ästhetik der proportionen

ästhetik der proportionen :: alles, was mit der visuellen Wahrnehmung von Objekten, Artefakten oder auch Gebäuden zu tun hat, wird für uns Menschen über das Gefallen von Proportionen bestimmt. Proportionen sind zunächst einmal nur mathematisch über Zahlenwerte ausgedrückte Verhältnisse von Längen irgendwelcher Linien, Formen oder Körpern. Alles, was stofflich ist, hat demnach auch eine „ansichtsbezogene“ Proportion, wie die Länge x, die Breite y und die Höhe z eines Körpers oder Raumes sich zueinander verhalten. Doch auch ohne Mathematik und aus natürlichen Zahlen abgeleitete Größenverhältnisse können wir hoch, breit, schmal oder schlank an Formen oder Körpern erkennen. Die uns umgebende Natur oder Umgebung ist dabei unser erster Lehrmeister in der Wahrnehmen von Proportionen. Zu der Umgebung zählen bereits auch schon Artefakte (auch künstliche Räume) wie Personen (i.d.R. die Eltern), deren Gesicht und Gestalt wir u.a. an deren besonderen Proportionen erkennen bzw. zu differenzieren lernen. Dass die Natur, die Dinge und Objekte, die Menschen oder auch die Tiere bestimmte Proportionen haben, hilft uns maßgeblich, sie bereits aus der Ferne (also ohne Ableich mit weiteren Sinneseindrücken) zu erkennen, sie zu differenzieren, sie zu benennen. So sind die in der Kindheit wahrgenommen Proportionen, vor allem die der eigenen Eltern,  maßgeblich an der Benennung, Kategorisierung sowie Identifizierung unserer Umwelt beteiligt. Die Proportionen von Personen spiegeln sich überwiegend durch Verhältnisse von 1:1 bis 1:8 (Augen, Nase, Mund, Ohren, Gliedmaßen, Körperbau) aus. Dabei gelten schlanke Proportionen (1:6 bis 1:8) körperbedingt als eher feminin = zerbrechlich, gedrungenere Proportionen (1:3 bis 1:5) als eher maskulin = robust. Freilich sind physiognomische Merkmale zwischen Männern und Frauen auch abhängig vom Kulturkreis, so dass oben genannte Proportionen eher einem statistischen Idealbild der westlichen Kulturkreise zuzuordnen ist. Natürlich gibt es auch „schlanke“ Männer wie es auch „gedrungenere“ Frauen gibt. Wichtig ist nun zu wissen, dass unser Körperbau nicht zufällig oben genannte Proportionen aufweist, sondern -via Evolution- ideale statische, physikalische Bedingungen von Skelett und Muskulatur widerspiegelt, dass wir überhaupt Menschen mit aufrechtem Gang sein können. Ähnliche Proportionen beoachten wir auch bei anderen Lebewesen, auch wenn die Natur hier noch ganz andere Grund-Proportionen in der sichtbaren Körperkonstruktion auf Lager hat (Beispiel: Libelle, Flunder, Rochen, Schlange, Wurm usw.). Die alten Griechen waren nun vielleicht die ersten, die die menschlichen Proportionen auf (Schiffs-)Bauteile und Konstruktionen übertragen haben, weil diese Proportionen nahezu deckungsgleich mit den statischen Bedingungen von massiven, tragenden Bauteilen war. Allen voran die Stütze und der Balken, die damals noch aus Stein oder Holz waren. Ein stabiler Schiffsmast aus Holz hatte hierbei eine Schlankheit von 1:6 bis maximal 1:8, auch wenn es Baumstämme gab, die eine Schlankheit von 1:20, 1:40 und mehr hatten, aber statisch als Masten unbrauchbar waren. Die idealen statischen Proportionen waren also quasi deckungsgleich mit dem Körperbau des aufrecht gehenden Menschen! Je geringer die Schlankheit, desto stabiler und tragfähiger (damit auch maskuliner) das Bauteil. In dieser Ableitung entstanden die Säulenordnungen, indem man die Schlankeit der Säulen sowie deren Aufbau (von der Gründung bis zur abschliessenden Kragplatte) durch exakte Proportionen festgelegt hatte und sie im übertragenen Sinne je nach Bauaufgabe einer männlichen oder eher weiblichen Anmutung