Archive for the ‘architektur’ Category

chaos + ordnung

Mittwoch, Februar 11th, 2015

chaos + ordnung : bei dem Versuch, in der Architektur- und Baugeschichte ein wesentliches Kriterium für die Gestaltung von Gebäuden und Städten zu finden, stößt man in der Differenzierung aller Baustile immer wieder auf das Grundthema der „Ordnung“ beziehungsweise auf die beiden Pole Ordnung und Chaos. Ganz unabhängig, für welchen Zweck, mit welchen Materialien und mit welchen Konstruktionen ein Gebäude oder ein Stadtgrundriss hergestellt wird, lassen sich alle Artefakte der Form und Struktur nach in geordnete und weniger geordnete (chaotische) Gebilde zuordnen. Die Natur und Kosmologie selbst kennt ebenfalls geordnete und ungeordnete Zustände im Kräftegleichgewicht der Physik, der Chemie und Biologie. Da die Welt sich in keinem statischen Zustand befindet, bewirkt das Prozeßhafte im Spiel der Naturkräfte stets ein Kommen und Gehen von „stabilen“ oder existenzfähigen Zuständen. Auf jede Aktion (Impuls, Veränderung von Energie und Masse in Raum und Zeit) folgt eine physikalische, chemische und/ oder biologische Reaktion, die zu einer neuen, existenzfähigen Ordnung innerhalb der Naturgesetze führt. Eine bestehende Ordnung kann dabei durch chaotische (z.B. Explosion, Zusammenstoss etc.) oder mehr oder weniger regelmäßige Kräfte (z.B. Planetenbahnen, Gezeiten etc.) verändert werden. Dabei entstehen entweder komplett neue Strukturen (Vulkanausbruch, Eiszeit etc.) oder bestehende Strukturen passen sich den einwirkenden Kräften mehr oder weniger durch leichte Veränderung an (breites Spektrum an Belastbarkeit, Elastizität, Fähigkeit zum Wachstum/ Regeneration, Widerstandsfähigkeit usw.).

geordnete unordnung : Bei allem, was wir bisher aus der Natur und der Astronomie ableiten können, ist biologisches Leben ohne Veränderung energetischer, molekularer Zustände nicht möglich. Das Leben selbst ist stets etwas Prozesshaftes, niemals etwas Statisches oder Ideales (gedacht als maximale Ordnung, die über alle möglichen Krafteinwirkungen erhaben ist, quasi „ewig“ ist). Das Werden von etwas bedingt das Vergehen von etwas Vorherigem (Zyklus von Geburt, Leben, Tod). Diese Gesetzmäßigkeit der Natur schwebt als Erkenntnis zunächst einmal über allem, was wir Menschen über uns selbst und die Welt jenseits von Phantasie, Spekulation und Glauben in Erfahrung bringen können. Es gibt für den Kosmos, solange es Energie, Raum und Zeit gibt, keine Erlösung im Sinne einer höchsten, maximalen wie dauerhaften (ewigen) Ordnung, denn auch dieser Zustand wird sich zeitlich betrachtet wieder in ein maximales Chaos umwandeln, um schliesslich aus dem maximalen Chaos wieder zu einem möglichen Ganzen (das maximale, statische Kräftegleichgewicht der höchsten Ordnung) zusammenzufallen usw.

stabilität und prozess : Was hat nun die Baugeschichte mit den kosmischen Naturgesetzen zu schaffen? In nahezu allen Gebäuden der Menschheitsgeschichte finden wir die formale Suche  nach baulicher Ordnung, Statik, Festigkeit und Halt. Dabei spielt das Wissen um das „Vergehen“ und den Zerfall stets eine bedeutende Rolle. Stabile Zustände (Regeln, Gesetze, Riten etc.) sind dabei stets die Grundlage einer organisierten, funktionsfähigen Gesellschaft. Veränderungen jedweder Art (Witterung, Naturkatastrophen, Krankheiten etc.) sorgen dabei für eine drohende Instabilität der bestehenden Ordnung innerhalb einer Gesellschaft. Darum ist das Streben nach Festigkeit, Ordnung und Regelmäßigkeit in unserem Handeln eine existentielle Notwendigkeit zum Überleben. Angst und Sorge um die Zukunft sind ein zentraler Bestandteil unserer psychologischen Grundausstattung, die unser Handeln (und damit auch das Bauen) maßgeblich beeinflusst. Aus der Angst vor der Sterblichkeit (und damit auch die Angst vor dem Vergessen-Werden) hat man gewaltige Pyramiden, Begräbnis- und Weihestätten wie auch Denkmäler bauen lassen und die Burgen, Festungen und Stadtmauern konnten nicht stabil genug sein, um möglichen Gefahren zu trotzen.

prägnanz der symmetrie : Und die Suche nach stabilen Strukturen hat sich damit auch auf die Form der Gebäude sowie deren baukörperliche Gliederung erweitert. Dabei haben sich die platonischen Körper, allesamt achialsymmetrische oder punktsymmetrische Geometrien, als besonders stabil und in der Wahrnehmung als äußerst prägnant erwiesen. Je symmetrischer ein Körper oder eine Figur aufgebaut ist, desto sicherer, schneller und eindeutiger (prägnanter) verläuft seine wahrnehmungspsychologische Identifizierung über das neuronale Belohnungssystem (Lesbarkeit, Interpretation, Deutung, Prägnanztendenz in der Gestaltpsychologie).

privileg der symmetrie : Kreis, Dreieck und Quadrat bzw. Kugel, Halbkugel und Zylinder, Pyramide (Tetraeder) und Kubus (Hexaeder) haben sich hier aus den insgesamt 5 platonischen Körpern als bevorzugte Standardformen im Formenrepertoir der Baumeister etabliert „und“ wurden den hierarchischen Ordnungsstrukturen einer Gesellschaft (herrschende bzw. privilegierte Klassen) zugeordnet. Achsialsymmetrische Bauwerke waren damit überwiegend für kirchliche, religiöse und bedeutende öffentliche Funktionen (Profanbauten) reserviert. Hiermit kommt es zu einer formalen Gleichsetzung von „Macht“ bzw. Autorität mit überwiegend „symmetrischen Baukörpern“ (Figuren, Formen) und/ oder ihrer symmetrischen Gliederung. Diese sprachliche (begriffliche) Determinierung als Analogie ist natürlich nur „ideal“ und symbolisch gedacht (hat also einen bedeutenden semantischen Wert), entbehrt aber jeder funktionalen, konstruktiven oder statischen Authentizität und Ableitung. Dennoch ist unser ganzes Denken wie auch die Wahrnehmung der Welt bis heute extrem achsialsymmetrisch gewichtet (effektives Belohnungssystem), da wir in dem optischen Ebenmaß (Gleichmaß) u.a. einen Garanten für eine ausgeglichene Gefühlswelt finden (Unordnung/ Chaos = Gefahr = Angst bzw. im Umkehrschluss dann: Ordnung = Sicherheit = Sorglosigkeit/ Entspannung).

zwei seelen in meiner brust : Tatsächlich aber ist der Mensch (wie auch die meisten Tiere) in seiner anatomischen Grundstruktur (Skelett, Muskelatur, Nervensystem etc.) zwar „quasi“ achsialsymmetrisch, bezüglich seiner inneren Organe, Blutgefäße und Gehirnfunktionen jedoch relativ unsymmetrisch konzipiert. Auch Pflanzen weisen sowohl symmetrische (Blattform) wie auch asymmetrische Strukturen (Astwerk) auf. Es ist allein das Prinzip der Prägnanz (Reduktion auf eine möglichst einfache, schnell verständliche wie eindringliche, wenig komplexe Form), daß wir Menschen symmetrische Figuren und Körper zunächst einmal favorisieren, im weiteren Verlauf der Betrachtung aber wegen ihrer dann doch zu niedrigen Komplexität als eher langweilig, monoton, trivial und wenig anspruchsvoll bewerten. Damit spannt sich unser Verständnis für Formen und deren geometrische bzw. mathematisch definierten Strukturen irgendwo zwischen totalem Chaos (Beispiel Sternbild) und trivialer, einfaltsloser geometrischen Achsialsymmetrie (Quadrat, Kreis), je nach dem, wie intensiv und tiefgründig man sich mit einer Struktur beschäftigt. Ästhetisch betrachtet können -trotz Prägnanzprinzip- sowohl einfachste Körper (Beispiel Leuchtturm) wie hochkomplexe oder chaotische Figuren (Beispiel Landschaftsbild, gefaltetes Gebirge etc.) als „schön“ empfunden werden.

symmetrische wechselwirkung : Im Städtebau, also einem räumlichen Gefüge von einzelnen Bauten, ordnet sich der einzelne Baukörper jedoch dem räumlichen Kontext unter. Hier wird beispielsweise die sprachliche Monotonie eines hochausbalancierten, in sich geschlossenen, achsialsymmetrischen Bauwerkes (eine Kirche, ein Palast, ein Tempel) allein durch seinen (chaotischen, asymmetrischen) Kontext ästhetisch belebt. Diese Erfahrung können sie beispielsweise vortrefflich am Markusplatz in Venedig machen, eines der spannendsten Ensemble aus achsialsymmetrischen bzw. linear aufgebauten Einzelgebäuden überhaupt (Dogenpalast + Piazzetta, Markuskirche [in sich abgeschlossene, eigenständige, achsialsymmetrische Figur], die schier endlosen Arkadenreihen der Prokuratien [lineare, horizontale Struktur, Reihung] und als Schlüsselfigur der freistehende Campanile [ordnende, den Raum organisierende Vertikale, Drehachse, achsialsymmetrisch], der dem Platz seine eigentliche ästhetische Komponente verleiht). Obwohl oder gerade weil! keine einzige Spiegelachse bzw. Fassadenfront ein entsprechendes Gegenüber als baukörperliche oder funktionale Reaktion findet (wie etwa bei der Achsialsymmetrie in Versaille) und auch die Fluchtlinien der einzelnen Gebäudekanten keinen direkten Bezug zueinander herstellen, bilden die eigenständigen, nicht orthognal oder parallel zueinander gestellten Fassadenfronten [lediglich der abgerückte Turm an der Scheide des großen und kleinen Platzes ist paralle zur Prokuratie gestellt] einen organisierten, in sich schlüssigen wie zusammenhängenden Raum. Eine achsialsymmetrische, orthogonal bzw. parallel verlaufende Anordnung der den Platz fassenden Gebäude würde den Platz in all seiner Schönheit zunichte machen. Hierbei wird die monotone, endlose wie maßstabslose Arkardenreihung der Prokuratien durch den vertikalen Paukenschlag des Turmes und die achsialsymmetrische Prachtfassade der Markuskirche in der ästhetischen Bildanalyse „erlöst“. Ein schöner Ton wirkt um so schöner, je unschöner die umgebenden Töne als Vorspiel wirken.

symmetrie verankert : Solitäre Gebäude, die im freien Raum, insbesondere im Landschaftsraum stehen (also keinem unmittelbaren städtebaulichen Kontext ausgesetzt sind), brauchen hingegen eine selbstreferentielle Symmetrie, um im relativ chaotischen Landschaftsbild einen ruhenden Anker zu finden bzw. eine gestalterische Setzung zu formulieren (siehe beispielhaft diverse Villen von A. Palladio in Venetien). Asymmetrische Baukörper würden sich als Solitäre im eher heterogenen Kontext der Natur verlieren.

flexibilität der ymmetrie : Der überwiegende Anteil unserer alltäglichen Artefakte (Werkzeuge, Geräte, Maschinen, Verkehrsmittel etc.) ist mit wenigen Ausnahmen der Form nach punkt- oder achsialsymmetrisch aufgebaut. Achsialsymmetrische Artefakte sind mehr oder weniger richtungslos und besitzen damit ein breiteres Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten (quasi universale Artefakte). So etwa können zylindrische Gefäße (Vase, Trinkglas, Teller, Topf etc.) von allen Seiten gleichmäßig benutzt werden, während eine Kanne mit Griff und Tülle, ein Hammer mit Bahn und Finne oder ein Füllfederhalter mit Tintenhalter und Feder eine gerichtete (damit im Raum eingeschränkte) Handhabung erfordern.

form follows function : Je weniger Symmetrieachsen ein Gegenstand aufweist, desto eingeschränkter bzw. ergonomischer seine Handhabung (händische Benutzung). Hinzu kommt, daß sich achsialsymmetrische Formen zumindest maschinell (durch Rotationsmaschinen) leichter herstellen lassen als asymmetrische Formen (mit Ausnahme von rotationsfreien Stanzungen, Drucken, Tiefziehformen oder Güssen). Bei kinetischen Objekten (Fluzeug, Auto, Bahn, Schiff, Patrone, Rakete etc.) hingegen wird die symmetrische Form durch die in Bewegungsrichtung gleichmäßig wirkenden Gas- oder Flüssigkeitswiderstände abgeleitet (Aerodynamik etc.). Letztendlich entscheiden je nach Funktion und Nutzung sowie Herstellungsverfahren, Material und Konstruktion mehrere Faktoren, welchen Symmetriegrad die Artefakte formal besitzen. So etwa macht es ergonomisch Sinn, die beiden Scherengriffe (Augen) unterschiedlich groß zu gestalten, also das obere Auge für den Daumen [Druckfläche vertikal nach unten] und das untere Auge für Zeige- und Mittelfinger [Druckfläche vertikal nach oben] zu dimensionieren. Einen PC bzw. seine Verkleidung symmetrisch zu gestalten macht ebenfalls keinen Sinn, da die einzelnen, unterschiedlich großen Komponenten (Anschlüsse, Bauteile etc.) keine symmetrische Anordnung erforderlich machen.

symmetrie präsentiert : Wenn nun, wie bei den meisten mobilen Artefakten, die Funktion das Hauptkriterium für die Formfinfung und Symmetrieausbildung bei Gebäuden und Freiräumen ist, gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Funktionen, die tatsächlich eine symmetrische Anordnung von Räumen und daraus resultierenden Baukörpern oder Plätzen erfordert: nämlich zu Zwecken der „Präsentation“ (Bühne, Theater, Kino, Hörsaal, Konferenzraum, Festsaal, Kirchenraum, Arena, Stadion, Versammlungsplätze) sowie Turmbauten (ideale statische Konzeption der gleichmäßigen, also symmetrischen Lastabtragung). Alle anderen Funktionen, und damit die Mehrheit aller üblichen Raum- und Gebäudenutzungen, erfordert hingegen „keine“ zwingende symmetrische Anordnung oder Grundrissdisposition. Dass dennoch soviele Gebäude (insbesondere öffentliche Gebäude wie Universitäten, Museen, Gerichtgebäude, Rathäuser etc.) symmetrisch konzeptioniert sind (obwohl die inneren Funktionen keine symmetrische Anordnung erfordert), hat demnach etwas mit formaler Willkür (also einem übergeordnetem Gestaltungswillen) zu tun, die durch die Wahl der Form eine bewußte bzw. beabsichtigte Täuschung in Kauf nimmt oder als etwas gelten möchte, was präsentativen, herrschaftlichen Chrakter haben soll. Schwierig ist es immer dann, wenn private oder gewerbliche Gebäude sich mit oder durch die „herrschaftliche“ Symmetrie schmücken und damit aus dem Kontext als etwas besonderes hervorheben wollen, obwohl es für diese Funktion keine gesellschaftliche Konvention gibt.

Aber formale Zwänge dieser Art, in der die Funktion nicht mit der gewählten Form übereinstimmt, gibt es bei allen, also auch asymmetrischen Formen und die Täuschung kann auch als eine „natürliche“, also legale oder erlaubte Form der Werbung verstanden werden (etwa bei der Mode, dem Schmuck etc.).

originalität der asymmetrie : Zu behaupten, asymmetrische Gebäude hätten weniger ästhetische Qualitäten wie symmetrische Gebäude (wie auch umgekehrt), ist törricht und nicht verizierbar, auch nicht durch das Prägnanzprinzip, bei dem unser Gehirn zur symmetrischen Simplifizierung der optisch wahrgenommenen Welt neigt (durch die Spiegelung muß nur eine Häfte des Objektes gelesen werden . . . es reichen also 50% Bildinformationen, um das ganze Bild [als Rekonstruktion] herzustellen). Tatsächlich gibt es keinen Menschen, dessen Körperoberfläche (z.B. Gesicht) exakt symmetrisch wäre, auch wenn wir den visuellen Eindruck von 100% Symmetrie haben. Hinzu kommt, daß die leichte Asymmetrie von Gesichtern ästhetisch höher bewertet wird als eine symmetrische Darstellung des gleichen Gesichtes [durch Spiegelung der linken oder rechten Gesichtshäfte]. Kommt noch ein Schönheitsfleck als asymmetrische Kennzeichnung hinzu, wird auch dies als sehr attraktiv bewertet.

makel der perfektion : Wahrscheinlich ist es in der ästhetischen Objektwahrnehmung eine Mischung aus Symmetrie (schnelle Lesbarkeit, einfache Rekonstruktion) und Asymmetrie (individuelle Kennzeichnung, Alleinstellungsmerkmal, Abweichung), die uns Menschen am besten gefällt. Die Perfektion und Makellosigkeit, die für eine geometrische Symmetrie notwendig ist, kann manchmal auch befremdlich, kalt und steril wirken, da sie so wenig „menschliches“ (makelhaftes) und zu viel maschinelles (makelloses, perfektes) besitzt. Man kann sich selbst ein Urteil verschaffen, wenn man beispielsweise symmetrische Haarschnitte mit asymmetrischen Haarschnitten vergleicht. Mag sein, daß das (von uns Menschen vermutete) göttliche, nicht irdische in reinster mathematischer Symmetrie aufgeht und alles irdische, menschliche sich darum allein durch Asymmetrie auszeichnet. Die Symmetrie hat mit dieser Gleichsetzung sowohl etwas faszinierendes wie abschreckendes an sich, etwas, was wir wegen seiner Perfektion und Klarheit bewundern und begehren, zugleich aber auch ablehnen, da es unserer ungleichgewichtigen Natur (körperlich wie seelisch) nicht oder nur zum Teil entspricht.

symmetrie belohnt : Man kann in der symmetrischen Gestaltung aber auch den idealen „Abschluss“ (Aktivierung des Belohnsystemes) eines rationalen  (also nach höchster Ordnung strebenden) Formfindungsprozesses sehen. Die Symmetrie (als mathematische, abstrakte Regel) hilft, der in der Welt empfundenen wie wahrgenommen Willkür, Zufälligkeit oder Regellosigkeit (Aktivierung der natürlichen Angstmechanismen) etwas definiertes (also eine mathematische Lösung) entgegen zu stellen, an der sich unsere Gefühle und Gedanken aufbauen und aufrichten können (Orientierung geben). Die Welt beherrschen und kontrollieren zu wollen gelingt psychologisch bzw. mental nur mit der vereinfachenden Abstraktion mathematischer Gleichungen (Befriedigung des Logos) bzw. seiner „symbolhaften“ Abbildung und Transformation auf die Welt der Artefakte. Offensichtlich ist unser Gehirn nicht in der Lage, komplexe asymmetrische Figuren oder Körper rational zu erfassen bzw. zu rekonstruieren, so dass wir Gestalt und Form immer wieder auf uns bekannte (neuronal rekonstruierbare) symmetrische Figuren abstrahieren, vereinfachen und reduzieren, um sie den Strukturen unseres Gehirnes zugänglich und damit rational operabel zu machen. Wohl können wir asymmetrische Figuren oder Bilder wahrnehmen und auch ästhetisch bewerten, doch „klären“ können wir sie meist nur mit mathematischen Gleichungen (symmetrische Abstraktionsmodellen).

