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raster

Donnerstag, Mai 15th, 2014

raster :: der überwiegende Teil des Hochbaues basiert heute auf Rastern, die zum einen das konstruktive System, zum anderen die Fassaden und den Innenausbau strukturieren. Das Raster selbst ist vor allem ein Ergebnis der industriellen Fertigung von Produkten und Baustoffen. Zum einen geben bestimmte Herstellungsbedingungen, die technisch, statisch und/oder ökonomisch optimiert sind, bestimmte Bauteilformate vor, zum anderen müssen unterschiedliche Bauteile auf ein gemeinsames Raster abgestimmt sein, damit sie im Ganzen aufeinander abgestimmt sind. Grundsätzlich unterscheidt man das Raster für den Innenausbau vom konstruktiven Raster, aus dem sich u.a. auch die Fassadenbauteile ableiten. Für das konstruktive Raster haben sich 25cm-Module (50, 100, 250, 500, 750 ff) bewährt, während im Innenausbau das 12,5cm- (25, 50, 75, 100 ff.) und 15cm-Modul (15, 30, 60, 90, 120 ff.) zum Einsatz kommen. Aus dem klassischen Mauerwerksbau kommen aus den Steinformaten abgeleitete Module von 11,5, 17,5,  24 oder 36,5cm sowie bei den lichten Abmessungen von 51, 76, 151, 201, 251 oder 501 zum Einsatz, die inklusive Putzauftrag von 10-25mm ein Ausbauraster von 15, 20, 25 oder 40cm bei den Wänden und 50, 75, 150cm bei den Raummassen ergeben (hier jedoch nur mit 10mm Putz oder Fliesenauftrag). Idealerweise wäre bei Putz- und Fliesenaufträgen von 15-25mm ein Stein-Modul von 11/24,5cm statt 11,5/24cm zu bevorzugen, so dass hiermit tatsächlich lichte Breiten von 25, 50, 75, 100cm erzielt werden können. Bei Wandlängen über 100cm eignet sich der 24,5cm Stein jedoch nicht mehr, so daß hier das 24´er Modul wieder die besser Wahl ist. Tatsächlich ergibt sich das gerade Ausbaumasz für die Innenwände jedoch aus dem Vielfachen eines Fliesenformates (Vielfaches von 15, 20 oder 25cm) zuzüglich 2 x 15-20mm Fussleisten und 2 x 15-25mm Putz bzw. Fliese zu 106, 206 oder 556cm. Bei den Deckerastern werden i.d.R. 60/60cm, 60/120cm oder 62,5/62,5cm, 62,5/125cm Raster angeboten. Zu diesem Rastermasz sind ebenfalls nochmal 2 x 15-20mm Randprofil und 2 x 15-20mm Putz/ Fliese hinzu zurechnen. Mit Rohbaumaszen von 56, 106, 256, 506 oder 726cm hat man mit den gängigen Bodenfliesen und Abhangdecken dann kein Problem mehr.  Problematisch wird es erst wieder dann, wenn im Boden- und Wandbereich mit (rastergleichen) Hohlkehlfliesen (also ohne zusätzlich auftragende Fußleisten oder Sockelfliesen) und im Deckenbereich mit (25-50mm) Schattenfugen gearbeitet wird. Ein Bodenspiegel im Fliesenformat (z.B. 150x210cm) mit Rohbaumaszen von min. 153 x 213cm ist dann nicht mehr mit den üblichen Rasterdecken von 60 oder 62,5cm Achsmasz zu elementieren. Hier muß geschnitten werden und der ganze Rasteraufwand ist ästhetisch wie ökonomisch wieder überfällig. Ebenfalls sind die üblichen Abmessungen von Stahlbetonwänden und Stahlbetonstützen (i.d.R. 20, 25, 30cm) nicht kompatibel mit den klassischen Mauerwerksmaßen. Bei einem wirtschaftlichen Konstruktionsraster von 600x800cm und 25/25cm bzw. 30/30cm Rechteckstützen verbleiben zwischen den Stützen  575 (570cm) und 775 (770cm). Bei den 25/25 Stützen fehlt 1 cm zu den 576 bzw. 776cm, bei den 30/30 Stützen sind es 6,5cm zu viel (563,5 + 1/2 Stein + 1cm Fuge) oder 6cm zu wenig. 600cm als Fassadenraster ist wiederum ideal für weitspannende Stahlprofile (z.B. Trapezbleche) oder auch Sandwichpaneele, die meist in Längen von 200, 500, 600 oder auch 800cm angeboten werden.  Aber auch hier liegt das Problem meist wieder in den Fugen (zirka 20mm vertikale wie horizontale Fugen) und Stoßpunkten.

Erfahrungsgemäß gibt es kein Raster und kein Modul, was für alle Bauteile gleichermassen stimmig ist. Liegen die tragenden Bauteile im 10´er Modul, kommt man für die Decken und Böden inkl. Putz und Fußleisten auf ein 15´er Modul. Arbeitet man mit Leichtbauwänden, dürfen die nicht breiter als 12,5cm sein (Putz entfällt). Werden die Wände gefliest, sind 12 und 27cm breite Leichtbauwände ideal. Um bei Türöffnungen keine Fliese schneiden zu müssen, muß die Zargenaußenkante ein Vielfaches von 15cm betragen (also 75, 90, 105, 120cm in der Breite und 210 oder 225cm in der Höhe, wenn die Sockelfliese 15cm beträgt). Damit liegt das lichte Durchgangsmasz der Türen mit 50 mm Zargenbreite bei 65, 80, 95 oder 110cm und das Rohbaumasz bei min. 78, 93, 108 oder 123cm (im Mauerwerksbau sind es 76, 88,5, 101, 113,5 und 126cm). Da es in der Praxis je nach Funtion jedoch zu viele Zargen- und Türtypen (Umfassungszarken, Eckzargen, Blockzarken) und bei den Räumen zu unterschiedliche Bodenbeläge (mit/ohne Fußleisten/ Sockelfliesen) und unterschiedliche Wände (Mauerwerk/ Beton/ Leichtbauwand mit/ohne Putz/ Fliesen) gibt und auch die Decken mal mit/ ohne Rasterdecken und mit/ ohne Schattenfugen ausgebildet werden, gibt es kein Idealmasz, was allen Ansprüchen gerecht wird. Der Planungsaufwand für gerasterte Bauelemente ist dabei erheblich und die Kompromisse bei den geschnittenen Bauteilen sind ästhetisch nicht immer befriedigend, zudem kostenaufwendig. Meist werden hierfür kostenintensive wie raumfressende Vorsatzschalen vor die Wände aufgebracht, allein um die Böden und Decken im Ausbauraster gestalten zu können. Wenn aber das vermeindlich wirtschaftliche Raster (das Argument der seriellen, kostengünstigen Massenherstellung solcher Elemente) dazu dienen soll, Kosten zu minimieren (was noch zu beweisen wäre!), liegt hier ein starker Widerspruch im System. Systemelemente wie beinahe alle Fertigteile sind tatsächlich nicht wesentlich günstiger, häufig sogar viel teurer als konventionelle Wand-, Decken- und Bodenausführungen. Spricht neben der perfekten maschinellen Verarbeitung (quasi fehlerfreie Produktion) nur noch das Argument der Zeitersparnis

Ob gerasterte Fassaden oder Innenräume ästhetisch anspruchsvoller sind, als freie Boden-, Decken und Wandgestaltungen, sei hier einmal mehr dahin gestellt. Die planerischen Zwänge von Rasterarchitekturen sind verhältnismäßig hoch und rechtfertigen aus ästhetischer Sicht den hohen Aufwand gegenüber freien Planungen nicht zwingend. Das Raster gibt zwar Halt und Orientierung, engt aber den Gestaltungsraum systembedingt zienmlich stark ein.Wenn sie beispielsweise eine 240cm breite Rasterdecke (4 x 60cm) über einem Flur haben und nun mittig ihre Donlights setzen wollen, landen die Leuchten genau in der Fuge. Das Deckenraster muß also um 30cm verschoben werden, womit aber an den Rändern halbierte Deckenfelder installiert werden müssen. Bei einer Glattdecke hätte sie dieses Problem nicht. Wollen sie zudem umlaufende Schattenfugen von 50mm haben, muß der Flur statt 240cm dann 250cm breit sein. Bei einer verputzten oder glatten Abhangdecke hätten sie dieses Problem nicht. Was allein für die Rasterdecke spricht, sind die flexiblen Revisionsöffnungen im Raster, die man bei Glattdecken erst wieder planungs- und kostenintensiv herstellen muß. Ein weiterer Trick, die Zwänge von Rastern zu umgehen, sind diagonale Verlegeweisen, Formatwechsel bzw. Formatvariationen /die jedoch wieder einen erhöhten Planungsaufwand erfordern) und kleinteilige Mosaikformate, die 10-25mm Toleranzen an Wänden oder Böden leicht überbrücken können. Auch Friese an den Rändern von Wänden oder Böden können solche Maszabweichungen zum Raster als bewußtes Gestaltungsmittel ganz unbemerkt kaschieren.

Da das Raster und mit ihm normierte Bauteile und Standardgrößen aus ästhetischer Sicht zu einer ungewollten wie unerwünschten Wiederholung der immer gleichen Bauteile führt (die auch durch die Varianz in der Bauteilgröße oder farbigkeit nicht wirklich kompensiert werden kann), spricht alles dafür, wieder mehr „ungerasterte“, sprich individuell gestaltete Bauteile zu verbauen, um den ästhetischen Sinn nicht im Einerlei des Rasters oder auch der gescheiterten Raster (knapp daneben ist auch daneben) verkümmern zu lassen. Es ist so viel einfacher und auch gestalterisch weitaus kreativer, außerhalb des Rasters zu entwerfen, zu planen, die Bauteile herzustellen (Handwerk) und zu verbauen. Wenn sie sich alte Fachwerkhäuser anschauen, sind sie  i.d.R. vom Gesamtbild dieser vordergründig geordneten Konstruktion fasziniert. Doch tatsächlich ist fast jeder Balken maßlich etwas anders, etwas schief und krumm und die Abstände der Stützen sehr ungleichmäßig. Es reicht unter ästhetische Gesichtspunkten vollkommen, eine Struktur oder ein Ordnungssystem formal im Ansatz zu erkennen, um es zu verstehen. Die Struktur selbst muß hierfür weder exakt, präzise noch symmetrisch sein!

Exakte und symmetrische Strukturen sind aus ästhetischer Sicht gestalterische Minimallösungen und in ihrer Lesbarkeit wie Deutbarkeit meist wenig anspruchsvoll. Wir vergleichen sie sprachlich mit gering komplexen Texten (etwa einer technischen, sachlichen Bedienungsaneitung), denen jedoch jeglicher prosaischer wie auch lyrischer Anspruch fehlt. Und nur darum kann es in der Architektur und auch der Baukultur gehen, in ihr Prosa und auch Lyrik als kulturelles Zeugnis baulich umzusetzen. Unsere Häuser und Fassaden wie auch unsere Stadtgrundrisse könnten sehr viel lebendiger, freundlicher, vielfältiger, orogineller und unverkrampfter daher kommen, wenn wir sie wieder aus den Krallen des (industriellen) Rasters befreien könnten. Tatsächlich ist der Markt um die Bauprodukte einem sehr starken Wettbewerb unterworfen, bei dem die indsutriell gefertigte Bauprodukte scheinbar mit technischen, funktionalen wie wirtschaftlichen Vorteilen daher kommen (Beispiel WDVS), um den konventionellen Bauweisen (insbesondere den Handwerksbetrieben) das Leben schwer zu machen. Mitunter können auch Gesetze und Normen über technische Mindestfunktionalitäten etc. dafür sorgen, dass Industrieprodukte meist ausser Konkurrenz sind. So, wie eine mögliche Gurkenverordnung dafür gesorgt hätte, dass es keine krummwachsenden Gurken mehr geben würde oder Industriesamen dazu führt, dass die landwirtschaftlichen Produzenten keine eigenen Arten mehr züchten können, gibt es auch im Hochbau eine Menge von Gesetzen, Verordnungen und Normen, die Industrieprodukte gegenüber konventionellen Baulösungen bevorteilen. So ist etwa der mehr als kontrovers zu diskutierende „Dichtungs- und Dämmwahn“ der EnEv maßgeblich dafür verantwortlich, dass überwiegend Industrieprodukte den neuen Anforderungen genügen. Dies kann mittel- bis langfristig zum Aussterben ganzer Handwerkstechniken wie auch Bauweisen führen.

Wie immer im Leben kommt es letztendlich allein auf Vielfalt und Originalität an! Das Raster ist dabei nur eines von vielen Ordnungssystemen, welches zudem ästhetisch (durch simple Wiederholung und Symmetrien) einen eher geringen Anspruch hat. Die Raster sollen nicht verschwinden, aber auch nicht unsere Bauweisen dominieren. Ein guter Gestalter verwendet das Raster, wo es wirklich einen wirtschaftlichen und/ oder auch ästhetischen Sinn macht. Wird es aber zum Selbstzweck, droht Gestaltungsverlust durch Dominanz.

Als Le Corbusier auf Grundlage einerangenommenen durchschnittlichen Körpergrösse von 183cm (anfangs waren es übrigens nur 175cm) und dem Goldenen Schnitt als Arithmetik den Modulor entwickelt hat, kamen mit der blauen und roten Reihe tatsächlich einige brauchbare Masze zustande, mit der man vom Möbelstück bis zum Geschossbau alles durchmodulieren konnte. Natürlich sind daraus abgeleitete Masze wie 2 x 113cm (also das Doppelte des Goldenen Schnittes von 183cm: 70cm  zu 113cm bzw. 113 zu 183) = 226cm für die lichte Raumhöhe mathematische Zauberei, denn man hätte auch das Vierfache von 70cm = 280cm oder 183cm + 70cm = 253cm nehmen können, um eine Deckenhöhe zu definieren. Und auch die 70cm, die von L.C. als Tischhöhe definiert worden ist, liegt heute bei praktikablen 75-80cm, von Küchenarbeitsplatten je nach Körpergröße bei idealen 85-105cm usw. Ferner gibt das Zahlenwerk ja nur Proportionen an, nicht aber ideale Masze für Bauteile noch, ob es sich um Brutto- oder Nettomasze handelt (es ist anzunehmen, daß ästhetische Proportionen sich auf fertige Raum- und Innenmasze beziehen). Hätte L.C. eine andere Körpergröße genommen, kämen freilich ganz andere Zahlen heraus. Zudem zeigt das Beispiel der Küchenarbeitsplatte, dass Masze „individuell“ nach tatsächlicher Körpergröße abzustimmen sind. Eine Normierung und Standardisierung macht hinsichtlich der stark variierenden Körpergrößen von 65cm (ca. 6 Monate altes Kind) bis 210cm wenig Sinn. International variiert die Durchschnittsgröße von Männern zwischen 159cm (Guatemala) bis 183cm (Niederlande), bei Frauen von 142cm (Bolivien) bis 171cm (Deutschland hat tatsächlich die größten Frauen auf der Erde). Wenn sie nun „ideale“ Schlafzimmer, Schreibtische, Büroarbeitsplätze, Werkstätten, Küchen, Badezimmer oder WC´s dimensionieren, müssen allein wegen der unterschiedlichen Körpergrösse Abweichungen von bis zu 30cm berücksichtigt werden. Nimmt man die durchschnittliche Körpergröße der Deutschen, unterscheiden sich Männer und Frauen immer noch durch 9cm Höhendifferenz. Tatsächlich leben in Deutschland auch viele Europäer, die -wie u.a. auch die Japaner- bei den Männern wie auch bei den Frauen bis zu 10cm kleiner sind. Chinesische (immerhin 19% der Weltbevölkerung) und indische Männer (stolze 17,9% der Weltbevölkerung) sind „durchschnittlich“ bis zu 15cm kleiner. Feste Größen (anders, als Mindestgrößen!) „taugen“ unter diesem Gesichtspunkt also nur wenig, da sie die individuellen Anforderungen der Menschen nicht wirklich berücksichtigen.

Wenn der Mensch der Maszstab für die Dimensionierung von Artefakten ist (Sitzhöhe, Aughöhe, Aktionsradius der Arme und Beine etc.), können wir mit Standardrastern und Standardmaszen nicht befriedigend auf den Menschen reagieren. Überhaupt sind Idealgrößen (bis auf statisch erforderliche Querschnitte von Bauteilen) schwer zu ermitteln, auch wenn sie rein technischer Natur sind. Kaum ein Mensch kann definieren, wie groß bzw. welche Abmessungen der ideale Raum hat, wie hoch die Decken sein müssen usw. Wohl hat man ein Gespühr für schöne oder gelungene Proportionen, kann sagen, daß ein Raum drückt, zu weit, zu unbehaglich  oder zu intim ist. Aber all das schwankt so ziemlich zwischen Pi mal Daumen mit Abweichungen von bis zu 40% nach oben oder unten.

Die individuelle Konfiguration von Bauwerken und deren einzelnen Komponenten ist ein Bereich, der in Zukunft -analog dem custom-made bike, dem custom-made car oder der custom-madefashion etc.- mmer mehr Bedeutung erlangen wird. Nicht nur Farbe und Ausstattung sind vom Käufer konfigurierbar, auch die Autositze und Lenkradposition passen sich bereits heute individuell dem Fahrer an. Und es gibt die ersten WC´s und Waschbecken, die sich automatisch in ihrer Höhe, Temperierung und Spülmodus den Benutzern anpassen. Und es wird neben der individuellen PC-Konfigurationen auch Schreibtische, Stühle und Workstations geben, die sich individuell ihren Benutzern anpassen. Die Härte von Matratzen wird individuell einstellbar sein, die Arbeitshöhe von Küchentresen und Arbeitsplatten und vielleicht werden sich irgendwann einmal auch die Brüstungshöhen von Fenstern sowie Deckenhöhen udn Wandpositionen den Benutzern individuell anpassen, so, wie sich bereits heute die Klimatisierung und Beleuchtung den Nutzern individuell anpasst. Aber wird es auch variable Raster geben? Wohl kaum, im besten Falle eine halbwegs „stufenlose“ Skalierung von technischen Geräten und Objekten, insbesondere bei der Strom- und Energiezufuhr von Motoren und sonstigen Antriebsaggregaten! Freilich wird es keine steifen Aluminium-Jalousien geben, deren Breite sich nebst Höhe variabel einstellen läßt. Wohl kann es Tische und Arbeitsplatten geben, deren Tiefe oder Breite variabel verstellt werden kann (z.B. über rollbare Beschichtungen auf skalierbaren Unterkonstruktionen (Schere, Teleskop, Klappmechanismen etc.).

Die Natur der festen Stoffe erlaubt derzeit meist nur eine 1-dimensionale Skalierung. Wohl können weiche und flexible Stoffe (etwa Textilien, Membranen, Folien, Gummis, div. plastisch verformbare Kunststoffe, Linoleum etc.) sich bereits in mehreren Dimensionen verändern. Ein Luftballon beispielsweise ist hier schon 3-dimensional variabel. Doch eine Tragwerksstütze, die mehrere Tonnen Last abtragen soll? Denkbar sind zumindest -analog zu modernen Theaterbühnen- variable Böden und Wände, die hydraulisch, pneumatisch oder über Seilezüge zumindest teilweise ihre Position oder ihr Volumen verändern können. Doch hierfür brauchen sie wieder einen zusätzlichen Konstruktions- und Stauraum, der je anch Technik mit unter bis zu 50% und mehr der eigentlichen Raumfläche oder des Raumvolumens einnehmen kann. Auf einer 100m² großen Grundfläche könnte man zum Beispiel mit viel hydraulischer oder mechanischer Technik variable Räume von 1m² bis 90m² Grundfläche flexibel modulieren, bei der die einzelnen Wandteile in nahezu jede x-beliebige Position verschoben werden können. Das wäre in etwa so, als wenn sich ein Fiat 500 durch beispielsweise Teleskopmechanismen variabel auf die Größe einer S-Klasse oder eines Kleinbusses modulieren ließe. Traum und Utopie? Zollstock, Meterband, Schlauchboot, Luftballon oder Teleskopstab sind schon tolle Erfindungen, mit denen man etwas sehr kleines schon sehr groß oder lang machen kann. Natürlich müßte beim Fiat 500 bereits die physikalisch bzw. statisch notwendige Masse für eine S-Klasse enthalten sein, womit das kleine Auto ganz schön schwer wäre und sein großer Vorteil (nämlich die Gewichtseinsparung) obsolet wäre. Und auch der Motor, die Bremsen und Reifen etc. wären entsprechend überdimensioniert. Bestenfalls passt man wieder mühelos in jede kleine Parklücke und auch der geringere Luftwiderstand würde sich zumindest positiv auf die Leistungseffizienz (also weniger Energieverbrauch) auswirken. Der Kutscher anno 1910 hätte für mehr Leistung einfach ein Pferdegespann mehr angehängt, vielleicht die Räder gewechselt, andere Federn eingespannt und einen anderen Aufbau aufgesetzt, um die optimale Performance zu erzielen. Diese Multifunktionalität und hohe Flexibilität geht unseren modernen Artefakten leider ein wenig abhanden (weil man neu kaufen und nicht flexibel variieren soll). Alte PC´s oder der Unimog wurden bewußt so konstruiert, dass mann sie beliebig mit notwendigen Modulen erweitern konnte (Steckplatzsystem etc.). Wenn sie heute ein Laptop kaufen, können sie das Gerät nachträglich kaum noch mit Hardware konfigurieren. Sie kaufen entweder „Alles“ oder „Nichts“, meist eine unlösbare Monokunstruktion, Punkt! Und man wartet als Verbraucher nur förmlich auf Gesetze, die nicht reparierbare, nicht demontierbare, nicht erweiterbare Einwegprodukte mit eingebauten Sollbruchstellen endlich verbieten, da sie weder funktional, günstig noch umweltfreundlich sind. Intelligente Gesellschaften (die Produktlösungen auf Basis eines minimalen Rohstoffverbrauches bei minimalem Arbeitaufwand entwickeln) vermeiden Arbeit, die etwas schafft, was hinterher noch mehr Arbeit macht (für Kinder: man soll nicht den Ast sägen, auf dem man selber sitzt)! Wenn etwa die Baukonjunktur schwächelt (konkret also Arbeistplätze bedroht sind, gleich ob beim Handwerk oder der Industrie), schafft man nolens volens eben neue Gesetze (wie die EnEv), die mit einem Schlag neu Arbeit generiert anstatt sich zu freuen, dass man endlich seine Ruhe hat, um das Leben zu geniessen! Solange die Arbeit allein an den Konsum gekoppelt ist, bleiben wir eine Geisel der Idiotie und der Widersprüchlichkeit par exelence. Frieden schaffen ohne Waffen? Lieber Konstruktion (Beschäftigung) durch Destruktion (Krieg, Zerstörung, Wechsel) heißt die marktwirtschaftlich orientierte Parole (wie man sie jüngst am Beispiel der Ukraine wiederholt demonstriert bekommt). Der Profit, die Gier, die Machtgelüste, der Wettbewerb, der Erfolgs- und Wachstumsimperativ und die Not (oder der Zwang) der Beschäftigung führen weltweit immer wieder zu den gleichen Resultaten: zu Umweltkatastrophen, zu humanitären Katastrophen, zu Krieg, Leid, Elend und Zerstörung. Die Reichen werden reicher und noch mächtiger, die Verlierer sind und waren immer schon die gewöhnlichen Menschen, das Volk, die nicht Privilegierten, die Handlanger der Destruktion und Konstruktion, mit der sie brav, treu und pflichterfüllt ihren stets schrupfenden Lebensunterhalt vedienen. Gesellschaftliche Systeme wie das unsrige haben hier übrigens eine Parallele zum System der Raster: sie erlauben kaum Flexibilität und verlangen ein Hohes Masz an Ordnung und Unterordnung, sprich Hierarchien. Raster haben hiernach in gewisser Weise etwas totalitäres, unverückbares, in Stein gemeißeltes.

