ästhetik der farben

ästhetik der farben :: unsere mit den Augen im Lichtspektrum von 380 bis 780nm wahrgenommene stoffliche Welt wird maßgeblich über Farben und deren Helligkeit definiert. Neben dem Farbreiz (Optik) und der Farbvalenz (die physiologische Farbwahrnehmung) ist hierfür den ästhetischen Bereich vor allem die Farbempfindung (das psychologische Erleben von Farbe) von Bedeutung. Grundsätzlich reagieren und empfinden Menschen mit vollständig entwickelten Sehorganen zum Teil übereinstimmend, aber auch ganz individuell auf bestimmte Farben. Farben werden psychologisch und in ihrer Bedeutung von uns erlernt, so dass hier auch der kulturelle wie naturgegebene Kontext eine große Bedeutung in der Farbempfindung spielt. Rot (Feuer) und Gelb (Sonne) werden i.a. als aktive und warme Farben (Signalwirkung), Blau (Himmel, Meer) und Grün (Vegitation) als eher passive, schwerere Farben empfunden, wenngleich auch ein leuchtendes, helles Blau oder hellstrahlendes Grün sehr stimulierend wirken kann. Satte, als rein empfundene Farben wirken kräftiger und eindeutiger im Ton als mit Schwarz oder Weiß abgetönte oder gemischte Farben (z.B. milde Pastelltöne).  Violett, Türkis, Orange und Grün bilden die aus den Grundfarben gemischten Sekundärfarben, während Purpur bzw. Mangenta, Braun, Oliv, Weiß, Grau und Schwarz die Tertiärfarben bilden. Als Komplementärfarben werden Orange und Blau, Rot und Grün sowie Gelb und Violett wahrgenommen. Im quantitativen Gleichgewicht befinden sich die Komplementärfarben in etwa bei 1:2 von Orange und Blau, 1:1 von Rot und Grün und 1:3 von Gelb und Violett. Ein neutrales Grau (also ein Grau ohne einen dominanten Farbton) ergibt sich beim Mischen der Komplementärfarben. Eine weitere Differenzierung der Farben ergibt sich aus der Helligkeit (direkt oder indirekt) der Farbtöne (also das Absorptions- bzw. Reflektionsvermögen, die Leuchtintensität), die wiederum von der unmittelbaren Umgebungsfarbe (Hintergrundfarbe) wie auch von der umgebenden Helligkeit des Hintergrundes (Kontrastwirkung) bestimmt wird. Die Umgebungsfarben sind letztendlich auch wegen ihrer Farbton- und Helligkeitsreflektion von entscheidender Bedeutung für die Wahl und Wirkung einer Farbe bzw. Farbkombination, die wiederum in Passung zum gewälten Material stehen muß, welches wiederum vor allem den statischen und funktionalen Anforderungen genügen muß. Grundsätzlich unterscheiden wir neben den hellen und dunklen, den empfundenen leichten und schweren, den intensiv und blass leuchtenden sowie den farbsatten und pastellenen oder cremigen Farbtönen noch nach der Farbtemperatur, also den warmen (gelb-rötlichen) oder kalten (blau-violetten) Farbtönen. Die wirkende Farbtemperatur der Farben wird hierbei neben der eigenen Farbtemperatur auch noch über die Farbtemperatur des Kunst- und/ oder Tageslichtes beeinflußt. Warme Farben sollten daher überwiegend mit warmen bis warmweissem Licht, kalte Farben entsprechend mit kaltem bis kaltweissem Licht illuminiert sein, um die beabsichtigte Farbstimmung nicht zu schwächen. Neutrale Farben (Weiss- und Grautöne) passen sich dem Umgebungslicht bezüglich der Farbtemperatur ideal an.

Bei allen komplexen physikalischen Zusammenhängen in Sache Farbe und Farbwahrnehmung kommt es letztendlich auf den zu erzielenden, i.d.R. individuell gewünschten Farbcharakter eines Raumes oder einer Fassade an. Ist erst einmal eine Grundfarbe oder einen Grundfarbton als Farbmilieu oder Thema (weich, zart, hart, bunt, belebend, aktiv, sportlich, beruhigend, gedämpft, passiv, meditativ, kontrastreich, einfarbig, hell, dunkel, sachlich, gemütlich, aufdringlich, zurückhaltend etc.) vorgegeben, zeigt sich schnell an Hand von Farbmustern oder Farbfächern, welche Farbtöne (Materialoberflächen) zum gewählten Farbmilieu quantitativ wie qualitativ, harmonisch wie auch kontrastierend passen. Mit zirka 1.500 bis 2.000 abgestuften Farbtönen können im Bereich Architektur nahezu alle wichtigen wie sinnvollen Farbräume abgedeckt werden (z.B. Scala Brillux), auch wenn die Zahl der möglichen Farbtöne weit darüber liegt (ca. 3.500 Farben HKS-Druckfarben, 1.950 NCS-Farben, 213 RAL-Töne usw.). Erweitert wird das Farbspektrum schließlich noch durch die Reflektionsart des Farbauftrages, also matt, seidenmatt, glänzend oder hochglänzend sowie den verschiedenen Metallicfarbtönen. Last but not least die speziellen, meist mehrfarbigen Spachtel-, Putz- oder Lackiertechniken, bei denen verschiedenste Farbnuancen, Schattierungen oder auch Farbverläufe und Marmorierungen etc. möglich sind.

