architektur & kultur

architektur & kultur :: wir wollen uns spannende die Frage stellen, ob Architektur heute wie ehemals überhaupt genügend pädagogisches Potential und Strahlkraft besitzt/ besaß, um eine Kultur positiv wie negativ zu beeinflussen. Welchen Einfluß haben Ordnungssysteme, Strukturen, Konstruktionen und Materialien tatsächlich auf uns Menschen, dass sie möglicherweise unser kulturelles Denken und Handeln irgendwie beeinflussen könnten?

Grundidee dabei ist die Vorstellung einer psychischen wie auch physischen Wechselwirkung zwischen Subjekt ( also dem Menschen) und Objekt (also dem Gebäude): Farbe, Material, Form, Dimension, Proportion, Struktur, Muster, Konstruktion, Funktion, Lage, Kontext etc. eines Gebäudes sollen also durch unsere Objektwahrnehmung (sensorisch wie mental) einen Einfluß auf unsere Stimmung, unser Gemüt, unsere Art und Weise zu Empfinden und zu Denken haben. Möglicherweise wirken diese Objekte auch direkt oder indirekt auf die Entwicklung und Bildung unserer neuronalen Strukturen?! Vereinfacht gesagt: allein der (einmalige oder auch häufige) Anblick eines Objektes reicht aus, um unser komplexes psychisches-physisches System (Körper, Sinnesorgane, Gehirn) irgendwie zu stimulieren, zu beeinflussen, gar neuronale Vernetzungen herzustellen usw.. Ist das wirklich immer so?

Helfen mathematische Ordnungssysteme (etwa der rechte Winkel, das Quadrat, eine gleichmäßige wie sich wiederholende Teilung/ Anordnung von Elementen, das Ebenmasz, die Exaktheit und Präzision, die Gebundenheit und Komplexität von Bauteilen etc.) uns Menschen tatsächlich, uns geordneter, strukturierter, organisierter und rationaler zu verhalten? Und anders gefragt: bewirken zufällige oder chaotische Ordnungssysteme jenseits der mathematischen Ordnung dann etwa das Gegenteil in uns?

Wie wirkt denn überhaupt Größe und Maßstab auf uns? Und wie wirken Materialien, Farben und Formen auf uns? Und wenn sie nachweislich wirken sollten: wirken sie dann bei allen Menschen gleich?

Zu unterscheiden sind dabei zum einen rein emotionale Wirkungen -also Gefühle, Stimmungen, Gedanken- und rein biochemische bzw. neurologische, hormonelle Wirkungen, auf die wir keinen direkten Einfluß haben. So etwa verändert beispielsweise das Licht (Lichtmenge, Farbe, Farbtemperatur etc.) nachweislich unseren Hormonhaushalt, der wiederum auf unsere Stimmung wirkt bzw. wirken kann: freundlich, heiter und erquickend bis melancholisch, düster und depressiv. Welche Farbe, Form, Materialität oder auch Bildhaftigkeit (Motiv) macht uns demnach aggressiv und nervös, welche hingegen stimmt uns mild und friedlich? Welche Eigenschaften wirken beengend, bedrückend, fad und langweilig, welche befreiend, motivierend und spannend? Und all das „nachweislich“!

Die Vorstellungen der Renaissance etwa basierten -bei einer relativ beschränkten Anzahl von Baumaterialien- vornehmlich auf einer mathematischen, geometrischen Harmonielehre (Proportionslehre), bei der sämtliche Bauteile sorgsam nach Funktion und Position innerhalb eines „Ganzen“ dimensioniert und proportioniert waren. Die Architekten der Moderne wiederum glaubten an die geometrische wie funktionale Einfachheit, Klarheit, Transparenz, Großzügigkeit und Helligkeit von Gebäuden, um der zivilisatorischen Moderne die passende Hardware zu geben. Und die Postmoderne glaubte, den Menschen wieder platonische (klassische) Geometrien (dazu eine ungeheure Vielfalt von Motiven und „Bildern“) sowie helle, pastellerne Farben geben zu müssen, um der allzu rationalen wie strengen blanc-en -blanc Architektur des sogenannten Vulgärfunktionalismus paroli bieten zu können. Und es gab die Organiker, die mit ihren Nierenformen das organische im Leben nachbilden wollten, und es gab die Chaotiker, die Dekonstruktivisten, die durch das bewußte Zerstören alter Ordnungsstrukturen (Geometrien wie Funktionen) zu neuen, weiterentwickelten Ufern gelangen wollten (also eine manieristische, oppositionelle Haltung).

Doch niemals ist bis heute bewiesen worden, dass eine bestimmte Art zu Bauen tatsächlich auch unterschiedlich ausgeprägte Gemeinschaften (Kulturen), ja sogar unterschiedliche Neurotypen hervorgebracht hätte. Wahrscheinlich ist, dass unsere Umgebung tatsächlich irgendwie (und dies kurz- mittel- und langfristig unterschiedlich) auf hochkomplexe Art und Weise mal mehr oder weniger auf uns wirkt. Doch wie genau sie èn detail wirkt, wissen wir bis heute nicht oder nur sehr vage. Und weil wir es nur vage wissen, sprechen wir nicht oder nur sehr ungern von Unwissenheit (Inkompetenz), sondern lieber von „Phänomenen“ und individuellen Präferenzen. Alles kann (individuell) . . .muß aber nicht!