Ihnen bleibt im Grunde nur der Weg in die Vielfalt durch Varianz der Rastermasze, womit sie sich jedoch kaum noch von den individuellen Lösungen unterscheiden. Die Basis aller möglichen Raster sollte dabei im Idealfall ein Vielfaches von 3cm oder 5cm sein. Mit dem 5´er Raster können alle geraden oder halben Meter-Masze (5, 10, 15, 20, 25, 50, 100cm ff.), mit dem 3´er Raster die 12, 24, 36, 48, 62, 96 und 124cm Masze abgedeckt werden. In Kombination können damit nahezu alle Raummasze innerhalb des Kombirasters abgedeckt werden.

Ästhetisch betrachtet bleibt die Frage, wie eine gleichmäßig gerasterte (geteilte) Fläche sich von ungleichmäßig (variabel) geteilten bzw. proportionierten Flächen unterscheidet. Die Baumeister der Renaissance entwickelten hierfür (also gegen die langweilige Arithemtik der einfachen Teilung) etwa das System von alternierenden Stützabständen: statt eine Fassade in gleich breite Flächen a : a oder a : a : a zu teilen, wurde eine abweichende Breite b hinzugefügt, so dass man nun in a : b : a : b : a oder b : a : b : a : b teilen konnte. Hierbei war b beispielsweise dann das Achsmasz einer Doppelstütze mit kleinem Zwischenraum.

Das Verhältnis von a : b konnte nun wieder der Goldene Schnitt sein, das Verhältnis 1: Quadratwurzel von 2 oder andere Teilungen wie 1:2, 1:3, 1:4, 1:5 oder 1:x. Alternierende Systeme haben durch die Zwischenteilungen den Vorteil, daß sie in den Grundrissen bei den Raumbreiten eine höhere Flexibilität aufweisen und als Fassade nicht ganz so plump wie ein Militärmarsch im 4/4 -Takt daher kommen. Sie werden i.d.R. vom Auge als wesentlich abwechslungsreicher, sprich „spannender“ wahrgenommen und trotzdem noch einer gewissen Gleichmäßigkeit ( die ruhende und ausgewogene Komponente der Balance) zugeordnet. Die sichtbare „Fuge“ (also eine realtiv schmale Breite b) gehört übrigens zum System alternierender Teilungen dazu, auch wenn sie nicht ganz so kräftig wirkt wie ein Doppel- oder Dreifachstützenmotiv mit Zwischenraum. Je nach Kontext wirken bereits 10mm bis 50mm Breite Fugen (flächig oder auch mit Positiv- oder Negativausbildung) als Bauteiltrennung und werden optisch als trennende Fläche wahrgenommen. Der Effekt wird zusätzlich durch den Farb- und Helligkeitskontrast der Fugen zu den angrenzenden Bauteilen beeinflusst.

die kunst der unterfläche

Mittwoch, Dezember 11th, 2013

die kunst der unterfläche :: wie stark die Oberfläche, insbesondere die materielle Oberfläche in den letzten 2 bis 3 Jahrzehnten an marktwirtschaftlicher Bedeutung und technologischer wie funktioneller Entwicklung wie auch Innovation zugenommen hat, können wir sehr gut dokumentieren. Nahezu alle modernen wie tradierten Baustoffe sind in beinahe allen Produkt- und Bauteilanwendungen in Sachen Oberflächeneigenschaften nicht zuletzt durch neue Verarbeitungstechnologien wie auch neue Werkstoffe und neue Kombinationen von Werkstoffen neu aufgelegt worden und überzeugen mal mehr, mal weniger überzeugend mit neuen, positiven Materialeigenschaften. Wie aber steht es mit den Flächen darunter, also den sogenannten „Unterflächen“? Die räumliche Wirkung und (sinnliche/ ästhetische) Darstellung der Schicht oder auch mehrerer Schichten unter der Oberfläche ist etwas, was u.a. die alten Maler der Renaissance und des Barock, aber auch schon die alten Griechen durch ihre speziellen Lasur-, Lack- und Maltechniken bereits vor mehreren 100 Jahren nahezu perfektioniert haben. Nicht die deckende Oberfläche selbst ist das Ziel der darstellenden Technik, sondern das Sichtbarmachen von tiefer gelegenen Strukturen, Motiven oder Inhalten. Die Welt hinter der offensichtlichen, sprich optisch sichtbaren Welt zu entdecken, war spätestens mit den wohl bekanntesten Universalgenies der Renaissance, mit Leonardo da Vinci, vielmehr noch mit Michelangelo Buonarroti, aber auch Albrecht Dürer (der nur 4 Jahre älter als Michelangelo war), auf wundersame Art und Weise in der Welt. Der bekannte „Feldhase“ Dürer´s anno 1502 stellt die bis heute anerkannte Perfektion der räumlichen Oberflächen- und Körperdarstellung dar, während die anatomischen Skizzen der beiden italienischen Meister den sezierenden wie faszinierenden Blick unter die Oberfläche der Haut wagten. Die Darstellung von Innereien, Muskelfasern, Gewebestrukturen, Knochen, Blutgefäßen und anderen Organen war sicherlich dem medizinischen Fortschritt bzw. seiner beginnenden Verwissenschaftlichung geschuldet. Und doch mußte Michelangelo genaue Kenntnisse über die Anatomie des Körpers haben, um seine Plastiken -etwa den David, entstanden zwischen 1501-1504 in Florenz- so überzeugend zu fertigen. Wie auch immer haben die Renaissancemaler nicht nur die Perspektive und mit ihr die von Licht und Schatten gebildete Tiefe des Raumes entdeckt sondern auch die geheimnisvolle Technik der Unterflächendarstellung, die die Farben mehrschichtig und hochkomplex zum Leuchten bringen oder zu einer ungeheur realistischen Detailierung von Oberflächen genutzt wird. Die nicht transparente Oberfläche (die Haut, das Fell, das Haar usw.) verbirgt -wenn auch auf sehr schöne Art und Weise- etwas, was wir nicht einsehen können, es aber als neugierige und wissbedürftige Menschen nur allzugerne einsehen wollten, so, wie wir beinahe wahnsinnig werden, wenn es um die Uneinsehbarkeit der vermuteten Seele oder der geglaubten Konstruktion eines Gottes/ mehrerer Götter geht! Wir sehen die Gestirne am Himmel und die Wolken am Horizont: und wir wissen nicht (bis Galileo und Kepler), welche Dimensionen diese visuelle Oberfläche der Natur wirklich hat! Endet die Welt hinter dem Horizont? Ist die Erde eine Scheibe? Sind die Sterne nichts anderes als ein zweidimensionales, mechanisches Bühnenbild? So dachte man (oder die Kirche) viele Jahrhunderte, bis uns Entdecker und Forscher das trügerische, allzu flache Bild entlarvten und aus der Scheibe eine dellige Kugel und aus dem Sternenbild einen unendlich tiefen und weiten Kosmos machten. Hinter all dem steckt immer die Suche nach dem Sinn von alle dem, was wir mit unseren Augen sehen können. Können wir dem Auge, über das wir ja die Welt erblicken, trauen oder ist die sogenannte Wirklichkeit noch etwas anderes als das, was wir sinnlich wahrnehmen und darum als Realität interpretieren? Doch auch ohne zu wissen, was sich tatsächlich hinter der Oberfläche, also dem uns dargebotenem Bild verbirgt, sind wir Menschen wahre Meister im Verbergen, Täuschen, Lügen und Verzerren von dem, was wir Denken, meinen und Fühlen und nicht zuletzt haben wir sogar Freude daran, etwas nicht genau zu wissen, es bloß zu ahnen, zu glauben oder zu vermuten oder andere etwas glauben und vermuten zu lassen. Wenn nun jemand kommt, den menschlichen Körper seziert und ihn auch noch sehr realistisch „malt“, mag das viele (unwissende) Menschen damals sehr irritiert, desillusioniert und auch geschockt haben, da mit der Darstellung der Realität ganze (Glaubens-) Konstrukte und Vorstellungen vom Leben mit einmal zusammen brachen. Der Körper wurde in alle Einzelteile zerlegt und es wurde keine Seele, kein Ich gefunden, die es doch geben mußte! Und im Kosmos wurde auch kein Paradies gefunden, keine Himmelpforte und auch nicht der Sitz oder das zu Hause des lieben Gottes oder anderer ferner Mächte! Wie auch immer wissen wir heute, daß hinter der Oberfläche immer noch etwas ist, was uns der Anschein der Oberfläche nicht verrät. Und wir wissen auch, daß wir einen Körper komplett auf molekularer Ebene durchdringen können (etwa durch Röntgenstrahlen, CT, chemische Analysen usw.). Doch in der Realität sehen wir meist immer nur die Oberfläche, die meist nur bei Verletzungen oder Beschädigungen ihre unteren Schichten sichtbar macht. Wie groß ist nun der Reiz, das Unterschichtige materieller Dinge trotzdem sichtbar zu machen, nämlich durch transparente oder semitransparente Oberflächenstoffe? Glas, Plexi, Gase und transparente Gele, Flüssigkeiten oder Lacke gehören zu solchen Stoffen, die eine mehr oder weniger durchsichtige Oberfläche besitzen und das stoffliche darunter je nach Struktur mit dem auftretendem Licht in ein neues Bild setzen. Hierbei treten optische Effekte auf, wenn Lichtreflektion, Lichtbrechung und Farbfilterung den realen Gegenstand optisch verzaubern und räumlich verzerren wie bei einem Kaleidoskop. Diese räumliche und farbliche Tiefe wünschte man sich gerne auch bei einigen unserer modernen Baustoffe und Produkte wieder zurück, daß sie mehr mit dem Licht und den Farben spielen und zudem mehrere räumliche Ebenen gleichzeitig an Struktur, Form wie auch Funktion und Inhalt in einem dann doch zweidimensional wahrgenommenen Bild darstellen könnten, welches unser Gehirn wieder zu einem räumlichen Bild rekonstruiert und verinnerlicht. Die schärfe und Präszision, mit der eine homogene, perfekte Oberfläche uns ästhetisch daher kommt ist nicht zu vergleichen mit der vielschichtigen Unschärfe räumlich wie farblich sich überlagender Bilder, die sich beim Darstellen von Unterflächen (Unterschichten) ergeben. Das Unbestimmte, Mehrdeutige, Doppeldeutige, Vielschichtige ist für uns Menschen wesentlich attraktiver als die Reduktion auf einen zweidimensionalen Farbeffekt, die allein durch äußerste Abstraktion und Reinheit brillieren kann. Perlmutt, pianolackierte Oberflächen, Spiegel, farbige Kirchengläser, alte Butzenscheiben usw. haben als (semi-) transparente Leucht- und Lichtstoffe mindestens eine ästhetische Dimension mehr, um unsere Sinne zu beglücken. Man denke an unser Auge, speziell an die tiefschichtige wie farbstrukturierte Iris oder auch an feines Porzellan bzw. seinen Namensgeber, die Kaurisschnecke (auch Porzellanschnecke genannt), an Schellack (ein harziger Gummilack der Lackschildlaus), Schleiflacke auf Pianos und Holzinstrumenten oder in Bernstein (fossiler Harz) eingeschlossene Objekte. Die Kunst des Verbergens wie Hütens liegt immer darin, doch noch hinreichend von dem zu zeigen, was verborgen oder geschützt werden soll, ohne es aber offen und preis zu legen. Die Vermutung und Spekulation durch das bloße Andeuten von etwas Wagem ist hierbei der geistige Genuß, den die optische Täuschung in uns verursacht. Zu glauben oder zu ahnen, daß man wüßte, wie etwas ist oder sein könnte (also die Spekulation), bereitet uns mehr Freude als tatsächlich zu wissen, wie es ist (das Wissen). Sofern wünschten wir uns trotz aller Aufklärung und Vernunft wieder ein wenig mehr von dieser verborgenen, nicht direkt zugänglichen Wahrheit, die wir gerne wieder gegen die Darstellung des nackten, aber sinnlich unvergnüglichen Wissens eintauschen wollen. Letztendlich führt alle Kunst der Reduktion in ein fades, trostloses Nichts, welches für uns Menschen aus ästhetischer Sicht weitaus weniger bedeutsam ist als die Erfindung und der Genuß der visuellen wie der ihr folgenden geistigen Konstruktionen oder auch Rekonstruktion, die sehr viel mit Phantasie, also einem kreativen neuronalen Prozess zu tun hat. Die Wahrnehmung von rämlicher Tiefe ist verglichen mit der Wahrnehmung einer zweidimensionalen Fläche weitaus komplexer. Doch Raum und seine zusätzliche 3´te Dimension -also die Tiefe- erfordert nicht nur mehr neuronale Leistung (Rechenkapazität, neuronale Vernetzung etc.) sondern wirkt zudem höchst befriedigend auf unser eher irrationales Verlangen nach Sehnsucht. Nicht in der (abweisenden) Fläche fühlen wir uns sicher und geborgen (eher etwas für Spezialisten), sondern im schützenden Raum! Und das gleiche gilt für das Verlangen nach Freiheit, die ebenfalls nur über den (möglichst grenzenlosen) Raum anstatt über die plakative Fläche geleistet wird. Die Natur, ja der gesamte Kosmos selbst braucht die Tiefe der Räume, um sich physikalisch, chemisch wie biologisch zu entfalten. Pauschal könnte man definieren, daß das Leben ohne die 3´te Dimension nicht auskommt und die zweidimenionale Fläche allein -wenn sie denn nicht in einem Raum angeordnet ist- kein Leben noch Lebendigkeit vermitteln oder herstellen kann. Ein anderes Thema der Fläche ist natürlich ihre Dichte bzw. ihre raumbildende Durchlässigkeit: hier bekommt die Oberfläche ihre -wenn auch begrenzte- räumliche Dimension (nicht nur durch Perforationen, Poren und Löcher, auch durch einfache Transparenz) und wird für uns Menschen als Halb und Halb (Beispiel Glas, semitransparente Textilstoffe, Gewebe, Geflechte etc.) durch den höheren Grad an visueller, aber auch haptischer „Information“ wieder reizvoll. Denn das, was letztendlich für unser Interesse ausschlaggebend ist, liegt im qualitativen wie quantitativem Informationsgehalt der Wahrnehmung. Ein vielschichtiger Blick (wie auch ein vielschichtigeres Tasten) ist nun eimmal wesentlich interessanter als auf eine weiße, flächig homogene, matte Wand zu schauen. Seltsamer Weise haben wir seit einigen Jahrzehnten eine zunehmende Reizüberflutung mit zweidimensionalen Abbildungen, die durch den digitalen Massenprint, digitale Kameras, Handys wie auch PC´s bzw. den zweidimensionalen Pixelscreen tagtäglich auf uns einwirken. Im wahrsten Sinne des Wortes haben wir es sensorisch mit einer Verflachung unseres Lebens zu tun, wenn wir nur noch oder überwiegend mit einfachen Oberflächendesigns und Interfaces konfrontiert werden, die immer flacher und plakativer, sprich „intuitiv anwendbarer“ (usebility) werden. Wohl gibt es auch Tendenzen, dieses informative Manko durch 3-d Applikationen, Aninmationen (bewegte Bilder), Videos, Musik und Ton sowie 3-d Druckverfahren von Printmedien zu kompensieren, kommt aber als extrem vergängliches bzw. kurzlebiges Medium nicht an die realen Raumwahrnehmung der Realität heran. Der Cyber-Space hat wohl seine Reize, verliert sich jedoch in seiner systembedingten, begrenzten, sinnlichen Wahrnehmung. Die Simulation wie auch künstliche Konstruktion von Leben und Raum in oder durch Oberflächen kann das reale Leben, den realen Raum wie auch die reale Kommunikation nicht ersetzen. Auch dann nicht, wenn die neuen Screens sich optisch in mehreren Ebenen in den flachen Raum schichten! Raumtiefe kann zwar durch 2-dimensionale bis 2 1/2 dimensionale Darstellungstechniken (Beispiel Hologramm) vordergründig angetäuscht werden, doch ihr fehlt letztendlich immer der Bezug zu den weiteren menschlichen Sinneswahrnehmungen (Tasten, Riechen, Schmecken, Gravitation, Temperatur usw.). Insofern haben wir es immer nur mit technischen Abstraktionen zu tun, die als Erfindung bzw. Erneuerung fraglos innovativ sind, aber an die sinnliche Komplexität realer Raumwahrnehmung nicht annähernd herankommt. Wohl könne durch Raum-Simulatoren (Flugsimulatoren etc.) verblüffend ähnliche Sinneseindrücke (Raumwahrnehmung, Gravitation, Dynamik, Hitze, Akustik, Duft etc.) mit entsprechenden körperlichen Reaktionen evoziert werden, doch stellt sich uns hier immer auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Simulationen. Sie stehen als sinnlich effektive, aber gefahrenlose Ersatzwelt neben der eigentlichen, mitunter gefährlichen Welt. Einen Sturz aus 100 Meter Höhe kann neuronal wie biochemisch simuliert werden, ohne, daß der Probant ernsthaft zu schaden kommt. Auch andere Sinneseindrücke und damit verbundene Körperreaktionen könnten/ können so situativ simuliert werden und dies ganz frei von räumlichen Konstruktionen oder anderen Zwängen der realen Welt. Das mag unsere Phantasie und unsere sinnliche Erlebniswelt beleben und weit über das irdisch Erfahrbare hinaus gehen. Doch wie fad und öd muß uns dann die Normalwelt erscheinen, die ja unser eigentlicher Lebensraum ist? Ähnliche Probleme haben wir bereits mit dem Konsum von Drogen, die ebenfalls eine verführerische, parallele Welt in der Welt schaffen und als Erlebnis stets mit der realen Welt in Konkurrenz steht. Wann aber kann der Mensch aufhören, immer mehr und anders zu begehren als das, was real -also begrenzt- in der Welt vorgegeben ist? Und was passiert mit unserer Wahrnehmung von Welt, wenn die Simulation für uns wesentlich angenehmer, spannender und wirkungsvoller ist als die Realität? Wie steht es mit der Suchtgefahr, ähnliche intensive Effekte stets neu zu stimulieren? Hierauf haben wir keine Antwort, außer der, daß sich der Mensch, die Menschheit dadurch stets verändern wird und ein anderer wird, als er zuvor gewesen ist. Das ist nicht verboten und wissenschaftlich betrachtet sogar ausdrücklich Programm der Evolution! Die Natur ist nichts festes, auch wenn sie im Kleinen wie Großen nach Gesetzmäßigkeiten abläuft. Doch diese Gesetzmäßigkeiten werden immer wieder gestört, zerstört, daß sich die Natur einen neuen, der Situation angemessenen, stabilen Rhythmus sucht, bis auch dieser wieder durch andere Kräfte verändert wird usw. Doch ist das Prinzip des Wandels schon selbst eine Lizens zum Zerstören dessen, was gerade ist? Wer oder was bestimmt überhaupt -mit Ausnahme der Natur- , wann von Menschenhand (Beispiel Krieg) etwas zerstört und damit neues geschaffen wird? In Anbetracht der uns bekannten Dimensionen von Zeit und Raum (die ja bekanntlich alle menschlichen Maßstäbe sprengt) kann man sagen, daß -gleich was wir auf der Erde auch machen- es dem Kosmos, der Zeit, dem Raum und den unvorstellbar großen Energien, die das alles zusammenhalten, ziemlich egal ist, was auf der Erde passiert. Diese Erkenntnis bringt uns jedoch in der Sinnfrage unseres menschlichen Seins nicht weiter. Also wieder zurück zum irdischen Raum: wenn das Flache als Abstraktion an Informationsgehalt im Vergleich zum Räumlichen zu flach, also neuronal zu wenig reizvoll ist, bleibt zur weiteren Reizsteigerung nur noch der Raum, der die Möglichkeiten an neuronalen Verknüpfungen quantitativ wie qualitativ geradezu potenziert. Hierbei ist nicht die physikalisch meßbare Tiefe des Raumes ausschlaggebend, sondern allein die sinnlich wahrnehmbare Dichte an Elementen (=Informationsgehalt) im Raum, die wir bzw. unser Gehirn dann meist sprachlich codiert in Bedeutungen (Semantik, Grundlage von bewußten Entscheidungen) übersetzen und abspeichern kann. Der Raum selbst läßt in seiner Tiefe mehrere, nahezu unendlich viele Funktionen, Strukturen, Formen, Farben, Materialien etc. zu, die die Oberfläche selbst in Anzahl und Qualität nicht leisten kann. Hinzu kommen allein vom Gehirn hergestellte Konstruktionen (Stoff-, Raum- und diverse Informationsergänzungen, die wir zwar nicht direkt wahrnehmen, aber über logisches wie auch hypothetisches Denken assoziieren). Die venezianische Maske (oder auch Maskerade) ist ein schönes Beispiel dafür, wie unser Gehirn das nicht wahrnehmbare Gesicht hinter der Maske trotzdem rekonstruiert oder mit der sichtbaren Maske irgendwie in Passung zu bringen versucht. Der Informationsgehalt der Maske wird quasi auf den (unbekannten) Maskenträger übertragen, ohne daß wir den tatsächlichen Informationsgehalt des verborgenen Gesichtes kennen. Auch wenn unser Verstand die offensichtliche Täuschung erkennt (also um die Täuschung weiß), hinterläßt die Maske dennoch eine sinnliche Wirkung (Neuronen funken, biochemische Prozesse werden aktiviert usw.). Und das allein ist das (menschliche) Vergnügen, um das es geht: bereits erlernte, also sichere Muster absichtlich zu irritieren, neue Konstellationen, neue Verknüpfungen herzustellen, um mit einem derart ausgelösten Lernprozess letztendlich das Gefühl von Lebendigkeit wie auch Bewußtseinserweiterung herzustellen. Und gerade hierfür eignet sich der Raum (die Raumtiefe) vortrefflich, unsere Neuronen über die Tiefe der Raumschichten ausgiebig und immer wieder von neuem zu beschäftigen. Natürlich kann auch das Fehlen von Informationen (etwa bei einer einfachen, 2-dimensionalen Schwarz-Weiß-Skizze) neuronale Lernprozesse aktivieren. Hierbei versucht das Gehirn von ganz allein, fehlende Informationen (etwa bei einer Karrikatur) zu ergänzen, zu rekonstruieren, mit den bekannten Bildern irgendwie in Deckung zu bringen. Da das abstrakte Bild jedoch mehrere Möglichkeiten der Vervollständigung zuläßt, liegt der Reiz hier in der numerisch hohen Deutbarkeit: das Unscharfe (Indeterminierte) erzeugt entsprechend viele Varianten von Interpretationen und regt damit wesentlich die Phantasie der Menschen an. Werden nun solche einfachen Abstraktionen zusätzlich in den Raum gestaffelt, entstehen zusätzliche Zeichenabstraktionen: zum einen den jeweiligen Schichten eindeutig zugeordnet…zum anderen durch Verknüpfung der Schichten miteinander. Ist in der 1. Schicht ein horizontaler Balken, in der zweiten Schicht ein vertikaler Balken angeordnet, kann das Auge hier ein Kreuz (von zwei ungleich großen Balken) erkennen, obwohl die Balken räumlich nicht miteinander verbunden sind. Wird der Balken in der 2. Schicht zudem derart vergrößert, daß beide Balken aus einer Perspektive gleich breit und lang erscheinen, kann das Auge nicht einmal mehr die beiden Raumebenen differenzieren. Wird der Balken in der 2. Schicht weiter vergrößert, glauben wir sogar, daß der hintere Balken im Vordergrund liegt, während der vordere Balken anscheinend im Hintergrund liegt (optische Raumwahrnehmungsregel: Vordergrung = groß, Hintergrund = klein). Erst durch einen Perspektivwechsel oder einen möglichen Schattenwurf können wir die tatsächliche Raumkonstruktion realistisch erfassen und begreifen den absolut größeren Balken wieder im Hintergrund. Das visuelle Relativieren von Objekten oder Zeichen im Raum ist ein hochkomplexer Mechanismus im Gehirn, der immer wieder zu verblüffenden Täuschungen führt, wenn notwendige Informationen zur Definition von Vorder- und Hintergrund fehlen. Auch die Raumwahrnehmungsregel: Vordergrund = hell, Hintergrund = dunkel oder Vordergrund = scharf, Hintergrund = unscharf etc. kann in einer rämlichen Anordnung durch inverse Objektplatzierungen oder inverse Lichtverhältnisse vollkommen auf den Kopf gestellt werden.