zugeordnet hat. Aus den Säulenordnungen ergaben sich nun in Abhängigkeit von den Balkenquerschnitten statisch günstige Säulenabstände und geeignete Bauhöhen für die Decken und Dächer. Bis zur Renaissance hatte man dieses hochkomplexe System aus Materialeigenschaften, Statik, Geometrie und Menschen-Maß nahezu perfektioniert. Hinzu gekommen sind durch Ornamentik und Oberflächenbearbeitung (Kanneluren) weitaus schlankere Proportionen, die denen von dünnen Baumstämmen, Ästen, Zweigen, Gräsern oder Blumenstengel nahe kommen. Bis heute sind übrigens die statischen Konzeptionen der Vegetation (Beispiel Grashalm, Beispiel Blatt/ Membran) meisterliches Vorbild für unsere künstlichen statischen Systeme! Ästhetisch betrachtet gab es nach der Hochrenaissance mit dem Manierismus (siehe auch Surrealismus) einen Trend zur übertriebenen Verschlankung sämtlicher Objekte, wie wir ihn erst durch den modernen Stahlbau mit Schlankheiten von bis zu 1:20 mühelos realisieren können. Die korinthische Säule hat eine Schlankheit (Säulendurchmesser zu Säulenhöhe) von 1:10, die ionische 1:9, die dorische 1:8 (heldenhafte Skulptur) und die toskanische 1:7. Die Kopfgröße zu Körperlänge eines durschnittlichen Mannes beträgt 1:7 bis 1:7.5. Idealisierte Frauen (Schaufensterpuppen) haben ein Verhältnis von 1:4 bis 1:5 (Körperbreite zu Körperhöhe), die Nana-Figuren von Niki de Saint Phalle liegen bei zirka 1:2.5, athletische Männer etwa bei 1:3.5 bis 1:4. Die Skulpturen von Giacometti haben beispielsweise in der Frontansicht eine Schlankheit von 1:7 (toskanisch), etwas schlanker als das ehemalige WTC (1:6.6). Der „Campanile di San Marco“ hat ein an seiner schmalsten Seite bis zur Spitze eine Schlankheit von zirka 1:7.8.

Wie auch immer verbinden wir meist unbewußt die wahrgenommen Proportionen von Objekten stets mit den meist idealisierten Körperproportionen von Männern und Frauen. Diese Differenzierung ist evolutionsbedingt darum von so großer Bedeutung, da über Körpermaße neben vielen weiteren Aspekten die Partnerwahl getroffen wird (also die Sicherung der Fortpflanzung). Interessant wäre hier zweifelsfrei eine Studie, welche Proportionen speziell von Frauen und Männern im Bereich der Objekte und Artefakte favorisiert wird. Neuste psychologische Studien an ein- und zweieiigen Zwillingen hinsichtlich ihrer politischen Orientierung legen übrigens die Wahrscheinlichkeit nahe, dass wir Menschen in der Frage einer toleranten oder eher konservativen Werteinstellung maßgeblich über die Gene gesteuert sind. Die (hier einmal pauschal bewertet) konservativen, auf Sicherheit und Schutz basierten Werteinstellungen favorisieren formal eher den geometrisch klar umrissenen, in den Proportionen eher kraftvollen oder auch molligen Typ, während politisch tolerantere Menschen zumindest auch andere, geometrisch weniger klar und kompakt ausgebildete „Formen“ interessant finden (was jedoch neurowissenschaftlich noch zu beweisen wäre). Tatsächlich kann auch die eigene Körperkonstitution darüber entscheiden, ob wir eher gedrungenere oder eher schlanke Proportionen favorisieren (Anpassungsverhalten, Partnerwahl, soziale Akzeptanz etc.). So oder so können individuelle Vorlieben vor allem durch unterschiedliche Proportionen formal ausgedrückt, identifiziert und auch stimuliert werden. Gesten und Bilder bzw. Symbole haben sich dabei tief in unser Sprach- und Ausdruckssystem verinnerlicht, dass eine mögliche Überlagerung mit visuell wahrgenommenen Formen aus der Objekt- und Dingwelt nicht auszuschließen ist. Nicht selten favorisieren wir -mehr oder weniger bewußt- bei der Partnerwahl uns ähnliche Typen, insbesondere was die Gesichtsphysiognomie betrifft.

