Archive for Dezember 21st, 2014

architecture tomorrow

Sonntag, Dezember 21st, 2014

architecture tomorrow : visionäre Architektur gibt es – relativ betrachtet- seit dem die Menschen bauen und konstruieren. Charakteristisch hierfür ist meist immer die Anwendung neuer Konstruktionen, neuer Materialien und das Schaffen neuer Bautypologien bzw. neuer Bauaufgaben.

Allen Architekturen gemeinsam ist, daß sie Räume mit Materialien schaffen und dabei den naturgegebenen statischen Gesetzen genügen müssen. Physikalisch und mathematisch betrachtet ist das Reich der Formen, Geometrien, Konstruktionen wie auch der Materialien längst vollständig definiert und umrissen. Wie hoch oder weit eine raumbildende Konstruktion aus einem Material X geschaffen werden kann, wird letztendlich durch die immergleichen Gesetze der Statik (Physik) und den Materialeigenschaften (Chemie) definiert. Der Bauort definiert schliesslich noch die klimatischen und sonstigen statischen Randbedingungen (Schnee- und Windlasten, tragfähiger Grund/ Gründung, chemische Beanspruchung der Bauteile durch Luft und Erde etc.). Wir können formal eine Amöbe nachbauen, einen Insektenflügel, eine Blume, einen Grashalm, eine Wirbelsäule oder ein Molekül (z.B. Kalotten-, Bänder-, Stäbchenmodell). Wir können alle Stoffe verwenden, die es auf der Erde gibt und sie chemisch oder physikalisch zu neuen Materialien (Kompositwerkstoffen) formen. Wir können Membranen herstellen und sie mit Gasen oder Flüssigkeiten füllen. Wir können die Füllstoffe durch Elektrizität oder Druckveränderungen in andere Aggregatszustände versetzen. Wir können Materie zum Leuchten und Schwingen anregen. Wir können Holz, Kohlenstoffe, Mineralien und Metalle zu neuen Materialien formen. Und wir können durch simple Mechanik die Bauteile beweglich machen. Insofern ist theoretisch schon alles da, was chemisch und physikalisch machbar ist oder machbar sein wird. Ob man nun einen 400 Meter hohen oder 4 Kilometer hohen Wolkenkratzer baut, ist bestenfalls noch eine technische (statische) Herausforderung, sowie auch die Dicke von Glasscheiben, Membranen oder Blechen auf ein Minimum reduziert werden können, um den statischen Anforderungen zu genügen. Auch die Entwicklung von biologischen Baustoffen (deren ideale statische oder molekulare Struktur sich beispielsweise automatisch, also durch (bio-) chemische Reaktionen formiert) ist lediglich von der Natur abgekupfert (Zellenwachstum usw.). Gesehen oder imaginiert haben wir -oder zumindest die Naturwissenschaftler- eigentlich schon alles, was nur denkbar, vorstellbar und für das Auge sichtbar ist. Selbst eine fliegende (schwebende) Untertasse wird uns kaum noch vom Hocker reißen, wenn wir sie denn einmal mit elektromagnetischen Kraftfeldern bauen sollten. Und auch eine Unterwasserstadt (Jule Verne´s „Die Propellerinsel“ oder James Bond´s „Der Spion, der mich liebte“ lassen grüßen) oder eine Mega-City-Kuppel á la Buckminster Fuller wird kaum noch jemanden wirklich staunen lassen. Ja, all das könnten wir vielleicht bauen und werden wir auch bauen, aus welchen Gründen auch immer. Doch niemals werden diese neuen Konstruktionen und Räume uns wirklich anders erscheinen, als wir sie mit unseren naturgegebenen, begrenzten Sinnen seit Jahrtausenden bereits wahrnehmen können. Erst, wenn wir die Gravitation aufheben und unser Sinnesspektrum sich deutlich in den kurz- und langwelligen Bereich erweitert, haben wir vielleicht tatsächlich eine neue sensorische Wahrnehmung und Vorstellung von Zeit, Materie, Energie und Raum. Dann aber wird die Architektur als stofflich gebauter Raum für uns Menschen mehr oder weniger in ihrer ganzen stofflichen wie sensorischen Banalität eher bedeutungslos sein bzw. in ein anderes, wenn auch weitaus komplexeres wie vielschichtigeres Blickfeld geraten.