Raum ermöglicht also in der visuellen Wahrnehmung das gleichzeitige Vorhandensein von mehreren Ebenen bzw. „Gründen“ (also alles zwischen Vorder- und Hintergrund), bei dem bestimmte, von uns als Muster erlernte Strukturen (meist phsikalische, aber auch funktionale oder ästhetische) uns helfen, eine „mögliche“ wie auch real „unmögliche“ Beziehung zwischen den jeweiligen, für uns perspektivisch immer noch begrenzt sichtbaren Gründen oder einzelnen Darstellungsebenen herzustellen. Darin liegt ein großer Reiz, da sich die unterschiedlichsten Bedeutungen von irgendetwas uns bekanntem oder auch noch unbekanntem durch die räumliche Tiefenstaffelung (Vorder- bis Hintergrund) in ein optisches „Bild“ bringen, also einen räumlichen, vielmehr visuellen Zusammenhang, deren Wechselwirkung und Kausalität wir zunächst einmal anhand unserer bereits erlernten Muster prüfen und verifizieren müssen (statische, physikalische wie funktionale und auch semantische Rekonstruktion mit Hilfe unseres individuellen, neuronalen Musterspeichers = Erfahrungen). Wer einmal ein Polarlicht oder eine Fata Morgana gesehen hat, wird die große Irritation sicherlich bestätigen, wenn Sichtbares (also als Realität von uns Wahrgenommenes) nicht mehr mit unseren als sicher abgespeicherten, erlernten Mustern (also den via Erfahrungen oder auch via Verstand [logos] gewonnenen Erkenntnissen über die menschliche Interpretation der Wahrheit der Dinge) in Deckung zu bringen ist. Dann feuern die Neuronen auf der (vergeblichen) Suche nach einem erklärendem Muster wie bekloppt im Gehirn, lösen dabei sicherlich die ein oder andere biochemische Reaktion aus, welche uns wiederum ein (vielleicht) angenehmes Gefühl von Lebendigkeit und höchstem Bewußtsein verursacht (extrem aktive Emotionalität und gesteigerte Sinnesaktivität).

Da Objekte, die uns interessieren, meist immer im räumlichen Kontext eines Vorder- und Hintergrundes erscheinen (so weit oder nah das Auge reicht), muss das Gehirn immer wieder das kontextuale Bild (also eine Landschaft, eine Innenraumeinrichtung, ein Straßenraum etc.) mit dem Bild des eigentlichen Objektes in Relation und Passung bringen, und dies strukturell, statisch, physikalisch, chemisch, funktional, ästhetisch, akustisch wie auch semantisch. Da das räumliche, also visuell erfasste Bild jedoch durch eine Vielzahl von unterschiedlichsten Rekonstruktionsmaßnahmen eher diffus und unscharf bleibt (wir sehen ja nur das, was wir durch Ergänzungen und mühsame Bildrekonstruktionen optisch im Gehirn als vermeindliche Realität des Bildes räumlich zusammenbauen), bleiben quasi alle Bilder, die wir neuronal verarbeiten, auf einer sehr hohen abstrakten Ebene im Gedächnis als subjektive Wahrheit vom Sein zurück. Nichts ist tatsächlich so, wie es uns (optisch) erscheint, und doch ist auch der „Schein“ wie auch die Sinnestäuschung ein existenter Teil der Realität! Kurzum ist das, was sich im Raum ansammeln kann und von uns Menschen (vielleicht) bemerkt und gesehen wird ein unendlich großer Zauberraum von Möglichkeiten des Lebens. Je weniger im Raum „dazwischen“ ist, desto bestimmter und eindeutiger der Sinneseindruck, desto geringer die neuronale Aktivität, desto stimmiger das bereits bekannte Muster, desto geringer die Aufmerksamkeit usw.

Wenn man dieses Prinzip zwischen der Objektwelt, unseren filternden, unvollkommenen Sinnesapparaten und unserem vernetztendem Gehirn (Muster, Sprache, Bedeutung, Relevanz usw.) sowie den damit verbundenen physischen „Emotionen“ (Ausschuss von Hormonen, Adrenalin & Co. etc.) einmal verstanden hat, dem wird sich der triviale Raum als genialer wie regelloser Quell von unendlicher Lebendigkeit zeigen. Auch, wenn das Polarlicht oder die Fata Morgana keinen Sinn machen, so erzeugen sie in uns ein emotionales wie auch ästhetisches Momentum, ein -wenn auch nur kurz anhaltendes- Gefühl von Glück und Lebendigkeit. Betrachten Sie zum Beispiel die ersten farbig-transparenten, analogen Modems anno 2003 (56kbps!) der Firma Elsa oder den ebenfalls farbig-transparenten Monitor „iMac“ anno 1998 von Apple oder bereits anno 1986 den transparenten Walkmann WM504 von Sony, wird klar, welcher ästhetische Reiz von transparenten Bauteilen oder Objekten ausgehen kann, die ihr Innenleben unseren Augen komplett preisgeben. Freilich wollen wir uns den Schönen David anno 1504 von Michelangelo niemals als transparente oder semitransparente Plastik vorstellen! Transparenz allein und mit ihr die quantitative Steigerung von visuellen Informationen im Raum macht ästhetisch betrachtet nur dann einen Sinn, wenn die hüllende Form selbst zu schwach ist, um aus sich heraus ein Objekt vollkommen (also ästhetisch und funktional) klären zu können. Beim Einsatz von Technik, insbesondere bei beweglichen Teilen, ist die Form, also beispielsweise die Hülle eines Motors, der eigentlichen Funktion meist untergeordnet. Offene Uhrwerke (im Kleinen wie auch Großen) oder auch alte Dampflokomotiven mit ihrem quasi vollständig freigelegtem Fahrwerk (Radsätze, Treib- und Kuppelstangen, Dampfzylinder, Kolbenstangen, Blattfederpakete etc.) überzeugen uns ästhetisch nicht wegen ihrer schönen Form sondern allein wegen der im Raum angeordneten Mechanik, die Kraft über einen Hebelarm in eine Wegstrecke (Drehung, Kolbenhub etc.) überträgt und damit Dynamik in ein sichtbares, ästhetisches Moment umwandelt. Ganz anders der 80 Jahre alte, legendäre Silberpfeil W25 von Mercedes oder in seiner extremsten und schönsten Form überhaupt der Stromlinienrennwagen Typ C und D der Auto Union anno 1937 und 1938: hier ist allein die (aerodynamische) Form der Karosse das ästhetische Moment, wenn Kraft in maximale „Geschwindigkeit“ umgesetzt werden soll. Es folgten 1939 bei den Dampfloks die Stromlinienverkleidung der BR 03.10 von Borsig oder die im gleichen Jahr von R. Loewy designte S1 der Pennsylvania Railroad (die fliegende Zigarre). 1940 der BMW 328 und 1955 schliesslich der erste Citroen DS, der Shark unter den Limousinen! Sodann kann man in der ästhetischen Bewertung von Artefakten natürlich in rein technische/ mechanische und rein arodynamische/ formale Körper und Formen differenzieren. Ob Frauen und Männer eher die schöne, chaotisch dahinfliessende Hülle oder eher die technischen, meist geometrisierten Innereien bevorzugen, mag noch zu untersuchen sein. Wahrscheinlich ist – und dies auch nur höchst oberflächlich betrachtet-, dass das weibliche Geschlecht naturgegeben eher mit elegant und weich geschwungenen Kurvenlinien zu „werben“ versucht, während das männliche Geschlecht naturgegeben eher mit kompakteren, archiaischeren und kraftstrotzenden Formen zu „werben“ versucht, ganz unabhängig davon, welches Geschlecht tatsächlich umworben wird. Interessant ist hierbei, dass die Männer dabei natürliche auch Liebhaber und damit ästhetische Experten der sogenannten weichen (femininen) Formen sind, so, wie die Frauen entsprechend ästhetische Experten der etwas kantigeren (maskulinen) Formen sind. Da unsere Gesellschaft jedoch quantitativ immer „androgyner“ geworden ist, macht eine solch klischeemäßige Differenzierung zwischen Frauen und Männern -wenn es sie denn überhaupt gibt- m.E. kaum mehr einen Sinn, zumal sich ästhetische Präferenzen auch während des Lebenslaufes eines Menschen grundsätzlich verändern können. „Unisex“ ist im übrigen keine Erfindung der Moderne sondern ein Teil unseres biologischen Programmes, sowohl bei den Tieren wie auch bei den Menschen, deren genetischen Unterschiede zu den Tieren ja scheinbar nur minimal sind. Wie auch immer ist das optische Erfassen des materiellen Gefüges unserer Umwelt seit jeher eine Spezialität des Menschen, die immer wieder auf´s neue Neugier und Faszination in uns weckt in dem bewußten wie unbewußten Streben, die Welt zu entdecken und zu verstehen, kurz um: „einzusehen“.

das schöne

Mittwoch, Juli 31st, 2013

: das schöne

Nur allzugern wüßten wir, was in der Welt „schön“ ist und was „Schönheit“ überhaupt ist. Subjektiv könne wir -kann jeder- natürlich immer und zu jeder Zeit eine Aussage oder Bewertung über das von uns als „schön“ empfundene oder als „schön“ gedachte treffen. Häufig ist es so, daß wir das „Schöne“ innerhalb eines Kulturkreises (also das, was diese Kultur als „schön“ definiert) erst erlernen müssen, weil es Teil einer sozialen Kultursprache ist, die wir uns mit dem Erwachsenwerden aneignen müssen/ wollen/ können.

Das soziokulturell „Schöne“ wird i.d.R. erlernt wie die Sprache einer Kultur. Nicht alles, was für die eine Kultur „schön“ ist, ist auch gleichzeitig für andere Kulturen „schön“. Schön ist, was gefällt! Es gefällt uns (fast immer), wenn es sinnlich angenehm ist, es unser neuronales Belohnsystem aktiviert und wir dadurch eine meist physische, zumindest biochemische Befriedigung erlangen. Wie nun biochemische Belohnsysteme im allgemeinen und individuellen funktionieren, mag von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein, so daß wir auch hier trotz evidenter Kenntnisse über allgemeine, biochemische Zusammenhänge im Gehirn letztendlich auch das einzelne Individuum betrachten müssen. Eine klare Abgrenzung zwischen dem Gehirn i.a. (also das, was bei allen Menschen gleich abläuft) und dem individuellen Gehirn (was u.a. gentisch und/ oder umweltbedingt anders funktioniert) mag hilfreich sein, macht die Sache aber nicht einfacher.

Angenehme Sinnesreizungen können aber auch durch neuronale Verknüpfungen mit bestimmten, für uns schöne oder besondere Ereignisse hergestellt werden, wenn etwa bestimmte Düfte, Töne, Farben oder Formen uns an ein „schönes“ Ereignis erinnern. Sodann ist beispielsweise die Rose oder der Rosenduft (i.a. soziokulturell als Zeichen der Liebe als „schön“ befunden) nur dann schön für uns, wenn wir damit „keine“ negativen Erlebnisse oder Zusammenhänge, sondern (sinnlich) positive, etwa unsere eigene Verliebtheit, die wir damals als ein „schönes Gefühl“ empfunden haben, verbinden. Sich zu verlieben und dabei den Duft einer Rose zu atmen (zu riechen), verstärkt das Gefühl und sinnliche Empfinden der Verliebtheit. Aber: nicht der Rosenduft selbst macht verliebt, sondern es ist die Verknüpfung des Rosenduftes mit der Verliebtheit (Emotion), daß wir beim Rosenduft auch ohne Verliebtheit an dieses Erlebnis denken!

Die Schönheit von Insekten beispielsweise etwa wird nur von solchen Menschen bewundert, die mit dem Insekt (eine Spinne, ein Käfer, ein Grashüpfer) kein sie ängstigenden Erlebnisse hatten. Dank „Biene Maja“ ist vielen Kindern die Angst vor den Bienen und Grashüpfern (Flip) vielleicht genommen worden. Und auch „Die kleine Raupe Nimmersatt“, „Lassi“, „Samson“ und „Bibo“ aus der Sesamstraße, „Bambi“ oder „Flipper“ haben vielleicht dazu beigetragen, daß Kinder (und spätere Erwachsene) sich nicht oder weniger vor Raupen, (Regen-)Würmern, Maden, Hunden, Vögeln, Bären, Rehen oder sehr großen Fischen bzw. Delfinen fürchten, obwohl die ein oder anderen Tiere für uns Menschen sehr gefährlich sein können. So wundert man sich, wenn die Schmusekatze unerwartet ihre Krallen ausfährt und der niedliche Hund einmal zum Wadenbiß ansetzt.

Vertrautheit ist also ein wesentliches Zeichen von etwas, was wir später einmal als „schön“ empfinden. Neurologisch haben die Kinder bei den Tierfilmen jede Menge „Spaß“, also biochemisch viel Adrenalin und Co. gehabt, also einen angenehmen physischen Zustand erlebt, der die filmisch dargebotenen Ereignisse und einzelnen Tiere mit etwas für sie „Positivem“ verknüpft und im Gehirn abspeichert. Es folgen den Tieren natürlich weitere sinnliche Wahrnehmungen wie Düfte, Musik, Stimmen, Gesten, Orte usw., mit denen wir Angenehmes oder auch Unangenehmes verbinden, meist ein Leben lang. Für den einzelnen Menschen bedeutet dies, daß weniger das Ding als solches per se „schön“ ist sondern zunächst einmal das mit dem Ding affizierte, also physisch oder biochemisch erlebte „schön“ sein muß, daß wir es als positive Empfindung überhaupt zulassen, ein Interesse dafür zeigen und es nicht bewußt ausfiltern. Haben wir einmal ein bestimmtes „Interesse“ für ein Ding oder eine Sache in uns geweckt (weil es mit positiven Erlebnissen oder Empfindungen verknüpft war/ist), folgt i.d.R.  meist eine weitere, auch geistige (Logos) Beschäftigung und Vertiefung mit dem Ding oder einer Sache, die uns das Wesen Stück für Stück durch Beschäftigung mit dem Ding oder der Sache näher bringt und damit auch automatisch den Grad an Vertrautheit steigert.

Aus der Suchtforschung wissen wir, daß „angenehme“ Zustände immer wieder von uns Menschen zur wiederholten Befriedigung angestrebt werden, jedoch unser Gehirn durch Wiederholung der (biochemischen) Reize oder Reizauslöser immer schwächer auf die gleichen Reize reagiert, so daß i.d.R. die Dosis gesteigert oder andere, potenzierende Reizkombinationen gewählt werden, um den gewünschten biochemischen Belohneffekt (Dopamin, Adrenalin, Serotonin etc.) auszulösen. Dies kann im Einzelnen ein Mehr, Schneller oder Höher bedeuten, solange wir uns dabei nicht irreversibel physisch schädigen. Hier ein Hinweis, daß das traditionelle Fasten und/ oder enthaltsame Leben durchweg Sinn machen, um sich als Mensch die schöne Welt der Sinnesreizungen nicht krankhaft, suchthaft, triebhaft zu verkleistern. Auf das Schöne muß also auch Enthaltsamkeit als das Fehlen von Schönheit folgen, um einer Abflachung und Inflation an Reizwirkungen auf langer Sicht entgegen zu wirken.

Aus dieser Perspektive können wir heute ganz gut verstehen, warum die Moderne den formal, plastisch wie künstlerisch weit überhöhten Stilsalat des Klassizismus und Eklektizismus durch ein nüchternes „less is more“ erlösen wollte, um wieder zu normalen, nicht dekadenten „Sinnesreizungen“ zu gelangen. Und wir können auch verstehen, daß der zunehmende Spartanismus des sogenannten Vulgärfunktionalismus in den 1960´er Jahren wieder in die farben- und formenfrohe Postmoderne oder in den konstruktionswilden Dekonstruktivismus geführt hat, die wiederum durch einen nüchternen Rationalismus abgelöst wurde usw. Sodann folgt auf das große Fressen und die Füllerei stets ein radikales Fasten und Abkotzen. Ob es dazwischen auch eine „normale“, sprich extremfreie Stimulation unserer Sinne gibt, wäre im Sinne einer kantischen Vernunft wünschenswert, aber wenig menschlich. Die Schönheit des „Normalen“ existiert freilich nicht ganz ohne solche Extreme, doch sie kann aus dem Blickpunkt der Ästhetik zu einer sehr fruchtbaren, sprich vernünftigen Basis werden, die sowohl die gestalerische Magersucht wie auch das oppulente, dekadente Fest als legitime Formen des Daseins erlauben würde. Aber bitteschön sollen die Extreme -wenn man sich etwas wünschen könnte- dann auch nicht mehr von den sogenannten Mediocren, sondern von den wenigen Genies, die jede Epoche an Köpfen hervorbringt, geschöpft werden, um das Extrem nicht wieder mit einer Inflation der Mittelmäßigkeit zu verwässern.

Aber auch hier kann man sicherlich anderer Meinung sein, wenn man von multikulturellen, pluralistischen Gesellschaftsmodellen ausgeht, die mehrheitlich keinem Mainstream (Konsens) verfolgen, sondern 5, 10 oder 20 gleichstarke, soziokulturelle Parallelgesellschaften bilden, die via Toleranz nebeneinander und miteinander existieren, so, wie es mehr schlecht als recht, weil z.T. extrem konflikt- und gewaltgeladen, derzeit über 200 verschiedene Nationen mit all ihren politischen, ethischen, ökonomischen oder religiösen Unterschieden versuchen. Wie auch immer man das Schöne (also die Kulturen) und seine vielfältigsten Erscheinungsweisen im globalen und lokalem Raum organisieren möchte, bleibt bei allen (schönen) Schöpfungen immer die Sinnfrage, die der industrialisierte Westen traditionell eher mit (technischer) Rationalität und (ökonomischer) Effizienz, der Osten eher mit (philosophischer wie religiöser) Klugkeit und Weisheit beantwortet. Natürlich ist dieses Bild zu grob und pauschal und bei weitem nicht vollständig. Die Organisation im Raum wird sowieso durch das globale, die Völker synchronisierende Internet und die nahezu unbegrenzten Reisemöglichkeiten zunehmend aufgelöst, wenn diese Technologie auch von allen Staaten als Standard ohne Einschränkungen (Zensuren, Kontrollen) zugelassen werden sollte. Und doch bleibt bei den Menschen trotz dieser gewaltigen Option auf globale Vielfalt immer auch die Frage oder vielmehr Sehnsucht nach Identität, Ursprung und Genesis. Man will regional oder/ und national leben, alte Traditionen und Ordnungssysteme pflegen und weiter entwickeln, anstatt sich international und multikulturell zu geben und die kulturellen Lösungen anderer Völker zu übernehmen. Dahinter steckt das Motiv der Sicherheit, der Unabhängigkeit, der Souverenität, des Stolzes und ein wenig auch des Selbstbewußtseins und der Selbstverliebtheit mit all den Konsequenzen der Ausgrenzung, der Sonderbehandlung, der sozialen Isolation, des kulturellen Zwangs, der Rückständigkeit usw..