Neben den eher schlanken Proportionen für vertikale Bauteile (Säulenordnung, Türme) haben die Baumeister vergangener Epochen noch eine Vielzahl anderer geometrischer Proportionen entwickelt, die ausgehend vom Quadrat zur Wurzelproportion 1:1.41.., zur Terz 4:5, zur Quarte 3:4, zur Quinte 2:3, zur großen Sexte 3:5 und Oktav 1:2 führen. Ferner Teilungen über die Triangulatur, der Goldene Schnitt 1:1.618 und arithemtische Verfahren (Mittelmaß) zur Bestimmung der Raumhöhen. Tatsächlich aber lassen sich die mathematisch exakten Proportionen (anders als in der akustischen Wahrnehmung) im Raum nicht unmittelbar visuell differenzieren, dass beispielweise eine Teilung von 1:1.5 (2:3) visuell kaum von der Wurzelproportion 1:1.41 unterschieden werden kann. Abweichungen von bis zu 10%, die insbesondere durch perspektivische Verzerrungen in der Tiefen- und Höhenwahrnehmung entstehen können, sind hier möglich. Auch der „Goldene Schnitt“ kann nicht eindeutig von den Proportionen 3:2 oder 7:4 differenziert werden und ist in seiner Ablesbarkeit (Identifizierung) zudem weniger prägnant als etwa das Quadrat oder der Kreis. Auch bei einer rein ästhetischen Betrachtung des Goldenen Schnittes finden sich m.E. keine signifikanten Unterschiede zu den nächstliegenden Teilungen 3:2 oder 7:4, da wir bei der Gnomzerlegung stets vom Quadrat (Referenz) und einem Vielfachen des Quadrates ausgehen, während der Goldene Schnitt als Referenzbild per se nicht als Gnom hinterlegt ist. Verlassen wir nun die Welt der orthogonalen Rechteckgeometrien, wird es immer schwieriger, exakte mathematische Proportionen am Objekt zu identifizieren. Hier resultiert die ästhetische Bewertung meist aus einer komplexen Kombination von funktionaler, statischer, formaler wie materieller Bewertung, die wiederum von subjektiven Präferenzen (Bevorzugung bestimmter Formen, Motive, Farben, Materialien etc.) wie auch von der subjektiven, sinnlichen Sensibilität (Farbwahrnehmung, haptische Sensibilität etc.) abhängig ist. In der Objektwelt (Beispiel Handy, Türklinke, Fernbedienung) macht es einen großen Unterschied, ob der Benutzer kräftige oder zarte Hände bzw. Finger hat, ob es Kinder oder ältere Menschen mit Beeinträchtigung von Körperfunktionen (z.B. Sehschwäche, eingeschränkter Tastsinn, eingeschränkte Motorik etc.) sind. Eine Beeinträchtigung der Funktion (Handling) wirkt sich automatisch auf die ästhetische Bewertung des Objektes aus.

Die nächste Stufe einer ansprechenden Proportionierung liegt nun in der Kunst, mehrere Formen (Flächen, Bauteile, Elemente) und deren speziellen (funktionalen) Proportionen (Fenster, Tür, Brüstung, Stütze etc.) innerhalb eines Ganzen (Raum, Fassade, Stadtsilhouette) zu arrangieren. Die Proportionen der einzelnen Elemente sowie deren ästhetische Wirkung verändern sich natürlich im komplexen Zusammenspiel mit dem Vordergrund, Hintergrund und der Umgebung, also dem formalen Kontext. Grundsätzlich können hierbei spannende bis irritierende (provokante) oder ausgewogene, in sich ausbalancierte Flächen- und Körperkompositionen hergestellt werden. Bestimmte Proportionen können hierdurch verstärkt oder auch geschwächt werden. Ein Quadrat etwa kann durch weitere Teilungen so zerlegt werden, dass es nicht mehr als Quadrat lesbar ist und trotz statisch wirkender Achsialsymmetrie eine dynamische (horzontal, vertikal, schräg etc.) Richtung erhält. Eine schlanke Stütze etwa kann durch horizontale Gliederung wesentlich massiver (breiter) wirken, durch vertikale Teilungen (z.B. Kanelluren, Fugen, Farbstreifen) an Schlankheit zunehmen. Grundsätzlich aber sollten bei guten Architekturen die Proportionen der optimierten Konstruktion folgen, dass die einzelnen Bauteile in ihrer „statischen“ Funktion eindeutig ablesbar sind. Sobald die Proportionen ohne Notwendigkeit statische Systeme und notwendige Konstruktionen absichtlich „verdecken“, machen wir aus dem A ein O, kommen also von der Architektur (u.a. die Ästhetik der Konstruktion) zum reinen Ornament, zur Plastik oder zur Kunst, also zu rein formalen Ästhetikeffekten. Freilich haben auch die „Alten“ mehr oder weniger „schmückendes“ Ornament an die Fassaden und Innenräume gebracht, doch diese Ornamente haben die Bauteile und ihre statische Funktion (Konstruktion) i.d.R. „formal“ unterstützt und nicht aufgelöst oder kaschiert. Was nun die wohl proportionierte Flächenkomposition anbelangt, sind hier für die Architektur und den Städtebau neben den eher 2-dimensionalen Fassadenflächen vor allem die perspektivisch wahrgenommen