A_die stoffliche Welt wird durch intelligente Konstruktionen und moderne Materialien immer leichter und reduziert damit erheblich den Ressourcenaufwand

B_neue Konstruktionen und Materialien erlauben ein extrem kurzes wie flexibles Bauen

C_Superbauteile ermöglichen durch ihre eingebaute Multisensorik eine interaktive Kommunikation (aktiv wie passiv) mit der Umgebung (kybernetische Bauteile), wodurch sich ihre technische, bauphysikalische und mediale Funktionalität potenziert

D_Räume verlieren ihre Monofunktion, werden zu multifunktionalen Räumen („black-box“ als Superraum)

E_extreme Verdichtung von Räumen führt zu einem ökologisch nachhaltigem Städtebau (Rückbau ganzer Siedlungen und Städte, Renaturierung, Power-City´s usw.)

F_Räume werden weltweit standartisiert in die 1-km-vertikale konstruiert  (unter- und oberhalb der Erdoberfläche), wodurch es zu einer extrem hohen funktionalen Dichte kommt

G_ein Großteil des benötigten Stoffhaushaltes wird systeminharent generiert (Turbo-Klimatisierung, Kälte- und Wärmetauschsysteme, hocheffiziente Nutzung von Wind-, Solar- und Wasserenergie, Brennglastechnologie, energieabsorbierende Bauteile ezc.)

H_die komplette Statik ist sensorunterstützt und garaniert eine extrem hohe Sicherheit und Langlebigleit

I_der Ort als solches existiert nur noch in der Natur und als historisch konservierter (musealer) Ort

J_die realen Räume werden überwiegend durch virtuelle Räume (Simulations-Shocking) zur stufenlosen Befriedigung unserer Bedürfnisse ersetzt (interaktive mediale-sensorische Systeme, Robotersysteme etc.)

K_das körperliche Moment unserer (Götter-) Welt (Besitz, Materie, Raum, Schönheit, Gewalt, Kampf etc.) wird durch neuronale Sensor-Shock-Systeme (neuro-body-flash) obsolet

 

Die Vorstellung, daß der Mensch sich durch seine Fähigkeit, Maschinen und Werkzeuge zu bauen und die Naturgesetzte zu verstehen (sie zu beherrschen), die Welt einmal massivst verändern wird (zu seinem eigenen Vor- und/ oder Nachteil), ist seit dem 1. Weltkrieg und der Möglichkeit des atomaren Over-Kill´s längst keine Utopie oder Spinnerei mehr. Was immer auch menschenmachbar oder menschendenkbar ist (innerhalb der Naturgesetze), wird früher oder später auch vom Menschen oder durch vom Menschen gebaute Maschinen realisiert. Computertechnologie, Sensortechnologie, Robotertechnologie, Molekularbiologie, Gentechnologie, Neurowissenschaften und die klassischen Naturwissenschaften werden zwangsläufig in ihrer konsequenten Kombination neue Artefakte (Werkzeuge) entstehen lassen, die unser konventionelles Menschenleben grundlegend verändern werden (denken sie bereits jetzt an die vielen Sensoren in ihrem Handy, an die Millionen versteckten Kameras im städtischen Raum, ihren Fingerabdruck im Internet, Drohnen etc.). Und all das, wie sollte es in der Geschichte der Menschheit auch anders sein, stets zum Guten wie zum Schlechten. Was noch alles kommen wird, ist weniger eine Frage der Technik (und die letzte Eiszeit war auch nicht gerecht aber Naturgesetz) sondern der Gesetze, die wir Menschen selber machen. Die Technik selbst wird uns nicht zwangsläufig zu besseren Menschen machen, wohl aber zu den größten und mächtigsten Herrschern auf dieser Erde (und vielleicht auch noch anderswo). Und Herrscher sind bisweilen launige Kreaturen, wenn sie sich nicht selbst vor Dummheiten schützen lassen. Trotzdem: wenn man die Entwicklung der aktuellen Technik weiter denkt, kommen wir zwangsläufig zu neuen Lebensformen, zu neuen Sichtweisen über das Leben schlechthin, zu neuen Organisationsformen, zu neuen Aufgabenverteilungen und natürlich auch zu einer neuen stofflichen wie architektonischen Gestaltung unserer Umwelt.