Wir arbeiten gerne mit Farben, die vorzugsweise auf matte Holz-, Naturstein- und Betonoberflächen dezent abgestimmt sind. Statt satter, leuchtender oder auch dunkler Farben bevorzugen wir eher helle, freundliche Pastell- und Cremetöne, die ggfs. mit satten Akzenten ergänzt werden können. Statt reinweisser, stark kontrastierender Wand- oder Deckenflächen verwenden wir gerne leicht abgetönte, cremeweisse Farben mit einer warmen Farbtemperatur. Farbige Wände gerne in Wein- bis Purpur- oder auch Rostrot (Cortenstahl), dazu warmes Cremeweiss, Vanillegelb, Pistazi oder Sand sowie eloxiertes Aluminium. Ferner ganz edel und beruhigend ein dunkles Kobalt-, Nacht- oder auch Perlnachtblau mit dezentem Grau, Schiefer und Weiss abgesetzt, dazu patiniertes Zinn oder eloxiertes Aluminium. Bei den Grüntönen bevorzugen wir helles Schilfgrün, Blassgrün oder auch helles Lindgrün, dazu helles Grau, Cremeweiss oder zartes Vanillegelb, Akzente mit Olivgrün oder Chromoxidgrün. Sehr erfrischend Cremweiss oder ein helles Grau zusammen mit leuchtendem Mais- oder Rapsgelb, auch in komplementärer Kombination mit hellem Pastellblau oder auch dunklem Kobolt- oder Nachtblau. Bei farbigen Wänden sind Holzfußböden wegen ihrer eigenen Farbigkeit ( Rot-, Braun- und Gelbanteile) meist problematisch, dass wir hier meist neutrale dunkle oder helle Steinböden, zur Wandfarbe farblich abgestimmte Teppiche (Velour, Schlinge etc.) oder auch Linoleumbeläge einsetzen. Bei Gebäuden mit Bezug zu Landschaften können hier auch Farben aus der Natur oder zur Natur bzw. Landschaft passende Farben gewählt werden. Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, Räume möglichst farbneutral auszurichten, um den individuellen Objekten und Möbeln mehr Spielraum zu geben.

Metalloberflächen von Stahlzargen, Stahlstützen oder auch PR-Fassaden werden von uns gerne in Anthrazit-, Silber- und Grautönen (div. DB-Töne) pulverlackiert oder mit Eisenglimmer gestrichen. Zu Sichtbetonflächen arrangieren wir gerne schwarz bis silbrig gebeizte, matte, geölte Holzflächen (geringer Gelb- und Rotanteil) oder auch schwarz- bis anthrazitfarbene Stein- oder Faserzementplatten. Hochglänzende Farben vermeiden wir, da sie meist bei Möbeln und Objekten eingesetzt werden. Fußböden als Parkett oder Dielenboden je nach Atmosphäre und Lichtanforderungen in dunkler, fast schwarzer Wenge, Wallnuss, Birne oder auch gekalkter Eiche. Für stark beanspruchte Bereiche eignet sich auch naturfarbiges bis caramellfarbiges Bambusparkett. Anspruchsvolle Wandoberflächen von Bädern wie auch Badobjekten lassen sich wunderbar mit farbpigmentierten, kalkgeseiftem Muschelkalkputz (Tadelakt) herstellen, der jedoch in handwerklicher Technik ausgeführt auch seinen Preis hat.

Grundfarben (insbesondere Grau- und Weißtöne an den Wänden bzw. Fassaden) erweisen sich durch ihre relativ empfundene Farbneutralität wie ausreichend helle Lichtreflektion als idealer Partner für farb- und strukturtragende Oberflächen wie auch Möblierungen. Aber auch helle Beigetöne (Sandstein etc.) passen als Grundfarbe sehr gut zu farblich tragenden, dunkleren wie auch weißen Oberflächen. Schwarz-Weiß-Effekte mit maximaler Kontrastwirkung sollten hingegen nur sparsam und im richtigen Verhältnis gewählt werden, um das Auge nicht zu sehr zu strapatzieren bzw. zu irritieren (Moir-Effekt usw.). Changierende Farbtöne eignen sich ideal für gerasterte, große Flächen, da sie die eher als langweilig bis steril empfundene Rasterstruktur farblich belebt (Beispiel Klinkerwand, Bodenfliesen, Terracottaböden etc.).

