, interessanten, charmanten Tischgesellen, dito einen netten, höflichen, unaufdringlichen Kellner, freilich auch eine angemessene Portion Appetit und die ein oder andere schmückende Garnitur oder Beilage des Koches . . . zusammen erst wird -in Form einer kultivierten Zelebration- ein sinnliches, damit ästhetische Vergnügen draus. Und zweifelsfrei mag die Musik im Hintergrund eine andere sein, als wenn man sie konzentriert hörte, und auch der Wein würde sicherlich ohne die herrliche Pasta ganz anders (nicht unbedingt schlechter!) schmecken usw.

Ästhetik in der Architektur und Raumwahrnehmung funktioniert ähnlich, auch wenn vornehmlich andere Sinne angesprochen werden als beim Gaumenschmaus. Das meiste läuft zweifelsfrei über die visuelle Wahrnehmung (Farbe, Form, Umriss, Figur, Kontrast, Helligkeit, Licht usw.), ergänzt von der haptischen Wahrnehmung (Materialien und Oberflächen werden gefühlt), der Akustik (also das Schallverhalten im Raum), der Wahrnehmung von Temperatur und Feuchtigkeit, dem Geruch (etwa von Holz, Beton oder Linoleum) bis hin zur abstrakten Wahrnehmung und Reflektion durch unser Gehirn, unser Bewußtsein (auch unbewußt!) und unser Erinnerungsvermögen. Ein ästhetisches Gebäude oder ein ästhetischer Raum bedient also im besten Falle einer Vielzahl von sorgsam aufeinander abgestimmten Sinneswahrnehmungen, die vor allem und ausschließlich in der „Summenwirkung“ einen positiven ästhetischen Effekt erzeugen! Eine schöne Wandfarbe oder Lichtstimmung reicht nicht aus, wenn der Fußboden aus unedlem, billigen Kunststoff besteht, der Raum klimatisch unbehaglich, es vielleicht unangenehm riecht, der Raum in der Größe oder Funktionalität unangemessen beschaffen ist oder eine Deckenleuchte das Auge empfindlich blendet. Ästhetische Störquellen (Farbe, Form, Material, Funktion, Akustik, Licht, Geruch) gibt es also zahlreich, daß man einen schönen Raum am besten aus dem Nichts (also dem Weglassen von Elementen) entwickelt und ihne idealerweise Stück für Stück mit einzelnen Elementen behutsam in seiner ästhetischen Summenwirkung aufbaut( try and error). Was zu viel oder zu wenig ist, läßt sich meist durch bloßes Ausprobieren leicht wahrnehmen bzw. beobachten. Wichtig ist zu Wissen, daß sich nahezu alles gegenseitig beeinflußt und es keine „isolierten“ ästhetischen Artefakte im Raum gibt, die sich vom Kontext selbstreferentiell lösen könnten. Auch die räumliche Größe eines Kontextes kann nicht genau definiert werden, da auch abgeschlossene Räume gedanklich und bildlich in der Wahrnehmung mit den sie umgebenden Räumen (innen wie außen) verbunden sind. Das bloße Addieren von ästhetisch zweifelsfrei anspruchsvollen Designobjekten, Möbeln, Leuchten, Bildern oder Materialien allein führt hier nicht und niemals zum Ziel, wenn es um eine sinnliche Gesamtbetrachtung geht. Freilich können auch durch Abstraktion, also das bewußte Ausblenden des Kontextes, ästhetische Effekte erzielt und wahrgenommen werden, doch diese Kunst der Isolation taugt nicht oder nur bedingt für den Städtebau und die Architektur, da es hier um eine hochgradige wie komplexe Verknüpfung mit dem natürlichen und soziokulturellem Kontext geht (anders oder zumindest weniger empfindlich als beim Design eines Autos oder einer Kaffeemaschine). Ausschlaggebend ist also bei Räumen und Gebäuden immer nur die Summenwirkung im Raum, daß ein jeder Effekt den anderen in seiner angenehmen, also ästhetischen Wirkung unterstützt bzw. ermöglicht! Hier zugleich auch der Hinweis, daß einzelne Gebäude immer einen räumlichen Kontext haben, der von sehr vielen Architekten leider nicht mehr oder nur noch unzureichend behandelt wird (neben der benachbarten Bebauung etwa die Gestaltung des Gartens, der Grundstücksumfriedung, die Anordnung von Pflanzen und Bäumen, die Ausbildung von Wegen und Straßen, der benachbarte Blick auf das Gebäude und seine Dächer, die Anordnung von Stadtmöbeliar (Schilder, Poller, Bänke, Mülleimer, Stromkästen, Elektrifizierung etc.) bis hin zur Aussenraumbeleuchtung, Werbeschildern, Schilder i.a. usw.). Es gibt sogar Architekten, die die rechte Platzierung, Gestaltung und Einbindung von Gullis als gestalterische Aufgabe und Bedeutung wahrnehmen. Karl Josef Schattner, Carlo Scarpa oder auch Gottfried Böhm beispielsweise hatten noch dieses umfassende Verständnis von Gebäuden im öffentlichen Raum, das über die bloße Gestaltung der Fassade und einer schmucken Eingangstür mit zahlreichen Details weit hinaus ging. Tatsächlich ist der Wandel der Architektur mit Beginn der Moderne vor etwa 100 Jahren bis heute stark mit der wissenschaftlichen wie industriellen Methode des „speziellen“ Separierens, Abstrahierens und Isolierens verbunden (analog die Entwicklung in der Kunst), um zu neuen Erkenntnissen und Ausdruckssystemen zu gelangen. All das war „rückblickend“ sicherlich notwendig! Heute aber stehen wir nicht mehr vor dem Problem der Innovation als vielmehr vor dem Problem, daß wir das „Ganze“ (sei es die Stadt, ein Quartier oder unser sozialer, kultureller, wirtschaftlicher wie politischer Kontext) infolge Spezialisierung und Zergliederung wie auch quantitativer Explosion nicht mehr fassen und definieren können und damit die gewollten oder gewohnten „Bilder“ diffus bis unlesbar oder gar unsinnig werden. Obwohl wir heute technisch wie ökonomisch nahezu unbegrenzte Möglichkeiten haben, verliert sich alles gestalterisch Große -bitte nicht mit Monumentalität verwechseln- im Kleinen und Zusammenhangslosen, ist ein Baugesetzt, eine bürokratische Formalie oder eine technische Norm manchmal wichtiger als der eigentliche gestalterische Wille, der sich auch im Design einer Türklinke, einer Llingelanlage oder einer Sauberlaufmatte im Windfang ausdrücken kann. Wenn wir den Malern die Formate, Pinsel und Farben, gar noch die Motive vorgeben, dürfen wir uns nicht wundern, daß keine Kunst und ohne Kunst auch keine Kultur der Sinne entsteht. Umstrittene Gestalter wie Coop Himmelblau, Günther Behnisch, Zaha Hadid, Frank O. Gehry wie auch Hundertwasser -und es gibt noch mehr von ihnen- sind darum so wichtig für unserer Kultur, weil sie mit ihren Werken aus der Banalität und Ödnis des einfachen, konventionellen Bauens (die Ästhetik des Bedeutungslosen) ausbrechen und unsere seltsame Tristess einfallsloser Seelen mit frischen Farben und Formen verarzten und beleben. Die oben genannten Gestalter sind Ästheten durch und durch, eben weil sie sich eigenständig, extrem wie originell mit den Effekten des materiellen Raumes beschäftigen, anstatt standartisierte, konventionelle Lösungen zu verwenden und widerzukeuen.

Freilich können und wollen wir nicht alle 365 Tage im Jahr ein Feuerwerk und Gaumenschmaus erleben, daß es auch ruhige, ausgewogene, sprich alltägliche, banale Raumsituationen geben muß, die unsere Sinne (wie auch unseren Geldbeutel) nicht permanent fordern und strapazieren oder andere Lebensbereiche und Aktivitäten in den Vordergrund stellen. Doch muß es gleich so einfallslos, beinahe menschen- sprich „sinnen“verachtend sein wie etwa zahlreiche Beispiele im sozialen Massen-Wohnungsbau (Plattenbau) oder liebloser Investorenprojekte? Es gibt auch eine Ästhetik der Bescheidenheit, der Sparsamkeit, der Reduktion, die ohne aufwendige Konstruktionen und teure Materialien zu realisieren ist!

ästhetik des ortes :: alles fängt mit einem Ort an, an dem sich Gebäude ästhetisch entfalten können. Ist der Ort selbst ohne Reiz, kann auch ein schönes Gebäude den Ort nicht wesentlich verbessern. Jedes Gebäude ist in seiner Wahrnehmung fest und wechselseitig mit seiner unmittelbaren Umgebung verknüpft. Architektonische „Oasen“ bilden hier die wenigen Ausnahmen. Schöne Orte werden entweder durch landschaftliche Reize oder/und durch städtebauliche Attraktivitäten definiert, die vom Gebäude aus sichtbar sind. Manche Orte entfalten ihren Reiz sogar nur zu bestimmten Jahreszeiten, andere entfalten ihre Magie erst bei Dunkelheit oder erst durch bestimmte menschliche Aktivitäten. Wichtig ist, daß das Gebäude selbst i.d.R. nicht den schönsten Platz einnehmen sollte, vielmehr den Blick auf den schönsten Platz oder Ort ermöglicht (im Gegenteil zu besonderen Bauwerken, etwa den Denkmälern). Ein 20 geschossiges Appartmenthaus kann von aussen betrachtet sehr häßlich sein, offenbart jedoch seine ganze Schönheit erst durch seinen einmaligen Fernblick auf die Landschaft/ Stadtumgebung. Andere Orte sind tief unter oder über der der Erde (Bergwerk, Stollen, Bergdorf, Almhütte, Gipfelstation etc.) und erzeugen durch ihre territoriale Exponiertheit ein besonderes Gefühl der Einmaligkeit. Und auch Orte der Geheimhaltung stahlen eine gewisse Anziehungskraft aus (Verboten Stadt, Sicherheitszonen, Regierungssitze, Herrschaftshäuser, Vatikan etc.). Letztendlich wird der räumliche Kontext bei der ästhetischen Bewertung von Gebäuden immer mitgelesen und kann viele ästhetische Mängel des eigentlichen Gebäudes (innen wie außen) kompensieren. Gar gibt es Gebäude, die nur über ihre Fassade und Hülle, andere nur über ihren Innenraum ästhetisieren. Schließlich gibt es noch besondere Orte, die wir als die Orte der Vergangenheit bezeichnen, sie als Kultstätten weihen oder mit ihnen bestimmte Epochen oder Zeitabschnitte verbinden. Dazu zält u.a. auch die Ruinenarchitektur (alte Burgen, verfallene Häuser bis hin zu ganzen Städten etc.) wie auch stillgelegte, ehemalige Industrielandschaften (Ruhrgebiet, Bergwerke). Auch technische Gebäude oder Anlagen wirken neu wie alt über eine bestimmte Maschinenästhetik, die meist durch Größe, Kraft, Dynamik, Präzision oder auch Konstruktion beeindruckt. Bis heute kennen wir eine Vielzahl solcher spezieller Orte, die uns manchmal erst im nachhinein ästhetisch bewußt werden und die in ihrer Entstehungs- und Nutzungszeit als solche Orte nicht geplant oder beabsichtigt waren. Für die Definition von Heimat -und dies überall auf der Erde- ist die gestalterische Charakteristik eines Ortes (einer Region) von großer Bedeutung, da wir Menschen uns mit diesen lokalen bis hin zu nationalen Motiven, die von Ort zu Ort, von Kultur zu Kultur ganz unterschiedlich ausfallen können,  in der sinnstiftenden Suche nach Heimat sehr stark identifizieren. Schlicht ausgedrückt brauchen die Kölner ihren Kölner Dom, die Ägypter ihre Pyramiden, die New Yorker ihre Miss Liberty, der Pariser seinen Eifelturm, der Berliner seinen Alex, der Friese seine friesengrün getünchten Haustüren, der Skandinavier seine rostrot oder zartgelb gestrichenen Holzhäuser wie auch der Schweizer seine mossbewachsenen Berghütten. Wer reizvolle, originelle landschaftliche Motive in direkter Sichtweite hat, kann auf architektonische wie auch städtebauliche Originalitäten quasi verzichten, zumindest sind sie kaum von Bedeutung, da hier meist das landschaftliche Motiv an Schönheit und Raumgefühl kaum zu überbieten ist bzw. städtebauliche Anstrengungen nicht als wirkliche Konkurrenz zu befürchten hat. Städte oder Orte in der flachen Ebene haben es hier schon weitaus schwieriger, wenn der Blick auf die nächste, landschaftlich reizvolle Erhebung oder Attraktion nicht sichtbar ist. Wer Topographie, Berge, Täler, Felder, Wiesen, Flüsse, Seen und Küsten in seiner Umgebung hat, mag bereits an den schönsten Orten der Erde leben und braucht dazu nicht viel architektonisches oder städtebauliches Spektakel. Wer jedoch in kilometerlangen Stadtgebieten, sogenannten „Metropolregionen“ mit weit über 5 Millionen Einwohnern lebt (Rhein-Ruhrgebiet 12 Mio EW, Moskau 17 Mio EW, Kairo 18 Mio EW, Mexico City, New York und Delhi ca. 19 Mio EW, Sudogwan (Seoul) 22 Mio EW bis hin zu Tokio 38 Mio EW), für den sind die architektonischen wie städtebaulichen Reize zur Herstellung einer Identifikation (also zumindest ein Gefühl von Heimat) mit dem Ort von großer Bedeutung. Stadtmenschen lieben ihr Quartier, ihren Quartiersplatz, ihr Quartiersgrün und ihr Quartiershauptgebäude (das alte Rathaus, eine Kirche, den Stadtplatz oder ähnliche, bedeutende Bauwerke). Wenn es keine Landmarke gibt, die den angestammten Ort der Heimat markiert, muß es ein Gebäude oder eine Ansammlung von Gebäuden (das Quartier) sein, die den Lebensraum der Menschen und Bürger als einmaligen, unverwechselbaren Ort „markieren“. Solange Menschen in einzelnen Gemeinschaften leben, brauchen sie zur kulturellen Abgrenzung und selbstbewußten Unterscheidung ein eigenständiges Ausdruckssystem (Sprache, Schrift, Musik, Mode, Kunst, Städtebau, Architektur etc.). Diese Form des kulturellen Wettbewerbes hat -einmal abgesehen von den vernichtenden Kriegen- in den letzten Jahrtausenden auch zur Entwicklung wunderschöner Kunstformen wie auch eigenständiger Kulturräume geführt. Auch innerhalb der Städte galt es, mit der vortrefflichen Gestaltung seines Hauses die eigene Bedeutung und den sozialen Rang innerhalb der Gesellschaft nach außen sichtbar und kenntlich zu machen. Heute sind es sogenannte Prestigeprojekte (meist Wolkenkrater), mit denen man national im Ansehen um Macht und Stärke um die Wette eifert. Auch diese Form des direkten Machtausdruckes durch schlichte Größe kann eine bestimmte Form der ästhetischen Wahrnehmung sein, auch wenn sie sich den feineren Sinnen kaum erschließen mag. Waren es damals die zahlreichen Herrschaftshäuser, die die besten Künstler und Baumeister ihrer Zeit engagierten, sind es heute global agierende Multi-Konzerne und börsennotierte Aktienunternehmen, die ihre „corporate identity“ über „corporate design“ und „corporate architecture“ kommunikativ, materiell und räumlich zum Ausdruck bringen wollen, dies überwiegend durch Größe, weniger durch Qualität. Doch es bleibt fraglich, ob die sogenannte Marke als architektonisches Branding „tres international“ auch ohne den Ort oder die Region als feste, identitätsstiftende Konstante á la „global net“ auskommen wird. VW gehört immer noch zu Wolfsburg wie BMW zu München, Porsche zu Stuttgart, Thysse-Krupp zu Essen oder Chanel zu Paris. Tatsächlich spielt der Ort scheinbar aus wirtschaftlichen Gründen eine immer geringere Rolle (Beispiel Nokia), falls echte Standortvorteile (Qualifikation, Attraktivität und Lebensstandard der Region) von den Unternehmen höher bewertet wird als der sogenannte „Sharholder Value“. Wie auch immer besitzen attraktive Orte eine gewisse Strahlkraft und nicht selten kommt es zu einer überwiegend wirtschaftlichen, sprich unternehmerischen Prägung des Ortes, wenn ein Großteil der Arbeitsplätze und des Kapitals und damit das Vorhandensein von Wohlstand und Fortschritt durch das lokal angestammte Unternehmen quasi synergetisch begünstigt werden. Weitere Formen der ästhetischen Ortswahrnehmung finden sich in Städten wie Las Vegas, deren Faszination einerseits von der Spiel- und Amüsiersucht seiner Gäste, andererseits von der faszinierenden, nächtlichen Licht- und Werbekunst geschuldet ist, die alle konventionellen Maßstäbe angemessener Architekturen als rein komerzielle und vor allem emotionalisierende Kunstform überwindet. Las Vegas ist im Prinzip ein riesengroßes Schauspielhaus, in der die Architektur bloß Kulisse für die große Show ist. Eine Nummer kleiner sind es die großen Boulevards und reklameleuchtenden Einkaufsstraßen der großen Städte, die uns konsumhungrigen Menschen mehr als befriedigen. Alles, was auf kleinstem Raum blitz, blinkt und leuchtet erhöht unsere Aufmerksamkeit, zieht uns in den Bann, ist das Geheimnis jahrtausende alter Markt- und Basarkultur, ist pure Kultur des Handels. „China Town“ ist sicherlich eine der ausgeprägtesten Handelsorte weltweit mit soviel Magie, Faszination und Sinneseindrücken, daß man auch diese eher chaotischen Orte menschlichen Treibens auch im ästhetischen Sinne begreifen kann. Dem diametral gegenübergestellt die Orte der Stille, der Kontemplation, Oasen der Meditation, der Ruhe und Besinnlichkeit. Es sind nicht nur alte Klosteranlagen, Kirchen und Gebetshäuser, auch Gärten, Parkanlagen und Friedhöfe (Grabstätten), die die Kunst der Enthaltsamkeit und Reduktion beherrschen, Orte, an denen das allzu Laute und Bunte der Menschen sich bewußt zurücknimmt. Und Sie werden dieses ästhetische Spektrum von Laut und Leise, Groß und Klein, Bunt und Monochrom, Schnell und Langsam oder auch Hell und Denkel auch in ihrer Stadt oder Umgebung entdecken. Nicht gilt es, sich etwa für das eine oder andere zu entscheiden, daß es das bessere sein könnte…vielmehr reagieren diese unterschiedlichen Orte auf unterschiedlichste Bedürfnisse und Stimmungen der Menschen wie auch des einzelnen Menschen selbst, dessen ästhetisches Verlangen niemals kontinuierlich und stetig sondern stets voller Abwechslung und im Wandel ist. Orte können -bei Mißfallen der Umgebung- gewechselt werden, manche Orte sind stets selbst in einem permanenten Wandel, manche (private Orte) können selbst individuell angepaßt werden.

ästhetik der ankunft :: jeder Ort der Welt, an dem sich mögliche Schönheit entfalten kann, wird zunächst einmal von einem anderen Ort aus erreicht. Die Reise und der Weg von einem Ort zu einem anderen Ort ist selbst bereits Teil des sinnlichen Vergnügungs und zieht sich von Geburt an als Kette von mehr oder weniger bewußt wahrgenommen Orts- und Raumwechseln ein Leben lang fort . Dies erfolgt im Nahbereich zum aufgesuchten Ort (also zum Objekt der Begierde) meistens ganz konventionell per pedes über Wege und Straßen, aber auch direkt mit dem Auto, Bus, der Bahn, dem Zweirad, vielleicht auch mit dem Boot (Venedig, Hafen- und Küstenstädte), mit Pferden (auf einer Ranche oder Farm) oder anderen Fortbewegungsmitteln (Schnee-Scooter und Seilbahnen in Bergregionen, Schlittschuhe auf zugefrorenen Kanälen in Holland, Elch- und Rentier-Schlitten in Skandinavien oder auch kilometerlange Rollbänder in Tokyo usw.). Bereits während dieser Reise offenbart sich unseren Sinnen eine Art filmischer Schnell-Durchlauf von Räumen, Raumfolgen, Raumszenen, Landschaftssituationen und Stadtansichten sowie deren welchselseitige Kombination, z.T. auch überlagert mit „medialen“ Bildern anderer Orte und Motive zu anderen wei auch gleichen Zeiten. Mal reichen die Blicke kilometerweit in herrliche Landschaften (Alpenpanorama, Seeblick), mal erhaschen wir nur kleine, kurz entfernte Detailansichten oder Fragmente von Landschaften oder Gebäudeteilen, deren Zusammenhang sich uns nicht vollkommen erschließt. Und auch die Anreise bei Tageslicht ist vollkommen verschieden zu einer nächtlichen Anreise, in der nur künstliches Licht den Weg zeigt. Und auch eine Winterreise präsentiert sich anders als eine Sommerreise, und selbst die Tageszeit und Witterung hat Einfluß auf unsere sinnliche Wahrnehmung. Auch jungfräuliche Reisen erleben wir anders als alltägliche Reisen durch bereits bekannte Orte. Die schönsten Anreisen jedoch sind jene, bei denen das Zielobjekt (also das Gebäude) bereits schon in mehreren Kilometern Entfernung sichtbar ist, zum Teil wieder verschwindet, sich immer wieder von neuen Perspektiven zeigt und die Annäherung niemals direkt sondern über „Umwege“ erfolgt. Auch der markierte Eingang des Gebäudes sollte niemals „direkt“, also über den kürzesten Weg über eine Sichtachse erreichbar sein: die direkte Annäherung ist -wenn auch effizient und aufrichtig – meist doch wegen ihrer Direktheit eher unhöflich, uncharmant, unelegant bis plump und vielleicht auch einfältig! Schöner ist es, sich dem Ort mit Respekt und Charm langsam und behutsam von der Seite zu nähern (man selbst zeigt also auch immer nur die Körperseite und signalisiert damit Friedsamkeit und Passivität) und dabei zugleich die Umgebung (vielleicht den schön gestalteten Garten oder die umgebende Landschaft) achtend wie beobachtend. Erst kurz vor dem Ziel darf sich der Blick frontal auf den Eingang wenden, wo das Spiel sich im Innenraum natürlich in gekonnter Weise fortsetzt und man nur über geschickt gestaltete, meist unmerkliche „Umwege“ zum eigentlichen Ziel gelangt. Vielleicht entstammt diese Form der vorsichtigen, etwas umständlichen Annäherung auch unserem einstigen Jagdverhalten, vielleicht aber ist sie auch nur erlernter Ausdruck einer kulturellen Haltung, die den höchsten Lustgewinn nicht im nackten, lauten und plötzlichen Demonstrieren einer Sache (Exhibitionismus, Machtdemonstration, Präsenz etc.) sondern auf subtile Art und Weise im dezent verschleiernden Verdecken von etwas erzielt. Die zwischenmenschliche Kunst der höflichen Zierde und Aufmerksamkeit, des sich bewußten Klein- und Leisemachens signalisiert nach Konvention Höflichkeit und Respekt, während die direkte, frontale Konfrontation eher bedrohlich, dominant und als Zeichen von Agressivität wahrgenommen wird. Tatsächlich finden sich in alten Kulturkreisen, etwa in China oder Japan, körperliche Haltungen, die formal auch auf Gebäude oder Gebäudeteile übertragen wurden, so, wie auch umgekehrt das heroische wie monumentale „Protzen“ und „Triumphieren“ sich ebenfalls in einigen Bauwerken der Geschichte (nicht nur der faschistoiden Architektur) wiederfindet. Die hohe Kunst der charmanten, unaufdringlichen Annäherung würden wir vielleicht eher den kultivierten, feinsinnigen Franzosen (Versaille, Sonnengott Ludwig der 14te) wie auch den sich stets höflich sich verbeugenden Chinesen oder Japanern zubilligen, weniger wohl den strammen, robusten „Nordmännern“, Vikingern, texanischen Cowboys oder auch Barbaren. Zumindest gibt es bei der näheren Betrachtung der sozialen Kultur gewisse Ähnlichkeiten oder formale Analogien mit der Ausgestaltung von Gebäuden sowie auch deren bewußte Einbindung in den räumlichen Kontext. Ein weiterer Unterschied in der Ausgestaltung der Annäherung von Gebäuden wird schließlich auch durch die Differenzierung in öffentliche, herrschaftliche und nichtöffentliche, private Gebäude vorgenommen. Nahezu alle öffentlichen Gebäude der Vormoderne (Rathäuser, Gerichtsgebäude, Universitätsgebäude, Schulen, Opernhäuser, Theater, Bahnhöfe, Regierunsgebäude) wie auch sakrale Bauten wurden in ihrer symmetrischen Grundfigur meist direkt über ihre Mittelachse erschlossen und nur in seltenen Fällen asymmetrsich über die Seiten, Flügel oder gar rückwärtig. Die zentrale, mittige Erschließung bedingt formal auch eine symmetrische Gestaltung des Vorbereiches (i.d.R. Platzanlagen, Parkanlagen, Vorfahrten oder auf den Eingang führende Straßenachsen). Mit Beginn der Moderne hat man jedoch das klare Prinzip der Symmetrie als vornehmliches, tradiertes Zeichen und feste Ordnungsstruktur für öffentliche Funktionen aus mehreren Gründen (ästhetische, funktionale, politische wie soziale) aufgegeben, so daß eine eindeutige Identifizierung über das altbewehrte Ordnungssystem Symmetrie heute in dieser Eindeutigkeit nicht mehr möglich und aus meist politischen Bekenntnissen (Zeitgeist) von vielen Menschen nicht mehr gewünscht ist (Gleichsetzung totalitärer Systeme mit der Symmetrie, Abwendung von totalitären Systemen, Suche nach neuen Ausdrucksweisen und Ordnungsstrukturen für moderne, freie Gesellschaften etc.). All dies, obwohl die Symmetrie aus ästhetischer Sicht zweifelsfrei sehr starke Effekte erzeugt und im Prinzip eine Grundkonstante menschlicher Sichtweisen wie auch natürlicher Konstruktionssysteme darstellt (Körpersymmetrie der Natur, Biologie etc.). Dennoch ist die Symmetrie aus gestalterischer Sicht in Sachen Vielfalt und Kreativität stark eingeschränkt. Räumlich betrachtet wird ja der zu gestaltende Raum zur Hälfte durch bloße Spiegelung aufgefüllt, während freie Kompositionen den gleichen Raum auf viel differenziertere und vielfältigere Art und Weise gestalterisch nutzen können. Zudem verlangen symmetrische Systeme ein sehr hohes Maß an Perfektion und Ebenmaß wie auch die Proportionen der einzelnen Bauteile sehr empfindlich aufeinander abgestimmt sein müssen, um das Auge nicht zu beleidigen. Die Symmetrie ist von allen architektonischen Ordnungssystemen wohl die abstraktetste, eindeutigste und perfekteste Struktur und bildet in ihrer mathematischen Klarheit einen geistigen wie auch sinnlich wahrnehmbaren Gegenpol zum eher chaotischen, asymmetrischen System des Menschen wie auch zur Natur (es gibt kein symmetrisches Wetter, keinen symmetrischen Wald, kein symmetrisches Gebirge und selbst symmetrische Lebwesewen (Beispiel Gesicht) sind nur scheinbar symmetrisch konzipiert). Dennoch ist die Symmetrie trotz ihrer starken Ordnung weniger komplex und ästhetisch von minderer Bedeutung und Ausdruckskraft als die Vielfalt asymmetrischer wie auch chaotischer Ordnungssysteme. Studiert man alte Stadtgrundrisse, finden sich kaum Anzeichen symmetrischer Stadtgründungen oder Stadtplanungen, war die Symmetrie über viele Jahrhunderte hinweg allein den Göttern vorbehalten (Tempelbau). Grundsätzlich sollten Architekturen so gestaltet sein, daß die Ankunft zu einem Gebäude (oder auch zu einem Stadtteil) über und durch eine Vielzahl von Elementen und sinnlichen Effekten begleitet wird: Treppen, Höhenunterschiede, Sichtachsen, Raumfolgen, Brücken, Tore, Tunnel, Enge und Weite, Höhe und Horizontale bis hin zu farblichen und materiellen Variationen bzw. Wechsel wie auch formalen, zeichenhaften Darstellungen (Symbole etc.) sorgen für eine erlebnisreiche wie sinnliche Raumerfahrung innerhalb eines funktionalen Kontextes. „Schönes“ Reisen heißt hier, charakteristische Orte von Originalität zu schaffen, sie lesbar zu machen, sie zu identifizieren und in ihrer Raumfolge ähnlich einer Menüfolge im zeitlichen Ablauf (also kontinuierlichem Perspektivwechsel) wirken zu lassen. Je unterschiedlicher wie auch extremer die Raumsituationen dabei aufeinander folgen, desto stärker kommt dabei auch ihr Habitus als eine Art emotionales Wechselbad zur Wirkung. Stellen sie sich eine eingeschossige, brettbeschlagene Imbißbude vor, die in Front eines 400m hohen Wolkenkratzers steht oder schauen sie aus dem 100 Stockwerk auf eben jene kleine, eingeschossige Imbißbude herab, die an Raumvolumen mehr als 40.000 mal kleiner ist! Kurzum: Räume müssen nicht nur „schön“ gestaltet sein, sie müssen vor allem in der Folge von Räumen möglichst „unterschiedlich“ gestaltet sein, daß sie auf der Reise ein sinnliches -nicht lanweiliges noch schockierendes- Erlebnis wert sind. Diese Form der räumlichen Inszenierung erfolgt nicht durch die bloße Addition funktionaler Bauwerke (also das Auffüllen eines Stadtgrundrisses), sondern ist zu großen Anteilen die gekonnte wie kreative Planung eines begabten Städtebauers, der über Platzanlagen, Straßen, Wege, Brücken, Flüsse, Parkanlagen, Niveauwechsel, Sichtachsen wie auch Festlegung von Nutzungen, Bauweisen, Geschossigkeit und Materialien etc. eine abwechslungsreiche Struktur vorgibt, die schließlich durch Gebäude unterschiedlichster Größe und Funktion wie auch durch Stadtmöbeliar und Pflanzen sich zu allen möglichen Perspektiven als Raumbild vervollständigt und in seiner ästhetischen Wirkung verstärkt wird. Das ,was allen schönen Städten gemein ist, ist die sorgsame Platzierung von ausgesuchten Solitären und Platzanlagen sowie das gekonnte Setzen von einigen wichtigen Hochpunkten (Türme jeglicher Art [Eiffelturm Paris, Fernsehturm Berlin, Wasserturm Braunschweig] , Kirchturmspitzen [Köner Dom, Dom zu Florenz, Kuppeln vom Kremel], Hochhäuser [ehem. WTC, Manhatten], aber auch Brückenbauwerke [Köhlbrandbrücke Hamburg, Golden Gate S.F., Tower Bridge London], Krananlagen [Hafenanlage HH, Krananlage Würzburg], Schornsteine [VW-Werk Wolfsburg] etc.) im Stadtprofil bzw. der Stadtsilhouette als eindeutige, charakteristische wie symbolische Markierung des Ortes. Hochpunkte werden hierbei zum einen für die Fernansicht (also die klassische Stadtsilhouette als zeichenhaftes Motiv), aber auch direkt im räumlichen Nahbereich eines Quartiers (etwa ein Denkmal auf einer Platzanlage, der Rathausturm etc.) platziert. Letztendlich geht es bei der architektonischen wie städtebaulichen Reise um eine in sich stimmige wie vor allem abwechslungsreiche Gesamtabwicklung von Raumerlebnissen, die weder Variationen in der Struktur, dem Material, der Farbe, der Transparenz noch der Form, der Funktion, der Konstruktion, der Vegetation oder der Topographie meidet. Darum ist es für Architekten auch so schwierig, „das“ oder ein perfektes Gebäude zu entwerfen, welches als der Weisheit letzter Schluß eine „universale“ Anwendung  erlauben würde. Die gibt es natürlich nicht, solange sich die Orte selbst voneinander unterscheiden und dito die Menschen selbst so unterschiedlich Denken, Fühlen und ihre Kultur und Sprache individuell bestimmen. Nur innerhalb einer bestimmten ästhetischen Kultur -also innerhalb eines Teilfragmentes- gibt es künstlerische und ästhetische Regeln und Gesetzmäßigkeiten, daß die gewünschten Effekte eintreten mögen. Das in sich stimmige Bild einer ausgewogenen Renaissancefassade eines Palastes oder einer Kirche beispielsweise kann man nicht einfach durch andere Elemente, Formen, Konstruktionen, Materialien oder Farben verändern, ohne das ästhetische Bild zu zerstören. Und auch eine Berliner Nationalgalerie oder den Barcelona-Pavillion von Mies van der Rohe kann man nicht wesentlich anders gestalten, wenn man das ästhetische Bild nicht zerstören will, um es etwa durch ein neues Bild (was ja durchweg legitim ist) zu ersetzen. Tatsächlich sind in der Vergangenheit durch Abriss und Umbau zahlreiche Ursprungsgebäude radikal verändert worden und haben es zu neuen, ästhetischen Ausdrucksformen geschafft, haben sich in diesem Sinne sogar verbessert oder haben bedauerlicherweise an Wirkung, Glanz und Originalität verloren.