Wir werden in der Architektur die noch bis heute jahrtausende alte Vorstellung von Konstruktion (horizontale- und vertikale Bauteile in Form von massiven Decken, Wänden, Trägern und Stützen) und den daraus gebildeten geometrischen Räumen (überwiegend orthogonale Räume der Dimension x y z) komplett aufgeben müssen und gegen eine neue Bautechnologie ersetzen. Beispielsweise ist ein Nuklearantrieb, ein Raketenantrieb oder ein Elektromotor technologisch etwas ganz anderes als ein Verbrennungsmotor! Unsere aktuelle Vorstellung vom Bauen gleicht hierbei eher dem klassischen Verbrennungsmotor (Kurbelwelle, Pleul, Kolben, Ventile, Nockenwelle, Zündung). Denken sie beispielsweise mal an die „natürliche“ Baustruktur eines Rotkohls, eines Bienenstockes, einer Muschel, eines Eies, eines Seesterns oder eines Seeigels. Form, Material, Konstruktion und Funktion sind hier optimal wie ideal aufeinander abgestimmt. Doch was ist für unsere Bauten die ideale Größe, das ideale Material und die ideale Konstruktion?

In den kapitalistisch geprägten Ländern wird die Architektur überwiegend aus ökonomischen, weniger aus kulturellen, sozialen, ästhetischen oder gar vernünftigen Motiven abgeleitet. Immer und ausschliesslich geht es um die Rentabilität der eingesetzten Geldmittel innerhalb der politischen, damit auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Innovationen und damit verbundene Investitionen in die Entwicklung und Forschung folgen zudem nur dann, wenn sich damit „Geld“ verdienen läßt, das Produkt oder die Dienstleistung also einen irrationalen oder von der Politik „subventionierten“ Markt bedient. Die zunehmende Komplexität und Vielschichtigkeit unseres Wirtschaftssystemes und seiner Gesetzesgrundlagen entzieht sich jedoch einer direkten Kontrolle und Steuerung durch das politische System und seine Wählerschaft (Demokratie scheitert stets an Inkompetenz und Intransparenz). Das System Kapitalismus (und damit die Kategorisierung in Besitz = Reichtum und Besitzlosigkeit = Armut) ist so ausgerichtet, dass es sich selber niemals in Frage stellen wird und droht dabei bei bereits kleinsten Veränderung seines Gefüges mit dem riskanten Untergang des Wohlstandes. Dabei sind es nicht einzelne Menschen, die Entscheidungen treffen, sondern das etablierte System selbst und seine per Gesetz definierten Ordnungsmechanismen definieren die Handlungsspielräume. Versuchen sie einmal, selbst hergestellte Pfannekuchen oder Omletts auf der Straße zu verkaufen, und sie werden Bombardiert mit Verboten und Geboten, Auflagen usw., daß ihnen schnell die Lust an ihren Kochkünsten vergeht.