Diese Beliebigkeit von Möglichkeiten mag tatsächlich ein Teil unserer Wahrheit und Wirklichkeit sein, doch verläuft diese Geisteshaltung (Philosophie) relativ asynchron mit der klärenden, meßbaren Welt der Wissenschaft und Technik, die für alles eine Erklärung hat. Doch wie sollen wir Empfindungen und Gefühle oder Bedeutungen (semantische Werte) von Menschen messen/ vermessen, um wissenschaftliche Aussagen über die Wirkungsweisen und das Funktionieren der Gestalt- und Wahrnehmungspsychologie sowie der Sinnesphysiologie zu erhalten? Es bleibt zunächst nur das Experiment, um empirische Aussagen über bestimmte Phänomene zu erlangen. Solche Experimente könnten vielleicht klären, ob wir Menschen i.a. bestimmte Formen, Farben, Materialien, Muster oder Strukturen favorisieren. Man könnte unterschiedlichen Gruppen (Alter, Geschlecht, Kulturkreis, soz. Status etc.) beispielsweise auf ihre Lieblingsfarbe, ihre Lieblingsform, ihren Lieblingskörper, ihr Lieblingsmuster usw. testen.  Zudem können dabei auch aktive Gehirnareale über ein CT lokalisiert und quantitativ abgebildet werden. Auch über Körperreaktionen, die Mimik etc.  können bestimmte Objektwirkungen verifiziert werden.

Schwierig wird es, zwischen natürlichen und erlernten Verhaltensweisen (Faktor Umwelt) zu unterscheiden. So eine Zitrone mag anfänglich sehr interessant und verlockend aussehen. Doch spätestens, wenn man in sie hineingebissen hat, wird man eine ziemlich säuerliche Erinnerung an die Zitrone haben und sie vielleicht nicht mehr ganz so interessant oder verlockend finden. Auch die niedliche Katze wird mit ihrem ersten schmerzhaften Krallenfaucher gewiss einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Überhaupt werden mit allen Ereignissen, Gegenständen, Farben, Formen, Materialien, Sinneseindrücken i.a. bestimmte Verbindungen zu den damit gemachten Erfahrungen (positiv, negativ) hergestellt und bleiben als mehr oder weniger bleibende Erinnerung im Gehirn abgespeichert. Bei Kindern ist diese assoziative Wertung (auf Grundlage einer Erfahrungswelt) noch sehr schwach ausgeprägt. Bei Erwachsenen hingegen sind die Bewertungsmuster quantitativ wie qualitativ viel differenzierter, eindeutiger und komplexer, je nachdem, welche Erfahrungen sie mit einem Ereignis oder einem Gegenstand gemacht haben. Fäkalien werden beispielsweise von Erwachsenen als Quell von Erregern und Krankheitskeimen möglichst gemieden (Ansteckungsgefahr), während Kinder zunächst kein Problem mit dem Geruch und Aussehen von Fäkalien haben. Auch bei den Materialien lernen wir relativ schnell, ob ein bestimmtes Material mit einer bestimmten Form oder Gestalt uns dienlich oder auch gefährlich sein könnte. Da ist etwa das kalte, scharfe Metall (Messerklinge), das dünne, hautschneidende Papier, das rußende, staubige Stück Kohle, der klebrige Brei, der weiche Samt, das splitterige Holz, der harte Steinboden, der weiche Flokati, die pieksende Feder oder Nadel, die scharfe oder weiche Kante usw.

Hinzu kommen unsere Erfahrungen mit der Pflege, Haltbarkeit, Reperartur und Finanzierung  von Materialien oder Objekten. Zusammengenommen  also ein hochkomplexes, erfahrungsabhängiges Bewertungsmuster, was den Daumen nach oben oder unten bewegt. Auch in der Architektur gibt es eine Vielzahl von Materialien und Formen, die letztendlich im Rahmen eines meist langjährigen Bewertungsprozesses als geeignet oder ungeeignet eigestuft werden. Viele positive Eigenschaften bleiben dabei den Laien verborgen, wenn es etwa um statische oder bauphysikalische Eigenschaften geht, insbesondere bei der Konzeption von Profilen oder mehrschichtigen Bauteilen. Lediglich bei der ästhetischen Betrachtung müssen und können wir uns auf unsere eigene, individuelle Erfahrungswelt verlassen. Auch die meisten Architekten greifen beim Entwurf intuitiv auf ihr ästhetisches, formales Erfahrungsrepertoir zurück, meist ein Sammelsurium aus bestehenden (gebauten) und auch eigenen oder selbst entwickelten Lösungen. In der Regel werden dabei alle (dem Architekten mit den Jahren bekannten) Baubeispiele (alte wie neue) ästhetisch und funktional neu bewertet, gefiltert, selektiert und gelistet. Hierbei werden – nicht nur, um Zeit und Kosten zu sparen-  sogenannte Standards entwickelt, also bewährte Lösungen, die immer wieder -wenn auch mit Varianten- zum Einsatz kommen. Aber auch die Industrie entwickelt eigenständig wie auch manchmal in Zusammenarbeit mit Architekten und Ingenieuren, neue Bauprodukte und definiert damit ebenfalls neue Standards, die zumindest technisch auf dem neuesten Stand sind.

