prolog :: baukultur

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prozesse :: Unsere moderne Zivilisation steht mehr denn je in einem spannenden Wechselspiel und Kräftemessen zwischen „alten“ und „neuen“ Kulturformen, die durch Innovationen, neue Märkte, neue Produkte, neue Gesellschaftsformen und sich permanent verändernden Werten gebildet werden. Was die jeweilige Gesellschaft formt, ist zum einen der Fortschritt der Technologien und des Erkenntnisstandes auf der einen Seite [Know-how, Innovation], die Stabilität und Kontinuität als Zeichen der Sicherheit auf der anderen Seite [Tradition]. Experimente und Modernisierungen sind für die Entwicklung einer Gesellschaft überall dort notwendig, wo alte, bis dato bewährte Strukturen, Funktionen, Formen oder Konstruktionen nicht mehr oder nur noch zum Teil funktionieren bzw. dem aktuellen Erkenntnisstand nicht mehr genügen. Alte und neue Formen stehen dabei in einer prozesshaften Wechselwirkung, lösen sich ab oder ergänzen sich. Grundsätzlich ist eine Gesellschaft dabei immer nur so fortschrittlich, modern und effektiv wie die sie bedingenden Strukturen, in denen sie sich kulturell entwickeln und entfalten kann.

fortschritt :: Während der Fortschritt in der Kunst wie auch im Design spätestens mit Beginn der „Moderne“ meist direkter Ausdruck seiner Zeit ist, den Zeitgeist quasi „synchron“ in marktfähige Produkte umsetzt, entwickelt sich der Städtebau und die Architektur als wesentlich komplexere, langfristig angelegte Umweltstruktur dazu meist immer zeitverzögert. Aber auch hier werden die Intervalle der technischen, funktionalen wie auch ästhetischen „Aktualisierung“ immer kürzer: bautechnische Innovationen können heute -wie etwa im Automobilbau- direkt und relativ kurzfristig in städtebauliche wie architektonische Programme umgesetzt werden. So wirkt sich das zurückhalten von Bauinvestitionen und Erneuerungen im privaten wie öffentlichen Immobilienbereich kurz- wie langfristig stagnierend auf die Entwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft und damit auch auf seine kulturelle Entwicklung. Dies, weil es überwiegend ökonomische Apsekte sind, die den tatsächlichen Wert einer kulturellen und fortschrittlichen Sichtweise versperren bzw. verhindern.

qualität :: Die Wualität eines Bauwerkes ist dabei im wesentlichen abhängig von der Sorgfalt und Tiefe, mit der ein Gebäude entworfen, geplant, gebaut und schließlich auch betrieben und gepflegt wird. Viel, günstig, schnell und profitabel Bauen geht meist immer auf Kosten der die Qualität abzeichnenden „Baukultur“ und verfehlt damit soziokulturelle, funktionale wie gestalterische Chancen und Potentiale. Baukultur meint hier, mit und über das gegebene Know-how und den aktuell zur Verfügung stehenden Bautechniken hinaus eine bestmögliche, in sich stimmige Gestaltungslösung für eine bestimmte Bauaufgabe innerhalb eines gegebenen Kontextes zu finden. Je mehr Aspekte, Funktionen und physisch wie psychisch wirkende Effekte eine Architektur berücksichtigt und als integrale wie hochvernetzte Lösung umsetzt, desto höher ist letztendlich ihr kultureller Rang als direkter Ausdruck unserer Fähigkeiten, schöne wie funktionale Artefakte zu erzeugen. Erst, wenn alle oder möglichst viele der relevanten Aspekte (Ökonomie, Ökologie, Kontext, Funktion, Bauphysik, Konstruktion, Statik, Energie- und Stoffhaushalt, Licht, Material, Form, Ästhetik, Güte, Qualität, Lebenszyklus etc.) eine in sich schlüssige, sinnvolle wie praktische „gestalterische Lösung“ oder Konzeption ergeben, kann man tatsächlich von einer „Baukultur“ sprechen.