Die Architektur von morgen wird also nur so gut sein wie die politischen und damit verbundenen wirtschaftlichen wie auch kulturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich innovative Bautechniken und innovative Bauprogramme entwickeln und entfalten können. Wer oder was aber beschliesst auf politischer oder witschaftlicher Ebene, wie und wo gebaut werden soll? Ein Bauwerk oder eine Bautechnologie funktioniert in der Vermarktung anders als der Verkauf eines Handys oder eines Autos, auch wenn die Kaufentscheidung gleichermassen emotional basiert ist. Tatsächlich brauchen sie visionäre Kommunalpolitiker und Stadtbauräte wie Investoren, die allesamt an einem Strang ziehen, um fortschrittliche, wegweisende wie innovative Bauprojekte realisieren zu können. Erst, wenn diese Zielsetzung durch entsprechende Rahmenbedingungen politisch und wirtschaftlich abgesteckt sind, können nun Kreative, Planer und Handwerker wie auch die Bauindustrie neue Programme und Techniken entwickeln und realisieren. Doch solche städtebaulichen „Experimente“ (die ja letztendlich die räumliche Verteilung für das Wohnen, Arbeiten, die Freizeit und deren benötigte Infrastruktur neu definieren) finden wenig bis überhaupt nicht statt, da es eben „keine“ alternativen oder innovativen Konzepte für das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zusammenleben gibt, die räumlich (städtebaulich, architektonisch) umgesetzt werden könnten. Dahinter steckt natürlich die große Frage nach dem Sinn und Zweck unseres Lebens und der damit verbundenen bzw. daraus abgeleiteten Kultur, innerhalb derer wir Menschen uns organisieren und entfalten.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Seins und Handelns ergab sich historisch betrachtet stets aus einem hierarchisch entwickeltem Ordnungssystem, das es territorial zu schützen, zu verteidigen und schliesslich auch zu erweitern galt, daß ein jeder Mensch seinen festen Platz mit einer festen Aufgabe zur Sicherung, Erhaltung und Stärkung dieses „gesellschaftlich“ basierten Ordnungssystemes habe. Mit der ortsgebundenen Landwirtschaft entstand mit den ersten Siedlungen die Sesshaftigkeit, aus der sich schliesslich das Bürgertum, die „civitas“ entwickelt hat. Der lokalen Bindung an das Umland (Landwirtschaft) folgte schließlich mit der industriellen Revolution die immer noch lokale Bindung an Manufakturen und Fabriken (Industrien, Standortfaktoren etc.). Heute sind in der BRD gerade mal 2% im Primärsektor und knapp 24% im Sekundärsektor beschäftigt! In England (und Irland), dem Mutterland der Industrialisierung, sind mittlerweile 80% der Erwerbstätigen im sogenannten Tertiärsektor beschäftigt. Wirtschaftlich betrachtet (und damit existenzsichernd) gibt es für uns moderne Mobil-& Surf-Menschen quasi kaum noch örtliche Zwänge bzw. Bindungen, die eine organisierte Sesshaftigkeit in Form von Siedlungen oder Städten erforderte. Wir Menschen haben uns zunehmend vom festen Ort (Stamm, Heimat, Scholle, Natur, Werk) losgelöst und die digitale Revolution beschleunigt diesen Prozess gewaltig, im Handel wie in der Produktion. Was bleibt, sind neben den mittlerweile uneingeschränkten Reisemöglichkeiten nur noch die privaten 4 Wände, die ggfs. eine lokale Bindung in Form eines Hauses oder einer Wohnung begünstigen. Doch selbst diese 4 Wände, die kleinste Zelle als Geburtsort des Lebens (das Elternhaus, das Nest), ist längst dem kurzweiligen Konzept des mobilen Hauses gewichen (Stichwort „modernes Nomadentum“ etc., amerikanische Einweg- und Wegroll-Wohnungen usw.). Modernes und fortschrittliches Leben heißt, sich zunehmend von Zwängen aller Art (Natur, Stadt, soziales Gefüge, Arbeitsort, Staat usw.) zu befreien (also ein mehr an Freiheit!) und damit auch konventionelle soziale, wirtschaftliche wie kulturelle Beziehungen und Bindungen aufzugeben, um die Vorteile der gewonnenen Freiheit auszutzen zu können. Diese extrem flexible und mobile Gesellschaft aber braucht keinen festen, angestammten Ort mehr und ist zudem auch nicht mehr in der Lage, Verantwortung und Pflege (Kultivierung) für mögliche Orte zu übernehmen (wir werden nur noch Gäste, aber keine Gastgeber mehr sein). So werden wir zu Zellen-Reisenden und wir leben als perfekt konservierte Campbell´s-Tomatendosen in Supermärkten (malls) mit den immergleichen Produkten in den immergleichen Regalsystemen, die sich an jedem Ort der Erde gleichen wie die amerikannischen Fastfoodketten und schwedischen Möbelhäuser es heute schon tun. Uni-Sex, Uni-Food, Uni-Clothes, Uni-Housing, Uni-Work, Uni-Health, Uni-Computing, Uni-Education, Uni-SPA, Uni-Mobility. Alles Differenzierte und Eigentümliche der Spezie Mensch wird systematisch eingedampft und zu einem großen, faden, weissen Brei verkocht, wenn wir weiterhin den Regeln der ökonomischen Profitmaximierung folgen. Das vielschichtige Individuum Mensch (wir erinnern uns an den großen Traum einer individuellen und pluralistischen, freien Gesellschaft) verkommt zum optimierten, pflegeleichten wie austauschbaren Massenprodukt mit systemintegrierter Qualitätssicherung. Es soll nicht so pessimistisch apokalyptisch und spielverderberisch klingen, doch was Menschen noch bis zum heutigen Tag mit Tieren und Soldaten-Menschen machen (Massentierhaltung von Rindern, Schweinen, Hühnern, Gänsen, „geringwertiges Menschenmaterial“ als Kanonenfutter, Sklaverei, Kinderarbeit, Kindersoldaten usw.) ist ohne planerische Systematik und unterstützender Technik nicht möglich. Und weltweit arbeiten hochintelligente (aber gewissenlose) Wissenschaftler und Techniker an immer perfideren Techniken und Methoden, die