ästhetik des bildhaften :: Gebäude erzeugen i.d.R. durch ihr Volumen und ihre Gebäudehülle bestimmte „Formen“, die meistens der Geometrie (Rechteck, Quadrat, Kreis, Dreieck und deren Variationen) entspringen, welche auch die (mathematische) Grundlage von stofflichen Konstruktionen ist (Platte, Balken, Stütze, Wand, Gewölbe, Dachstuhl usw.). Mit der Anwendung konstruktiver, statisch berechenbarer Systeme unterscheidet sich die Baukunst (von alters her die Kunst der Zimmermannsleute bzw. der Schiffsbauer) damit wesentlich von der Kunst der Bildhauer und ihrer meist aus einem Rohling gehauenen oder in eine freie Form gegossenen Skulpturen. Es gibt nur wenige Beispiele, bei denen Räume oder Körper nicht durch Konstruktionen (additive Fügung von geometrischen Elementen) sondern durch subtraktive Verfahren hergestellt worden sind (Beispiel Kanu aus einem Holzstamm, massive Gewölbedecke vom Grabmahl des Theoderich, Hölenbauwerke…). Erst mit der Erfindung des Betons (Stahlbeton) war es möglich, auch plastische Bauteile in freie und komplexere Formen zu „gießen“, deren bekannteste Meisterin z. Z. die Architektin Zaha Hadid ist, vor ihrer zeit etwa Le Corbusier oder Pier Luigi Nervi . Und auch andere Techniken in der Metall- oder Holzbearbeitung ermöglichen es uns bereits seit einigen Jahrhunderten, Eisen und Stahl in freie Formen zu giessen oder zu pressen (z.B. ornamentierte Gusseisenstützen, gewölbte Bleche, CNC-gefräste Profile) oder auch Hölzer in gebogenen Formen als Träger oder Platten herzustellen. Wir können komplex gewölbte Glasscheiben (Elbphilharmonie Hamburg) oder auch frei geformte Kunststoffbauteile (Olympiastadion München von Frei Otto) verwenden. Wie auch immer: die Gebäudeform resultiert letztendlich aus der meist klimatisch wirksamen Hüllfläche eines bestimmten Raumvolumens und muß mit der Erfindung der Curtain-Wall (gläserne Vorhangfassade vom Bauhaus von Walter Gropius) nicht mehr zwingend eine statische, konstruktive Funktionen (massive, tragende Außenwand etc.) übernehmen. Und auch die technische Realisierbarkeit großformatiger Glasscheiben wie auch anderer transluzenter wie semitransparenter Bauteile (z.B. Lichtbeton) hat das klassische Bild der jahrtausende alten, überwiegend massiven, opaken Lochfassade längst abgelöst. Wie man mit der klassischen „Massivbauweise“ ästhetisch bauen kann, können wir eindrucksvoll an den historischen Bauwerken bis hin zu den Alten Römern, Griechen oder auch der Ägypter vortrefflich studieren. Wie man jedoch zeitgemäße, ästhetisch ansprechende „Formen“ baut, ist immer noch Experimentierfeld und obligt in der gesellschaftlichen Akzeptanz einer gewissen Skepsis und Abneigung, da die festen wie sicheren Bilder der Vergangenheit (Stilarchitektur vergangener Epochen) immer noch allgegenwärtig ist und manchen Blick in die Gegenwart und Zukunft verhindert. Das Wagnis zur freien Form ist jedoch bis heute fester Bestandteil einer kulturellen Erneuerung und Entwicklung, um stets zeitgemäße Funktionen, Bedürfnisse und technische Möglichkeiten durch moderne Gebäude und Städte umzusetzen. Le Corbusier hatte diese freien Formen als Betonpionier gesucht (Wallfahrtskirche Ronchamp), Frei Otto hat sie mit dem Dach des Olympastadions realisiert,  Frank Lloyd Wright hat sie mit dem Guggenheim-Museum in New York wie auch der Johnson Wax Company in Racine umgesetzt, Coop Himmelblau mit dem dekonstruktivistischen Dachaufbau in der Falkestraße in Wien, Zaha Hadid mit der Feuerwehrwache in Weil am Rhein oder dem Phaeno in Wolfsburg, Günther Behnisch mit dem Bundestag in Bonn oder auch der Nord/LB in Hannover, Daniel Libeskind mit dem Jüdischen Museum in Berlin wie auch Frank O. Gehry mit seinen plastisch deformierten Metallschalenbauten in Düsseldorf oder Bilbao (Guggenheim-Museum). All diese Bauten erzeugen Formen (und damit auch Bilder) jenseits der klassischen Geomtrie und öffnen uns den Weg in eine nichtlineare, nicht ebenmäßige, nicht symmetrische, weitaus komplexere wie auch dynamischere Formen- und Raumwelt, wie sie schon längst in der Atomphysik (Stringtheorie) wie auch Astronomie (gekrümmter Raum etc.) mit allen Paradoxen üblich ist. Vergleichen wir Gebäude in ihrer ästhetischen Wirkung mit den Skulpturen eines Michelangelos, eines Auguste Rodin, eines Alberto Giacomettis, eines Henry Moor, eines Hans Arp oder einer Niki de Saint Phalle, finden wir bei allen Künstlern bzw. Kunstwerken nichts von all jener geometrischen Strenge, die über Jahrtausende hinweg das kulturelle Bauen so stark beeinflußt hat. Immer wieder kommt der mahnende Fingerzeig, daß Gebäude keine Kunstwerke und auch keine Skulpturen seien, daß künstlerische Aspekte den funktionalen, wirtschaftlichen oder technischen Aspekten unterzuordnen sei usw. Und doch berauschen wir uns immer wieder an den Bauwerken vergangenen Stilepochen, deren Baumeister sich selbstverständlich und vornehmlich mit dem rechten Schmuck und Ornament („firmitas, utiltas, venustas“, s. Vitruv „De architectura libri decem“), den schönen Effekten und dem Kunstvermögen (Künstler wie Handwerk) ihrer jeweiligen Zeit beschäftigt haben. Heute muß sich der Architekt nolens volens mit überwiegend industriell gefertigten Massen-Produkten begügen (auch wenn das Spektrum an Stoffen, Materialien und Konstruktionen verglichen mit den vorangegangen Epochen extrem groß ist), weil handwerkliche Kunst -und damit das „Original“- wie künstlerische Arbeit (wie in allen vorangegangenen Stilepochen selbstverständlicher Usus) kaum noch von den Bauherren bezahlt werden will, bestimmte Kunstfertigkeiten sogar schon wegen mangelnder Nachfrage ausgestorben sind. Und wenn wir zurecht die modernen Architekturen und Städte „ästhetisch“ beklagen, liegt es allein an dem Unvermögen wie Unterlassen der öffentlichen wie privaten Bauherren -aus welchen Gründen auch immer- , das „Schöne“ im Werk beim Architekten oder Städtebauer „beauftragt“ zu haben. Das Bild- oder auch „Zeichenhafte“ an Architekturen wie auch Städten ist eng verbunden mit unserer Sprache, die ebenfalls zur neuronalen Codierung von Bedeutungen und Zusammenhängen mit Zeichen und Symbolen arbeitet. Wie auch bei Schriftzeichen werden Formen zur schnelleren Identifizierung in Gnome zerlegt und mit den erlernten Bedeutungen und Inhalten (Semantik) verknüpft. So etwa können abstrahierte, 2-dimensionale Zeichen (auch Schriftzeichen) sogar in fragmentierter Darstellung als ganze Wörter bzw. als 3-dimensionale Gegenstände (Objektwahrnehmung) identifiziert werden, obwohl der zu identifizierende, räumliche Gegenstand nicht präsent ist oder weitere Raum- und Objektinformationen (Objekttiefe, Lichtreflexion, Akustik, Position im Raum, Objekt-Funktion etc.) einfach fehlen bzw. noch nicht wahrgenommen werden können. Die fehlenden Informationen werden hierbei von unserem Gehirn dazu asoziiert. In der Regel sehen wir von einem bestimmten Standpunkt aus immer nur eine 2-dimensionale Fläche (Bild) und noch lange keinen Körper im Raum oder gar Gegenstand mit den Dimensionen x, y und z, den wir erst nach einem perspektivischen Umgang (vorne, hinten, seitlich, oben, unten) oder durch das Interpretieren eines Lichtreflexes oder Schattenrisses erkennen. Hierbei helfen die von unserem Gehirn formal und figürlich angelegten bzw. abgespeicherten „Gnome“ (u.a. temporaler visueller Asoziationskortex), den Gegenstand bzw. die 2-dimensionale Abstraktion imaginär bzw. cognitiv zu vervollständigen und den Gegenstand oder das Objekt durch Filtern, Schablonierung bzw. Abgleichen mit den vorhandenen, überwiegend „erlernten“ Gnomen im Wahrnehmungsprozess zu indentifizieren und zu verifizieren. Ähnlich verfahren wir auch bei großen Objekten (also Gebäuden) bis hin zu ganzen Stadtteilen. Es liegt nahe, daß Sprache (Zeichen, Wörter, Symbole etc.) wie auch Objekte im Raum vom Menschen durch neuronale Abstraktionen (Gnome) „erlernt“ werden müssen, damit wir (also unser Gehirn) ihnen durch weitere neuronale Verknüpfungsarbeit schließlich eine Bedeutung, einen Wert (bewußt wie unbewußt) wie auch eine körperliche, emotionale Reaktione (Ausschüttung von Dopamin-Rezeptoren der Zellen im „Nucleus accumbens“, unserem neuronalen Belohnungssystem) zuordnen können. Hier übrigens ein starker Hinweis von den Neurologen, dass ästhetische Effekte (also leztendlich die Aktivierung unseres Belohnungssystemes) demnach nicht apriori in der Welt sind sondern von uns Menschen durch Anlegen von neuronalen Strukturen und Mustern erst erlernt werden müssen! Damit ist schließlich die „Lernkultur“ ausschlaggebend bzw. maßgeblich daran beteiligt, ob und was wir Menschen in unserer sinnlichen Wahrnehmung ästhetisch empfinden. Hierbei kann zumindest im neurologischen Ergebnis die Feingliederung von Oberflächen und Formen (z.B. Renaissance) genauso erfolgreich bzw. ästhetisierend sein wie die abstrahierende Grobliederung (z.B. Kubismus, Impressionismus etc.). Es gibt hier also aus neurologischer Sicht keinen wirklichen Dualismus zwischen geometrisch exakt definierten Formen (Kreis, Quadrat, Dreieck etc.) und den sogenannten freien Formen, die jedoch im direkten Vergleich wesentlich komplexer, damit in der visuellen bzw. neuronalen Gnomzerlegung etwas aufwendiger zu identifizieren sind. Aber Belohnsysteme können auch dann aktiv werden, wenn einfach nur „Chaos“ identifiziert bzw. wahrgenommen wird, ohne daß die komplexe Struktur des Chaos tatsächlich im Einzelnen durch Gnomzerlegung bzw. visuelle Asoziationsarbeit analysiert und rekonstruiert wird. Oft ist es bei Menschen auch so, daß gerade im Geheimnis -also im noch nicht Verstehen von irgendetwas- ein starker Reiz (also die eigentliche Motivation) liegt, die schließlich beim Lösen oder Verstehen des Geheimnisses (durch Denkarbeit) von unserem Belohnsystem mit Lust und Freude honoriert wird (Zauberer- und Magiereffekt, Verstehenwollen, hohe Bereitschaft zum Risiko etc.). Andere Menschen (Sicherheitsverlangen, Harmoniemenschen) ziehen hingegen bekannte Strukturen vor, während alles „Unbekannte“ eher negative Gefühle verursacht und vermieden wird. Hier haben sich in der menschlichen Kultur zwei nahezu diametrale Überlebensstrategien etabliert, die zusammengefaßt vielleicht genau die richtige Mischung ausmachen, um auf der Erde erfolgreich zu sein. Das bewahren von alten Regeln, Mustern etc. und das riskante Suchen nach neuen Formen (durch die Avantgarde) verlangt natürlich von den Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägte Belohnungssysteme, deren Kultivierung (Pädagogik) ja bereits fester Bestandteil unserer pluralistischen Kultur ist. Auf der Suche nach der „rechten Form“ können wir retrospektiv bestenfalls feststellen, daß sie allein das streitbare Ergebnis von schwierigen Abwegungsprozessen ist, die mal dem Technischen, mal dem Funktionalen, mal dem Wirtschaftlichen oder dem Ästhetischen den Vorzug geben. Eine idealistische Gleichbehandlung von allen drei Faktoren, also „utilitas, firmitas und venustas“, wie es den alten Baumeistern (s. Vitruv) vielleicht noch bis in die Renaissance hinein vorschwebte, scheint hingegen schwierig und m.E. nahezu unlösbar zu sein. Tatsächlich haben wir mit dem Ende des Klassizismus bis heute eine Vielzahl von extremen Formen (Architekturen wie Objekte und Designs) herausgearbeitet, die entsprechend ihrer Zeit entweder nur technisch, nur funktional oder nur ästhetisch sind bzw. waren. Extreme Kompositionen -also ein Idealfall im puristischen Dreiklang- finden sich hingegen nur sehr selten, die schönste und bedeutenste wohl in der italienischen Renaissance vor etwa 500 Jahren (Florenz, Venedig, Rom), aber auch in jüngeren Zeiten der sukzessive Aufbau einer Wolkenkratzerstadt (Manhatten, New York, ab 1900 bis 1940 ff., z.B. das Rockefeller Center), deren ästhetische Anmutung (Art-Déco/ Jugenstil + innovative Stahlskelettbauweise + innovative Haustechnik + Natursteinfassaden) wie auch hohe funktionale Komplexität noch bis heute Vorbild für viele moderne Metroplen ist. Das Rockefeller-Center bildet hierbei übrigens eine besonderer Ausnahme, da hier sechs zusammenhängende Blöcke über die Zoning-Laws (…daraus resultierende Setbacks) mit öffentlicher Platzanlage (Channel, Eislaufbahn) als architektonisches wie städtebauliches „Ensemble“ mit einer hohen Anzahl an unterschiedlichsten Nutzern und Investoren (Konzernbüros RCA/GE etc., Theater „Radio City Music Hall“, Verlagsgebäude, Ländervertretungen, div. Cafe´s und Restaurantes) projektiert wurde. Tatsächlich haben die Architekten und Künstler es hier geschafft, mit den großen Bauvolumina, den charakteristischen, raumgliedernden und formgebenden Setbacks und den verwendeten, hochqualitativen Materialien (Limestone [weißer Kalkstein], Messing) eine repränsentatives Bild zu schaffen, das über viele Jahrzehnte hinweg symbolisch für den amerikanischen Fortschritt und Wohlstand steht/stand. Nur sehr selten gelingt es Architekten und Städtebauern, mit einem Gebäude oder auch Gebäudekomplex ein so starkes Bild zu schaffen, daß es eine ganze Stadt angemessen und „erhaben“ repräsentiert (Eiffelturm Paris, Brandenburger Tor Berlin, Tower-Bridge London, Markusplatz Venedig, Crysler Building N.Y., Pyramiden Ägypten, ehem. WTC N.Y.). Bis auf das Brandenburger Tor wurden hier von den Architekten extrem signifikante, geometrisch sehr einfache Formen gefunden, die zusammen mit der Konstruktion und dem verwendeten Material einen originellen Grundtypus bilden. Das Brandenburger Tor ist dabei weniger wegen seiner architektonischen Komposition als vielmehr durch seine schicksalhafte politische Bedeutung zu einem wichtigen Symbol geworden. Hierbei gilt: je komplexer und vielfältiger die Formen werden, desto geringer ist die bildhafte Reproduzierbarkeit durch das Gehirn. Formen und Gestalten mit eindeutiger Gnom-Zerlegung -also mit einer klaren und einfachen Bildstruktur bzw. Motiv- lassen sich hierbei wesentlich schneller und zielsicherer vom Gehirn reproduzieren bzw. ins Bewußtsein bringen (gilt auch für das Objektdesign, Musikkompositionen, literarische Werke etc.) und werden daher vom visuellen Belohnsystem i.d.R. immer und schnell zu 100% honoriert.  Das bedeutet aber nicht, daß alle einfachen, weniger komplexen Formen darum auch stets die ästhetisch anspruchvollsten oder ergiebigsten sind! Der Barcelona-Pavillion von Mies van der Rohe besteht in seinen Einzelteilen im Prinzip aus sehr trivialen, einfachen, symmetrischen Baukörperteilen (orthogonale Wand- und Deckenscheiben, Stützen), während die asymmetrische Komposition und Fügung dieser Einzelteile sowie deren Materialität jedoch sehr raffiniert, also wesentlich komplexer ausgeführt ist. Und auch die symmetrische Form des Eiffelturm ist aus der Ferne betrachtet relativ einfach zu rekonstruieren, während die Stahlkonstruktion selbst im Nahbereich nur sehr schwer bis garnicht in einfache Gnome zerlegt werden kann, daß sich aus ihnen die Gesamtform des Turmes ableiten ließe. Freilich hängt die Bildhaftigkeit einer architektonischen Form auch von der Häufigkeit ab, mit der wir mit den einzelnen Bildern oder Motiven in unserer kognitiven Lernphase konfrontiert werden. Hätte man medial im Zusammenhang mit Berlin statt des Brandenburger Tores etwa die zerstörte Frauenkirche gezeigt, dann wäre das erlernte Symbol für Berlin mit hoher Wahrscheinlichkeit die Frauenkirche geworden. „Branding“, eine Methode, die seit vielen Jahrzehnten in der Werbebranche effektiv eingesetzt wird, funktioniert medial natürlich auch bei Architekturen! Je häufiger wir ein Bild, einen Spruch, eine Melodie oder ein Signé wahrnehmen, desto stärker wird es in unserem Gedächnis abgespeichert, bewußt wie unbewußt! Insofern orientieren wir uns in Sachen Architektur nicht nur an den Gebäuden, die wir tatsächlich sehen oder gesehen haben, sondern auch an den Gebäuden, die man uns in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Werbeprospekten oder dem Fernsehen medial präsentiert. Diese Form der medialen „Geschmacksbildung“ bzw. „Geschmacksmanipulation“ -ich nenne es einmal kurz „medial branding“, mag fraglich sein, ist jedoch aus einer modernen Medienwelt kaum mehr wegdenkbar. Appel beispielsweise hätte mit seinem I-Phone nicht diesen Riesenerfolg, wenn es sein originelles und smartes Design nicht so radikal medial vermarktet hätte. Seltsamer Weise suchen wir Menschen anscheinend immer „kollektiv“ nach aktuellen Bildern und Symbolen, um damit unseren gesellschaftlichen wie kulturellen Status oder auch einfach nur unsere gesellschaftliche Zugehörigkeit zu definieren und zu dokumentieren (Phänomen der Massen, soziale Identifikation). Je stärker ein sozialer (Konsum-) Druck ausgeübt wird (die Medien wirken hier als Verstärker und Beschleuniger von Bildern), desto schwieriger wird es für die Menschen, sich dem Allgemeinverhalten (Zeitgeist, Mode) zu entziehen. Wenn aber die Bilder und die bildererzeugenden Moden immer schneller und in kürzeren Zyklen erzeugt, generiert und konsumiert werden, muß man aufpassen, daß die hohen Investitionen (wie sie nun einmal beim Herstellen von Gebäuden anfallen) in ein bestimmtes Gebäude-Design wie auch in einen Stadtgrundriss auch noch in wirtschaftlich wie ökologisch sinnvollen Zyklen von 20 oder 50 Jahren aktuell und gesellschaftlich akzeptabel sind. Diesen Spagat zwischen schnellen Moden in der Ding- und Konsumwelt müssen Gebäude in ihrer Grundsubstanz auch „formal“ leisten können, wenn wir sie nicht inflationär und damit unwirtschaftlich den üblichen Modezyklen überlassen wollen. Freilich gibt es Orte in dieser Welt, etwa La Vegas, an denen Gebäude und sonstige Strukturen bereits nach 5 bis 10 Jahren abgefeiert sind, so, wie es auch Innenraumeinrichtungen von Büro- oder Geschäftsräumen gibt, deren kalkulierte Lebenszyklen weniger als 12 Monate beträgt. Hier darf man nicht viel gestalterische noch materielle oder handwerkliche „Qualität“ erwarten. Trotzdem müssen solide, kostenintensive, auf längere Zyklen eingestellte Gebäude- wie Stadtstrukturen diese partiellen Moden kompensieren können, um nicht selbst unter der starken Inflation von Werten zu leiden. Viele Innenstädte leiden bereits unter diesen sogenannten Eintagsfliegen der „Geiz-Ist-Geil-Billigshops“, die nicht nur das urbane Design empfindlich stören sondern auch noch die falsche Klientel anlockt. Eine modernere Form der inflationsmindernden Kontrolle über Qualität und Design von Geschäftshäusern ist u.a. das Konzept der großflächig angelegten Shopping-Center, Outlett-Center wie auch Gesundheitszentren oder Dienstleistungs- und Gewerbeparks, um sie den mürbenden Kräften des Marktes zu entziehen. Aber auch solche Gebäudekomplexe wollen nach aussen hin weit sichtbar „werben“ und nehmen dabei nicht immer Rücksicht auf vorhandene Strukturen des urbanen Kontextes. Das grell leuchtende XXL-Werbeformat entlang der Autobahnen schleicht sich zunehmend auch in unsere Städte, so, wie am N.Y.´er Times Square oder in etwas kleinerem Maßstab am Londoner Picadilly Circus, jüngst auch mitten in der eher beschaulichen Braunschweiger Innenstadt durch eine der in Europa größten LED-Displaywand eines einflußreichen Textilunternehmers. Aber auch die moderne Licht-Kunst instrumentiert ganze Gebäude bzw. deren mehrgeschossigen Fassaden zu neuen, überdimensioanlen Licht-Bildern (Licht-Effekten) der Größe XXL. Auch hier entstehen neue Formen der visuellen, auch äshetischen Wahrnehmung und sorgen nicht selten für ganz neue, ungewohnet Stadtansichten!

ästhetik der komposition :: auch, wenn das Reich der Bilder und des Bildhaften in der Architektur noch längst nicht abgeschlossen ist, hier ein weiterer Aspekt, der ebenfalls stark mit dem bildhaften verbunden ist. Unter Kompositionen versteht man i.a. das synchrone wie parallele Zusammenspiel mehrerer artverwandter wie wesensfremder Teile innerhalb eines definierten bzw. ablesbaren Ganzen, etwa einem Bild, einer Skulptur, einem Musikstück, einer städtebaulichen Anlage wie auch einem Gebäudeensemble usw.. Auch ein Gebäude kann bereits als Ganzes gelesen werden, wenn man seinen (urbanen) Kontext nicht mit in das Bild einbezieht. Das einzelne Gebäude besteht dann aus einzelnen Elementen wie Decken, Wänden, Stützen, Dächern, Fenstern, Türen, Treppen usw., die als Komposition zu einem zusammenhängenden Gebäude gefügt sind und damit automatisch einen höheren Informations- bzw. Bildwert und Gestaltungswert besitzen als deren herausgelösten Einzelteile. Die Komposition kann am Beispiel der Musik in verschiedenen Genres erfolgen. So kann man Musikstücke nur für Soloinstrumente, für mehrere Instrumente oder sogar für ein ganzes Orchester komponieren. Mit steigender Anzahl von Instrumenten nimmt i.d.R. auch die Komplexität der Komposition zu. Doch eine hohe Komplexität kann auch mit der Komposition für nur ein einzelnes Musikinstrument erreicht werden! Aus ästhetischer Sicht mag das weite Spektrum von orchestraler Musik den soloinstrumentierten Kompositionen weit überlegen sein, doch ist Vielfalt und hohe Komplexität nicht immer ein Garant für das Eintreten ästhetische Effekte, daß es ratsam ist, verschiedene Gattungen oder Genres (Bautypen, Typologien) nicht miteinander zu vergleichen. Ähnlich kompliziert bzw. uneindeutig verhält es sich auch bei architektonischen und städtebaulichen Kompositionen. Das schöne Haus kann nicht mit der Komposition eines Wolkenkratzers verglichen werden, da die ästhetischen Reize ganz unterschiedlicher Art und Wirkungsweise sind! Statistisch betrachtet sind mehrere Einzelkompositionen für uns Menschen ästhetisch wertvoller als eine entsprechende Großkomposition, die, auch wenn sie gut gemacht ist, letztendlich nur einen Teil der Bevölkerung ästhetisch reizt. Den gleichen Raum an Einzelkompositionen aufgefüllt kann hingegen eine viel größerer Bandbreite an ästhetischen Reizen und damit individuellen Präferenzen generieren. Insofern ist die Art der Kompositionen immer auch eine politische und soziale Frage, wenn Gleichheit, Vielfalt, Individualität und Kolletivität diskutiert werden wollen. In den groben Zyklen unserer Kultur vollzieht sich meist immer ein Wandel von Harmonie und Einheit hin zum Chaos und der Vielfalt (wie auch umgekehrt) als mögliche Pole. Was uns Menschen dabei historisch betrachtet in Erinnerung bleibt, sind meistens immer nur die Ausbildungen von Polen als sogenannte Extreme (Hochpunkte/ Climax einer kulturellen Epoche), während die fließenden Übergangsformen -die qualitativ wie quantitativ den eigentlichen Grund einer Kultur bilden- meistens nicht eindeutig identifiziert noch erinnert oder honoriert werden. Ein weites Spektrum von Bildkompositionen und deren ästhetischen Wirkung finden wir in der Kunst und Malerei. Historisch betrachtet waren die gegenständlichen Abbilungen bis zur modernen, abstrakten Kunst (Impressionismus, Expressioniusmus, Kubismus ff.) nahezu passungsgleich bzw. synchron mit den Motiven, Bildern und beabsichtigten Stimmungen in der Architektur. Die Darstellung von Götterszenen oder anderen religiösen, historischen wie auch sozialkritischen Motiven hatte die Architektur seiner Zeit als festes Hintergrundmotiv integriert. Die Architektur war damit in der Bildkomposition fest verankert, bildete mit der meist figürlichen und realistischen Darstellung eine Art Symbiose im Sinne einer vollständigen wie umfassenden Kulturdarstellung. Wie aber konnte man nun impressionistische, kubistische oder expressionistische Bilder in die reale, nicht abstrakte Architektur transferieren? Tatsächlich hat man in der Architektur versucht, die jeweiligen Stilmerkmale der Kunst auf die Bauwerke zu übertragen, überwiegend durch entsprechende Fassadenornamentik (Jugendstil, Arts & Crafts, Expressionismus usw.). Eine baukörperliche Interpretation, die nicht nur über die Fassade und das Ornament als Schmuck wirkte, war hingegen schwon weitaus schwieriger zu realisieren. Am deutlichsten ist dies vielleicht in der Umsetzung des Neoplastizismus durch das Rietveld-Haus in Utrecht gelungen. Aber auch Le Corbusier konnte zumindest ansatzweise den Kubismus von Picasso in einigen wenigen Bauten auch baukörperlich und räumlich, zumindest aber plastisch und skulptural realisieren. Auch den Konstruktivismus und Dekonstruktivismus versuchte man -hier überwiegend durch russische Baukünstler vertreten- in Architektur zu transformieren. Die Suche nach neuen Bildern, Formen und Strukturen war das große Experimentierfeld der modernen Kunst schlechthin und wurde bis heute mit einigen Jahren Verzögerung stets in die Architektur transportiert. Warum die Architektur keine eigenständigen Bilder produzierte, lag wohl am Stilmuff des Klassizismus und der emotionalen Negation aller monumentalen, nationalsozialistisch geprägten Bild- und Formenideen. Neben dem Aufgreifen von bekannten Motiven oder Stilen aus der Kunst waren es in der Moderne allein strukturelle, konstruktive und funktionale Erneuerungen, die der Architektur tatsächlich zu mehr Eigenständigkeit bei Formfindngsprozessen verhalfen. Eine klare Abgrenzung zur Kunst (die ja bis heute gesellschaftlich stets synchron und auf breiter Basis medial publiziert und vermarktet wird) scheint immer noch schwierig, wenn man bildstarke, designorientierte Architekturen etwa von F. O. Gehry, Z. Hadid oder auch D. Libeskind betrachtet. Da es heute keine Regeln mehr für das rechte, richtige oder auch korrekte Bauen gibt, scheint alles irgendwie möglich, realisierbar und vorstellbar zu sein. Alles bildhafte in der Architektur -was ja von uns Menschen nach wie vor verlangt und begehrt wird!- unterliegt mehr und mehr medialen wie marktorientierten Gesetzen von „Moden“. Moden werden über das Design generiert, während Architekturen bis dato eigenen Gesetzmäßigkeiten -Funktion, Konstruktion/ Material, Kontext- folgte. Das Bild eines Hauses ist heute nicht mehr aus den geometrischen Kompositionen und der Grammatik der klassischen Architektur abgeleitet, vielmehr wird es zunehmend über marktgängige Designmotive bestimmt, die wie ein Kleid über rein tektonische Prinzipien (insb. isolierte Tragwerksstrukturen) gelegt werden: das Colani-Haus, das Ritzi-Haus, das Appel-Haus, das Porsche-Haus, das Nike-Haus usw.

Kompositionen, vor allem urbane Kompositionen, sind jedoch auf Grundlage solcher markenorientierten Bildvorstellungen (Designs) nicht mehr zu leisten. Das aktuelle Beispiel der Hamburger Hafencity zeigt deutlich, wie schwierig es ist, einen urbanen Raum allein mit Solitärarchitekturen (bekannte Star-Solisten) zu instrumentieren, daß man die vielen, einzelnen Gebäude (Instrumente) irgendwie im Rahmen einer Gesamtkomposition wahrnehmen könnte. Ohne räumliche Abgrenzung spielen hier mehrere begabte Solisten synchron und am gleichen Ort ihre eigene Melodie, ihr spezifisches Instrument…doch sie spielen nicht zusammen, wie es bei Orchestern üblich ist. Anders, als bei den Erwartungen an eine Weltausstellung (EXPO), konkurrieren hier die eingeladenen Solisten, während die Bewohner und Nutzer der Gebäude aus ästhetischer Sicht allein im Spannungsfeld dieses Wettbewerbes stehen , nicht aber einen ästhetisch anspruchsvollen Rahmen als Ort zum Leben und Arbeiten erhalten. Es findet sich hier keine formale Struktur, die stark genug ist, die zahlreichen Stile zu vereinen. Nicht, daß hier etwa alle Gebäude idealerweise die gleiche Form, Geschossigkeit, Materialität oder Fassadenausbildung erhalten müßten, um als Gesamtkomposition zu gefallen. Oft reicht es, wenn nur ein wesentliches Stilmerkmal (z.B. ähnliche Fensterformate (z.B. Lochfassade) oder ein einheitliches Fassadenmaterial (roter Klinker) oder ein bestimmtes Dacheindeckungsmaterial (z.B. Kupfer) oder ein charakteristisches Motiv (z.B. treppenanlagen oder Schornsteine) usw. als kleinster, gemeinsammer Nenner die Grundlage einer urbanen Komposition legt. Auch mittelalterliche Städte hatten eine große Varianz in der Ausbildung von Fassaden und Gebäudetypen, doch ein durchgängies, zudem sichtbares Konstruktionssystem sowie eine reduzierte Materialsprache. Das gleiche kompositorische Dilemma findet sich auch an der sogenannten „Perlenkette“ vis á vis des Hamburger Hafen. Für sich genommen mögen die einzelnen Gebäude famos und vorbildlich gestaltet sein, doch innerhalb des urbanen Kontextes sind sie eher gedankenlos, ohne Esprit und ohne eine bildhafte Vorstellung für den urbanen Raum bloß aneinandergereiht. Dies muß nicht zwingend die Schuld der Städtebauer und Architekten sein, vielleicht ist es eher die Hilflosigkeit, mit der Städtebauer und Architekten letztenlich dem Willen der Investoren und Bauherren ausgeliefert sind. Hierüber mag man spekulieren und streiten. Im Ergebnis aber wurden hier Millionen Euro, kreative wie handwerkliche Anstrengungen in sicherlich funktionierende und auch vorzeigbare Bauprojekte investiert, die aus ästhetischer Sicht jedoch, verglichen mit der Stadtbaukunst vorangegangener Epochen, weit hinter den Möglichkeiten eines modernen Städtebaues liegen und nur halbherzig die ästhetischen Bedürfnisse der Menschen reflektiert. Allein das Fehlen einer Quartierskrone in der Hafen-City, die sich als Bild erst durch Zufall und im nachhinein mit der Elbphilharmonie entwickelt hat, zeigt die Schwäche wie auch Mittelmäßigkeit der städtebaulichen Planung, aber auch die Kurzsichtigkeit der Investoren. Es reicht offensichtlich nicht aus, allein durch international bekannte Stararchitekten die Kultur unserer Zeit städtebaulich zum Ausdruck zu bringen. Die hohe ästhetische Empfindlichkeit, mit der wir Menschen heute unserer Umwelt sehen, sollte sich vor allem auch in den Großkompositionen urbaner Anlagen spiegeln. Das Design (und damit auch der Kult um Personen, deren extremen Stile und innovativen Techniken und Materialien) eines Gebäudes ist dabei garnicht so ausschlaggebend, hingegen der Blick für das Ganze und damit der Blick für den urbanen Raumn und den Kontext weitaus entscheidender, um ästhetische Effekte als Qualitätsmerkmal eines Ortes umzusetzen und kulturell zu etablieren. Überhaupt scheint es so zu sein, daß neue Städte ohne historischen Kontext nur sehr selten an die bewundernswerte Raum- und Aufenthaltsqualität alter Stadtkompositionen heranreichen. Auch der neuzeitliche „Masterplan“ hat trotz aller Anstrengungen nur selten ein urbanes Gesamtbild von hohem ästhetischen Wert generieren können. Die neuen Gebäude selbst haben zweifelsfrei einen hohen technischen wie auch funktionalen, in ihrer Konzeption auch hohen formalen und ästhetischen Wert, kranken aber sämtlich in der so wichtigen Schnittstelle zum urbanen Kontext. Zu gestaltende Aussenräume verkommen zunehmend zu unansehnlichen Verkehrsinfrastrukturen und potentielle Grünflächen werden aus Kostengründen erst garnicht mehr zur Gestaltung freigegeben, stattdessen versiegelt, asphaltiert oder unzugänglich gemacht. Würde man den N.Y.´ern ihren Central-Park nehmen – was einige Investoren tatsächlich beabsichtigt haben- würde die Stadt ihr Herz verkaufen und an fundamentaler Lebensqualität verlieren.