energie macht symmetrie : Nun könnte man (recht unwissenschaftlich) spekulieren, daß der Kern (Atomphysik, Quantenmechanik etc.) alles Seienden eine symmetrische Konstruktion ist (weil sie die effektivste wie stabilste Bauart ist), während alle vorkommenden asymmetrischen Zustände nichts anderes als eine räumlich ungleichmäßige Verteilung symmetrischer Grundteilchen darstellen. Das strukturelle Grundprinzip des kleinsten Teilchens (hier also ein Kugelmodell mit unedlich vielen Symmetrieachsen durch den Kugelmittelpunkt) aber bleibt stets die Symmetrie. Dies aber müßte dann die Physik, Chemie und Biologie beweisen oder widerlegen, ob es wirklich einen allerersten symmetrischen Prototypen (die „energiefreie“ Muttersymmetrie) gibt, aus dem sich dann alles uns bekannte in Raum und Zeit entwickelt hat oder aber die Symmetrie nur das Resulat einer äußeren, mehr oder weniger gleichmäßigen Kraft- oder Energieeinwirkung ist (z.B. Gravitation, Impuls, Kraftstoss etc.), die eine molekulare, körperliche, stoffliche Symmetrieausbildung begünstigt bzw. verursacht (z.B. Kristallbildung). Doch dies sind u.a. Fragen nach der Urenergie bzw. der Entstehung von Energie, Raum und Zeit, die hier nicht beantwortet werden können ( . . . gibt es Energie ohne Zeit?, . . . gibt es Raum bzw. Stoff ohne Energie? usw.). Fest steht hier nur, daß eine gleichmäßige Krafteinwirkung (die es i.d.R. nur unter Laborbedingungen gibt) auf einen ungleichmäßig geformten Körper langfristig zu einer gleichmäßigen, damit auch symmetrischen (geordneten) Anordnung bzw. Verteilung der einzelnen Atome oder Moleküle führt. Bei den Materialien gibt es sowohl kristalline Stoffe (Atome bilden eine geordnete Struktur mit hoher Dichte, Fernordnung. z.B. Quarz) wie auch amorphe Stoffe (Atome mit unregelmäßiger Struktur mit geringerer Dichte, Nahordnung, z.B. Glas, vulkanisches Gesteinsglas Opsidian, Magnetstoffe, weichmagnetische Legierungen [Fe-Ni-Co], Kunststoffe wie PS, PVC oder PC). Hierbei wird durch beispielsweise zu schnelles Abkühlen oder Aufdampfen eine Kristallisation (also eine gleichmäßige Anordnung der Moleküle auf einem räumlichen Raster) verhindert. Wie auch immer gibt es bei aller abstrakten Mathematik in der Kristallographie jedoch in der Natur -also real- wegen der Gitterfehler und den Gesetzen der Entropie keine idealen Kristalle (es gibt stets Unregelmäßigketen in den sonst periodischen Kristallgittern)!

stabilität der unordnung : Was immer wir auch von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten lernen können: es gibt geordnete und ungeordnete Strukturen, es gibt amorphe und kristalline Stoffe, und es gibt Energie, die Ordnung zu Unordnung macht (Kollision) und Unordnung zu Ordnung macht (Kristallisation). Alles ist in geordneter (weil gesetzmäßiger) Bewegung in Raum und Zeit und strebt langfristig stets zu stabilen, geordneten Zuständen (das, was L.B. Alberti die „Schönheit“ der Natur nennt). Die Unterscheidung der Dinge entspricht einer grundlegenden Ordnung (deren höchste die Symmetrie ist), während die Vermischung der Dinge eine Form der (atomaren) Unordnung herstellt, bei der ursprüngliche Energie verloren geht (Entropie).

unperfektion des göttlichen : L.B. Alberti hat im Erkennen des „Schönen“ = Ebenmaß = Ordnung = Symmetrie im direkten Vergleich zum „Häßlichen“ eine objektive, also jedem Menschen apriori (also erfahrungsfrei) gegebene Urteilskraft beigemessen (welches noch zu beweisen wäre). Harmonie, Gleichgewicht, Relationen, Proportionen und Symmetrie etc. entspringen demnach allein dem Logos der Mathematik, nach der auch die Natur sich bildet. Durch die praktische (künstlerische) Anwendung der Mathematik kann die „natürliche“ (aber meist fehlerhafte) Schönheit (der Natur) sogar noch übertroffen werden! An dieser Stelle mag man inne halten und nachdenklich werden: ist die Natur, und damit auch der Mensch, durchgehend nach den Prinzipien bzw. Gesetzen der mathematischen Ordnung (= Schönheit) ausgebildet? Ist alles Häßliche (also eine Form der Ungleichung) dann nur ein Fehler der (unsymmetrischen) Komposition bzw. Konstruktion? Und wie kann es sein, daß wir Menschen auch in ungeordneten, nicht harmonischen, asymmetrischen Zuständen etwas „Schönes“ erblicken können? Wo verläuft die Grenze zwischen Ordnung (Schönheit, Harmonie) und Unordnung (Häßlichkeit, Disharmonie)? Steht der Logos der Mathematik (definiert als Vernunft) mit unserer irrationalen Gefühlswelt (Unvernunft, Unwissenheit, niedere Instinkte etc.) in einem (möglicherweise darwinsistischem) Wettbewerb? Und wie würde eine durch und durch kristalline Welt als Idealbild tatsächlich aussehen? Für L.B. Alberti ist beispielsweise der „Plan“ und die (abstrakte) Überprüfung am Modell (Verifizierung) die Grundvoraussetzung für das Schaffen von Schönheit. Doch was ist dann mit den „planlosen“, jeglicher Rationalität entbehrenden Schöpfungen?

perfekter dreiklang ? : Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tatsache, daß die Mathematik die Gestalt oder Komposition lediglich in eine geordnete „Form“ bringt (also eine „formale“ Sache ist) und sich damit über die Zwänge und Bedingungen einer „vernünftigen“ Funktion (utilitas) sowie einer „vernünftigen“ Konstruktion (firmitas) stellt. Alberti geht stets von einem (geplanten) Glücksfall aus, bei dem die Form, Konstruktion und die Funktion optimal (… daß man nichts hinzufügen oder wegnehmen könne….) aufeinander abgestimmt sind.

symmetriezwänge : Dies ist aber am Beispiel eines einfachen Wohngebäudes schon garnicht so leicht zu erfüllen, da es funktional unterschiedlich große Räume gibt, entsprechend unterschiedliche Raumhöhen, unterschiedliche Spannweiten, unterschiedliche Lastfälle, unterschiedliche Bauteildimensionierungen, unterschiedlich große Tür- und Fensteröffnungen usw.. Es müßte demnach ein „symmetrisches“ Raumprogramm vorliegen (also eine symmetrische Funktion), um tatsächlich durch symmetrische Konstruktionen eine symmetrische Gesamtform abbilden zu können. Das Einpressen von unterschiedlichen Funktionen (und die sind i.d.R bei allen Bauaufgaben immer gegeben) in ein regelmäßiges Konstruktionsraster (aus dem allein nur ein geordneter Körper entstehen kann), verursacht jedoch jede Menge funktionale, konstruktive wie formale Kompromisse, die eine perfekte oder ideale Harmonie (Passung, Entsprechung, Kongruenz etc.) von Form, Konstruktion und Funktion im Sinne L.B. Alberti ausschliessen.

emanzipation der symmetrie : Le Corbusier versuchte  erstmals mit seinem „plan libre“ (konstruktive Loslösung von Wand, Decke und Fassade) auf die asymmetrischen Funktionen innerhalb eines platonischen Körpers reagieren zu können (Dom-ino Haus 1914, „5 Punkte zu einer neuen Architektur“, 2917). Fenster, Öffnungen und Wände können nun im Grundriss frei (flexibel) vom eigentlichen Tragwerk angeordnet werden. Es dauerte noch ein Weilchen, bis E. Mendelsohn 1919-22 den Einsteinturm in Potsdam (eine organische, dennoch 1-achsig symmetrische Form) und schließlich H. Scharoun 1960-63 die „Berliner Philharmonie“ bauten. Zur gleichen Zeit hatte M.v.d.Rohe die „Neue Nationalgalerie“ in Berlin entworfen, die auf Entwürfe des unausgeführten Verwaltungsgebäudes von Bacardi (1957) und Entwürfen des ebenfalls unausgeführten „Museum G. Schäfer“ in Schweinfurt (1960-63) basierten. Bei Mies ein „quadratischer“ Stahl-Glaspavillon als stützenfreie Haupthalle mit weit auskragendem, auf nur 8 Stahlstützen ruhenden quadratischen Dach als maximale Lösung für den von ihm angedachten „Universalraum“. Mies reduziert dabei das Tragwerk des Daches auf ein Maximum und löst es mit den außenliegenden Stützen vollständig vom allseitig verglasten Innenraum. Dennoch konstruiert Mies wieder ein Quadratraster und auch der Innenraum, der ja nun der Form nach beliebig frei unter dem quadratischen Dach gestaltet sein könnte, ordnet sich formal dem strengen, gleichmäßigen Konstruktionsraster (360 x 360cm) des Daches unter und bildet ein allseitig gleichmäßig eingerücktes Quadrat.

innen und aussen : Während Mies die konstruktiv gewonnene Freiheit im Grundriss sogleich wieder durch die Form des Quadrates konterkarriert (der Gedanke des „Universellen“ läßt sich halt nur mit einer symmetrischen, in sich ruhenden Figur, hier also das „Quadrat“, ausdrücken), entwickelt Scharoun seine Baukörper aus einer quasi organischen Funktionalität ganz frei von Innen nach Außen und dimensioniert die unterschiedlichsten Räume halt nur so groß, wie sie eben ihrer Funktion (z.B. Akustik) sein müssen und vermeidet Symmetrie und Rechtwinkligkeit im Grundriss, wo sie die Funktion nicht zwingend erfordert. Auch wenn der große Saal als Hauptkörper quasi über alle Geschosse hinweg symmetrisch aufgebaut ist, wird die daraus resultierende symmetrische Kubatur in den oberen Geschossen partiell durch zusätzliche Funktionen (Erweiterungen) bewußt gebrochen und formal an diesen Stellen in einen amorphen Körper überführt. Dabei werden die zusätzlichen Funktionen nicht als eigenständiger Körper lesbar gemacht (wie es etwa noch das funktionalistische Credo von Walter Gropius und dem Bauhaus in Dessau gewesen wäre) sondern mit der „Saalhülle“ umwoben und formal zu einem ganzen Körper zusammen gefaßt. Lediglich ein paar Fenster verraten, daß sich hier hinter der Fassade eine andere Funktion befindet.

irrweg formalismus : Beiden Architekten, Mies wie Scharoun, kann man trotz ihrer fast gegensätzlichen Entwurfsansätze einen Formalismus im Umgang mit Funktion und Kubatur vorwerfen. Da, wo konzeptionelle Klarheit geschaffen werden soll, gibt es an anderer Stelle stets funktionale, konstruktive oder formale Unklarheit. Kompromisse dieser Art durchziehen aber die gesamte Baugeschichte (auch die Werke der großen Baumeister) und bis heute haben wir Architekten kein System gefunden, das gleichermaßen (wie L.B. Alberti es gefordert hat) die Funktion, die Form und die Konstruktion als vollkommene Symbiose zusammenbringt. Eine durch und durch rationale Welt à la M.v.d.Rohe, Gropius, R. Meier oder O.M. Ungers mag ebenso unbefriedigend sein wie eine durch und durch irrationale Welt à la Scharoun, Behnisch, Gehry oder Hadid.

win win : Es bleibt also nur die demokratischste aller möglichen Variationen, die Vielfalt der Ordnungssysteme in all ihrer ästhetischen Inkompatibilität trotzdem zu respektieren und gewähren zu lassen ohne dabei den Gemeinsinn durch zu stark ausgeprägten Individualismus zu verlieren. Es scheint, im Sinne Kant´s und dem kategorischen Imperativ schier unmöglich zu sein, es allen Vorlieben und Ansprüchen recht zu machen und auch die Vernunft (als Leitmotiv oder Maxime) ist nur eines von vielen Kriterien, nach denen wir die Dinge beurteilen und bewerten können. Doch immer dann, wenn eine gefundene Form sich allzu machtvoll und alles beherrschen wollend unserem Denken und Fühlen aufdrängen will, sollten wir Abstand nehmen, zögern und kritisieren, in dem (historischen) Wissen, daß totalitäre Systeme gleich welcher Art jede gewonnene Freiheit im Denken und Sein zunichte machen, sie zumindest stark einschränken. Das gleiche gilt im übrigen auch für extremes Chaos. Weder Symmetrie noch Asymmetrie sind per se besser oder schlechter, geeigneter oder ungeeigneter. Die Symmetrie (begriffen als fertiges, abgeschlossenes, zentriertes Bild) hilft, die Dinge schneller und eindeutiger zu erfassen, während die meist komplexer aufgebaute Asymmetrie (begriffen als Momentaufnahme eines sich ordnenden oder auflösenden Prozesses) unser eigentliches ästhetisches wie geistiges Interesse weckt und herausfordert.

asymmetrie : Die Faszination der asymmetrischen Kompositionen werden durch ein permanentes Suchen nach Balance zwischen den ungleichmäßig angeordneten Teilen einer Gestalt hervorgerufen. Hierbei entsteht immer ein Spannungszustand zwischen den ungleich großen, ungleich geformten oder sonstwie ungleich behandelten Teilen. Eine ausbalancierende und damit ordnende Symmetrieachse gibt es beim Betrachten solcher Kompositionen nicht! Nicht nur, daß sich die Formen selbst ausgleichen müssen, auch die Materialien (insbesondere die Farbigkeit der Materialien) suchen nach Balance. So etwa sind die harmonischen Flächengrößen der Komplementärfarben bei Gelb und Violett 1:3, bei Rot und Grün 1:1 und bei Blau und Orange 1:2. Durch die asymmetrische Teilung kommt es immer zu einer Verlagerung des visuellen Schwerpunktes, wobei die ungleich großen Flächen (oder Formen) stets in eine starke Relation gesetzt werden (Dialog der Flächen oder Formen). Dabei sucht das Auge immer nach einer ordnenden, also mathematisch erklärbaren, ableitbaren Struktur (die ja bei symmetrischen Flächen oder Körpern schnell durch die Symmetrieachse hergeleitet werden kann). Die ungleiche Teilung von Flächen oder Formen drückt sich dabei strukturell in uns bekannten Zahlenverhältnissen wie etwa 1:3, 1:4, 1:5, 1:10 aus oder wird über bereits bekannte (erlernte) Formen und Flächen (etwa das L-Motiv) rekonstruiert. Aber auch die verikale Position im Raum (oben/ unten) oder die Raumausrichtung (Dynamik: horizontal/ vertikal, schräg/ gerade usw.) hilft, die Teile in eine räumliche und damit rekonstruierbare Relation zu setzen. Auch die Erkennung von regelmäßigen Reihen oder Serien (z.B. 1:2:1:2) hilft, die anfängliche Unordnung mathematisch zu ordnen.

informationsgehalt : Die eigentliche Qualität der asymmetrischen Teilung aber liegt in der Steigerung des Informationsgehaltes einer Figur (einer Fläche oder eines Körpers), womit der semantische Wert quasi verdoppelt wird. Ein symmetrisch geteiltes Quadrat wird gelesen als 2 x 1/2 Quadrat (Anzahl: 2, Form: 1/2 Qudrat), während ein asymmetrisch geteiltes Quadrat als 1 x 1/3 + 1 x 2/3 (Anzahl: 2, Form: 1/3 Quadrat + 2/3 Quadrat) gelesen wird. Durch diesen einfachen Trick wird der Informationsgehalt der zweiteiligen Figur verdoppelt. Um die asymmetrische Figur zu lesen, bedarf es einer komplexeren, höher entwickelten Sprachkompetenz, da die zu verarbeitende Informationsdichte nun höher ist. Wird nun das Quadrat nochmals in der Horizontalen geteilt, wir das symmetrische Quadrat als 4 x 1/4 Quadrat gelesen (Anzahl: 4, Form: 1/4 Qudrat), während bei der asymmerische Teilung (vertikale Teilung z.B. 1:2, horizontale Teilung z.B. 1:4) sich nun 4 unterschiedlich große Rechtecke ergeben. Hinzu kommt neben der rein geometrischen Differenzierung noch die funktionale Differenzierung, die wir zwar nicht wissen, aber stets in der Ungleichheit der Formen und Figuren vermuten. Ungleich große Teile können nicht die selbe (wohl die gleiche) Funktion haben. Sinn und Zweck (also die Funktion) offenbart sich in der ehrlichen (speziell auf die Funktion ideal abgestimmten) Konstruktion (so zumindest die Erwartung)! Irritierend wirken beispielsweise die nach dem 2. Weltkrieg ungleich aufgebauten, ürsprünglich symmetrisch gestalteten Doppelturmspitzen des Westwerkes von St. Andreas, St. Katharinen und dem Dom St. Blasius in Braunschweig. Nur schwer können wir glauben, daß die Asymmetrie aus unterschiedlicher Funktion der im Westwerk symmetrisch plazierten Zwillingstürme abgeleitet ist. Hier findet die Asymmetrie keine funktionale noch formale Entsprechung und das ganze sieht ziemlich merkwürdig, vielmehr disharmonisch aus, zumal der symmetrische Unterbau hier mit einem asymmetrischem Überbau kombiniert ist (dessen formale oder funktionale Logik sich nicht erschließt). Symmetrisch konzipierte Gebäude können sehr leicht durch asymmetrische Anbauten, Aufbauten oder sonstige Unregelmäßigkeiten an Klarheit verlieren. Symmetrische Systeme dulden kaum Abweichungen (Regelverstöße) und sind als abgeschlossene Solitäre nur schwer außerhalb ihrer Ordnungssystematik erweiterbar! Der vermeindliche Makel wirk hier formal eher makaber, grotesk bis witzig, wenngleich hier die eigentliche Intention wohl  eher als Mahnmal gegen den Krieg zu verstehen ist.

Es bleibt festzustellen, daß eine eher funktionale Gestaltung unserer Umwelt und Artefakte nur sehr schwierig mit symmetrischen Geometrien zu realisieren ist. Die formalen Zänge symmetrischer Geometrien sind so hoch, daß sie oftmals gegen die eigentliche (spezifische) Funktion arbeiten. Allein für repräsentative Zwecke mag sie geeignet sein, wenngleich auch diese Funktion durch asymmerische Gliederungen dargestellt werden kann. Das Prinzip der Spiegelung und Zentrierung (verstanden als universale Sprache) ist nicht oder nur bedingt mit den Anforderungen des Speziellen wie auch Individuellen vereinbar. Das Unterschiedliche und Vielfältige läßt sich am besten durch asymmetrische Strukturen darstellen.

 

architecture tomorrow

Sonntag, Dezember 21st, 2014

architecture tomorrow : visionäre Architektur gibt es – relativ betrachtet- seit dem die Menschen bauen und konstruieren. Charakteristisch hierfür ist meist immer die Anwendung neuer Konstruktionen, neuer Materialien und das Schaffen neuer Bautypologien bzw. neuer Bauaufgaben.

Allen Architekturen gemeinsam ist, daß sie Räume mit Materialien schaffen und dabei den naturgegebenen statischen Gesetzen genügen müssen. Physikalisch und mathematisch betrachtet ist das Reich der Formen, Geometrien, Konstruktionen wie auch der Materialien längst vollständig definiert und umrissen. Wie hoch oder weit eine raumbildende Konstruktion aus einem Material X geschaffen werden kann, wird letztendlich durch die immergleichen Gesetze der Statik (Physik) und den Materialeigenschaften (Chemie) definiert. Der Bauort definiert schliesslich noch die klimatischen und sonstigen statischen Randbedingungen (Schnee- und Windlasten, tragfähiger Grund/ Gründung, chemische Beanspruchung der Bauteile durch Luft und Erde etc.). Wir können formal eine Amöbe nachbauen, einen Insektenflügel, eine Blume, einen Grashalm, eine Wirbelsäule oder ein Molekül (z.B. Kalotten-, Bänder-, Stäbchenmodell). Wir können alle Stoffe verwenden, die es auf der Erde gibt und sie chemisch oder physikalisch zu neuen Materialien (Kompositwerkstoffen) formen. Wir können Membranen herstellen und sie mit Gasen oder Flüssigkeiten füllen. Wir können die Füllstoffe durch Elektrizität oder Druckveränderungen in andere Aggregatszustände versetzen. Wir können Materie zum Leuchten und Schwingen anregen. Wir können Holz, Kohlenstoffe, Mineralien und Metalle zu neuen Materialien formen. Und wir können durch simple Mechanik die Bauteile beweglich machen. Insofern ist theoretisch schon alles da, was chemisch und physikalisch machbar ist oder machbar sein wird. Ob man nun einen 400 Meter hohen oder 4 Kilometer hohen Wolkenkratzer baut, ist bestenfalls noch eine technische (statische) Herausforderung, sowie auch die Dicke von Glasscheiben, Membranen oder Blechen auf ein Minimum reduziert werden können, um den statischen Anforderungen zu genügen. Auch die Entwicklung von biologischen Baustoffen (deren ideale statische oder molekulare Struktur sich beispielsweise automatisch, also durch (bio-) chemische Reaktionen formiert) ist lediglich von der Natur abgekupfert (Zellenwachstum usw.). Gesehen oder imaginiert haben wir -oder zumindest die Naturwissenschaftler- eigentlich schon alles, was nur denkbar, vorstellbar und für das Auge sichtbar ist. Selbst eine fliegende (schwebende) Untertasse wird uns kaum noch vom Hocker reißen, wenn wir sie denn einmal mit elektromagnetischen Kraftfeldern bauen sollten. Und auch eine Unterwasserstadt (Jule Verne´s „Die Propellerinsel“ oder James Bond´s „Der Spion, der mich liebte“ lassen grüßen) oder eine Mega-City-Kuppel á la Buckminster Fuller wird kaum noch jemanden wirklich staunen lassen. Ja, all das könnten wir vielleicht bauen und werden wir auch bauen, aus welchen Gründen auch immer. Doch niemals werden diese neuen Konstruktionen und Räume uns wirklich anders erscheinen, als wir sie mit unseren naturgegebenen, begrenzten Sinnen seit Jahrtausenden bereits wahrnehmen können. Erst, wenn wir die Gravitation aufheben und unser Sinnesspektrum sich deutlich in den kurz- und langwelligen Bereich erweitert, haben wir vielleicht tatsächlich eine neue sensorische Wahrnehmung und Vorstellung von Zeit, Materie, Energie und Raum. Dann aber wird die Architektur als stofflich gebauter Raum für uns Menschen mehr oder weniger in ihrer ganzen stofflichen wie sensorischen Banalität eher bedeutungslos sein bzw. in ein anderes, wenn auch weitaus komplexeres wie vielschichtigeres Blickfeld geraten.