vermeindlich dumme Masse Mensch und Tier physisch und psychisch vollständig zu beherrschen, gefügig zu machen, zu selektieren, zu optimieren, zu mechanisieren. All das ist leider, leider keine Sience-Fiction sondern fester Bestandteil unserer technologiefreundlichen Wirtschaftssysteme, in Diktaturen gleichermaßen wie in Demokratien, im Zeichen Gottes, des Guten gegen das Böse usw. Steinzeitliche Gehirne (oder auch dressierte Menschenaffen) bedienen per Joystick totbringende Flugobjekte und befriedigen damit spielerisch ihren Dopaminspiegel. Brave new world! Und hier zu Lande regt man sich auf, wenn Hunde auf den Gehweg kacken und rekonstruiert wilhelminische Schlossfassaden in der Sehnsucht nach der guten, alten Ordnung, die dem Chaos Menschheit einen halbwegs ansehnlichen Rahmen durch ihr strenges, ästhetisches wie moralisches Regelwerk gibt. Und tatsächlich haben wir es spätestens seit dem 2. Weltkrieg mit dem systematischen Zerfall einer ehemals komplexen Kultur zu tun, in dem wir kulturelle Ordnungsstrukturen (die über tausende von Jahren entwickelt wurde) negieren und verachten und auf geistloses „Funktionieren“ reduzieren (blinde Huldigung an den Fortschritt durch Technik). Bitte verstehen sie diese Gesellschaftskritik nicht falsch, doch zwischen High-Tech-Drohnen und ISS einerseits und den Kindersoldaten in Uganda oder Liberia andrerseits liegen Welten, die man mit Logos nicht erklären noch verstehen kann. Der große „Sprung“, der alles zerstört, was die Menschheit einmal mühsam von Generation zu Generation aufgebaut hat, ist bereits in der Welt. Es ist mitunter das größte Drama der Menschheitsgeschichte überhaupt, welches nur noch durch irrationale Hoffnung, abstrusen Glaube und beharrlicher Taub- und Blindheit zu ertragen ist: noch nie gab es so viele Verlierer und nur so wenig Gewinner. Und nun fragen sie uns Architekten, wie wir uns moderne Architektur vorstellen? Wir Architekten sind schon lange nicht mehr „politisch“ wirksam, so, wie es Julis Posener (bedeutenster deutscher Architekturhistoriker und Kritiker) einst gefordert hat, um den willkürlichen Vulgärfunktionalismus und der wilden, konzeptlosen Farbkleckserei irgendwie paroli zu bieten. Und wir autoritätslosen Architekten haben ja auch keine Waffen (Mittel und Konzepte) mehr, mit denen wir, was auch immer, gegen den schnöden Mammon (spekulative Bau- und Immobilienindustrie) noch verteidigen könnten. Die Häßlichkeit, Geschmacklosigkeit, Einfallslosigkeit und Primitivität unserer Städte und Gebäude ist mittlerweile so gravierend geworden, daß man nur noch in stumpfe Gleichgültigkeit versinken kann, um den über die alten Baumeister gebildeten, kultivierten Verstand nicht zu verlieren. Jeden Tag gibt es überall nur noch den Gestank von Fischstäbchen und billigem Parfum. Und es wundert nicht, daß wir Kultur verlernen, Kultur ein Auslaufmodell der modernen Gesellschaft ist, ersetzt durch den digitalen Kick, den Adrenalin-Joystick, lechzendes Tittytainemnt, Konsum, Faulheit, Grobheit, Dmmheit, Selbtverliebtheit und Egoismus. Kulturpessimismus ist das eine, doch eine intakte Umwelt mittel- bis langfristig auf Jahre zu verschandeln, das andere, was nicht so schnell wieder behoben werden kann. Der tägliche Raubbau an intakten Naturflächen für billige Wohn- und Gewerbegebiete ist enorm, der ökologische Schaden unbezahlbar. Und in den Städten fensterlose, vollklimatisierte Einkaufspaläste mit Parkgaragen und schmucklosen WDVS-Fassaden, deren kultureller Wert für die Stadt und seine Bewohner gegen Null läuft. All das sind Tendenzen, die unsere Städte langfristig in ihrer ästhetischen wie soziokulturellen Qualität zerstören und schliesslich zu Unräumen machen. Was die klassische oder altertümliche Architektur und den Städtebau von der modernen Architektur (und den modernen Städtebau) vor allem unterscheidet, ist die konsequente Anwendung von aufeinander abgestimmten konstruktiven wie ästhetischen Regeln innerhalb eines räumlichen Ganzen. Diese durchgehende Verbindung von Konstruktion (Statik, Material), Ästhetik (Proportionen, Gliederungen) und Städtebau (Gefüge von Gebäuden, Straßen, plätzen etc.) ist in ihrer ästhetischen wie semantischen Qualität für uns Menschen einmalig. Natürlich haben auch moderne Bauwerke eine Konstruktion, eine Proportion, eine Form, eine Ästhetik und eine halbwegs baruchbare städtebauliche Qualität, doch es gibt im Gesamtkontext zu wenig Regelwerk, zu viel Beliebigkeit, zu viel Extravaganz, zu viel Ausdrucks- und Sprachlosigkeit, zu viele Ausnahmen, zu viel Selbstreferenz, zu viel Eitelkeit usw. Da die moderne alles symmetrische vermeidet und manieristisch mit der Ungleichheit der Teile als provokanter Balanceakt spielt, entstehen in der Wahrnehmung extrem starke, grelle, schrille Kontraste (ein sprachliches, lautes Kauderwelsch), die „alle“ sensationelle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um überhaupt verstanden und entschlüsselt (dechiffriert) zu werden. Insofern haben wir es natürlich mit ästhetischen, hochkreativen Explosionen zu tun (eine Art sinnlose, rauschhafte Zerstörung/ Destruktion durch eine perfektionierte Kriegsführung), die natürlich vordergründig eine sensationelle wie auch referentielle Befriedigung leisten (ein lautes BOOOOM), jedoch unfähig sind, den gesamten Kontext Leben, Natur und Zivilisation generationenüberspannend abzubilden. Dieses Herausgelöste, Fragmentarische und Selektierte ist natürlich legitim, aber als kultureller Ausdruck verglichen mit den Werken der Vorzeit im Ergebnis eher kümmerlich und ohne nachhaltige Wirkung (sowohl ästhetisch wie soziokulturell).