Freilich muß man sich einmal bewußt werden, daß alle Völker in ihrer spezifischen Kultur allesamt bis zum heutigen Tag im Kampf ums Überleben sehr „erfolgreich“ gewesen sind! Andernfalls wären sie nicht mehr da. Und tatsächlich gibt es den Welthandel, das Tauschen von Gütern und Waren, aber auch von Kulturen, von Wissen, von Ideen schon seit vielen Tausend Jahren, daß selbst die sogenannten Nationalstaaten schon längst international „infiltriert“, ethisch durchmischt und kulturell bereichert sind. Und auch die letzten, von der Zivilisation noch unberührten Ureinwohner sind durch den gefräßigen wie rücksichtslosen Rohstoffabbau längst in die Zivilisation verdrängt worden, weil man ihnen die Grundlage ihrer Existenz, nämlich die intakte Natur als Lebensraum genommen hat. Wir kommen heute nicht umhin, zu akzeptieren, daß der globale Prozeß der Industrialisierung, der Demokratisierung und der Kapitalisierung, ein System, welches in England um 1750 gestartet war, bis heute nahezu alle Lebensbereiche und alle Kulturen berührt und durchdrungen hat. Überall auf der Erde gibt es das Wissen, die Technik und schließlich auch die Produkte, die dieses System in den letzten 250 Jahren geschaffen hat. Und mit diesem System gibt es auch eine systembedingte Vorstellung von dem „Schönen“, das mit dem ökonomisch getriebenen Kulturtransfer scheinbar die ganze Welt überspannt hat. Das Design und die Wertevorstellungen der neuen, fortschrittlichen, zivilisierten Welt ist spätestens mit den modernen Medien (Radio, TV, Internet, Werbung….) bis in das letzte Kinderzimmer vorgedrungen und weckt unaufhaltsam Begehrlichkeiten in der (meist mittel- und rechtelosen) Bevölkerung. Reichtum und Wohlstand sind evident mit der Vorstellung bzw. Demonstration des neuzeitlichen „Schönen“, angefangen vom Design der Coca Cola-Flasche bis hin zum Traum-Porsche oder Traum-Ferrari. Das, was teuer und selten ist, markiert hier die Referenz des Schönen und ist damit aber letztendlich ein Produkt der Industrie, der Ingenieure und Produktdesigner, nicht aber der Künstler! Das Schöne findet sich nun einmal mehr in industriell hergestellten Gegenständen anstatt in handwerklicher, origineller Kunstproduktion. Tatsächlich werden wir bereits schon in wenigen Jahren selbst zu Produktdesignern und Createuren des Schönen schlechthin, wenn die Techik der 3D-Drucker über das Internet verfügbar sein wird. Wen kümmert dann noch das „Gute Design“ oder der Stardesigner Lagerfeld, Bertone oder Colani, wenn jeder Mensch sein individuelles Design umsetzen kann? Und auch Architekten braucht es nicht mehr, wenn Architekturprogramme die autonome Konfiguration von x-beliebigen Bauvorhaben ermöglichen werden. Letztendlich ist die Welt der Artefakte durch die Materialien, die Physik und die Mathematik bzw. Geometrie relativ begrenzt, so daß es eine ideale Aufgabe des Computers sein wird, alle nur denklichen Formen und Konstruktionen hinsichtlich Funktion, Preis und Design durchzurechnen. All dies nur eine Frage von smarten Algorithmen und Rechenleistung, um Design oder das „Schöne“ mit der Maschine herstellen zu können. Und selbst Innovationen können mit entsprechenden Algorithmen generiert werden! Und immer wird das für „schön“ empfunden, was unsere Biochemie am heftigsten anregen bzw. stimulieren wird. Auch das kann man theoretisch messen und filtern, um für jeden Menschen ein individuelles Reiz- und Designspektrum zu erarbeiten. Und neben unserem genetischen Auto-Programm werden uns Neurologen und Psychologen irgendwann auch die Frage beantworten, wie und wo  umweltbedingte Sinnlichkeit und Reizbarkeit entwickelt, gesteuert und beeinflußt werden kann.

Damit rücken wir aber auch wahrscheinlich immer weiter von der Vorstellung einer universal bechreibbaren Schönheit (vgl. Renaissance) als vermeindliches Ideal weg, wenn Schönheit im weitesten Sinne allein vom individuellen Sinnesreizmuster des einzelnen Menschen abhängig ist. Und auch hier können wir bereits heute sagen, daß die stärksten Reize wohl im limbischen System (Emotionen und Trieb) ausgelöst werden. Der Drang nach Fortpflanzung, nach Sattheit, nach Wärme, Sicherheit und Schmerzfreiheit (Opiate) sind das eine, was das Schöne definieren wird. Das andere ist die Angst, die Furcht, der Schock, der Streß und die Aufregung … Adrenalin und bestimmte Hormone (Testosteron etc.), die uns genügend sinnliche, vielmehr biochemische Befriedigung durch kurzweilige Aufregung und extreme körperliche Streßsituationen (den Kick) bescheren. Alles andere und damit uns Menschen im wesentlichen voneinander Unterscheidende sind meist klangliche oder visuelle, aber auch haptische und olfaktorische „Verknüpfungen“ in Form von sinnlichen Assoziationen mit eben solch stark erlebten Emotionen, positive wie negative.

Hier kommen wir in das Reich der individuellen Psychologie (das Reich der Präferenzen) und verlassen die empirisch halbwegs gesicherte Welt des normativ als schön Empfundenen. Das Normative ist hier der sogenannte Klassiker, der von einer statistisch genügend großen Anzahl von Menschen übereinstimmend als schön empfunden wird. Nun aber müssen wir herausfinden, warum die einen Menschen auf Mozart, andere aber nicht auf Mozart sondern auf Chopin oder Rachmaninow abfahren, andere weder auf Bach, Mozart, Chopin noch Rachmaninow sondern auf Rammstein oder Motörhead abfahren usw.. Letztendlich gibt es in der Musik vielleicht 10 musiktheoretische Hauptströmungen, die sich vielleicht ganz grob in 100 bis 1.000 leicht unterscheidbare Spezialisierungen entwickelt haben, obwohl es rein kombinatorisch mehrere Millionen, vielleicht auch Milliarden sein könnten, wenn jeder Mensch seine ganz eigene Musikpräferenz entwickeln würde. Tatsächlich wird das Reich der Musik -u.a. aus marktwirtschaftlichen Gründen- auf überschaubare 100 bis 1.000 reduziert. Zum anderen dient Musik als soziales und kulturelles Kommunikationsmittel und soll dabei möglichst vielen Menschen ein gemeinsames (Sprach-) Erlebnis vermitteln, um babylonische Verhältnisse, also den Verlust von Gemeinschaft, zu vermeiden. Andere Musik kann nicht einzigartig genug sein, wenn Paare mit ihr beispielsweise die Verliebtheitsphase verbinden. Neben dem theoretisch Möglichen gibt es also noch einen soziokulturellen Grund für die selektierte bzw. eingeschränkte Definition des Schönen. Der soziokultutrelle Hintergrund hat u.a. etwas mit „Strategien“ zu tun, um in der meist hierarchisch gegliederten Gruppe erfolgreich zu sein. Da es hier -im sozialen Kontext- meist um Spielarten von Macht, Dominanz, Unterwürfigkeit, Autorität, Respekt etc. geht, wird das rein biochemisch generierte Vergnügen von Musik auf eine andere, eher symbolische oder rituelle Kommunikationsebene gehoben, die mit der Musik selbst nicht mehr direkt in einem Zusammenhang steht.

Ähnlich kompliziert oder komplex verhält es sich im Prinzip mit allen Künsten, auch der Architektur und dem Design. Das Primat des Schönen ist immer etwas anderes als die soziokulturelle Wertung und Verwertung bzw. Verwendung des Schönen zum Zwecke der gemeinschaftlichen Kommunikation, Identifikation und kollektiven Machtausübung oder Machtdemonstration. Und die soziokulturelle Definition -die zunehmend in westlich orientierten Ländern eine marktwirtschaftliche Diktion ist- muß nicht zwingend mit der individuellen Präferenz übereinstimmen, auch wenn sie auf die Geschmacksbildung i.d.R. einen relativ starken Einfluß ausübt. Der sogenannte “ Trend“ ist eine solch soziokulturell geprägte Wertvorstellung bzw. Definition des vermeindlich „Schönen“. Trends werden heute mehr denn je durch die zahlreichen (Werbe-) Medien abgebildet und sollen dabei auf die potentiellen Kunden oder Zielgruppen direkt wie indirekt „geschmacksbildend“ (also „prägend“) einwirken. Hier bestimmt allein der Markt (also die Hersteller, die Bauindustrie, die Immobilienwirtschaft wie auch alle Bau- und Architekturverlage, Printmedien etc. ), was zur Zeit „aktuell“, schick und trendy zu sein hat.

Mit der (werbenden) Abbildung aktueller Trends läßt sich jedoch das eigentliche Spektrum des Schönen nur sehr fragmentarisch und zudem nur einseitig projezieren, zumal der Fokus i.d.R. sehr stark auf (meist fragwürdige) Produktinnovationen gerichtet ist. Das „Neue“ oder „Innovative“ allein ist kein Garant für ästhetische Qualität! Hier beruht die Reizbefriedigung allein auf soziokulturellen Zwängen („In“, „en vogue“ oder „aktuell“ zu sein/ sein zu müssen, um von der Gruppe nicht ausgeschlossen zu werden) oder dem Motiv, alles Neue „besitzen“ oder konsumieren zu müssen (Materialismus, Kaufsucht etc.). Wenn alle anderen mit einem Handy oder i-phone rumlaufen, muß man auch ein i-phone besitzen (Gruppenzwang etc.). Um nun aber zu kulturell anspruchsvollen wie kulturell bedeutsamen Artefakten zu kommen, die hohe funktionale Eigenschaften mit fortschrittlicher Technik und zeitloser Ästhetik verbinden, bedarf es einer ganz anderen Meisterschaft, die sich jenseits der profitorientierten Ökonomie und des Marktwettbewerbes, vor allem jenseits der aktuellen Kultur und dem Konsumverhalten bewegt. Das Schaffen von Ästhetik ist mit monetärer Kalkulation im Hintergrund nicht möglich! Der monetäre Wert stellt sich bestenfalls im nachhinein ein. So etwa wären kulturell so bedeutende Gebäude wie der Kölner Dom oder auch die Oper von Sidney, vielleicht auch die neue Elbphilharmonie in Hamburg mit einer überwiegend ökonomischen Haltung vielleicht niemals gebaut worden.

Blenden wir nun aktuelle -wie auch historische- Kulturdefinitionen wie auch ökomomische Bewertungsfaktoren im Schaffen und Wirken des Schönen aus (also alle „erlernten“ Bewertungsfaktoren), bleibt in der stofflichen, materiellen Welt ein starker Zusammenhang zwischen den Sinnesapparaten und dem Gehirn, vielmehr seiner biochemischen Verwertung der Sinnesreize, die wir mit etwas für uns Positivem wie Angenehmen verbinden. So etwa ist der vermeindliche Gestank von Fekalien oder die dreckige Pfütze zunächst einmal etwas kulturell erlerntes, wenn beispielsweise Babys und Kleinkinder ohne soziokulturelles, ästhetisches Bewußtsein olfaktorisch oder aus hygienischen Gründen überhaupt kein Problem mit den Ausscheidungen haben (wie übrigens die wenigsten Tiere auch, da sie mit und über die Duftstoffe in den Ausscheidungen miteinander kommunizieren!) und Kinder beim Sprung in die Pfütze enormen Gaudi verspüren. So gibt es bestimmte stoffliche Eigenschaften, die uns Menschen beim Tasten, Riechen und Sehen einfach Spaß und Freude machen. Dazu zählen etwa samtweiche bis schlammig weiche, plastische oder zähplastische Materialien (Samt, weiche Wolle, formbare Tonerde, zähflüssiger Gips oder pastöse Spachtelmasse, Quark, Gele, Salben etc.), handwarme Stoffe mit Temperaturen zwischen 20° bis 40° Celsius, helle, gelbe bis rot-orangefarbene wie auch blutrote Warm-Farben (Feuer, Sonne, Früchte, Blut, Fleisch etc.) mit einer Farbtemperatur von etwa 1500 bis 3500 Kelvin, ferner weiche, runde Formen (analog zu den eigenen Körperformen, Gliedmaßen, Verlauf natürliche Landschaften) wie auch lichtreflektierende Oberflächen (Spiegelungen, Funkeln etc.). Olfaktorisch stehen wir überwiegend auf süße, nichtbeißende, ätherische Düfte wie auch auf Lösungsmittel, Lacke, Terpentin oder Benzin (aromatische Benzole/ Kohlenwasserstoffe, die toxisch wirken und ein Gefühl von Euphorie auslösen können), auf frischgemähtes Gras, Heu oder süßlich riechende Holzspäne usw. Im dynamischen Sehbereich begeistern wir uns für Farbverläufe, unerwartet schnelle wie langsame Wechsel von Hell und Dunkel, Änderungen im Kontrast und der Schärfe (Zoom, Weichblende, Gasflimmern) sowie für nicht nachvollziehbare, fließende Bewegungen (Wasserfall, Welle, Film) mit einer Bildfrequenz von mehr als 60-65 Hertz (flimmerfrei bei ca. 80 Hz). All das sind wahrnehmbare Eigenschaften unserer stofflichen Umwelt, auf die sich unsere Sinnesorgane und das Gehirn (menschenspezifisch) über einen sehr langen Entwicklungszeitraum spezialisiert bzw. ideal eingestellt haben.

Andere sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften, die scheinbar zum Leben und Überleben in der Entwicklungsphase der Menschheit weniger wichtig erscheinen,  können wir hingegen nicht, nicht mehr oder nur noch kaum wahrnehmen, obwohl sie stofflich, vielmehr physikalisch existieren.  Unser Wahrnehmungsspektrum ist durch Spezialisierung relativ beschränkt und evolutionär bedingt ideal auf unser Leben abgestimmt. Folglich können auch ästhetische Maßstäbe nur innerhalb dieses sinnlichen Wahrnehmungsspektrums für uns Menschen eine Bedeutung haben, wenn man von den intellektuellen Leistungen unseres ästhetischen Bewußtseins einmal absieht. Im optischen Bereich sei noch zu erwähnen, daß hier die kaum 30 jährige Entwicklung im Film, Fernsehen, Internet und der Computerspiele mit Einführung der schnell geschnitten Musikvideos aus den 1980´er Jahren zu einer gravierenden Veränderung der Wahrnehmung geführt hat. Kontrollierbare Bildfolgen (etwa das langsame Szenenbild in einem Derick) werden hierbei durch eine explosionsartige Flut von schnell abfolgenden wie unterschiedlichsten Bildern abgelöst, wodurch eine Art visueller Flash entsteht (Chaos, Irritation, Hektik, Adenalinaustoß usw.) und gleichzeitig die kognitive Verarbeitungstiefe (also das Nachdenken über das gezeigte Bild) abflacht, während die sensorische Reaktionsempfindlichkeit (z.B. durch schnelle, automatisierte Reflexe an der Spielkonsole oder dem Joystick) ansteigt. Schnelle Bilder werden dabei auch unterbewußt wahrgenommen (unbewußte Bildmanipulation), entziehen sich aber komplett unserem aufmerksamen Blick bzw. unserem kontrollierten Bewußtsein. Den gleichen Effekt kann man übrigens auch mit hochfrequenter Musik jenseits der 200 Hz erzielen, wenn die Tonfolgen wie auch der Takt oder Rhytmus akustisch nicht mehr klar voneinander getrennt bzw. bestimmt werden können. Hier kommt es dann zu seltsamen Klang- und Tonüberlagerungen oder/ und Verzerrungen, die wiederum in der Reizverarbeitung Chaos, Irritation, Hektik, Adrenalin etc. auslösen. Optik und Akustik folgt hier dem Prinzip des Schwindels, also dem Verlust der stabilen Ortung und des Gleichgewichtes im Raum, wenn das sensorische Messen und die neuronale Reizverarbeitung dem Tempo der Reizimpilse nicht mehr folgen kann.

Ganz unabhängig von der oben beschriebenen Physik der Sinneswahrnehmung gibt es in der Ästhetik ein weiteres Phänomen, was bemerkenswert erscheint: offensichtlich gibt es bei der Bewertung des Schönen einen direkten Zusammenhang mit dem Vorhandensein des Unschönen oder weniger Schönen. Um die Wirkung des Schönen zu steigern, braucht es den Kontrast zum Unschönen. Wenn alles gleichermaßen schön oder angenehm ist, verliert die Schönheit ihren Glanz, ihre Bedeutung. Damit rückt die Schönheit ins Relative zur Umgebung (auch zum großen Speicher des Erlebten) und entzieht sich zunehmend einer exakten Meßbarkeit. Der Kontext, und wir gehen einmal davon aus, daß der Kontext nur in der Abstraktion ausgeblendet werden kann, ist jedoch etwas sehr komplexes und zudem einmaliges, stets das Schöne (oder Wahrgenommene) zu jeder Zeit umgebende. Und das Schöne wird dabei umgeben von Licht, Farbe, Materie, Klang, Duft, Raum und allen kognitiv dazu individuell assoziierten Bildern, Stimmungen wie auch Emotionen. Wie also kann unter Berücksichtigung des variierenden Kontextes (also die Summe von äußeren Umweltreizen und individuellen, mentalen Rekonstruktionen) eine klare Definition des Schönen überhaupt zustande kommen? Wenn alles um uns herum gleichermaßen schön und perfekt ist, werden wir darin sehr wahrscheinlich keine Schönheit mehr, vielmehr eine Gewohnheit, also eine Trivialität oder Banalität erkennen. Und das Vortreffliche wird an Wert und Schönheit gewinnen, je gestaltloser (oder auch häßlicher) der Kontext ist. Auch hierfür gibt es eine empirisch, vielmehr statistisch zu ermittelnde Zahl, die das rechte Verhältnis vom Schönen zum Unschönen beschreibt, damit es (für uns Menschen) seine ideale oder maximale Wirkung zeigt (oder auch verliert). Ein vortrefflicher Solitär braucht, um zur rechten Wirkung zu gelangen, das 10- bis 100- fache, besser noch 1000-fache an einfacher Gestalt als unmittelbaren Kontext, um in seiner Andersartigkeit und Schönheit als wertvoll erachtet zu werden. Je mehr Dunkelheit, desto strahlender die Leuchte. Je mehr Appetit, desto schmackhafter das Gericht. Je kälter der Winter, desto angenehmer der wärmende Ofen. je mehr Grau in Grau, desto leuchtender der Farbkleks usw. Da wir Menschen zusätzlich dazu neigen, immer das zu begehren, was wir gerade nicht oder noch nicht genug haben (Sehnsucht, Neid, Gier, Habsucht, Langeweile etc.), sind die sensorischen Kontraste im Leben um so bedeutsamer für uns Menschen. Hier arbeiten Künstler (wie auch Musiker, Schriftsteller, Filmemacher, Werbefachleute) u.a. bewußt mit dem Mittel des „Akzent“, der aus der schönen oder auch häßlichen, aber auf die Dauer langweilenden Gleichmäßigkeit (Monotonie) von irgendetwas plötzlich eine reizvolle Spannung erzeugt, die sich im Prinzip Vorder- und Hintergrund quasi selbst in seiner Wirkung potenziert. Das Merkmal der Andersartigkeit, also alles außerhalb des Gewöhnlichen oder Normalen, erhält naturgemäß von uns Menschen viel Aufmerksamkeit, um auf mögliche Veränderungen (im ungünstigsten Falle eine lebensbedrohliche Gefahr) rechtzeitig reagieren zu können. In der Summe potenzieren sich wiederum der bildhafte Kontrast (Vorder- Hintergrund-Prinzip) und die bildhafte Andersartigkeit bzw. unbekannte „Neuigkeit“, die uns per se neugierig macht. Wenn man auf die Dächer von Florenz schaut, wirkt der gleichmäßige, fast monotone Hintergrund der roten Ziegeldächer relativ banal (wenngleich sich unter den Dächern einige der schönsten Renaissancebauten verbergen). Erst der Turm vom Palazzo Vecchio und die Domkuppel mit dem Campanile di Giotto der Kathedrale Santa Maria del Fiore bringen eine ästhetische Spannung in das rote Ziegelmeer. Zum einen ist es der dreifarbige (Ziegelrot, Anthrazit, Weiß) Marmor der Fassade, der die roten Dachlandschaften optisch durch ein relativ monochromes wie grobmaßstäbliches Schwarz-Weiß-Muster bricht. Zum anderen ist es die Vertikale der beiden Türme, die wie ein Fingerzeig aus dem roten Ziegelmeer emporsteigen. Und schließlich die schöne Form der großen Kuppel (die wiederum mit rotem Ziegel eingedeckt ist) und den beiden Campanile, die mit ihrer vertikalen Frontalität so garnichts mit den eher horizontalen, feingliedrigen Dachlandschaften bzw. üblichen Gebäudeabschlüssen der umliegenden Gebäude gemein haben. Anders als die große Domkuppel von Brunelleschi hebt sich aber die weitaus kleinere, jedoch in Kupfer eingefaßte Kuppel der Großen Synagoge, die keine 600 Meter weiter östlich vom Dom steht, im Rot-Grün-Farbkontrast wesentlich deutlicher vom roten Ziegelmeer ab und bildet optisch einen mindestens gleich starken Akzent wie der fast 3 mal so große Dom, obwohl die Synagoge kaum größer ist als das Vierungsquadrat des Domes!