A_die stoffliche Welt wird durch intelligente Konstruktionen und moderne Materialien immer leichter und reduziert damit erheblich den Ressourcenaufwand

B_neue Konstruktionen und Materialien erlauben ein extrem kurzes wie flexibles Bauen

C_Superbauteile ermöglichen durch ihre eingebaute Multisensorik eine interaktive Kommunikation (aktiv wie passiv) mit der Umgebung (kybernetische Bauteile), wodurch sich ihre technische, bauphysikalische und mediale Funktionalität potenziert

D_Räume verlieren ihre Monofunktion, werden zu multifunktionalen Räumen („black-box“ als Superraum)

E_extreme Verdichtung von Räumen führt zu einem ökologisch nachhaltigem Städtebau (Rückbau ganzer Siedlungen und Städte, Renaturierung, Power-City´s usw.)

F_Räume werden weltweit standartisiert in die 1-km-vertikale konstruiert  (unter- und oberhalb der Erdoberfläche), wodurch es zu einer extrem hohen funktionalen Dichte kommt

G_ein Großteil des benötigten Stoffhaushaltes wird systeminharent generiert (Turbo-Klimatisierung, Kälte- und Wärmetauschsysteme, hocheffiziente Nutzung von Wind-, Solar- und Wasserenergie, Brennglastechnologie, energieabsorbierende Bauteile ezc.)

H_die komplette Statik ist sensorunterstützt und garaniert eine extrem hohe Sicherheit und Langlebigleit

I_der Ort als solches existiert nur noch in der Natur und als historisch konservierter (musealer) Ort

J_die realen Räume werden überwiegend durch virtuelle Räume (Simulations-Shocking) zur stufenlosen Befriedigung unserer Bedürfnisse ersetzt (interaktive mediale-sensorische Systeme, Robotersysteme etc.)

K_das körperliche Moment unserer (Götter-) Welt (Besitz, Materie, Raum, Schönheit, Gewalt, Kampf etc.) wird durch neuronale Sensor-Shock-Systeme (neuro-body-flash) obsolet

 

Die Vorstellung, daß der Mensch sich durch seine Fähigkeit, Maschinen und Werkzeuge zu bauen und die Naturgesetzte zu verstehen (sie zu beherrschen), die Welt einmal massivst verändern wird (zu seinem eigenen Vor- und/ oder Nachteil), ist seit dem 1. Weltkrieg und der Möglichkeit des atomaren Over-Kill´s längst keine Utopie oder Spinnerei mehr. Was immer auch menschenmachbar oder menschendenkbar ist (innerhalb der Naturgesetze), wird früher oder später auch vom Menschen oder durch vom Menschen gebaute Maschinen realisiert. Computertechnologie, Sensortechnologie, Robotertechnologie, Molekularbiologie, Gentechnologie, Neurowissenschaften und die klassischen Naturwissenschaften werden zwangsläufig in ihrer konsequenten Kombination neue Artefakte (Werkzeuge) entstehen lassen, die unser konventionelles Menschenleben grundlegend verändern werden (denken sie bereits jetzt an die vielen Sensoren in ihrem Handy, an die Millionen versteckten Kameras im städtischen Raum, ihren Fingerabdruck im Internet, Drohnen etc.). Und all das, wie sollte es in der Geschichte der Menschheit auch anders sein, stets zum Guten wie zum Schlechten. Was noch alles kommen wird, ist weniger eine Frage der Technik (und die letzte Eiszeit war auch nicht gerecht aber Naturgesetz) sondern der Gesetze, die wir Menschen selber machen. Die Technik selbst wird uns nicht zwangsläufig zu besseren Menschen machen, wohl aber zu den größten und mächtigsten Herrschern auf dieser Erde (und vielleicht auch noch anderswo). Und Herrscher sind bisweilen launige Kreaturen, wenn sie sich nicht selbst vor Dummheiten schützen lassen. Trotzdem: wenn man die Entwicklung der aktuellen Technik weiter denkt, kommen wir zwangsläufig zu neuen Lebensformen, zu neuen Sichtweisen über das Leben schlechthin, zu neuen Organisationsformen, zu neuen Aufgabenverteilungen und natürlich auch zu einer neuen stofflichen wie architektonischen Gestaltung unserer Umwelt.

Wir werden in der Architektur die noch bis heute jahrtausende alte Vorstellung von Konstruktion (horizontale- und vertikale Bauteile in Form von massiven Decken, Wänden, Trägern und Stützen) und den daraus gebildeten geometrischen Räumen (überwiegend orthogonale Räume der Dimension x y z) komplett aufgeben müssen und gegen eine neue Bautechnologie ersetzen. Beispielsweise ist ein Nuklearantrieb, ein Raketenantrieb oder ein Elektromotor technologisch etwas ganz anderes als ein Verbrennungsmotor! Unsere aktuelle Vorstellung vom Bauen gleicht hierbei eher dem klassischen Verbrennungsmotor (Kurbelwelle, Pleul, Kolben, Ventile, Nockenwelle, Zündung). Denken sie beispielsweise mal an die „natürliche“ Baustruktur eines Rotkohls, eines Bienenstockes, einer Muschel, eines Eies, eines Seesterns oder eines Seeigels. Form, Material, Konstruktion und Funktion sind hier optimal wie ideal aufeinander abgestimmt. Doch was ist für unsere Bauten die ideale Größe, das ideale Material und die ideale Konstruktion?

In den kapitalistisch geprägten Ländern wird die Architektur überwiegend aus ökonomischen, weniger aus kulturellen, sozialen, ästhetischen oder gar vernünftigen Motiven abgeleitet. Immer und ausschliesslich geht es um die Rentabilität der eingesetzten Geldmittel innerhalb der politischen, damit auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Innovationen und damit verbundene Investitionen in die Entwicklung und Forschung folgen zudem nur dann, wenn sich damit „Geld“ verdienen läßt, das Produkt oder die Dienstleistung also einen irrationalen oder von der Politik „subventionierten“ Markt bedient. Die zunehmende Komplexität und Vielschichtigkeit unseres Wirtschaftssystemes und seiner Gesetzesgrundlagen entzieht sich jedoch einer direkten Kontrolle und Steuerung durch das politische System und seine Wählerschaft (Demokratie scheitert stets an Inkompetenz und Intransparenz). Das System Kapitalismus (und damit die Kategorisierung in Besitz = Reichtum und Besitzlosigkeit = Armut) ist so ausgerichtet, dass es sich selber niemals in Frage stellen wird und droht dabei bei bereits kleinsten Veränderung seines Gefüges mit dem riskanten Untergang des Wohlstandes. Dabei sind es nicht einzelne Menschen, die Entscheidungen treffen, sondern das etablierte System selbst und seine per Gesetz definierten Ordnungsmechanismen definieren die Handlungsspielräume. Versuchen sie einmal, selbst hergestellte Pfannekuchen oder Omletts auf der Straße zu verkaufen, und sie werden Bombardiert mit Verboten und Geboten, Auflagen usw., daß ihnen schnell die Lust an ihren Kochkünsten vergeht.

Die Architektur von morgen wird also nur so gut sein wie die politischen und damit verbundenen wirtschaftlichen wie auch kulturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich innovative Bautechniken und innovative Bauprogramme entwickeln und entfalten können. Wer oder was aber beschliesst auf politischer oder witschaftlicher Ebene, wie und wo gebaut werden soll? Ein Bauwerk oder eine Bautechnologie funktioniert in der Vermarktung anders als der Verkauf eines Handys oder eines Autos, auch wenn die Kaufentscheidung gleichermassen emotional basiert ist. Tatsächlich brauchen sie visionäre Kommunalpolitiker und Stadtbauräte wie Investoren, die allesamt an einem Strang ziehen, um fortschrittliche, wegweisende wie innovative Bauprojekte realisieren zu können. Erst, wenn diese Zielsetzung durch entsprechende Rahmenbedingungen politisch und wirtschaftlich abgesteckt sind, können nun Kreative, Planer und Handwerker wie auch die Bauindustrie neue Programme und Techniken entwickeln und realisieren. Doch solche städtebaulichen „Experimente“ (die ja letztendlich die räumliche Verteilung für das Wohnen, Arbeiten, die Freizeit und deren benötigte Infrastruktur neu definieren) finden wenig bis überhaupt nicht statt, da es eben „keine“ alternativen oder innovativen Konzepte für das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zusammenleben gibt, die räumlich (städtebaulich, architektonisch) umgesetzt werden könnten. Dahinter steckt natürlich die große Frage nach dem Sinn und Zweck unseres Lebens und der damit verbundenen bzw. daraus abgeleiteten Kultur, innerhalb derer wir Menschen uns organisieren und entfalten.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Seins und Handelns ergab sich historisch betrachtet stets aus einem hierarchisch entwickeltem Ordnungssystem, das es territorial zu schützen, zu verteidigen und schliesslich auch zu erweitern galt, daß ein jeder Mensch seinen festen Platz mit einer festen Aufgabe zur Sicherung, Erhaltung und Stärkung dieses „gesellschaftlich“ basierten Ordnungssystemes habe. Mit der ortsgebundenen Landwirtschaft entstand mit den ersten Siedlungen die Sesshaftigkeit, aus der sich schliesslich das Bürgertum, die „civitas“ entwickelt hat. Der lokalen Bindung an das Umland (Landwirtschaft) folgte schließlich mit der industriellen Revolution die immer noch lokale Bindung an Manufakturen und Fabriken (Industrien, Standortfaktoren etc.). Heute sind in der BRD gerade mal 2% im Primärsektor und knapp 24% im Sekundärsektor beschäftigt! In England (und Irland), dem Mutterland der Industrialisierung, sind mittlerweile 80% der Erwerbstätigen im sogenannten Tertiärsektor beschäftigt. Wirtschaftlich betrachtet (und damit existenzsichernd) gibt es für uns moderne Mobil-& Surf-Menschen quasi kaum noch örtliche Zwänge bzw. Bindungen, die eine organisierte Sesshaftigkeit in Form von Siedlungen oder Städten erforderte. Wir Menschen haben uns zunehmend vom festen Ort (Stamm, Heimat, Scholle, Natur, Werk) losgelöst und die digitale Revolution beschleunigt diesen Prozess gewaltig, im Handel wie in der Produktion. Was bleibt, sind neben den mittlerweile uneingeschränkten Reisemöglichkeiten nur noch die privaten 4 Wände, die ggfs. eine lokale Bindung in Form eines Hauses oder einer Wohnung begünstigen. Doch selbst diese 4 Wände, die kleinste Zelle als Geburtsort des Lebens (das Elternhaus, das Nest), ist längst dem kurzweiligen Konzept des mobilen Hauses gewichen (Stichwort „modernes Nomadentum“ etc., amerikanische Einweg- und Wegroll-Wohnungen usw.). Modernes und fortschrittliches Leben heißt, sich zunehmend von Zwängen aller Art (Natur, Stadt, soziales Gefüge, Arbeitsort, Staat usw.) zu befreien (also ein mehr an Freiheit!) und damit auch konventionelle soziale, wirtschaftliche wie kulturelle Beziehungen und Bindungen aufzugeben, um die Vorteile der gewonnenen Freiheit auszutzen zu können. Diese extrem flexible und mobile Gesellschaft aber braucht keinen festen, angestammten Ort mehr und ist zudem auch nicht mehr in der Lage, Verantwortung und Pflege (Kultivierung) für mögliche Orte zu übernehmen (wir werden nur noch Gäste, aber keine Gastgeber mehr sein). So werden wir zu Zellen-Reisenden und wir leben als perfekt konservierte Campbell´s-Tomatendosen in Supermärkten (malls) mit den immergleichen Produkten in den immergleichen Regalsystemen, die sich an jedem Ort der Erde gleichen wie die amerikannischen Fastfoodketten und schwedischen Möbelhäuser es heute schon tun. Uni-Sex, Uni-Food, Uni-Clothes, Uni-Housing, Uni-Work, Uni-Health, Uni-Computing, Uni-Education, Uni-SPA, Uni-Mobility. Alles Differenzierte und Eigentümliche der Spezie Mensch wird systematisch eingedampft und zu einem großen, faden, weissen Brei verkocht, wenn wir weiterhin den Regeln der ökonomischen Profitmaximierung folgen. Das vielschichtige Individuum Mensch (wir erinnern uns an den großen Traum einer individuellen und pluralistischen, freien Gesellschaft) verkommt zum optimierten, pflegeleichten wie austauschbaren Massenprodukt mit systemintegrierter Qualitätssicherung. Es soll nicht so pessimistisch apokalyptisch und spielverderberisch klingen, doch was Menschen noch bis zum heutigen Tag mit Tieren und Soldaten-Menschen machen (Massentierhaltung von Rindern, Schweinen, Hühnern, Gänsen, „geringwertiges Menschenmaterial“ als Kanonenfutter, Sklaverei, Kinderarbeit, Kindersoldaten usw.) ist ohne planerische Systematik und unterstützender Technik nicht möglich. Und weltweit arbeiten hochintelligente (aber gewissenlose) Wissenschaftler und Techniker an immer perfideren Techniken und Methoden, die vermeindlich dumme Masse Mensch und Tier physisch und psychisch vollständig zu beherrschen, gefügig zu machen, zu selektieren, zu optimieren, zu mechanisieren. All das ist leider, leider keine Sience-Fiction sondern fester Bestandteil unserer technologiefreundlichen Wirtschaftssysteme, in Diktaturen gleichermaßen wie in Demokratien, im Zeichen Gottes, des Guten gegen das Böse usw. Steinzeitliche Gehirne (oder auch dressierte Menschenaffen) bedienen per Joystick totbringende Flugobjekte und befriedigen damit spielerisch ihren Dopaminspiegel. Brave new world! Und hier zu Lande regt man sich auf, wenn Hunde auf den Gehweg kacken und rekonstruiert wilhelminische Schlossfassaden in der Sehnsucht nach der guten, alten Ordnung, die dem Chaos Menschheit einen halbwegs ansehnlichen Rahmen durch ihr strenges, ästhetisches wie moralisches Regelwerk gibt. Und tatsächlich haben wir es spätestens seit dem 2. Weltkrieg mit dem systematischen Zerfall einer ehemals komplexen Kultur zu tun, in dem wir kulturelle Ordnungsstrukturen (die über tausende von Jahren entwickelt wurde) negieren und verachten und auf geistloses „Funktionieren“ reduzieren (blinde Huldigung an den Fortschritt durch Technik). Bitte verstehen sie diese Gesellschaftskritik nicht falsch, doch zwischen High-Tech-Drohnen und ISS einerseits und den Kindersoldaten in Uganda oder Liberia andrerseits liegen Welten, die man mit Logos nicht erklären noch verstehen kann. Der große „Sprung“, der alles zerstört, was die Menschheit einmal mühsam von Generation zu Generation aufgebaut hat, ist bereits in der Welt. Es ist mitunter das größte Drama der Menschheitsgeschichte überhaupt, welches nur noch durch irrationale Hoffnung, abstrusen Glaube und beharrlicher Taub- und Blindheit zu ertragen ist: noch nie gab es so viele Verlierer und nur so wenig Gewinner. Und nun fragen sie uns Architekten, wie wir uns moderne Architektur vorstellen? Wir Architekten sind schon lange nicht mehr „politisch“ wirksam, so, wie es Julis Posener (bedeutenster deutscher Architekturhistoriker und Kritiker) einst gefordert hat, um den willkürlichen Vulgärfunktionalismus und der wilden, konzeptlosen Farbkleckserei irgendwie paroli zu bieten. Und wir autoritätslosen Architekten haben ja auch keine Waffen (Mittel und Konzepte) mehr, mit denen wir, was auch immer, gegen den schnöden Mammon (spekulative Bau- und Immobilienindustrie) noch verteidigen könnten. Die Häßlichkeit, Geschmacklosigkeit, Einfallslosigkeit und Primitivität unserer Städte und Gebäude ist mittlerweile so gravierend geworden, daß man nur noch in stumpfe Gleichgültigkeit versinken kann, um den über die alten Baumeister gebildeten, kultivierten Verstand nicht zu verlieren. Jeden Tag gibt es überall nur noch den Gestank von Fischstäbchen und billigem Parfum. Und es wundert nicht, daß wir Kultur verlernen, Kultur ein Auslaufmodell der modernen Gesellschaft ist, ersetzt durch den digitalen Kick, den Adrenalin-Joystick, lechzendes Tittytainemnt, Konsum, Faulheit, Grobheit, Dmmheit, Selbtverliebtheit und Egoismus. Kulturpessimismus ist das eine, doch eine intakte Umwelt mittel- bis langfristig auf Jahre zu verschandeln, das andere, was nicht so schnell wieder behoben werden kann. Der tägliche Raubbau an intakten Naturflächen für billige Wohn- und Gewerbegebiete ist enorm, der ökologische Schaden unbezahlbar. Und in den Städten fensterlose, vollklimatisierte Einkaufspaläste mit Parkgaragen und schmucklosen WDVS-Fassaden, deren kultureller Wert für die Stadt und seine Bewohner gegen Null läuft. All das sind Tendenzen, die unsere Städte langfristig in ihrer ästhetischen wie soziokulturellen Qualität zerstören und schliesslich zu Unräumen machen. Was die klassische oder altertümliche Architektur und den Städtebau von der modernen Architektur (und den modernen Städtebau) vor allem unterscheidet, ist die konsequente Anwendung von aufeinander abgestimmten konstruktiven wie ästhetischen Regeln innerhalb eines räumlichen Ganzen. Diese durchgehende Verbindung von Konstruktion (Statik, Material), Ästhetik (Proportionen, Gliederungen) und Städtebau (Gefüge von Gebäuden, Straßen, plätzen etc.) ist in ihrer ästhetischen wie semantischen Qualität für uns Menschen einmalig. Natürlich haben auch moderne Bauwerke eine Konstruktion, eine Proportion, eine Form, eine Ästhetik und eine halbwegs baruchbare städtebauliche Qualität, doch es gibt im Gesamtkontext zu wenig Regelwerk, zu viel Beliebigkeit, zu viel Extravaganz, zu viel Ausdrucks- und Sprachlosigkeit, zu viele Ausnahmen, zu viel Selbstreferenz, zu viel Eitelkeit usw. Da die moderne alles symmetrische vermeidet und manieristisch mit der Ungleichheit der Teile als provokanter Balanceakt spielt, entstehen in der Wahrnehmung extrem starke, grelle, schrille Kontraste (ein sprachliches, lautes Kauderwelsch), die „alle“ sensationelle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um überhaupt verstanden und entschlüsselt (dechiffriert) zu werden. Insofern haben wir es natürlich mit ästhetischen, hochkreativen Explosionen zu tun (eine Art sinnlose, rauschhafte Zerstörung/ Destruktion durch eine perfektionierte Kriegsführung), die natürlich vordergründig eine sensationelle wie auch referentielle Befriedigung leisten (ein lautes BOOOOM), jedoch unfähig sind, den gesamten Kontext Leben, Natur und Zivilisation generationenüberspannend abzubilden. Dieses Herausgelöste, Fragmentarische und Selektierte ist natürlich legitim, aber als kultureller Ausdruck verglichen mit den Werken der Vorzeit im Ergebnis eher kümmerlich und ohne nachhaltige Wirkung (sowohl ästhetisch wie soziokulturell).