Was nun architektonische Kompositionen anbelangt, sind die urbanen Kompositionen denen der einzelnen Gebäude wie auch Gebäudeensemble in ihrer ästhetischen Wirkung und psychologischen Bedeutung für die Nutzer weit überlegen. Das urbane „Sourrounding“ ist maßgeblich, ob wir uns in einem Gebäude oder in einem Viertel wohl fühlen. Erst in der folgenden Nutzerebene nehmen wir die eigentliche Gebäudekomposition und ihre ästhetischen Wirkung wahr. Eine Besonderheit findet sich in der Raumwahrnehmung von Kirchen, deren Innenräume wie auch zugehörigen Gebäudeanlagen (Klosterhof etc.) sich mehr oder weniger bewußt von der Umgebung abschotten. Aber auch Schlossanlagen, Regierungssitze oder Burganlagen folgen durch konsequente Abgrenzung zum Aussenraum der Raumkonzeption einer in sich abgeschlossenen Welt in der Welt. Hervorragende urbane Gebäudekompositionen finden sich etwa am Markusplatz in Venedig (San Marco, Campanile, Loggetta, Palazzo Ducale etc.), der Piazza della Signoria in Florenz (Palazzzo Vecchio, Loggia dei Lanzi, Uffizien etc.) dem Petersplatz in Rom, dem barocken Ensemble von Semper Oper – Zwinger – Hofkirche – Residenzschloss und Frauenkirche in Dresden wie auch der Akropolis in Athen. Aber auch geschlossene Anlagen wie die Wartburg in Eisenach, die Hohenzollernburg in Bisingen oder die Prager Burg auf dem Hradschin mit Karlsbrücke bilden vortreffliche Motive für ästhetisch gelungene Gebäudekompositionen. Das kompositorische Referenzgebäude der Moderne ist hier zweifelsfrei das von Walter Gropius entworfene Bauhaus in Dessau, eine Komposition von vier bzw. fünf funktional wie formal differenzierten Gebäudeteilen (z.T. mit unterschiedlicher Geschossigkeit), die verbunden über ein zweigeschossiges Brückengebäude eine formal wie funktional komplexe Raum- bzw. Gebäudeeinheit bilden. Wichtig ist bei allen Kompositionen, statisch kompakte, also in sich ruhende Baukörper mit horizontal oder vertikal dimensionierten Baukörpern räumlich und bildhaft zu verbinden. So müssen nicht nur die Proportionen der einzelnen Baukörper (in Abhängigkeit der jeweiligen Funktionen) in sich stimmig sein sondern auch deren grundlegende Körperproportion zu denen der anderen Gebäude passen, daß sie räumlich und auch bildlich ansprechende, spannungsvolle Motive und Raumsituationen bilden. Hinzu kommen Öffnungen, Material, Farbe und Oberflächenstruktur in Entsprechung der Funktion wie auch aus ästhetischer Sicht im Erscheinungsbild der gesamten Anlage. Kompositionen – gleich welcher Art – benutzen allesamt die Regeln oder auch Wirkungsweisen der Proportionen, um einander und miteinander zu gefallen.

ästhetik der proportionen :: alles, was mit der visuellen Wahrnehmung von Objekten, Artefakten oder auch Gebäuden zu tun hat, wird für uns Menschen über das Gefallen von Proportionen bestimmt. Proportionen sind zunächst einmal nur mathematisch über Zahlenwerte ausgedrückte Verhältnisse von Längen irgendwelcher Linien, Formen oder Körpern. Alles, was stofflich ist, hat demnach auch eine „ansichtsbezogene“ Proportion, wie die Länge x, die Breite y und die Höhe z eines Körpers sich zueinander verhalten. Doch auch ohne Mathematik und aus natürlichen Zahlen abgeleitete Größenverhältnisse können wir hoch, breit, schmal oder schlank an Formen oder Körpern erkennen. Die uns umgebende Natur oder Umgebung ist dabei unser erster Lehrmeister in der Wahrnehmen von Proportionen. Zu der Umgebung zählen bereits auch schon Artefakte (auch künstliche Räume) wie Personen (i.d.R. die Eltern), deren Gesicht und Gestalt wir u.a. an deren besonderen Proportionen erkennen bzw. zu differenzieren lernen. Daß die Natur, die Dinge und Objekte, die Menschen oder auch die Tiere bestimmte Proportionen haben, hilft uns maßgeblich, sie bereits aus der Ferne (also ohne Ableich mit weiteren Sinneseindrücken) zu erkennen, sie zu differenzieren, sie zu benennen. So sind die in der Kindheit wahrgenommen Proportionen, vor allem die der eigenen Eltern,  maßgeblich an der Benennung, Kategorisierung sowie Identifizierung unserer Umwelt beteiligt. Die Proportionen von Personen spiegeln sich überwiegend durch Verhältnisse von 1:1 bis 1:8 (Augen, Nase, Mund, Ohren, Gliedmaßen, Körperbau) aus. Dabei gelten schlanke Proportionen (1:6 bis 1:8) körperbedingt als eher feminin = zerbrechlich, gedrungenere Proportionen (1:3 bis 1:5) als eher maskulin = robust. Freilich sind physiognomische Merkmale zwischen Männern und Frauen auch abhängig vom Kulturkreis, so daß oben genannte Proportionen eher einem statistischen Idealbild der westlichen Kulturkreise zuzuordnen ist. Natürlich gibt es auch „schlanke“ Männer wie es auch „gedrungenere“ Frauen gibt. Wichtig ist nun zu wissen, daß unser Körperbau nicht zufällig oben genannte Proportionen aufweist, sondern -via Evolution- ideale statische, physikalische Bedingungen von Skelett und Muskulatur widerspiegelt, daß wir überhaupt Menschen mit aufrechtem Gang sein können. Ähnliche Proportionen beoachten wir auch bei anderen Lebewesen, auch wenn die Natur hier noch ganz andere Grund-Proportionen in der sichtbaren Körperkonstruktion auf Lager hat (Beispiel: Libelle, Flunder, Rochen, Schlange, Wurm usw.). Die alten Griechen waren nun vielleicht die ersten, die die menschlichen Proportionen auf (Schiffs-)Bauteile und Konstruktionen übertragen haben, weil diese Proportionen nahezu deckungsgleich mit den statischen Bedingungen von massiven, tragenden Bauteilen war. Allen voran die Stütze und der Balken, die damals noch aus Stein oder Holz waren. Ein stabiler Schiffsmast aus Holz hatte hierbei eine Schlankheit von 1:6 bis maximal 1:8, auch wenn es Baumstämme gab, die eine Schlankheit von 1:20, 1:40 und mehr hatten. Die idealen statischen Proportionen waren also quasi deckungsgleich mit dem Körperbau des aufrecht gehenden Menschen! Je geringer die Schlankheit, desto stabiler und tragfähiger (damit auch maskuliner) das Bauteil. In dieser Ableitung entstanden die Säulenordnungen, indem man die Schlankeit der Säulen sowie deren Aufbau (von der Gründung bis zur abschliessenden Kragplatte) durch exakte Proportionen festgelegt hatte und sie im übertragenen Sinne je nach Bauaufgabe einer männlichen oder eher weiblichen Anmutung zugeordnet hat. Aus den Säulenordnungen ergaben sich nun in Abhängigkeit von den Balkenquerschnitten statisch günstige Säulenabstände und geeignete Bauhöhen für die Decken und Dächer. Bis zur Renaissance hatte man dieses hochkomplexe System aus Materialeigenschaften, Statik, Geometrie und Menschen-Maß nahezu perfektioniert. Hinzu gekommen sind durch Ornamentik und Oberflächenbearbeitung (Kanneluren) weitaus schlankere Proportionen, die denen von dünnen Baumstämmen, Ästen, Zweigen, Gräsern oder Blumenstengel nahe kommen. Bis heute sind übrigens die statischen Konzeptionen der Vegetation (Beispiel Grashalm, Beispiel Blatt/ Membran) meisterliches Vorbild für unsere künstlichen statischen Systeme! Ästhetisch betrachtet gab es nach der Hochrenaissance mit dem Manierismus (siehe auch Surrealismus) einen Trend zur übertriebenen Verschlankung sämtlicher Objekte, wie wir ihn erst durch den modernen Stahlbau mit Schlankheiten von bis zu 1:20 mühelos realisieren können. Die korinthische Säule hat eine Schlankheit (Säulendurchmesser zu Säulenhöhe) von 1:10, die ionische 1:9, die dorische 1:8 (heldenhafte Skulptur) und die toskanische 1:7. Die Kopfgröße zu Körperlänge eines durschnittlichen Mannes beträgt 1:7 bis 1:7.5. Idealisierte Frauen (Schaufensterpuppen) haben ein Verhältnis von 1:4 bis 1:5 (Körperbreite zu Körperhöhe), die Nana-Figuren von Niki de Saint Phalle liegen bei zirka 1:2.5, atheletische Männer etwa bei 1:3.5 bis 1:4. Die Skulpturen von Giacometti haben beispielsweise in der Frontansicht eine Schlankheit von 1:7 (toskanisch), etwas schlanker als das ehemalige WTC (1:6.6). Der „Campanile di San Marco“ hat ein an seiner schmalsten Seite bis zur Spitze eine Schlankheit von zirka 1:7.8.

Wie auch immer verbinden wir meist unbewußt die wahrgenommen Proportionen von Objekten stets mit den meist idealisierten Körperproportionen von Männern und Frauen. Diese Differenzierung ist evolutionsbedingt darum von so großer Bedeutung, da über Körpermaße neben vielen weiteren Aspekten die Partnerwahl getroffen wird (also die Sicherung der Fortpflanzung). Interessant wäre hier zweifelsfrei eine Studie, welche Proportionen speziell von Frauen und Männern im Bereich der Objekte und Artefakte favorisiert wird. Neuste psychologische Studien an ein- und zweieiigen Zwillingen hinsichtlich ihrer politischen Orientierung legen übrigens die Wahrscheinlichkeit nahe, daß wir Menschen in der Frage einer toleranten oder eher konservativen Werteinstellung maßgeblich über die Gene gesteuert sind. Die (hier einmal pauschal bewertet) konservativen, auf Sicherheit und Schutz basierten Werteinstellungen favorisieren formal eher den geometrisch klar umrissenen, in den Proportionen eher kraftvollen oder auch molligen Typ, während politisch tolerantere Menschen zumindest auch andere, geometrisch weniger klar und kompakt ausgebildete „Formen“ interessant finden (was jedoch neurowissenschaftlich noch zu beweisen wäre). Tatsächlich kann auch die eigene Körperkonstitution darüber entscheiden, ob wir eher gedrungenere oder eher schlanke Proportionen favorisieren (Anpassungsverhalten, Partnerwahl, soziale Akzeptanz etc.). So oder so können individuelle Vorlieben vor allem durch unterschiedliche Proportionen formal ausgedrückt, identifiziert und auch stimuliert werden. Gesten und Bilder bzw. Symbole haben sich dabei tief in unser Sprach- und Ausdruckssystem verinnerlicht, daß eine mögliche Überlagerung mit visuell wahrgenommenen Formen aus der Objekt- und Dingwelt nicht auszuschließen ist.

Neben den eher schlanken Proportionen für vertikale Bauteile (Säulenordnung, Türme) haben die Baumeister vergangener Epochen noch eine Vielzahl anderer geometrischer Proportionen entwickelt, die ausgehend vom Quadrat zur Wurzelproportion 1:1.41.., zur Terz 4:5, zur Quarte 3:4, zur Quinte 2:3, zur großen Sexte 3:5 und Oktav 1:2 führen. Ferner Teilungen über die Triangulatur, der Goldene Schnitt 1:1.618 und arithemtische Verfahren (Mittelmaß) zur Bestimmung der Raumhöhen. Tatsächlich aber lassen sich die mathematisch exakten Proportionen (anders als in der akustischen Wahrnehmung) im Raum nicht unmittelbar visuell differenzieren, daß beispielweise eine Teilung von 1:1.5 (2:3) kaum von der Wurzelproportion 1:1.41 unterschieden werden kann. Abweichungen von bis zu 10%, die insbesondere durch perspektivische Verzerrungen in der Tiefen- und Höhenwahrnehmung entstehen können, sind hier möglich. Auch der „Goldene Schnitt“ kann nicht eindeutig von den Proportionen 3:2 oder 7:4 differenziert werden und ist in seiner Ablesbarkeit (Identifizierung) zudem weniger prägnant als etwa das Quadrat oder der Kreis. Auch bei einer rein ästhetischen Betrachtung des Goldenen Schnittes finden sich m.E. keine signifikanten Unterschiede zu den nächstliegenden Teilungen 3:2 oder 7:4, da wir bei der Gnomzerlegung stets vom Quadrat (Referenz) und einem Vielfachen des Quadrates ausgehen, während der Goldene Schnitt als Referenzbild per se nicht als Gnom hinterlegt ist. Verlassen wir nun die Welt der orthogonalen Rechteckgeometrien, wird es immer schwieriger, exakte mathematische Proportionen am Objekt zu identifizieren. Hier resultiert die ästhetische Bewertung meist aus einer komplexen Kombination von funktionaler, statischer, formaler wie materieller Bewertung, die wiederum von subjektiven Präferenzen (Bevorzugung bestimmter Formen, Motive, Farben, Materialien etc.) wie auch von der subjektiven, sinnlichen Sensibilität (Farbwahrnehmung, haptische Sensibilität etc.) abhängig ist. In der Objektwelt (Beispiel Handy, Türklinke, Fernbedienung) macht es einen großen Unterschied, ob der Benutzer kräftige oder zarte Hände bzw. Finger hat, ob es Kinder oder ältere Menschen mit Beeinträchtigung von Körperfunktionen (z.B. Sehschwäche, eingeschränkter Tastsinn, eingeschränkte Motorik etc.) sind. Eine Beeinträchtigung der Funktion (Handling) wirkt sich automatisch auf die ästhetische Bewertung des Objektes aus.

Die nächste Stufe einer ansprechenden Proportionierung liegt nun in der Kunst, mehrere Formen (Flächen, Bauteile, Elemente) und deren speziellen (funktionalen) Proportionen (Fenster, Tür, Brüstung, Stütze etc.) innerhalb eines Ganzen (Raum, Fassade, Stadtsilhouette) zu arrangieren. Die Proportionen der einzelnen Elemente sowie deren ästhetische Wirkung verändern sich natürlich im komplexen Zusammenspiel mit dem Vordergrund, Hintergrund und der Umgebung, also dem formalen Kontext. Grundsätzlich können hierbei spannende bis irritierende (provokante) oder ausgewogene, in sich ausbalancierte Flächen- und Körperkompositionen hergestellt werden. Bestimmte Proportionen können hierdurch verstärkt oder auch geschwächt werden. Ein Quadrat etwa kann durch weitere Teilungen so zerlegt werden, daß es nicht mehr als Quadrat lesbar ist und trotz statisch wirkender Achsialsymmetrie eine dynamische (horzontal, vertikal, schräg etc.) Richtung erhält. Eine schlanke Stütze etwa kann durch horizontale Gliederung wesentlich massiver (breiter) wirken, durch vertikale Teilungen (z.B. Kanelluren, Fugen) an Schlankheit zunehmen. Grundsätzlich aber sollten bei guten Architekturen die Proportionen der optimierten Konstruktion folgen, daß die einzelnen Bauteile in ihrer „statischen“ Funktion eindeutig ablesbar sind. Sobald die Proportionen ohne Notwendigkeit statische Systeme und notwendige Konstruktionen absichtlich „verdecken“, machen wir aus dem A ein O, kommen also von der Architektur (u.a. die Ästhetik der Konstruktion) zum reinen Ornament, zur Plastik oder zur Kunst, also zu rein formalen Ästhetikeffekten. Freilich haben auch die „Alten“ mehr oder weniger „schmückendes“ Ornament an die Fassaden und Innenräume gebracht, doch diese Ornamente haben die Bauteile und ihre statische Funktion (Konstruktion) i.d.R. „formal“ unterstützt und nicht aufgelöst oder kaschiert. Was nun die wohl proportionierte Flächenkomposition anbelangt, sind hier für die Architektur und den Städtebau neben den eher 2-dimensionalen Fassadenflächen vor allem die perspektivisch wahrgenommen Raumtiefenflächen (also Vorder- und Hintergrundmotive) von großer Bedeutung. Z.B.: wie wirkt eine runde/ rechteckige Stütze im Raum im perspektivischen Zusammenhang mit den proportionierten Wand-, Fenster-, Tür und Deckenflächen? Wie wirkt ein horizontal proportionierter Baukörper (Stadtmauer, Brücke, Straßenfassade, Hallengebäude, Tankstellendach, Sitzbank, Bushaltestelle, Gartenmauer, Zaun, Hecke) im Zusammenspiel mit einem vertikal gerichteten Baukörper (Turm, Hochhaus, Pylon,  Denkmal, Schornstein, Mast, Baum etc.) im Vorder- oder Hintergrund? Der Markusplatz in Venedig wie auch der Gang von der Ponte Vecchio über dem Arno durch die Uffizien-Schlucht mit Blick auf den Turm des Palazzo Vecchio hin zur weiten Piazza della Signorina mit dem Neptunbrunnen und Michelangelo´s „David“ (leider eine Kopie) in Florenz zeigen exemplarisch das wunderschöne räumliche Zusammenspiel von horizontalen und vertikalen Proportionen von rechteckigen und kreisförmigen Geometrien (Rundstützen, Rundbögen, Gewölbe, Kuppel) im Vorder- und Hintergrund. Nichts anderes sehen wir im Prinzip von der Augustusbrücke über der Elbe, wenn wir auf Dresden, die Brühlschen Terrassen, im Hintergrund die Frauenkirche, die Hofkirche mit Residenzschloss im Hintergrund und die Semperoper mit dem Zwinger im Hintergrund blicken. Auch der Burgplatz in Braunschweig ermöglicht mit dem imposanten, massiven Westwerk des Braunschweiger Dom, der (rekonstruierten) Burg mit vogestelltem Braunschweiger Löwen, den beiden Brücken zu den benachbarten Gebäuden und dem Turm des neuen Rathauses im Hintergrund ein räumlich spannendes Motiv aus horizontalen und vertikalen Elementen. Und nicht nur, daß man schöne Postkarten-Motive erhält, sondern man kann diese Komposition perspektivisch (räumlich) durch Enge und Weite ganz unterschiedlich erleben. Nichts anderes verlangt man von attraktiven Städten, Quartieren und Gebäuden, daß sie mit den kleinen und großen, den engen und weiten, den horizontalen und vertikalen, den rechteckigen und kreisförmigen Elementen im Raum spannende, gut proportionierte, aufeinander abgestimmte Ansichten (Motive) wie auch Raumerlebnisse kreiert. Hierzu müssen zum einen die Proportionen des einzelnen Gebäudes (oder auch einer Blockstruktur) in sich stimmig sein, zum anderen müssen auch die Proportionen der einzelnen Gebäude zueinander (also im städtebaulichen oder auch landschaftlichen Kontext) passen. Hierbei ist vor allem der Aspekt der Maßstäblichkeit von hoher Bedeutung, daß der Raum, das Viertel, die Stadt als „zusammengehöriges“ Ganzes gelesen werden kann. Gerade an dieser Schnittstelle kranken aber die meisten urbanen Planungen, wenn moderne Großstrukturen (meist Solitäre) wie auch großmaßstäblich angelegte Verkehrsflächen auf meist historisch gewachsene Kleinstrukturen treffen. Im Prinzip müßte es für jeden Block, für jedes Viertel und für jeden Stadtteil wie auch für die gesamte Stadt über den Bebauungsplan hinaus èn Detail ein gestalterisches Leitbild von Ansichten und Perspektiven geben, um die gewollten Raum- und Flächeneffekte neben den funtionalen Aspekten (Nutzung, Erschließung, Verkehrsflächen, Freiraum, Grünraum, Versorgung etc.) durch die Einzelbebauungen zu realisieren. Solange im Städtebau -mal leicht übertrieben formuliert- jeder Investor oder Bauherr machen kann, was er will und die planerischen Blicke bestenfalls bis zur Grundstücksgrenze reichen, darf man sich über das formale Chaos architektonischer Potterie weder wundern noch beschweren. Immer wieder sehen wir die formal katastrophalen Ergebnisse (in der Kunst würde man den Ausdruck „dilettantische Schmierereien“ verwenden) der meist allzu liberal ausgelegten Baukultur sich selbst verwirklichender Bauherren oder Investoren in den zahlreichen Neubaugebieten vor der Stadt, defacto eine Bankrotterklärung des guten Geschmackes wie auch des sozialen, kulturellen Zusammenhaltes. Und auch viele Architekten verstehen manchmal nicht, worum es im ansprechenden Städtebau eigentlich geht, wenn Bebauungspläne hierüber keine Auskunft geben. So werden formal in sich stimmige Gebäudekonzepte (gute wie schlechte, innovative wie altbackene, wirtschaftliche wie pompöse) unterschiedlichster Coleur beliebig in die Reihe implementiert, ohne, daß sie sich formal oder ästhetisch aufeinander beziehen würden. Die urbanen Proportionen sind dann nicht mehr lesbar, nicht mehr erkennbar, hinterlassen bedeutungslose Räume ohne nennenswerte Aufenthaltsqualität.

ästhetik der flächen :: die Gestaltung, räumliche Disposition und räumliche Komposition von Flächen ist in der ästhetischen Bewertung von Architekturen das A und O. Flächen können Funktionen ausdrücken, können Konstruktionen sichtbar machen, geben Orientierung und Richtung im Raum und ermöglichen/ verhindern Sichtebzüge zum umgebenden Raum. Die stoffliche Fläche hat Form, Proportion, Materialität, Licht und Farbe. In der Betrachtung der Fläche (Oberfläche) treffen mehrere sinnliche Wahrnehmungsprozesse auf komplexe Weise zusammen und lösen gemäß unserer Form-, Material-, Farb- und Lichtcodierung unterschiedlichste neuronale Verknüpfungen und Stimulationen (Reize) aus, die mal bewußt oder auch unbewußt in uns wirken. Bei den Flächen haben wir die Beobachtung gemacht, daß Linien und Muster oder Texturen stärker wirken als Farben, welche wiederum  stärker wirken als Formen. Die Linie ist darum so stark, weil sie der erlernten Schriftsprache (abstrahiertes Informations- und Kommunikationssystem von hoher sozialer Bedeutung) sehr ähnlich ist. Formen hingegen müssen zur Identifizierung erst in (erlernte) Gnome zerlegt werden, während Farben direkt visuell differenziert und assoziiert werden können. Auch Linien (Zeichen) müssen wie die Formen erst erlernt, codiert und entschlüsselt werden, doch ihr Informationsgehalt hat i.d.R. für uns modernen Menschen eine höhere Priorität als die Farbcodierung, die vielleicht in anderen, sprach- und zeichenarmen Entwicklungsstufen des Menschen von höherer Priorität war als heute. Tatsächlich ist das sprachliche Ausdruckssystem unserer linienbasierten Schriftzeichen wesentlich variabler, vielfältiger und auch leistungsfähiger zu gebrauchen (extrem hoher Wortschatz, semantische Ebene) als die vergleichbaren Farben- oder Formensprachen. Immerhin wird ein linienloses Objekt zur Identifizierung erst einmal in linienumrissene Genome zerlegt. Linien auf Flächen können neben dem Auftragen von linienbasierten Mustern durch Fugen, Material-,  Farbwechsel oder auch Schatteneffekte (Relieffwirkung) erzeugt werden. Auf der zu gestaltenden Fläche gibt es also zahlreiche Möglichkeiten, die für uns Menschen so bedeutungsvollen „Linien = Schriftzeichen = Symbole“ darzustellen, um quasi eine Art kommunikative Aufmerksamkeit durch architektonische Flächen zu erzeugen. Da in der Fläche alles sinnlich wahrnehmbare zusammentrifft, ist die Gestaltung der Flächen das wichtigste Ausdruckssystem der Architektur, während die Flächen selbst im Idealfall reine statische Konstruktionen sind. Ob die Flächen nur reine Konstruktion sein dürfen oder sich von der Konstruktion der Form und Materialität nach lösen dürfen, ist verstandesmäßig (Logos) eine schwierig zu beantwortende Frage, unter ästhetischen Gesichtspunkten hingegen legitim und erwünscht. Tatsächlich empfinden wir reine, unveredelte Konstruktionen und ihre sichtbaren Flächen oft zu grob, zu rauh, zu unedel, daß wir sie gerne so hätten wie unsere sensorisch wie materiell feinveredelten Objekte (Möbel, Geräte, Textilien usw.). So wird die mit rauhen, scheckigen Ziegelsteinen gemauerte Wand fein verputzt, tapeziert oder mit Holzpaneelen verkleidet, die rauhen, unebenen Bohlen- und Dielen des Bodens mit Teppich, Linoleum, PVC, Laminat oder Feinsteinzeug belegt, Stahlflächen werden lackiert, poliert und gebürstet usw.. In der Summe betrachtet gibt es heute kaum noch reine Konstruktionen, die ohne Veredelungstechniken verbaut werden. Selbst die betonierten Wände und Stützen haben feinste Schalungen, daß die Oberflächen wie geleckt aussehen. Wohl aber kann es sein, daß im Einerlei der Totalveredelung von Flächen gerade die unedlen Flächen im Kontrast dazu eine ästhetische Faszination ausüben, etwa, weil sie selten und rar geworden sind, eine archaische, ursprüngliche Anmutung haben, die uns von dem kulturellen wie auch sozialem Druck der perfekten Veredelung angenehm befreit. Bislang differenziert sich die Gesellschaft in ihrem Status und Rang vor allem über die Güte, Größe und den Grad der Veredelung von Produkten, natürlich dann auch den verwendeten Baumaterialien. Wer sich Glas, Marmor, Onyx, Schiefer, Eiche, Corian, Kupfer oder Edelstahl leisten kann, verwendet statusgemäß solche Materialien und diese in großen Formaten wie großen Flächen. Hiermit aber bekommen Flächen eine zusätzliche Bedeutung, die nicht unbedingt etwas mit ästhetischen Effekten, wohl aber mit sozialen Hierarchien zu tun hat. Wie auch immer stehen uns heute in der Architektur nahezu unendlich viele Möglichkeiten zur Gestaltung von Flächen zur Verfügung. Dabei kann jedes Material in unterschiedlichsten Oberflächenstrukturen, -texturen, -mustern und Größen bzw. Formatem in nahezu jeder gewünschten Farbpalette angeboten werden. Allein über die Farben und deren Reflektionsvermögen (matt, seidenmatt, glänzend) können mehrere tausend Flächeneffekte generiert werden. Hinzu kommen diverse, materialspezifische Muster, Maserungen, Texturen und Strukturen (z.B. Lochung, Prägung, Welle, Trapez, Rille, Körnung usw.) sowie unterschiedlichste Lichtreflektions- und Absorbtionseffekte, transparente Eigenschaften bis hin den direkt oder indirekt sich wandelnden Oberflächen. Dabei werden Feinstrukturen des Materials (z.B. Holzmaserung) i.d.R. noch durch Grobstrukturen (z.B. Fugenbild, Materialfügung) überlagert und ergänzt. Wenn wir über Flächenkompositionen im Raum sprechen, meinen wir damit auch immer die Komposition von Farb-, Licht-, (Schatten-) und Struktur- oder Musterflächen. Jedes natürliche Material (Holz, Stahl, Stein) hat zunächst einmal seine eigene, materialspezifische Farbigkeit und Oberflächenstruktur, die wir Menschen im Laufe unseres Lebens mehr oder weniger authentisch erlernen. Kunststoffe wie Farbanstriche (Lacke, Lasuren, Schichtstoffe, Folien, Laminate etc.) hingegen können in der Farbigkeit wie auch Oberflächenstruktur frei gewählt werden. Künstlich hergestellte Baustoffe (z.B. Laminatboden, Kunststoffenster) unterscheiden sich von echten bzw. natürlichen Baustoffen in der Oberflächenwahrnehmung allein darin, daß wie die Echtheit sensorisch (zumindest im Nahbereich) und damit auch im ästhetischen Sinn überprüfen können und damit zwischen „echt“ und „unecht“ sehr wohl differenzieren, sofern die künstlichen Materialien „Imitate“ von natürlichen Materialien sind. Um diesen offensichtlichen Betrug zu vermeiden, verzichten wir bei der Materialwahl aus ästhetischen Gründen grundsätzlich auf Oberflächenimitate, sofern die Imitation nicht selbst zu einem ästhetischen Thema werden soll. Zur weiteren Differenzierung von Flächen dienen u.a. folgende Einordnungen:

– transluzente/ transparente/ semitransparente/ opake Flächen
– ebene/ gewölbte/ gekrümmte/ runde/ gefaltete/ gekantete Flächen
– innen/ außenliegende Flächen (Wärme-, Wind- und Feuchtigkeitsschutz)
– horizontale/ geneigte/ vertikale Flächen
– matte/ seidenglänzende/ glänzende/ spiegelnde Flächen
– helle/ dunkle Flächen (lichtabsorbierend/ lichtreflektierend)
– glatte (schallharte)/ poröse (schallschluckende) Flächen
– einfarbige/ mehrfarbige Flächen
– gerasterte/ gemusterte/ strukturierte Flächen

Den einzelnen Flächen werden i.d.R. Konstruktionen (Wand, Decke, Dach, Stütze etc.), Funktionen (Wohnen, Schlafen, Kochen, Bad etc.) wie bauphysikalische Eigenschaften (Schallschutz, Brandschutz, Wärmeschutz, Feuchtigkeitsschutz, Hygiene, Einbruchsicherheit etc.) zugeordnet, die einen erheblichen Einfluß auf die Materialwahl (physikalische, statische Eigenschaften) sowie deren Oberflächenbeschaffenheit (Akustik, Lichtreflektion, Hygiene usw.) hat. Hinzu kommen „funktionale“ Farben, um z.B. bestimmte Lichtverhältnisse (helle Flächen für hohe Lichtreflektion), bestimmte Farbstimmungen (belebendes Rot, beruhigendes Blau, friedvolles Rosa etc.), bestimmte Nutzungsprofile (Theaterraum in Schwarz, OP in Grün, Küchen in Weiss) oder auch den Grad der Wärme- und Lichtreflektion/-absorption zu beeinflussen bzw. zu gestalten. Statisch wirksame Flächen sind etwas sich selbst aussteifende Trapez- oder Wellenbleche wie auch Waben- und Stegplatten.

Aus der Vielzahl von Funktionen (Nutzungsanforderungen) und Konstruktionen haben sich mit der Zeit bestimmte Materialien und Oberflächeneigenschaften als überaus praktikabel und vorteilhaft bzw. als ungeeignet oder problematisch erwiesen, so daß die jeweiligen Flächen tatsächlich nicht beliebig verwendbar sind. Niemand würde auf die Idee kommen, ein Schwimmbad mit feuchtigkeitsempfindlichen Teppich- oder Holzböden auszustatten oder die Wände eines sterilen OP´s  mit Textilien oder Filz zu bespannen, einen Kamin aus Holz oder Kunststoff zu bauen oder eine gemütliche Kneipe mit Edelstahl einzurichten usw.. Die Form und Größe der Flächen, ihre Farbe und deren Oberflächenstruktur müssen also immer den statischen, bauphysikalischen und nutzungsabhängigen Anforderungen genügen, so daß hier bereits eine Vielzahl von Möglichkeiten bei der Materialwahl ausscheidet. Hinzu kommt die Filterung nach Kostenaspekten sowie wirtschaftliche Überlegungen zur Langlebigkeit (Lebenszyklus) und dem laufenden Pflege-, Instandhaltungs- und Reperaturaufwand. In der Summe aller zu berücksichtigenden Faktoren haben sich nicht zuletzt über die Preisregulierung (industrielle Fertigung) gewisse Standards durchgesetzt, die nicht zwingend ästhetisch und langlebig, wohl aber praktikabel, funktional und bezahlbar sind. Hinzu kommt die zunehmende ökologische Bewertung von Baukonstruktionen und Bauteilen, die auf eine maximale Leistungsfähigkeit bei minimalem oder bestmöglichem Ressourcen- und Energieaufwand abzielt. Die sogenannte „Performance“ von Konstruktion und Material steckt noch in der (technischen) Entwicklung, wird aber in den nächsten Jahren eine Vielzahl neuer Formen, Strukturen und Flächen bei Gebäuden ermöglichen, die dann auch zu neuen ästhetischen Effekten führen.