Kurzum: es muß im Gesamtkontext nicht alles ästhetisch ausgetüffelt sein, vielmehr muß es zu dem Besonderen ein rechtes Verhältnis aufweisen, damit wir es als schönes Bild erkennen. Viele gothische Kathedralen haben hier beispielsweise ein ästhetisches Problem, da nahezu alle Bauteile und Fassadenteile nahezu mit dem gleichen Detaillierungsgrad an kunstvollem Maßwerk ausgeschmückt sind, so daß eine optische Differenzierung für das Auge kaum möglich ist. Zu viel Gestaltung verliert das so wichtige Mittel der ästhetischen Potenzierung durch bewußte Akzentuierung, Strukturierung und Gliederung. Das bombastische Feuerwerk taugt nicht für den langen, ruhigen Blick.

 

evaluation von architektur

Donnerstag, April 25th, 2013

evaluation von architektur : anders, als bei anderen Artefakten, Maschinen oder Werkzeugen besitzen Architekten und Bauherren immer noch keine verläßlichen, allgemein anerkanntzen bzw. gültigen Kriterien zur Bewertung von Architektur. Jedes Gebäude oder städtebauliche Lösung wird in der Regel nach vorangegangenem Wettbewerb nach mehreren Kriterien von einer meist mehrköpfigen Fachpreisjury mit einer „Empfehlung“ beurteilt. Hierbei sind die Grundkriterien u.a. die städtebauliche Einfügung (Kontext), die Lösung funktionaler wie auch technischer, konstruktiver und statischer Zusammenhänge (Funktion + Konstruktion) sowie die baukörperliche Lösung innerhalb der sich über das Material darstellenden Form (Form). Schließlich eine wirtschaftliche und ökologische Bewertung (Langlebigkeit, Energiebedarf, Recycelbarkeit u.a.), u.a. auch der Erschließungsaufwand (Verhältnis Nutzfläche : Erschließungsfläche) wie auch die Baubarkeit bzw. der Bauaufwand innerhalb eines bestimmten Zeitfensters beurteilt werden. In der Summe der zahlreichen Bewertungsaspekte liegt es neben der sogenannten Sachpreisjury (mit Laien besetzt) dann am Architekten oder Ingenieur, eine bauliche bzw. architektonische Lösung als hervorragend, gut oder unbefriedigend zu bewerten.

Da Architektur bekanntlich mehr ist als die rein konstruktive, statische oder wirtschaftliche Raumlösung für eine bestimmte Funktion (Bauaufgabe), müssen zur Evaluation von Architektur andere Kriterien herangezogen werden, die weit über die üblichen Kriterien (ein vernünftiges Gebäude zu erstellen) hinausgehen. Auch solltem diese „architektonischen“ Bewertungen vorranig einen höheren Stellenwert als die bis dato üblichen Bewertungen erhalten, um tatsächlich gute Architekturen herausarbeiten und fördern zu können.

Hierbei machen wir versuchsweise den Vorschlag, bestimmte ( nämlich hauptsächlich ästhetisch relevante) Kriterien hinsichtlich ihrer Komplexität miteinander zu vergleichen bzw. zu addieren, um aus der Summe mehrere Einzelbewertungen einen durchschnittlichen Bewertungsfaktor für die Gesamtkomplexität der Architektur oder eines Gebäudes zu erhalten. Komplexität ist hier das Maß, an dem sich Artefakte  u.a. auch bzw. vor allem in ästhetischer Sicht messen müssen. Eine hohe Komplexität setzt voraus, daß nicht nur die Anzahl von einzelnen Gestaltungsaspekten zunimmt, sondern diese auch in ihrer wechselseitigen Beziehung optimal aufeinander abgestimmt sind und auf komplexe Weise sich fügen.

  1. Komplexität des Grundrisses
  2. Komplexität der Funktionen
  3. Komplexität des Raumes, Raumprofiles
  4. Komplexität der äußeren Form, Kubatur und Ansichten
  5. Komplexität des Tragwerkes
  6. Komplexität von Material und Licht

Beispiel Form und Grundriss: ein Kreis hat einen Faktor von 0.5, eine ovale Form den Faktor 0.6, ein Dreieck den Faktor 0.7, ein Achteck den Faktor 0.8, ein Quadrat den Faktor 0.9, ein Rechteck den Faktor 1.0, ein Parallelogramm den Faktor 1.1 usw. Hierbei werden die geometrischen Bedingungen und Beziehungen der einzelnen Linien bzw. Formen bzw. deren gesamte Komplexität (Anzahl der Linien, deren Schnittpunkte, deren Winkelbeziehungen, Symmetrie etc.) beurteilt. Schließlich kann die Komplexität auch noch durch die Anzahl (numera) und Art mehrerer zusammenwirkender Formen bestimmt werden. Zwei Kreise haben eine höhere Komplexität als ein Kreis. Zwei unterschiedlich große Kreise haben eine höhere Komplexität als zwei gleichgroße Kreise usw. Ein Kreis und ein Quadrat haben eine höhere Komplexität als zwei Kreise. Ein Dreieck, Quadrat und Kreis haben eine niedrigere Komplexität als ein Dreieck, Quadrat und Oval usw. Auch die Entfernung und Position der einzelnen Formen, Figuren bzw. Elemente kann neben der Anzahl und Art (Typus) die Komplexität bestimmen. Zwei Quadrate, deren Oberkante auf einer gemeinsamen Linie liegen, sind als Gesamtkomposition weniger komplex als eine parallele, aber in beiden Achsen versetzte Anordnung wie auch zwei parallele Quadrate eine geringere Komplexität aufweisen als zwei zueinander verdrehte Quadrate, deren Symmetrieachsen also einen nicht orthogonalen Winkel bilden usw. Ferner kann auch durch den Takt und Rhythmus mehrerer Elemente die Komplexität verändert werden. Da das menschliche Auge bzw. Gehirn ab einer Anzahl von zirka 3 bus 5 die einzelnen Elemente nur noch als Gruppenform erfassen kann (es gibt auch Ausnahmen), werden alle Reihungen bzw. Wiederholungen mit mehr als 3 bis 5 Elementen nur noch mit einer einfachen „Gruppem“-Komplexität bewertet, wobei 7 Quadrate nicht mehr oder weniger komplex sind als 9 oder 11 Quadrate. Eine gleichmäßige (vom betrachter visuell schnell zu erfassende) Anordnung ( z.B. Raster, Linie etc.) ist weniger komplex als eine ungleichmäßige Anordnung. Ein Takt von 1-1-1 ist weniger komplex als ein alternierender Takt von 1-2-1 oder 1-1-2-1-1 usw.

Um eine solch vergleichende Bewertung einfacher Ordnungsstrukturen und einfacher geometrischer Formen bzw. Figuren hinsichtlich ihrer Komplexität vorzunehmen, muß man sich zunächst sehr intensiv mit den einzelnen Formen, Elementen und Figuren beschäftigen: dies kann zunächst im „Selbstversuch“ sehr subjektiv -von Zeit zu Zeit auch unterschiedlich!- sein, später aber durch mehr oder weniger wissenschaftliche Vergleiche mit Beobachtungen bzw. Bewertungen anderer Personen zu vielleicht ähnlichen, sich widerholenden Aussagen und Bewertungen, sprich Ergebnnissen führen. Auch statistische Verfahren können hierbei helfen, eine halbwegs verlässliche Aussage über die zunächst einmal ganz subjektiv empfundene Komplexität von Geometrien zu erhalten. Freilich stecken wir hier in der Wahrnehmungspsychologie immer noch in den Kinderschuhen, was die Bewertung von Formen, Farben, Mustern, Strukturen und deren komplexes Zusammenwirken betrifft.  Auch unterschiedliche Kulturkreise, Umweltbedingungen und sonstige Unterscheidungen (Mann, Frau, Kind, Erwachsener, Bildungsgrad etc.) könnten vielleicht einen Einfluss auf unterschiedliche Bewertungsergebnisse liefern. Da wir als Gestalter und Architekten wegen fehlender wissenschaftlicher Ergebnisse hier jedoch keine Wahl haben, müssen wir nolens volens hypothetisch vorgehen und uns unsere eigene Berwertungsmatrix schaffen, um den Gesetzen des Sehens, Wahrnehmens und Empfindens irgendwie näher zu kommen. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es zu diesem relativ unscharfen Erkenntnismodell leider keine Alternative. Doch weiter:

Ein gewöhnlicher rechteckiger Raum erhält in der Grundrissbewertung also 1 Punkt, während ein kreisförmiger Raum nur mit 0.5 bewertet wird. Wird nun der rechteckige Grundriss noch mit additiven und subtraktiven Elementen (Kreis, Oval, Dreieck, Rechteck, freie Form) erweitert bzw. verjüngt (Vor- und Rücksprünge), erhöht sich damit auch die Komplexität des Grundrisses, da jede Aus- bzw. Einbuchtung (z.B. eine Loggia, ein Erker, ein Atrium), jede Richtungsänderung (ein spitzer oder flacher Winkel, eine bogenförmige oder geschwungene Wand etc.) wie auch jede Änderung der Raumgröße (schmaler Gang, große Halle, kleiner Raum etc.) zugleich auch eine zusätzliche Zonierung bzw. Gliederung des Raumes bewirkt, die den Raum also mit zusätzlichen Informationen und Bedeutungen ausstattet.

Der Grundriss einer Kirche (Basilika) beispielsweise könnte ein einfaches Rechteck mit 1 Punkt sein. Da aber nun noch das Seitenschiff (1 Punkt), im dritten Viertel ein Querhaus (1 Punkt) und am letzten Viertel ein Chor (1 Punkt) angehängt wird und sich im Kreuzungspunkt von Haupt- und Nebenschiff ein erhöhtes Vierungsquadrat (1 Punkt) ergibt und auch der Eingang noch durch einen subtraktiven Einschnitt (1 Punkt) herausgearbeitet wird, erhöht sich die Komplexität des Grundrisses von 1 Punkt auf 5 Punkte. Erhalten die beiden Seitenschiffe nun noch ein zusätzliches Seitenschiff (wie bei einer 5-schiffigen Basilika, 1 Punkt) und der Chor zusätzliche Apsiden (1 Punkt), hat der Grundriss gegenüber einem normalen Quadrat (0.8) bereits eine Komplexität von 7 Punkten. Genauso verfahren wir dann in der Beurteilung der Schnitte (vertikaler Raum, z.B. niedriges Seitenschiff, hohes Mittelschiff, noch höhere Kuppel über Vierung etc.) und der Ansichten (z.B. niedrige Wand Seitenschiff mit/ohne Apsiden, Dach Seitenschiff, verglaster/ unverglaster Obergarden Wand Mittelschiff, Dach Mittelschiff, überhöhter Kuppelaufbau über Vierung, ggfs. Laternenabschluß): je stärker der Grundriss, der (vertikale) Innenraum und die Ansichten gegliedert sind, desto höher ist seine Gesamtkomplexität. Im Falle der gotischen Kirchen käme noch das raumwirkende, meist hochkomplexe Werk der Strebepfeiler hinzu, die u.a. die Seitenschiffe konstruktiv mit dem Hauptschiff verbinden oder aus der Rosette über dem Eingang eine 3-dimensional gegliederte, selbstrragende Konstruktion machen (im Vergleich zu einem flachen, kreisförmigen Scheibenfenster: zusätzliche Gliederung des kreisförmigen Fensters in Kreissegmente: 1 Punkt. Zusätzliche Tiefenwirkung (1 Punk) durch das asymmetrisch (1 Punkt) profilierte Maßwerk: 2 Punkt).

Beispiel Konstruktion: Massive Wand: 1 Punkt. Mit Öffnungen gegliederte Wand: 2 Punkte. Wand mit Strebepfeilern/ Pfeilern: 2 Punkte. Wand als Curtain-Wall (Glas, Stütze im Innenraum): 2 Punkte. Massive Flachdecke oder Dach: 1 Punkt. Decke oder Dach mit massiven Unterzügen oder sichtbaren Sparren: 2 Punkte. Decke oder Dach mit sichtbarem Fachwerkbinder: 3 Punkte. Decke oder Dach als räumliches, mehrschichtiges Fachwerk: 4 Punkte. Materialgefüge: Ausführung eines Fachwerkträgers mit Ober- Untergurt und Streben mit nur einem Material und nur einem Profilquerschnitt: 1 Punkt. Differenzierung zwichen Obergurt, Untergurt und Streben durch 3 unterschiedliche Materialien mit zusätzlich unterschiedlichem Profil: 6 Punkte.

Beispiel Licht: gleichmäßige Ausleuchtung des Raumes: 1 Punkt. Zonierte Ausleuchtung des Raumes mit unterschiedlichen Helligkeits- und Farbwerten: 2 Punkte. Zonierte Ausleuchtung mit Akzenten: 3 Punkte usw., ferner bewußte Lichtlenkung des Tageslichtes (Schattenwurf, Ausleuchtung): 2 Punkte. Dynamische Lichtquellen: 1 Punkt. Farblich aufeinander abgestimmte Lichtquellen. 1 Punkt. Blendfreie Lichtquellen. 1 Punkt usw.

Beispiel Material + Farbe: einfarbig, homogenes Material: 1 Punkt. Zweifarbigkeit, gegliedertes bzw. strukturiertes Material: 2 Punkte. Mehrfarbigkeit, 2-3 Materialien, plastisch stark gegliederte Struktur: 3 Punkte usw. Die Komplexität der materialien kann auch hier noch viel feiner und tiefer differenziert werden.

Es wird klar, daß mit zunehmender Differenzierung und Gliederung der einzelnen Bauteile auch der ästhetische wie gestalterische Anspruch steigt, daß alle einzelnen Faktoren (isolierte Betrachtung) auch wieder „zusammen“ ein ästhetisch ansprechendes, in sich stimmiges Bild abgeben. Aus der bloßen Addition von stark differenzierten oder gegliederten Einzelbauteilen mit hoher Komplexität (hohe Punktzahl) ergibt sich aber nicht automatisch auch eine hohe Gesamtkomplexität der zu bewertenden Architektur. So etwa sollten rechnerisch die einmalige „Gesamtbewertung“ ca. 50% der Endbewertung ausmachen, während die zahlreichen Einzelbewertungen mit zunehmender Bearbeitungstiefe ebenfalls nur maximal 50% Anteil an der Gesamtbewertung ausmachen. Hiermit können falsche Annahmen bei der Einzelbewertung wie auch bei der Gesamtbewertung ggfs. ausgeglichen werden. Im Idealfall enstpricht die subjektive, mit seinen Präferenzen stärker auf das Individuum ausgerichtete Gesamtbewertung der Sunmme aller annähernd objektiv ermittelten Teilbewertungen. Hiemit wird der Erfahrung, daß das Ganze mehr (oder zumindest anders) ist als die Summe seiner Teile, Rechnung geschuldet. Erst, wenn uns die Neurologen und Psychologen einen Schlüssel für das System der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung unserer Umwelt liefern (wovon wir derzeit nicht ausgehen, daß dies in absehbarer Zeit gelingen mag), ließen sich dann für die unterschiedlichen Subjekte vielleicht auch maßgeschneiderte Komplexitätsmodelle aus dem Bereich der Architektur entwickeln und anwenden. Da aber die Umweltbedingungen, der zeitliche Kontext und damit auch die ästhetischen Bewertungssysteme so vielschichtig und einzigartig sind, glauben wir nicht an allgemeingültige Rechenverfahren mit absoluten, universalen Ergebnissen. Da das Gehirn keine statische Sache ist und sich neuronale Netzwerke und deren Strukturen mit der Entwicklungszeit sowie jeder auf das Gehirn neu einfließenden Information ändern können, bräuchte man zudem ein dynamisches Rechenmodell, welches aus dem Reich der unendlich vielen Möglichkeiten und Varianten relativ wahrscheinliche Aussagen für x-beliebige Zeitpunkte von Entwicklungsszenarien träfe. Das käme einer Berechnung der Welt auf Grundlage kausaler (wissenschaftlicher) Zusammenhänge gleich, mit der alles Vorangegangene exakt rekonstruiert und alles Zukünftige exakt vorausgesagt werden könnte. Relativ unwahrscheinlich wie auch sinnlos! Also beschränken wir uns auf das, was wir bereits über die Mathematik, die Physik und die Chemie zu wissen glauben und wie das Stoffliche auf unterschiedliche Art und Weise auf uns Menschen wirkt oder wirken kann (Psychologie, Medizin, Biologie). Ein weiterer Faktor ist der (quantitativ wie qualitativ) große Unterschied zwischen dem naturwissenschaftlich Möglichen und dem widernaturwissenschaftlich Denkbarem! Unser Gehirn kann Dinge konstruieren (Phantasie, Traum etc.), die es so in der molekularen Welt nicht geben kann (existieren kann), etwa, wenn sie sich vorstellen, ein Quantenflossler zu sein, der vor Millionen Jahren einmal gelebt hat oder sie eine Kugel aus Gold sind, die von der Erde in 1 Sekunde auf den Mond reist. Fiktive Konstruktionen, die physikalische, mathematische oder chemische Gesetzmäßigkeiten brechen und dann auch noch mit irregulären Zeitverschiebungen arbeiten, wirken wohl auf unser Bewußtsein (z.B. Traumarbeit), sind aber nicht wissenschaftlich berechenbar noch voraussagbar. Dieses Paradox, daß das Mögliche (also unser Gehirn) etwas Unmögliches denken kann, was auch noch auf das Mögliche (also unseren Körper) wirkt, ist frei von jeder wissenschaftlichen Determination. Jeder Roman, jeder Film, jedes Theater- oder auch Musikstück und auch jedes künstlerische Bild wie auch jedes Werbebild arbeitet in seiner Wirkungsweise mit der Möglichkeit der „regellosen“ Konstruktion (Phantasie) in unseren Gehirnen. Was genau in unseren Köpfen passiert, kann man zwar mit EEG und MRT messen (sichtbar machen), aber nicht bewerten noch voraussagen. So bräuchten wir in der Architektur Million von Untersuchungen, wie welche Farben, Formen, Materialien und Konstruktionen in unterschiedlichsten Kombinationen und unterschiedlichsten Situationen auf uns Menschen wirken, um ggfs. aus diesen Erkenntnissen eine gestalterische Regel im Sinne des Normativen ableiten zu können. Macht das Sinn?

Das Beispiel der Gotik macht deutlich, wie schwierig es ist, für sich hochkomplexe Bauteillösungen zu einem überzeugenden Ganzen zu fügen (Beispiel Kölner Dom vs. Mailänder Dom). Jede Bauaufgabe bzw. Funktion hat demnach eine dazu passende Form und Materialität, die nicht einfach auf andere Bauwerke übertragen werden kann. Dennoch hilft die kategorisierte Bewertung bei der Gesamtbetrachtung. So etwa macht es keinen Sinn, eine extrem leichte, aerodynamische Karosse zu bauen, wenn der Motor nur 10 PS hat oder die Bremsen und Reifen nur bis 100km/h taugen. Auch hier, bei der (zeit- und raumgebundenen) Bewertung von Architektur, ist letztendlich die Gesamtperformance der Komplexität ausschlaggebend, ob es sich um vorbildliche, mittelmäßige oder schlechte Architektur handelt.

Ein anderes Problem ist zweifelsfrei, daß wir Menschen sowohl komplexe wie auch weniger komplexe Zusammenhänge, Artefakte, Werkzeuge, Maschinen, Bilder, Literatur oder Musik mögen. Wir denken, daß das „Besondere“ wie auch schöne nur durch das „Unbedeutende“ bzw. Banale oder auch Häßliche von uns Menschen wahrgenommen wird: das „Besondere“ (in diesem Fall hochkomplexe Lösungen) wird manchmal auch schon durch die Anzahl bzw. Vervielfältigung in seiner ästhetischen Wirkung eleminiert, da es dem Schönen und Besonderem im Bewußtsein des Betrachters an vergleichbarem Häßlichem und Bedeutungslosem mangelt. Was wäre das Empire State Building, wenn es davon noch ein paar weitere an gleicher Stelle oder benachbarten Orten gäbe? Auch die Originalität und Einzigartigkeit ist -spätestens nach der Reprokunst von Andy Warhol-  ein wichtiger Faktor. Jeden Tag Hummer und Kaviar essen kann auf Dauer auch ganz schön langweilig und abgeschmackt sein, so wie auch tägliche Kartoffelspeisen unsere Sinne auf Dauer nur wenig befriedigen. Dennoch kann man sich die Mühe machen, Objekte, Artefakte und auch Architekturen einmal mathematisch zu evaluieren (auch nur eine Zahl von vielen), um hiermit ein vielleicht hilfreiches, professionelles Werkzeug im Umgang mit der meist subjektiven Bewertung von Architektur zu bekommen. Die Schnittstelle zwischen mathematisch evidenter Komplexität (Ratio) und letztendlich ausschlaggebendem subjektivem Empfinden (individuelle Psyche, ein undefiniertes wie schwankendes Mischmasch aus Erfahrung, Wissen, Ahnung, Glaube und Gefühl) mag weder rational noch irrational lösbar sein, wohl aber bilden beide Pole das grundlegende Bewußtsein für unsere menschliche Existenz. Ein Blick oder Horchen in die Musik mag hierbei hilfreich sein, denn auch hier hat es in der Zeit „hörbare“ Entwicklungen hinsichtlich der Komplexitätssteigerung und effektvollen Sinnesreizung von Kompositionen und Spielarten gegeben, wenn Rhythmus, Takt, Modulation, Moll-Dur, Disharmonien, Dodekaphonie oder einfach nur neue Instrumente im Jazz oder der Klassik über ein simples wenn auch berührendes „Allemeineentchen“ weit hinausgewachsen sind.