Der unaufhörliche Ruf nach Erneuerung, nach Innovation, nach Andersartigkeit läßt uns Menschheit nicht zur Ruhe kommen. Bei diesem Kriegs-Spiel gegen die alte Welt (also das zivilisatorische Regelwerk der harmonischen Balance im Ganzen) werden so viele Hormone (Adrenalin-Streß) in Wallung gebracht, daß wir des hormonellen Flash´s wegen fast süchtig danach werden. Es ist physisch und psychisch sehr schwer, da wieder runter zu kommen und sich auf ein neuronales Normalmaß (Verstand mit Weitsicht) einzupegeln. Die schönen Bilder der Modernen taugen (langfristig) nichts, da sie jeder primitiven Vorstellung und Sehnsucht nach Ordnung und Harmonie widerstreben, die nun einmal auch (neben dem aggressiven, rauschgleichem Kriegstreiberhormon) in uns Menschen angelegt ist. Wenn die Welt (also der Mensch) ein Problem damit hat, bestehende Ordnungen zu akzeptieren, sie zu erlernen und sie fortzuführen, hat dies nur wenig mit Einsicht zu tun, wohl aber mit irrationalen, hochemotionalen Gefühlen nach Macht und Herrschsucht. Nein zu sagen, angewidert zu sein, gelangweilt zu sein von bestehenden Lebensmustern der Eltern oder vorangegangener Epochen ist eine pubertäre Notwendigkeit im Prozeß, das Leben zu verstehen. Doch auf diesen eher destruktiven und aggressiven Akt des Widerstandes muß schließlich auch wieder die Liebe und der Respekt vor dem Seienden als tiefgehender Reifeprozess folgen. So habe ich das Gefühl, in der Moderne eher das Machwerk eines pubertierenden Widerstandes als das verantwortungsvolle, erwachsene Handeln eines kultivierten, denkenden Menschen zu erblicken. Natürlich hat es keine Epoche geschafft, sich von emotionaler Triebhaftigkeit und Sinnenlosigkeit zu befreien. Und vielleicht sind gerade feste gesellschaftliche Ordnungssysteme der Keim einer parallelen Gesellschaft mit Doppelmoral, in denen Wasser gepredigt wird und man sich unbeobachtet an rauschhaften, dionysischen Symposien erfreut. Doch wenn es wenigstens schmackhafter Wein wäre und es schöne Formen und Bilder sind, an denen man sich dann erfreuen könnte!

Kurzum vermisse ich das schöne Bild, die ansprechende Poesie und die schöne, geistvolle wie herzergreifende Geschichte, die da in unserer Kultur erzählt werden will. Wenn alte Schlösser wieder aufgebaut werden sollen, dann doch nur, weil die moderne Architektur es nicht schafft, (neben hervorragenden und gelungenen Konstruktionen) vorallem „metaphysische“ Semantik in Form von Formen, Bildern und Symbolen darzustellen, die unsere moderne Welt repräsentieren, in denen sich unser moderner Zeitgeist irgendwie wiederfinden könnte. Die schönen freien Formen sind zwar aktuell und modern und auch mit metaphysischer Semantik ausgestattet, doch sie sind systembedingt nicht in der Lage, einen modernen Städtebau als durchgängige Gesamtkomposition zu formulieren. Wenn wir die alten Stadtgrundrisse aus dem Mittelalter mit den engen, verschlungenen Gassen und den wunderbaren Platzfolgen nicht mehr haben wollen, muß in der Raumwirkung zumindest etwas anderes an deren Stelle treten. Aber dies geschieht nicht, wenn wir investorenmäßig orthogonale Blöcke und Zeilen endlos mit Solitären durchbauen und einfach nur Masse produzieren. Das Gefüge der alten Städte ist wesentlich komplexer und vielschichtiger in seiner räumlichen Wirkung als die plumpen, allein auf Leistung getrimmten Grids der modernen Städte, die räumliche Qualität meist nur durch Größe, Maßstab und endlose Erweiterung kompensieren, nicht aber durch raumbildende, ensembelgleiche Architekturen und Freianlagen, Straßen, Plätze etc., die Identität und Bildhaftigkeit herstellen. Es scheint, als ob 2000 Jahre Ästhetiklehre und Baugeschichte nicht mehr existieren würden, daß man einfachste wie grundlegende Zusammenhänge und Regeln im Städtebau wie in der Architektur nicht mehr beachtet.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ ist einer dieser Lehrsätze, die im Städtebau wie im Hochbau anscheinend in Vergessenheit geraten sind. Unsere Städte gleichen eher einem Museum, in dem ein Rembrandt neben einem Munch neben einem Warhol neben einem Baselitz hängen (wenn es denn wenigstens auch nur Meisterstücke wären anstatt trivialer Skizzen, Etüden bis hin zu gänzlich bedeutungslosen Schmierereien), mit dem feinen Unterschied, daß alle Bilder durch das Bauwerk Museum einen (ordnenden) Rahmen haben, während die Gebäude eher „rahmenlos“, also ohne verbindende Raumstrukturen beziehungslos nebeneinander stehen. Und es hat noch nicht einmal (kreativen, prozesshaften) Werkstattcharakter! Die Frage ist ja nicht, in welchem Stil man bauen soll oder bauen kann, sondern in welcher primären Ordnung man eine „gemeinsame“ Sprache entwickelt. Das Suchen nach neuen Sprachen und Ausdrucksmitteln ist legitim und notwendig, solange es nicht als Selbstzweck sondern als Mittel zum Zweck eingesetzt wird. Darin liegt wohl das ganze Mißverständnis der Moderne, daß man die vielen abstrakten (abstrahierenden) Modelle, die bei der wissenschaftlichen Analyse der Ästhetik, der Funktion, der Konstruktion usw. herausgearbeitet worden sind, nicht wieder zu einer ganzen Gestalt (das einzelne Gebäude wie den Städtebau betreffend) zusammengefügt hat. Von dieser extremen Fragmentierung und Isolierung der einzelnen Teile (im Glauben und der Hoffnung, über die Dekonstruktion eine neue Konstruktion zu finden), die zweifelsfrei eine neue Lesbarkeit im Verstehen von einzelnen Phänomenen aufgedeckt haben, haben wir offensichtlich das eigentliche Bild, also die fertige Komposition (der eigentliche Zweck) aus dem Blickwinkel verloren. Anders als in der Kunst oder der Literatur können wir aber Gebäude und Stadtstrukturen nicht einfach so „weghängen“ oder „beiseitelegen“, wenn sie uns nicht mehr gefallen. Die Verantwortung und damit auch die Komplexität von Gebäuden und Städten ist soziokulturell viel höher und umfangreicher als bei allen anderen Artefakten, die wir Menschen in die Welt setzen. Und wir glauben, dass es ein Fehler ist, durch Fragmentierung und Spezialisierung unterm Strick tatsächlich einen Gewinn oder Mehr an Kultur erreichen zu können. Natürlich leidet bei hochkomplexen Gestaltungen die spezielle Leistungsfähigkeit einzelner Bereiche, doch in der Gesamtbetrachtung ist der Nutzen komplexer, in sich ausgewogener Kompositionen für uns Menschen viel höher zu bewerten. Hier konkurriert die vermeindliche Vielfalt und Buntheit babylonischer Sprachwirren mit dem Selbstverständnis einer Kultur, die in sich über einen mittel- bis langfristigen Zeitraum hochkommunikativ, also durchgehend und homogen sprachfähig ist. Für wahr ist es eine Art Kampf der Kulturen (Sprachen), wenn ästhetisch ausgewogene, aber halbwegs schwerfällige Kolosse sich gegen Armeen von Akrobaten und Erfindern behaupten müssen, deren einziges Ziel die Etablierung und Stärkung ihrer eigenen Art ist. Und man könnte aus historischer Sicht auch zu der Erkenntnis kommen, daß alle Hochkulturen einmal zu Staub und Asche vergehen, bis etwas anderes an ihre Stelle tritt. Auf Harmonie folgt sinnenlose Zerstörung und auf Destruktion (das Scheitern) folgt übereiferte Konstruktion (Erbauung). Wenn das die naturgegebenen Zyklen der Menschheitsgechichte sein sollen (also das Werden und Vergehen als Schicksal des Lebens schlechthin), befinden wir uns gerade in einer Art Orientierungsphase, in der wir die Technik und das Beherrschen von Werkzeugen studieren und probieren, aber nicht so recht wissen, was wir mit diesen Werkzeugen tatsächlich anfangen sollen. Es fehlt der kulturübergreifende, tiefergehende wie sinnstiftende „Masterplan“ (und nicht zuletzt Deutschland hat aus seiner eigenen Geschichte heraus natürlich ein großes wie berechtigtes Mißtrauen gegenüber den großen, visionären „Plänen“ (die fixe Idee) eines kleinen Mannes), quasi das metaphyschische Ziel, was wir mit den Mitteln des Bauens manifestieren könnten. Fahren sie auf´s Land und sie werden „alte“ Dörfer und Höfe (Gebäudeensemble) sehen, die wie selbstverständlich auf die Umgebung, die Natur und ihre jeweilige Nutzung in baulicher und städtebaulicher Form reagieren. All das hat der moderne Städtebau mit den neuen Anforderungen, Nutzungen, Bauorten und Bauweisen bis heute – bis auf wenige Ausnahmen- nicht ansatzweise geschafft. Und natürlich sind die uniformierten Zeilen- und Plattenbauten der zahlreichen Trabanten- und Satellitenstädte ein Verbrechen gegen die Menschheit und gegen jegliches Kulturverständnis, gegen jegliche Form der Bau- und Städtebaukultur und gegen jede Form von ästhetischem Verständnis. Das bloße funktionale Abwickeln von Menschenmassen in hochökonomischen, gestalt- und raumlosen, akurat aneinandergereihten Kisten gleicht hier erschreckender Weise der baulichen Organisation deutscher Konzentratioslager wie auch moderner Produktionsgebäude in der Massentierhaltung usw.. Menschen werden durchnummeriert, einander gleichgemacht und auf engstem Raum aneinandergereiht, geschossweise gestapelt. Der Mensch (das Individuum) wird Teil des industriellen Prozesses und verliert damit allen Anspruch auf Kultur. Er ist Massenware (Arbeitskraft und Konsument), die es baulich mit dem notwendigsten zu beherbergen  (räumlich zu lagern), vielmehr „effektiv“ zu organisieren gilt. All diese hocheffizienten Organisationsformen aus dem Quell des linearen, endlos erweiterbaren Rasters mögen industrielle Anforderungen genügen, niemals aber menschlichen Bedürfnisse befriedigen.

Hier haben wir vor mehr als 100 Jahren einen großen (System-)Fehler gemacht, die effektiven und leistungsfähigen Strukturen der Industralisierung (maschinelle Produktion, Logistik etc.) quasi 1:1 auf den Menschen, seine Städte und die Natur zu übertragen. Im Mittelalter konnten die Wege nicht chaotisch genug sein, um mögliche Angreifer ohne Ortskenntnisse bewußt in die Irre zu führen. Später konnten sie nicht breit und linear genug sein, um möglichst rasch große Truppen ein-, auf- und ausmarschieren zu lassen, einerseits den Stadtraum effektiv zu kontrollieren (vor allem gegen aufständige Bürger), andererseits möglichst schnell von A nach B zu gelangen (Verkehr, Straßenbahn etc.). Diese brachiale Entzerrung der Stadtgrundrisse, wie sie ab 1850 der Pariser Stadtplaner Haussmann unter Napoléon III. in Paris durchführte, gelang nur mit dem unwiderbringlichem Verlust von Kulturgut, schmerzhafter Zwangsumsiedlung der angestammten Pariser und einer einsetzenden Grundstückspekulation. Wie auch immer haben sich diese kilometerlangen, endlos breiten „Sichtachsen“ (im Klatext: leistungsfähige Verkehrsschneisen) bis heute in nahezu allen europäischen Großstädten als Novum etabliert. Die Baukultur ist dabei jedoch nur noch in anonymen „Massen“ gedacht, die es vor allem ingenieurmäßig effektiv zu organisieren galt. Diese radikale Reduktion des Stadtraumes und der Baukultur mit all ihren ästhetischen, ökonomischen und sozialen Qualitäten auf verkehrstechnische und infrastrukturelle Funktionen hat unsere Städte bis heute grundlegend verändert, vielmehr zerstört. Natürlich mußte sich in den überfüllten, viel zu engen und unhygienischen Städten der Industrialisierung etwas ändern (wie man es ja dann auch in der Charta von Athen [CIAM] 1933 formuliert hatte), doch die gewünschte funktionale wie räumliche Entzerrung ist durch eine zusätzlich einsetzende räumliche Trennung und Expansion (mit den Folgen zunehmenden Verkehrs) und einer empfindlichen Funktionsverlagerung in die Randgebiete (Ausbluten der Kernstadt etc.) mehr oder weniger gescheitert bzw. über das eigentliche Ziel hinaus geschossen. Die starke räumliche Konzentration (Zergliederung) von einzelnen Funktionen hat dazu geführt, daß die hierfür notwendigen verkehrstechnischen Infrastrukturen den eigentlichen Stadt- und Naturraum zwischen A (Wohngebiet), B (Arbeiten), C (Handel, Konsum) und D (Freizeit, Erholung) zu emissionsstarken Bewegungsräumen haben verkommen lassen. Kurzum: man hat den öffentlichen Stadtraum (wie auch Naturraum) dem Verkehr geopfert und damit den bisherigen Funktionen des öffentlichen Stadtraumes (das öffentliche Leben) mehr oder weniger den gar ausgemacht. Das eigentliche Leben spielt sich nur noch in geschützten (Innen-) Räumen jenseits der Verkehrsräume ab. Der Raum dazwischen, die Straßen, die Wege, die Plätze . . . aber sind längst tot. Und mit der Anonymisierung des öffentlichen, gemeinschaftlichen Raumes stirbt auch die (individuelle) Kultivierung dieses Raumes.

Erst, wenn wir die Monofunktionen wieder auflösen und es zu einer halbwegs gleichmäßigen räumlichen Streuung der vielfältigsten Funktionen gibt, kann der Stadtraum wieder von seinen Bewohnern kulturell und räumlich besetzt und genutzt werden, dann, wenn die Wege zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten, zur Post, zum Arzt, zum Rathaus, zum Einkaufsladen oder zum Schwimmbad wieder „zu Fuß“ erledigt werden können. Denn es sind allein die Bewohner einer Stadt oder eines Viertels, die die notwendige und gewünschte Identität und Kultur stiften (indem sie direkte Verantwortung für den „lokalen“ Raum übernehmen), nicht etwa Parkhäuser, Schnellstraßen, Straßenbahnen, Einkaufscentren oder Bankhochhäuser. Der volkswirtschaftliche wie soziokulturelle Schaden, den das sogenannte Pendler-Arbeiten verursacht, ist enorm. Allein 6 Millionen deutsche Beschäftigte pendeln täglich (mit der Bahn oder dem Auto) über 25 km zum Arbeitsplatz, 8,5 Millionen Beschäftigte benötigen täglich mehr als 1 Stunde für den Hin- und Rückweg. Hinzu kommen weiter 1 Millionen Wochenendpendler. Belastet werden hierbei nicht nur die betroffenen Pendler (Zeitaufwand, Fahrtkosten, Unfallrisiko etc.), sondern vor allem die Anlieger der jeweiligen Verkehrswege (Emissionen, Flächen- und Raumverlust), die Natur (Zäsuren von Landschaftsräumen) und das Streckennetz (Reperaturen, Instandhaltung, Ausbau etc.) selbst. Dies ist vor allem ein logistisches Problem, wenn die Arbeitsplätze zu weit vom Wohnort (oder der Wohnort zu weit vom Arbeitsplatz) entfernt sind, weil es zu wenig oder zu teure Wohnungen in Arbeitsplatznähe gibt oder privilegierte Gründe einen Wohnortwechsel bzw. Arbeitsplatzwechsel verhindern (zu niedrige Fahrtkosten, Übernahme der finanziellen Aufwendungen vom Arbeitgeber etc.). Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe ein Gesetz, daß Arbeitsplätze, Wege zu Bildungseinrichtungen oder öffentlichen Versorgungseinrichtungen etc. maximal 10-15 km vom Wohnort entfernt sein dürfen, um die Umweltbelastungen für Mensch und Natur und die finanziellen wie materiellen Aufwendungen für den Individualverkehr zu reduzieren! Obwohl es überwiegend mehr Profiteure als Verlierer geben würde, würde man (vielleicht auch nur ein privilegierter Teil der Gesellschaft) mit dem Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung bezüglich des Wohnortes bzw. Arbeitsstelle dagegen klagen. Es ist zudem bekannt, das ein Mehrverbrauch von Ressourcen (Straßenbau, Energie, Automobilbau usw.) automatisch die Wirtschaft (also das zusätzliche Generieren von Arbeitsplätzen) ankurbelt. Doch dieses allein auf Beschäftigung und Umsatz (Rendite, Profit) fokussierte Wirtschaftssystem müssen wir wieder eindämmen, um wieder zu einer echten Kultur der Einsicht und Vernunft zu gelangen, ohne dabei die Natur oder andere Mitmenschen unnötig zu belasten. Dabei geht es garnicht um eine drohende Ökodiktatur (vor der ja angeblich die Freiheitsliebenden so viel Angst haben), sondern primär um die Loslösung der Menschen vor nicht nachhaltigen, nicht weitsichtigen wie nicht verantwortungsvollen Wirtschaftssystemen (das endlose Hamsterrad des Kapitalismus) durch Intelligenz, Einsicht, Vernunft und Verantwortung (was den Einsatz von Technik, den Handel und die Möglichkeit der freien Wahl ja nicht ausschließt)! Der Smog von Honkong ist ein drastisches, aber reales Beispiel für diese zerstörerische, alles andere als nachhaltige Wirtschaftsform.

Um in der Zukunft erfolgreich und sicher leben und überleben zu können, muß das Leitbild unseres Handelns durch Vernunft und Einsicht geprägt sein. Persönliche Interessen, ökonomische Interessen, politische oder auch wirtschaftliche Interessen sind per se nicht durch Vernunft und Einsicht geleitet! Erst durch entsprechende Gesetze (Rahmenbedingungen, Leitbilder etc.) können diese Funktionen (wie etwa der Wettbewerb) im Sinne obiger Maxime positiv beeinflusst, gesteuert, realisiert und geschützt werden.

 

 

 

 

 

architektur & kultur

Dienstag, August 12th, 2014

architektur & kultur :: wir wollen uns spannende die Frage stellen, ob Architektur heute wie ehemals überhaupt genügend pädagogisches Potential und Strahlkraft besitzt/ besaß, um eine Kultur positiv wie negativ zu beeinflussen. Welchen Einfluß haben Ordnungssysteme, Strukturen, Konstruktionen und Materialien tatsächlich auf uns Menschen, dass sie möglicherweise unser kulturelles Denken und Handeln irgendwie beeinflussen könnten?

Grundidee dabei ist die Vorstellung einer psychischen wie auch physischen Wechselwirkung zwischen Subjekt ( also dem Menschen) und Objekt (also dem Gebäude): Farbe, Material, Form, Dimension, Proportion, Struktur, Muster, Konstruktion, Funktion, Lage, Kontext etc. eines Gebäudes sollen also durch unsere Objektwahrnehmung (sensorisch wie mental) einen Einfluß auf unsere Stimmung, unser Gemüt, unsere Art und Weise zu Empfinden und zu Denken haben. Möglicherweise wirken diese Objekte auch direkt oder indirekt auf die Entwicklung und Bildung unserer neuronalen Strukturen?! Vereinfacht gesagt: allein der (einmalige oder auch häufige) Anblick eines Objektes reicht aus, um unser komplexes psychisches-physisches System (Körper, Sinnesorgane, Gehirn) irgendwie zu stimulieren, zu beeinflussen, gar neuronale Vernetzungen herzustellen usw.. Ist das wirklich immer so?

Helfen mathematische Ordnungssysteme (etwa der rechte Winkel, das Quadrat, eine gleichmäßige wie sich wiederholende Teilung/ Anordnung von Elementen, das Ebenmasz, die Exaktheit und Präzision, die Gebundenheit und Komplexität von Bauteilen etc.) uns Menschen tatsächlich, uns geordneter, strukturierter, organisierter und rationaler zu verhalten? Und anders gefragt: bewirken zufällige oder chaotische Ordnungssysteme jenseits der mathematischen Ordnung dann etwa das Gegenteil in uns?

Wie wirkt denn überhaupt Größe und Maßstab auf uns? Und wie wirken Materialien, Farben und Formen auf uns? Und wenn sie nachweislich wirken sollten: wirken sie dann bei allen Menschen gleich?