Um nun aber sagen zu können, wie ein idealer Raum aussieht, müßte man tatsächlich ein umfangreiches Testprogramm durchführen, bei dem von der Raumgröße, Raumform, den Raumöffnungen bis hin zu den Materialien, Oberflächen und der Möblierung alles von den Benutzern bewertet wird. Heraus kommen würden meßbare Referenzwerte für die Lichtverteilung, die Helligkeit, die Farbtemperatur, die Kontrastwirkung, das Akustikverhalten, das Raumklima, die optische Transparenz, die Festigkeit und Dichte von Oberflächen, die Temperatur von Oberflächen, Haptische Eigenschaften usw. Hinzu kommen Bewertungen zur Funktionalität, zur Praktikabilität, zur Flexibilität und Wandelbarkeit, zur Atmosphäre und Raumstimmung usw. Letztendlich aber wird es von den einzelnen Personen mehrere als ideal (oder annähernd ideal) bewertete Raumformen und Styles geben. Vielleicht kann man sogar auch bestimmte Raumtypen bestimmten Charakter- oder Phänotypen wie auch persönlichen Lebensphilosophien zuordnen. Sicherlich wird sich auch der Geschmack oder Style der äußeren Erscheinung (Mode) zumindest ästhetisch den favorisierten Raumtypen ähneln. Doch damit hat man lediglich bewiesen, dass es eine hohe Anzahl an verschiedenen Geschmäckern und Styls gibt, nicht aber die Existenz einer universalen, grundlegenden, allgemeingültigen Ästhetiklehre, die für alle Menschen zu allen Zeiten gleichermaßen zutrifft. Es wäre ja auch fatal, wenn man sich für nur eine Blumenart oder nur ein Gericht entscheiden müßte, obwohl man andere Blumen oder Gerichte auch ganz interessant und schmackhaft findet. Hier ist die Vielfalt das Problem der idealisierten Perfektion: es gibt in der Welt dies und das und jenes und nichts von alledem ist besser oder schlechter, schöner oder häßlicher, brauchbar oder unbrauchbarer usw. als das andere. Und selbst, wenn sie den idealen, makellosen Apfel gezüchtet haben, wird es immer jemanden geben, der die alten Sorten besser findet oder gar keine Äpfel sondern lieber Pflaumen und Birnen mag.

Und was die wechselseitige Beeinflussung von Umwelt und Individuum betrifft, wird es nur bedingt einen wissenschaftlichen Nachweis geben, dass und wie die Umgebung die Menschen verändert. Natürlich ist ein sakraler Raum, der pulsierende Broadway, eine abenteuerliche Favela oder eine eisige Nordpol-Station komplett verschieden in seiner Wirkung auf uns Menschen. Doch man kann nicht sagen, dass der ein oder andere Raum allgemein besser oder schlechter wäre. Man kann nur sagen, dass speziell für die eine Person dies gerade oder im Moment der ideale oder angenehmste Raum ist. Und ob Maschinenarchitektur uns Menschen maschinenähnlich macht, ob monumetale Architekturen uns zu Herrschern und Beherrschten macht, ob graue Betonarchitekturen uns zu harten, abweisenden und farblosen Menschen macht, ob transparente, großzügige Architekturen uns zu großzügigen, offenen Demokraten macht oder organische Architrekturen uns zu natürlicheren, harmonischeren, gar friedlicheren Menschen macht sei dahin gestellt: die Objektwelt ist letztendlich eine Welt der Bilder, mit der wir Menschen neben unserer Sprache zu kommunizieren versuchen, was wir denken und fühlen. Und Bilder sind reduzierte Oberflächen, die nicht zwingend mit dem übereinstimmen, was sie verhüllen. Das Bild von etwas kann eine Täuschung sein (Maske), wohl kann es auch einfach nur das sein, was es ist (authentisch). Würde man uns Menschen nebst Kleidern auch die Haut vom Leibe reißen, wären wir immer noch (mit allen Organen, Muskeln, Knochen und dem Gehirn) ganz derselbe Mensch, aber optisch wohl sehr unansehnlich: ein liebliches, schönes Gesicht (in das wir uns verlieben könnten) wäre wohl nicht mehr zu erkennen. Sodann machen wir uns stets ein Bild von der Welt, nicht, wie sie wirklich ist, sondern wie wir sie „denkend“ konstruieren, dass sie für uns so sein möge. Das Häßliche oder das Schöne  (als Bild) ist damit lediglich eine Vorstellung von uns Menschen, nicht aber tatsächlich universal existent. Und darum kann auch jede Architektur als Bild von uns Menschen ganz unterschiedlich „gedacht“ bzw. imaginiert werden. Und selbst wenn es eine physikalisch meßbare Raumwelt gibt (Klima, Licht, Akustik etc.), die für uns Menschen ideal sein kann, wird diese phyikalische Raumwelt stets von unserer gedachten  Bilderwelt überlagert. Spätestens hier hört die wissenschaftliche Meßbarkeit auf, da Gedanken und mit Bildern assoziierte Gedanken mit all ihrem semantischen Wert nicht meßbar sind. Wohl können wir die Aktivität und den Ort von Gedanken im Gehirn messen, nicht aber ihre semantische Bedeutung für uns Menschen. Was wir dennoch messen können, sind wohl Hormone bzw. deren Ausschüttung in unserem Körper, die uns gefallen (Glücksgefühle, Beteubung etc.) oder weniger gut gefallen (Angst, Stress, Schmerz etc.).