Der unaufhörliche Ruf nach Erneuerung, nach Innovation, nach Andersartigkeit läßt uns Menschheit nicht zur Ruhe kommen. Bei diesem Kriegs-Spiel gegen die alte Welt (also das zivilisatorische Regelwerk der harmonischen Balance im Ganzen) werden so viele Hormone (Adrenalin-Streß) in Wallung gebracht, daß wir des hormonellen Flash´s wegen fast süchtig danach werden. Es ist physisch und psychisch sehr schwer, da wieder runter zu kommen und sich auf ein neuronales Normalmaß (Verstand mit Weitsicht) einzupegeln. Die schönen Bilder der Modernen taugen (langfristig) nichts, da sie jeder primitiven Vorstellung und Sehnsucht nach Ordnung und Harmonie widerstreben, die nun einmal auch (neben dem aggressiven, rauschgleichem Kriegstreiberhormon) in uns Menschen angelegt ist. Wenn die Welt (also der Mensch) ein Problem damit hat, bestehende Ordnungen zu akzeptieren, sie zu erlernen und sie fortzuführen, hat dies nur wenig mit Einsicht zu tun, wohl aber mit irrationalen, hochemotionalen Gefühlen nach Macht und Herrschsucht. Nein zu sagen, angewidert zu sein, gelangweilt zu sein von bestehenden Lebensmustern der Eltern oder vorangegangener Epochen ist eine pubertäre Notwendigkeit im Prozeß, das Leben zu verstehen. Doch auf diesen eher destruktiven und aggressiven Akt des Widerstandes muß schließlich auch wieder die Liebe und der Respekt vor dem Seienden als tiefgehender Reifeprozess folgen. So habe ich das Gefühl, in der Moderne eher das Machwerk eines pubertierenden Widerstandes als das verantwortungsvolle, erwachsene Handeln eines kultivierten, denkenden Menschen zu erblicken. Natürlich hat es keine Epoche geschafft, sich von emotionaler Triebhaftigkeit und Sinnenlosigkeit zu befreien. Und vielleicht sind gerade feste gesellschaftliche Ordnungssysteme der Keim einer parallelen Gesellschaft mit Doppelmoral, in denen Wasser gepredigt wird und man sich unbeobachtet an rauschhaften, dionysischen Symposien erfreut. Doch wenn es wenigstens schmackhafter Wein wäre und es schöne Formen und Bilder sind, an denen man sich dann erfreuen könnte!