Zu unterscheiden sind dabei zum einen rein emotionale Wirkungen -also Gefühle, Stimmungen, Gedanken- und rein biochemische bzw. neurologische, hormonelle Wirkungen, auf die wir keinen direkten Einfluß haben. So etwa verändert beispielsweise das Licht (Lichtmenge, Farbe, Farbtemperatur etc.) nachweislich unseren Hormonhaushalt, der wiederum auf unsere Stimmung wirkt bzw. wirken kann: freundlich, heiter und erquickend bis melancholisch, düster und depressiv. Welche Farbe, Form, Materialität oder auch Bildhaftigkeit (Motiv) macht uns demnach aggressiv und nervös, welche hingegen stimmt uns mild und friedlich? Welche Eigenschaften wirken beengend, bedrückend, fad und langweilig, welche befreiend, motivierend und spannend? Und all das „nachweislich“!

Die Vorstellungen der Renaissance etwa basierten -bei einer relativ beschränkten Anzahl von Baumaterialien- vornehmlich auf einer mathematischen, geometrischen Harmonielehre (Proportionslehre), bei der sämtliche Bauteile sorgsam nach Funktion und Position innerhalb eines „Ganzen“ dimensioniert und proportioniert waren. Die Architekten der Moderne wiederum glaubten an die geometrische wie funktionale Einfachheit, Klarheit, Transparenz, Großzügigkeit und Helligkeit von Gebäuden, um der zivilisatorischen Moderne die passende Hardware zu geben. Und die Postmoderne glaubte, den Menschen wieder platonische (klassische) Geometrien (dazu eine ungeheure Vielfalt von Motiven und „Bildern“) sowie helle, pastellerne Farben geben zu müssen, um der allzu rationalen wie strengen blanc-en -blanc Architektur des sogenannten Vulgärfunktionalismus paroli bieten zu können. Und es gab die Organiker, die mit ihren Nierenformen das organische im Leben nachbilden wollten, und es gab die Chaotiker, die Dekonstruktivisten, die durch das bewußte Zerstören alter Ordnungsstrukturen (Geometrien wie Funktionen) zu neuen, weiterentwickelten Ufern gelangen wollten (also eine manieristische, oppositionelle Haltung).

Doch niemals ist bis heute bewiesen worden, dass eine bestimmte Art zu Bauen tatsächlich auch unterschiedlich ausgeprägte Gemeinschaften (Kulturen), ja sogar unterschiedliche Neurotypen hervorgebracht hätte. Wahrscheinlich ist, dass unsere Umgebung tatsächlich irgendwie (und dies kurz- mittel- und langfristig unterschiedlich) auf hochkomplexe Art und Weise mal mehr oder weniger auf uns wirkt. Doch wie genau sie èn detail wirkt, wissen wir bis heute nicht oder nur sehr vage. Und weil wir es nur vage wissen, sprechen wir nicht oder nur sehr ungern von Unwissenheit (Inkompetenz), sondern lieber von „Phänomenen“ und individuellen Präferenzen. Alles kann (individuell) . . .muß aber nicht!

Diese Beliebigkeit von Möglichkeiten mag tatsächlich ein Teil unserer Wahrheit und Wirklichkeit sein, doch verläuft diese Geisteshaltung (Philosophie) relativ asynchron mit der klärenden, meßbaren Welt der Wissenschaft und Technik, die für alles eine Erklärung hat. Doch wie sollen wir Empfindungen und Gefühle oder Bedeutungen (semantische Werte) von Menschen messen/ vermessen, um wissenschaftliche Aussagen über die Wirkungsweisen und das Funktionieren der Gestalt- und Wahrnehmungspsychologie sowie der Sinnesphysiologie zu erhalten? Es bleibt zunächst nur das Experiment, um empirische Aussagen über bestimmte Phänomene zu erlangen. Solche Experimente könnten vielleicht klären, ob wir Menschen i.a. bestimmte Formen, Farben, Materialien, Muster oder Strukturen favorisieren. Man könnte unterschiedlichen Gruppen (Alter, Geschlecht, Kulturkreis, soz. Status etc.) beispielsweise auf ihre Lieblingsfarbe, ihre Lieblingsform, ihren Lieblingskörper, ihr Lieblingsmuster usw. testen.  Zudem können dabei auch aktive Gehirnareale über ein CT lokalisiert und quantitativ abgebildet werden. Auch über Körperreaktionen, die Mimik etc.  können bestimmte Objektwirkungen verifiziert werden.

Schwierig wird es, zwischen natürlichen und erlernten Verhaltensweisen (Faktor Umwelt) zu unterscheiden. So eine Zitrone mag anfänglich sehr interessant und verlockend aussehen. Doch spätestens, wenn man in sie hineingebissen hat, wird man eine ziemlich säuerliche Erinnerung an die Zitrone haben und sie vielleicht nicht mehr ganz so interessant oder verlockend finden. Auch die niedliche Katze wird mit ihrem ersten schmerzhaften Krallenfaucher gewiss einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Überhaupt werden mit allen Ereignissen, Gegenständen, Farben, Formen, Materialien, Sinneseindrücken i.a. bestimmte Verbindungen zu den damit gemachten Erfahrungen (positiv, negativ) hergestellt und bleiben als mehr oder weniger bleibende Erinnerung im Gehirn abgespeichert. Bei Kindern ist diese assoziative Wertung (auf Grundlage einer Erfahrungswelt) noch sehr schwach ausgeprägt. Bei Erwachsenen hingegen sind die Bewertungsmuster quantitativ wie qualitativ viel differenzierter, eindeutiger und komplexer, je nachdem, welche Erfahrungen sie mit einem Ereignis oder einem Gegenstand gemacht haben. Fäkalien werden beispielsweise von Erwachsenen als Quell von Erregern und Krankheitskeimen möglichst gemieden (Ansteckungsgefahr), während Kinder zunächst kein Problem mit dem Geruch und Aussehen von Fäkalien haben. Auch bei den Materialien lernen wir relativ schnell, ob ein bestimmtes Material mit einer bestimmten Form oder Gestalt uns dienlich oder auch gefährlich sein könnte. Da ist etwa das kalte, scharfe Metall (Messerklinge), das dünne, hautschneidende Papier, das rußende, staubige Stück Kohle, der klebrige Brei, der weiche Samt, das splitterige Holz, der harte Steinboden, der weiche Flokati, die pieksende Feder oder Nadel, die scharfe oder weiche Kante usw.

Hinzu kommen unsere Erfahrungen mit der Pflege, Haltbarkeit, Reperartur und Finanzierung  von Materialien oder Objekten. Zusammengenommen  also ein hochkomplexes, erfahrungsabhängiges Bewertungsmuster, was den Daumen nach oben oder unten bewegt. Auch in der Architektur gibt es eine Vielzahl von Materialien und Formen, die letztendlich im Rahmen eines meist langjährigen Bewertungsprozesses als geeignet oder ungeeignet eigestuft werden. Viele positive Eigenschaften bleiben dabei den Laien verborgen, wenn es etwa um statische oder bauphysikalische Eigenschaften geht, insbesondere bei der Konzeption von Profilen oder mehrschichtigen Bauteilen. Lediglich bei der ästhetischen Betrachtung müssen und können wir uns auf unsere eigene, individuelle Erfahrungswelt verlassen. Auch die meisten Architekten greifen beim Entwurf intuitiv auf ihr ästhetisches, formales Erfahrungsrepertoir zurück, meist ein Sammelsurium aus bestehenden (gebauten) und auch eigenen oder selbst entwickelten Lösungen. In der Regel werden dabei alle (dem Architekten mit den Jahren bekannten) Baubeispiele (alte wie neue) ästhetisch und funktional neu bewertet, gefiltert, selektiert und gelistet. Hierbei werden – nicht nur, um Zeit und Kosten zu sparen-  sogenannte Standards entwickelt, also bewährte Lösungen, die immer wieder -wenn auch mit Varianten- zum Einsatz kommen. Aber auch die Industrie entwickelt eigenständig wie auch manchmal in Zusammenarbeit mit Architekten und Ingenieuren, neue Bauprodukte und definiert damit ebenfalls neue Standards, die zumindest technisch auf dem neuesten Stand sind.

Um nun aber sagen zu können, wie ein idealer Raum aussieht, müßte man tatsächlich ein umfangreiches Testprogramm durchführen, bei dem von der Raumgröße, Raumform, den Raumöffnungen bis hin zu den Materialien, Oberflächen und der Möblierung alles von den Benutzern bewertet wird. Heraus kommen würden meßbare Referenzwerte für die Lichtverteilung, die Helligkeit, die Farbtemperatur, die Kontrastwirkung, das Akustikverhalten, das Raumklima, die optische Transparenz, die Festigkeit und Dichte von Oberflächen, die Temperatur von Oberflächen, Haptische Eigenschaften usw. Hinzu kommen Bewertungen zur Funktionalität, zur Praktikabilität, zur Flexibilität und Wandelbarkeit, zur Atmosphäre und Raumstimmung usw. Letztendlich aber wird es von den einzelnen Personen mehrere als ideal (oder annähernd ideal) bewertete Raumformen und Styles geben. Vielleicht kann man sogar auch bestimmte Raumtypen bestimmten Charakter- oder Phänotypen wie auch persönlichen Lebensphilosophien zuordnen. Sicherlich wird sich auch der Geschmack oder Style der äußeren Erscheinung (Mode) zumindest ästhetisch den favorisierten Raumtypen ähneln. Doch damit hat man lediglich bewiesen, dass es eine hohe Anzahl an verschiedenen Geschmäckern und Styls gibt, nicht aber die Existenz einer universalen, grundlegenden, allgemeingültigen Ästhetiklehre, die für alle Menschen zu allen Zeiten gleichermaßen zutrifft. Es wäre ja auch fatal, wenn man sich für nur eine Blumenart oder nur ein Gericht entscheiden müßte, obwohl man andere Blumen oder Gerichte auch ganz interessant und schmackhaft findet. Hier ist die Vielfalt das Problem der idealisierten Perfektion: es gibt in der Welt dies und das und jenes und nichts von alledem ist besser oder schlechter, schöner oder häßlicher, brauchbar oder unbrauchbarer usw. als das andere. Und selbst, wenn sie den idealen, makellosen Apfel gezüchtet haben, wird es immer jemanden geben, der die alten Sorten besser findet oder gar keine Äpfel sondern lieber Pflaumen und Birnen mag.

Und was die wechselseitige Beeinflussung von Umwelt und Individuum betrifft, wird es nur bedingt einen wissenschaftlichen Nachweis geben, dass und wie die Umgebung die Menschen verändert. Natürlich ist ein sakraler Raum, der pulsierende Broadway, eine abenteuerliche Favela oder eine eisige Nordpol-Station komplett verschieden in seiner Wirkung auf uns Menschen. Doch man kann nicht sagen, dass der ein oder andere Raum allgemein besser oder schlechter wäre. Man kann nur sagen, dass speziell für die eine Person dies gerade oder im Moment der ideale oder angenehmste Raum ist. Und ob Maschinenarchitektur uns Menschen maschinenähnlich macht, ob monumetale Architekturen uns zu Herrschern und Beherrschten macht, ob graue Betonarchitekturen uns zu harten, abweisenden und farblosen Menschen macht, ob transparente, großzügige Architekturen uns zu großzügigen, offenen Demokraten macht oder organische Architrekturen uns zu natürlicheren, harmonischeren, gar friedlicheren Menschen macht sei dahin gestellt: die Objektwelt ist letztendlich eine Welt der Bilder, mit der wir Menschen neben unserer Sprache zu kommunizieren versuchen, was wir denken und fühlen. Und Bilder sind reduzierte Oberflächen, die nicht zwingend mit dem übereinstimmen, was sie verhüllen. Das Bild von etwas kann eine Täuschung sein (Maske), wohl kann es auch einfach nur das sein, was es ist (authentisch). Würde man uns Menschen nebst Kleidern auch die Haut vom Leibe reißen, wären wir immer noch (mit allen Organen, Muskeln, Knochen und dem Gehirn) ganz derselbe Mensch, aber optisch wohl sehr unansehnlich: ein liebliches, schönes Gesicht (in das wir uns verlieben könnten) wäre wohl nicht mehr zu erkennen. Sodann machen wir uns stets ein Bild von der Welt, nicht, wie sie wirklich ist, sondern wie wir sie „denkend“ konstruieren, dass sie für uns so sein möge. Das Häßliche oder das Schöne  (als Bild) ist damit lediglich eine Vorstellung von uns Menschen, nicht aber tatsächlich universal existent. Und darum kann auch jede Architektur als Bild von uns Menschen ganz unterschiedlich „gedacht“ bzw. imaginiert werden. Und selbst wenn es eine physikalisch meßbare Raumwelt gibt (Klima, Licht, Akustik etc.), die für uns Menschen ideal sein kann, wird diese phyikalische Raumwelt stets von unserer gedachten  Bilderwelt überlagert. Spätestens hier hört die wissenschaftliche Meßbarkeit auf, da Gedanken und mit Bildern assoziierte Gedanken mit all ihrem semantischen Wert nicht meßbar sind. Wohl können wir die Aktivität und den Ort von Gedanken im Gehirn messen, nicht aber ihre semantische Bedeutung für uns Menschen. Was wir dennoch messen können, sind wohl Hormone bzw. deren Ausschüttung in unserem Körper, die uns gefallen (Glücksgefühle, Beteubung etc.) oder weniger gut gefallen (Angst, Stress, Schmerz etc.).

Wenn es nun das kulturelle Ziel sei, uns Menschen mit Objekten, Artefakten, Architekturen etc. „glücklich“ (oder in irgendeiner anderen neuronalen oder biochemischen Form „befriedigt“ oder „angenehm stimuliert“) zu machen und man diese biochemischen Zustände und Reaktionen in unserem Körepr explizit nachweisen und messen kann/ könnte, dürfte es leicht fallen, den ästhetischen bzw. biochemischen Wert von Artefakten konkret und direkt nachzuweisen. Freilich würden wir dann immer noch unterschiedliche Bewertungen von ein und demselben Artefakt bekommen, da die individuellen Präferenzen der Menschen nach wie vor so unterschiedlich und vielfältig sind. Ein Hersteller von Fenstern würde vielleicht fünf bis zehn verschiedene Fenstertypen (Material, Format, Profile, Farbe, Beschläge etc.)  anbieten müssen, um im Durchschnitt vielleicht 90% aller Menschen je nach Typ maximal zu befriedigen. Nun kann er sich entscheiden, ob er alle 5-10 Typen anbietet oder sich für ein „Durchschnittsfenster“ entscheidet, welches 90% aller Menschen zu 50-70% befriedigt. Da aber der persönliche Geschmack zeitlich betrachtet keine Konstante ist, wird das momentan von der Person X als ideal empfundene Fenster A wahrscheinlich schon nach wenigen Jahren eben keine maximalen „Reize“ mehr erzeugen, daß nun von der Person X ein anderer Fenstertyp B favorisiert wird.

Das Problem der sozialen Individualisierung erleben wir ja nun schon seit vielleicht mehr als 100 Jahren, in denen die Menschen unterschiedliche Produkte marktgerecht herstellen und so ihre Käufer bzw. Kunden mal mehr, mal weniger stark beworben finden (Markenwelt etc.). Die individuelle Präferenzierung hat hier auch in der Architektur sowie dem Städtebau kein Halt gemacht, auch wenn die alten Baumeister und Architekten immer wieder davor gewarnt und „gemahnt“ haben, daß Architektur und Stadtbaukunst eben keine kurzweilige „Mode“ sei sondern etwas für die „halbe Ewigkeit“. Doch die vorangegangenen, mehr oder weniger einheitlichen, gestalterisch aufeinander abgestimmten „Architekturstandards“ der meist über hundertjährigen Epochenstile (meist regionale Bautraditionen) wurden seit der Nazi-Diktatur (faschistische Monumentalität) und dem globalen Sozialismus (ideenlose, ebenfalls monumentale Gleichmarerei) mit der kapitalistischen Demokratie- und Individuumbewegung zumindest politisch als unbrauchbar und unerwünscht  für eine fortschrittliche, moderne Gesellschaft eingestuft. Damals war der neue, aktuelle, moderne und fortschrittlichste Stil der des Bauhauses (u.a. W. Gropius, M.v.d.Rohe sowie Le Corbusier in Frankreich), aus dem sich die Moderne bis heute entwickelt hat: rationale Verwendung industrieller Baustoffe wie Stahl, Glas, Beton, Bitumen, Linoleum, Faserzement, Trennung von Fassade und Tragwerk (Stützen, Pilotis, Curtain-Wall), glatte Putzwände in Weiß und Farbe (Pastelltöne von L.C.), Flachdächer statt ziegelgedeckter Giebeldächer usw. Konstruktion und Material als Primat einer ehrlichen, formalistisch und ideologisch befreiten Architektursprache. Bis heute hat sich hier an der überwiegenden Verwendung industriell hergestellter Baustoffe und der rationalen Elementbauweise im Prinzip nichts wesentliches geändert. Hinzu gekommen sind seit dem unzählige neue Kunstbaustoffe, Kompositbaustoffe, Mehrschichtbaustoffe etc., die Steinfliesen mit Holzoberflächen und Holztafeln mit Steinoberflächen ermöglichen. Dazu jede Menge verdeckter Technik (Fenster, Türen, Verschattungsanlagen, Aufzüge, Klimaanlagen usw.). Ein banales Fenster aus Holz, Glas und Kitt zu fertigen (zu konstruieren), war damals konstruktiv, statisch, funktional und formal konsequent einfach. Heute werden komplizierte Beschläge, islorienende Hohlkammersysteme, thermische Entkopplungen, aufwendige Abdichtungssysteme, Schliessmechanismen und hochdämmende Isolier- und Spezialverglasungen entwickelt, die aus dem banalen Fenster mit seinen unzählig verbauten Einzelteilen fast ein kleines Wunderwerk machen. Die ingenieurhaften (also technischen) Lösungen für stets steigende Anforderungen dominieren dabei die Konzeption solcher moderner Bauteile, so dass sich das Formale restlos der technischen Funktion unterordnet und eher ein zwangsläufiges Abfallprodukt ist. Damit verlieren die komplexen Bauteilen (Beispiel Tür, Fenster) aber auch ihre gestalterische wie konstruktive Selbstverständlichkeit, da wir die vielen, meist verborgenen technischen Features nicht mehr nachvollziehen können (weil sie entweder verborgen sind oder weil ihr Mechanismus für einen Leien zu kompliziert ist). Dinge (Artefakte), die wir funktional und konstruktiv nicht mehr verstehen (Beispiel Computer, moderner Motor) entfremden sich damit in gewisser Weise vom Benutzer (User), da er es selbst nicht mehr kontrollieren, beherrschen noch reparieren kann. Machtlos und ratlos sehen wir zu, wie ein kleiner, defekter Computerchip unser ganzes Auto lahm legt, wie ein Softwarefehler unseren PC ausser Gefecht setzt usw.! Die Technik dominiert mehr denn je unser Leben. Wir nutzen sie gerne wie selbstvetständlich, doch wir beherrschen sie nicht mehr.

Betrachten wir Architektur hingegen aus der Sicht einer erfolgreichen, technikbezogenen Problemlösung (wie es seinerzeit vor mehr als 90 Jahren L.C. in seiner 1923 veröffentlichten Publikationen „Vers une architecture“ beschrieb), muß man zunächst eine „Idee“ davon entwickeln, „wie“ und mit welchen Hilfsmitteln bzw. Werkzeugen die Menschen gerne leben wollen und/ oder leben könnten! Hier steht also zunächst die Frage nach der Kultur, in der wir Menschen leben wollen. Erst, wenn wir diese Frage beantwortet oder mit einer (visionären) Vorstellung skizziert haben, können Techniker, Ingenieure und Architekten hierfür auch moderne bauliche Lösungvorschläge und Konzepte erarbeiten. Tatsächlich muß hierfür alles bereits bestehende an Maschinen, Geräten, Werkzeugen etc. wie auch Bauwerken, Architekturen und Städten einschliesslich seiner Infrastruktur komplett neu hinterfragt werden! Das Problem Mobilität beispielsweise können wir mit bekannten Techniken sehr gut lösen (Motor = Antrieb, Räder = Rollen usw.). Um aber nun zu neuen oder besseren Lösungen zu gelangen, muß man das Konzept Motor + Räder + Karosse verlassen, um zum Beispiel zu einer Magnetschwebetechnik oder zu einer Luftdrucktechnik etc. zu gelangen, bei der es keine Kolben, keine Achsen, keine Räder, keine Strassen, keine Parkplätze etc. mehr gibt! Hat mam hierfür eine technische Lösung parat, verändert sich hiermit auch das Raumprogramm der Gebäude (Wegfall von Zufahrten, Wendemöglichkeiten, Garagen) und der Städte (Strassen, Parkplätze, Garagen, Steuerungssysteme usw.). Mit einem Schlag würden wir die aktuellen Strassenprofile (Gebäude, Gehweg, Parkplatz, Strasse, Parkplatz, Gehweg, Gebäude) damit verändern und die frei werdenden Flächen und Räume (ehemals Verkehsflächen/ verkehrsräume) könnten einer vollkommen neuen Nutzung dienen. Dieses Beispiel soll nur exemplarisch dafür stehen, dass Architektur selbst keine oder nur bedingt neuen Kulturen erfindet, wohl aber auf aktuelle Kulturen (Techniken, Bedürfnisse) ebenfalls mit neuen baulichen Lösungen reagieren kann.