Wenn es nun das kulturelle Ziel sei, uns Menschen mit Objekten, Artefakten, Architekturen etc. „glücklich“ (oder in irgendeiner anderen neuronalen oder biochemischen Form „befriedigt“ oder „angenehm stimuliert“) zu machen und man diese biochemischen Zustände und Reaktionen in unserem Körepr explizit nachweisen und messen kann/ könnte, dürfte es leicht fallen, den ästhetischen bzw. biochemischen Wert von Artefakten konkret und direkt nachzuweisen. Freilich würden wir dann immer noch unterschiedliche Bewertungen von ein und demselben Artefakt bekommen, da die individuellen Präferenzen der Menschen nach wie vor so unterschiedlich und vielfältig sind. Ein Hersteller von Fenstern würde vielleicht fünf bis zehn verschiedene Fenstertypen (Material, Format, Profile, Farbe, Beschläge etc.)  anbieten müssen, um im Durchschnitt vielleicht 90% aller Menschen je nach Typ maximal zu befriedigen. Nun kann er sich entscheiden, ob er alle 5-10 Typen anbietet oder sich für ein „Durchschnittsfenster“ entscheidet, welches 90% aller Menschen zu 50-70% befriedigt. Da aber der persönliche Geschmack zeitlich betrachtet keine Konstante ist, wird das momentan von der Person X als ideal empfundene Fenster A wahrscheinlich schon nach wenigen Jahren eben keine maximalen „Reize“ mehr erzeugen, daß nun von der Person X ein anderer Fenstertyp B favorisiert wird.

Das Problem der sozialen Individualisierung erleben wir ja nun schon seit vielleicht mehr als 100 Jahren, in denen die Menschen unterschiedliche Produkte marktgerecht herstellen und so ihre Käufer bzw. Kunden mal mehr, mal weniger stark beworben finden (Markenwelt etc.). Die individuelle Präferenzierung hat hier auch in der Architektur sowie dem Städtebau kein Halt gemacht, auch wenn die alten Baumeister und Architekten immer wieder davor gewarnt und „gemahnt“ haben, daß Architektur und Stadtbaukunst eben keine kurzweilige „Mode“ sei sondern etwas für die „halbe Ewigkeit“. Doch die vorangegangenen, mehr oder weniger einheitlichen, gestalterisch aufeinander abgestimmten „Architekturstandards“ der meist über hundertjährigen Epochenstile (meist regionale Bautraditionen) wurden seit der Nazi-Diktatur (faschistische Monumentalität) und dem globalen Sozialismus (ideenlose, ebenfalls monumentale Gleichmarerei) mit der kapitalistischen Demokratie- und Individuumbewegung zumindest politisch als unbrauchbar und unerwünscht  für eine fortschrittliche, moderne Gesellschaft eingestuft. Damals war der neue, aktuelle, moderne und fortschrittlichste Stil der des Bauhauses (u.a. W. Gropius, M.v.d.Rohe sowie Le Corbusier in Frankreich), aus dem sich die Moderne bis heute entwickelt hat: rationale Verwendung industrieller Baustoffe wie Stahl, Glas, Beton, Bitumen, Linoleum, Faserzement, Trennung von Fassade und Tragwerk (Stützen, Pilotis, Curtain-Wall), glatte Putzwände in Weiß und Farbe (Pastelltöne von L.C.), Flachdächer statt ziegelgedeckter Giebeldächer usw. Konstruktion und Material als Primat einer ehrlichen, formalistisch und ideologisch befreiten Architektursprache. Bis heute hat sich hier an der überwiegenden Verwendung industriell hergestellter Baustoffe und der rationalen Elementbauweise im Prinzip nichts wesentliches geändert. Hinzu gekommen sind seit dem unzählige neue Kunstbaustoffe, Kompositbaustoffe, Mehrschichtbaustoffe etc., die Steinfliesen mit Holzoberflächen und Holztafeln mit Steinoberflächen ermöglichen. Dazu jede Menge verdeckter Technik (Fenster, Türen, Verschattungsanlagen, Aufzüge, Klimaanlagen usw.). Ein banales Fenster aus Holz, Glas und Kitt zu fertigen (zu konstruieren), war damals konstruktiv, statisch, funktional und formal konsequent einfach. Heute werden komplizierte Beschläge, islorienende Hohlkammersysteme, thermische Entkopplungen, aufwendige Abdichtungssysteme, Schliessmechanismen und hochdämmende Isolier- und Spezialverglasungen entwickelt, die aus dem banalen Fenster mit seinen unzählig verbauten Einzelteilen fast ein kleines Wunderwerk machen. Die ingenieurhaften (also technischen) Lösungen für stets steigende Anforderungen dominieren dabei die Konzeption solcher moderner Bauteile, so dass sich das Formale restlos der technischen Funktion unterordnet und eher ein zwangsläufiges Abfallprodukt ist. Damit verlieren die komplexen Bauteilen (Beispiel Tür, Fenster) aber auch ihre gestalterische wie konstruktive Selbstverständlichkeit, da wir die vielen, meist verborgenen technischen Features nicht mehr nachvollziehen können (weil sie entweder verborgen sind oder weil ihr Mechanismus für einen Leien zu kompliziert ist). Dinge (Artefakte), die wir funktional und konstruktiv nicht mehr verstehen (Beispiel Computer, moderner Motor) entfremden sich damit in gewisser Weise vom Benutzer (User), da er es selbst nicht mehr kontrollieren, beherrschen noch reparieren kann. Machtlos und ratlos sehen wir zu, wie ein kleiner, defekter Computerchip unser ganzes Auto lahm legt, wie ein Softwarefehler unseren PC ausser Gefecht setzt usw.! Die Technik dominiert mehr denn je unser Leben. Wir nutzen sie gerne wie selbstvetständlich, doch wir beherrschen sie nicht mehr.