ästhetik der materialien :: mit Materialien meinen wir aus ästhetischer Sicht alle sichtbaren, damit auch farbigen, oberflächenstrukturierten und formhaltigen Flächen. Neben seiner ästhetisch zu bewertenden Farbigkeit und Oberflächenstruktur hat das Material aber auch eine semantische Ebene, wenn wir den Wert des Materials, seinen Ursprung und seine Herstellunsgbedingungen vergewissern. Die meisten natürlichen Materialien entnehmen wir direkt der Natur, so daß mit dem geschlagenen Holz, den aus den Steinbrüchen gebrochenen Steinen und den zu Ziegelsteinen geformten Ton eine starke, direkte Verbindung zur Natur hergestellt wird. Anders sieht es mit allen künstlich hergestellten Materialien aus, deren Ausgangsmaterialien infolge der verschiedensten Herstellungs- und Veredelungsprozesse nicht mehr oder nur sehr schwer in einen direkten Bezug zu den uns bekannten Stoffen der Natur gestellt werden können. Dazu zählen u.a. alle Metalle, Ölprodukte, Beton, Kunststeine, Holzfaserwerkstoffe, Glas usw. Diese künstlich hergestellten Materialien (abstract materials) müssen sich unser Vertrauen erst durch Gewöhnung (meist über die Produktwelt/ Produktdesign) und kulturelle Normierungsprozesse erarbeiten. In der sensorischen Wahrnehmung (Tastsinn) sprechen uns warme und leicht rauhe Materialien (Griffigkeit, Handschmeichler) mehr an als kalte und glatte Materialien. Extrem poröse Materialien -mit Ausnahme von Textilien oder Teppichen-  werden im Nahbereich eher als grob, roh oder unveredelt empfunden (kultureller Veredelungszwang). Je mehr Hohlräume bzw. offene Poren eine Oberfläche besitzt, desto mehr Sorge um unerwünschte Substanzen, Staub oder Dreck. Extrem glatte Flächen werden zwar als hygienisch unbedenklich empfunden, bieten aber unserem fein ausgeprägten Tastsinn durch den fehlenden Gripp nur wenig Reize. Glatte Oberflächen eignen sich daher ideal für Licht- und Farbreflektionen. Insbesondere hochpolierte Metall- oder spiegelnde Lackflächen erzeugen kontrastreiche, helle Lichtreflektionen (Silber-, Spiegel- und Blinkereffekt), die unser Auge besonders stark reizen (Chromeffekt). Da nun bei Gebäuden die einzelnen Flächen innen wie außen meist unterschiedliche Anforderungen erfüllen müssen, kommt es -mit Ausnahme reiner Holzbauten (z.B. Holzhütte, Blockhaus)- zwangsläufig zu einem räumlichen Materialmix, der vom Architekten in Sachen Farbe, Struktur und Materialwertigkeit sorgsam aufeinander abzustimmen ist. Obwohl die künstlich hergestellten Materialien die natürlichen Materialien (Holz, Stein, Ton) mittlerweile an Vielfalt weit übertreffen, nehmen sie in der ästhetischen Bewertung nach wie vor einen hohen Rang ein, während beispielsweise unveredelte Ölprodukte (insbesondere Kunststoffe) trotz vieler hervorragender Materialeigenschaften größtenteils als minderwertig eingestuft werden, sofern sie keine interessanten haptischen Eigenschaften vorweisen. Auch wenn ölbasierte Materialien aus dem neuzeitlichen Bauen kaum mehr wegzudenken sind (z.B. Bauwerksabdichtung, Folien, Dichtungen, Dämmstoffe), sollte ihr Einsatz jedoch aus ökologischen, gesundheitlichen wie auch brandschutztechnischen Gründen möglichst vermieden werden, wenn konventionelle Baustoffe hier eine echte Alternative bieten. Zur Zeit lassen sich u.a. mit diversen Kunstharz- oder Ölprodukten (HPL- oder Schichtstoffplatten, Laminate, Finishfilms etc., z.B. Duropal, Resopal bereits seit 1930, Trespa etc.), nahezu alle bekannten Naturbaustoffe in ihrer Oberflächenwirkung (Farbe, Struktur etc.) nahezu realistisch imitieren, so daß der industrielle Material-Fake es dem Betrachter zunehmend schwer macht, zwischen echten und künstlichen Materialien zu unterscheiden. Imitationen haben unserer Meinung nach nur dann eine ästhetische Legimitation, wenn sie vom Betrachter oder Benutzer nicht identifiziert bzw. authentifiziert werden können (das eingesetzte Material kann nicht berührt, getastet oder andersartig sensorisch, z.B. über den Klang oder Geruch überprüft werden).

Grundsätzlich ordnen wir bestimmten Gebäuden wie auch den jeweiligen Bauteilen bereits normierte, standartisierte und ästhetisch abgestimmte Materialien zu. Hier greifen wir auf den reichen, Jahrhunderte alten Fundus der uns bekannten Baukultur zurück. Neue ästhetische Effekte entstehen nur dann, wenn die uns bekannten Materialien quasi zweckentfremdet an Bauteilen auftreten, wo wir sie nicht vermuten oder aber die Materialien in ungewohnten Strukturen oder Formen präsent sind. So könnte etwa ein Epoxid- oder Terrazzoboden, der sich nun auch an den Wand- und Deckenoberflächen befindet, zu neuen Eindrücken verhelfen. Oder stellen sie sich eine Bodenfliese im gigantischen Format von 100×200 Zentimeter vor oder Fliesen in elegant geschwungenen Alvar Aalto-Formen. Auch durch neue Kombinationen von bekannten Materialien können ästhetische Effekte erzielt werden. So etwa können verschiedene Gläser oder Steinpartikel (unterschiedliche Größen, Farben, Formate etc.) als Zuschlagstoff in Beton, Epoxidharzen oder Putz eingesetzt werden. Feines Stahlgewebe, Stahlwolle etc. kann in Glasscheiben oder transparenten Kunststoffen (Acrylglas etc.) eingeschlossen werden usw.. Auch in der Oberflächenbehandlung können neue Effekte durch Prägungen, Stanzungen oder sonstige maschinelle wie manuelle Bearbeitung erzielt werden. Gipskartonplatten bzw. deren Kartonbeschichtung könnten mit x-beliebigen Prägungen und Zusatzstoffen (Finishfilm etc.), wie man sie auch bei Tapeten einsetzt, hergestellt werden. Glasscheiben können heute durch neue, kostengünstige Herstellungsverfahren plastisch verformt werden (Beispiel Elbphilharmonie).

Nachwachsendes, CO2-neutrales Holz etwa ist einer dieser Ur-Baustoffe, der mittlerweile durch moderne Herstellungstechnologien zu einem hochleistungsfähigen Material entwickelt wurde. Hier sind es u.a. die Holzspan- und Holzfaserplatten (OSB, HPL, MDF etc.), Multiplexplatten, aber auch Brettschichthözer (weitspannende, auch gebogene Leimholz-Träger) sowie impregnierende, pilz-, insekten- und feuerhemmende Verfahren, die Holz zu einem statisch wie bauphysikalisch normierten, innen wie außen vielseitig verwendbaren, kostengünstigen und ökologisch verträglichen Baustoff machen. Aber auch hier werden zum Teil umweltbedenkliche Zusatzstoffe (formaldehydharzbasierte Leime, z.T. chrom- bzw. borhaltige Fungizide oder Insektizide) beigemischt, die die Ökobilanz negativ beeinflussen können. Ästhetisch betrachtet sind die uns bekannten Schnitt-, Wurzel- und Furnierhölzer von Nadel-, Laub- und Tropenbäumen durch ihre typische Farbe und charakteristische Maserung gekennzeichnet. Hinzu kommen vielfältigste Veredelungstechniken der Oberfläche wie Wachsen, Ölen, Lackieren und Lasieren, die dem dunkelbraun bis schwarzem, mittelbraun bis rötlichem oder hellgelben bis weissen Holz zu einer Vielzahl ästhetischer Effekte verhelfen. Auch das Altern und Verwittern, die Bildung einer Patina sowie Gebrauchsspuren des relativ weichen Materials erzeugen äshetische Effekte. Nicht selten wird dem Holz (dem Baum, dem Wald) eine besondere Geschichte zugestanden, die denen der Menschen gleicht (Individualität, Alterungsprozess, Wachstum). Holz ist im Gegensatz zum Stein, Beton oder Metall ein relativ warmes und weiches Material, ist also für den direkten Körperkontakt bzw. Berührungen (Haptik) sehr gut geeignet. Holz kann bei richtiger Pflege und geeignetem konstruktiven Schutz -selbst in Feuchtbereichen wie beim Brückenbau, Pfahlgründungen etc.- mehrere hundert Jahre bestehen. Nachwachsendes Holz hat den großen Vorteil, extrem leicht bearbeitet und zu 100% recycelt zu werden. Zudem ist Holz mit einer Dichte von 600 bis 800kg/m³ verglichen mit Steinen, Beton oder Metallen ein sehr leichter Baustoff, was sowohl die manuelle Herstellung wie auch den Energieaufwand für den Transport wesentlich begünstigt. Aus ökologischer Sicht ist der Jahrhundert alte Holzfachwerkbau mit Wandausfachungen aus Lehm oder Tonziegeln statisch, konstruktiv wie bauhysikalisch eine ideale Symbiose, formal jedoch mit dem Bezug zum Mittelalter etwas antiquiert. Dennoch werden für den Holzgeschossbau zur Zeit tragfähige, sichere Konzepte (Brandschutz) entwickelt, die den Holzbau wieder als moderne, technisch hochentwickelte Bauweise zum Massivbau in Konkurrenz setzt. Hochwertige Hölzer (sehr alte Bäume mit großem Stammdurchmesser etc.) haben zudem durch ihre zunehmende Seltenheit einen hohen Marktwert, so daß sie auch gerne für den anspruchsvollen, luxeriösen Innenausbau verwendet werden.

Die Metalle sind in der Regel sehr harte, steife, hochwärmeleitende (kalt wie heiß) Materialien, werden aber als sicheres, stabiles, langlebiges wie hochwertiges Konstruktionsmaterial voll akzeptiert. Metallbleche hingegen müssen durch Strukturierung oder Beschichtung veredelt werden, um als wertiges Material akzeptiert zu werden (sonst Assoziation vom „billigen“, schnell durchrostendem, beuligen Blech). Auch Aluminium muß zur ästhetischen Akzeptanz oberflächenbehandelt sein (z.B. durch Eloxierung). Farbige Metalle mit Rot- und Gelbanteilen (Kupfer, Bronze, Gold) leben durch ihre warme Farbwirkung und werden zudem als kostbare Materialien eingestuft (Schmuck). Silber und Chrom, auch polierte Edelstahlflächen wirken optisch durch den hohen Anteil an Weißlichtreflektion (Spiegeleffekt). Sollen die auffälligen, eher kalt empfundenen Spiegeleffekte vermieden werden, können die Metalloberflächen (insbesondere von Beschlägen) auch matt gebürstet werden (höhere tastsensorische Akzeptanz).  Bei der Beschichtung von Metalloberflächen erweisen sich Pulvebeschichtungen (leicht rauhe Oberfläche) mit dunkel- bis hellgrauem Eisenglimmer (leichter Glitzereffekt) als ästhetisch sehr ansprechend. Traditionell aus dem Schiffsbau empfehlen sich für den Flächenanstrich von Metallen matte wie partiell auch glänzende Weißlacke (Entmaterialisierung, hohe Lichtreflektion, Anmutung von Eleganz und Leichtigkeit), aber auch beruhigendes Mittelblau (Arbeitswelt, Blaumann), neutrales Grau (Grundierung), Orange (Schutzanstrich in Eisenoxidrot, Mennige) und Gelb (Signalfarbe, Sicherheitsaspekt) aus dem Industriebau. Sichtbare, unverkleidete Stahlkonstruktionen, die vorzugsweise im Ingenieur- und Industriebau eingesetzt werden, haben eine gewisse technische Ästhetikkomponente, die in ihrer Sachlichkeit und auf das wesentliche reduzierten Formsprache gerne auch in industriefremde Nutzungen übertragen wird (Hallen- und Werkstattcharakter, Skelettbau). Hinzu kommen feine bis grobe, semitransparente Stahlgewebe, die als hochwertiger, langlebiger Sonnenschutz oder auch als Zaun- oder Geländerfüllung verwendet werden (s.a. Kunst der Verschleierung). Metalle und Aluminium sind im Vergleich zu Holzprodukten extrem rohstoff- und energieintensiv, daß der Einsatz zumindest aus ökologischer Sicht auf statisch bzw. konstruktiv notwendige Bauteile bergrenzt sein sollte.

ästhetik der farben :: unsere mit den Augen im Lichtspektrum von 380 bis 780nm wahrgenommene stoffliche Welt wird maßgeblich über Farben und deren Helligkeit definiert. Neben dem Farbreiz (Optik) und der Farbvalenz (die physiologische Farbwahrnehmung) ist hier für den ästhetischen Bereich vor allem die Farbempfindung (das psychologische Erleben von Farbe) von Bedeutung. Grundsätzlich reagieren und empfinden Menschen mit vollständig entwickelten Sehorganen zum Teil übereinstimmend, aber auch ganz individuell auf bestimmte Farben. Farben werden psychologisch und in ihrer Bedeutung von uns erlernt, so daß hier auch der kulturelle wie naturgegebene Kontext eine große Bedeutung in der Farbempfindung spielt. Rot (Feuer) und Gelb (Sonne) werden i.a. als aktive und warme Farben (Signalwirkung), Blau (Himmel, Meer) und Grün (Vegitation) als eher passive, schwerere Farben empfunden, wenngleich auch ein leuchtendes, helles Blau oder hellstrahlendes Grün sehr stimulierend wirken kann. Satte, als rein empfundene Farben wirken kräftiger und eindeutiger im Ton als mit Schwarz oder Weiß abgetönte oder gemischte Farben (z.B. milde Pastelltöne).  Violett, Türkis, Orange und Grün bilden die aus den Grundfarben gemischten Sekundärfarben, während Purpur bzw. Mangenta, Braun, Oliv, Weiß, Grau und Schwarz die Tertiärfarben bilden. Als Komplementärfarben werden Orange und Blau, Rot und Grün sowie Gelb und Violett wahrgenommen. Im quantitativen Gleichgewicht befinden sich die Komplementärfarben in etwa bei 1:2 von Orange und Blau, 1:1 von Rot und Grün und 1:3 von Gelb und Violett. Ein neutrales Grau (also ein Grau ohne einen dominanten Farbton) ergibt sich beim Mischen der Komplementärfarben. Eine weitere Differenzierung der Farben ergibt sich aus der Helligkeit (direkt oder indirekt) der Farbtöne (also das Absorptions- bzw. Reflektionsvermögen, die Leuchtintensität), die wiederum von der unmittelbaren Umgebungsfarbe (Hintergrundfarbe) wie auch von der umgebenden Helligkeit des Hintergrundes (Kontrastwirkung) bestimmt wird. Die Umgebungsfarben sind letztendlich auch wegen ihrer Farbton- und Helligkeitsreflektion von entscheidender Bedeutung für die Wahl und Wirkung einer Farbe bzw. Farbkombination, die wiederum in Passung zum gewälten Material stehen muß, welches wiederum vor allem den statischen und funktionalen Anforderungen genügen muß. Grundsätzlich unterscheiden wir neben den hellen und dunklen, den empfundenen leichten und schweren, den intensiv und blass leuchtenden sowie den farbsatten und pastellenen oder cremigen Farbtönen noch nach der Farbtemperatur, also den warmen (gelb-rötlichen) oder kalten (blau-violetten) Farbtönen. Die wirkende Farbtemperatur der Farben wird hierbei neben der eigenen Farbtemperatur auch noch über die Farbtemperatur des Kunst- und/ oder Tageslichtes beeinflußt. Warme Farben sollten daher überwiegend mit warmen bis warmweissem Licht, kalte Farben entsprechend mit kaltem bis kaltweissem Licht illuminiert sein, um die beabsichtigte Farbstimmung nicht zu schwächen. Neutrale Farben (Weiss- und Grautöne) passen sich dem Umgebungslicht bezüglich der Farbtemperatur ideal an.

Bei allen komplexen physikalischen Zusammenhängen in Sache Farbe und Farbwahrnehmung kommt es letztendlich auf den zu erzielenden, i.d.R. individuell gewünschten Farbcharakter eines Raumes oder einer Fassade an. Ist erst einmal eine Grundfarbe oder einen Grundfarbton als Farbmilieu oder Thema (weich, zart, hart, bunt, belebend, aktiv, sportlich, beruhigend, gedämpft, passiv, meditativ, kontrastreich, einfarbig, hell, dunkel, sachlich, gemütlich, aufdringlich, zurückhaltend etc.) vorgegeben, zeigt sich schnell an Hand von Farbmustern oder Farbfächern, welche Farbtöne (Materialoberflächen) zum gewählten Farbmilieu quantitativ wie qualitativ, harmonisch wie auch kontrastierend passen. Mit zirka 1.500 bis 2.000 abgestuften Farbtönen können im Bereich Architektur nahezu alle wichtigen wie sinnvollen Farbräume abgedeckt werden (z.B. Scala Brillux), auch wenn die Zahl der möglichen Farbtöne weit darüber liegt (ca. 3.500 Farben HKS-Druckfarben, 1.950 NCS-Farben, 213 RAL-Töne usw.). Erweitert wird das Farbspektrum schließlich noch durch die Reflektionsart des Farbauftrages, also matt, seidenmatt, glänzend oder hochglänzend sowie den verschiedenen Metallicfarbtönen. Last but not least die speziellen, meist mehrfarbigen Spachtel-, Putz- oder Lackiertechniken, bei denen verschiedenste Farbnuancen, Schattierungen oder auch Farbverläufe und Marmorierungen etc. möglich sind.

BLAUSTIFT arbeitet gerne mit Farben, die vorzugsweise auf matte Holz-, Naturstein- und Betonoberflächen dezent abgestimmt sind. Statt satter, leuchtender oder auch dunkler Farben bevorzugen wir eher helle, freundliche Pastell- und Cremetöne, die ggfs. mit satten Akzenten ergänzt werden können. Statt reinweisser, stark kontrastierender Wand- oder Deckenflächen verwenden wir gerne leicht abgetönte, cremeweisse Farben mit einer warmen Farbtemperatur. Farbige Wände gerne in Wein- bis Purpur- oder auch Rostrot (Cortenstahl), dazu warmes Cremeweiss, Vanillegelb, Pistazi oder Sand sowie eloxiertes Aluminium. Ferner ganz edel und beruhigend ein dunkles Kobalt-, Nacht- oder auch Perlnachtblau mit dezentem Grau, Schiefer und Weiss abgesetzt, dazu patiniertes Zinn oder eloxiertes Aluminium. Bei den Grüntönen bevorzugen wir helles Schilfgrün, Blassgrün oder auch helles Lindgrün, dazu helles Grau, Cremeweiss oder zartes Vanillegelb, Akzente mit Olivgrün oder Chromoxidgrün. Sehr erfrischend Cremweiss oder ein helles Grau zusammen mit leuchtendem Mais- oder Rapsgelb, auch in komplementärer Kombination mit hellem Pastellblau oder auch dunklem Kobolt- oder Nachtblau. Bei farbigen Wänden sind Holzfußböden wegen ihrer eigenen Farbigkeit ( Rot-, Braun- und Gelbanteile) meist problematisch, daß wir hier meist neutrale dunkle oder helle Steinböden, zur Wandfarbe farblich abgestimmte Teppiche (Velour, Schlinge etc.) oder auch Linoleumbeläge einsetzen. Bei Gebäuden mit Bezug zu Landschaften können hier auch Farben aus der Natur oder zur Natur bzw. Landschaft passende Farben gewählt werden. Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, Räume möglichst farbneutral auszurichten, um den individuellen Objekten und Möbeln mehr Spielraum zu geben.

Metalloberflächen von Stahlzargen, Stahlstützen oder auch PR-Fassaden werden von uns gerne in Anthrazit-, Silber- und Grautönen (div. DB-Töne) pulverlackiert oder mit Eisenglimmer gestrichen. Zu Sichtbetonflächen arrangieren wir gerne schwarz bis silbrig gebeizte, matte, geölte Holzflächen (geringer Gelb- und Rotanteil) oder auch schwarz- bis anthrazitfarbene Stein- oder Faserzementplatten. Hochglänzende Farben vermeiden wir, da sie meist bei Möbeln und Objekten eingesetzt werden. Fußböden als Parkett oder Dielenboden je nach Atmosphäre und Lichtanforderungen in dunkler, fast schwarzer Wenge, Wallnuss, Birne oder auch gekalkter Eiche. Für stark beanspruchte Bereiche eignet sich auch naturfarbiges bis caramellfarbiges Bambusparkett. Anspruchsvolle Wandoberflächen von Bädern wie auch Badobjekten lassen sich wunderbar mit farbpigmentierten, kalkgeseiftem Muschelkalkputz (Tadelakt) herstellen, der jedoch in handwerklicher Technik ausgeführt auch seinen Preis hat.

Grundfarben (insbesondere Grau- und Weißtöne an den Wänden bzw. Fassaden) erweisen sich durch ihre relativ empfundene Farbneutralität wie ausreichend helle Lichtreflektion als idealer Partner für farb- und strukturtragende Oberflächen wie auch Möblierungen. Aber auch helle Beigetöne (Sandstein etc.) passen als Grundfarbe sehr gut zu farblich tragenden, dunkleren wie auch weißen Oberflächen. Schwarz-Weiß-Effekte mit maximaler Kontrastwirkung sollten hingegen nur sparsam und im richtigen Verhältnis gewählt werden, um das Auge nicht zu sehr zu strapatzieren bzw. zu irritieren (Moiré-Effekt usw.). Changierende Farbtöne eignen sich ideal für gerasterte, große Flächen, da sie die eher als langweilig bis steril empfundene Rasterstruktur farblich belebt (Beispiel Klinkerwand, Bodenfliesen, Terracottaböden etc.).

Fassadenfarben werden von uns zunächst aus den vorhandenen Farben der unmittelbaren Umgebung abgeleitet (städtebaulicher wie regionaler/ lokaler Kontext, Vegetation, Landschaften etc.) und schließlich in Übereinstimmung mit den gewählten Konstruktionen bzw. deren verwendeten Materialien gebracht, welche wiederum zu den gewählten Innenraumfarben (Böden, Wände, Deckenuntersichten in Abhängigkeit von den spezifischen Funktion) abgestimmt sein sollten. Eine harte Trennung zwischen Außen- und Innenfarben bzw. Materialien  stören das empfundene Raumkontinuum, so daß wir die verwendeten Materialien und deren Farben gerne nahtlos von Außen nach Innen (oder auch umgekehrt) fließen lassen. Hierdurch wir die Raumzonierung wie auch funktionale Trennung merklich aufgelöst bzw. gemindert und der wahrgenommene Innen- und Außenraum wird optisch durch Aufhebung der Grenzen wesentlich vergrößert. Insbesonderer bei vollverglasten Fassaden (Foyerzonen, Wintergärten, Räume mit vorgelagerten Terrassen etc.) können hierdurch sehr schöne Raum- und Materialeffekte entstehen. Nach Möglichkeit verwenden wir „bunte“ und satte Farben (insb. bei den Farbanstrichen) im urbanen wie vor allem ländlichen Kontext nur sehr sparsam, sofern die gewünschte Farbigkeit nicht bereits über das gewählte Material zur Wirkung kommt. Lediglich in architektonisch ausgewiesenen „Kunsträumen“ (etwa im Innenstadtbereich von Metropolen, Vergnügungsviertel, like „Las Vegas“ etc.) dürfen unserer Meinung nach auch satte, poppige Farben zur chrarakteristischen Milieubildung im öffentlichen Raum eingesetzt werden, sofern die Farbigkeit per se nicht bereits kulturelles Stilmerkmal einer Region oder eines Viertels ist (etwa die typisch rot getünchten Häuser in Norwegen, das freundliche Schweden-Gelb, das nordisch-frisische Blau oder das bergische Grün an Fensterläden und Türen usw.). Es ist nicht die Aufgabe der Architektur, Farbe in all ihrer Schönheit und Vielfalt zu präsentieren, wohl aber das verwendete Material und die Konstruktion ehrlich und sinnvoll im Raum darzustellen. Die Farbe und davon meist genügend kommt früh genug als mobile Applikation durch die Kunst, die Werbung und das Design in die Räume und an die Fassaden und kann dort ihre meist kurzweilige Mode ausreichend demonstrieren. Farbe verhält sich hier vielmehr als individueller Schmuck. Es gibt andere Kulturen, in denen die Farbe eine wesentlich größere Bedeutung hat als in Europa. Südamerikanische, aber auch afrikanische Länder gehen beispielsweise viel selbstbewußter, aber auch wesentlich tradierter und stilsicherer mit „bunten“ Farben in der Architektur um, während unsere europäischen, insbesondere nordeuropäischen Ausdrucksmittel eher technischer, konstruktiver und funktionaler Art sind. Die herrlichen Farben des mexikanischen Architekten Luis Barragán (1902-1988), aber auch die mediterranen Pastelltöne Le Corbusiers wirken farbpsychologisch natürlich auch auf uns (Nord-) Europäer, sind jedoch kulturell (auch baukulturell) nicht oder nur sehr schwach in unserer Lebensvorstellung verankert. Ganz anders in Guatemala (Farben der Maya), Cuba, Bombay, Hawai oder auch Sri Lanka, wo die satten und bunten Farben quasi mit der Kultur, den Menschen und der Landschaft verschmolzen sind. Aber auch die Niederlande (Oranje) und Griechenland (Blau) u.a. benutzen Farbe zur kulturellen Identifikation. Aus Italien kennen wir das sogenannte Siennarot (ungebrannt eher Ocker bis Gelb, gebrannt Rotbraun) und die verschiedenen Orange-Ocker-Rottöne der regionalen Terracottaprodukte und der alten Dachziegel, dazu zahlreiche Sepia- und Umbratönungen. Die relativ homogenen Dachlandschaften von Florenz, Siena oder auch Bologna strahlen ein intensives Rot-Orange, was sich nahezu komplementär zur umgebenden grünen Hügellandschaft abzeichnet. Und in Siena ist sogar die berühmte Piazza del Campo, auf der alljährlich der bekannte „Palio“ stattfindet, mit Siennaroten Backsteinen zwischen hellen Travertinstreifen gepflastert.

wahrnehmung der skalen

Dienstag, Februar 28th, 2012

wahrnehmung > Die Wahrnehmung von Objekten im zeitgebundenen Raum ist ganz allgemein betrachtet Voraussetzung für das Entstehen und Machen wie auch Bewerten und Nutzen von Architekturen. Diese zunächst sinnliche, später dann auch mentale oder auch abstrakt geistige Wahrnehmung, Rekonstruktion, Erinnerung wie auch Vorstellung von gebautem Raum ist jedoch sehr stark vom wahrnehmenden Individuum (Subjekt) und seinem sinnlichen wie geistigem Erfahrungshorizont abhängig. Dies macht es freilich sehr schwierig wenn nicht sogar unmöglich, bei mehreren Milliarden Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Kulturkreises etc. auch nur annähernd einen gemeinsamen Nenner als vermeindliche Wirklichkeit und/ oder Wahrheit von Architektur benennen zu können. Physikalisch oder stofflich, also naturwissenschaftlich, können wir die Dinge vielleicht relativ exakt und scharf umrisssen definieren. Doch wie etwas Stoffliches in seiner Form, seiner Proportion, seiner Farbigkeit, seiner Materialität, seiner Größe, seiner Struktur usw. letztendlich auf den einzelnen Menschen „wirkt“, können wir i.d.R. nur über Verständigung (also kommunikative Konvention) erahnen, vermuten und verifizieren, daß andere Menschen ähnliches (kongruent) sinnlich wahrnehmen, fühlen, denken, spüren etc..

In unserem westlichen Kulturkreis (wie natürlich auch in anderen Kulturen) haben wir durch unsere über hunderte von Jahren spezifisch entwickelte Sprache und unsere Bildung bzw. Ausbildung (kurz: Kulturentwicklung) eine relativ hohe Sprach- und Ausdruckskompatibilität, die uns mehr oder weniger unbewußt in aller Wahrnehmung wie auch sinnlichen und geistigen Wertung, Bewertung und Interpretation auf einen quasi „Großen Nenner“ bringt. Hier sind alle Kulturkreise mehr oder weniger in einem relativ geschlossenen, jedoch in sich schlüssigen und über Jahrhunderte hinweg bewehrten System, während Kulturentwicklung i.d.R. nur durch Austausch (inter-soziokulturell), Forschung (neue Erkenntnisse) und/ oder Innovationen (Erfindungen) stattfinden kann. Eine Vielzahl von Bautechniken und Baustilen sind (wie vieles andere natürlich auch) nur über die vielen Völkerwanderungen, Kriege, Eroberungen, den internationalen Handel und die abenteuerlustigen wie forschenden Entdecker und Seefahrer seiner Zeit quasi als Import fremder Kulturformen nach Europa gekommen (wie auch umgekehrt). Und mit dem Aufkommen von Medien (Buchdruck, Zeitung, Telefon, Radio, Fernsehen, Internet) und der zunhmend grenzenlosen Mobilität (Automobil, Eisenbahn, Flugzeug) gelangen sie immer schneller, direkter, nahezu synchron von der einen in die andere Kulturform, vermischen sich, lösen sich auf und ab, bilden Hybride, konkurrieren miteinander usw.. Bis heute haben wir dadurch vor allem innerhalb der letzten 200 Jahre eine durchgehende „Verwestlichung“ der globalen Welt in sehr vielen Kulturkreisen, zumindest, was die Technik und Artefakte anbelangt, wohl weniger im Bereich von Sprache, Religion/ Ritus, Politik, Wirtschaft und allgemein gesellschaftlicher Norm- und Ethikvorstellungen. Dennoch: der wie auch immer hergestellte Siegeszug der sogenannten westlichen (oder auch „zivilisierten“) Welt ist evident und zudem in seiner quantitativen Ausbreitung kaum mehr umkehrbar.

Aus diesen Gründen ist die Welt des 21. Jahrhunderts auch nicht mehr vergleichbar mit den sogenannten „Alten Welten“, die jedoch räumlich, stofflich, in Form von Gebäuden und Architekturen auch ausserhalb von Museen immer noch Teil unserer modernen Gegenwart sind. Sie zu differenzieren und sich ihrere Genesis, Legitimation und epochalen Authentizität bewußt zu werden, fällt den meisten Menschen jedoch schwer. Unsere Städte sind qusi ein gebautes Nebeneinander von manchmal mehr als 1.000 Jahren Kulturgeschichte. Immer wieder werden wir also mit sehr alten Formen, Strukturen, Konstruktionen, Grundrissen, Fassaden, Bildern, Ornamenten usw. konfrontiert, ohne diese als wirklich antiquiert zu empfinden, da wir sie mit aktuellen Nutzungen in die Gegenwart gerettet  bzw. durch „Updates“ transferiert haben (dies funktioniert mit universalem Raum sehr gut, weniger mit sonstigen irdischen Artefakten, etwa einer alten Schreibmaschine oder einem Pferdewagen). Damit gehen sie (also die alten Architekturen) aber auch automatisch in unseren aktuellen Sprach- und Kulturfundus ein, werden historisch (zeitlich) „sublimiert“ und eingeebnet, obwohl sie architektonisch natürlich antiquiert und damit eigentlich mehr als unpassend wie unzeitgemäß sind. Alte Gegenstände kommen ins Museum und sind dort eindeutig als Antiquität erkennbar. Bei Gebäuden und Städten hingegen ist dies fast unmöglich. Daher auch die innere Zerissenheit, wenn bei Neubaustädten „ohne“ historischen Kontext plötzlich in der Wahrnehmung und Bewertung von Raum trotz aller funktionalen Vollständigkeit scheinbar etwas (hier dann gewohnt „altes“) fehlt. Niemand käme auf die Idee, eine alte Schreibmaschine anno 1889 oder ein altes Bakalittelefon einem schnellen Smartbook oder Handy vorzuziegen. In der Architektur aber emfinden wir die alten Raum- und Gebäudelösungen nach wie vor in ihrer gesamten Wirkung irgendwie „ansprechend“ und „schön“, daß wir sie eben nicht abreissen oder ins Museum stecken. All das ist unser meist unbewußter wie selbstverständlicher (normaler) Alltag im Umgang mit Architekturen. Tatsächlich verhält sich die Sache aber weitaus komplexer und vielschichtiger.

skalierung der welt > um die Sache nicht komplizierter, aber verständlicher zu machen, wird die vermeindliche Subjektivität und temporäre, vielmehr historische Überlagerung und undifferenzierte Durchmischung (die ja zu großer Unschärfe wie auch Mißverständnissen führt) nun noch durch das Vorhandensein von Maßstäben und „Skalen“ differenziert . In der Gebäude- und Architekturplanung befassen sich Architekten i.d.R. in einer Maßstabs-Skala von M 1:1.000 bis M 1:10. In der Innenarchitektur M 1:50 bis M 2:1. Im Städtebau M 1:100.000 bis M 1:500. Der Mensch beherrscht ohne techn. Zusatzmittel in seinem Leben mehr oder weniger die Meter-Skala M 1: 10.000.000 (10.000km: Umfang Äquator = 40.000km) bis M 10.000:1 (1/10 Millimeter: Haar, Staubkorn), also insgesamt ein Spektrum mit dem Faktor 10 Milliarden! Mit dem Auge sehen wir hingegen je nach Witterung und Höhenlage nur 200-300km weit, im Nahbereich liegt die Sehschärfe je nach Alter bei etwa 3cm auf 100 Meter Entfernung, was in etwa einem Punkt von 3/10 Millimeter entspricht. Die Physik hingegen umfaßt ganze 44 Größenordnungen und kommt locker in Bereiche von 1: 10.000.000.000.000.000.000.000.000 (10 exp. 26 = Yottameter) bis 1.000.000.000.000.000.000 : 1 (10 exp. -18 = Attometer). Die kleinste mögliche Raumlänge überhaupt ist die Planck-Länge mit 10 exp. -35!