Was ist ein Haus? Wieviele Menschen leben in ihm? Wie lange leben sie in dem Haus? Was brauchen die Menschen tatsächlich für Räume? Wie organisieren sich die Menschen? Was tun sie in ihrer Freizeit? Ist die Trennung von  Arbeits- und Freizeit überhaupt noch zeitgemäß? Ist es noch zeitgemäß, Produkte in Geschäften und Supermärkten einzukaufen? Können Dienstleistungen (etwa der Arztbesuch) nicht auch vor Ort oder über ortsunabhängige Kommunikationsmöglichkeiten (Internet, Bildtelefon, Chat etc.) geleistet werden? Wie sieht die Arbeitswelt von morgen und übermorgen aus? Gibt es dann überhaupt noch Büro- und Geschäftshäuser? Gibt es Autos, Strassen und Parkplätze? Werden die modernen Fabriken wegen der hohen Automatisation überhaupt noch Menschen beschäftigen? Ist das Modell Kindergarten, Schule und Universität in Zukunft überhaupt noch brauchbar, wenn Wissen wie auch soziales Verhalten auch orts- und gebäudeunabhängig vermittelt werden kann? Wie sieht das gemeinschaftliche Leben aus? Und wie verhält sich das gemeinschaftliche Leben zur Privatheit (Zeitaufwand, Funktionen etc.)? Wie flexibel muß ein Gebäude sein, um auch in 5, 10 oder 20 Jahren noch aktuell sein zu können? Oder ist die Halbwertszeit eines Gebäudes in Zukunft nur noch bei wenigen Jahren? Wie verhält es sich in Zukunft mit Eigentum und Besitz? Wird es morgen noch Grundstücke, Parzellen und Zäune/ Grenzen geben? All das sind soziale, kulturelle wie auch technische Fragen, die die Architektur allein nicht beantworten kann. Sie kann heute bestenfalls auf Weisung oder Auftrag eines „Visionärs“ (ein Konzern, ein Unternehmer, ein Herrscher, eine Regierung etc.) mit modernen und innovativen Lösungen ein Stück Zukunft vorweg nehmen und Teil der „Avantgarde“ sein.

Noch heute denken wir, dass eine Wohnung mehrere Räume haben muß, um darin bequem und glücklich leben zu können: eine Diele/ Empfang mit Garderobe und Gäste-WC, eine Küche, ein Eßzimmer, ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer mit Garderobe und Bad, Kinderzimmer mit Bädern, ein Gästezimmer, ein Hobbyraum/ Fitnessraum/ Spieleraum, eine Waschküche/ Haushaltsraum, eine Speisekammer/ Lager, eine Garage, ein Geräteraum, ein Balkon, eine Terrasse/ Dachterrasse, ein Grillplatz, ein Müllplatz usw.  Wirtschaftlich und ökologisch (Ressourcenverbrauch) betrachtet ist eine zunehmende Gliederung in viele funktionale Bereiche verschwenderisch und kostspielig. Funktional kann es große Vorteile haben, wenn die Funktionen sich nicht mischen und eine Option auf Privatheit (Passivität) und Gemeinschaftlichkeit (Aktivität) anbieten. Es kann aber auch zur Leere führen, wenn die Bewohner sich in einem Zimmerhaus nicht mehr begegnen (müssen). Stellen sie sich nun vor, dass Diele, Küche, Eß- und Wohnzimmer in einem großzügigen Raum untergebracht sind, bei dem die Wände, Decken und Böden Teile der funktionalen Ausstattung beinhalten und funktionale Trennungen flexibel über Raumteiler oder Schiebewände hergestellt werden können. Stellen sie sich weiter vor, dass sie mit ihren Nachbarn bestimmte Räume, die nur wenig genutzt werden,  „teilen“, etwa das Gästezimmer, den Hobbyraum, die Sauna, den Swimmingpool, die Werkstatt, den Geräteschuppen, die Waschküche, den Grillplatz, den Müllplatz etc. Allein durch die Veränderung des Raum-Programmes können Architekten nun ganz neue Gebäudetypen entwickeln, die formal nichts mehr gemein haben mit dem gewohnten Einfamilien-, Mehrfamilien oder Reihenhaus. Ein modernes (Wohn- oder Büro-) Haus wäre dann nur noch soetwas wie ein elementares, konstruktives Raumangebot (quasi eine multifunktionale Halle) mit einer flexibel ausgerichteten Grundversorgung (Strom, Gas, Wasser, Schmutzwasser, Lüftung, Heizung etc.), in dem der Grundriss möglichst viele temporäre Raumnutzungen wie auch technische Ausstattungen ermöglicht, horizontal wie vertikal. Auch die einzelnen Bauteile ( Fassaden, Wände, Decken) sind den gewählten Funktionen entsprechend anpassbar und austauschbar: die Decken- und Dachelemente sind als Hohlraumelemente konstruiert, um eine flexible Anordnung der Versorgungsleitungen zu gewährleisten. Im Grunde funktioniert ein solches Gebäude wie eine Messehalle mit flexiblen, individuell konfigurierbaren Einbauten, nur im kleineren Maszstab. Auch die Fassaden sind so konstruiert, dass auf die feste Tragstruktur in einem bestimmten Konstruktionsraster x-beliebige Elemente aufgesetzt werden können. So etwa können auch technische Produktneuheiten bzw. Innovationen viel leichter ausgetauscht werden, was im Massivbau unmöglich oder nur mit aufwendigen Eingriffen zu realisieren ist. Und wer glaubt, dass Elementbau nur mit rechten Winkeln funktioniert, irrt: bereits heute werden frei formbare Wand- und Deckenelemente angeboten, die gekantet oder gekrümmt verbaut werden können. Insofern brauchen wir modernen Menschen eigentlich nur ein tragfähiges Raumgerüst, in dem wir uns dann individuell, temporär und funktional differenziert austoben können. Gestaltung kommt über die Einbauten, die Möblierung, die gewählten Bauteilelemente, Farbe und Licht: alles Dinge, die wir selbst wählen und arrangieren können. Statt der unzählig vielen, bunten „Einfamilienhäuser“ mit ziegelgedecktem Giebel- oder auch modernem Flachdächern auf 300-500 m² großen Grundstücken können nun „baugleiche“ System-Kuben stehen (also zwei- bis dreigeschossige Universal-Tragstrukturen), deren funktionale, formale wie auch innenräumliche Individualität sich allein durch die gewählten Systemelemente abzeichnet. Städtebaulich gäbe es durch die Standard-Kuben (also die Bildung eines „Typus“) wieder eine feste, gestalterisch zusammenhängende Ordnung, die wir in den neuzeitlichen Neubaugebieten mit überwiegend massiv gebauten Häusern so sehr vermissen. So aber bauen wir (formal und funktional) immer noch Häuser wie vor hundert Jahren: massive Wände, Fenster/ Türen, Zimmergrundrisse, Geschossdecken, geneigte Dächer, Balkone, Loggien usw.

Die mittlerweile über 40 Jahre alten Bungalowsiedlungen beispielsweise haben städtebaulich, ästhetisch wie auch funktional kaum an Modernität und Qualität verloren, auch wenn sie als Eingeschosser aus energetischen und nachhaltigen (hoher Ressourcenverbrauch je Nutzeinheit) Gründen meist eine Katastrophe sind. Verantwortlich hierfür ist die Verwendung eines Types (also der kubische Winkelbau mit Innenhof) und die Verwendung gleicher Materialien (weiß getünchter Kalksandstein)! Keine Potterie, kein Chaos, maximaler individueller Komfort bei maximaler Gemeinschaftlichkeit und Einheitlichkeit. All das geht so ziemlich allen Neubaugebieten der letzten 30 Jahre verloren, da es keine reinen „Typen“ und keine gemeinsame Sprache (Einheitlichkeit, Konsens) mehr gibt. Bungalow stehet neben Friesenhaus steht neben Schwedenhaus steht neben toskanischer Villa steht neben Steinbau steht neben Betonbau steht neben Holzbau steht neben Stahlbau steht neben Putzassade steht neben Klinkerfassade steht neben Holzfassade steht neben Zement- oder HPL-Plattenfassade steht neben Blechfassade steht neben Glasbrüstung steht neben Stahlgeländer steht neben HPL-Plattengeländer steht neben Kunstofffenster steht neben Holzfenster steht neben Aluminiumfenster steht neben Stahlfenster usw.  Und auch bei den Typen Reihenhaus, Kettenhaus, Plattenbau etc. das gleiche babylonische Spiel an provozierender formaler wie funktionaler Ungleichheit und Andersartigkeit.

Was eine moderne Gesellschaft braucht, sind moderne Werkzeuge. Ein Haus mit massiven, gemauerten Wänden, Treppen und Fenstern  kann niemals ein modernes Werkzeug sein! Es wäre so, als wenn wir modernste Fahrwerktechnik eines F1-Renners in eine Kutsche einbauen würden. Form und Inhalt passen nicht zusammen, da die Form nicht aus der Nutzung und der modernen Konstruktion/ Technik abgeleitet ist. Statt Treppen haben wir Lifte und Aufzüge. Statt kleiner Fenster haben wir raumhohe Glasfassaden (Vorhangfassaden) mit steuerbaren Verschattungselementen. Statt Parkett- und Fliesenböden haben wir beschichtete Böden, statt keramischer Wandfliesen beschichtete Laminatplatten oder Spezialbeschichtungen, statt Drehtüren mit Klinke und Schloss haben wir automatische Schiebetüren mit Sensortechnik, statt Radiatoren haben wir Wand-, Fußboden-, Decken- oder Infrarotheizungen, statt Klinkersteinen und Dachpfannen haben wir multifunktionale Mehrschichtelemente und Foliensysteme, statt massiver Tragwerke aus Mauerwerk oder Beton haben wir filigrane, leichte Fachwerksysteme (Raumtragwerke) aus Carbonstahl, statt punktueller Einzelleuchten haben wir steuerbare Lichtwände und Lichtdecken, statt Gardienen und Rollläden haben wir automatische Verschattungsanlagen und Fassaden aus PCM-Modulen, statt Öl- und Gasheizungen haben wir Solarkollektoren, statt mechanischer Lichtschalter Infrarot- oder Akustiksteurungen, statt manueller Lüftungsflügel (Fenster) haben wir automatische Klimaanlagen und statt starrer Grundrisse mit Zimmern und Räumen haben wir flexible Trennwandsysteme und mobile Einbauten usw.

Mag sein, daß wir ästhetisch immer noch den „alten“, uns vertrauten Materialien (Holz, Metall, Stein, Beton, Keramik) und Bauweisen (Stein auf Stein, Schalungsbau, Holzbau) hinterher trauern, obwohl diese Materialien und Konstruktionsweisen längst antiquiert sind. Denken sie nur einmal an die Möglichkeiten pneumatischer Raumhüllen, wie wenig Primärkonstruktion, Materialien und Arbeit sie für solche Räume benötigen. Wozu noch tonnenschwere Stahlträger, Betondecken, Mauern und schwere Fassadenelemente, wenn man 1.000, 10.000, gar 50.000 Kubikmeter Raum auch mit 5, 25 oder 70 Tonnen Hochleistungsmembranen einhüllen kann und man hierfür gerade mal 1 Tag zur Herstellung braucht?

Tatsächlich sind wir von wirklich modernen Bauweisen ( die dann auch mal unsere moderne, drahtlose (Wissens- und Technik-) Kultur abbilden könnte) immer noch weit entfernt, weil wir als Bauherren und Gestalter wie auch die Industrie und das Handwerk immer noch an alten Zöpfen hängen. Wirtschaftliche Strukturen und daraus resultierende Abhängigkeitsmechanismen verhindern mehr oder weniger die systematische Modernisierung unserer Städte, Bauweisen und sonstigen technischen Möglichkeiten. Paradigmenwechsel (und damit verbundene strukturelle und technische Erneuerungen) greifen empfindlich in bestehende, etablierte Märkte und deren Ordnung ein. Innovative Konzepte werden daher nach Möglichkeit verhindert, um wirtschaftliche Monopolstellungen aufrecht zu halten und alte Märkte (mit alten Produkten und Technologien) zu schützen. So landen wertvolle Patente und Ideen meist in den Schubladen der Konzerne und aufwendiger Lobbyismus sorgt für entsprechende politische Rahmenbedingungen (protektionierende Gesetzgebung). So etwa gibt es bis heute kein erkennbares Konzept, wie man den emissionslastigen (Personen- und Güter-) Verkehr auf der Strasse nachhaltig redzuzieren will. So investiert man weiterhin in alte Strukturen (Ausbau/ Neubau des Straßennetzes), anstatt in alternative, gar innovative Logistik- und Transportsysteme zu investieren, die weitaus weniger Ressourcen verbrauchen, weniger Umwelteingriffe erfordern und zudem weniger Emissionen und Umweltbelastungen produzieren. Ein LKW- oder Flugzeughersteller wie auch deren politischen Landesväter und Bürgermeister haben freilich kein Interesse an alternativen, umweltschonenden Transporttechnologien oder sonstigen wettbewerbsverschärfenden Einschränkungen, die den Umsatz, die Produktion und die Beschäftigungszahlen solcher Unternehmen (Standortfrage, Konkurrenz) schmälern würden: Verlust von Arbeitsplätzen, Verlust von Steuereinnahmen usw. Innovationen folgen meist nur aus vermarktungsstrategischen Überlegungen (die rosa Brille der Konzerne), nicht aber aus politischen, gesellschaftlichen Motiven, tatsächlich eine moderne Gesellschaft aufzubauen. Eine moderne Gesellschaft braucht politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Fortschritt und Entwicklung fördern und überhaupt ermöglichen und diese Prozesse nicht behindern oder verhindern. Wenn aber allein marktstrategische Überlegungen, sprich weltökonomische Faktoren darüber entscheiden, wie unsere Welt aussieht, bleiben wir bei alten Technologien, Strukturen und Wertevorstellungen kleben, die etwa dazu führen, dass beispielsweise einfachste wie kostengünstig hertzustellende Medikamente mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung systematisch verweigert oder vorenthalten werden. Tagtäglich sterben wegen solch ökonomischer Perversionen tausende von Menschen, meist Kinder, die einfach nur das große „Pech“ haben, im falschen Land aufgewachsen zu sein.

Tatsächlich müßten sich alle Völker dieser Erde sofort an einen Tisch setzen, um gemeinsam zu überlegen, wie ein flächendeckender wie nachhaltiger „Wohlstand“ (und damit ist vor allem die bestmögliche Verteilung von Ressourcen und Technologien/ Techniken/ Wissen gemeint) als Weltgemeinschaft zu gestalten und zu organisieren ist. Was nutzt es Deutschland, wenn Frankreich, Spanien oder Italien wirtschaftlich schwächeln (und dies nicht selbstverschuldet!) und millionen meist junger Menschen (also die nächste Generation!) ohne Aufgaben und Perspektiven peu á peu resignieren und auf  das kulturelle Erbe (Frieden, soziale Gerechtigkeit, Wohlstand) „pfeifen“ werden? Es mangelt in dieser Welt ja nicht an Arbeit, etwas vernünftiges aufzubauen und es zu erhalten und zu pflegen! Es ist allein das politische oder wirtschaftliche System, daß den vermeindlichen Gewinn (Profit) allein auf Kosten von Verlierern kalkuliert. Die Motivation, am ungerechten Wettbewerb teilnehmen zu wollen, ist beinahe bei null angelangt. Uns geht es in Europa nur darum so verdammt gut, weil wir über Jahrhunderte hinweg mit viel Fleiß und Organisationstalent sowie blutigen Kriegen billige Arbeitskräfte und Rohstoffe aus fernen Ländern ausgebeutet haben (Sklaverei, Kolonialismus, Kapitalismus). Wem gehört das Erdöl, das Erdgas und die vielen Wälder der Russen? Es ist in der Hand einiger weniger Oligarchen und Machtdespoten, nicht aber in der Hand des russischen Volkes, erst recht nicht in der Hand einer vorausschauenden Weltgemeinschaft mit nachhaltigen Lebenskonzepten.

 

 

 

technik vs. architektur

Freitag, Juni 13th, 2014

technik vs. architektur :: wenn man versucht, über die tausendjährige Geschichte und Entwicklung der Architektur und Baukunst bis zur Gegenwart einen Ausblick auf die Architektur der Zukunft zu zeichnen, wird von all dem, was wir heute noch als Standards im Sprachsystem der Architektur begreifen und zu großen Teilen aus Gewohnheit (und Tradition) daran festhalten, wahrscheinlich nicht mehr viel übrig bleiben.

> solitäre Gebäude werden durch komplexe, multifunktionale Raumgebilde ersetzt

> sämtliche Bauteile werden primär technischen Funktionen untergeordnet

> lineare Konstruktionen mit statisch bestimmten Systemen (Stütze, Balken) werden durch komplexe Raumkonstruktionen mit statisch unbestimmten Systemen ersetzt

> die einzelnen Bauteile (Boden, Wand, Decke, Dach etc.) werden aus ihrer speziellen Funktion herausgelöst und nur noch als universale, multifunktionale Elemente verwendet

> klassische Raumfunktionen werden durch multifunktionale Universalräume ersetzt. Eine Vielzahl von bekannten Funktionen (Raumnutzungen) wird einfach verschwinden.

Die Gebäude selbst werden demnach hochtechnisierte Raumgebilde sein, die wie Maschinen arbeiten, wie Maschinen konstruiert und designt sind und auch wie Maschinen zusammengebaut, repariert und erweitert werden. Jedes Teil dieser Maschinen ist mit Sensoren ausgestattet und wird permanent über Rechner mit entsprechenden Programmen kontrolliert, dokumentiert und optimal gesteuert. Gebäude werden demnach zu technischen Artefakten (technischen Anlagen) mit einer Vielzahl von technischen, steuerbaren Einzelkomponenten, die überwiegend industriell in technischen, standartisierten Verfahren hergestellt werden. Manuell zu bedienende Bauteile (Fenster, Türen etc.) wird es nicht mehr geben. Auch das Reinigen und Warten der Bauteile wird nahezu vollständig automatisiert.

Auch den klassischen Grundriss mit einer mehr oder weniger festen Anordnung von Räumen und massiven, immobilen Wänden wird es nicht mehr geben. Stattdessen nur ein leichtes, erweiterbares, modulares Tragsystem, in welches die einzelnen Komponenten flexibel und austauschbar integriert sind. Die Immobilie wird quasi zur Mobilie, auch wenn sie nur bedingt rollen, fahren, fliegen oder schwimmen kann. Zumindest wird sie ein technischer Systembaukasten werden, in dem auch dynamische Bauteile zunehmend eine Rolle spielen werden.  Vor allem aber können die Bauteile hinsichtlich ihrer technischen Funktionen (Akustik, Transparenz, Lichtreflektion, Temperatur, Dichtigkeit, Luftdurchlässigkeit, Dämmung, Klimatisierung, Helligkeit, Farbigkeit usw.)  individuell und automatisch konfiguriert werden. Die Bauteile reagieren (mehr oder weniger intelligent) mit ihrer Umwelt und auf die Umwelt, passen sich also der Umgebung und entsprechenden Situation -weit über klimatische Bedingungen hinaus- ideal oder optimal an. So etwa können sich beispielsweise Zugänge und Öffnungen (konventionelle Türanlagen für Rettungs- und Fluchtwege, Eingänge etc.) den tatsächlichen Besucherströmen oder anwesenden Personen ideal anpassen. Hierfür werden die Personen über eine Vielzahl von Sensoren und Kameras registriert, lokalisiert und deren Laufrichtung bzw. Bewegungsmuster vorausberechnet, um dann entsprechende Automatiktüren oder sonstige automatisch betriebene Wandöffnungen punktgenau und in entsprechender Breite herzustellen. Genauso werden über Raum- und Bewegungssensoren beispielsweise die optimale Raumbeleuchtung und optimale Raumklimatisierung automatisch reguliert.