Raumtiefenflächen (also Vorder- und Hintergrundmotive) von großer Bedeutung. Z.B.: wie wirkt eine runde/ rechteckige Stütze im Raum im perspektivischen Zusammenhang mit den proportionierten Wand-, Fenster-, Tür und Deckenflächen? Wie wirkt ein horizontal proportionierter Baukörper (Stadtmauer, Brücke, Straßenfassade, Hallengebäude, Tankstellendach, Sitzbank, Bushaltestelle, Gartenmauer, Zaun, Hecke) im Zusammenspiel mit einem vertikal gerichteten Baukörper (Turm, Hochhaus, Pylon,  Denkmal, Schornstein, Mast, Baum etc.) im Vorder- oder Hintergrund? Der Markusplatz in Venedig wie auch der Gang von der Ponte Vecchio über dem Arno durch die Uffizien-Schlucht mit Blick auf den Turm des Palazzo Vecchio hin zur weiten Piazza della Signorina mit dem Neptunbrunnen und Michelangelo´s „David“ (leider eine Kopie) in Florenz zeigen exemplarisch das wunderschöne räumliche Zusammenspiel von horizontalen und vertikalen Proportionen von rechteckigen und kreisförmigen Geometrien (Rundstützen, Rundbögen, Gewölbe, Kuppel) im Vorder- und Hintergrund. Nichts anderes sehen wir im Prinzip von der Augustusbrücke über der Elbe, wenn wir auf Dresden, die Brühlschen Terrassen, im Hintergrund die Frauenkirche, die Hofkirche mit Residenzschloss im Hintergrund und die Semperoper mit dem Zwinger im Hintergrund blicken. Auch der Burgplatz in Braunschweig ermöglicht mit dem imposanten, massiven Westwerk des Braunschweiger Dom, der (rekonstruierten) Burg mit vogestelltem Braunschweiger Löwen, den beiden Brücken zu den benachbarten Gebäuden und dem Turm des neuen Rathauses im Hintergrund ein räumlich spannendes Motiv aus horizontalen und vertikalen Elementen. Und nicht nur, dass man schöne Postkarten-Motive erhält, sondern man kann diese Komposition perspektivisch (räumlich) durch Enge und Weite ganz unterschiedlich erleben. Nichts anderes verlangt man von attraktiven Städten, Quartieren und Gebäuden, dass sie mit den kleinen und großen, den engen und weiten, den horizontalen und vertikalen, den rechteckigen und kreisförmigen Elementen im Raum spannende, gut proportionierte, aufeinander abgestimmte Ansichten (Motive) wie auch Raumerlebnisse kreiert. Hierzu müssen zum einen die Proportionen des einzelnen Gebäudes (oder auch einer Blockstruktur) in sich stimmig sein, zum anderen müssen auch die Proportionen der einzelnen Gebäude zueinander (also im städtebaulichen oder auch landschaftlichen Kontext) passen. Hierbei ist vor allem der Aspekt der Maßstäblichkeit von hoher Bedeutung, dass der Raum, das Viertel, die Stadt als „zusammengehöriges“ Ganzes gelesen werden kann. Gerade an dieser Schnittstelle kranken aber die meisten urbanen Planungen, wenn moderne Großstrukturen (meist Solitäre) wie auch großmaßstäblich angelegte Verkehrsflächen auf meist historisch gewachsene Kleinstrukturen treffen. Im Prinzip müßte es für jeden Block, für jedes Viertel und für jeden Stadtteil wie auch für die gesamte Stadt über den Bebauungsplan hinaus èn Detail ein gestalterisches Leitbild von Ansichten und Perspektiven geben, um die gewollten Raum- und Flächeneffekte neben den funtionalen Aspekten (Nutzung, Erschließung, Verkehrsflächen, Freiraum, Grünraum, Versorgung etc.) durch die Einzelbebauungen zu realisieren. Solange im Städtebau -mal leicht übertrieben formuliert- jeder Investor oder Bauherr machen kann, was er will und die planerischen Blicke bestenfalls bis zur Grundstücksgrenze reichen, darf man sich über das formale Chaos architektonischer Potterie weder wundern noch beschweren. Immer wieder sehen wir die formal katastrophalen Ergebnisse (in der Kunst würde man den Ausdruck „dilettantische Schmierereien“ verwenden) der meist allzu liberal ausgelegten Baukultur sich selbst verwirklichender Bauherren oder Investoren in den zahlreichen Neubaugebieten vor der Stadt, defacto eine Bankrotterklärung des guten Geschmackes wie auch des sozialen, kulturellen Zusammenhaltes. Und auch viele Architekten verstehen manchmal nicht, worum es im ansprechenden Städtebau eigentlich geht, wenn Bebauungspläne hierüber keine Auskunft geben. So werden formal in sich stimmige Gebäudekonzepte (gute wie schlechte, innovative wie altbackene, wirtschaftliche wie pompöse) unterschiedlichster Coleur beliebig in die Reihe implementiert, ohne, dass sie sich formal oder ästhetisch aufeinander beziehen würden. Die urbanen Proportionen sind dann nicht mehr lesbar, nicht mehr erkennbar, hinterlassen bedeutungslose Räume ohne nennenswerte Aufenthaltsqualität.

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