Betrachten wir Architektur hingegen aus der Sicht einer erfolgreichen, technikbezogenen Problemlösung (wie es seinerzeit vor mehr als 90 Jahren L.C. in seiner 1923 veröffentlichten Publikationen „Vers une architecture“ beschrieb), muß man zunächst eine „Idee“ davon entwickeln, „wie“ und mit welchen Hilfsmitteln bzw. Werkzeugen die Menschen gerne leben wollen und/ oder leben könnten! Hier steht also zunächst die Frage nach der Kultur, in der wir Menschen leben wollen. Erst, wenn wir diese Frage beantwortet oder mit einer (visionären) Vorstellung skizziert haben, können Techniker, Ingenieure und Architekten hierfür auch moderne bauliche Lösungvorschläge und Konzepte erarbeiten. Tatsächlich muß hierfür alles bereits bestehende an Maschinen, Geräten, Werkzeugen etc. wie auch Bauwerken, Architekturen und Städten einschliesslich seiner Infrastruktur komplett neu hinterfragt werden! Das Problem Mobilität beispielsweise können wir mit bekannten Techniken sehr gut lösen (Motor = Antrieb, Räder = Rollen usw.). Um aber nun zu neuen oder besseren Lösungen zu gelangen, muß man das Konzept Motor + Räder + Karosse verlassen, um zum Beispiel zu einer Magnetschwebetechnik oder zu einer Luftdrucktechnik etc. zu gelangen, bei der es keine Kolben, keine Achsen, keine Räder, keine Strassen, keine Parkplätze etc. mehr gibt! Hat mam hierfür eine technische Lösung parat, verändert sich hiermit auch das Raumprogramm der Gebäude (Wegfall von Zufahrten, Wendemöglichkeiten, Garagen) und der Städte (Strassen, Parkplätze, Garagen, Steuerungssysteme usw.). Mit einem Schlag würden wir die aktuellen Strassenprofile (Gebäude, Gehweg, Parkplatz, Strasse, Parkplatz, Gehweg, Gebäude) damit verändern und die frei werdenden Flächen und Räume (ehemals Verkehsflächen/ verkehrsräume) könnten einer vollkommen neuen Nutzung dienen. Dieses Beispiel soll nur exemplarisch dafür stehen, dass Architektur selbst keine oder nur bedingt neuen Kulturen erfindet, wohl aber auf aktuelle Kulturen (Techniken, Bedürfnisse) ebenfalls mit neuen baulichen Lösungen reagieren kann.

Was ist ein Haus? Wieviele Menschen leben in ihm? Wie lange leben sie in dem Haus? Was brauchen die Menschen tatsächlich für Räume? Wie organisieren sich die Menschen? Was tun sie in ihrer Freizeit? Ist die Trennung von  Arbeits- und Freizeit überhaupt noch zeitgemäß? Ist es noch zeitgemäß, Produkte in Geschäften und Supermärkten einzukaufen? Können Dienstleistungen (etwa der Arztbesuch) nicht auch vor Ort oder über ortsunabhängige Kommunikationsmöglichkeiten (Internet, Bildtelefon, Chat etc.) geleistet werden? Wie sieht die Arbeitswelt von morgen und übermorgen aus? Gibt es dann überhaupt noch Büro- und Geschäftshäuser? Gibt es Autos, Strassen und Parkplätze? Werden die modernen Fabriken wegen der hohen Automatisation überhaupt noch Menschen beschäftigen? Ist das Modell Kindergarten, Schule und Universität in Zukunft überhaupt noch brauchbar, wenn Wissen wie auch soziales Verhalten auch orts- und gebäudeunabhängig vermittelt werden kann? Wie sieht das gemeinschaftliche Leben aus? Und wie verhält sich das gemeinschaftliche Leben zur Privatheit (Zeitaufwand, Funktionen etc.)? Wie flexibel muß ein Gebäude sein, um auch in 5, 10 oder 20 Jahren noch aktuell sein zu können? Oder ist die Halbwertszeit eines Gebäudes in Zukunft nur noch bei wenigen Jahren? Wie verhält es sich in Zukunft mit Eigentum und Besitz? Wird es morgen noch Grundstücke, Parzellen und Zäune/ Grenzen geben? All das sind soziale, kulturelle wie auch technische Fragen, die die Architektur allein nicht beantworten kann. Sie kann heute bestenfalls auf Weisung oder Auftrag eines „Visionärs“ (ein Konzern, ein Unternehmer, ein Herrscher, eine Regierung etc.) mit modernen und innovativen Lösungen ein Stück Zukunft vorweg nehmen und Teil der „Avantgarde“ sein.