Die eigentliche Innovation aber besteht -neber der bereits heute weit entwickelten Gebäudeautomatisation- in der funktionalen Automatisierung über entsprechend ausgerüstete Wand- und Deckenbauteile, die nahezu alle konventionellen Möbelfunktionen wie auch sonstigen technischen Geräte enthalten. Lager- und Regalsysteme, Sanitäreinheiten, Küchensysteme, Mediensysteme etc. (inkl. Klimatisierung und Beleuchtung) sind bereits in den Wänden und Decken integriert und können je nach Bedarf als variable Funktion aktiviert werden. Dabei werden die funktionalen Technik-Module einfach in freier Anordnung in die statischen Decken- und Wandsysteme bzw. deren kleinteiliges Modulraster eingefügt und angeschlossen. Stellen sie sich eine im Raster von 5x5cm oder 10x10cm gekachelte Wand-, Decken- oder Bodenfläche als Matrix vor. In jedes einzelne Raster kann nun ein Gerät, ein Sensor, eine Maschine oder ein sonstiges funktionales Objekt „verdeckt“ oder auch sichtbar eingebaut werden. Damit wird die Wand, die Decke oder der Fußboden selbst zu einer multifunktionalen Einheit, extrem wandelbar, austauschbar und individuell konfigurierbar bzw. elementierbar.

Die Gebäude von morgen werden zum einen aus einer modularen Tragstruktur, zum anderen aus frei wählbaren, zudem austauschbaren Technik- und Funktionsmodulen bestehen, die flexibel in die Tragstruktur integriert werden. Der klassische Systembaukasten, bisher eine Herausforderung von Maschinen- und Anlagenbauern, wird zunehmend unsere symbolhaften Architektur- bzw. Gebäude- und Raumvorstellung, die sich ja aus dem Blickwinkel für das übergeordnete „Ganze“ entwickelt hat- verdrängen und durch unendlich viele Kleinteile  bzw. Detailkombinationen ersetzen. Die Dominanz des Technischen und Funktionalen wird zudem das handwerkliche, das individuelle, das künstlerische Moment bisheriger Architektursprachen systemtaisch -weil mit gigantischer wirtschaftlicher (industrieller) Macht- sukzessive in Frage stellen und in weiten Teilen auch über kurzweilige Modeerscheinungen komplett ablösen und ersetzen. Es wird den „großen Wurf“ eines (formal und künstlerisch) begabten Architekten nicht mehr geben, wohl täglich neue Building-Applications vom High-Tech-Fließband, die den app-geilen Baukonsumenten verlocken und umwerben. Ein Quadratmeter Wandfläche kann nun vom Bauherren individuell mit beispielsweise 100 Funktions-Modulen (im 10x10cm Raster) im Preissegment von 1 bis 1.000 Euro je Modul bestückt und elementiert werden. Insgesamt wird es weit über 1.000 Module unterschiedlichster Funktion und Qualität geben, die wiederum in 10 bis 1.000 unterschiedlichen Oberflächendesigns angeboten werden. Jede einzelne Wand, Decken- oder Bodenfläche wird damit in seiner speziellen Konfiguration quasi zu einem (wandelbaren) Unikat. Die permanente Beschäftigung mit (aktiver) Technik und plumper Materialität wird uns zunehmend in einen gesellschaftlich abgestorbenen Raum überführen, in dem analoge Kommunikation und Beschäftigung (mit dem Menschen) kaum noch eine Rolle spielen wird. Die Technik wird hier die zunehmend autistisch und egoistisch werdende Individualgesellschaft maximal unterstützen bzw. deren Wünsche befriedigen. Der Hang nach Kontrolle und Macht ist -und war- ein Ding der Technik par exellence. Virtuelle (Wissens- und Kommunikations-) Räume nun nicht mehr nur am Monitor sondern im ganzen Raum, im ganzen Gebäude. Unendlich viele Informationen werden dabei über unzählige Sensoren gesammelt, gespeichert, ausgewertet und in automatische Anwendungen übergeführt. Ein Raum von 15m² Raumgröße kann beispielsweise mit 7.000 Modulen im 10´er Raster elementiert werden. Auf einer Fläche von 100cm² (=1 Modul) können sie bereits heute weit über 100 Sensoren (siehe Sensortechnik Handy´s) einbauen. Je Quadratmeter könnten über 10.000 Sensoren installiert werden, die alles physikalisch Meßbare erfassen. Gewicht, Raum- und Körpertemperatur, Feuchtigkeit, relative Positionen, Bewegungen im Raum, Helligkeit, Farben, Formen, Akustik (Herzschlag, Atmung, Stimmen), chemische Zustände der Luft usw.! In Kombination können so aus den einzelnen Parametern funktionale Ableitungen modelliert werden, die erstaunlich viele Aussagen über uns Menschen erlauben. Die Sensoren könnten etwa verraten, ob wir hungrig oder müde sind, ob wir entspannt oder aggressiv sind, ob wir aufmerksam oder unkonzentriert sind usw. In Kombination mit individuellen Datenbanken können sogar Handlungsmuster vorausgesagt werden: Bewohner/ Person X wird in Y Minuten Raum Z betreten und die Handlung x ausführen.

Die Räume, in denen wir in Zukunft leben, wissen manchmal (oder eigentlich immer) mehr als wir selbst! Die Toiletten-App beispielsweise kann relativ präzise voraussagen, wann eine Person auf´s stille Örtchen muß (um zum Beispiel automatisch das Licht zu schalten, einen favorisierten Duft zu versprühen, die WC-Brille anzuwärmen oder eine Musik erklingen zu lassen). Und ein kleines, chemisches WC-Labor kann sogar ausführliche Daten über unsere Nahrung, unseren Stoffwechsel, unsere Verdauung und unsere Gesundheit i.a. ermitteln. Noch während des Toilettenganges leuchtet dezent ein Display auf und informiert uns über unseren aktuellen Gesundheitszustand. In jedem Raum sind diverse Kameras installiert, die unsere Körperhaltung, unsere Gestik, unsere Körpertemperatur, unsere Atemfrequenz und unsere Pupillenbewegungen registrieren. Auch hieraus können eine Vielzahl von physischen und psychischen Voraussagen über eine Person getroffen werden.

Kurzum wird die (tote, wenn auch sinnliche) materielle Welt der Artefakte quasi zu einem „aktiven“ Beobachter (Datensammler) und Kommunikator (Kommunikationsassistenz) „belebt“ und sukzessive in unser Leben integriert. Wie schnell und umfassend kleine, elektronische Geräte uns Menschen faszinieren und mehr oder weniger gewollt unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, zeigt das Beispiel der Handy- und Smartphone-Manie (Wahnsinn, phasenweise affektive Störung!). Es ist oder wäre ein leichtes, die soziale und ökonomische Erfahrungen im Ungang mit solch interaktiver Technik auch auf andere Artefakte, neben dem Automobil nun denn auch auf die Architektur zu transportieren. Die meisten Menschen sind neugierig, sind eitel und zudem materialistisch und habsüchtig eingestellt, dass Sinn und Zweck solcher Technik kaum hinterfragt wird, solange sie uns irgendwie (wenn auch nur oberflächlich und kurzweilig) „befriedigt“. Den Mensch als Konsumenten von Genüssen jeder Art (satisfaction!) hat es schon immer gegeben, nur niemals so zahlreich, so flächendeckend, so vorgesättigt und so ungehämmt sinnenlos. Das (unvernünftige wie verantwortungslose) Schneller, Höher, Weiter in der physischen und psychischen Befriedigung kann heute und morgen nur noch über Innovationen, über technische und chemische Hilfsmittel gesteigert werden. Trotz der vielen ungelösten Probleme in unserer Welt (Natur und Gesellschaft) machen die Sehnsüchte nach „satisfaction“ hier keine Pause, keinen Stillstand. Wenn der morgentliche Blick in den Spiegel durch ein interaktives Schönheits-und Pflegeprogramm begleitet wird (unsichtbare Kameras/ Sensoren hinter dem Spiegel können Augen, Gesicht und Körper erfassen, analysieren und entsprechende Anweisungen oder Tips geben), hindert uns unsere Eitelkeit mit nichten daran, auf diese Schmeichelei zu verzichten.

„Assistenzsysteme“ (elektronische Klugscheisser und Besserwisser) werden schon bald in nahezu allen Geräten wie auch sonstigen Artefakten verbaut sein. Solange die Menschen glauben, in dem toten Gegenstand trotz allem etwas „menschliches“, gar eine Seele zu erblicken -und sie tun es tatsächlich!- ist Technik tatsächlich der Schlüssel zum Paradies. Technik sorgt dafür, dass nahezu alle Sinne optimal und effizient stimuliert werden, dass es ein Mensch kaum besser machen könnte. Zudem generiert Technik die maximale Erfahrung und das universale Wissen der Menschheit, mehr, als es ein halbwegs gebildeter Mensch allein fassen und begreifen könnte. Assistenzsysteme werden uns schon in wenigen Jahren nonstop und rund um die Uhr durch unser Leben führen, geben Ratschläge, Anweisungen, Hinweise, Tip´s und verbinden uns synchron mit dem Rest der Welt. All das ist möglich, weil wir uns um das nackte Überleben kaum noch kümmern müssen. Doch gerade hier liegt auch eine sehr große Gefahr, wenn Maschinen und Technik bzw. Technologien i.a. nahezu alle Kompetenzen (Fähigkeiten) der Menschen übernehmen und die Menschheit damit in eine extrem hohe Abhängigkeit manövrieren, die weder vom einzelnen Individuum noch von größeren Gruppen -auch nicht von der Politik- mehr beherrscht oder kontrolliert werden kann. Das Zugpferd der Technik ist zum einen der rentable Markt (mit all seinen perfiden Abhängigkeitsmechanismen), zum anderen das Versprechen und der Glaube -nicht etwa die Vernunft oder Einsicht!- , eine bessere, „vorteilhaftere“ Welt mit und durch Technik generierenn zu können. Unser wirtschaftliches System verhindert ein kritisches Fragen, ein Fragen in die Zukunft nach Sinn und Zweck, solange mit Technik Geld verdient werden kann, Arbeitsplätze geschaffen werden und es irgendeinen strategischen Wettbewerbsvorteil gibt oder ein solcher in Aussicht gestellt wird. Technik bzw. der Technikmarkt spielt dabei mit Gefühlen wie Angst um Benachteiligung, um Sicherheit und Ausgrenzung. „Vorsprung durch Technik“ basiert auf niederen Gefühlen (stets gewinnen zu wollen, nicht verlieren zu können, nicht unterlegen sein zu wollen) und ist damit quasi eine Art Selbstläufer der Legitimation von Technik und seiner permanenten Erneuerung.

Welche Gewalt (Macht) Technik haben kann, wurde wohl erstmals mit den bestialischen Panzern und chemischen Waffen des 1. Weltkrieg offensichtlich, die den „fairen“ Mannenkampf der Soldaten ad absurdum führten. Kein 1/4 Jahrhundert später bereits die Atombomben der US-Amerikaner, die ganze Städte mit samt seiner Zivilbevölkerung mit einem Sekundenschlag vernichtet haben. 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieg verfügen wir über Technik/ Technologien, die uns den Weltraum zugänglich machen, aber auch die ganze Erde mit einem Schlag mehrfach ausradieren könnte, ohne, daß der Mensch, eine Armee, eine Nation auch nur den Hauch einer Chance der Gegenwehr hätte. Biologische und chemische Kampfstoffe sind das gefährlichste, was es neben der atomaren Bedrohung überhaupt gibt. Das wir sie noch nicht längst verboten und abgeschafft haben, zeugt von der emotionalen Struktur des Menschen, der dem Frieden nicht traut und die Geste der Macht stets dem Vertrauen in sich selbst bevorzugt. Nach wie vor glauben wir, daß die Technik (das Werkzeug) allein den Menschen ihren Vorteil in der Evolution sichert und ausbaut. Freilich kann der Mensch die Natur nur durch Technik bezwingen, sie beherrschen, zu seinen Gunsten verändern. Doch in dem Maße, wie die Technik die Natur bezwingt, wird sie auch für den Menschen zu einer ernstahaften Bedrohung, einer echten Gefahr: a) wenn die Technik gezielt/ vorsätzlich gegen Menschen eingesetzt wird, b) wenn die Technik versehentlich/ fahrlässig gegen den Menschen eingesetzt wird und schließlich c), wenn Technik ausser Kontrolle gerät und vom Menschen nicht mehr beherrscht werden kann. Technik selbst hat keine Moral (ist damit frei von gut und böse, nützlich und unnützlich, sinnvoll und sinnlos) und ist in seiner angewandten Möglichkeit ein fester Bestandteil der Natur (vielmehr der Naturgesetze). Was die Technik allein gefährlich oder bedenklich macht, ist der Mensch selbst, ist sein unmoralisches, unkontrollierbares oder fehlerhaftes Verhalten im Umgang mit Technik und der Anwendung von Technik. Und selbst automatische, technikbasierte Kontrollsysteme (die menschliches Versagen ja verhindern sollen), sind kein Garant für fehlerfreies Funktionieren von Technik. Denn jede Technik (auch Kontrolltechnik) wird vom Menschen produziert und hergestellt und unterliegt damit einer -wenn auch geringen-  Wahrscheinlichkeit von Versagen oder Fehlfunktion. Alle voran ist es Software, die neben falschen Konstruktionen oder Materialfehlern die Hauptursache von Fehlfunktionen ist. Auch redundante Systeme schützen nicht vor Fehlern, wenn sie beispielsweise aus den gleichen (fehlerhaften) Materialien oder gleichen (fehlerhaften) Konstruktionen und Bauteilkomponenten gebaut sind oder aber ungünstige Umweltbedingungen (Naturkatastrophen, Feuer, Sabotage, Krieg etc.) beide oder mehrere Systeme gleichermassen ausser Gefecht setzen. Hinzu kommt die Gefahr, daß immer komplexer werdende Techniksysteme auch immer mehr störungsanfällige Bauteilkomponenten besitzen, die die Wahrscheinlichkeit eines Versagens ungünstig beeinflussen. Um die Abhängigkeit von einem (möglicherweise versagendem) System so klein wie möglich zu halten, ist es mehr als schlau, parallel immer noch ein oder zwei alternative Systeme zu betreiben bzw. vorzuhalten.

Freilich sind die technikbedingten Gefahren und Risiken im Hochbau verglichen mit anderen Technikfeldern realtiv bedeutungslos und/oder harmlos. Auch, ob der „Nutzen“ den hohen Technikaufwand im Bauwesen rechtfertigt, ist unter ökonomischen und vor allem ökologischen Gesichtspunkten (Ressourcenverbrauch) eher kritisch zu hinterfragen.

 

raster

Donnerstag, Mai 15th, 2014

raster :: der überwiegende Teil des Hochbaues basiert heute auf Rastern, die zum einen das konstruktive System, zum anderen die Fassaden und den Innenausbau strukturieren. Das Raster selbst ist vor allem ein Ergebnis der industriellen Fertigung von Produkten und Baustoffen. Zum einen geben bestimmte Herstellungsbedingungen, die technisch, statisch und/oder ökonomisch optimiert sind, bestimmte Bauteilformate vor, zum anderen müssen unterschiedliche Bauteile auf ein gemeinsames Raster abgestimmt sein, damit sie im Ganzen aufeinander abgestimmt sind. Grundsätzlich unterscheidt man das Raster für den Innenausbau vom konstruktiven Raster, aus dem sich u.a. auch die Fassadenbauteile ableiten. Für das konstruktive Raster haben sich 25cm-Module (50, 100, 250, 500, 750 ff) bewährt, während im Innenausbau das 12,5cm- (25, 50, 75, 100 ff.) und 15cm-Modul (15, 30, 60, 90, 120 ff.) zum Einsatz kommen. Aus dem klassischen Mauerwerksbau kommen aus den Steinformaten abgeleitete Module von 11,5, 17,5,  24 oder 36,5cm sowie bei den lichten Abmessungen von 51, 76, 151, 201, 251 oder 501 zum Einsatz, die inklusive Putzauftrag von 10-25mm ein Ausbauraster von 15, 20, 25 oder 40cm bei den Wänden und 50, 75, 150cm bei den Raummassen ergeben (hier jedoch nur mit 10mm Putz oder Fliesenauftrag). Idealerweise wäre bei Putz- und Fliesenaufträgen von 15-25mm ein Stein-Modul von 11/24,5cm statt 11,5/24cm zu bevorzugen, so dass hiermit tatsächlich lichte Breiten von 25, 50, 75, 100cm erzielt werden können. Bei Wandlängen über 100cm eignet sich der 24,5cm Stein jedoch nicht mehr, so daß hier das 24´er Modul wieder die besser Wahl ist. Tatsächlich ergibt sich das gerade Ausbaumasz für die Innenwände jedoch aus dem Vielfachen eines Fliesenformates (Vielfaches von 15, 20 oder 25cm) zuzüglich 2 x 15-20mm Fussleisten und 2 x 15-25mm Putz bzw. Fliese zu 106, 206 oder 556cm. Bei den Deckerastern werden i.d.R. 60/60cm, 60/120cm oder 62,5/62,5cm, 62,5/125cm Raster angeboten. Zu diesem Rastermasz sind ebenfalls nochmal 2 x 15-20mm Randprofil und 2 x 15-20mm Putz/ Fliese hinzu zurechnen. Mit Rohbaumaszen von 56, 106, 256, 506 oder 726cm hat man mit den gängigen Bodenfliesen und Abhangdecken dann kein Problem mehr.  Problematisch wird es erst wieder dann, wenn im Boden- und Wandbereich mit (rastergleichen) Hohlkehlfliesen (also ohne zusätzlich auftragende Fußleisten oder Sockelfliesen) und im Deckenbereich mit (25-50mm) Schattenfugen gearbeitet wird. Ein Bodenspiegel im Fliesenformat (z.B. 150x210cm) mit Rohbaumaszen von min. 153 x 213cm ist dann nicht mehr mit den üblichen Rasterdecken von 60 oder 62,5cm Achsmasz zu elementieren. Hier muß geschnitten werden und der ganze Rasteraufwand ist ästhetisch wie ökonomisch wieder überfällig. Ebenfalls sind die üblichen Abmessungen von Stahlbetonwänden und Stahlbetonstützen (i.d.R. 20, 25, 30cm) nicht kompatibel mit den klassischen Mauerwerksmaßen. Bei einem wirtschaftlichen Konstruktionsraster von 600x800cm und 25/25cm bzw. 30/30cm Rechteckstützen verbleiben zwischen den Stützen  575 (570cm) und 775 (770cm). Bei den 25/25 Stützen fehlt 1 cm zu den 576 bzw. 776cm, bei den 30/30 Stützen sind es 6,5cm zu viel (563,5 + 1/2 Stein + 1cm Fuge) oder 6cm zu wenig. 600cm als Fassadenraster ist wiederum ideal für weitspannende Stahlprofile (z.B. Trapezbleche) oder auch Sandwichpaneele, die meist in Längen von 200, 500, 600 oder auch 800cm angeboten werden.  Aber auch hier liegt das Problem meist wieder in den Fugen (zirka 20mm vertikale wie horizontale Fugen) und Stoßpunkten.