qualitätssicherung :: Eine auf nur wenige der oben genannten Aspekte reduzierte oder beschränkte bauliche oder auch städtebauliche Lösung erfüllt sicherlich ihren „Zweck“, trägt aber in der Gesamtbetrachtung nur wenig zur baulichen wie räumlichen Kultivierung unseres Lebens bei. Darin allein liegt unser Bestreben, das vermeindlich nur „Zweckmäßige“ oder nur „Ökonomische“ (preiswerte) auf ein kulturell anspruchsvolles Niveau zu heben und damit einen qualitativen Mehrwert für alle zu schaffen. Hierbei geht es nicht nur um die Findung und Umsetzung von intelligenten technischen, konstruktiven, statischen, energetisch nachhaltigen, bauphysikalischen und funktionalen Lösungen, sondern auch und vor allem um deren transfer und integration in eine sinnlich wie geistig wahrnehmbare, im besten Sinne „ästhetische“ Qualität: alles sinnlich Wahrnehmbare wie Licht, Farbe, Material, Oberfläche, Form, Struktur, Textur, Muster, Klima, Akustik etc. wirkt bewußt wie unbewußt auf unsere Physis und Psyche und kann damit unmittelbar positive, im schlechtesten Falle – was wir besonders vermeiden wollen – natürlich auch negative Effekte in unserem komplexen Wahrnehmungsmechanismus, dem „Wohlgefühl“ verursachen. Positive Synergieeffekte können sich in einem praktischen „Werk“ (ein Raum, ein Haus, ein Gebäude, ein Platz, ein Wohngebiet, ein Stadtviertel, ein Park etc.) nur dann entfalten, wenn möglichst alle funktionalen und ästhetischem Aspekte „nach bestem Wissen“ aufeinander abgestimmt sind.

erfahrung + experiment :: Da wir das Rad nicht neu erfinden können, blicken Architekten, Städtebauer, Ingenieure und Gestalter stets auf einen reichen Fundus bereits vorhandener Gestaltungslösungen zurück. Diese „Referenzen“ der Bau- und Stadtbaugeschichte (der Raum, das Haus, die Stadt) gilt es zunächst einmal formal, funktional wie ästhetisch zu verstehen und schliesslich, nach vorangegangener Analyse, diese mit den heutigen Bedürfnissen und Bautechniken zu optimieren. Ändern sich die Bedürfnisse jedoch so stark, dass uns die „Alten“ hierfür keine brauchbaren Beispiele geben können, müssen neue Formen, Funktionen, Strukturen, Konstruktionen, Materialien, Bauelemente oder Typologien gefunden werden. Der Bahnhof, der Flughafen, die Fabrik, der Wolkenkratzer, das Fussballstadion, die Messehalle oder die Megapolis ist eine dieser neueren Bauaufgaben, die von den „Alten“ im kleineren Maßstab vielleicht bereits entwickelt wurde, aber erst durch moderne Baumaterialien, Baukonstruktionen und Gebäudetypen realisiert werden konnte. Hier startet offensichtlich das „Experiment“, neue Gebäudetypen zu gestalten und neue Bauweisen zu erfinden, für die es bisher keine Vorbilder gab. Dennoch müssen sich auch diese „neuen“ Bauwerke stets mit den alten Referenzen an Qualität und Wirkung messen lassen, um sie letztendlich für gut zu befinden.

alt + neu :: Da sich unsere Lebensverhältnisse und Bedürfnisse permanent verändern (Mobilität, Kommunikation, Arbeitswelt, Wirtschaft, Demographie etc.), müssen sich zwangsläufig auch die Gebäude und Städte diesem Wandel in irgendeiner Form „anpassen“, wenn wir sie nicht museal oder konservatorisch als Geschichtsdenkmal erhalten wollen. Dort, wo alte Bau- und Stadtstrukturen bereits vorhanden sind, müssen die alten Gebäude, Quartiere und Strassen zumindest in Teilen den neuen Bedürfnissen angepasst werden (Technik, Funktion, Tragwerk). Haben diese Gebäude oder Quartiere einen nachweislich baukulturellen oder geschichtlichen „Wert“, sollten sie dem Denkmalschutz übergeführt werden. Andernfalls können sie durch respektive Modernisierung (Beibehalten/ Erhalten der alten Bausubstanz) oder durch Neubauten ersetzt werden. Hierbei wird es immer zu einer Auseinandersetzung mit dem „Alten“ kommen, bei der Frage, es zu erhalten, auszutauschen oder durch neues zu ersetzen bzw. zu verändern. Doch Alt und Neu ist kein Widerspruch per se sondern kann sich, wenn es gut gemacht wird -nebeneinander wie miteinander-, zu einer ganz neuen, eigenen Qualität verschmelzen. Die qualität der „Erhabenheit“ des Alten ist etwas, was neue Architektur -gleich, in welcher handwerklichen oder formalen Qualität ausgeführt- i.d.r. noch nicht besitzt, weil es eben noch keine Geschichte, keine schützende, zu respektierende Patina hat. Hierin liegt ein grosse Chance, den unzweifelhaften Charm des untauglich gewordenen Alten mit den Vorzügen und Notwendigkeiten moderner Architekturen zu kombinieren.

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