Jeder einzelne dieser für den normalen Menschen primär maßgeblichen 10 Größenordnungen, in denen sich unser ganzes Handeln, Denken, Fühlen und Wahrnehmen abspielt, hat nachweislich seine vollkommen eigene Gesetzmäßigkeit, Sprach-, Bedeutungs- und Bewertungsebene, die zum Teil fließend ineinander übergehen oder auch mehrere Größenordnungen umfassen können. Man stelle sich etwa eine Winterlandschaft vor, bei dem alles sichtbare auf der Erde über 10 Größenordnungen hinweg, also vom mit dem Auge noch erkennbaren 1/10 Millimeter bis zum 40.000km messenden Erdumfang als Satelittenbild „schneeweiss“ ist!

skalen in der architektur > In der Architektur hingegen haben wir es in der Planung, Herstellung und bewußten Wahrnehmung i.d.R. mit dem 1/10 Millimeter (feinkörnige Oberflächenstrukturen, Folien etc.), dem Millimeter (normale Oberflächenstrukturen, Körnung, Maserung, Spaltmaße, Fugen etc.), dem Zentimeter (Fugen, übliche Profilmaße und Schichtdicken von i.d.R. nichttragenden Bauteilen), dem Dezimeter (tragende Bauteile wie Stützen, Pfeiler, Platten- und Steinmaße etc.), dem Meter (Fenster, Türen, Öffnungen, Wände, Decken, Fassadenelemente), 10 Meter (Gebäudeansichten/ -Fassaden, Bauvolumen, unmittelbarer städtebaulicher Kontext etc.), 100 Meter (mittelbarer Kontext, Blockstrukturen, städtisches Gefüge) bis hin zum Kilometer (bei sehr große Gebäuden, Parkanlagen, Flughäfen, Verkehrsinfrastrukturen etc.) zu tun, also immerhin 7-8 relevante Größenordnungen.

skalen im städtebau > Im Städtebau bewegen wir uns in der Skala von 10 Meter (übliche Parzellengröße) über 100 Meter (Blockstrukturen), 1km (Quartiere/ Stadtteile/ Dörfer), 10km (ganze Städte) bis hin zu 100 km (Ballungsgebiete), also etwa 5 relevante Größenordnungen. Städtebau und Architektur umfassen also insgesamt 9 bis 10 zum Teil stark ineinander übergehende wie zusammenhämgende Größenordnungen, die „theoretisch“ bei jeder professionellen wie sachlichen Diskussion differenziert betrachtet werden müßten, in der Praxis aber meist willkürlich vermengt werden. Es wäre sehr hilfreich, die jeweilige Größenordnung als feste Kategorie zu benennen, wenn man über einzelne Gebäudeaspekte oder Stadtaspekte diskutiert. Auch fehlt bisher eine umfassende Darstellung bzw. Differenzierung von Skaleneffekten: wie wirkt z.B. eine Farbe oder Oberflächenstruktur/ Materialität (z.B. Sichtbeton, Metallpaneel, Glas) im Zentimeter- und Meterbereich (Innenwand- und Fassadenbereich), wie im 10- bis 100-Meterbereich? Eine regelmäßige Lochfassade, bestimmte Gebäude- oder Dachformen wirken im Kilometerbereich (die klassische Fernsicht oder auch Perspektive der Stadtsilhouhette) freilich ganz anders als im Vertrauten 1- bis 10-Meter-Bereich. Auch Lichtquellen haben je nach Größenordnung ganz unterschiedliche Effekte auf die Wahrnehmung des Raumes. Soetwa ist das typische Nachtbild von Frankfurt, Hamburg, L.A. oder N.Y. vor allem ein Bild der Kilometer-Skala (Flugzeugperspektive), während der Timessquare oder auch das Brandenburger-Tor überwiegend in der 10-Meter-Skale funktioniert usw., obwohl ja auch alle anderen Größenordnungen und deren spezifischen Aspekte trotzdem vorhanden sind.

jeder skala ihr geheimnis > Es macht also Sinn, unsere (gebaute) Umwelt einmal mehr viel differenzierter unter dem Aspekt und der spezifischen Perspektive der Skalen zu betrachten und zu interpretieren, um vielleicht neue Sichtweisen, aber auch neue Zusammenhänge erschliessen zu können. Sicherlich ist die Skalenfrage vor allem eine Frage des Kontextes, also der fliessenden Übergänge von Maßstäben und Größenordnungen, die in Zeiten zunehmender Verselbständigung von Bauaktivitäten und Bauprojekten umso mehr beachtet werden sollte. In der Praxis schliesslich muß sich das Ding, das Objekt, das Gebäude wie auch die Stadt in beinahe allen Größenordnungen und Maßstäben bewerten, vielmehr „erfahren“ lassen. Was im kleinen Maßstab oder einer kleinen Größenordnung (Skala) funktioniert, kann bereits für einen größeren Maßstab oder eine höhere Größenordnung ganz unpassend oder unstimmig sein wie auch umgekehrt. Tatsächlich ist es unsere Praxis und tief verankerte Logik, trotz unterschiedlicher Größenordnungen stets und immer wieder die gleichen uns bekannten Strukturen und Ordnungsmuster (hier also vorallem die Geometrie, die gerade Linie, den rechten Winkel, das Quadrat/ Rechteck, das Dreieck, den Kreis, die Mathematik i.a.) anzuwenden, obwohl jede Größenordnung genau genommen seine eigene Gesetzmäßigkeit wie auch seine eigene Struktur hat. Die uns bekannten Strukturen und Ordnungsmuster werden von uns Menschen mehr oder weniger beliebig rauf- oder runterskaliert, ohne sich tatsächlich mit den spezifischen Eigenheiten der jeweiligen Größenordnung zu beschäftigen. Beim Straßenbau oder auch Eisenbahnbau etwa funktioniert zum Beispiel beim Richtungswechsel der rechte Winkel überhaupt nicht und auch Flüsse oder Kanäle folgen nur schwerlich der geraden Linie oder einem 30°, 60° oder 90° Winkel. Und auch das Prinzip der scharfen Kanten funktioniert (etwa aus Verletzungsgründen, ergonomischen Gründen, Gründen der Herstellung etc.) u.a. nicht mehr bei Möbeln, Objekten oder anderen Artefakten. Und auch in der ästehtischen Wahrnehmung macht die Größe und Anzahl aus ein und dem gleichen Ding etwas ganz anderes. Wird etwa ein in den Proportionen und Materialien für sich genommen gestalterisch ausgewogenes Haus 100 oder 1000 mal entlang einer geraden Linie aneinandergereiht (multipliziert), verliert das Haus an sich all seine ursprüngliche Schönheit und Bedeutung. Ähnlich geht es mit gestalterisch passablen Einzellösungen von Fenstern und Balkonen, die aber in der Multiplikation (etwa bei einem Hochhaus) eine ganz andere gestalterische, ästhetische wie semantische Wahrnehmung erzeugen. Es gilt der Übersummensatz: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Skalenbewertungen (und damit kontextgebundene Bewertungen) sind daher sehr wichtig, da sie allein und ausschliesslich den gegebenen Kontext berücksichtigen und ganzheitliche, umfassende Bewertungen und Aussagen ermöglichen. Was in der planerischen wie dann auch gebauten Praxis jedoch zunehmend geschieht, ist ein meist unbedachtes „Zusammenschustern“ von in sich funktionierenen Einzellösungen, womit natürlich kein gestalterisches Gesamtkonzept mehr zu realisieren ist. Auch die hohe Qualität von Einzellösung -was selten genug vorkommt- kann hier ein Versagen in der Summenwirkung, also dem Gesamtbild, nicht verhindern. Von der Industrie angebotene oder entwickelte Einzellösungen (Bausysteme) sollten daher zumindest gestalterische Optionen (Varianzen) für unterschiedliche Situationen und Kontexte (Maßstäbe, Größenordnungen) anbieten, um hier maximale Kompatibilität und gestalerische Kontinuität zu ermöglichen.

skalensprünge : üblicherweise versuchen wir Menschen, einmal gefundene Lösungsansätze, Einsichten und Erklärungsmodelle (hier also unser theoretisches wie praktisches Verständnis von Logik) stets auf andere Phänomene des Lebens zu übertragen. Die Bionik etwa ist eine dieser neuen wissenschaftlichen Disziplinen, die Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten und Strukturen aus der beobachteten Natur irgendwie gewinn- und erkenntnisbringend in die Welt der Artefakte übertragen möchte. Tatsächlich lassen sich aus der Beobachtung der Natur wertvolle Schlüsse ziehen, die uns bei der Konstruktion künstlicher Objekte helfen können (nicht unbedingt müssen), diese zu optimieren. Doch: nicht alles, was in der meist biologischen (Nano-) Welt funktioniert, läßt sich desswegen auch einfach auf unsere technischen oder gar sozialen Probleme skalieren und/ oder kopieren. Auf der Suche nach idealen wie leistungsstarken Sozialstrukturen hat man bereits sehr früh die Natur (etwa die Bienen- und Ameisenvölker) als Vorbild herangezogen, und doch mußte der direkte Transfer dieser beobachteten Strukturen auf die Menschheit oftmals scheitern. Anders, als bei den meisten vorkommenden biologischen Existenzformen können Menschen soetwas wie Liebe, Nächstenliebe, ein Mitgefühl und auch ein Gewissen entwickeln, welche den natürlichen, allzu logischen Gesetzmäßigkeiten von „Friß oder Stirb“ (darwinsitisch: nur der Stärkere und/oder Gesündeste gewinnt/ überlebt) ein strategisches Schnippchen schlagen. Wesentlich erfolgreicher hingegen sind aus der Natur beobachtete bzw. abgeleitete „physikalische“ Strukturen, mit denen vor allem Statiker und Konstrukteure zu mit unter hervorragenden wie besonderen technischen Lösungen gekommen sind (vom Klettverschluß bis hin zum Tubemodell beim Hochhausbau). Wie Zug- und Druckkräfte am Besten in materialisierter Form stabil funktionieren, können wir in unterschiedlichen Maßstäben etwa an Bäumen, Gräsern, Vogelnestern, Bienenstöcken, Eiern, Skelettstrukturen, Schuppen, Korallenriffs oder sonstigen Naturgebilden gut studieren. Hier hat Mutter Erde in mehreren Millionen von Jahren (mühsamer) statischer Entwicklungsarbeit beinahe ideale wie perfekte Lösungen und Strukturen geschaffen, deren Geheimnisse uns helfen können. Und auch sonstige Strukturen, insbesondere in der Ornamentik,  haben wir Menschen ja längst imitiert, kopiert und auf andere Gegenstände und/ oder Mechanismen tranferiert.

überlagerzung von skalen > Doch Skalierung kann auch noch anders funktionieren: unser Gehirn ist in der Lage, unterschiedlichste Bilder (und damit auch Skalen, Maßstäbe, Ebenen) von der Echtzeit und dem Raum (synchrone Wahrnehmung der Welt) zu lösen, um sie als einmal gespeicherte Information beliebig in unserem Denken und Fühlen in einen neuen Kontext zu stellen. Soweta können wir denkenderweise die Vorstellungen von den unendlichen Weiten des Universums (Galaxie, Sternenbild) mühelos auf eine im Mikroskop beobachtete Molekularstruktur übertragen und beide Welten, obwohl sie mehrer Tausend von Größenordnungen voneinander entfernt sind,  „fiktiv“ miteinander verbinden. Diese Form der geistigen Rekonstruktion wie Konstruktion ist eine kreative wie phantasievolle Arbeit, die offensichtlich etwas ermöglicht, was es in der realen Welt eigentlich nicht gibt und doch in unserem Denken als Phantasie (also als gedachte/ vorgestellte Wahrheit) existiert. Wir sind also in der Lage, ein objektives Bild, vielmehr ein hier und jetzt wahrgenommenes Abbild unserer „realen“ Umwelt mit vorangegangenen Bildern (Erinnerungen) aus einer ganz anderer Zeit, aus einem ganz anderen Raum . . . miteinander zu verbinden. Damit lösen wir die tatsächliche Geschichte der unmittelbar wahrgenommenen Wirklichkeit aus ihrem festen Kontext heraus, überlagern sie unzulässiger aber möglicher Weise mit anderen Bildern und kommen durch dieses Mischen automatisch und stets individuell zu ganz anderen geistigen wie emotionalen, vor allem ästhetischen Bewertungen. Ebenen- und Bildersprünge kommen hier genauso wie Skalensprünge zur psychologischen Wirkung. Die Welt ist nicht (ausschließlich) so, wie sie uns Kraft unserer Sinne erscheint  . . . sondern auch so, wie wir sie uns (dazu-)denken. Und gerade Architektur ist etwas, das allein schon durch seine jahrtausende alte Geschichte unendlich viele dieser vielen Bilder, Ebenen und Skalen in sich trägt. Es gibt kaum eine Architektur, die sich von all diesen psychologischen Effekten in der subjektiven Wahrnehmung derselben absolut und gesetzmäßig (damit zwingend) frei machen kann. Selbst die hochabstrakten, stets weißen Geometrien von Richard Meyer oder auch die wilden Dekonstruktionen von Tschumi oder Coop Himmelblau (die allesamt sehr wenige geometrische Analogien zur Natur aufweisen) werden von uns Menschen trotz ihrer Autoreferenz immer und immer wieder mit den erlernten alten, ursprünglichen Bilden von der Höhle, der Hütte, dem Zelt oder dem Giebelhaus in Verbindung gebracht. Es ist in der Artefaktewelt sehr schwierig, sich in der Gestaltung, erst recht in der Objektwahrnehmung von den unendlich vielen Bildern von unserer Natur und damit auch von ihren Skalen zu lösen.

skalierung schafft grösse :: Skalensprünge in der Architektur hat es freilich immer gegeben, solange das unentwegte Streben nach Größe und Höhe immer gewaltigere Bauwerke und Konstruktionen geschaffen hat. Die bisher radikalsten Skalensprünge hatte wohl noch vor der faschistischen Monumental-Architektur von Albert Speer (Kuppelbau der Ruhmeshalle der Welthauptstadt Germania 1939) der Franzose Étienne-Louis Boullée mit seinen maßlosen Kuppel- und Kugelbauten (Kenotaph für Newton 1784, Revolutionsarchitektur) gehabt. Aber auch die gewaltigen Pyramidenbauten stellten einen enormen Skalensprung dar. Die 415 Meter hohen Türme des WTC in N.Y. aus den frühen 1970´er Jahren waren hingegen nur unwesentlich höher als das Empire State Building mit 381m Höhe anno 1931! Hingegen ist das 828 Meter hohe Burj Khalifa anno 2010 in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) bereits doppelt so hoch wie das ehemalige WTC. Und auch in der Horizontalen haben wir heute mittlerweile Megastädte wie Sao Paulo oder Mexico City, deren Metropolregion bereits heute über 80km bis 90km Quadratlänge erreicht haben (das Ruhrgebiet hat zum Vergleich eine Quadratlänge von zirka 66km). Das Gefühl für eine Region solcher Größe ist freilich etwas anderes, als ein überschaubares Dorf oder eine kleine Stadt seine Heimat nennen zu können. Hier verliert sich lokale Identität in globaler und damit auch anonymer Identität, wenn man über mehrere Stunden hinweg durch eine nicht enden wollende Stadt fahren kann. Das Phänomen von Größe ist jedoch zweischneidig, da es einerseits dem universalen Charakter entgegenkommt (man denke an die Weite der Ozeane oder an die Unendlichkeit des Universums), andererseits aber den menschlichen Maßstab und damit Eigenschaften wie Vertrautheit und/ oder manuelles Handling/ Beherrschbarkeit überwindet. Der Wunsch nach Größe ist auch religiös motiviert, wenn man an den Turmbau zu Babel denkt. Das Große und Unendliche wird „Gott“ gleichgestellt. Und schließlich sagt Größe etwas über den gesellschaftlichen Rang innerhalb einer hierarschischen Sozialstruktur aus.

skalierung von bauteilen > Größe im Sinne der Skala heißt aber auch, daß die tragenden Bauteile wie Stützen und Träger in ihren Querschnitten weit über 1 Meter messen, Streben über mehrere Geschosse spannen, Träger über 80 bis 100 Meter weit spannen und massive Wände wie auch Fundamente mehrere Meter Dicke haben. Die Fundamente des WTC 1 etwa bildeten insgesamt einen massiven Betonwürfel von 18 Meter Kantenlänge (über 6000 Kubikmeter Beton). Damit kann man verdammt viele Fundamente für Einfamilienhäuser bauen. Dennoch: die Skalierung von einzelnen Gebäuden scheint derzeit horizontal wie vertikal noch relativ begrenzt und überschaubar zu sein und bewegt sich (ausgehend vom Kabinenraum einer kleinen Badezimmerzelle oder eines WC´s, also etwa 1,5 bis 2 m² Grundfläche bzw. 3 bis 5m³ umbauter Raum  realistisch etwa um den Skalenfaktor 1.000. Sicherlich können wir auch Gebäude von 10km oder gar 100km Länge herstellen, doch baukonstruktiv und strukturell wäre dieses Gebäude lediglich eine Aneinanderreihung von konventionellen Einzelgebäuden und deren Konstruktionen mit dem Skalenfaktor 10 bis 100. Auch einzelne Bauteile sind derzeit technisch und wirtschaftlich bedingt auf eine (statische) Montage- und Transportlänge von 30 bis 50 Meter begrenzt, wenngleich man auch kilometerlange Mauern und Flächen aus Steinen, Asphalt oder Beton herstellen kann und es auch Folienbahnen gibt, die mehrer hundert Meter an Länge erreichen können. So stelle man sich etwa einen 1km hohen Wolkenkratzer vor, dessen Fassade nicht aus etwa 5 bis 10m² großen, geschoßhohen Einzelpaneelen (Glaselementen) sondern von der Rolle weg aus 10.000m² großen Fassaden-Folien mit einer Breite von 10 Metern und einer Länge von 1km bestünde, die mehrlagig übereinander abgerollt und verbunden eine statisch wirksame Fassadenmembran bilden würden. Dies wäre zumindest mal ein echter Skalensprung um den Fakltor 100 im Bereich der Baulemente, aber auch aus formaler und ästhetischer Sicht sicherlich eine Innovation. Der kilometerlange „Fassadenteppich“ aus einem Stück würde auch in der horizontalen (etwa die Fassadenabwicklung eines ganzen Straßenzuges oder Stadtblockes von 1km Länge) funktionieren und ebenfalls zu formal wie ästhetisch ganz neuen Ansichten und Qualitäten führen. Im übrigen ist die „Folie“ als modernes Gestaltungselement für Flächen eine konsequente Weiterentwicklung der neoplastizistischen Verfahren aus der Moderne. Statt weiss verputzter und gestrichener Flächen (Bauhaus & Co.) nun nicht nur in der Werbung extrem dünne Folien oder Netze, x-beliebig bedruckt, in allen Farben, in allen möglichen Strukturen, wasserabweisend, hygienisch, extrem leicht, transparent, semitransparent oder opak, selbstleuchtend als Flächen-LED oder mit integrierten Photovoltaikmodulen usw. Und auch die Unterkonstruktion sind nicht mehr massiv aus Wänden sondern eher wie eine leichte Zeltunterkonstruktion aus filigranen Stangen und Rohren, die ein leichtes Raumtragwerk bilden. Oder im Grundriss als vertikale Membran in freier Abwicklung aufgestellt, etwa mit kurvig fließenden Formen analog zu Alvar Aaltos geschwungenen Vasen usw. Doch große Bauteile allein machen noch lange keine gelungene Architektur aus, so, wie auch der Sinn, Zweck und die Anmutung von großen Gebäuden stets fragwürdig bleibt.

vom plakativen zum konstruktiven skalensprung :: der erste wirkliche Skalensprung (nach dem Bau der Pyramiden) vollzog sich wohl mit der Postmoderne, als miniaturisierte (Comic-) Figuren auf den Maßstab von Gebäuden um den Faktor 100 hochskaliert wurden. Soetwa wurde in den USA aus dem üblichen, kistenähnlichen Imbißtand (die Imbißbude als mobiler Bauwagen oder ähnliches) in den 1970´er Jahren ein übergroßes, 10 Meter langes „Hot-Dog“ oder ein mutiertes „Mega-Huhn“. All das ist freilich Hollywood, Entertainment pur und die Sorge in Europa war groß, daß Architektur (nach dem Schock der Moderne) nun noch zu einem „dekorierten Schuppen“ verkommen könnte. Wenn schon Dekor, dann doch bitte jenes der alten Baumeister! Doch auch hier nur allzu flacher Formalismus, wenn Quadrat, Kreis und Dreieck uns in poppigen bis pastellen Farben entgegenspringen, gleich, ob nach den Regeln der Alten oder in dekonstruktiver, maßstäblich wie statisch irritierender Manier á la Tschumi. Ganz anders hingegen der konstruktive Skalensprung, bei dem hochskalierte Konstruktionen (gewaltige Balken und Stahlrohrkonstruktionen) schon weitaus glaubwürdiger daher kamen (Centre Pompidou, Ölplattform, Shanghai Bank etc.). Diese seinerzeit sehr technisch anmutenden Gebäude (manche schimpfen sie noch heute auch als brutale, seelenlose „Architektur-Maschinen“) haben jedoch den Vorteil, daß sie das Wesen von Tragen und Lasten (die „firmitas“ als eine der drei Haupttugenden von Architektur) nicht verschleiern und damit weitaus authentischer wirken als etwa ein vollverglastes Pyramiden-Hotel. Und bis heute haben wir diese Frage von Schein und Sein immer noch nicht kulturell so richtig beantworten können. Sollen die Dinge so sein wie sie sind? Oder sollen wir die Dinge so machen, wie sie uns als „schön“ erscheinen? Man hat sich darauf geeinigt, diese Frage neuerdings den „individuellen“ Präferenzen zu überlassen und überläßt damit das Feld der vermeindlichen Stilfrage rigeros dem Individualismus (anstatt der Einsicht und/ oder Wissenschaft), stets in der Hoffnung, daß das Individuum „einsichtig“ und vernünftig wird (als fortgesetzter Glaube in die Vernunft der Aufklärung) und sich die beste Lösung langfristig von alleine durchsetzen wird. Tatsächlich aber bestimmt der Markt (und nicht die Vernunft), was und wie gebaut wird. Und zum Markt gehört natürlich auch die Bauindustrie wie auch zahlreiche Immobilienspekulanten. Die einen wollen möglichst viele Produkte verkaufen . . . die anderen wollen mit möglichst wenig Produkten (Investitionen) maximale Renditen erzielen. Man trifft sich letztendlich in der vermeindlichen „Mittelmäßigkeit“ des Konsenses und baut (sehr wahrscheinlich) an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen wie auch an unseren tatsächlichen Möglichkeiten des Entwerfens und Bauens (handwerkliche Kunst) vorbei (doch dies ist keine Frage der Skalierung sondern eine kulturelle und politische Frage).

anachronismus der skalen > das Idyll einer mittelalterlichen Gasse mit feinteilig gegliederten Butzenfenstern und viel zu kleinen Türen ist freilich kaum vereinbar mit Gebäuden aus der Kilometer-Klasse. Der Kontrast zwischen beiden Gebäudetypen ist maßstabsbedingt zu gross (wenn auch faszinierend), als daß man noch von einer artverwandten „Familie“ sprechen könnte und entspricht in etwa dem Bild eines 400 Meter langen Supertankers (oder der Queen Mary XXL), der in einem kleinen, französischen Fischerhafen direkt neben einer Vielzahl kleiner Fischerboote vor Anker liegt. Sollen wir nun alle Fachwerkstädte und kleinen Fischkutter abschaffen und uns allein auf den „modernen“ Bau von Megagebäuden, Megaschiffen und Megaflugzeugen konzentrieren, weil sie am ehesten unseren (wirtschaftlichen) Bedürfnissen und unserem technischen Know-how entsprechen? Warum überhaupt noch am „Meter-Detail“ festhalten, wenn die Zeit doch so schnell und grenzenlos geworden ist? Tatsächlich geht es darum, eine Skala zu beherrschen und ihren Reichtum an Formen und Möglichkeiten zu erkennen, um daraus eine „Kultur“ bilden zu können. Die Kilometer-Skala ersetzt also an kulturellem Gehalt und Potential nicht etwa die über Jahrhunderte kultivierte wie gewohnte „Meter-Skala“ sowenig die moderne „Mikro-oder Nano-Skala“ etwa die Meter- oder Kilometer-Skala ersetzen könnte/ würde. Sie bilden abstrakt formuliert lediglich zusätzliche „Möglichkeiten“ der Existenz, unserer Existenz, als Menschen auf dieser Erde, einer begrenten Umwelt leben zu können. Und solange wir mit dem Kulturgut vorangegangener Epochen respektvoll umgehen, trägt dies zur Vielfalt unserer aktuellen Kultur bei. Und doch sind wir Menschen immer wieder erschüttert, wenn wir uns die tatsächlichen Dimensionen der modernen Industrie und ihrer baulichen Anlagen (hier also die 100 Meter- bis 10 km-Skala) vor Auge halten und sie uns nicht selten als bedrohlich, häßlich und fremd entgegen tritt, obwohl die Skalen der Natur weitaus größere oder ähnliche Dimensionen und Maßstäbe erreicht (Bergmassiv, Wüste, Flüsse, Ozeane etc.). Interessant erscheint hier, daß wir Menschen spätestens mit dem Zeitalter der Mikroelektronik (Chipbau usw.), in den Naturwissenschaften bereits mit Beginn der ersten Vergrößerungsgläser und Mikroskope, eine explosionsartige Skalenerweiterung in beide Richtungen vollziehen: „Miniaturisierung“ und „Maxiaturisierung“ erweitern und bereichern seitdem unsere angestammte wie über Jahrtausende hinweg vertraute Meter-Welt.

vorteile der skalierung :: bei der Bewertung von unterschiedlichen Skalen hinsichtlich Zweck, Sinnhaftigkeit und Nutzen kommen wir in unserer technologischen Entwicklung jedoch schnell an meist praktikable oder wirtschaftliche Grenzen, nicht selten auch an rein physikalische oder herstellungsbedingte Grenzen. Beispiel: selbst, wenn die wirtschaftliche Herstellung einer etwa 10 x 10 Meter großen Glasscheibe möglich wäre, bleibt zu klären, ob der zusätzliche Zeit- und Kostenaufwand für den Transport und die Montage mit konventionellen großformatigen Glasscheiben (also etwa 150 x 350cm) konkurrieren kann. Auch in einem möglichen Schadensfall würden enorme Kosten auftreten, da gleich 100m² Glasscheibe anstatt 5m² Glasscheibe ausgetauscht bzw. ersetzt werden müssen. Auch bei statischen Systemen muß sehr genau abgewägt werden, welche Vorteile Großstrukturen tatsächlich gegenüber konventionellen, vielgliedrigen Tragsystemen (autonome Teilsysteme) haben, insbesondere im Sicherheitsbereich, wenn es etwa bei Erdbeben oder sonstigen Schadensfällen zum Versagen dieser Großstrukturen führt: führt das Versagen eines einzigen Bauteils zum Zusammenbruch eines ganzen Gebäudes, ist das statische System wohl nicht sehr empfehlenswert, zumindest aber sehr risikohaft. Im Schiffsbau etwa wurde dieses Problem bei den ersten Haverien der großen Öltanker schließlich durch den Bau von zusätzlichen Doppelwänden und statisch autonomen Sektionen gelöst. Sicherheitsbeiwerte und zusätzliche, redundante Systeme sorgen schließlich für erhebliche Mehrkosten und stellen den tatsächlichen Nutzen von Großstruktur letztendlich wieder in Frage. Auch im Mikrobereich gibt es ähnliche Probleme, wenn etwa die Ausschussrate und Fehlerquote bei der sehr kostenintensiven Herstellung von extrem leistungsfähigen Mikroprozessoren produktionsbedingt zu hoch ist oder es im Anwendungsfall zu kompletten Systemausfällen von Rechnern führen kann. Skalierung als reiner Selbstzweck macht in der Praxis also erfahrungsgemäß keinen Sinn, wenn die kritischen Größen der Beherrschbarkeit von spezifischen Systemen überschritten werden. Eine der gewaltigsten High-Tech-Maschinen der Menschheit überhaupt, das Space-Shuttle der Nasa, versagte beim Start der Challenger 1986 tragischer Weise, weil trotz Wissen der Ingenieure nur ein einziges Material, ein Dichtungsring am Feststoff-Booster, fehlerhaft bzw. für bestimmte Temperaturen nicht geeignet war. Dies nur ein Beispiel, wie schwierig und anspruchsvoll es bei hochkomplexen technischen Systemen ist, das Risiko von Teilversagen einzelner Systeme (Technik wie auch menschlicher Systeme) mit einer realtiven Sicherheit zu beherrschen (siehe auch Sicherheit von Atomkraftwerken, Tschernobyl, Fukushima etc.). Im Bauwesen werden uns diese Grenzen hauptsächlich durch den Standsicherheitsnachweis gesetzt, bei dem die statischen Systeme mögliche Explosionen, Stürme, Schneelasten oder Erdbeben stand halten müssen.

in welchem stil bauen?