Kurzum vermisse ich das schöne Bild, die ansprechende Poesie und die schöne, geistvolle wie herzergreifende Geschichte, die da in unserer Kultur erzählt werden will. Wenn alte Schlösser wieder aufgebaut werden sollen, dann doch nur, weil die moderne Architektur es nicht schafft, (neben hervorragenden und gelungenen Konstruktionen) vorallem „metaphysische“ Semantik in Form von Formen, Bildern und Symbolen darzustellen, die unsere moderne Welt repräsentieren, in denen sich unser moderner Zeitgeist irgendwie wiederfinden könnte. Die schönen freien Formen sind zwar aktuell und modern und auch mit metaphysischer Semantik ausgestattet, doch sie sind systembedingt nicht in der Lage, einen modernen Städtebau als durchgängige Gesamtkomposition zu formulieren. Wenn wir die alten Stadtgrundrisse aus dem Mittelalter mit den engen, verschlungenen Gassen und den wunderbaren Platzfolgen nicht mehr haben wollen, muß in der Raumwirkung zumindest etwas anderes an deren Stelle treten. Aber dies geschieht nicht, wenn wir investorenmäßig orthogonale Blöcke und Zeilen endlos mit Solitären durchbauen und einfach nur Masse produzieren. Das Gefüge der alten Städte ist wesentlich komplexer und vielschichtiger in seiner räumlichen Wirkung als die plumpen, allein auf Leistung getrimmten Grids der modernen Städte, die räumliche Qualität meist nur durch Größe, Maßstab und endlose Erweiterung kompensieren, nicht aber durch raumbildende, ensembelgleiche Architekturen und Freianlagen, Straßen, Plätze etc., die Identität und Bildhaftigkeit herstellen. Es scheint, als ob 2000 Jahre Ästhetiklehre und Baugeschichte nicht mehr existieren würden, daß man einfachste wie grundlegende Zusammenhänge und Regeln im Städtebau wie in der Architektur nicht mehr beachtet.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ ist einer dieser Lehrsätze, die im Städtebau wie im Hochbau anscheinend in Vergessenheit geraten sind. Unsere Städte gleichen eher einem Museum, in dem ein Rembrandt neben einem Munch neben einem Warhol neben einem Baselitz hängen (wenn es denn wenigstens auch nur Meisterstücke wären anstatt trivialer Skizzen, Etüden bis hin zu gänzlich bedeutungslosen Schmierereien), mit dem feinen Unterschied, daß alle Bilder durch das Bauwerk Museum einen (ordnenden) Rahmen haben, während die Gebäude eher „rahmenlos“, also ohne verbindende Raumstrukturen beziehungslos nebeneinander stehen. Und es hat noch nicht einmal (kreativen, prozesshaften) Werkstattcharakter! Die Frage ist ja nicht, in welchem Stil man bauen soll oder bauen kann, sondern in welcher primären Ordnung man eine „gemeinsame“ Sprache entwickelt. Das Suchen nach neuen Sprachen und Ausdrucksmitteln ist legitim und notwendig, solange es nicht als Selbstzweck sondern als Mittel zum Zweck eingesetzt wird. Darin liegt wohl das ganze Mißverständnis der Moderne, daß man die vielen abstrakten (abstrahierenden) Modelle, die bei der wissenschaftlichen Analyse der Ästhetik, der Funktion, der Konstruktion usw. herausgearbeitet worden sind, nicht wieder zu einer ganzen Gestalt (das einzelne Gebäude wie den Städtebau betreffend) zusammengefügt hat. Von dieser extremen Fragmentierung und Isolierung der einzelnen Teile (im Glauben und der Hoffnung, über die Dekonstruktion eine neue Konstruktion zu finden), die zweifelsfrei eine neue Lesbarkeit im Verstehen von einzelnen Phänomenen aufgedeckt haben, haben wir offensichtlich das eigentliche Bild, also die fertige Komposition (der eigentliche Zweck) aus dem Blickwinkel verloren. Anders als in der Kunst oder der Literatur können wir aber Gebäude und Stadtstrukturen nicht einfach so „weghängen“ oder „beiseitelegen“, wenn sie uns nicht mehr gefallen. Die Verantwortung und damit auch die Komplexität von Gebäuden und Städten ist soziokulturell viel höher und umfangreicher als bei allen anderen Artefakten, die wir Menschen in die Welt setzen. Und wir glauben, dass es ein Fehler ist, durch Fragmentierung und Spezialisierung unterm Strick tatsächlich einen Gewinn oder Mehr an Kultur erreichen