Fassadenfarben werden von uns zunächst aus den vorhandenen Farben der unmittelbaren Umgebung abgeleitet (städtebaulicher wie regionaler/ lokaler Kontext, Vegetation, Landschaften etc.) und schließlich in Übereinstimmung mit den gewählten Konstruktionen bzw. deren verwendeten Materialien gebracht, welche wiederum zu den gewählten Innenraumfarben (Bäden, Wände, Deckenuntersichten in Abhängigkeit von den spezifischen Funktion) abgestimmt sein sollten. Eine harte Trennung zwischen Außen- und Innenfarben bzw. Materialien  stören das empfundene Raumkontinuum, so dass wir die verwendeten Materialien und deren Farben gerne nahtlos von Außen nach Innen (oder auch umgekehrt) fließen lassen. Hierdurch wir die Raumzonierung wie auch funktionale Trennung merklich aufgelöst bzw. gemindert und der wahrgenommene Innen- und Außenraum wird optisch durch Aufhebung der Grenzen wesentlich vergrößert. Insbesonderer bei vollverglasten Fassaden (Foyerzonen, Wintergärten, Räume mit vorgelagerten Terrassen etc.) können hierdurch sehr schöne Raum- und Materialeffekte entstehen. Nach Möglichkeit verwenden wir „bunte“ und satte Farben (insb. bei den Farbanstrichen) im urbanen wie vor allem ländlichen Kontext nur sehr sparsam, sofern die gewünschte Farbigkeit nicht bereits über das gewählte Material zur Wirkung kommt. Lediglich in architektonisch ausgewiesenen „Kunsträumen“ (etwa im Innenstadtbereich von Metropolen, Vergnügungsviertel, like „Las Vegas“ etc.) dürfen unserer Meinung nach auch satte, poppige Farben zur chrarakteristischen Milieubildung im öffentlichen Raum eingesetzt werden, sofern die Farbigkeit per se nicht bereits kulturelles Stilmerkmal einer Region oder eines Viertels ist (etwa die typisch rot getünchten Häuser in Norwegen, das freundliche Schweden-Gelb, das nordisch-frisische Blau oder das bergische Grün an Fensterläden und Türen usw.). Es ist nicht die Aufgabe der Architektur, Farbe in all ihrer Schönheit und Vielfalt zu präsentieren, wohl aber das verwendete Material und die Konstruktion ehrlich und sinnvoll im Raum darzustellen. Die Farbe und davon meist genügend kommt früh genug als mobile Applikation durch die Kunst, die Werbung und das Design in die Räume und an die Fassaden und kann dort ihre meist kurzweilige Mode ausreichend demonstrieren. Farbe verhält sich hier vielmehr als individueller Schmuck. Es gibt andere Kulturen, in denen die Farbe eine wesentlich größere Bedeutung hat als in Europa. Südamerikanische, aber auch afrikanische Länder gehen beispielsweise viel selbstbewußter, aber auch wesentlich tradierter und stilsicherer mit „bunten“ Farben in der Architektur um, während unsere europäischen, insbesondere nordeuropäischen Ausdrucksmittel eher technischer, konstruktiver und funktionaler Art sind. Die herrlichen Farben des mexikanischen Architekten Luis Barrag¡n (1902-1988), aber auch die mediterranen Pastelltöne Le Corbusiers wirken farbpsychologisch natürlich auch auf uns (Nord-) Europäer, sind jedoch kulturell (auch baukulturell) nicht oder nur sehr schwach in unserer Lebensvorstellung verankert. Ganz anders in Guatemala (Farben der Maya), Cuba, Bombay, Hawai oder auch Sri Lanka, wo die satten und bunten Farben quasi mit der Kultur, den Menschen und der Landschaft verschmolzen sind. Aber auch die Niederlande (Oranje) und Griechenland (Blau) u.a. benutzen Farbe zur kulturellen Identifikation. Aus Italien kennen wir das sogenannte Siennarot (ungebrannt eher Ocker bis Gelb, gebrannt Rotbraun) und die verschiedenen Orange-Ocker-Rottöne der regionalen Terracottaprodukte und der alten Dachziegel, dazu zahlreiche Sepia- und Umbratönungen. Die relativ homogenen Dachlandschaften von Florenz, Siena oder auch Bologna strahlen ein intensives Rot-Orange, was sich nahezu komplementär zur umgebenden grünen Hügellandschaft abzeichnet. Und in Siena ist sogar die berühmte Piazza del Campo, auf der alljährlich der bekannte „Palio“ stattfindet, mit Siennaroten Backsteinen zwischen hellen Travertinstreifen gepflastert.

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