Noch heute denken wir, dass eine Wohnung mehrere Räume haben muß, um darin bequem und glücklich leben zu können: eine Diele/ Empfang mit Garderobe und Gäste-WC, eine Küche, ein Eßzimmer, ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer mit Garderobe und Bad, Kinderzimmer mit Bädern, ein Gästezimmer, ein Hobbyraum/ Fitnessraum/ Spieleraum, eine Waschküche/ Haushaltsraum, eine Speisekammer/ Lager, eine Garage, ein Geräteraum, ein Balkon, eine Terrasse/ Dachterrasse, ein Grillplatz, ein Müllplatz usw.  Wirtschaftlich und ökologisch (Ressourcenverbrauch) betrachtet ist eine zunehmende Gliederung in viele funktionale Bereiche verschwenderisch und kostspielig. Funktional kann es große Vorteile haben, wenn die Funktionen sich nicht mischen und eine Option auf Privatheit (Passivität) und Gemeinschaftlichkeit (Aktivität) anbieten. Es kann aber auch zur Leere führen, wenn die Bewohner sich in einem Zimmerhaus nicht mehr begegnen (müssen). Stellen sie sich nun vor, dass Diele, Küche, Eß- und Wohnzimmer in einem großzügigen Raum untergebracht sind, bei dem die Wände, Decken und Böden Teile der funktionalen Ausstattung beinhalten und funktionale Trennungen flexibel über Raumteiler oder Schiebewände hergestellt werden können. Stellen sie sich weiter vor, dass sie mit ihren Nachbarn bestimmte Räume, die nur wenig genutzt werden,  „teilen“, etwa das Gästezimmer, den Hobbyraum, die Sauna, den Swimmingpool, die Werkstatt, den Geräteschuppen, die Waschküche, den Grillplatz, den Müllplatz etc. Allein durch die Veränderung des Raum-Programmes können Architekten nun ganz neue Gebäudetypen entwickeln, die formal nichts mehr gemein haben mit dem gewohnten Einfamilien-, Mehrfamilien oder Reihenhaus. Ein modernes (Wohn- oder Büro-) Haus wäre dann nur noch soetwas wie ein elementares, konstruktives Raumangebot (quasi eine multifunktionale Halle) mit einer flexibel ausgerichteten Grundversorgung (Strom, Gas, Wasser, Schmutzwasser, Lüftung, Heizung etc.), in dem der Grundriss möglichst viele temporäre Raumnutzungen wie auch technische Ausstattungen ermöglicht, horizontal wie vertikal. Auch die einzelnen Bauteile ( Fassaden, Wände, Decken) sind den gewählten Funktionen entsprechend anpassbar und austauschbar: die Decken- und Dachelemente sind als Hohlraumelemente konstruiert, um eine flexible Anordnung der Versorgungsleitungen zu gewährleisten. Im Grunde funktioniert ein solches Gebäude wie eine Messehalle mit flexiblen, individuell konfigurierbaren Einbauten, nur im kleineren Maszstab. Auch die Fassaden sind so konstruiert, dass auf die feste Tragstruktur in einem bestimmten Konstruktionsraster x-beliebige Elemente aufgesetzt werden können. So etwa können auch technische Produktneuheiten bzw. Innovationen viel leichter ausgetauscht werden, was im Massivbau unmöglich oder nur mit aufwendigen Eingriffen zu realisieren ist. Und wer glaubt, dass Elementbau nur mit rechten Winkeln funktioniert, irrt: bereits heute werden frei formbare Wand- und Deckenelemente angeboten, die gekantet oder gekrümmt verbaut werden können. Insofern brauchen wir modernen Menschen eigentlich nur ein tragfähiges Raumgerüst, in dem wir uns dann individuell, temporär und funktional differenziert austoben können. Gestaltung kommt über die Einbauten, die Möblierung, die gewählten Bauteilelemente, Farbe und Licht: alles Dinge, die wir selbst wählen und arrangieren können. Statt der unzählig vielen, bunten „Einfamilienhäuser“ mit ziegelgedecktem Giebel- oder auch modernem Flachdächern auf 300-500 m² großen Grundstücken können nun „baugleiche“ System-Kuben stehen (also zwei- bis dreigeschossige Universal-Tragstrukturen), deren funktionale, formale wie auch innenräumliche Individualität sich allein durch die gewählten Systemelemente abzeichnet. Städtebaulich gäbe es durch die Standard-Kuben (also die Bildung eines „Typus“) wieder eine feste, gestalterisch zusammenhängende Ordnung, die wir in den neuzeitlichen Neubaugebieten mit überwiegend massiv gebauten Häusern so sehr vermissen. So aber bauen wir (formal und funktional) immer noch Häuser wie vor hundert Jahren: massive Wände, Fenster/ Türen, Zimmergrundrisse, Geschossdecken, geneigte Dächer, Balkone, Loggien usw.