Freitag, November 25th, 2011

fragen über fragen > Diese Frage haben sich damalige Architekten, Baumeister und Städtebauer allesamt vor nun mehr als 100 Jahren gestellt, als die neuen gesellschaftlichen, funktionalen wie räumlichen Anforderungen als Resultat der ungebremsten industriellen Revolution (Fortschritt) nicht mehr mit den „alten“, klassischen wie über Jahrhunderte erprobten Vorstellungen und Lösungen von Stadt und Architektur beantwortet werden konnten oder sollten. Für die neuen, immer größer werdenden  Fabriken und Industrieanlagen, die neuen Verkehrsanlagen (Eisenbahn, Schiff, Flugzeug, Automobil), die dazugehörigen technischen wie versorgenden Infrastrukturen (Gas, Wasser, Elektrizität) wie auch für die explosionsartige Nachfrage nach neuem Lebens-, Stadt-, Handels- und Wohnraum taugten die „alten“ Lösungen (Fachwerkstadt, Gutshof/ Bauernhof etc.) nur bedingt bis garnicht mehr. Zumindest standen diese neuen Gebäude und Anlagen nun in einem offensichtlichen Kontext mit den althergebrachten Baustilen. Alles mußte nun weitaus größer und schneller gebaut werden, natürlich mit modernen, industriell hergestellten Baustoffen (Stahl, Beton, Glas). Anfänglich taten sich die modernen Baumeister schwer, ihren über die Jahrhunderte entwickelten, traditionellen, zuletzt mit dem Klassizismus stark akademisierten Entwurfs- und Stilkanon auf Grundlage überwiegend handwerklicher Produktion komplett zu ersetzen, so daß man zwar moderne, stählerne Fabrik- und Bahnhofshallen baute, diese aber mit konventionellen Kopfgebäuden mit klassischen Fassadenmotiven (Stilarchitekturen) kaschierte. Mit dem Bauhaus Ende der 1920´er Jahre wurde erstmals ein durch und durch modernes Bauwerk errichtet, daß formal vollkommen frei von eklektizistischen Überlagerungen war. Statt sichtbarer Ziegelmauern, Fachwerk,  Sprossenfenstern, Resaliten, Erkern, Gauben und Walmdächern gab´s nun weiss verputzte Wände, filigrane Stahlfenster, Stahlbeton- und Stahlstützen und auf Kuben reduzierte Baukörper mit Flachdächern. Immerhin ein formal „neuer Stil“, den wir bis heute als sogenannten „Bauhausstil“ kennen und der sich damals auch international und flächendeckend als sogenannter „International Style“ weltweit etablieren konnte.  Doch seit der Geburtsstunde der sogenannten „Moderne“ hat sich rückblickend in den letzten vergangenen 80 Jahren dieser formal „ablesbare“, ästhetische Stil bis heute in unzählige Stilvarianten wie Neuschöpfungen mehr oder weniger aufgelöst und negiert. In Deutschland hat das 3. Reich die bedeutsame Entwicklung der Moderne, deren Väter ja mit dem Bauhaus u.a. Walter Gropius und Mies van der Rohe zweifelsfrei waren, im Keim erstickt (Araberarchitektur) und der Wiederaufbau hat die Stilfrage aus soziohistorischen wie auch organisatorischen Gründen mehr oder weniger ins Abseits gedrängt. Mit der Postmoderne der 1970´er und 1980´er Jahre gab es sogar wieder so etwas wie einen (rückwärtsgewandten) Eklektizismus, indem man alte Motive aus der steingehauenen Antike mit modernen, weissen Putzfassaden kreuzte und die klare Sprache der Kuben erneut durch mehr oder weniger „altbackene“ Giebelarchitekturen, Kuppelbauten und Tonnengewölbe ersetzte. Dies war die (vielleicht berechtigte wie notwendige) gesellschaftliche Reaktion auf die bis in die 1970´er Jahre durch den Vulgär-Kapitalismus (die Immobilie als Spekulationsobjekt) zum gestaltarmen Funktionalismus (z.B. Plattenbau) reduzierten bzw. verarmten Moderne. Die Postmoderne war quasi der architektonische Ausdruck der endlich nach Freiheit und Selbstbestimmung strebenden Hippyzeit, die bewußt und konsequent mit dem Konservativen, dem Regelwerk der industriellen Rationalisierung (die man – als Strukturalist – glaubte, einfach in seiner geordneten Struktur auf den Menschen zu übertragen) brechen wollte und mußte und sich in seiner sozialen Kritik noch am ehesten im Dekonstruktivismus verinnerlichte. „Erlaubt ist, was gefällt!“ und: „Mach es anders, als die anderen!“ waren der vom Wohlstand begleitete Beginn der sogenannten Individualgesellschaft, die wir ja noch bis heute in einem gesättigten bis zum Teil sehr dekadentem, vor allem materialistischen Zustand haben. Zweifelsfrei haben diese gestalterisch verarmten, funktionalistischen Bauwerke (die es auch heute noch gibt) nichts gemein mit den Ursprüngen und Intentionen der eigentlichen Moderne (Leitbild von Mies van der Rohe: „less is more“), deren Protagonisten sich immerhin nebst programmatischen Visionen auch noch eines ästhetischen Stils bewußt waren. Seltsamer Weise bewegt uns die Ästhetik des Bauhauses noch heute, obwohl wir längst ganz andere Formen und Materialien kennen, die das Produktdesign seit Jahrzehnten in unseren Alltag bringt. Das ehemals so starke „sozialkritische“ Moment (also das radikale Suchen nach neuen, besseren, historisch „unbelasteten“ Kultur- und Ausdrucksformen) wird heute eigentlich nur noch von sehr wenigen, wenn auch sehr bekannten Architekten transportiert, jedoch mit weitaus weniger politischer oder sozialkritischer Motivation und Intention. Zu Ihnen zählen etwa Coop Himmelblau, Günther Behnisch, Daniel Libeskind, Zaha Hadid oder Frank O. Gehry. Statt ein modernes „less is more“ oder postmodernes „less is bore“ schreien sie nun: „Architektur muß brennen (und fliegen)!“.

Sie legen bewußt den Stachel in die akademisch verwalteten Wunden, ignorieren rationale wie rationelle Baustandards, bedienen sich innovativer Bautechnologien und einer (laut) protestierenden wie auch mahnenden Zeichen- und Symbolhaftigkeit. Selbstverständlich liegt auch in ihren Gebäuden trotz aller zu kritisierender ästhetischer wie funktionaler Formalismen nebst einer wichtigen sozialen Funktion (nämlich die Kritik per se) auch eine ästhetische Sprache zu Grunde, die sie als Künstler und Baumeister in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit meisterhaft beherrschen. Und doch ist das Bild, daß wir „zusammen“ in unseren alten wie neuen Städten zeichnen (und diese sind zunächst einmal ein Konglomerat aus zirka 50% historischer Bausubstanz vor 1900, 25% moderner Bauwerke ab 1900 bis 1950 und zirka 25% zeitgenössischer Bauwerke aus den letzten 50 Jahren) , ein ästhetisch und formal äußerst chaotoisches Bild, eine belanglose Potterie von 1001 Möglichkeiten, die für sich genommen zweifelsfrei „ästhetisches“ Potential besitzen, aber unfähig sind, eine Art „orchestrale Musik“ anzustimmen. Auch sogenannte Masterpläne, wie man sie spätestens seit den 1990´er Jahren gerne und vermehrt für große Baugebiete verwendet, können und konnten den bunten Stilmix auf der eizelnen Parzelle nicht verhindern. Ein bunter Blumenstrauß ist dann doch noch etwas anderes als ein großer Blumenladen, der 100 verschiedene, wenn auch sehr schöne Blumen präsentiert. Was uns fehlt, ist die erkennbare Linie, die Einheit, die Gemeinsamkeit, der Respekt voreinander. Und gerade das sollte eine höher entwickelte Kultur doch gerade leisten und sich an Komplexität und Schönheit von der Kunst der Solitärbebauung unterscheiden! Es scheint, als ob wir jede Menge gute bis hervorragende Solisten haben, die aber unfähig sind, irgendeine Melodie gemeinsam anzustimmen. Hier versagt unserer Kreativität und unser Können, etwas komplexes innerhalb einer Stadt neu zu schaffen. Auf die dann doch allzu bunt geratene wie formalistische Postmoderne (ich nenne sie mal Denkmal- und Zitatenarchitektur) folgte etwa Anfang der 1990´er Jahre mit der erneuten Besinnung auf Klarheit und vor allem technischer Rationalität (Vorbild: Mies van der Rohe) wiederum eine Art Gegenbewegung, die sich mehr an die Möglichkeiten und das Design modernen, überwiegend industriell hergestellter Materialien (Stahl, Glas, Aluminium, Beton), innovativer Tragwerke und innovativer Haustechnik orientierte. Doch auch diese vollkommen reduzierte, quasi perfekte, eher technisch anmutende Stahl-Glas-Beton-Architektur mit ihren minimalistischen bis nahezu versteckten Detaillösungen konnte unser sinnliches Bedürfnis nach Gemütlichkeit, Geborgenheit, Authentizität und formaler Zeichenhaftigkeit bis heute nicht wirklich befriedigen. In Berlin etwa bemüht man sich seit Jahrzehnten, den alten Glanz der ehemals steinernen Stadt (Schinkel´s Klassizismus) mit edlen Messingprofilen und teuren, als Lochfassade in allen Variationen durchgerasterten Steinfassaden am Leben zu erhalten. In Hamburg bedient man sich erfolgreich der Besinnung auf den wetterfesten Klinker, das hanseatische Kupferblech und alte Gebäudemotive wie etwa den typischen Setbacks (Staffelgeschossen) und die großzügigen Hofanlagen der alten Kontorhäuser. In Braunschweig, Hannover wie auch Berlin rekonstruiert man in aller Hilflosigkeit sogar wieder alte Schlösser, um den Menschen ein sicheres Gefühl von würdiger Heimat, Geschichte und Stadtbewußtsein zu geben. All das ist freilich mehr als 80 Jahre nach dem Bauhaus sehr rückwärtsgewand, ziemlich konservativ, beinahe nostalgisch bis romatisch verklärt, um nicht zu sagen geradezu anachronistisch und schizophrän verglichen mit allen anderen „fortschrittlichen“ Entwicklungen unserer Lebensbereiche im 21. Jahrhundert. Wie auch paßt das I-Pad, das I-Phone, das Internet, der aerodynamisch geformte Hightech-Schuh, unserer Nasa-Multifunktionskleidung aus Gore-Tex oder der windschnittige Aluminium-Audi TT zu Berlins oder Braunschweigs monumentalen, steinernen (Schloss-)Fassaden oder den bunt geklinkerten, walmgedeckten „Puppenhäusern“ der zahlreichen Fertighausanbieter in unseren zeitgenössischen Neubausiedlungen? All das passt natürlich garnicht zusammen und ist in der Analyse Ausdruck einer kompletten gesellschaftlichen wie auch architektonischen und städtebaulichen Orientierungslosigkeit. Und weil hier offensichtlich tragende wie gehaltvolle Konzepte infolge politischer wie fachlicher Konsenslosigkeit fehlen, darf es nicht wundern, dass zahlreiche Projekte neuerdings unter dem ach so fortschrittlich klingendem Motto „energetisches“ oder „nachhaltiges“ Bauen zum Besten verkauft werden. Als ob technische (Einzel-) Lösungen allein uns hier wirklich weiterhelfen könnten! Im Gegenteil: die neue EnEv (Energieeinsparverordnung) führt in der praktischen Anwendung letztendlich dazu, dass -meist aus Kostengründen- nur noch billige Wärmedämmverbundsysteme (weiss, zartgelb oder siennarot gestrichene Klock-Klock-Fassaden) verbaut werden. Selbst ansehnliche, alte Klinkerfassaden von hohem Wert werden bei der Sanierung komplett mit WDVS in Weiss gepampert. Diese „Pampas-Fassaden“ verdecken all das, was Architektur mit sichtbaren Konstruktionen und Materialien gestalten könnte. Überhaupt ist das Thema „Authentizität“ nicht zuletzt mit der EnEv zu einer Achillesverse der modernen Architektur verkommen. Wenn die Aufgabe der Architektur allein darauf reduziert wird, einen geschaffenen Raum klimatisch oder energetisch sinnvoll einzufassen, beraubt man sie ihrer eigentlichen Legitimation und Essenz. Solche Bauwerke sind bestenfalls Zweckbauten, aber keine Architekturen. Es wäre so, als ob man einem Musiker lediglich 3 Töne und 1 Oktave zur Verfügung stellt. Da kommt nur langweiliges wie primitives Spielautomaten-Gedudel bei heraus.

stilmerkmale > Doch zurück zur Stilfrage: einen Baustil erkennen wir in der Architektur und im Städtebau immer dann, wenn die kreierten Gestaltungsregeln -welche auch immer- durchgehend und konsequent bei einer Vielzahl von Gebäuden (auch typologisch und funktional unterschiedlicher Art) angewendet werden. Die geschaffenen Regeln sorgen dafür, dass sich die Gebäude von anderen Gebäuden (anderen Stilen) eindeutig unterscheiden. Damit sich ein Stil baugeschichtlich etablieren kann, muß er zudem in genügend großer Anzahl wiederholt werden. Die Gestaltungsregeln müssen nicht starr sein, sondern können auch variieren und weiter entwickelt werden, sofern sich daraus ein ähnlicher oder gar ein anderer erkennbarer Stil ergibt. Der Stil selbst ergibt sich vereinfacht aus der spezifischen An- und Verwendung wie auch Verbindung des Materials innerhalb einer dafür geeigneten, materialspezifischen Konstruktion, dem Organisationsprinzip des Raumes und seiner Funktionen (horizontal, vertikal, orthogonal, gekrümmt, gestapelt etc.) sowie dem Umgang mit Öffnungen in horizontalen wie vertikalen Bauteilen. Dabei reicht es formal nicht, nur ein oder zwei Kriterien zu erfüllen. Es müssen alle 3 Kriterien erfüllt werden, um das Gebäude stilistisch zu definieren. Ein gläsernes Gewächshaus mit Giebeldach ist freilich etwas ganz anderes als ein der Form, Kubatur und Größe nach ähnliches, aber massiv mit Steinen, Fenstern und Türen gebautes Wohnhaus. Auch eine Gruppe von formal identischen Häusern (z.B. zweigeschossiges Wohnhaus mit Giebeldach) erreicht keine stilistische Kohärenz innerhalb der Gruppe, wenn die verwendeten Materialien und Farben trotz gleicher Anordnung der Öffnungen (Fenster, Türen) sich zu stark voneinander unterscheiden. Die Verwendung des gleichen Materials ist bei der beabsichtigten Stilbildung weitaus signifikanter als bei den anderen beiden Kriterien, bei denen der Umgang mit den Öffnungen wiederum stäker ins Gewicht fällt als das gewählte Organisationsprinzip. Der Trick besteht nun einfach darin, vor allem über das Material eine sichtbare Einheit zu schaffen, obwohl die einzelnen Gebäude ganz unterschiedlicher Form und Größe sind und zudem noch unterschiedliche Öffnungen aufweisen. Werden dennoch unterschiedliche Materialien verwendet, müssen dafür Form, Größe und Öffnungen umso stärker einander gleichen. Diese gestaltungs- wie wahrnehmungspsychologischen Effekte kann man sehr leicht an alten Städten und deren noch bestehenden Gebäudeeinheiten bzw. Quartieren nachvollziehen (z.B. alte Fachwerk-Städte, Renaissance-Städte wie Venedig oder Florenz, antike Städte wie Rom, klassizistische Bauwerke usw.), die uns in ihrem Gesamterscheinungsbild überwiegend „positiv“ wie in sich schlüssig auffallen. Doch am Beispiel der tristen Plattenbausiedlungen und monotonen Hochhaussiedlungen (Menschenburgen, Wohnmaschinen) ab Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es offensichtlich neben den oben genannten drei stilistischen Hauptkriterien noch etwas anderes, was schliesslich unseren ästetischen Geschmack beeinflußt: die „Maßstäblichkeit“ eines Gebäudes, die Qualität und Güte des verwendeten wie verbauten Materials (auch die Qualität der Ausführung) sowie der Reichtum an formaler Gestaltung und Kreativität (die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit). Bei diesen „weichen“ Kriterien geht es in erster Linie um Respekt und Würde, die wir in die materielle Welt einarbeiten, ob uns Menschen etwas grob, fremd und brutal oder angenehm, feinsinnig, ebenbürtig, elegant und kultiviert gegenüber tritt. Wenn die Architektur die menschlichen Gefühle und Denkweisen mißachtet oder nicht auf sie reagiert, wird sie unsere Herzen als auch unseren Verstand nicht erwärmen. „Erhabenheit“ und „Schönheit“ (Poesie) ist etwas, was man immer nur im Zusammenhang mit dem (kultivierten) denkenden wie sinnenden Menschen bewerten kann. Selbstverständlich können wir durch Artefakte auch negative Gefühle und Denkweisen zum Ausdruck bringen, die wenig erhaben und menschenwürdig sind. Doch es scheint wenig sinnvoll wie nachvollziehbar zu sein, unsere Gebäude bewußt böse, grob, verachtend, aggressiv, herrisch, dominant oder gar einfaltslos und primitiv zu gestalten, wenn es denn keine ideologisch mißbrauchten Gebäude sondern unsere eigenen Lebensräume sind.

unit speak + spell ?! >Würden alle Bauschaffenden (öffentliche wie private, dito Hochschulen für Architektur und Städtebau) begreifen, wie wichtig die „gemeinsame“ Sprach- und Stilbildung insgesamt für unsere Städte und unsere Baukultur ist, hätten wir m.E. sehr, sehr viel gewonnen. Stattdessen bleibt es scheinbar beim stilistischen Wetteifern von (Pseudo-) Innovationen und endet im schlimmsten Falle bei den allzu egozentrischen Selbstverwirklichungen irgendwelcher zahlungskräftigen Bauherren, Stararchitekten oder Baukünstler. Freilich gibt es immer noch einige Architekten, die dem Klassizismus (also dem Regelwerk der klassischen Antike) sehr nahe stehen und dieses über mehrer Jahrhunderte sehr fein ausgeklügelte System für das ursprünglichste, vernünftigste, ausdrucksstärkste wie auch variabelste halten, zumal es darüber hinaus eines der wenigen System ist, dass auch den Maßstab des Menschen in Maß, Zahl und Proportion auf anspruchsvolle Art und Weise integriert. Man sagt, es sei als „gebundenes System“ wohl das komplexeste aller bekannten Systeme. Die Moderne hingegen hat diese korrekte wie sichere Methode des Entwerfens und Bauens bewußt vom strengen, geometrischen Regelwerk befreit, zumal die neuen Baumaterialien und Konstruktionsmöglichkeiten nun ganz andere Bauteile, Räume und Gebäude ermöglichte, die mit dem alten formalen Regelwerk und den dafür vorgesehenen Konstruktionsweisen nicht herzustellen waren. Und warum auch sollte man etwa den Fortschritt in der Kunst, also rückblickend etwa den Expressionimus, den Impressionismus oder den Kubismus . . . für falsch oder unbrauchbar erklären, nur weil er nicht konservativ, gegenständlich oder wirklichkeitstreu war? Tatsächlich haben uns diese vollkommen neuen Stile und Techniken auch ein neues Bewußtsein in der Kunst- und Wahrnehumgswelt von Objekten und Artefakten geöffnet. Die damals moderne Architektur von Walter Gropius und Mies van der Rohe u.a. hat es der Kunst, wenn auch etwas zeitverzögert, nur gleichgetan. Und dies zu Recht! Und dabei haben sich vor allem an das neue Material (Stahl, Glas, Beton), die neuen Konstruktionsmethoden sowie deren statischen Potentiale und Gersetzmäßigkeiten gehalten. Und die Proportionen der klaren, ungegliederten Flächen und Stützen haben sie anfänglich vielleicht noch mit dem Zirkel (Goldener Schnitt etc.), später aber ganz intuitiv bestimmt. Und die aus heutiger Sicht recht plumpe, herrschaftliche Achsialsymmetrie vergangener Jahrhunderte haben sie verlassen, um endlich die schönen Geheimnisse der asymmetrischen, dynamischen, Spannung erzeugenden Balance zu ergründen und zudem der Demokratie eine neue, geometrische Ordnung bzw. Ausdrucksweise zu geben. Aus dem Einerlei der getakteten, mathematischen (geometrischen) Regelmäßigkeit haben sie die Töne nun weit in die Länge gezogen oder abrupt und kurz enden lassen. Aus der Klassik wurde nun Jazz, Blues und Rock, später dann auch Funk, Soul, Heavy Metal, Punk, Pop usw. . Zumindest haben sie die Gebäude von der akademischen Zier und erdrückenden Corsage der dominanten Klassik befreit, um die Dinge (Materialien, Konstruktionen, Funktionen) so zu lassen, wie sie (gemäß dem Fortschritt der Technik und den menschlichen Bedürfnissen und aktuellen Lebensweisen) eben waren und sind. Kurzum: der Klassizusmus ist, auch wenn er über Jahrhunderte hinweg das Primat aller Architekturen bildete, heute aus vielerlei Gründen nicht mehr zeitgemäß. Nicht etwa, weil heute die Gesetze der schönen Proportionen oder der Statik (Stütze/ Balken) nicht mehr gelten würden, wohl aber, weil uns die Moderne andere Geheimnisse und Wahrheiten des Schönen geöffnet hat, die unserem heutigen freien, demokratischen, nicht hierarchisch organisiertem Leben eher entsprechen als etwa Rekonstruktionen von wilhelminischen Schlossfassaden. Wir können nicht auf der einen Seite Fortschritt wollen und zulassen, ihn aber an anderer Stelle verweigern. Diese Methode ist anachronistisch und irreführend! Doch was ist nun der Stil des Fortschrittes? Oder hat der Fortschritt überhaupt keinen Stil mehr? Fest steht, dass auch der Bauhausstil antiquiert ist, so, wie auch der Klassizismus in die Mottenkiste gehört. Beide Stile gehorchen freilich immer noch den klassischen Gestaltungsgesetzen, sind quasi ausgewiesene „Klassiker“ durch und durch. Doch wie man stilistisch nun mit Faserbetonen, Kunststoffen, Carbonfasern, Hightech-Stahl, Textilmembranen, Holzschichtstoffen und Hightech-Glas ein „korrektes“ (aktuelles, zeitgemäßes) Gebäude zu konstruieren hat, wissen wir immer noch nicht so recht. Beton und Stein, selbst Stahl sollten eigentlich keine bedeutende Rolle mehr spielen, wenn wir den konstruktiven wie statischen Fortschritt in der Gewichts- und Materialreduzierung sehen.

next to the future >  Ein realistischer Blick in die nahe Zukunft: Im Bereich der innovativen Baumaterialien werden Produkte aus Zement- und Carbonfasern, etwa mit Carbonfasern seilgespannte Zelt oder Flächentragwerk mit einer dünnen, transluzenten bis semitranspartenten, selbsttragenden High-Tech-Kunststoffmembran mit integriertem Sonnen-Energie-Aborber sowie integrierten Licht- und Medienfunktionen die hohe Kunst der Raumkonstruktion darstellen. Die ehemals massiven Stahlbetondecken können nun als extrem leichte, voll recycelbare Kunststoff-, Papier-/ Pappe- oder optimierte Holzverbunddecken bzw. Flächentragwerke kaum leichter und entmaterialisierter, damit auch umwelt- und ressourcenschonender hergestellt werden. Die riesigen mit einer Membran überkuppelten Städte von Buckminster Fuller aus den 1960´er und 1970´er Jahren werden nun im großen Stil industriell, damit kostengünstig und in großen Massen verfügbar quasi „von der Rolle“ als kostengünstige Meterware hergestellt. Alle Maschinen, Objekte, Apparaturen wie auch Möbel sind ebenfalls zunehmend entmaterialisiert und miniaturisiert. Masse und Material ist in der neuen Welt kaum noch zu finden. Stattdessen ist alles extrem leicht, variabel, transparent und medial-kommunikativ „ins Licht“ gesetzt. Unser Leben wird mehr und mehr eine nicht endenwollende (Licht-)Projektion von intelligenten Algorithmen sein. Umbauter Raum wie bebauter Grund wird trotz Bevölkerungswachstum nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was wir heute als luxeriösen Standard je Einwohner in einer trügerisch unbegrenzten Wohlstandsgesellschaft an Flächen verbrauchen (ca. 40-50m² Wohnfläche, 20m² je Büroarbeitsplatz, 10m² Verkehrsflächen etc.). Unsere derzeit extrem materiell ausgerichtete Welt (trotz Hightech wiegt ein Sport-Utility-Vehicle Baujahr 2011 über 2 Tonnen!) wird zunehmend effizienter und ressourcensparender, so dass auch die energie- und ressourcenhungrige Industrie sowie das produzierende Gewerbe dramatisch schrumpfen wird. Funk und digitale Informationstechnologien (Internet etfc.) sorgen für dezentrale, ortsunabhängige wie platzsparende Arbeitsplätze im 3. und 4. Wirtschaftssektor, der bis zu 80% aller Arbeitsplätze abdecken wird. Es wird sich zunehmend eine Bildungs-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft bilden, die auf virtuelle, mediale wie kommunikative Art und Weise den Stoff, das Material und den Raum überwindet. Auch der Transport von Rohstoffen, Waren, Gütern und Personen wird dramatisch sinken. Unbegrenzte Energie durch Sonne, Wind und Wasser (Solarthermie etc.) wird sämtliche fossilen Energieträger ablösen. Individuelle Flugobjekte aus leichten Carbonfasern (IFO´s) mit solarem Stromantrieb werden das rollende 1-2 Tonnen-Auto mit emissionsstarken Diesel- oder Ottomotor ablösen, zigtausend Kilometer asphaltierter Strassen und Autobahnen werden überflüssig werden und renaturalisiert. Zersiedelte wie versiegelte Landschaften werden wieder renaturalisiert, die vorhandenen Großstädte nachverdichtet und wesentlich effizienter ausgestattet. Millionen Quadratmeter von Laden- und Verkaufsflächen in den Konsumtempeln der Innenstädte wie auch auf der „Grünen Wiese“ (Gewerbeparks)  werden durch den digitalen Direktversand obsolet. Je Einwohner werden jährlich nur noch 50 bis 60 Tonnenkilometern an Waren bewegt. Im mobilen Bereich (Reisen) sind wir dafür je Einwohner und Jahr mit 1.600 bis 2.000 Tonnenkilometern – allerding umweltschonend mit kostenloser Sonnenenergie – global von Megapolis zu Megapolis mit IFO´s und solar angtriebenen THST (Tube High-Speed-Train, 800 bis 1.000km/h)) unterwegs. Unsere Städte werden eine Einwohnerdichte von mindestens 500 bis weit über 1000 Einwohnern je Hektar haben. Zum Vergleich: eine eingeschossige Bungalowsiedlung aus den 1970´er Jahren kommt auf zirka 100 Einwohnern je Hektar Grund und Boden. 10 Mrd. Menschen werden dann weltweit in etwa 1.000 bis 1.500 Megastädten mit bis zu 10 Mio. und mehr Einwohnern auf insgesamt nur 10 Mio Hektar (100.000 km²) Bodenfläche leben und arbeiten. 100 Mio. kosmopolitische Deutsche (Europäer) werden dann zu 80% in vielleicht 20 attraktiven Großstädten um die 5 Mio. Einwohner auf insgesamt nur knapp 1.000 km² Grund- und Bodenfläche leben. Die neuen Städte werden nicht größer als 10x10km sein und sind innerhalb weniger Minuten bis maximal 10 Minuten mit intelligenten, emissionsfreien Verkehrsmitteln unter- wie oberirdisch komplett zu erschliessen. Die alten, nicht mehr genutzten Dörfer, Kleinstädte,  Vorstädte und monofunktionalen Satelittenstädte werden abgerissen oder für touristische und kulturelle Zwecke genutzt. Die Strecke Hamburg-München wird mit den in luftdurchströmten Röhren durchsausenden THST´s innerhalb von 60 Minuten zurück gelegt. Der Besitz von Grund und Boden, Immobilien wie materiellen Gütern wird in der neuen Kommunikations- und Wissensgesellschaft keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Stattdessen geht es immer mehr um soziale Interaktion, „Geselligkeit“, Bildung und kreative Kommunikation. Die Beschäftigungsquote wird auf unter 20%, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf 20 Stunden und die durchschnittliche Beschäftigungszeit auf unter 25 Jahre gesenkt. Schule, Bildung und Ausbildung werden auf 20 Lebensjahre erweitert und lebenslang fortgeführt. Die Lebenserwartung wird von 85 auf über 100 Jahre ansteigen. Innerhalb der Städte wird es zu massiven Umbaumaßnahmen kommen, bei denen ein Großteil der alten, aus Denkmalschutzgründen nicht erhaltenswerten Gebäude und Quartiere durch flexibel nutzbare, hochvernetzte Großraum- oder multifunktionale Hybridgebäude der Größe XXL mit mehr als 10 bis zu 25 Geschossen ersetzt werden. Statt Einzelbebauungen mit Monofunktionen werden die neuen Gebäudekomplexe auf hochverdichteten Grundflächen von 2 bis 5 Hektar errichtet und funktionieren mit allen Infrastrukturen und Angeboten im Prinzip wie eine kleine Stadt (1.000 bis 2.500 Einwohner je Cluster) in der Stadt. Diese City-Cluster werden von einer gemeinsamen Klimahülle umfasst und sind energetisch vollständig autark (Energiegewinnung, Abfälle, Recycling, Stoffkreislauf etc.). Zwischen den Clustern befinden sich großzügig dimensionierte, urban gestaltete Natur- und Landschaftsräume mit Parkanlagen, Wäldern , Wiesen, Sport- und Freizeitanlagen. Der Anteil der privat genutzten Räume sinkt von derzeit 40m² je Einwohner auf weit unter 20m² je Einwohner. Dafür steigt der Anteil der gemeinschaftlich für Kultur und Freizeit genutzten Flächen und Räume. Bäume, Pflanzen und Grün wird eine Renaissance in den neuen Städten erleben und einen wesentlichen Beitrag zum Raumklima wie zur Innen- und Aussenraumgestaltung beitragen. Jeder Haushalt wird einen kleinen Balkon- , Terrassen- oder Dachgarten mit Nutz- und Zierpflanzen kultivieren. Die komplette, öko-strombetriebene Verkehrsinfrastruktur wird in unterirdischen High-Speed-Tubes verlegt. Asphaltierte Strassen werden zu begrünten, überdachten Promenaden, Wohn- und Spiellandschaften umgebaut. Die Geschosse werden hochgradig über Skywalks, Brücken und „Speed-Walks“ miteinander vernetzt sein, so dass es einen horizontalen wie vertikalen Austausch gibt. Vier- bis fünfgeschossige Hallenräume („local centers“) werden direkt mit den angrenzenden Wohn-, Laden- und Bürogeschossen auf allen Ebenen verbunden sein. Werkstätten, Läden, Praxen, Freizeit- und Wellnesseinrichtungen, Bildungs- und Kultureinrichtungen etc. finden sich nun auch in den oberen, mit Wohnungen und halböffentlichen Platzanlagen ausgestatteten Geschossen. Die Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit wird zunehmend aufgehoben sein. Räume werden, mit Ausnahme sehr spezieller Nutzungsanforderungen (Labore, Reinräume, Kliniken, Schallräume etc.), multifunktional und variabel bespielbar sein. In der Komposition wird es eine Mischung wie Weiterentwicklung des N.Y.´er Rockefeller Centers (komplexe Blockstruktur, vertikale/ horizontale Vernetzung) sowie des Centre Pompidou in Paris (Tragstruktur, Technik, Transparenz, Erschliessung) sein. Je Wohneinheit (derzeit 40m²/ Einwohner) werden statt 50 Tonnen i.d.R. massiver Baumaterialien (Beton, Stein, Stahl, Glas) bei nur noch halber Wohnungsgröße (20m²/ Einwohner) und innovativer Leichtbauweise weit weniger als 5 Tonnen Baumaterial je Einwohner benötigt. Damit werden etwa im Wohnungsbau für 100 Mio. Menschen in der BRD statt 5 Mrd. Tonnen massiver Baumaterialien nur noch 500 Mio. Tonnen Leichtbau-Baumaterialien benötigt und 90% der Ressourcen und der damit einhergehenden Material- und Energieverbräuche (Material Input Per Service) sowie damit verbundenen Emissionen eingespart. Die neuen Konstruktionen sind auf eine Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren ausgerichtet, dafür aber zu 100% recycelbar. Insgesamt kommt es damit langfristig zu Einsparungen von mehr als 80% an Rohstoffen und sonstiger Baukosten. Die primäre Raum- und Tragstruktur der neuen Gebäude wird aus funktionalen wie statischen Gründen überwiegend orthogonal, zumindest geometrisch ogranisiert sein, wird aber durch einen formal freien Innenausbau flexibel ergänzt. Sämtliche Gebäudeteile sind industriell vorfabriziert und werden als vorinstallierte Fix+Foxi-Units in modularer Montagebauweise vor Ort aufgebaut. Alle Gebäude sind zudem mit intelligenten Steuerungssystemen vollautomatisiert (Licht, Klima/ Heizung, Schliessanlagen, Sicherheit etc.).