Die Natur ist freilch immer noch Meister im Herstellen komplexer Mechanismen oder Organismen. Das komplexe, nahezu chaotische, statisch hochgradig unbestimmte Tragwerk eines Baumes mit seinen vielen unterschiedlich langen, dicken und schrägen Ästen und Zweigen ist beispielsweise wesentlich komplexer als eine symmetrisch konstruierte Baumstütze aus Stahl, auch wenn es formale Ähnlichkeiten gibt. Jeder Ast und jeder Zweig ist én Detail genau so dimensioniert und ausgerichtet, daß im sich ständig änderndem Gesamtsystem (Wurzel, Stamm, Äste, Zweige, Blätter) eine maximal große Blattkrone auf die ständig wechselnden Witterungsverhältnisse -insbesondere den Wind- reagieren kann. Die stählerne, relativ unflexible Baumstütze  hingegen ist auf eine überdimensionierte Maximallast (Dachlast, Windlast, Sicherheitswert etc.) berechnet worden und damit im Vergleich zum Baum permanent um ein Vielfaches überdimensioniert, was aus ästhetischer Sicht schnell zu einer ungünstigen Verzerrung von ästhetisch empfundenen (Natur-) Proportionen führt. Sie kann sich den ändernden Lastfällen nicht anpassen. Darum ist (bisher) jeder lebende Organismus grundsätzlich allen bisher nur möglichen, technisch konstruierten Konkurrenz-Artefakten stets überlegen, auch wenn mit zunehmender Anzahl an Sensoren unsere Maschinen immer flexibler und reaktionstüchtiger werden (Vergleich: Netzwerk Gehirn-Netzwerk Computer). Intelligente Maschinen müssen also über Fähigkeiten verfügen, sich selbst in ihrer Struktur zu verändern, also zunächst einmal Masse und Energie zu steigern oder zu vermindern, um sich effizient (geringer Energieaufwand) und damit optimal an die Umweltbedingungen anzupassen. Ein intelligenter Stuhl würde seine Tragfähigkeit also erst im tatsächlichen Lastfall mit Masse und Energie herstellen (etwa durch einen Sensor, der im Lastfall einen Kompressor aktiviert, um die Membran der Sitzfläche mit Luft zu füllen). Sensoren sind tatsächlich bereits seit mehreren Jahren das A + O im Fahrzeugbau von Flugzeugen, Eisenbahnen, Schiffen oder PKW´s.

Doch wie sieht eine Architektur aus, die sich mit Hilfe von Sensoren „intelligent“ verhält? Neben den bis heute einsetzbaren technischen Sensoren zur Regulierung von Wärme, Kälte, Licht, Schließanlagen oder Brandmeldeanlagen sind die Bauteile selbst noch überwiegend „sensorlos“, statisch, fest und unflexibel. Wie aber sieht beispielsweise ein sensorisches Tragwerk aus? Eine sensorische Decke oder eine sensorische Wand? Kann nicht sogar das gesamte Gebäude oder Teile des Gebäudes sich in seiner Position und Größe entsprechend der neuen Funktion, eines neuen Kontextes oder einer veränderten Witterung verändern? Ein sensorisches Tragwerk etwa würde die benötigten Kräfte und Festigkeitseigenschaften beispielsweise nur bei tatsächlichem Bedarf, also eintretenden Lastfällen aktivieren (Beispiel: pneumatische Architektur . . siehe Sitzmembran, automatisch ausfahrende Windbremsen zur Reduktion von Druck- und Sogkräften bei Fassaden und Dächern, Erhöhung des Bauteildruckes oder Gewichtes bei starken Regenfällen, Schneefall oder starken Winden durch z.B. Hydrauliksysteme oder chemische Wandlungsprozesse etc.). „Intelligente“ Wand- und Deckensysteme könnten z.B. nach Bedarf und Nutzung oder auch Lastfall eingefaltet, abgesenkt, stabilisiert, verschoben werden oder einfach nur ihre Opazität und Lichtfarbe ändern. Natürlich haben alle sensorischen Systeme etwas mit Technik und Kybernetik (Steuerungssystemen) zu tun und verbrauchen für den Antrieb zusätzliche Energie, können aber auch Energie und zusätzliche Nutzungen bzw. Funktionen durch ihre flexible Nutzungsoptimierung einsparen.

Zumindest werden wir schon in wenigen Jahren ganz neue, „smarte“ Bauteile und Materialien kennenlernen, die durch ihre Multifunktionalität und chemisch-sensorische Wandelbarkeit ganz neue Kategorien einführen werden. Dazu zählen etwa heute schon die sogenannten „phase-changing-materials“, Bauteile, die mit microverkapselten, wassergebundenen Wachsen arbeiten und die Wärmespeicherkapazität bei beliebig gewünschter Schalttemperatur enorm erhöhen (z.B. als Beigabe von Putzen, Gipsbauplatten, Mehrscheibenglas etc.). So etwa besitz ein 3 cm Putz mit 30% PCM-Anteil die gleiche Speichermasse wie eine 18cm dicke Betonwand oder eine 23cm dicke Ziegelwand. (Hierbei wird die benötigte Energiemenge  beim sogenannten „Phasenübergang“ von flüssig zu fest oder fest zu flüssig genutzt. Um 1kg Eis mit 0°C zu 1 kg Wasser mit 0°C zu schmelzen, benötigt man eine Energie von 333 Kilojoule. Mit dieser Energie kann man aber auch 1 kg Wasser von 0°C auf ca. 80°C erwärmen.)

Was die Evaluation von Architektur anbelangt, wird sich zumindest die Komplexität der einzelnen Bauteile, Bauelemente bzw. Baustoffe durch solche  und ähnliche Produktinnovationen allein durch die Zunahme an Funktionalitäten stark erhöhen. Auch aus ästhetischer Sicht können hier durch den Faktor Wandelbarkeit und Flexibilität neue Effekte und Anwendungen und damit auch eine höhere Komplexität je Raum- oder Bauteileinheit erzielt werden. Wenn die Bauteile nun selbst durch Sensoren oder chemische Prozesse wie bei den PCM´s die Temperatur, die Wärmespeicherfähigkeit, die Feuchtigkeit, die Akustik, das Licht, die Farbe und ggfs. auch die Härte bzw. Festigkeit (Tragfähigkeit) oder molekulare Dichte und auch Dampfdurchlässigkeit ändern können, haben wir es zumindest technisch mit einer ganz neuen Art von Komfort und Leistungsfähigkeit (Performance) von Gebäuden und Räumen zu tun, die auch zu einer neuen Ästhetik führen kann.

Freilich werden sich auch solche Architekturen in Sachen ästhetischer Komplexität mit denen unserer Vorfahren stets messen müssen, auch wenn wir bei einigen besonderen Gebäuden (etwa den Pyramidenbauten oder einigen Kirchen- und Dombauten) wissen, daß hier mehrere hundert Jahre Bauzeit und heute unbezahlbar viele Handwerksleistung wie auch nicht zu beeinflussendes, geniales schöpferisches „Können“ von Künstlern und Bildhauern (Michelangelo, Alberti, Bramante etc.) notwendig gewesen sind, die aus heutiger Sicht eher unrealistisch erscheinen. So etwa ist zum Beispiel die Maßgenauigkeit der alten Ägypter, deren exakten Quaderfugen der massiven, tonnenschweren Steine weniger als 1/10mm voneinander abwichen (Vergleich zu den Spaltmaßen der hochtechnisierten Automobilbranche), bereits ein Meisterwerk der Baukunst wie auch die römischen Aquädukte mit ihrem über mehrere hundert Kilometer „gleichmäßig“ verlaufendem Gefälle von nur 0,5% eine handwerkliche Meisterleistung sind (selbst Gefälle von 1,5% scheinen für heutige Estrich- und Bodenverleger ein handwerkliches Problem zu sein!).

Die ästhetische Evaluation über ein Punktesystem, welches die Komplexität einzelner Bauteile und Formen etc. von innen- und Außenraum sowie deren wechselseitigen Zusammenhänge bei unterschiedlichsten Nutzungsfällen bzw. Umgebungszuständen bewertet, wird natürlich mit der Bewertung des urbanen oder landschaftlichen Kontextes systematisch fortgeführt. Was nutzt uns die Bewertung einer Kirche oder eines Palastes, wenn wir den städtebaulichen Kontext nicht mit einbeziehen? Stellen sie sich ein Meisterwerk eines bekannten Renaissance-Künstlers vor und platzieren dieses Bild oder diese Skulptur an mehreren, vollkommen unterschiedlichen Orten, und sie werden feststellen, wie unterschiedlich der Kontext (z.B. Mailänder Bahnhof, St. Petersdom in Rom, Museum von Richard Meyer in Frankfurt, Fußballstadion auf Schalke, Atelier Bauhaus Dessau, direkt neben Rembrandt und Vermeer im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig, in einem Großraumflugzeug über dem Atlantik etc.) auf die ästhetische Wahrnehmung des gleichen Bildes wirkt. Der Kontext ist bei der Evaluation von Architekturen mindestens so bedeutend wie das Gebäude selbst! Und sie werden einstimmen, daß besondere Orte und schöne Landschaften als Hintergrund bereits mehr als die Hälfte der Miete ausmachen, um einen Ort bzw. ein Gebäude als schön und zeizvoll zu bewerten. Hier gibt es Synergieeffekte, die weitaus stärker wiegen können als alle Mühe und Schweißarbeit in ein komplexes, ästhetisch anspruchsvolles Artefakt. Aber auch hier haben wir u.a. gelernt, das ideale und perfekte  Zustände (wenn es sie denn überhaupt gibt!) nicht unbedingt ausschlaggebend sind, um einen Ort als spannend, zeizvoll, schön oder besonders zu empfinden. Manchmal ist es es genau das Unperfekte, das Störende, das vermeindlich Häßliche, das Mittelmäßige und Unvollkommene, das Unlogische wie Unverständliche in oder an einer Situation oder einem Artefakt, die für uns Menschen vielleicht gerade darum so interessant und schätzenswert bis liebenswert erscheint.

Was die Rolle der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts anbelangt, insbesondere in der Kunst, ist hier die Zeit zu finden, in denen sich Menschen systematisch und konsequent (beinahe wissenschaftlich strukturiert und organisiert) mit der Wirkungsweise von Einzeleffekten auseinander gesetzt haben. Auch Michelangelo hat zahlreiche Studien und Skizzen angefertigt, um über dieses selektierte Probieren und Studieren einzelner Körperphysiognomien oder Figurenkompositionen usw. die Wirkungsweise einer komplexeren Darstellung zu studieren, deren Ergebnis wir heute so bewundern. Die Künstler der Modernen hingegen haben sich weniger um das „Endwerk“ (also das fertige Bild oder die fertige Skulptur) als vielmehr und ausschließlich um jene vielen kleinen Einzeleffekte gekümmert, die es so zahlreich zu erforschen galt und deren wahrnehmungspsychologischen Erkenntnisse bzw. Grundlagen über Formen, Geometrien, Muster, Farben und Helligkeiten und deren Wechselwirkungen auch heute immer noch Gültigkeit haben. Das rote (oder auch schwarze) Quadrat auf weißem Hintergrund von Malewitsch aus dem Jahre 1915 ist eben nur darum so interessant, da es in der größtmöglichen Reduktion (also dem Weglassen eines störenden Kontexes) die maximale Komplexität des Wenigen bzw. Einzelnen demonstriert und damit das Wesen des Quadrates sowie zweier Farben mit Vorder- und Hintergrund für uns sichtbar macht (gleich, ob es einen Nutzen hat oder sinnvoll erscheint). Das wäre in etwa so, als wenn Dave Garrett auf seiner fast 300 Jahre alten „San Lorenzo“ Stradivari statt Rimski-Korsakow´s beliebten Hummelflug stundenlang nur den Kammerton „A“ spielen würde, um das Wesen dieses einen Tones zu studieren. Ist das legitim? Natürlich ist dies legitim und es ist sogar ästhetisch wertvoll, wenn man bei einigen Kulturen wie auch Tieren ähnliche Vokal und 1-Ton-Meditationen bzw. kommunikativen Sprachsysteme vorfindet (Konzentration auf einen Grundton, Ausblenden des Hintergrundrauschens usw.). Unsere Welt ist so unvorstellbar komplex, daß wir Menschen sie (wissenschaftlich/ akademisch spätestens seit den alten Griechen) methodisch sezieren und zerlegen, um hinter die Geheimnisse des Seins, des Raumes, der Materie, der Energie und der Zeit zu gelangen. Ob uns das so gewonnene Wissen etwas nutzt, ist freilich eine andere Frage, die nicht minderschwer zu beantworten ist, wenn wir uns in ethischen oder zumindest moralischen Spannungsfeldern unserer Zivilisation bewegen. Dennoch: werfen wir nur pauschal einen kurzen Blick auf die Welt der Artefakte, der Gebäude und Städte, so können wir insgesamt nicht glücklich sein über dann doch soviel . . . sprich „zuviel“ der Lieblosigkeit, Mittelmäßigkeit, Belanglosigkeit, Häßlichkeit und Einfallslosigkeit mancher Artefakte und Gebäude. Wir Gestalter, Designer, Maschinenbauer, Architekten und Städtebauer sind die einzigen, die sich darum professionell kümmern! Diesen Job macht sonst keiner außer uns!

Studieren Sie darum als Architekt (oder auch Gestalter, Designer, Musiker, Maler etc.) zunächst alle einzelnen Grundgeometrien, Grundformen, Basismaterialien und sonstigen Einzeleffekte, um ihr spezielles Wesen zu verstehen (quasi das Erlernen des ABC), um sie dann peu á peu in Kombination mit weiteren Formen oder Geometrien, Tönen, Farben etc. zu studieren usw. Schließlich enden sie nicht nur bei einer mehr oder weniger komplexen Gesamtkomposition (also dem eigentlichen Werk) sondern sind auch noch in der Lage, dieses Werk durch Improvisation, durch Variationen, durch unterschiedliche Tempi und Zeitverzögerungen (Synkopen) vielfältig darzustellen, um die Komplexität (in diesem Falle die gesamte Bandbreite des ästhetisch wahrnehmbaren Spannungspotential . .  denken Sie an Hitchkock´s „Psycho“ oder Albinoni´s Adagio in g-moll, an Bach´s „Air“ oder die Toccata in D-Moll oder auch Beethoven´s Pathetique usw.) zu steigern. Da wollen wir letztendlich hin, wenn wir Freude, Genuß und Spaß an der ästhetischen Wahrnehmung haben und die schnöde wie freudlose Ebene des bloß funktionalen wie formalen oder des sich bloß ständig Wiederholenden überwinden und ein wenig dem näher kommen können, was man allgemeinhin als göttlich oder gottgleich bezeichnet. Architektur ist tatsächlich wie gefrorene Musik, die es noch so vielfältig zu entwickeln und zu entdecken gilt!

Bewertungsverfahren wie das oben vorgestellte Punkteverfahren helfen uns dabei, das komplexe Zusammenspiel von Ort, Raum, Form, Material, Farbe, Konstruktion und Funktion besser zu verstehen, es uns „bewußt“ zu machen, was dort im Einzelnen wie im Gesamten überhaupt passiert, wie und warum es passiert und letztendlich auch, wie es ästhetisch auf uns wirkt. Auch wenn wir sehr wahrscheinlich niemals zu normativen -sprich zu jeder Zeit und allen Orten „allgemeingültigen“ Aussagen kommen werden, können wir zumindest versuchen, uns an ein  Quasi-Ideal vorsichtig heranzutasten, um diese Lösung als aktuelle Referenz zur Diskussionn zu stellen, dass andere sich an ihr messen können. Und glauben Sie mir, daß die meisten Entscheidungen für die Gestalt eines Objektes oder eines Gebäudes eben nicht einem halbwegs nachvollziehbaren Bewertungsverfahren zu Grunde liegen sondern meistens höchst irrationale wie subjektive Entscheidungen oder auch Präferenzen einzelner Personen sind (Gestalter, Ausführende wie Bauherren). Nicht selten sind die (ästhetischen) Ergebnisse reine Zufallsprodukte, die konsequent wie leidenschaftlich, aber meist mit beidseitig zementierten Scheuklappen, meist großer Unwissenheit,  Einfältigkeit, großem Starrsinn, Selbstverliebtheit oder auch überzogener Selbstüberschätzung in die Welt gesetzt werden. Beratungsresistenz sind das eine, schlechte Berater das andere, was unseren Alltag im hektischen wie geizdurchdrungenem Schaffen von Artefakten meist prägt. Es fehlt fast immer Zeit und oder mit der Zeit verbundenes Geld, die Dinge der Gestaltung „langsam“ und bedächtig anzugehen. Der Weg nach guten bis optimalen Lösungen braucht nun einmal seine Zeit (sein vertieftes Studium) und kann eben nicht über Copy +Paste von irgendwelchen (automatisierten) Schubladenlösungen generiert werden, die bestenfalls mittelmäßige Lösungen repräsentieren. Gute Architekten nehmen sich diese Zeit, etwa Mario Botta, Peter Zumthor, Alvaro Siza oder auch David Chipperfield – um nur einige bekannte zu nennen-, die Artefakte von A bis Z in jeder nur möglichen Beziehung zu durchdenken. Doch der Alltag der unzähligen anderen „namenlosen“ Architekten und Gestalter -und die sind in der Mehrheit! – haben diesen „Luxus“ von Zeit und wohlwollenden wie potenten Bauherren mit attraktiven Bauprojekten meist nicht. Sie kassieren meist nur ein jämmerlich gedrücktes Honorar, mit dem einfach bei bestem Willen und vorhandener Begabung „keine“ vernünftige oder kulturell bedeutende Architektur zu machen ist! Heraus kommen dann einfallslose Standardkisten wie vielleicht auch gutgemeinte, aber letztendlich konzeptlose Stilvermischungen jeder Coleur. Weil es zum Beispiel keine qualitätssichernden Evaluationsverfahren gibt, die die Bauherren, den gestaltenden Architekten wie auch die Öffentlichkeit (als Bauherr) vor schlechter Architektur schützt.

Die (zunehmende) Vielzahl an Konstruktionsmöglichkeiten, an Bauweisen, an Formen und speziellen Bauprogrammen spricht uns Städtebauer und Architekten eben nicht davon frei, beliebig mit dem Raum und dem Material umzugehen. Demokratie, Individualismus und Freiheit werden hier spätestens mit dem Ende der ach so verhassten Stilarchitektur (also der Kunst des gemeinschaftlichen Bauens nach vorgegebenen Regeln) des späten 19. Jahrhunderts bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts (also dem Beginn der Moderne) bis heute falsch verstanden, solange sich die einzelnen Bauwerke nicht einem übergeordneten, mittel- bis lanfristig angelegtem Grestaltungskonzept unterordnen, welches mehrheitlich von allen Städtebauern und Architekten als bestmöglicher Standard innerhalb des großen Ganzen (also der eigentlichen Baukultur) definiert und akzeptiert wird. Die notwendigen Experimente und das ständige Suchen nach neuen Ausdrucksformen bzw. Bauweisen ist bis heute zum Selbstzweck verkommen, anstatt deren Ergebnisse über Analyse und Evaluation in die vorangegangene Bautradition „behutsam“ und mit bedacht überzuführen. Es ist so, als würden wir unser Recht (z.B. innerhalb eines Rechtsstaates) so flexibel gestalten, daß ein jeder selbst nach freiem Gusto das Recht zu seinen Gunsten auslegen kann. Wir würden das in Sachen des Rechtswesen zweifelsfrei als Anarchie (oder auch Diktatur) bezeichnen und uns -gegen diese Willkür- zurecht wehren. Nicht so im Falle der Städtebau- und Architekturgeschichte der letzten 100 Jahre! Weder Baugesetzte, Stadträte, Handwerksinnungen, Architektenkammern noch ausbildende Universitäten haben verhindern können, daß wir heute mehr denn je in einer Zeit des „Macht, was Ihr wollt“ leben. Das liegt nicht etwa an einer nicht vorhandenen Explosion an Komplexität von modernen Bauwerken bzw. Bauaufgaben, die uns etwa den Gesamtüberblick versperren würde (der Kölner Dom -ab 13. Jahrhundert- oder der St. Peters Dom -ab 16. Jahrhundert- sind Bauwerke von bis heute unübertroffen hoher architektonischer Komplexität!), sondern an einer [mit der Industrialisierung und dem Kapitalismus beginnenden] schleichenden sozialen, gesellschaftlichen, politischen wie wirtschaftlichen, damit insgesamt kulturellen Zersetzung bzw. Abflachung von kulturellen Werten wie auch handwerklichen Techniken (Quantität statt Qualität!). Die Industrialisierung (Technik) hat in Kopplung mit dem Kapitalismus ein ganzes soziales wie kulturelles Wertesystem innerhalb nur weniger Jahrzehnte komplett umgekrempelt. Die Industrialisierung hat die Menschheit bis heute zu modernen Knechten, Sklaven oder Leibeigenen gemacht und dabei mit dem gewaltigen Hunger nach Rohstoffen und Energien ganze intakte Landschaften und Natursysteme dem Erdboden gleich gemacht. Heute glauben wir mit allem Wohlstand und Luxus „frei und unabhängig“ zu sein, bleiben aber dennoch stets Gefangene unseres mittlerweile global ausgedehnten Wirtschafts- und Machtsystemes, das wir mit aktuellem Blick auf China, Afrika, Südamerika oder Korea wie auch auf die globale Umweltzerstörung jedoch nicht mehr oder immer weniger kontrollieren, geschweige denn verantworten können, weil immer deutlicher wird, das unsere Politiksysteme wie auch unsere Techniksyeteme keine echten Kultursysteme (also pro civitas), sondern primär rein wirtschaftlich orientierte Machtsysteme (pro pecunia) von wenigen Privilegierten sind. All das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir von Fortschritt und Moderne sprechen! Weder der amerikanische Traum, weder Hitler, weder Marx und Engels noch Stalin, Lenin oder Mao . .  und auch nicht alle ach so sakrosanten Weltreligionen haben uns wirklich eine bessere, fortschrittlichere Welt im Sinne von „civitas + natura“ geschenkt. Weder haben sie Gerechtigkeit, Frieden noch wirkliche Freiheit in die Völker gebracht. Immer nur geht es um Macht, um Herrschaft, um Beherrschung, um Vorteile von wenigen über viele. Der sogenannte Westen hat in den letzten 200 Jahren so viel intakte Erde vernichtet, daß ganze Arten aussterben, Ozeane leer gefischt sind, es zu gravierenden Klimaverschiebungen kommt (oder kommen kann), ganze Ökosysteme kippen und ganze Landstriche toxisch oder radioaktiv verseucht sind. Es ist, also ob wir an dem Fortschrittsmüll, den der Westen seit 200 Jahren produziert, allmählich selbst ersticken. Tonnen von giftigen Chemikalien haben wir aus der Erde geholt, sie in Artefakte gepreßt und als Müll wieder auf Mutter Erde als Todestrank geworfen. Allein das Spiel mit der Radioaktivität hat die Erde seit 1945 (6. + 9. August Bomnenabwurf auf Hiroshima und Nagasakie) wahrscheinlich einen ganzen Kontinent an Leben gekostet und es grenzt an ein Wunder, das der Max-GAU bei 70.000 Atomsprengköpfen in der Hochzeit des Kalten Krieges zwischen der ehemaligen UdSSR und den USA bisher immer noch nicht eingetroffen ist.