Die mittlerweile über 40 Jahre alten Bungalowsiedlungen beispielsweise haben städtebaulich, ästhetisch wie auch funktional kaum an Modernität und Qualität verloren, auch wenn sie als Eingeschosser aus energetischen und nachhaltigen (hoher Ressourcenverbrauch je Nutzeinheit) Gründen meist eine Katastrophe sind. Verantwortlich hierfür ist die Verwendung eines Types (also der kubische Winkelbau mit Innenhof) und die Verwendung gleicher Materialien (weiß getünchter Kalksandstein)! Keine Potterie, kein Chaos, maximaler individueller Komfort bei maximaler Gemeinschaftlichkeit und Einheitlichkeit. All das geht so ziemlich allen Neubaugebieten der letzten 30 Jahre verloren, da es keine reinen „Typen“ und keine gemeinsame Sprache (Einheitlichkeit, Konsens) mehr gibt. Bungalow stehet neben Friesenhaus steht neben Schwedenhaus steht neben toskanischer Villa steht neben Steinbau steht neben Betonbau steht neben Holzbau steht neben Stahlbau steht neben Putzassade steht neben Klinkerfassade steht neben Holzfassade steht neben Zement- oder HPL-Plattenfassade steht neben Blechfassade steht neben Glasbrüstung steht neben Stahlgeländer steht neben HPL-Plattengeländer steht neben Kunstofffenster steht neben Holzfenster steht neben Aluminiumfenster steht neben Stahlfenster usw.  Und auch bei den Typen Reihenhaus, Kettenhaus, Plattenbau etc. das gleiche babylonische Spiel an provozierender formaler wie funktionaler Ungleichheit und Andersartigkeit.

Was eine moderne Gesellschaft braucht, sind moderne Werkzeuge. Ein Haus mit massiven, gemauerten Wänden, Treppen und Fenstern  kann niemals ein modernes Werkzeug sein! Es wäre so, als wenn wir modernste Fahrwerktechnik eines F1-Renners in eine Kutsche einbauen würden. Form und Inhalt passen nicht zusammen, da die Form nicht aus der Nutzung und der modernen Konstruktion/ Technik abgeleitet ist. Statt Treppen haben wir Lifte und Aufzüge. Statt kleiner Fenster haben wir raumhohe Glasfassaden (Vorhangfassaden) mit steuerbaren Verschattungselementen. Statt Parkett- und Fliesenböden haben wir beschichtete Böden, statt keramischer Wandfliesen beschichtete Laminatplatten oder Spezialbeschichtungen, statt Drehtüren mit Klinke und Schloss haben wir automatische Schiebetüren mit Sensortechnik, statt Radiatoren haben wir Wand-, Fußboden-, Decken- oder Infrarotheizungen, statt Klinkersteinen und Dachpfannen haben wir multifunktionale Mehrschichtelemente und Foliensysteme, statt massiver Tragwerke aus Mauerwerk oder Beton haben wir filigrane, leichte Fachwerksysteme (Raumtragwerke) aus Carbonstahl, statt punktueller Einzelleuchten haben wir steuerbare Lichtwände und Lichtdecken, statt Gardienen und Rollläden haben wir automatische Verschattungsanlagen und Fassaden aus PCM-Modulen, statt Öl- und Gasheizungen haben wir Solarkollektoren, statt mechanischer Lichtschalter Infrarot- oder Akustiksteurungen, statt manueller Lüftungsflügel (Fenster) haben wir automatische Klimaanlagen und statt starrer Grundrisse mit Zimmern und Räumen haben wir flexible Trennwandsysteme und mobile Einbauten usw.

Mag sein, daß wir ästhetisch immer noch den „alten“, uns vertrauten Materialien (Holz, Metall, Stein, Beton, Keramik) und Bauweisen (Stein auf Stein, Schalungsbau, Holzbau) hinterher trauern, obwohl diese Materialien und Konstruktionsweisen längst antiquiert sind. Denken sie nur einmal an die Möglichkeiten pneumatischer Raumhüllen, wie wenig Primärkonstruktion, Materialien und Arbeit sie für solche Räume benötigen. Wozu noch tonnenschwere Stahlträger, Betondecken, Mauern und schwere Fassadenelemente, wenn man 1.000, 10.000, gar 50.000 Kubikmeter Raum auch mit 5, 25 oder 70 Tonnen Hochleistungsmembranen einhüllen kann und man hierfür gerade mal 1 Tag zur Herstellung braucht?