systemfrage > Die neue Gebäudeklasse XXL ist, wie der holländische Architekt Rem Koolhaas und der Designer Bruce Mau es bereits 1995 in ihrer Publikation S-M-L-XL vorwegnenommen haben, in Folge der maximalen Komplexität solcher Gebäude ausser Konkurrenz mit konvetionellen Architekturvorstellungen und den üblichen, vor allem ästhetischen Bewertungsverfahren. Da die großen Gebäude sich dem Betrachter niemals als Ganzes erschliessen, präsentiert sich das Gebäude maszstabsbedingt immer nur in Teilbereichen, in Sequenzen und einzelnen Szenen, deren Gesamtkontext (Thema, Handlung, Geschichte) jedoch stets verborgen bleibt. Doch solch eine hohe Komplexität von Gebäuden kann nur durch eine konsequente wie multikompatible Systemanwendungen erreicht werden, die den gewohnten individuellen Gestaltungsspielraum mehr oder weniger auflösen wird. Die jeweiligen Einzelkomponenten der Gebäude können also nicht eigenständig, sondern immer nur im Kontext und damit in starker Systemabhängigkeit der gefundenen bzw. vorgegebenen Megastruktur entwickelt werden. Je flexibler die Megastruktur angelegt ist, desto größer wird die Gestaltungsfreiheit und Austauschbarkeit der einzelnen Module und Systemkomponenten sein, desto geringer wird gleichzeitig ihre formale wie ästhetische Konsistenz sein. Die antiken Städte wie beispielsweise später auch die wunderbaren Fachwerkstädte hatten u.a. durch die begrenzt vorgegebenen Materialien und Konstruktionsmöglichkeiten ein solch übergeordnetes Primärsystem (unit speak + spell), mit dem man vergleichbar zu den XXL-Gebäuden ebenfalls einen hochkomplexen Städtebau umgesetzt hat. Auch die alten Pyramiden waren – zumindest typologisch – vergleichbar mit solchen noch zu entwerfenden XXL-Gebäuden, die wir in Zukunft bauen werden. Die Systemfrage wird daher vor allem eine Strukturfrage sein, aus der sich dann alle weiteren in sich stimmigen Möglichkeiten und Lösungen ableiten lassen. XXL-Gebäude sind demnach mehr Städtebau als Architektur bzw. führen die Architektur durch Auflösung der gleichen strukturell und systematisch in den Städtebau über. Wohlgemerkt: es geht nicht mehr darum, den Raum ästhetisch oder künstlerisch zu gestalten, sonder allein darum, den Raum und die Funktionen in maximaler Quantität rational, rationell, effizient und synergetisch über die Konstruktion und eine ihr folgende Mega-Struktur zu organisieren. Die neue Qualität dieser Städte besteht also in ihrer maximalen räumlichen wie funktionalen Venetzung und Verknüpfung der bis dato stets isoliert und unabhängig bzw. eigenständig konstruierten Funktionen. „Das Einfamilienhaus“, „die Schule“, „das Krankenhaus“, „das Museum“ oder die „Stadthalle“ wird es bautypologisch wie programmatisch als neue Bauaufgabe nicht mehr geben. Stattdessen nahtlos ineinander übergehende, fliessende Räume und Funktionen, die ständig wechseln und örtlich wandern. Diese neue Form der universalen Multifinktionalität bzw. Auflösung der Bautypologien entspricht in etwa dem Modell der grossen Messen. Freilich werden die alten Gebäude, die jahrhunderte alte Bausubstanz mit ihrer tradierten, typologiebestimmten Architektur- und Städtebaustruktur „parallel“ zu diesen neuen „Universal City-Clustern“ bestehen bleiben. Hierbei kommt es entweder zu einer Überlagerungen und Durchdringungen von Alt und Neu wie auch zu einem örtlichen Nebeneinander beider Systeme. Vor allem in Ländern mit einem starken Bevölkerungswachstum entstehen jedoch auch vollkommen neue Städte (Neu-Urbanisierungen) ohne irgendeinen bauhistorischen Kontext. In der nächsten Stufe schliesslich wird die konventionell festverortete, also „immobile“ Achitektur in eine mobile, dynamische Raumauffassung übergeführt. Nicht nur einzelne Bauteile können bewegt werden, auch ganze Units oder Cluster werden wie auf einem Rangierbahnhof oder Containerterminal immer wieder neu arrangiert. Es wird vor allem zunehmend mobile Städte geben, die auf mehrgeschossigen Superschiffen die Ozeane durchkreuzen. Auf dem derzeit größten Kreuzfahrtschiff der Welt, der Oasis of the Seas, haben 5.400 Passagiere sowie 2.165 Besatzungsmitglieder (insg. 7.565 Personen) in 2706 Kabinen und 1956 Balkonkabinen auf 16 Ebenen mit 4 Pools und 8 Restaurants auf einer Fläche von zirka 47m Breite x 361m Länge (ca. 1,5 ha) Platz. Hier liegt die (Einwohner-)Dichte bei über 5.000 Menschen je Hektar Grundfläche! Die Stadt als sichere Festung mit installiertem Bürgerrecht (Stadtrecht) wird unter dem Namen „Heimat“ keine Bedeutung mehr für die Standortfrage haben, weder ethnisch, wirtschaftlich, kulturell noch gesellschaftlich. All das, weil materieller Besitz und örtliche Verankerung (millelalterlich: „my home is my castle“) den tatsächlichen Bedürfnissen, Wünschen und Möglichkeiten der Web-Menschen nicht mehr gerecht wird. Unser Leben wird eine ständige, ortsunabhängige „Reise“ auf Mutter Erde sein. Durch diese globale Verortung bzw. Vernetzung aller Menschen entsteht ein synergetischer Austausch von Ideen, Gedanken, Sprachen und Kulturen, wie wir ihn derzeit nur von der internationalen Wirtschaft (internationale Produktion und Handel) kennen. Die Überwindung von Grenzen (Ort) und Sprachen setzt kulturelle Potentiale frei, die es in dieser hohen Komplexität zuvor noch nie gegeben hat. Damit wird vor allem der Mensch im Allgemeinen sich und seine soziale Kultur quasi „neu erfinden“. Die ständige Angst vor materieller wie sozialer, aber auch nationaler Sicherung (Nahrung, Gesundheit, sozialer Status Quo, Arbeit, Wettbewerb, Rente etc.) infolge altbekannter egoistischer Lobbyisten- und Machtökonomie (nicht altruistischer, vielmehr eigennütziger „Haushaltung“) wird durch weltweite Demokratieprozesse (Kommunikation und Organisation via Internet) zunehmend aufgehoben.

soziale utopie? > Das Zusammenwachsen der Welt scheint mit dem Internet aus heutiger Sicht kein wirkliches Problem mehr zu sein. Der direkte Austausch der Menschen kann nun auf allen Ebenen (politisch, wirtschaftlich, privat/ zivil etc.) ganz „ungefiltert“, ganz ohne Gewaltmonopol oder mediale Zensur „online“ erfolgen. Diese technische Möglichkeit verändert unsere Kultur der freien und mündigen Geister schneller, als wir es vielleicht von den Innovationen der letzten Jahrzehnte gewohnt waren. Die alten Machtstrukturen (politische wie wirtschaftliche) haben gegen diese neue Form der Kommunikation keine wirksame Waffe mehr und müssen sich zunehmend der Freiheit und Selbstorganisation der Menschen ergeben. Diese neue Freiheit der „aktiven Kommunikation“ führt jedoch nicht in die angemahnte und viel beschworene „Anarchie“ (das vermeindliche Chaos wildgewordener wie gewaltsamer Stupidos) sondern in Transparenz, Aufklärung, zivile Verantwortung und beachtenswerte Sozialkompetenz. Auch wird der aktuell viel beschworene „Clash of Cultures“ wie auch der Kampf um die letzten Ressourcen sich als ein leztes vergebliches Aufbäumen alter konservativer wie materialistischer Kräfte erschöpfen. Es wird kaum mehr möglich sein, ein Volk von mehreren Milliarden Menschen medial durch eine bis dato kontrollierte Einweg-Kommunikation zu täuschen oder es zielgerichtet zu manipulieren. Je stärker die gesteuerte Manipulation (Zensur, Werbung, Desinformatione etc.), desto enger rücken die Menschen medial wie kommunikativ „weltweit“ zusammen und erkennen, dass sie als große Gruppe „Mensch“ nicht nur theoretisch sondern ganz praktisch und real die eigentliche Macht darstellt. Dies bedeutet aber auch, dass die Menschen nun selbst „Verantwortung“ für alles tragen, was in der (hochspezialisierten) Welt passiert. Aus der unbekümmerten Arbeits- und Konsumgesellschaft am Tropf von Politik und Wirtschaft (Führungseliten) wird nun eine kritische, reflektierende, nachfragende, mitdenkende und verantwortungsbewußte Gesellschaft, die ihr soziales, kulturelles, politisches wie materialistisches Verhalten selbst definiert und dann auch über sicherlich mühsame Demokratieprozesse von der kommunalen Ebene bis hin zum Land und Bund realisiert. Damit werden dann auch erstmals strukturelle, städtebauliche wie architektonische Fragen auf einer vollkommen neuen, weitaus transparenteren wie argumentationsstärkeren, vor allem aber weitaus komplexeren Ebene diskutiert und entschieden. Vorhandene Komplexität, deren wechselseitigen Mechanismen und Ahängigkeiten, gilt es nun unter sozialen, kulturellen wie wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten zu entschlüsseln, zu entfilzen, zu analysieren und kritisch auf ihre Tauglichkeit, Effizienz und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Am Anfang aller Diskussion um irgendetwas stehen die primären, existentiellen Fragen, „wie“ wir überhaupt leben wollen/ können und „welche“ Welt wir dabei unseren Kindern hinterlassen werden.

ökonomie + ökologie > Alles, was wir Menschen machen, hat im stofflichen Gesamtsystem Erde-Natur-Mensch einen Einfluss auf unsere unmittelbare Umwelt, hinterläßt also Fußspuren und Abdrücke, die sich mehr oder weniger schnell verflüchtigen. Ökonomie heißt zunächst einmal, mit dem, was an Ressourcen, Energien und sonstigen Potentialen vorhanden ist, das beste für uns „und“ unsere Umwelt (Ökologie) herauszuholen. Neu ist, dass wir seit etwa 40 Jahren (Saurer Regen, Waldsterben, Ölkrise, Grünen-Bewegung, Club of Rome etc.) den Umweltschutz in unsere industriell geprägte, sozial-kapitalistische Wirtschafterei per Gesetz eingeführt haben. Rückblickend haben wir hier sicherlich bis heute sehr viel erreicht, und doch haben wir angesichts der derzeitigen Ökobilanz und aktuellen Zustände offensichtlich immer noch zu wenig gemacht (Artensterben, Klimaerwärmung, emissionsstarke Kohlekraftwerke, zu hoher Gesamt-Energieverbrauch, zu hoher Rohstoffverbrauch, risikohafte Kernenergie, Abholzung der Regenwäldern/ Brandrodung, Verlust von einzigartigen Ökosystemen durch profitorientierte Ressourcenausbeute und Urbanisierung, Müllproblem, Smog, Tankerhaverien usw.). Viele dieser vermeindlichen Umweltkatastrophen entstehen sicherlich nicht direkt in unserem Land, doch sind wir als ausgewiesene Rohstoffimporteure und -veredler, Spitzen-Technik-Produzenten, Technikexporteure und privilegierte Wohlstandskonsumenten maßgeblich mitverantwortlich für eine Vielzahl von wirtschaftlichen wie kulturellen Fehlentwicklungen, die bis heute mehr an Profit, Renditen und sicheren Arbeitsplätzen (Beschäftigungsdruck, Wettbewerb) als an zukunftsfähigen, nachhaltigen, umweltschonenden wie auch sozial verträglichen  Lösungen orientiert waren/ sind. Die industrielle Massentierhaltung mit den bekannten, gravierenden gesundheitlichen Folgen für Tier, Landschaft und Mensch ist nur eines von vielen Beispielen, wie unsere renditeorientierte Wirtschafterei zu mit unter lebensgefährlichen, zumindest umweltbelastenden Konsequenzen führen kann. Auch die verhängnisvolle Überfischung der Meere schließt nicht gerade auf ein intelligente, vorausschauende Wirtschafterei, ebensowenig die unversicherbare (weil nicht zu kontrollierende) Kernenergie (Tschernobyl, Fukushima) oder zigtausende Kilometer von lecken Gas- und Ölpipelines, die den Europäern Energie aus Russland liefern. Alle Probleme, die „allein“ aus unserer Wohlstandsgesellschaft resultieren, werden letztendlich zu einem großen Anteil im fernen Ausland (billige, zudem rechtelose Arbeitskräfte, billige Rohstoffe und Energien, fehlende Umweltauflagen usw.) und natürlich stets auf Kosten der Natur und Menschen gelöst. Deutsche Bäckereien etwa produzieren bis zu 20% über, damit die Regale auch noch nach 18:00h im Discounter voll gefüllt sind. Diese wertvollen Abfälle (die Welt hungert ja bedauerlicher Weise immer noch) werden schließlich zu Tierfutter verarbeitet (den Tieren sei die feine Körnerkost gegönnt) oder zur Erzeugung von Wärme (Backwaren haben in etwa den gleichen Heizwert wie Holzpellets) verwendet. Allein mit der Energieproduktion aus den Bäckerei-Abfällen könnte ein ganzes Atomkraftwerk in der BRD stillgelegt werden. Doch das Spiel ist noch lange nicht zu Ende: die Überproduktion wird natürlich auf den Brotpreis umgeschlagen (den zahlen natürlich wir Verbraucher mit steigenden Lebenshaltungskosten) und die erhöhte Nachfrage nach Weizen treibt den Weizenpreis auf dem Weltmartkt nach oben, so dass arme Länder (defacto unsere Weizenproduzenten) sich selbst keinen Weizen als Grundnahrung mehr leisten können und damit die Hungerproblematik zusätzlich verschärft wird. Die Mengen an weltweit weggeworfenen Weizenprodukten würde ausreichen, um alle weltweit 1 Mrd. hungernden Menschen (24.000 sterben nach Angaben von UNICEF täglich an Hunger und deren Folgen, davon 75% Kinder unter 5 Jahren) 3x mit Nahrung zu versorgen. Dieses Wirschaftssystem, welches sich freilich durch pervertierte Markt- und Spekulationsmechanismen in allen anderen Branchen ähnlich gestaltet, ist also alles andere als intelligent, effizient, nachhaltig oder gar sozialverträglich. Im Bereich Hoch- und Tiefbau sieht es mit der Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und Effizienz übrigens nicht anders aus. Am Beispiel des extrem gestiegenen Flächenbedarfs je Einwohner verbrauchen wir nahezu doppelt so viel kostbare, zudem immer weniger nachwachsende Rohstoffe und Energien wie noch vor 100 Jahren. Dazu kommen trotz Bevölkerungsrückgang und immer effizienter gebauten Produktionsanlagen tagtäglich mehr als 100, von den Kommunen meist aus steuerlichen Gründen (attraktiver Wohnraum, Schaffung neuer Arbeitsplätze durch Ansiedlung neuer Betriebe/ Firmen, Standortfaktor, Konkurrenz mit den Nachbargemeinden etc.) freigegebene Hektar „frisches Bauland“ für neue Gewerbeparks (Shoppen auf der Grünen Parkplatz-Wiese, Outletcenter usw.) und kleine Einfamilienhaussiedlungen inklusive Strassen und versorgender Infrastrukturen verbraucht wird. Bis 2020 ist es das ehrenwerte Ziel der Bundesregierung, den Flächenverbrauch auf 30 Hektar „täglich“ zu reduzieren. Doch: nachhaltig, ökologisch wie ökonomisch wäre tatsächlich, bereits heute täglich 30 Hektar und mehr durch Nachverdichtung der Städte an wertvollem Grund und Boden zurück zu gewinnen. Die Energie, die wir durch moderne Technik und Dämmung einsparen, wird in der Gesamtbilanz unterm Strich jedoch absolut durch den gestiegenen Flächenverbrauch wieder aufgezehrt. Hinzu kommt, dass die verwendeten „modernen“ Baumaterialien (Stahl, Glas, Zement, Verbundbaustoffe etc.) zunehmend „veredelt“ sind, also viel mehr Energie und Rohstoffe (MIPS) in der Herstellung verbrauchen als der nach wie vor ökologischste Referenzbaustoff „Holz“. Beispiel Automobilbranche: Ein alter Golf GTI mit 110PS der ersten Generation Baujahr 1976 (ca. 810kg Leergewicht, natürlich ohne Servolenkung, EPS, Airbags, Klimaanlage und elektr. Fensterheber) verbraucht im Berliner Stadtverkehr in etwa so viel Sprit wie der neuste Golf Bluemotion mit 105PS und zirka 6,0 Liter Verbrauch auf 100km. Der neuste Golf GTI V mit 200PS und 1420kg Leergewicht verbraucht zirka 13,7 Liter/100km. Auch hier wird der technische Fortschritt durch innovative, effizientere Antriebstechniken durch ein vermeindlich „komfortables“ Zusatzgewicht (+ 75% Gewichtszunahme) defacto wieder aufgezehrt. Hier versagt gleichermaßen der Automobilhersteller (verdient wird nach wie vor an den teuren Luxus-Autos), der Kunde (der statt leichten und sparsamer 1 Liter Hybrid-Autos immer noch 2 Tonnen schwere SUV´s nachfragt) wie auch die Gesetzgebung (die den Herstellern infolge starker Lobbyarbeit oder auch Imkompetenz eben keine oder zu halbherzige gesetzliche Grenzwerte vorgeben). Solange unser marktorientiertes Wirtschaftssystem allein und überwiegend durch Absatzsteigerung und damit verbundenen Mehrverbrauch an Energien und Ressourcen motiviert ist, haben vernünftige, nachhaltige Ökonomie- und Ökologiekonzepte global wie lokal betrachtet keine Chance. Da der „freie Markt“ offensichtlich nicht von selbst  -wie immner wieder fälschlicher Weise behauptet – ökonomische wie ökologische Konzepte generiert (das macht er nur in der „rationalisierten“ Produktions- und Arbeitswelt), kann hier nur der Gesetzgeber als übergeordneter Regulator die Wirtschaft wie privaten Konsumenten zur gesellschaftlichen Ökonomie und Ökologie durch entsprechende Gesetze zwingen. Obwohl die Industrie, die Wirtschaft wie auch die privaten Haushalte immer effizientere Produktions- und Energiesysteme (Heizen, Klimatisierung, Licht, regenerative Energiegewinnung etc.) verwenden, sinkt die Ressourcen-, Emissions- und CO2 Belastung infolge steigender Produktionseinheiten, zunehmender Produktvielfalt, kurzlebiger Produkte, zunehmender Verbrauchseinheiten und steigendem Raum- bzw. Flächenverbrauch bei gleichzeitig stagnierender bis leicht rückgängiger Bevölkerung nicht. Defacto versagt hier unserer Regierung (gleich welcher Coleur), da sie wider besseren Wissens seit Jahrzehnten die ökonomische wie ökologische Grundproblematik unserer kurzsichtigen Mehrverbrauchswirtschaft nicht konsequent genug bekämpft. Statt einer verbrauchsorientierten Marktwirtschaft (von der letztendlich nur wenige profitieren) brauchen wir „weltweit“ eine ökologisch ausgerichtete Sozialwirtschaft (von der alle materiell wie kulturell profitieren), und diese natürlich nicht mit altertümlichen, sondern mit hocheffizienten Spitzentechnologien. Solange man auf dieser Erde mit selbst gemachten Gefahren und Risiken (Krieg, Umweltkatastrophen, Umweltverschmutzung, Entsorgung/ Müll, Krankheiten, Ressourcenverbrauch usw.) Geld verdienen kann, bewegen wir uns kulturell und wirtschaftlich jenseits von Vernunft und Verantwortung für Natur und Mensch.

Wenn wir dieses Konzept einer ökologischen wie gleichermaßen sozialen Wirtschaft nun auch konsequent auf den Städtebau und die Architektur übertragen, kommen wir freilich zu ganz anderen Stadtgrundrissen, Verkehrskonzepten, Gebäudetypologien, Raumgrößen, Raumnutzungen, Gebäudegrundrissen, Konstruktionsmethoden und Materialien, die sich bekanntermaßen eben nicht mit den alten Techniken, Verfahren und Methoden lösen lassen. Hier benötigen wir vollkommen neue Werkzeuge wie auch neue Sprachsysteme, um einen Paradigmenwechsel herzustellen. Alte Dächer mir PV-Modulen zu bestücken, ist nicht etwa innovativ oder fortschrittlich, sondern technisch wie architektonisch bloß ein Kompromiss, ein Provisorium, das weder der Architektur noch der Technologie gerecht wird. Stattdessen müssen wir alte Systeme (Ordnungssysteme, Bauweisen) und Gewohnheiten (Lebensweisen, kultureller Ritus etc.) verlassen und neue Systeme suchen, die unseren aktuellen Lebensweisen, vielmehr Lebenswünsche und vor allem auch Lebensträume am ehesten entsprechen. Hieran schließt sich die allererste Frage, wie wir Menschen überhaupt miteinander leben und arbeiten wollen und können. Die Technik (Industrialisierung) hat uns über viele Jahrundert hinweg von der Landwirtschaft und dem dezantralen Wohnen in kleinen Einheiten auf dem Lande emanzipiert (Bauernhaus, Dorf etc.). Dies war bis heute freilich die Geburtststunde der Großstadt und ihrer Ober- und Unterzentren, wie wir sie heute erleben. Doch auch die Industrie hat heute, anders als noch vor 30 Jahren, weder eine gesellschaftlich noch räumlich (städtebaulich) ordnende Rolle (Arbeitsplätze schwinden zunehmend wie zuvor in der Landwirtschaft durch zunehmende Rationalisierung und Technikeinsatz). Durch den Verkehr und den internationalen Warenhandel ist die Industrie wie auch das produzierende Gewerbe mehr oder wenigiger „ortsunabhängig“ geworden. Nokia baut heute eine Fabrik in Deutschland, morgen in Rumänien und übermorgen in Ungarn. Fest angeraumte Arbeitsplätze auf Lebenszeit gibt es kaum noch. Produktionsstandorte wandern, sobald sie fiskalisch abgeschrieben sind und mögliche Subventionen maximal abgegriffen wurden. Ganze Familien ziehen derzeit innerhalb nur weniger Jahre der verfügbaren Arbeit hinterher, und das grenzüberschreitend. Die Suche nach materieller wie auch räumlicher „Sicherheit“ (Heimat) wird immer schwerer zu lösen sein. Flexibilität (und damit auch die Bereitschaft, räumlich umzuziehen) wird nicht mehr nur von Führungskräften verlangt sondern durchzieht beinahe den gesamten Arbeitsmarkt. Das über lange Zeiträume mit Krediten finanzierte „Einfamilienhaus“ obliegt einem enorm hohen Risiko, da der sichere Arbeitsplatz auch in Spitzenpositionen langfristig nicht mehr garantiert ist.

stadt vs. land > um die Ziele einer nachhaltigen wie sozialen Volkswirtschaft zu erreichen, muß auch die räumliche Organisation der Bereiche Wohnen, Freizeit, Kultur, Arbeit und Handel viel dichter und effizienter ausgestaltet sein. Der massive Ausbau des Verkehrs- und Straßennetzes sowie bezahlbare Mobilität hat in den letzten 30 bis 40 Jahren dazu geführt, daß die einzelnen Funktionen räumlich immer weiter auseinander gedrivtet sind und damit vermeindliche Unsummen von Zeitaufwendungen, Energie- und Rohstoffverbrauch, Emissionen, Unfallrisiken sowie Kosten produzieren. Die meisten Menschen „pendeln“ heute täglich zwischen 20 bis 50 Kilometer zwischen Arbeitsplatz und Wohnung und selbst kurze Strecken werden überflüssiger Weise mit dem PKW erledigt. Hierfür opfern die Menschen nicht selten 10% der Arbeitszeit (6 x 40 Stunden p.a. im Berufsverkehr) und mehr als 10% ihres Einkommens für den Unterhalt eines KfZ. Dieser Mobilitätswahnsinn hat freilich seinen Preis, den nicht zuletzt die Umwelt und die Natur zu zahlen hat. Diese alltäglichen Hauptverkehrsströme durch Stadt und Dorf machen die betroffenen, zu Verkehrsräumen mißbrauchten Lebensräume zu wahren Unräumen mit viel unnötigem Lärm, Gestank und erhöhtem Unfallrisiko. Viel sinnvoller wäre es, Wohnen, Freizeit und Arbeiten wieder räumlich in einem Radius von 5 bis 10 Kilometern anzuordnen, um den Anteil des motorisierten Individualverkehres zu Gunsten des emissionsarmen sowie weitaus „kommunikativeren“ Fußgänger- und Fahrradverkehrs zu senken. Bundesdeutsche Straßenprofile sind in manchen Städten und Dörfern mittlerweile derart fußgängerunfreundlich gestaltet, dass für PKW-Stellflächen (Parkplätze) und Fahrbahnen mehr als 80% der Flächen bereit gestellt werden. Ein ausgewogenes, innerstädtisches Strassenprofil hält mindestens 50% der Flächen für Fußgänger frei zuzüglich Grünstreifen/ Bebaumung, Radweg, PKW-Parkplatz und Fahrbahn. Und auch die sogenannte „Wohnstrasse“ mit Tempo 30 macht als zurückeroberter Lebensraum nur dann Sinn, wenn die Bürgersteige mindestens 2 Meter breit sind, genügend Bäume platziert sind und die Laufflächen frei von Hindernissen wie Pollern, Schildermasten, Leuchtenmasten und Stromkästen sind. Nicht nur Kinderwagen brauchen ordentlich Platz, auch ältere Menschen bewegen sich zunehmend mit sperrigen Rollatoren. Und auch der zunehmende, unsinnige wie verunsichernde „Schilderwald“ muß nicht nur aus gestalterischen Gründen ein Ende finden.

architektur, vernunft & poesie

Freitag, Oktober 28th, 2011

Eine für uns wesentliche Erkenntnis aus der Beschäftigung mit alter und neuer Architektur ist die wichtige Bedeutung des ausgewogenen Zusammenspiels von Vernunft und Poesie. Die meisten Gebäude sind funktional und ökonomisch wohl passabel, aber i.d.R. arm an Poesie und Phantasie, sind daher weder ästhetisch „sinnstiftend“ noch irgendwie „kulturell“ bedeutend für uns Menschen als Lebensraum. Andere Gebäude verirren sich hingegen in seltsamen, skulpturalen Formalismen oder allzu plakativer „Zeichenhaftigkeit“ und stehen meist jenseits aller Vernunft, funktionaler Tauglichkeit und Wirtschaftlichkeit. Es gibt freilich nur wenige Architekten, denen es gelungen ist, eben diese Vernunft einerseits und die räumliche Poesie andererseits in ein Gebäude zu transformieren, dass es „klassisch“ über die Zeit hinaus von jedem in seiner Schönheit und Selbstverständlichkeit innen wie aussen gelesen und erkannt werden kann. Funktion, Ästhetik und Kontext stehen sich bei solchen Schöpfungen nicht im Wege sondern bedingen und ergänzen sich einander, bilden quasi eine Symbiose, sind in sich schlüssig und hinterlassen keine unbeantworteten Fragen. Architekturen wie auch Objekte werden immer von unserem Logos, unserem Verstand auf abstrakte, theoretische wie auch praktische Art und Weise ergründet und auf seine tatsächliche Tauglichkeit bewertet. Gleichzeitig vollziehen wir mit unseren Sinnen aber immer auch eine ästhetische Bewertung, die freilich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein kann (Präferenzen), doch im Ganzen stets ganz bestimmten „Gestaltungsregeln“ folgt. So etwa wird eine Stütze im Verhältnis seiner Breite (Durchmesser) zur Höhe von 1:6 für uns Menschen niemals schlank und elegant, stattdessen kompakt und robust wirken. Hierfür muss sie – bereits schon nach den Regeln der alten Griechen – mindestens 1:8 oder 1:10 gegliedert sein. Runde Stahlstützen können von uns heute mühelos mit einer statisch wirksamen Schlankheit von 1:20 gebaut werden. Doch woher kommt dieses Empfinden für die Anmutung und Schönheit der Schlankheit von Gliedern? Zum einen sind es die Finger, Arme und Beine, deren Schlankheit wir sinnlich ja von Klein an erfahren und später in subjektive Kategorien wie stark, robust, dick, fett etc. oder schlank, elegant, zerbrechlich, dünn oder auch zärtlich referenziell bewerten. Mit Poesie hat dies noch nichts zu tun, wohl aber entstehen Gedichte -um im Terminus der Sprache zu bleiben- i.d.R. nicht mit plumpen oder negativ besetzten Wörtern, Sätzen und Aussagen. Und ein schönes Gedicht braucht auch mehr als nur die geschickte, kunst- und phantasievolle Verwendung schöner oder eleganter Wörter. Es muß inhaltlich auch „Sinn“ machen, verständlich sein. Zumindest ist ein schönes Gedicht inhaltlich wie sprachlich in sich schlüssig, ausgewogen, ausbalanciert, in sich ruhend.

Ein Gebäude wie das ehemalige „World Trade Center“ in New York wäre als Solitär in seiner geometrischen wie formalen Einfachheit zumindest aus ästhetischer Sicht fast eine Beleidigung für seinen Ort und die Zunft der Architekten. Doch durch die Spiegelung bzw. Duplizierung des Baukörpers sowie den Versatz im Stadtgrundriss entsteht plötzlich ein Dialog, ein ausbalanciertes Spannungsfeld zwischen beiden Baukörpern, so dass die unmittelbare Umgebung nicht auf den großen, groben wie undifferenzierten Maßstab antworten bzw. reagieren muß (was sie defacto nicht könnte). Durch den Dialog beider im Prinzip „plumpen“ Türme ist die Geschichte dennoch rund und in sich schlüssig, obwohl der Maßstab wie auch die Form nicht auf den Ort reagiert bzw. auf diesen abgestimmt ist. Das Crysler-Building hingegen ist durch seine vertikal betonte Achsialsymmetrie (Kirchturmarchitektur) wie kunstvolle Fassadengestaltung vollkommen in sich abgeschlossen, ohne dass es eines zweiten Gebäudes oder eines städtebaulichen Pendant bedürfte. Das Rockefeller Center hingegen bezieht seine Schönheit aus der abgewogenen Komposition mehrere, vollkommen unterschiedlich hoher und großer Baukörper, die dennoch u.a. durch die sich wiederholenden Motive (Setbacks) und Materialien (Limestone, Messing) als kompositorische Einheit wirken. Hätte man alle Grundstücksparzellen mit der gleichen Dichte und Geschosshöhe „gleichmäßig“ (zudem formal noch unterschiedlich) bebaut bzw. investor-like „aufgefüllt“, wäre der Ort städtebaulich, räumlich wie ästhetisch nicht weiter zu erwähnen. So aber haben die damaligen Architekten eine spannungsvolle räumliche wie funktionale Vielfalt geschaffen, die in der Summe vollkommen ausbalanciert ist. Dies sind nur ein paar Beispiele, wie die gekonnte Anwendung von „Gestaltungsregeln“ auch funktionalen Gebäuden zu poetischen Architekturen verhelfen. Sobald unsere Gebäude und Stadtviertel nichts mehr „erzählen“, verlieren sie ihre Poesie. Und selbst, wenn ein einzelnes Gebäude sehr viel zu erzählen hat, muß diese Geschichte auch und immer in den unmittelbaren Kontext „passen“, und sei es, dass man sich gekonnt von der Umgebung loslöst (wie am Beispiel des WTC), um in sich selbst aufzugehen.

Welche Rolle die „Vernunft“ in der Architektur spielt, sollte sich in Zeiten ökonomischer Zwänge und hoher Ingenieurskunst eigentlich von selbst erklären. Dennoch finden sich bei zahlreichen, auch neueren Gebäuden seltsame Grundrisse, Konstruktionen, Formen wie auch Materialien, die alles andere als vernünftig, wirtschaftlich, funktional und praktisch sind. So etwa sind Verkehrsflächen wie auch Nutzflächen oftmals zu klein oder zu groß geraten, Nutzungen am falschen Ort, Fassaden haben zu wenig oder zu viel Fensterfläche, Geschosse sind zu niedrig oder zu hoch dimensioniert usw. Entwickeln sich Architekturen zu stark aus einer Form oder einem formalen Zwang heraus, führt dies meist immer zu Konflikten mit der Funktion. Wie etwa soll man spitze (oder auch runde) Ecken möblieren und räumlich nutzen? Was passiert, wenn Türen und Fenster zu nahe an Wänden aufschlagen und damit wertvolle Stellflächen verhindern usw.? Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten, etwas falsch zu planen und zu bauen. Vernunft meint hier grundsätzlich, mit angemessenen wie sparsamen Mitteln den höchsten wie sinnvollen Komfort in der Nutzung zu ermöglichen. Nicht, daß mit der Erfüllung und Gewährleistung der Funktion allein schon all unsere Bedürfnisse an Gebäuden bereits befriedigt sind, doch was nutzt uns ein „schönes“ Gebäude (Poesie), wenn es nicht funktioniert? Umgekehrt werden wir an einem hochfunktionalem Gebäude nicht viel Freude haben, wenn es uns ästhetisch, sinnlich im Sinne der Poesie nicht anspricht.