Solange es im 21. Jahrhundert keine Exitstrategien gibt, an denen sich alle Länder, vielmehr alle Menschen dieser Erde festhalten, werden die Verluste an Natur und Leben so hoch sein wie noch nie zuvor. Die Brennbunkte werden immer deutlicher und heftiger, wenn 50 Millionen, 100 Millionen oder gar 500 Millionen Menschen und mehr auf die Straße gehen/ gehen werden, um gegen Unrecht, Unterdrückung, Diktatur und Gewalt zu demonstrieren und dabei nicht selten gegen sich selbst kämpfen werden. Die Angst um den Clash of Cultures (orig. „Clash of Civilization“, 1993 von S. Huntington) ist trotz Coca-Cola, Nike und Tittytainment (1995 von Z. Brzezinski eingeführter Begriff, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident J. Carter) so nah gerückt wie nie zuvor. Es brodelt in China, in Griechenland, in Italien, in Ägypten, in Syrien, in Brasilien, in Mexico, in den USA, in Korea, in Rußland usw., daß es in Zeiten von Twitter und dem www nur eine Frage der Zeit ist, wann es zu einer globalen Solidarisierung der Menschen kommen wird. Und weit und breit gibt es keine (politische) Person -noch ein politisches Konzept!- , die wie einst M. Gandhi, Mutter Theresa, N. Mandela, K. Annan, M. L. King, J. Carter, J.F. Kennedy, W. Brandt oder M. Gorbatschow eine „global“ akzeptierte Führungsposition einnehmen könnte, um ein mögliches Chaos von gewaltsamen Bürgerkriegen (wie in Yugoslavien, Somalia, Syrien etc.) verhindern zu können. Zu groß sind die politischen Unterschiede, zu stark die Emotionen der Bevölkerung, zu groß die Kluft zwischen Arm und Reich und zu schwach wohl die internationalen Organisationen (etwa die UNO). Allein der irrationale Dauer-Zankapfel der Religionen zwischen dem Islam, den Christen und Juden beweist die große Unfähigkeit der religiösen Führer, wirklich Frieden und Liebe zu stiften. Ein weltweites Waffenverbot würde helfen, Schlimmeres zu verhindern.

Hinter diesen gesellschaftlich bedrohlichen Hintergründen kommen nun wir Architekten (und Künstler, Musiker, Dramaturgen, Dichter…) und vollen mehr baukulturelles wie ästhetisches Verständnis, werben für neue Technologien und Baumaterialien usw. All das, nicht weil wir in einem Elfenbeinturm leben, sondern weil es eine pädagogische Tugend wie Einsicht ist, die Menschen mit kulturell bedeutsamen Artefakten zu konfrontieren, daß sie das Gute und Wohlwollende im Menschen befruchtet und unterstützt! Das Lieblose unserer Artefakte spiegelt sich in unseren Seelen wider wie auch umgekehrt. Wir können das Gute im Menschen nur durch das Gute -also das „Schöne“ und „Geistreiche“- fördern, stützen und erhalten. Es erinnert uns daran, daß wir Menschen auch „anders“ können als brutal, agressiv, plump und einfallslos. Anspruchsvolle Architektur -wie auch anspruchsvolle Kunst, Literatur, Musik oder Theater- und Tanzstücke etc.- sind ein flüchtiges bis bleibendes Denkmal und auch ein Stück Hoffnung für den kultivierten, liebenden, friedlichen Menschen! Nicht mehr und nicht weniger. Es kann nur dieses eine Ziel sein, zu dem wir Menschen streben können, um für uns eine angenehme, befriedigende Welt zu schaffen, die unsere Befriedigung nicht aus dem natürlichen Prinzip von „Mord und Todschlag“ (Darwinistisch also: Fressen und gefressen werden…oder auch „Survival of the Fittest“), also den primitiven, archaischen, tierischen Machtgelüsten zieht (biblisch auch: Auge um Auge, Zahn umd Zahn), sondern geistig und sinnlich viel höher- und weiterentwickelt ist. Zumindest muß den leiblichen Instinkten und Trieben -wenn man/ Mensch sie schon mental nicht kontrollieren kann- ein vergleichbares Gegengewicht zur Balance entgegen gestellt werden. Umgebe Dich mit dem „Schönen“ und es wird Deine Seele -und damit Deine Menschlichkeit- auf wundersame Weise besänftigen!

Wenn man sich die Stilarchitekturen der letzten 2000 Jahre vergewissert, wird klar, daß massive, wehrhafte Burgen- und Festungsarchitekturen eine ganz andere Ausstrahlung auf uns Menschen haben als beispielsweise geometrisch ausgewogene Renaissancebauten (Ratio, Mathematik) oder romantisch verschnörkelte Barock- oder Jugendstilbauten (paradisische Fleischeslust á la Adam + Eva in P.P. Rubens-Manier). Gotische Bauwerke hingegen sind ein Zwitter, halb Monumental, halb Entmaterialisiert. Wahrscheinlich hätten die gotischen Baumeister (oder mehr „Ingenieure“) ihre Kathedralen wie Paxton und Eiffel gebaut, wenn sie Stahl und Glas statt Stein als Baumaterial gehabt hätten. Und natürlich hatten die Alten Griechen bereits mit Stein (und Holz) bereits eine extrem feine Vorstellung von Maß und Zahl (Proportionen), Transparenz, materieller Auflösung, Filigranheit der Bauteile und ästhetisch ansprechenden Linien und Kurven, die die Römer zunächst nur kopieren konnten und erst sehr viel später mit der Renaissance (15. und 16. Jahrhundert) weiterentwickelt haben. All das wirkt -wenn wir es denn vor Augen haben!- nachhaltig auf unsere Kultur, auf unsere persönliche Menschwerdung, auf unsere Sinnesschärfe und sehr, sehr wahrscheinlich -wenn wissenschaftlich auch noch nicht ganz bewiesen- auch auf unsere neurologische Struktur und Entwicklung im Denken und Fühlen! Darum ist es so wichtig, der (also unserer) Unfägigkeit des politischen wie sozialen Lebens etwas „Schönes“ entgegen zu setzen, an dem sich unsere ungünstigen Eigenschaften aufrichten und orientieren können, daß wir das Rohe und Gewaltsame in uns in soetwas wie „Erhabenheit“ überführen können. Und was wären wir für armselige Kreaturen, wenn wir all das (überflüssige) Schöne tatsächlich streichen würden? Mag sein, daß wir vielleicht (agressive) Säuge-Tiere mit primitiven Instinkten und Trieben bleiben, doch unser Geist hat in der Geschichte der Menschheit mehrmals bewiesen, daß er uns zu höheren Sphären des Bewußtseins und des Schöpfens bringen kann. Im Übrigen ist die Musik einer Epoche oder Generation ein sehr guter Seiesmograph für die seelische und ästhetische Verfassung einer Gesellschaft. Je schneller der Takt, je eintöniger die Melodie und je lauter die Töne, desto kopfloser, also animalischer oder triebhafter unser Menschsein, desto aktover unser limbisches System. Das (kontrollierte) Denken und ästhetische Empfinden hingegen beginnt mit einem Schweigen und Zuhören und zuckt eben nicht mit der rhythmischen Libido unseres Körpers. Stimulanz und Erregung (“ I Can´t Get No Satisfaction“, M. Jagger/ K. Richards, 1965) sind zweifelsfrei auch Mittel in der Architektur (Beispielsweise im Barock oder auch Jugendstil), sind aber in ihrer Wirkung meist nur von kurzer Dauer, da ihnen geistige Substanz fehlt, die die Zeit und den Augenblick übersteht. Der „Paukenschlag“ (in der Architektur etwa der „Dekorierte Schuppen“ der Postmoderne) ist aus der hedonistischen Perspektive legitim, doch er muß sparsam verwendet werden, um nicht in (militärische) Stupidität und gehorsame Gewöhnung zu verfallen. Las Vegas macht Spaß, ist aber als Lebensraum vollkommen ungeeignet. Das laute Spektakel ist u.a. Sache der Musik, des Theaters und vielleicht auch der Kunst, nicht aber der Architektur und des Städtebaues, wie wir es immer wieder seit nunmehr 50 Jahren weltweit beobachten können.

Der Dekonstruktivuismus ist etwa eine solche Spielart, die keine Ordnung und Sinnhaftigkeit erkennen läßt, außer der überhöhten Selbstdarstellung durch provokante Andersartigkeit. Als Raumlösung ist die Dekonstruktion nur schwer geeignet, da der Formalismus wider und zugleich mit der Konstruktion etwas Zersetzendes, Negierendes, Unvollendetes, wenn auch Witziges und Ironisches im Sinne von Ambivalenz als Form der Kritik hat. Doch wenn Architektur und Städtebau sich selbst nicht mehr für wichtig und lösbar hält, bekunden wir damit nicht mehr und nicht weniger als unser Versagen und unsere Unfähigkeit, eine Art nihilistische Kapitulation („Gott ist tot!“ aus „Die fröhliche Wissenschaften“ von F. Nietzsche, 1882). Das inszenierte Chaos (gleichsam der urgewaltigen Schöpfung und Werdung der Erde und des Kosmos) selbst -von dem wir ja nicht wissen, ob es zu „etwas“ wird oder ob es zerfällt- hat ästhetisch betrachtet freilich seine Substanz und Wirkung durch die eingefrorene, daher für uns Menschen ungewohnte Darstellung eines Prozesses. Aber mehr als eine reißerische Momentaufnahme ist es dann auch nicht, womit wir Menschen wieder zum triebhaften Voyeur kommen! Der Prozess des Werdens oder Sterbens taugt als Leitbild für eine wissenschaftlich basierte Kultur nicht, ist bestenfalls noch wissenschaftlicher Teil einer experimentellen Analyse vom Werden und Vergehen (von Konstruktionen) und hat damit eher Forschungs- und Laborcharakter. Das gleiche gilt, wenn Architekten die Architektur und den Städtebau mit der Bildhauerei verwechseln und spannende „Skulpturen“ formen wollen, für die es aber keine logischen, natürlichen Konstruktionen gibt. Die formale Abstraktion ist immer nur Teil des (notwendigen) Forschens, nicht aber schon das Ergebnis selbst! Abstraktion als Selbstzweck im Ergebnis ist einfach nur dumm, unvermögend wie unbefriedigend, bestenfalls eine Übung, eine Etüde und beleidigt alles Können vorangegangener Epochen. Nicht so in der Kunst, wohl aber im Sädtebau und der Architektur, die weder Satire, Karrikatur, Plastik, Comic noch Kunst sind! Diesen Unterschied haben wir leider mit den auf die Moderne folgenden Experimenten der individuellen wie sozialen und politischen Befreiung verlernt, wenn die starken wie zweifelsfrei notwendigen Antiparolen gegen allen Mief der Vergangenheit (insbesondere gegen den Faschismus in Deutschland) automatisch auch auf über Jahrtausende entwickelte Prinzipien der Ästhetik und Baukultur übertragen wurde, was man mit den Naturwissenschaften freilich nicht konnte. Doch Architektur und Städtebau hat sehr wohl etwas mit Erkenntnissen, mit Mathematik und Physik zu tun, das man sie eben nicht ideologisch beliebig verpressen und biegen kann.

Unsere Professoren an der Technischen Universität Braunschweig, die überwiegend in den 1930´er Jahren geboren waren (M. v. Gerkan,  C. Schulitz, M. Schiedhelm, R. Ostertag, G. Wagner, K. Hartmann, H. Wehberg, J. Weber u.a.), haben die radikalen Umwälzungen der 50´er und 60´ er Jahre als junge Erwachsene und „Junge Architekten“ mit aller Faszination des sogenannten deutschen Wirtschaftswunders sowie den rasanten wie langanhaltenden Wiederaufbau mitbekommen und schließlich selbst in den 1970´er und 1980´er Jahren an der großen Befreiung der zum Vulgärfunktionalimus fehlentwickelten wie leidsam mißbrauchten Moderne u.a. durch die Postmoderne (quasi als Nachzügler der Kunstrevolte von Joseph Beuys und Andy Warhol) und andere stilistische Extreme im Halbrausch der 68´er Bewegung (dafür waren die Herren und Damen wahrscheinlich schon zu sehr etabliert) partizipiert. Doch immer wieder wurden unsere allzu kreativen Gegenentwürfe bzw. Alternativen zur Postmoderne in den 1990´er und 2000´er Jahren á la „Architektur muß brennen“ (G. Behnisch, Coop Himmelblau usw.) als zu formalistisch und zu willkürlich disqualifiziert und gekonnt auseinander genommen. Eben weil diese Generation, geprägt u.a. von Mies, von Gropius, May, Krämer und auch L. C., gesehen bzw. eingesehen hat, wie stark wir uns spätestens mit der Postmoderne von den eigentlichen Zielen bzw. Visionen einer vernunft- und wissensbasierten, „modernen“ Gesellschaft (die Vision und Utopie der 1920´er Jahre?) distanziert haben, zumal auch einige der sozialen Experimente der 68´er Bewegung (sexuelle Revolution, Kommune, Pille, Emanzipation, Studentenrevolution etc.) nicht immer funktionierten. Die Postmoderne (wir holen mal den bunten wie spaßigen, dennoch fein geordneten und auch philosophisch mit J.-F. Lyotard sorgsam unterbauten Formen- und Farbkasten der Geschichte heraus, um der wilden („born to be wild“ anno 1968) Kultur der Bronx und der Popart etwas zivilisiert „europäisches“ entgegen zu stellen) mußte scheitern. Denn Architektur taugt für 1:1 Adaptionen aus der jeweiligen aktuellen Kunst- und Modestörmungen nur bedingt bis garnicht!

Was aber blieb, wenn man auch den ollen Schinkel, den Klassizismus nicht wieder beleben wollte? Also wieder zurück zur Moderne ???, zu Mies van der Rohe etc., zu echten Konstruktionen, zu ehrlichen und innovativen Materialien, zu den Erkenntnissen der aktuellen Wissenschaft, zu rational begründeten Architektursprachen, die wirtschaftlich, funktional wie auch ästhetisch wieder Sinn machten und endlich wieder auf den Kontext reagierten (denn auch der Städtebau war/ ist eine Katastrophe). Doch das große Dilemma der neuen Freiheit, der Selbstbestimmung und Individualisierungen, der Welt der unendlich vielen Möglichkeiten etc. ist ja bis heute weder sozial noch kulturell, wohl aber marktwirtschaftlich gelöst. „Leben und Leben lassen“, also eine überaus tolerante Gesellschaft,  bewahrt uns heute „noch“ vor heftigen zivilen Auseinandersetzungen, erzeugt dabei in der Summe unglaublich viel Diversität, viele Biotope, ist aber nicht mehr in der Lage, grundlegende Orientierung, Halt, Sicherheit und gemeinschaftliche Ziele und Wertevorstellungen vorzugeben außer dem Prinzip der Vielfalt und Toleranz selbst. Dies führt aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einem schleichenden Auseinanderdriften von Gesellschaften in kleine Gruppen (also nicht miteinander kommunizierende Parallelgesellschaften) und dem Verlust von Volksmacht und der damit einhergehenden Stärkung von Wirtschaftsmacht. Nur selten finden diese Gruppen seit dem RAF-Terror, der Ölkrise und dem Ende des Kalten Krieges mit der Wiedervereinigung zusammen, um kritisch gegen das ein oder andere zu protestieren oder Solidarität im Sinne von Schwestern- und Brüderschaft zu zeigen (z.b. Fußball-WM 2006, Lichterkette 1992 in Sachen Brandanschlag von Mölln). Auch die Medien, insb. das Fernsehen, kann seit Mitte der 1980´er Jahre (Etablierung des Privatfernsehen) mit ihren einst so erfolgreichen „Familien“-Formaten (Der Große Preis, Wetten das?, Die Schwarzwaldklinik, Sportschau etc.) nur noch Teile der Bevölkerung synchron erreichen. Und weil seit dem (Zerfall der UdSSR, Wiedervereinigung) kein wirklicher Feind (vielleicht noch die Radiaktivität, div. Weichmacher in Kunststoffen und Farben, die Klimakatastrophe, das Artensterben, der antiwestliche Terror islam. Fundis) mehr in Sicht ist und der ganze stigmatisierende Ballast des komplexen internationalen Regelwerkes (Kalter Krieg) futsch ist, zählt eigentlich nur noch der clever zu erwirtschaftende Profit (Wettbewerb der Abzocke), das ICH, die persönliche Leistungs-Referenz (Haus, Auto, Boot, Kind + Kegel etc.) und sonstige „Vorteile“, die wir unseren Kindern in Vorbereitung auf die hart umkäpfte Leistungsgesellschaft (survival of the fittest!) aufbürden. Hier schwingt mit vorgehaltener Hand all die Angst und Ahnung mit, daß wir früher oder später doch noch die Zeche zahlen müssen, die 60 Jahre Wohlstandsgesellschaft auf dem Rücken der Natur und der armen, ausgebeuteten Völker angerichtet haben. Nicht umsonst rüsten man derzeit überall mit orwellscher Sicherheitstechnik („1984“ ist 1949 publiziert worden!) auf, um 7 Mrd. Menschen im Fall der Fälle (also der interkontinentalen Super-Demo) kontrollieren zu können. Parallel üben wir uns -wie auch alle Geheimdienste dieser Erde- weltweit mit dem Medium Internet auf Kommunikation, Völkerverständigung (Spionage) und Kulturaustausch (Datenaustausch) oder wollen doch nur ein Schnäppchen in der Geiz-ist-geil-Konsumwelt bei E-bay schlagen…während die (insb. amerikanische) Robotertechnik bereits alle militärischen Funktionen kostengünstig und hocheffektiv ausüben kann (perfect-kill by joystick).

Und in solchen Zeiten kommen chinesische (natürlich auch deutsche) Bauherren und wollen auf dem frischen Neubaugebiet vor den Toren der Stadt „traditionelle Friesenhäuser“ bauen! Freilich haben die Chinesen wie auch die Japaner noch eine ganz andere, nämlich extrem ambivalente  Beziehung zur staatlich autoritär anerzogenen „Kulturpflege“, weil auch sie ein wenig den alten, guten Zeiten hinterhertrauern, in denen ein festes, soziales wie kulturelles Regelwerk das Überleben auf und mit der Landschaft über Generationen hinweg sicherte! Doch es ist der falsche Weg, so, wie auch die „alte“ Ado-Gardine ins Retro-Museum gehört (die neuen Ado-Gardinen sind übrigens sehr modern!). Der Respekt vor den Leistungen der Alten ist das Eine, was jede Gesellschaft zu leisten hat. Die Suche nach zeitgemäßen, adäquaten Lebensmöglichkeiten das Andere, was jede Epoche wie Generation neu für sich herauszufinden hat. In der Architektur ist alleine wichtig, welche Strukturen verwendet werden, daß sie mit möglichst allen oder sehr vielen komplexen Anforderungen kompatibel sind. Konstruktionen und Materialien können und werden sich lt. dem technischen Fortschritt ändern, nicht aber grundlegende Strukturen, die sich wie ein roter Faden durch unsere Kulturgeschichte ziehen, die das tragende Fundament von temporär wechselnden Funktionen sind und die synchron mit dem Logos und unserer Sprache verlaufen. Diese Zäsur zwischen fundamentaler (Raum- und Tragwerks-) Struktur und modischer Applikation (ehemals das Ornament, heute das Design) und sich ändernden Raumprogrammen bzw. Nutzungen müssen wir machen, um das System des Logos und der (Natur-) Wissenschaften nicht ad absurdum zu führen. Alles andere ist inkonsequent, schizophrän, ambivalent, trügerisch und destruktiv, nicht vorbildlich noch richtungsweisend. Scheinwelten sind Welten ohne Substanz und genügen niemals einer kulturellen Existenzsicherung.

Um diese wichtige Unterscheidung zu verstehen muß man das Wesen von Strukturen und des Logos, der i.d.R. den äußeren, naturgegebenen Strukturen angepasst ist, studieren. Kein Molekül, keine chemische Verbindung unserer Welt kommt ohne eine solche mathematische und physikalische Struktur aus. Hier herrschen feste Gesetzmäßigkeiten für das eine oder das andere, daß ein jeder Stoff, ein jedes Molekül bis hin zu ganzen Organismen, die aus unendlich vielen Molekülen bestehen, nur innerhalb dieser speziellen Strukturen existieren kann. Dabei gibt es mehr oder weniger statische bzw. ruhende Strukturen und Strukturen, die äußeren Einwirkungen und Kräften ausgesetzt sind und sich diesen Kräften oder Energien strukturbedingt anpassen können, ohne dabei in eine neue Struktur zu zerfallen. Ein Grashalm oder ein Baum ist beispielsweise so strukturiert, daß er sich den extremen Windkräften anpassen kann, ohne dabei als Gesamtsystem bzw. Gesamtstruktur zerstört zu werden. Hierbei ist es nicht die eine oder andere Zellstruktur sondern das mehr oder weniger lockere Gefüge von Zellen in Ringstruktur um eine Kernachse, die den Baum so flexibel und fest wie eben nötig macht. Diese Zellen bzw. der Zellenverband darf weder zu steif (spröder Bruch) noch zu locker (dauerhafte plastische Verformung) sein. Der Spielraum, den die einzelnen Zellen und Zellverbände innerhalb der chemischen Struktur haben, ist dabei sehr gering. Neben den Windkräften muß der Baum nun auch noch gegen Hitze, Kälte und Feuchtigkeit geschützt sein (Rinde, Borke) und er braucht innerhalb der Zellstrukturen ein effizientes vertikales wie horizontales Versorgungssystem (Kapillarsystem), um alle Äste, Zweige und Blätter von der Wurzel aus mit Nährstoffen und Wasser zu versorgen. Wächst der Baum schief oder wächst die Krone einseitig, droht er wegen der Gravitationskräfte zum Erdmittelpunkt hin zu kippen. Das ist der Grund, warum der Baumstamm und die Krone kreisförmig um eine vertikale Achse wächst. Die Physik (Statik) gibt also vor, wie sich die einzelnen Zellen räumlich zu einem Stamm und einer Krone anzuordnen haben. Und gewachsen wird nicht schichtweise mit einem festen Durchmesser, sondern ringweise mit zunehmendem Durchmesser, da sich mit zunehmender Höhe des Baumes das Drehmoment (Kraft x Hebelarm) und das Eigengewicht erhöht und Höhe und Durchmesser des Baumes statisch wegen der Knicklänge stets im gleichen, idealen Verhältnis bleiben sollten. Diese physikalischen und chemischen Strukturen bleiben Konstruktionsprinzip des Baumes und können nicht beliebig verändert werden, ohne das komplexe System bei gleichen Umwelteinflüssen zu benachteiligen. Greift man in solche stabilen, optimal ausgeklügelten Systeme ein, etwa bei der Tier- und Pflanzenzucht, kommen meistens Mißbildungen und krankheitsanfällige Züchtungen heraus, die die komplexen Grundfunktionen der Tiere (Beispiel Dackel, Basset, Bobtail) oder Pflanzen (Zuchtrosen, Zuchttulpen, Apfelbäume) stark einschränken können. So etwa ist das maximale Wachstum des menschlichen Gehirns in erster Linie abhängig von der statisch machbaren Knochen- und Muskelstruktur des Schädels und der Wirbelsäule innerhalb der verschiedenen Wachstumsphasen. Unser Gehirn ist strukturell bzw. statisch nicht für größere, schwerere Gehirne konzeptioniert und müßte erst durch Mutationen zu anderen Größenverhältnissen gelangen. Problematisch ist hierbei nicht die Größe des Kopfes, sondernd das enorme Wachstum der Schädeldecke, was hierfür notwendig wäre.