Tatsächlich sind wir von wirklich modernen Bauweisen ( die dann auch mal unsere moderne, drahtlose (Wissens- und Technik-) Kultur abbilden könnte) immer noch weit entfernt, weil wir als Bauherren und Gestalter wie auch die Industrie und das Handwerk immer noch an alten Zöpfen hängen. Wirtschaftliche Strukturen und daraus resultierende Abhängigkeitsmechanismen verhindern mehr oder weniger die systematische Modernisierung unserer Städte, Bauweisen und sonstigen technischen Möglichkeiten. Paradigmenwechsel (und damit verbundene strukturelle und technische Erneuerungen) greifen empfindlich in bestehende, etablierte Märkte und deren Ordnung ein. Innovative Konzepte werden daher nach Möglichkeit verhindert, um wirtschaftliche Monopolstellungen aufrecht zu halten und alte Märkte (mit alten Produkten und Technologien) zu schützen. So landen wertvolle Patente und Ideen meist in den Schubladen der Konzerne und aufwendiger Lobbyismus sorgt für entsprechende politische Rahmenbedingungen (protektionierende Gesetzgebung). So etwa gibt es bis heute kein erkennbares Konzept, wie man den emissionslastigen (Personen- und Güter-) Verkehr auf der Strasse nachhaltig redzuzieren will. So investiert man weiterhin in alte Strukturen (Ausbau/ Neubau des Straßennetzes), anstatt in alternative, gar innovative Logistik- und Transportsysteme zu investieren, die weitaus weniger Ressourcen verbrauchen, weniger Umwelteingriffe erfordern und zudem weniger Emissionen und Umweltbelastungen produzieren. Ein LKW- oder Flugzeughersteller wie auch deren politischen Landesväter und Bürgermeister haben freilich kein Interesse an alternativen, umweltschonenden Transporttechnologien oder sonstigen wettbewerbsverschärfenden Einschränkungen, die den Umsatz, die Produktion und die Beschäftigungszahlen solcher Unternehmen (Standortfrage, Konkurrenz) schmälern würden: Verlust von Arbeitsplätzen, Verlust von Steuereinnahmen usw. Innovationen folgen meist nur aus vermarktungsstrategischen Überlegungen (die rosa Brille der Konzerne), nicht aber aus politischen, gesellschaftlichen Motiven, tatsächlich eine moderne Gesellschaft aufzubauen. Eine moderne Gesellschaft braucht politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Fortschritt und Entwicklung fördern und überhaupt ermöglichen und diese Prozesse nicht behindern oder verhindern. Wenn aber allein marktstrategische Überlegungen, sprich weltökonomische Faktoren darüber entscheiden, wie unsere Welt aussieht, bleiben wir bei alten Technologien, Strukturen und Wertevorstellungen kleben, die etwa dazu führen, dass beispielsweise einfachste wie kostengünstig hertzustellende Medikamente mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung systematisch verweigert oder vorenthalten werden. Tagtäglich sterben wegen solch ökonomischer Perversionen tausende von Menschen, meist Kinder, die einfach nur das große „Pech“ haben, im falschen Land aufgewachsen zu sein.

Tatsächlich müßten sich alle Völker dieser Erde sofort an einen Tisch setzen, um gemeinsam zu überlegen, wie ein flächendeckender wie nachhaltiger „Wohlstand“ (und damit ist vor allem die bestmögliche Verteilung von Ressourcen und Technologien/ Techniken/ Wissen gemeint) als Weltgemeinschaft zu gestalten und zu organisieren ist. Was nutzt es Deutschland, wenn Frankreich, Spanien oder Italien wirtschaftlich schwächeln (und dies nicht selbstverschuldet!) und millionen meist junger Menschen (also die nächste Generation!) ohne Aufgaben und Perspektiven peu á peu resignieren und auf  das kulturelle Erbe (Frieden, soziale Gerechtigkeit, Wohlstand) „pfeifen“ werden? Es mangelt in dieser Welt ja nicht an Arbeit, etwas vernünftiges aufzubauen und es zu erhalten und zu pflegen! Es ist allein das politische oder wirtschaftliche System, daß den vermeindlichen Gewinn (Profit) allein auf Kosten von Verlierern kalkuliert. Die Motivation, am ungerechten Wettbewerb teilnehmen zu wollen, ist beinahe bei null angelangt. Uns geht es in Europa nur darum so verdammt gut, weil wir über Jahrhunderte hinweg mit viel Fleiß und Organisationstalent sowie blutigen Kriegen billige Arbeitskräfte und Rohstoffe aus fernen Ländern ausgebeutet haben (Sklaverei, Kolonialismus, Kapitalismus). Wem gehört das Erdöl, das Erdgas und die vielen Wälder der Russen? Es ist in der Hand einiger weniger Oligarchen und Machtdespoten, nicht aber in der Hand des russischen Volkes, erst recht nicht in der Hand einer vorausschauenden Weltgemeinschaft mit nachhaltigen Lebenskonzepten.

 

 

 

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