Um ein paar Beispiele für gelungene „Poetische Architektur“ des letzten Jahrhunderts zu nennen, sollen Werke von Gottfried Böhm (u.a. das Rathaus in Bensberg, der „Mariendom“ in Neviges, die „Herz-Jesu-Kirche“ in Schildgen) , Karljosef Schattner (div. Universitätsbauten in Eichstätt) und Carlo Scarpa (u.a. die „Friedhofserweiterung Brion“ in San Vito d’Altivole/ Italien, der Museumsumbau „Castelvecchio“ in Verona/ Italien, der „Showroom Olivetti“ in Venedig/ Italien ) im Umgang mit dem Material und dem Bestand beispielhaft sein. Aber auch Mies van der Rohe (der „Barcelona Pavillion“, das „Farnsworth House“ in Plano Illinois/USA, die „Neue Nationalgalerie“ in Berlin), Le Corbusier (die „Chapelle Notre-Dame-du-Haut“ de Ronchamp 1951-1955/ Frankreich, das Doppelhaus in der Weissenhofsiedlung 1926-1927 in Stuttgart, die „Villa Savoye“ 1928-1931 in Poissy/ Frankreich, div. öffentliche Bauten in Candigarh/ Indien, die „Häuser Jaoul“ 1951-1955 in Neuilly-sur-Seine/ Frankreich), Frank Lloyd Wright (das „Solomon R. Guggenheim Museum“ in New York/USA, das „Haus Fallingwater“ in Pittsburgh/ USA, die „Johnson-Wax-Company“ in Racine bei Wisconsin/USA) und Walter Gropius (das „Fagus-Werk“ 1911-1914 in Alfeld an der Leine, das „Bauhaus“ und die Meisterhäuser 1925/26 in Dessau) sowie Adolf Loos (das „Haus Moller“ 1928 in Wien/ Österreich) haben hier mit Stahl, Glas, Ziegel und Beton Pionierarbeit in der Moderne geleistet. Ferner natürlich auch Werke von Alvar Aalto (u.a. die „Heilig-Geist-Kirche“ in Wolfsburg, das „Kulturhaus“ in Wolfsburg), Hans Scharoun (u.a. die „Philharmonie Berlin“ 1965-1963, das „Stadttheater Wolfsburg“ 1965-1973), Eero Saarinnen (der „JFK-Airport“ in New York/ USA, div. MIT-Gebäude in Cambridge/USA), Oscar Niemeyer (div. öffentliche Gebäude in „Brasilia“/ Brasilien, das „Museum für zeitgenössische Kunst“ in Niteroi bei Rio de Janeiro/ Brasilien), Luis Barragàn (das „Wohnhaus Barragàn“, „Las Arbodelas“, „Cuadra San Cristobal“, alle in Mexico City/ Mexico), Louis I. Kahn (das „Regierungsviertel Dhakar“ 1962-1983/ Bangladesch, das „Indian Institute of Management“ 1962-1974 in Ahmedabad/ Indien), Charles + Ray Eames (das „Case-Study-Haus Nr. 8“ in Pacific Palisades California/ USA), Richard Neutra (das „Haus Kaufmann“ 1947 in Palm Springs California/ USA, das „Haus Bucerius“ 1966 in Navegna im Tessin/ Schweiz). Aber auch aktuell gibt es ebenfalls eine Vielzahl sehr schöner, bemerkenswerter Architekturen, die den entspannten, sinnfälligen Umgang mit Form, Material, Kontext, Konstruktion und Funktion „en detail“ beherrschen. Soetwa die „Jakob-Kemenate“ in Braunschweig von O.M. Architekten, die „Neue Oper“ in Oslo von Snohetta, das Institusgebäude T in Bremerhaven von Kister Scheithauer Gross, das „Domenikuszentrum“ in München von meck architekten, der Glaspavillion der TU-Braunschweig sowie das Bergbauarchiv in Clausthal-Zellerfeld von gmp, die „Galeria Solare“ und das Studentenhaus im Rahmen der Stadtreperatur in Vila do Condo/ Portugal von Manuel Maia Gomez, die „Therme Vals“ in Graubunden/Schweiz von Peter Zumthor, die „Universitätsbibliothek Cottbus“ sowie das „Stellwerk SSB“ in Basel/ Schweiz von Herzog & de Meuron, das „Kunstmuseum Gallego“/ Spanien von Alvaro Siza, die „Church of the Light“ in Haraki bei Osaka/ Japan von Tadao Ando, die „Cooper Residence“ in Orleons/ Massachusetts sowie die „Cohn Residence“ und die „Gwathmey Residence“ in Amagansett bei N.Y/ USA von Gwathmey & Siegel, das „Neue Museum Berlin“ 1997-2009 sowie das “ River and Rowing Museum“ 1989-1997 in Henley-in-Thames/ England oder das „Liangzhu Museum“ in Liangzhu Cultural Village/ China von David Chipperfield, das „Vitra-Museum“ 1989 in Weil am Rhein von Frank O. Gehry, die „Feuerwache“ 1993 im Vitra-Werk sowie die „Bergstation Hungerburgbahn“ in Innsbruck/ Österreich von Zaha Hadid, die „Neue Synagoge Dresden“ 2001 sowie das „Jüdische Zentrum“ 2007 in München von  Wandel-Hoefer-Lorch, die „Feuerwache Heidelberg“ 2004-2007 sowie das „Haus W“ in Aachen 2005-1009 von Kulka + Urbanietz, das „Red House“ 2002 in Oslo/ Norwegen sowie das „White House“ 2006 in Strand/ Norwegen oder das „Dune House“ in Thorpeness/Suffolk/ England von Jarmund/ Vigsnaes,  das „Kew House 3“ in Australien von der Vibe Design Group, das „House in Ise“ 2010 in Mie/ Japan und der „White Tempel“ 2000 in Kyoto/ Japan von Takashi Yamaguchi, das Haus „Les Aventuriers“ 2007-2009 in Kanagawa/ Japan von Shun Hirayama Architecture und so viele weitere nationale wie internationale Beispiele mehr. Dennoch bleiben diese bemerkenserten wie vorbildlichen Gebäude nach wie vor die Ausnahme, verglichen mit den Millionen von Quadratmetern und Kubikmetern umbauten Raumes, die alljährlich im kleinen wie auch großen Maßstab neu-, an- und umgebaut werden.

Hierbei ist es meist nicht allein die Schuld „geiziger“ oder etwa „engstirniger“ Bauherren (den sogenannten Kunstbanausen) als vielmehr auch das künstlerische wie organisatorische Versagen oder Unterlassen der Architekten, auch mit wenigen Mitteln, unbequemen Bauherren oder unspektakulären Bauaufgaben wie kleinen Bausummen dennoch beispielhafte, schöne, ästhetisch befriedigende wie originelle Stadt-, Gebäude- und Raumlösungen auf´s Papier zu bringen und sie entsprechend mit guten Handwerkern und Baufirmen zu realisieren. Das hat auch etwas mit dem zunehmenden Zeit- und Kostendruck zu tun, unter dem vor allem größere Projekte meist leiden. Kreativität und Ideenreichtum wie auch Genialität und Kunstsinn/ Architektursinn läßt sich eben nicht mit der Stechuhr, in Schablonen oder über einen vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen generieren. Künstlerisches Talent und Begabung sind das eine . . . Erfahrung, Übung und Teamwork das andere, um den hohen komplexen Ansprüche von anspruchsvollen Gebäuden und Architekturen irgendwie gerecht zu werden. Überhaupt gibt es viel zu viele „billige“, ästhetisch aber ausdruckslose, einfallslose, im weitesten Sinne plumpe und ordinäre, meist industrialisierte Standardlösungen im Bauwesen, die tagtäglich -auch von den Profis- angewendet werden. Sei es, um die vermeindlichen Kosten zu minimieren oder aus purer Einfalls- und Ideenlosigkeit. Freilich kostet es den Architekten Zeit und Geld -sowie Know-How-, ein originelles, schönes, durchdachtes Detail für eine Treppenanlage zu entwerfen oder einen gelungenen Fliesenspiegel für ein WC oder Badezimmer anzureissen, der auch in das gestalterische Gesamtkonzept passt. Freilich, die Summe der zu treffenden Entscheidungen an und in einem Bauwerk ist imens groß, so daß Architekten gerne auf sogenannte Standard- und Systemdetails zurück greifen, die dann im Sinne des Bauherren oder Investors „kostengünstig“ und „erprobt“ in Serie verwendet werden können. Doch hiermit erfüllt man bestenfalls funktionale Ansprüche, nicht aber gestalterische, ästethische, sinnliche Ansprüche.

Immerhin gibt es Architekten, die sich vor dem ersten Strich zunächst einmal sehr intensiv mit dem Baugrundstück, dem Ort (genius loci) und dem unmittelbaren Kontext auseinander setzen. Es folgt dann die spezifisch auf den jeweiligen Ort abgestimmte „semantische“ Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe, aus der letztendlich dann die der Funktion entsprechenste Bautypologie abgeleitet bzw. entwickelt wird. Es macht daher keinen Sinn, eine bereits fertig entwickelte Bautypologie funktions- und ortsunabhängig x-beliebig zu reproduzieren. Architekturen lassen sich aufgrund der vielen unterschiedlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten (Ort, Topographie, Grün, Funktion, Bautechnik etc.) eben nicht universal „standardisieren“, will man dem jeweiligen Ort und der spezifischen Funktion respektvoll, vernünftig und angemessen begegnen. Wie aber nun reagiert man mit einem Bauwerk und einer Funktion „angemessen“ auf einen Ort? Etwa, in dem man den Maßstab, die Struktur und die charakteristische Körnigkeit des Ortes berücksichtigt, indem man (natur-) gegebene Besonderheiten eines Ortes unbebaut läßt und diese sogar noch durch das Bauwerk hervorhebt und verstärkt, indem man Material und Farbe sorgsam in Beziehung zur Landschaft und Umgebung setzt, indem man auf die vorhandene Topographie reagiert und mit ihr arbeitet, gegebenenfalls sogar neue, raumbildende Topographie schafft, erhaltenswerte wie schöne Grün- und Baumbestände räumlich wie funktional integriert, indem man baukörperlich wie auch mit den Materialien auf die klimatischen Besonderheiten eines Ortes regaiert usw. Wie nun funktioniert eine „semantische“ Auseinandersetzung mit dem Ort und der Bauaufgabe? Etwa, indem man den Rang und die Bedeutung des Ortes wie auch des Gebäudes definiert, indem man den Takt, den Rhytmus, die Harmonie, die Melodie und Lautstärke definiert, indem man Wünsche, Bilder, Sehnsüchte, Phantasien und Bedürfnisse der Menschen formuliert und artikuliert, indem man eine räumliche Vorstellung (Leitbild, Motiv) skizziert, wie wir Menschen gerne Leben wollen usw. Und schliesslich funktionale Überlegungen, welche und wieviele Innen- und Aussenräume welcher Größe wir auf welche Art und Weise nutzen und zueinander organisieren wollen, welche Räume für unser Leben, Wohnen und Arbeiten eine besondere Bedeutung haben, welche Räume oder Orte eine untergeordnete Rolle spielen, wie wir Räume miteinander verbinden, öffnen oder abgrenzen wollen, wie wir Ein- und Ausblicke, das Private und das Öffentliche gestalten wollen, wie wir Technik integrieren, Wege und Zugänge platzieren usw.  All das zu überlegen ist für sich genommen schon ziemlich viel, fließt aber letztendlich ganz konkret und ablesbar als Summe vieler einzelner Entscheidungen und Überlegungen in ein gutes Gebäude ein. Diese hohe Komplexität zu beherrschen ist vielleicht eine Kunst, vor allem aber das Ergebnis eines vielschichtigen, mehrdimensionalen, hochvernetzten Denkens, wofür man als Kreateur (Architekt) viel Zeit, Muße, Erfahrung, Wissen und Fleiß benötigt.

vom verlust des raumes

Dienstag, Juli 5th, 2011

Ein wesentliches Merkmal aller herausragenden Architekturen bis zu Beginn der „Moderne“ ist der plastische, raumbildende Umgang mit den vornehmlich massiven Bauteilen. All das, was uns die griechische, später dann auch die römische Baukunst neben ihrem reichen, künstlerischen Schmuckwerk und Dekor nebst der Kunst der rechten Teilung (Proportionen) an Schönheit überlassen hat, würde ohne diese innen- wie aussenraumbildenden Elemente nicht funktionieren. Diese besonderen, den Gebäuden „Tiefe“ und Kraft gebenden Zwischenräume wirken vor allem durch das komplexe Zusammenspiel von frei gestellten Stützen (Säulen) oder Pfeilern, die mit Wänden, Balken und meist gewölbten Decken als „gebundenes System“ zu wunderschönen Arkarden, Loggien und Portalen geformt sind, an denen die Sonne ihren Schatten werfen kann. Innenräumlich wurden durch Reihen von Säulen insbesondere beim Typus der Basilika mehrschiffige Grundrisse räumlich fein differenziert sowie durch Kuppeln, Kreuzgewölbe wie auch kassettierte Decken (Balkendecken) plastisch im Deckenbereich fortgeführt. Obwohl bei einem Amphietheater die kreisrunde oder ovalen Form  von aussen betrachtet eine recht plumpe Körpergeometrie aufweist, gelang es den Baumeistern, die monumentale Fassade durch Ausbildung mehrgeschossiger Arkaden, also von Säulen oder Pfeilern getragene Bögen, räumlich und plastisch zu differenzieren und zudem der Fassade mit den aneinander gereihten Rundbogenöffnungen ein unverwechselbares Motiv zu geben. Dieses raumbildende Arkaden-Motiv wurde auch bei den die Landschaft bildlich prägenden, römischen Aquädukten sowie einigen Brückenbauwerken angewendet. Ferner finden wir es auch bei den monumentalen Triumpfbögen oder den großzügigen Eingangsportalen bedeutender Bauwerke wieder, feiner differenziert und im kleineren Maszstab dann auch bei Fensteröffnungen, Hauseingängen und Loggien von Wohngebäuden. Diese monumentale, zudem motivgebende Plastizität von Massivbauten mit überwiegend platonischen Körpern findet sich später bereits entmaterialisiert auch noch in den gotischen Bauwerken mit ihrem statisch wirksamen System von filigranen Strebepfeilern und Maszwerk wieder. Hier wohl seit der Antike der erste Versuch, die bis dato massive, solide Konstruktion (hoher Materialaufwand, hoher Flächen- und Raumverbrauch der Konstruktion) statisch so weit wie möglich zu entmaterialisieren und dem quasi ausgehöhlten Innenraum nicht nur formal eine neue Qualität von räumlicher Leichtigkeit und Weite zu verschaffen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, mit filigranem Maszwerk und Glasscheiben erstmals große Öffnungen in den Wänden anzulegen, die den Innenraum mit Licht fluten.

Aus überwiegend technischen, rationellen wie ökonomischen, zum Teil auch energetischen Überlegungen haben wir jedoch heute diese Form der architektonischen wie auch städtebaulich bedeutenden Raumbildung nahezu aufgegeben und durch überwiegend „plane“ Fassaden sowie überwiegend kompakte Baukörper ohne nennenswerte Ausbildung von Zwischenräumen (Atrien, Höfe, Gassen, Platzfolgen, Hallen, Säulengänge, Balkone, Loggien etc.) ersetzt. Lediglich die bewußte Trennung von Tragwerk (Stützen, Pfeiler) und Fassade (Curtain-Wall) hat hier noch zu einem „neuen“ räumlichen Zwischenspiel der Bauelemente beigetragen, kann aber räumlich nicht an die signifikante Expressivität der griechischen oder römischen Monumentalbauwerke heranreichen. Freilich sind monumentale Bauwerke aus Stein -und kaum andere, zudem „wehrhafte“ Materialien standen den alten Baumeistern dieser bedeutenden Epochen neben Holz zur Verfügung- konstruktiv wie statisch vollkommen anders zu bewerten als neuzeitliche, statisch minimierte Stahl- oder Stahlbetonbauten mit nahezu entmaterialisierten Glasfassaden oder mehrschichtig aufgebauten Fassaden und Hüllflächen. Doch nicht nur die materielle Minimierung der konstruktiven Bauteile (Wände, Stützen, Decken) hat den Bauwerken ihre innen- wie außenräumliche Plastizität durch Tiefe und Masse geraubt. Auch die Oberflächengestaltung ist innen wie aussen auf überwiegend „plane“, möglichst großformatige, meist fugenfreie, pflegeleichte Flächen reduziert worden.

So etwa ist der relieffartige Langzeitverbund von Schrift bzw. Zeichen/ Symbol und tragendem Material, also der „Gravur“, durch zweidimensionale, hauchdünne,  mehr oder weniger transparente, farbige, jederzeit austauschbare „Klebefolie“ (als Nachfolger der ebenfalls zweidimensionalen Mal- und Lackiertechnik) gewichen. Räumlich wirkende Geländer und Zaunanlagen, die ehemals noch kunstvoll sowie reich an Formen und Ornament handwerklich geschreinert, gedrechselt oder geschmiedet wurden, sind durch industriell fabrizierte, gleichmäßig angeordnete, uniforme Drähte, Seile, Stäbe oder dünne Platten/ Bleche reduziert worden. Letztendlich hat u.a. die Pop Art der 1960´er und 1970´er Jahre das „Plakative“ und seriell herstellbare wie kopierbare nicht nur in die Kunst, sondern auch in das Design und -kaum vorstellbar- in die ja vornehmlich auf „Raum“ und „Konstruktion“ ausgerichtete Architektur getragen. Der Mangel bzw. das Fehlen von (materiell begrenztem) Raum wurde durch Begriffe wie „Transparenz“ und der Vorstellung vom „fließenden Raum“ (plan libre) ersetzt. Und tatsächlich haben wir mit der Loslösung vom überwiegend geschlossenem, massiven wie monumentalen „Einraum“ mit Fenstern und Türen hin zum entmaterialisierten, fließenden, vollverglasten, wie von Zauberhand getragenen „plan libre“ eines Le Corbusiers oder den in wunderbaren Scheibenkompositionen aufgelösten „Barcelona Pavillion“ eines Mies van der Rohes urplötzlich eine ganz andere, vollkommen neue, befreiende Raum- wie auch Bauteilerfahrung dazu gewonnen. Die Qualitäten von Transparenz, kontrollierbarer bzw. individuell regulierbarer Weite und Tiefe durch großformatige, manchmal auch nur verspiegelte Glasflächen und die Befreiung von statischen wie auch konstruktiven Zwängen (stüzen- und wandfreie, nahezu endlos weitspannende Räume) ist letztendlich der Beginn wie zugleich in seiner extremen Gegenhaltung zum monumentalen Massivbau der vorangegangenen Jahrtausende auch schon der Höhepunkt der sogenannten „Moderne“.

Die Rolle des Raumes in der Architektur ist mit dem Vorhandensein dieser beiden Extreme (maximale Transparenz vs. maximale Massivität) quasi mathematisch-physikalisch-chemisch seit beinahe mehr als 80 Jahren in ihren Potentialen theoretisch wie praktisch erschöpft und kann sich seit dem nur noch irgendwo dazwischen, wenn auch sehr vielfältig in der Bandbreite alter wie neuer Materialien und Materialkombinationen variieren wie thematisieren. Das einzige, was noch ein Novum sein kann, ist der raumzeitliche Umgang mit Materie (also der Vorstellung von „Immobilie“ als etwas im Raum statisch festes, zeitlich dauerhaftes, örtlich unverrückbares), wenn zum Beispiel die maximale Transparenz selbst zu einem Monument wird (Kristall, Diamant) oder dazu analog unsere tonnenschweren Pyramiden das Fliegen anfangen. Auch der Maßstab -man denke an membranüberdachte Städte oder Orte, wie sie Buckminster Fuller bereits vor 60 Jahren visionierte- wird uns im Vergleich zu den weiten Bahnhofshallen, Fabrikhallen, Stadien und Messehallen nicht wirklich eine neue Raumerfahrungen bringen. Wohl aber der schnelle, unkontrollierbare Wechsel von Raumeindrücken, möglicherweise sogar auch von ganzen Bauteilen, Fassaden und Oberflächen, wenn wir uns etwa mit temporären wie dynamischen Bauwerken befassen oder Oberflächen sich zu permanent ändernden Screens, Projektions- und Werbeflächen verwandeln. Ein Bauwerk ist dann weder räumlich noch funktional etwas kontinuierliches, statisches und abgeschlossenes (im Sinne einer materiellen, örtlichen „Setzung“), sondern etwas prozesshaftes, wandelbares, stets veränderliches. Diese Form von plakativer, temporärer, auf Geschwindigkeit und Fernblick ausgerichteter „Kulissenarchitektur“ wurde u.a. in den 1960´er und 1970´er Jahren vor allem in Las Vegas etabliert („Der dekorierte Schuppen“, Robert Venturi, Denise Scott Brown). In einer Welt der Symbole und Zeichen reicht ein „anständiges“ Gebäude der Form und Typologie nach allein nicht mehr aus, um seinen Zweck oder Inhalt mit den bescheidenen Mitteln der Architektur zu repräsentieren, zu kommunizieren. Schrift und Zeichen, Symbol, Farbe und Licht haben seitdem immer mehr an Bedeutung bei der scheinbar allein auf Kommunikation und Werbung gerichteten Gestaltung des öffentlichen Raumes dazu gewonnen. Das, was ehemals die signifikanten Kirchtürme für die Stadtsilhouette waren, später dann die Hochhäuser und Wolkenkratzer, sind heute gigantisch große, meist leuchtende Werbebanner an den glatten Glas- und Blechfassaden unserer modernen Konsumkisten neben der Autobahn. Aber auch die Fassaden der Innenstädte sind -und dies bereits seit den 1950´er und 1960´er Jahren- mehr oder weniger zugekleistert mit konkurrierender, meist agressiver, um jeden Preis Aufmerkasamkeit erhaschender Leuchtreklame, Werbebannern und aktuell großformatigen, digitalen LED-Displays, auf denen sich auch Filme und Videos abspielen lassen. Die Innenstädte von Tokyo, Shanghai oder Las Vegas würden bei Dunkelheit ohne Licht und Strom nicht funktionieren.

Was bleibt, ist hier als Paradigmenwechsel allein die vollständige Loslösung von Materie und Raum, die in diesem Falle nur virtuell und künstlich, also als vom Menschen kreierte, digitale Kunstwelt hergestellt werden kann. 3d-Hologramme etwa simulieren optisch wie auch sinnlich, vor allem aber in der Wirkung emotional wahrnehmbaren Raum jenseits unserer tatsächlichen, physikalisch-chemisch begrenzten Möglichkeiten auf der Oberfläche Erde. Längst haben Programmierer von Spielen und digital erstellten Filmen (Science Fiction, Animationen etc.) damit angefangen, solche virtuellen, quasi phantastischen Räume, Objekte, Scenen wie auch Handlungen zu entwerfen, sie digital für unsere Sinne abzubilden und auch durch Simulatoren (z.B. Flugsimulator) physisch für uns erfahrbar zu machen. Tatsächlich wird diese Technologie der virtuellen, digitalen Simulation und vor allem der „visuellen Projektion“ zunehmend unseren Alltag beherrschen. Und dies nicht, weil wir es wirklich wollten, bräuchten, für sinnvoll oder gar schön hielten, es also unseren tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen würde, sondern allein, weil u.a. die Wirtschaft, die Industrie mit ihrem dem Mensch innenwohnenden Zwang, Drang und Mechanismus des ewigen Erfindens und Optimierens „ohne“ diese technischen Innovationen ihren Antrieb und damit ihre Legitimation verlieren würde. Der phantastische, nahezu grenzenlose „Schein vom Sein“ wird etwas sein -und war es übrigens schon immer- , was uns Menschen sehr stark beschäftigt und interessiert, solange wir dabei nicht vergessen, daß es neben dieser vielversprechend grenzenlosen Scheinwelt noch eine reale Welt der einfachsten stofflichen, physischen Bedürfnisse gibt. Welche Bedeutung haben dann noch Gebäude, außer, einen physischen, geschützten Ort anzubieten, der dann beliebig und variierend mit digitalen Scheinwelten projeziert und bespielt wird? Und warum konventionell eine massive Wand als neutrale Projektionsfläche bauen, wenn die Wand selbst bereits aktives „Medium“ für den „Informationen“ sinnenden und saugenden, vielmehr „sehenden“ Menschen sein kann? Freilich: „Licht“ ist nicht alles, doch für uns Menschen offensichtlich das ideale und effizienteste Kommunikations- und Orientierungsmedium im Raum und Gedanken. Darum wird moderne Architektur im 21. Jahrhundert -wie Julius Posener es bereits für das 20. Jahrhundert festgehalten hat, ausschliesslich und überwiegend mit kommunikativen, medialen Bauelementen arrangiert. Und dies nicht wie gewohnt immobil, sondern flexibel, austauschbar, mobil und auch dynamisch. Der geschlossene, statisch fest verortete Raum wird im Zeitalter der Lichtgeschwindigkeit, der synchronen Kommunikation und Miniaturisierung unserer Objektewelt kaum noch Bedeutung, vielmehr Interesse haben. Stattdessen maximale Auflösung von Grenzen und Hindernissen, maximale Aufweitung des Raumkontinuums, Raumgewinn durch Skalierung und Maszstabswechsel. Die dazugehörigen Bauelemente werden multifunktional sein, mehr wandelbares wie bespielbares Medium als solides, selbstreferentielles Tragwerk.

Natürlich bleibt der geschützte Raum, den wir nach wie vor benötigen, eine Angelegenheit der Kostruktion und Materie, die aber immer weiter reduziert und zunehmend mit anderen Funktionen durchdrungen und überlagert sein wird. Die Effizienz von Bauteilen wird nicht nur wegen der Ressourcenknappheit und damit verbundenen Kosten ein wichtiges Thema spielen. Wenn wir z.B. transluzente Dächer aus hauchdünnen, weit über den Raum spannenden Membranen fertigen können, läßt sich das Flächengewicht und damit letztendlich der Materialverbrauch je Quadratmeter Dachfläche von derzeit vielleicht 100 bis 150 kg auf vielleicht 2 kg/m² und weniger reduzieren. Damit könnte auch die bisher massive Tragkonstruktion durch statisch optimierte Pylone und weitspannende Seile extrem minimiert werden. Die Membran selbst kann nun so augebaut sein, daß sie sowohl das Sonnenlicht in Strom umwandelt (Photovoltaik) und dazu noch durch Veränderung der molekularen Dichte von transparent bis opak die Sonneneinstrahlung und das einfallende Licht wie auch den Energiedurchlass reguliert. Natürlich kann sie auch mit LED´s bestückt selbst zur flächigen Leuchtquelle wie auch zur lichtreflektierenden Projektionsfläche werden. Und zuletzt kann diese Membran je nach Witterung und Nutzung oder für Reperaturen schnell und lautlos eingefahren bzw. eingerollt werden. Stromleitende, interaktive Spezialkunststoffe können all dies bei minimalsten Ressourcenverbrauch. Mit den selbstleuchtenden, energieregulierenden wie statisch extrem festen wie wandelbaren Leichtbaukunststoffen werden auch Autos und Flugzeuge gebaut. Natürlich dann auch auch Häuser und Gebäude. Wer dennoch Sehnsucht nach handfestem „Erdmaterial“ jenseits der molekularen Strukturen hat, besucht einfach das weltgrößte Museum für Bau- und Architekturgeschichte: nämlich nach wie vor unsere Erde.

Ob diese Welt der neuen Technik uns Menschen vollkommen und optimal befriedigen wird, kann jedoch schon heute mit Recht bezeifelt werden. Selbstverständlich können wir Menschen lernen, in künstlichen Räumen mit künstlichen Materialien und virtuellen Projektionen zu leben, zu überleben. Doch Natur und Lebendigkeit bleiben als Referenz für den Menschen nach wie vor die bestmöglichen Erfüller unserer Psyche, unserer Seele und unserer Sinne. Die Natur zu simulieren, sie zu imitieren, ist freilich denkbar, um der seelenlosen Sterilität von Kunstlicht und Kunststoff wenigstens etwas irdisches mit auf den Weg zu geben. Doch ästhetisch sind wir Menschen nicht so leicht in die Irre zu führen, wie das Beispiel der perfekt imitierten Laminatböden und Resopalmuster leicht zeigt. Sobald wir Menschen um den sinnlichen „Betrug“ wissen, bekommt die ganze Anstrengung etwas „billiges“, kulturloses und wertloses mit auf den Weg. Eines der größten Probleme, daß die Baustoffindustrie mit den neuen High-Tech-Produkten hat, ist das Fehlen von Varianz, Porösität und Körnigkeit. Diese ist zum einen aus funktionalen Gründen natürlich nicht gewünscht (Hygiene, Schmutzresistenz, Leitfähigkeit von Flüssigkeiten etc.), zum anderen ist sie durch maschinelle Fabrikationsprozesse quasi vorbedingt (Walzen, Ziehen, Pressen, Giessen, Lackieren etc.). Wie stark wir uns dennoch nach den „Löchern“ sehnen, macht das abstruse Beispiel der industriell gelöcherten, geknickten, sandgestrahlten, beinahe vollkommen zerstörten Jeansstoffe deutlich. „Gebrauchsspuren“ sind etwas, was wir Menschen durch Respekt und Wissen um die Geschichte als etwas wertvolles erachten und schätzen. Ein nagelneuer Teddybär hat keinen Wert verglichen mit dem über die Jahrzehnte stark abgenutzten Lieblingsteddy. Perfekte Technik kann uns zumindest seelisch und emotional nicht wirklich glücklichen machen. Hier sind wir Menschen quasi ambivalent, vielleicht, weil im Leben selbst das Werden stets mit dem Vergehen, mit dem Zerfall verbunden ist. So haben wir einerseits Sehnsucht nach dem ewigen Leben, nach der Perfektion, nach dem Absoluten, wissen aber auch, dass dieses „Diamantenleben“ naturgegeben nicht möglich ist und zudem ahnen wir um seine Kälte und Unlebendigkeit. Hier mag es unserer eigene Angst vor dem Vergänglichen sein, die uns die wahre Qualität und den Wert der „Geschichte“, der Patina und des Alterns verstellt. Zum Glück haben wir in der Architektur noch genügend solcher Bauwerke, die uns von diesem „Altern“ des mit Lebensgeschichten begleiteten Stofflichen erzählen. Der Ort ist wichtig für die Erinnerung. Der Raum ist wichtig für die Erinnerung. Ohne diese mit dem Ort und dem Raum verknüpfte Erinnerung sind wir Menschen „leer wie eine Flasche“. Metaphysisch ist der Raum dazwischen, die Nische, etwas zutiefst existentielles. Der Zwischenraum, die Fuge, die Pore, die Höle gibt uns Schutz und Sicherheit. Je glatter und raumloser wir nun unsere Umwelt gestalten, desto mehr negieren wir symbolisch wie formal dieses Prinzip des in der Nische sich einnistenden und werdenden Lebens. Auch, wenn wir den aufrechten Gang beherrschen und das Wissen um die Welt uns viel Angst genommen hat, sind diese vielleicht archaischen Instinkte und Bedürfnisse nach geschlossenen, schützenden, beherrschbaren Räumen immer noch in uns Menschen vorhanden. In einem Glashaus öffentlich zu leben, ist sicherlich ein Abenteuer und eine Herausforderung wert, widerspricht auf lange Sicht derzeit jedoch unserem kulturellen Habitus. Zumindest haben wir diese Form der räumlichen Haltlosigkeit (noch) nicht in unserer Kultur vorgesehen. Diese kompromisslos „offene“ Kultur müßten wir Menschen erst noch schaffen, dass sie tatsächlich normative, kulturelle Kräfte auf unsere Bewertungsmuster entfaltet. Dazu würde auch der Verzicht auf Eigentum und Besitz, den es ja (räumlich) zu schützen gilt, entfallen. Auch unsere körperliche Scham, unsere ganze Intimität müßten wir aufgeben. Das Verbergen, Verstecken und Geheimhalten ist dennoch eine Kunst des Seins, die uns Menschen ganz gut zu befriedigen mag. Was aber soll an diese Stelle treten, wenn das „Verborgene“, der Schleier, das Unscharfe und Undeutliche keinen Reiz mehr haben soll?

Quantitativ betrachtet ist die Entwicklung moderen, aktueller Architektur zumindest in Europa natürlich in der unzähligen Masse von vorhandenen alten, konventionellen Bauwerken wie Städten und Stadträumen nicht oder nur kaum relevant. Anders sieht es in den neuen Supermetropolen und gigantischen Neubauprojekten Chinas oder Indiens aus. Hier können und werden tatsächlich im großen Maßstab komplett neue Strukturen geschaffen , ohne sich mit dem Alten auseinander setzen zu müssen. Wie diese neuen Welten als gebaute Utopien dann aussehen, kann man zum Beispiel in Dubai, Shanghai oder Singapor studieren. Auch, wenn diese neuen Städte und Gebäude immer noch jede Menge Reminiszensen an die „Alte Welt“ haben, versuchen sie zumindest im Maßstab und den neuen Materialien und Techniken dem gewohnten Formalismus zu entkommen, sofern wirtschaftliche Überlegungen auch hier immer wieder zu den gleichen, bekannten Lösungen zwingen. Doch was ist das für ein urbaner Raum, in dem ein „selbstverliebter“ Bubble auf den anderen folgt und allein über skulpturale Form und illuminierte Oberfläche zu beeindrucken versucht? Hier fehlen im Städtebau noch Strukturen, diese neuen Gebäudeformen und Typen zu einem ganzen Gebilde zu fügen. Doch diese Unfähigkeit, den öffentlichen Raum irgendwie über die bloße Funktion hinaus auch ästhetisch und künstlerisch „zusammenhängend“ zu gestalten, liegt nicht an den Bubble-Architekturen oder sonstigen modernen Entwürfen, sondern generell an fehlenden, übergreifenden Gesamtkonzepten. Selbst bei kleinsten Neubausiedlungen passiert meist immer das, was jedem Städtebauer und Architekten an seiner Kunst und gesellschaftlichen Aufgabe als Gestalter von Räumen zweifeln und verzweifeln läßt: eine bunte Potterie von „individuellen“, die Umgebung nicht weiter respektierenden Stilen, die weder Form-, Typologie- noch Materialzusammenhänge erkennen läßt. In der Musik nennt man das eine Kakaphonie. Im Städtebau ist es die Verwirklichung der eigenen Träume, etwa mit dem Landhaus im toskanischen Stil, dem Sylter Haus mit Fledermausgauben oder auch dem sogenannten Architektenhaus im Bauhausstil usw.! All das darf sich baurechtlich und zivilrechtlich fein nebeneinander reihen als ultimative Präsentation des „Guten Geschmackes“. Darum ist der Verlust des Raumes etwas, was im Grunde schon mit Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hat, als die Baumeister ihr Gestaltungsmonopol mehr oder weniger, aber Stück für Stück an die private Wirtschaft, an die Bauindustrie wie später dann auch an demokratische Verfahren eines neuen Rechtsstaates abgegeben haben. Demokratien und Rechtssysteme sind freilich nicht verwerflich, wenn denn die Entscheider, Gesetzgeber und Volksvertreter auch „kompetent“ auf ihrem Gebiet sind und ein lanfristig angelegtes Konzept als Rahmenstruktur mit auf den Weg geben.