Und in der Architektur gelten diese Naturgesetztze, insbesondere die Statik, in ähnlicher Weise. Eine Holzstütze hat für den gleichen Lastfall andere Querschnitte als eine Stein- oder Betonstütze usw. Hierbei ergeben sich also materialbedingte, aber auch strukturbedingte Idealformen (Papp-Wabenstruktur vs. Vollholzquerschnitt, H-Profil vs. Rohrprofil), um als Stütze oder Träger für die Spannweite x und die Last y effektiv brauchbar zu sein. So kommen die materialspezifischen Proportionen von Konstruktionen ins Spiel, daß eine Stütze, eine Wand oder ein Träger mit der Höhe h und der wirkenden Last F einen idealen Durchmesser d oder eine ideale Breite b haben muß usw. Sollen die lastabtragenden Stützen schlanker werden, muß der Stützenabstand und damit die (Decken-) Last F je Stütze verringert werden. Sollen die Stützen einen großen Abstand a haben, müssen die Stützen und der tragende Deckenbalken (Sturz) einen entsprechend größeren Querschnitt besitzen, um die höheren Lasten je Stütze und das höhere Biegemoment im Träger abzufangen usw. Ähnlich ist auch unser Skelett konstruiert bzw. dimensioniert. Je nach Lastfall und Beanspruchungsart sind die Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskeln ganz unterschiedlich geformt und ausgeprägt. Das statische Grundprinzip bleibt aber bei allen Knochen- bzw. Skelettaufbauten immer das gleiche. Folgt nun eine frei erfundene Form, z.B. eine mehrfach gewölbte Schale, nicht den idealen Kraftlinien, muß eine verhältnismäßig aufwendige Hilfskonstruktion oder ein überdimensioniertes Bauteil verwendet werden. Diese Hilfskonstruktionen können zumindest bei zugbeanspruchten Bauteilen sehr elegant durch hochzugfeste, leichte Carbonfasern (innen wie außen) oder auch filigrane Seilabspannungen relativ „unsichtbar“ bzw. unbemerkt in oder an das Bauteil eingebracht werden. Bei auf Druck- und  Biegung belasteten Bauteilen ist dies schon weitaus schwieriger, da Druckkräfte nur von sehr dichten, also schweren Materialien (Stein, Beton, Stahl) aufgenommen werden können, wenn man sie nicht durch räumliche Sekundärtragwerke, etwa einem Fachwerkträger oder einer Seilabspannungen etc. räumlich löst. Doch ein Baum mit Krückstock scheint nur wenig ästhetisches Potential zu haben. Warum also sollen wir einen schiefen Turm bauen, der nur durch aufwendige Sonder- und Hilfskunstruktionen stabil ist?

Hier nun greift das Prinzip des Logos, der mit möglichst geringem Aufwand maximale Perfomance herstellt, indem er ohne Umwege -also meist über den kürzesten, direkten Weg- den Gesetzen der Physik folgt. Will man z.B. eine Kuppel bauen, kann die statisch ideale Form einfach über eine hängende Kette ermittelt werden (wie bei A. Gaudi´s Sagrada Familia), so, wie eine gewölbte Membrane über die natürliche Oberflächenspannung von Seifenblasen simuliert werden kann. Die formal von uns favorisierte oder beabsichtigte Linie folgt also i.d.R. nicht automatisch der statischen Ideallinie in der Konstruktion. Wollen wir nun die Naturgesetze unbedingt bezwingen (weil wir etwa nicht Untertan der Natur sein wollen (Glaube) oder die Naturgesetze einfach noch nicht kennen (Dummheit)), entscheiden wir uns für die mehr als anstrengende wie umständliche Quadratur des Kreises (Architektur der Klimmzüge). Folgen wir hingegen dem Logos der Natur und seiner Gesetze, folgen wir einfach der Linie einer Kette (oder eines Seiles) oder der natürlich sich formenden Oberflächenspannung einer Seifenblase. Die eine Konstruktion wird wahrscheinlich plump, kompliziert und umständlich wirken, die andere ist wohl statisch wie auch ästhetisch kaum mehr zu optimieren. Dieses Beispiel läßt ahnen, daß wir in der idealen wie effizienten Gestaltung von Konstruktionen garnicht so frei sind, wie wir es vielleicht immer denken oder es uns wünschen. Hier haben wir gestalterisch lediglich noch die Chance, aus symmetrischen Kräftegleichgewichten (Prinzip Waage) auch asymmetrische Lastverteilungen zu konstruieren (links kurzer Hebelarm x hohes Gewicht = rechts langer Hebelarm x geringes Gewicht). Ein schief wachsender Baum muß den verschobenen, statisch ungünstigen Schwerpunkt des Stammes (es wirkt hier durch den Neigungswinkel ein ungünstiges Drehmoment) durch eine gegenüberliegend wachsende Krone (oder Astwerk) ausgleichen, um stehen zu bleiben (analog zum Balanceakt eines Seiltänzers mit Stangen). Freilich kostet der asymmetrische Balanceakt zusätzliche Kraft und Aufwand und ist zudem meist mit funktionalen Mängeln behaftet. Stellen sie sich vor, unsere Beine wären um 10cm in der Länge verschieden: wir würden humpeln und wahrscheinlich den Sprint verlieren. Andererseits ist ein schief gewachsener Baum, der seine Krone weit über einer schönen Wiese oder Flußaue auskragen läßt, ein herrlich romatischer Ort. Folgen wir also eher dem Prinzip der Rationalität, der Ökonomie und der Effizienz, werden i.d.R. symmetrische Systeme als statische wie funktionale Ideallösung bevorzugt. Folgen wir hingegen mehr unseren ästhetischen Empfindungen, sind es eher unsymmetrische Systeme, die uns beschäftigen und uns wahren Sinnesgenuß bescheren. Andererseits brauchen wir die Asymmetrie (also das Gleichgewicht im Ungleichgewicht), um statische Systeme weiter zu entwickeln, schließlich auch, um Fortschritt und Wachstum zu generieren. Das ungleiche Paar, etwa als Komplementär, ist Ausdruck einer solchen Asymmetrie, bildhaft z.B. Dick und Doof, die Schöne und das Biest, Adam und Eva usw.  In der Kombination des Ungleichen können (evolutionär wie auch ästhetisch) vorteilhafte Symbiosen entstehen, da es hier zu einer Steigerung bzw. Verbesserung von Qualitäten (oder auch Fähigkeiten) kommt! In der Architektur wäre dies vergleichbar mit der Kombination von Transparenz und Massivität (Opazität), von der Vertikalen und Horizontalen, von Regelmäßigkeit und Störung, von Groß- und Kleinmaßstäblichkeit usw. Die Sprachverschiedenheit erzeugt Spannung, die einen vermittelnden (lösenden) Denkprozeß, also eine neuronale Vernetzungsarbeit im Sinne von Bewußtseinserweiterung verursacht.

 

ästhetik der farben

Freitag, April 12th, 2013

ästhetik der farben :: unsere mit den Augen im Lichtspektrum von 380 bis 780nm wahrgenommene stoffliche Welt wird maßgeblich über Farben und deren Helligkeit definiert. Neben dem Farbreiz (Optik) und der Farbvalenz (die physiologische Farbwahrnehmung) ist hierfür den ästhetischen Bereich vor allem die Farbempfindung (das psychologische Erleben von Farbe) von Bedeutung. Grundsätzlich reagieren und empfinden Menschen mit vollständig entwickelten Sehorganen zum Teil übereinstimmend, aber auch ganz individuell auf bestimmte Farben. Farben werden psychologisch und in ihrer Bedeutung von uns erlernt, so dass hier auch der kulturelle wie naturgegebene Kontext eine große Bedeutung in der Farbempfindung spielt. Rot (Feuer) und Gelb (Sonne) werden i.a. als aktive und warme Farben (Signalwirkung), Blau (Himmel, Meer) und Grün (Vegitation) als eher passive, schwerere Farben empfunden, wenngleich auch ein leuchtendes, helles Blau oder hellstrahlendes Grün sehr stimulierend wirken kann. Satte, als rein empfundene Farben wirken kräftiger und eindeutiger im Ton als mit Schwarz oder Weiß abgetönte oder gemischte Farben (z.B. milde Pastelltöne).  Violett, Türkis, Orange und Grün bilden die aus den Grundfarben gemischten Sekundärfarben, während Purpur bzw. Mangenta, Braun, Oliv, Weiß, Grau und Schwarz die Tertiärfarben bilden. Als Komplementärfarben werden Orange und Blau, Rot und Grün sowie Gelb und Violett wahrgenommen. Im quantitativen Gleichgewicht befinden sich die Komplementärfarben in etwa bei 1:2 von Orange und Blau, 1:1 von Rot und Grün und 1:3 von Gelb und Violett. Ein neutrales Grau (also ein Grau ohne einen dominanten Farbton) ergibt sich beim Mischen der Komplementärfarben. Eine weitere Differenzierung der Farben ergibt sich aus der Helligkeit (direkt oder indirekt) der Farbtöne (also das Absorptions- bzw. Reflektionsvermögen, die Leuchtintensität), die wiederum von der unmittelbaren Umgebungsfarbe (Hintergrundfarbe) wie auch von der umgebenden Helligkeit des Hintergrundes (Kontrastwirkung) bestimmt wird. Die Umgebungsfarben sind letztendlich auch wegen ihrer Farbton- und Helligkeitsreflektion von entscheidender Bedeutung für die Wahl und Wirkung einer Farbe bzw. Farbkombination, die wiederum in Passung zum gewälten Material stehen muß, welches wiederum vor allem den statischen und funktionalen Anforderungen genügen muß. Grundsätzlich unterscheiden wir neben den hellen und dunklen, den empfundenen leichten und schweren, den intensiv und blass leuchtenden sowie den farbsatten und pastellenen oder cremigen Farbtönen noch nach der Farbtemperatur, also den warmen (gelb-rötlichen) oder kalten (blau-violetten) Farbtönen. Die wirkende Farbtemperatur der Farben wird hierbei neben der eigenen Farbtemperatur auch noch über die Farbtemperatur des Kunst- und/ oder Tageslichtes beeinflußt. Warme Farben sollten daher überwiegend mit warmen bis warmweissem Licht, kalte Farben entsprechend mit kaltem bis kaltweissem Licht illuminiert sein, um die beabsichtigte Farbstimmung nicht zu schwächen. Neutrale Farben (Weiss- und Grautöne) passen sich dem Umgebungslicht bezüglich der Farbtemperatur ideal an.

Bei allen komplexen physikalischen Zusammenhängen in Sache Farbe und Farbwahrnehmung kommt es letztendlich auf den zu erzielenden, i.d.R. individuell gewünschten Farbcharakter eines Raumes oder einer Fassade an. Ist erst einmal eine Grundfarbe oder einen Grundfarbton als Farbmilieu oder Thema (weich, zart, hart, bunt, belebend, aktiv, sportlich, beruhigend, gedämpft, passiv, meditativ, kontrastreich, einfarbig, hell, dunkel, sachlich, gemütlich, aufdringlich, zurückhaltend etc.) vorgegeben, zeigt sich schnell an Hand von Farbmustern oder Farbfächern, welche Farbtöne (Materialoberflächen) zum gewählten Farbmilieu quantitativ wie qualitativ, harmonisch wie auch kontrastierend passen. Mit zirka 1.500 bis 2.000 abgestuften Farbtönen können im Bereich Architektur nahezu alle wichtigen wie sinnvollen Farbräume abgedeckt werden (z.B. Scala Brillux), auch wenn die Zahl der möglichen Farbtöne weit darüber liegt (ca. 3.500 Farben HKS-Druckfarben, 1.950 NCS-Farben, 213 RAL-Töne usw.). Erweitert wird das Farbspektrum schließlich noch durch die Reflektionsart des Farbauftrages, also matt, seidenmatt, glänzend oder hochglänzend sowie den verschiedenen Metallicfarbtönen. Last but not least die speziellen, meist mehrfarbigen Spachtel-, Putz- oder Lackiertechniken, bei denen verschiedenste Farbnuancen, Schattierungen oder auch Farbverläufe und Marmorierungen etc. möglich sind.

Wir arbeiten gerne mit Farben, die vorzugsweise auf matte Holz-, Naturstein- und Betonoberflächen dezent abgestimmt sind. Statt satter, leuchtender oder auch dunkler Farben bevorzugen wir eher helle, freundliche Pastell- und Cremetöne, die ggfs. mit satten Akzenten ergänzt werden können. Statt reinweisser, stark kontrastierender Wand- oder Deckenflächen verwenden wir gerne leicht abgetönte, cremeweisse Farben mit einer warmen Farbtemperatur. Farbige Wände gerne in Wein- bis Purpur- oder auch Rostrot (Cortenstahl), dazu warmes Cremeweiss, Vanillegelb, Pistazi oder Sand sowie eloxiertes Aluminium. Ferner ganz edel und beruhigend ein dunkles Kobalt-, Nacht- oder auch Perlnachtblau mit dezentem Grau, Schiefer und Weiss abgesetzt, dazu patiniertes Zinn oder eloxiertes Aluminium. Bei den Grüntönen bevorzugen wir helles Schilfgrün, Blassgrün oder auch helles Lindgrün, dazu helles Grau, Cremeweiss oder zartes Vanillegelb, Akzente mit Olivgrün oder Chromoxidgrün. Sehr erfrischend Cremweiss oder ein helles Grau zusammen mit leuchtendem Mais- oder Rapsgelb, auch in komplementärer Kombination mit hellem Pastellblau oder auch dunklem Kobolt- oder Nachtblau. Bei farbigen Wänden sind Holzfußböden wegen ihrer eigenen Farbigkeit ( Rot-, Braun- und Gelbanteile) meist problematisch, dass wir hier meist neutrale dunkle oder helle Steinböden, zur Wandfarbe farblich abgestimmte Teppiche (Velour, Schlinge etc.) oder auch Linoleumbeläge einsetzen. Bei Gebäuden mit Bezug zu Landschaften können hier auch Farben aus der Natur oder zur Natur bzw. Landschaft passende Farben gewählt werden. Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, Räume möglichst farbneutral auszurichten, um den individuellen Objekten und Möbeln mehr Spielraum zu geben.

Metalloberflächen von Stahlzargen, Stahlstützen oder auch PR-Fassaden werden von uns gerne in Anthrazit-, Silber- und Grautönen (div. DB-Töne) pulverlackiert oder mit Eisenglimmer gestrichen. Zu Sichtbetonflächen arrangieren wir gerne schwarz bis silbrig gebeizte, matte, geölte Holzflächen (geringer Gelb- und Rotanteil) oder auch schwarz- bis anthrazitfarbene Stein- oder Faserzementplatten. Hochglänzende Farben vermeiden wir, da sie meist bei Möbeln und Objekten eingesetzt werden. Fußböden als Parkett oder Dielenboden je nach Atmosphäre und Lichtanforderungen in dunkler, fast schwarzer Wenge, Wallnuss, Birne oder auch gekalkter Eiche. Für stark beanspruchte Bereiche eignet sich auch naturfarbiges bis caramellfarbiges Bambusparkett. Anspruchsvolle Wandoberflächen von Bädern wie auch Badobjekten lassen sich wunderbar mit farbpigmentierten, kalkgeseiftem Muschelkalkputz (Tadelakt) herstellen, der jedoch in handwerklicher Technik ausgeführt auch seinen Preis hat.

Grundfarben (insbesondere Grau- und Weißtöne an den Wänden bzw. Fassaden) erweisen sich durch ihre relativ empfundene Farbneutralität wie ausreichend helle Lichtreflektion als idealer Partner für farb- und strukturtragende Oberflächen wie auch Möblierungen. Aber auch helle Beigetöne (Sandstein etc.) passen als Grundfarbe sehr gut zu farblich tragenden, dunkleren wie auch weißen Oberflächen. Schwarz-Weiß-Effekte mit maximaler Kontrastwirkung sollten hingegen nur sparsam und im richtigen Verhältnis gewählt werden, um das Auge nicht zu sehr zu strapatzieren bzw. zu irritieren (Moir-Effekt usw.). Changierende Farbtöne eignen sich ideal für gerasterte, große Flächen, da sie die eher als langweilig bis steril empfundene Rasterstruktur farblich belebt (Beispiel Klinkerwand, Bodenfliesen, Terracottaböden etc.).

Fassadenfarben werden von uns zunächst aus den vorhandenen Farben der unmittelbaren Umgebung abgeleitet (städtebaulicher wie regionaler/ lokaler Kontext, Vegetation, Landschaften etc.) und schließlich in Übereinstimmung mit den gewählten Konstruktionen bzw. deren verwendeten Materialien gebracht, welche wiederum zu den gewählten Innenraumfarben (Bäden, Wände, Deckenuntersichten in Abhängigkeit von den spezifischen Funktion) abgestimmt sein sollten. Eine harte Trennung zwischen Außen- und Innenfarben bzw. Materialien  stören das empfundene Raumkontinuum, so dass wir die verwendeten Materialien und deren Farben gerne nahtlos von Außen nach Innen (oder auch umgekehrt) fließen lassen. Hierdurch wir die Raumzonierung wie auch funktionale Trennung merklich aufgelöst bzw. gemindert und der wahrgenommene Innen- und Außenraum wird optisch durch Aufhebung der Grenzen wesentlich vergrößert. Insbesonderer bei vollverglasten Fassaden (Foyerzonen, Wintergärten, Räume mit vorgelagerten Terrassen etc.) können hierdurch sehr schöne Raum- und Materialeffekte entstehen. Nach Möglichkeit verwenden wir „bunte“ und satte Farben (insb. bei den Farbanstrichen) im urbanen wie vor allem ländlichen Kontext nur sehr sparsam, sofern die gewünschte Farbigkeit nicht bereits über das gewählte Material zur Wirkung kommt. Lediglich in architektonisch ausgewiesenen „Kunsträumen“ (etwa im Innenstadtbereich von Metropolen, Vergnügungsviertel, like „Las Vegas“ etc.) dürfen unserer Meinung nach auch satte, poppige Farben zur chrarakteristischen Milieubildung im öffentlichen Raum eingesetzt werden, sofern die Farbigkeit per se nicht bereits kulturelles Stilmerkmal einer Region oder eines Viertels ist (etwa die typisch rot getünchten Häuser in Norwegen, das freundliche Schweden-Gelb, das nordisch-frisische Blau oder das bergische Grün an Fensterläden und Türen usw.). Es ist nicht die Aufgabe der Architektur, Farbe in all ihrer Schönheit und Vielfalt zu präsentieren, wohl aber das verwendete Material und die Konstruktion ehrlich und sinnvoll im Raum darzustellen. Die Farbe und davon meist genügend kommt früh genug als mobile Applikation durch die Kunst, die Werbung und das Design in die Räume und an die Fassaden und kann dort ihre meist kurzweilige Mode ausreichend demonstrieren. Farbe verhält sich hier vielmehr als individueller Schmuck. Es gibt andere Kulturen, in denen die Farbe eine wesentlich größere Bedeutung hat als in Europa. Südamerikanische, aber auch afrikanische Länder gehen beispielsweise viel selbstbewußter, aber auch wesentlich tradierter und stilsicherer mit „bunten“ Farben in der Architektur um, während unsere europäischen, insbesondere nordeuropäischen Ausdrucksmittel eher technischer, konstruktiver und funktionaler Art sind. Die herrlichen Farben des mexikanischen Architekten Luis Barrag¡n (1902-1988), aber auch die mediterranen Pastelltöne Le Corbusiers wirken farbpsychologisch natürlich auch auf uns (Nord-) Europäer, sind jedoch kulturell (auch baukulturell) nicht oder nur sehr schwach in unserer Lebensvorstellung verankert. Ganz anders in Guatemala (Farben der Maya), Cuba, Bombay, Hawai oder auch Sri Lanka, wo die satten und bunten Farben quasi mit der Kultur, den Menschen und der Landschaft verschmolzen sind. Aber auch die Niederlande (Oranje) und Griechenland (Blau) u.a. benutzen Farbe zur kulturellen Identifikation. Aus Italien kennen wir das sogenannte Siennarot (ungebrannt eher Ocker bis Gelb, gebrannt Rotbraun) und die verschiedenen Orange-Ocker-Rottöne der regionalen Terracottaprodukte und der alten Dachziegel, dazu zahlreiche Sepia- und Umbratönungen. Die relativ homogenen Dachlandschaften von Florenz, Siena oder auch Bologna strahlen ein intensives Rot-Orange, was sich nahezu komplementär zur umgebenden grünen Hügellandschaft abzeichnet. Und in Siena ist sogar die berühmte Piazza del Campo, auf der alljährlich der bekannte „Palio“ stattfindet, mit Siennaroten Backsteinen zwischen hellen Travertinstreifen gepflastert.