Erfahrungsgemäß gibt es kein Raster und kein Modul, was für alle Bauteile gleichermassen stimmig ist. Liegen die tragenden Bauteile im 10´er Modul, kommt man für die Decken und Böden inkl. Putz und Fußleisten auf ein 15´er Modul. Arbeitet man mit Leichtbauwänden, dürfen die nicht breiter als 12,5cm sein (Putz entfällt). Werden die Wände gefliest, sind 12 und 27cm breite Leichtbauwände ideal. Um bei Türöffnungen keine Fliese schneiden zu müssen, muß die Zargenaußenkante ein Vielfaches von 15cm betragen (also 75, 90, 105, 120cm in der Breite und 210 oder 225cm in der Höhe, wenn die Sockelfliese 15cm beträgt). Damit liegt das lichte Durchgangsmasz der Türen mit 50 mm Zargenbreite bei 65, 80, 95 oder 110cm und das Rohbaumasz bei min. 78, 93, 108 oder 123cm (im Mauerwerksbau sind es 76, 88,5, 101, 113,5 und 126cm). Da es in der Praxis je nach Funtion jedoch zu viele Zargen- und Türtypen (Umfassungszarken, Eckzargen, Blockzarken) und bei den Räumen zu unterschiedliche Bodenbeläge (mit/ohne Fußleisten/ Sockelfliesen) und unterschiedliche Wände (Mauerwerk/ Beton/ Leichtbauwand mit/ohne Putz/ Fliesen) gibt und auch die Decken mal mit/ ohne Rasterdecken und mit/ ohne Schattenfugen ausgebildet werden, gibt es kein Idealmasz, was allen Ansprüchen gerecht wird. Der Planungsaufwand für gerasterte Bauelemente ist dabei erheblich und die Kompromisse bei den geschnittenen Bauteilen sind ästhetisch nicht immer befriedigend, zudem kostenaufwendig. Meist werden hierfür kostenintensive wie raumfressende Vorsatzschalen vor die Wände aufgebracht, allein um die Böden und Decken im Ausbauraster gestalten zu können. Wenn aber das vermeindlich wirtschaftliche Raster (das Argument der seriellen, kostengünstigen Massenherstellung solcher Elemente) dazu dienen soll, Kosten zu minimieren (was noch zu beweisen wäre!), liegt hier ein starker Widerspruch im System. Systemelemente wie beinahe alle Fertigteile sind tatsächlich nicht wesentlich günstiger, häufig sogar viel teurer als konventionelle Wand-, Decken- und Bodenausführungen. Spricht neben der perfekten maschinellen Verarbeitung (quasi fehlerfreie Produktion) nur noch das Argument der Zeitersparnis

Ob gerasterte Fassaden oder Innenräume ästhetisch anspruchsvoller sind, als freie Boden-, Decken und Wandgestaltungen, sei hier einmal mehr dahin gestellt. Die planerischen Zwänge von Rasterarchitekturen sind verhältnismäßig hoch und rechtfertigen aus ästhetischer Sicht den hohen Aufwand gegenüber freien Planungen nicht zwingend. Das Raster gibt zwar Halt und Orientierung, engt aber den Gestaltungsraum systembedingt zienmlich stark ein.Wenn sie beispielsweise eine 240cm breite Rasterdecke (4 x 60cm) über einem Flur haben und nun mittig ihre Donlights setzen wollen, landen die Leuchten genau in der Fuge. Das Deckenraster muß also um 30cm verschoben werden, womit aber an den Rändern halbierte Deckenfelder installiert werden müssen. Bei einer Glattdecke hätte sie dieses Problem nicht. Wollen sie zudem umlaufende Schattenfugen von 50mm haben, muß der Flur statt 240cm dann 250cm breit sein. Bei einer verputzten oder glatten Abhangdecke hätten sie dieses Problem nicht. Was allein für die Rasterdecke spricht, sind die flexiblen Revisionsöffnungen im Raster, die man bei Glattdecken erst wieder planungs- und kostenintensiv herstellen muß. Ein weiterer Trick, die Zwänge von Rastern zu umgehen, sind diagonale Verlegeweisen, Formatwechsel bzw. Formatvariationen /die jedoch wieder einen erhöhten Planungsaufwand erfordern) und kleinteilige Mosaikformate, die 10-25mm Toleranzen an Wänden oder Böden leicht überbrücken können. Auch Friese an den Rändern von Wänden oder Böden können solche Maszabweichungen zum Raster als bewußtes Gestaltungsmittel ganz unbemerkt kaschieren.

Da das Raster und mit ihm normierte Bauteile und Standardgrößen aus ästhetischer Sicht zu einer ungewollten wie unerwünschten Wiederholung der immer gleichen Bauteile führt (die auch durch die Varianz in der Bauteilgröße oder farbigkeit nicht wirklich kompensiert werden kann), spricht alles dafür, wieder mehr „ungerasterte“, sprich individuell gestaltete Bauteile zu verbauen, um den ästhetischen Sinn nicht im Einerlei des Rasters oder auch der gescheiterten Raster (knapp daneben ist auch daneben) verkümmern zu lassen. Es ist so viel einfacher und auch gestalterisch weitaus kreativer, außerhalb des Rasters zu entwerfen, zu planen, die Bauteile herzustellen (Handwerk) und zu verbauen. Wenn sie sich alte Fachwerkhäuser anschauen, sind sie  i.d.R. vom Gesamtbild dieser vordergründig geordneten Konstruktion fasziniert. Doch tatsächlich ist fast jeder Balken maßlich etwas anders, etwas schief und krumm und die Abstände der Stützen sehr ungleichmäßig. Es reicht unter ästhetische Gesichtspunkten vollkommen, eine Struktur oder ein Ordnungssystem formal im Ansatz zu erkennen, um es zu verstehen. Die Struktur selbst muß hierfür weder exakt, präzise noch symmetrisch sein!

Exakte und symmetrische Strukturen sind aus ästhetischer Sicht gestalterische Minimallösungen und in ihrer Lesbarkeit wie Deutbarkeit meist wenig anspruchsvoll. Wir vergleichen sie sprachlich mit gering komplexen Texten (etwa einer technischen, sachlichen Bedienungsaneitung), denen jedoch jeglicher prosaischer wie auch lyrischer Anspruch fehlt. Und nur darum kann es in der Architektur und auch der Baukultur gehen, in ihr Prosa und auch Lyrik als kulturelles Zeugnis baulich umzusetzen. Unsere Häuser und Fassaden wie auch unsere Stadtgrundrisse könnten sehr viel lebendiger, freundlicher, vielfältiger, orogineller und unverkrampfter daher kommen, wenn wir sie wieder aus den Krallen des (industriellen) Rasters befreien könnten. Tatsächlich ist der Markt um die Bauprodukte einem sehr starken Wettbewerb unterworfen, bei dem die indsutriell gefertigte Bauprodukte scheinbar mit technischen, funktionalen wie wirtschaftlichen Vorteilen daher kommen (Beispiel WDVS), um den konventionellen Bauweisen (insbesondere den Handwerksbetrieben) das Leben schwer zu machen. Mitunter können auch Gesetze und Normen über technische Mindestfunktionalitäten etc. dafür sorgen, dass Industrieprodukte meist ausser Konkurrenz sind. So, wie eine mögliche Gurkenverordnung dafür gesorgt hätte, dass es keine krummwachsenden Gurken mehr geben würde oder Industriesamen dazu führt, dass die landwirtschaftlichen Produzenten keine eigenen Arten mehr züchten können, gibt es auch im Hochbau eine Menge von Gesetzen, Verordnungen und Normen, die Industrieprodukte gegenüber konventionellen Baulösungen bevorteilen. So ist etwa der mehr als kontrovers zu diskutierende „Dichtungs- und Dämmwahn“ der EnEv maßgeblich dafür verantwortlich, dass überwiegend Industrieprodukte den neuen Anforderungen genügen. Dies kann mittel- bis langfristig zum Aussterben ganzer Handwerkstechniken wie auch Bauweisen führen.

Wie immer im Leben kommt es letztendlich allein auf Vielfalt und Originalität an! Das Raster ist dabei nur eines von vielen Ordnungssystemen, welches zudem ästhetisch (durch simple Wiederholung und Symmetrien) einen eher geringen Anspruch hat. Die Raster sollen nicht verschwinden, aber auch nicht unsere Bauweisen dominieren. Ein guter Gestalter verwendet das Raster, wo es wirklich einen wirtschaftlichen und/ oder auch ästhetischen Sinn macht. Wird es aber zum Selbstzweck, droht Gestaltungsverlust durch Dominanz.

Als Le Corbusier auf Grundlage einerangenommenen durchschnittlichen Körpergrösse von 183cm (anfangs waren es übrigens nur 175cm) und dem Goldenen Schnitt als Arithmetik den Modulor entwickelt hat, kamen mit der blauen und roten Reihe tatsächlich einige brauchbare Masze zustande, mit der man vom Möbelstück bis zum Geschossbau alles durchmodulieren konnte. Natürlich sind daraus abgeleitete Masze wie 2 x 113cm (also das Doppelte des Goldenen Schnittes von 183cm: 70cm  zu 113cm bzw. 113 zu 183) = 226cm für die lichte Raumhöhe mathematische Zauberei, denn man hätte auch das Vierfache von 70cm = 280cm oder 183cm + 70cm = 253cm nehmen können, um eine Deckenhöhe zu definieren. Und auch die 70cm, die von L.C. als Tischhöhe definiert worden ist, liegt heute bei praktikablen 75-80cm, von Küchenarbeitsplatten je nach Körpergröße bei idealen 85-105cm usw. Ferner gibt das Zahlenwerk ja nur Proportionen an, nicht aber ideale Masze für Bauteile noch, ob es sich um Brutto- oder Nettomasze handelt (es ist anzunehmen, daß ästhetische Proportionen sich auf fertige Raum- und Innenmasze beziehen). Hätte L.C. eine andere Körpergröße genommen, kämen freilich ganz andere Zahlen heraus. Zudem zeigt das Beispiel der Küchenarbeitsplatte, dass Masze „individuell“ nach tatsächlicher Körpergröße abzustimmen sind. Eine Normierung und Standardisierung macht hinsichtlich der stark variierenden Körpergrößen von 65cm (ca. 6 Monate altes Kind) bis 210cm wenig Sinn. International variiert die Durchschnittsgröße von Männern zwischen 159cm (Guatemala) bis 183cm (Niederlande), bei Frauen von 142cm (Bolivien) bis 171cm (Deutschland hat tatsächlich die größten Frauen auf der Erde). Wenn sie nun „ideale“ Schlafzimmer, Schreibtische, Büroarbeitsplätze, Werkstätten, Küchen, Badezimmer oder WC´s dimensionieren, müssen allein wegen der unterschiedlichen Körpergrösse Abweichungen von bis zu 30cm berücksichtigt werden. Nimmt man die durchschnittliche Körpergröße der Deutschen, unterscheiden sich Männer und Frauen immer noch durch 9cm Höhendifferenz. Tatsächlich leben in Deutschland auch viele Europäer, die -wie u.a. auch die Japaner- bei den Männern wie auch bei den Frauen bis zu 10cm kleiner sind. Chinesische (immerhin 19% der Weltbevölkerung) und indische Männer (stolze 17,9% der Weltbevölkerung) sind „durchschnittlich“ bis zu 15cm kleiner. Feste Größen (anders, als Mindestgrößen!) „taugen“ unter diesem Gesichtspunkt also nur wenig, da sie die individuellen Anforderungen der Menschen nicht wirklich berücksichtigen.

Wenn der Mensch der Maszstab für die Dimensionierung von Artefakten ist (Sitzhöhe, Aughöhe, Aktionsradius der Arme und Beine etc.), können wir mit Standardrastern und Standardmaszen nicht befriedigend auf den Menschen reagieren. Überhaupt sind Idealgrößen (bis auf statisch erforderliche Querschnitte von Bauteilen) schwer zu ermitteln, auch wenn sie rein technischer Natur sind. Kaum ein Mensch kann definieren, wie groß bzw. welche Abmessungen der ideale Raum hat, wie hoch die Decken sein müssen usw. Wohl hat man ein Gespühr für schöne oder gelungene Proportionen, kann sagen, daß ein Raum drückt, zu weit, zu unbehaglich  oder zu intim ist. Aber all das schwankt so ziemlich zwischen Pi mal Daumen mit Abweichungen von bis zu 40% nach oben oder unten.

Die individuelle Konfiguration von Bauwerken und deren einzelnen Komponenten ist ein Bereich, der in Zukunft -analog dem custom-made bike, dem custom-made car oder der custom-madefashion etc.- mmer mehr Bedeutung erlangen wird. Nicht nur Farbe und Ausstattung sind vom Käufer konfigurierbar, auch die Autositze und Lenkradposition passen sich bereits heute individuell dem Fahrer an. Und es gibt die ersten WC´s und Waschbecken, die sich automatisch in ihrer Höhe, Temperierung und Spülmodus den Benutzern anpassen. Und es wird neben der individuellen PC-Konfigurationen auch Schreibtische, Stühle und Workstations geben, die sich individuell ihren Benutzern anpassen. Die Härte von Matratzen wird individuell einstellbar sein, die Arbeitshöhe von Küchentresen und Arbeitsplatten und vielleicht werden sich irgendwann einmal auch die Brüstungshöhen von Fenstern sowie Deckenhöhen udn Wandpositionen den Benutzern individuell anpassen, so, wie sich bereits heute die Klimatisierung und Beleuchtung den Nutzern individuell anpasst. Aber wird es auch variable Raster geben? Wohl kaum, im besten Falle eine halbwegs „stufenlose“ Skalierung von technischen Geräten und Objekten, insbesondere bei der Strom- und Energiezufuhr von Motoren und sonstigen Antriebsaggregaten! Freilich wird es keine steifen Aluminium-Jalousien geben, deren Breite sich nebst Höhe variabel einstellen läßt. Wohl kann es Tische und Arbeitsplatten geben, deren Tiefe oder Breite variabel verstellt werden kann (z.B. über rollbare Beschichtungen auf skalierbaren Unterkonstruktionen (Schere, Teleskop, Klappmechanismen etc.).

Die Natur der festen Stoffe erlaubt derzeit meist nur eine 1-dimensionale Skalierung. Wohl können weiche und flexible Stoffe (etwa Textilien, Membranen, Folien, Gummis, div. plastisch verformbare Kunststoffe, Linoleum etc.) sich bereits in mehreren Dimensionen verändern. Ein Luftballon beispielsweise ist hier schon 3-dimensional variabel. Doch eine Tragwerksstütze, die mehrere Tonnen Last abtragen soll? Denkbar sind zumindest -analog zu modernen Theaterbühnen- variable Böden und Wände, die hydraulisch, pneumatisch oder über Seilezüge zumindest teilweise ihre Position oder ihr Volumen verändern können. Doch hierfür brauchen sie wieder einen zusätzlichen Konstruktions- und Stauraum, der je anch Technik mit unter bis zu 50% und mehr der eigentlichen Raumfläche oder des Raumvolumens einnehmen kann. Auf einer 100m² großen Grundfläche könnte man zum Beispiel mit viel hydraulischer oder mechanischer Technik variable Räume von 1m² bis 90m² Grundfläche flexibel modulieren, bei der die einzelnen Wandteile in nahezu jede x-beliebige Position verschoben werden können. Das wäre in etwa so, als wenn sich ein Fiat 500 durch beispielsweise Teleskopmechanismen variabel auf die Größe einer S-Klasse oder eines Kleinbusses modulieren ließe. Traum und Utopie? Zollstock, Meterband, Schlauchboot, Luftballon oder Teleskopstab sind schon tolle Erfindungen, mit denen man etwas sehr kleines schon sehr groß oder lang machen kann. Natürlich müßte beim Fiat 500 bereits die physikalisch bzw. statisch notwendige Masse für eine S-Klasse enthalten sein, womit das kleine Auto ganz schön schwer wäre und sein großer Vorteil (nämlich die Gewichtseinsparung) obsolet wäre. Und auch der Motor, die Bremsen und Reifen etc. wären entsprechend überdimensioniert. Bestenfalls passt man wieder mühelos in jede kleine Parklücke und auch der geringere Luftwiderstand würde sich zumindest positiv auf die Leistungseffizienz (also weniger Energieverbrauch) auswirken. Der Kutscher anno 1910 hätte für mehr Leistung einfach ein Pferdegespann mehr angehängt, vielleicht die Räder gewechselt, andere Federn eingespannt und einen anderen Aufbau aufgesetzt, um die optimale Performance zu erzielen. Diese Multifunktionalität und hohe Flexibilität geht unseren modernen Artefakten leider ein wenig abhanden (weil man neu kaufen und nicht flexibel variieren soll). Alte PC´s oder der Unimog wurden bewußt so konstruiert, dass mann sie beliebig mit notwendigen Modulen erweitern konnte (Steckplatzsystem etc.). Wenn sie heute ein Laptop kaufen, können sie das Gerät nachträglich kaum noch mit Hardware konfigurieren. Sie kaufen entweder „Alles“ oder „Nichts“, meist eine unlösbare Monokunstruktion, Punkt! Und man wartet als Verbraucher nur förmlich auf Gesetze, die nicht reparierbare, nicht demontierbare, nicht erweiterbare Einwegprodukte mit eingebauten Sollbruchstellen endlich verbieten, da sie weder funktional, günstig noch umweltfreundlich sind. Intelligente Gesellschaften (die Produktlösungen auf Basis eines minimalen Rohstoffverbrauches bei minimalem Arbeitaufwand entwickeln) vermeiden Arbeit, die etwas schafft, was hinterher noch mehr Arbeit macht (für Kinder: man soll nicht den Ast sägen, auf dem man selber sitzt)! Wenn etwa die Baukonjunktur schwächelt (konkret also Arbeistplätze bedroht sind, gleich ob beim Handwerk oder der Industrie), schafft man nolens volens eben neue Gesetze (wie die EnEv), die mit einem Schlag neu Arbeit generiert anstatt sich zu freuen, dass man endlich seine Ruhe hat, um das Leben zu geniessen! Solange die Arbeit allein an den Konsum gekoppelt ist, bleiben wir eine Geisel der Idiotie und der Widersprüchlichkeit par exelence. Frieden schaffen ohne Waffen? Lieber Konstruktion (Beschäftigung) durch Destruktion (Krieg, Zerstörung, Wechsel) heißt die marktwirtschaftlich orientierte Parole (wie man sie jüngst am Beispiel der Ukraine wiederholt demonstriert bekommt). Der Profit, die Gier, die Machtgelüste, der Wettbewerb, der Erfolgs- und Wachstumsimperativ und die Not (oder der Zwang) der Beschäftigung führen weltweit immer wieder zu den gleichen Resultaten: zu Umweltkatastrophen, zu humanitären Katastrophen, zu Krieg, Leid, Elend und Zerstörung. Die Reichen werden reicher und noch mächtiger, die Verlierer sind und waren immer schon die gewöhnlichen Menschen, das Volk, die nicht Privilegierten, die Handlanger der Destruktion und Konstruktion, mit der sie brav, treu und pflichterfüllt ihren stets schrupfenden Lebensunterhalt vedienen. Gesellschaftliche Systeme wie das unsrige haben hier übrigens eine Parallele zum System der Raster: sie erlauben kaum Flexibilität und verlangen ein Hohes Masz an Ordnung und Unterordnung, sprich Hierarchien. Raster haben hiernach in gewisser Weise etwas totalitäres, unverückbares, in Stein gemeißeltes.

Ihnen bleibt im Grunde nur der Weg in die Vielfalt durch Varianz der Rastermasze, womit sie sich jedoch kaum noch von den individuellen Lösungen unterscheiden. Die Basis aller möglichen Raster sollte dabei im Idealfall ein Vielfaches von 3cm oder 5cm sein. Mit dem 5´er Raster können alle geraden oder halben Meter-Masze (5, 10, 15, 20, 25, 50, 100cm ff.), mit dem 3´er Raster die 12, 24, 36, 48, 62, 96 und 124cm Masze abgedeckt werden. In Kombination können damit nahezu alle Raummasze innerhalb des Kombirasters abgedeckt werden.

Ästhetisch betrachtet bleibt die Frage, wie eine gleichmäßig gerasterte (geteilte) Fläche sich von ungleichmäßig (variabel) geteilten bzw. proportionierten Flächen unterscheidet. Die Baumeister der Renaissance entwickelten hierfür (also gegen die langweilige Arithemtik der einfachen Teilung) etwa das System von alternierenden Stützabständen: statt eine Fassade in gleich breite Flächen a : a oder a : a : a zu teilen, wurde eine abweichende Breite b hinzugefügt, so dass man nun in a : b : a : b : a oder b : a : b : a : b teilen konnte. Hierbei war b beispielsweise dann das Achsmasz einer Doppelstütze mit kleinem Zwischenraum.

Das Verhältnis von a : b konnte nun wieder der Goldene Schnitt sein, das Verhältnis 1: Quadratwurzel von 2 oder andere Teilungen wie 1:2, 1:3, 1:4, 1:5 oder 1:x. Alternierende Systeme haben durch die Zwischenteilungen den Vorteil, daß sie in den Grundrissen bei den Raumbreiten eine höhere Flexibilität aufweisen und als Fassade nicht ganz so plump wie ein Militärmarsch im 4/4 -Takt daher kommen. Sie werden i.d.R. vom Auge als wesentlich abwechslungsreicher, sprich „spannender“ wahrgenommen und trotzdem noch einer gewissen Gleichmäßigkeit ( die ruhende und ausgewogene Komponente der Balance) zugeordnet. Die sichtbare „Fuge“ (also eine realtiv schmale Breite b) gehört übrigens zum System alternierender Teilungen dazu, auch wenn sie nicht ganz so kräftig wirkt wie ein Doppel- oder Dreifachstützenmotiv mit Zwischenraum. Je nach Kontext wirken bereits 10mm bis 50mm Breite Fugen (flächig oder auch mit Positiv- oder Negativausbildung) als Bauteiltrennung und werden optisch als trennende Fläche wahrgenommen. Der Effekt wird zusätzlich durch den Farb- und Helligkeitskontrast der Fugen zu den angrenzenden Bauteilen beeinflusst.