zu können. Natürlich leidet bei hochkomplexen Gestaltungen die spezielle Leistungsfähigkeit einzelner Bereiche, doch in der Gesamtbetrachtung ist der Nutzen komplexer, in sich ausgewogener Kompositionen für uns Menschen viel höher zu bewerten. Hier konkurriert die vermeindliche Vielfalt und Buntheit babylonischer Sprachwirren mit dem Selbstverständnis einer Kultur, die in sich über einen mittel- bis langfristigen Zeitraum hochkommunikativ, also durchgehend und homogen sprachfähig ist. Für wahr ist es eine Art Kampf der Kulturen (Sprachen), wenn ästhetisch ausgewogene, aber halbwegs schwerfällige Kolosse sich gegen Armeen von Akrobaten und Erfindern behaupten müssen, deren einziges Ziel die Etablierung und Stärkung ihrer eigenen Art ist. Und man könnte aus historischer Sicht auch zu der Erkenntnis kommen, daß alle Hochkulturen einmal zu Staub und Asche vergehen, bis etwas anderes an ihre Stelle tritt. Auf Harmonie folgt sinnenlose Zerstörung und auf Destruktion (das Scheitern) folgt übereiferte Konstruktion (Erbauung). Wenn das die naturgegebenen Zyklen der Menschheitsgechichte sein sollen (also das Werden und Vergehen als Schicksal des Lebens schlechthin), befinden wir uns gerade in einer Art Orientierungsphase, in der wir die Technik und das Beherrschen von Werkzeugen studieren und probieren, aber nicht so recht wissen, was wir mit diesen Werkzeugen tatsächlich anfangen sollen. Es fehlt der kulturübergreifende, tiefergehende wie sinnstiftende „Masterplan“ (und nicht zuletzt Deutschland hat aus seiner eigenen Geschichte heraus natürlich ein großes wie berechtigtes Mißtrauen gegenüber den großen, visionären „Plänen“ (die fixe Idee) eines kleinen Mannes), quasi das metaphyschische Ziel, was wir mit den Mitteln des Bauens manifestieren könnten. Fahren sie auf´s Land und sie werden „alte“ Dörfer und Höfe (Gebäudeensemble) sehen, die wie selbstverständlich auf die Umgebung, die Natur und ihre jeweilige Nutzung in baulicher und städtebaulicher Form reagieren. All das hat der moderne Städtebau mit den neuen Anforderungen, Nutzungen, Bauorten und Bauweisen bis heute – bis auf wenige Ausnahmen- nicht ansatzweise geschafft. Und natürlich sind die uniformierten Zeilen- und Plattenbauten der zahlreichen Trabanten- und Satellitenstädte ein Verbrechen gegen die Menschheit und gegen jegliches Kulturverständnis, gegen jegliche Form der Bau- und Städtebaukultur und gegen jede Form von ästhetischem Verständnis. Das bloße funktionale Abwickeln von Menschenmassen in hochökonomischen, gestalt- und raumlosen, akurat aneinandergereihten Kisten gleicht hier erschreckender Weise der baulichen Organisation deutscher Konzentratioslager wie auch moderner Produktionsgebäude in der Massentierhaltung usw.. Menschen werden durchnummeriert, einander gleichgemacht und auf engstem Raum aneinandergereiht, geschossweise gestapelt. Der Mensch (das Individuum) wird Teil des industriellen Prozesses und verliert damit allen Anspruch auf Kultur. Er ist Massenware (Arbeitskraft und Konsument), die es baulich mit dem notwendigsten zu beherbergen  (räumlich zu lagern), vielmehr „effektiv“ zu organisieren gilt. All diese hocheffizienten Organisationsformen aus dem Quell des linearen, endlos erweiterbaren Rasters mögen industrielle Anforderungen genügen, niemals aber menschlichen Bedürfnisse befriedigen.

Hier haben wir vor mehr als 100 Jahren einen großen (System-)Fehler gemacht, die effektiven und leistungsfähigen Strukturen der Industralisierung (maschinelle Produktion, Logistik etc.) quasi 1:1 auf den Menschen, seine Städte und die Natur zu übertragen. Im Mittelalter konnten die Wege nicht chaotisch genug sein, um mögliche Angreifer ohne Ortskenntnisse bewußt in die Irre zu führen. Später konnten sie nicht breit und linear genug sein, um möglichst rasch große Truppen ein-, auf- und ausmarschieren zu lassen, einerseits den Stadtraum effektiv zu kontrollieren (vor allem gegen aufständige Bürger), andererseits möglichst schnell von A nach B zu gelangen (Verkehr, Straßenbahn etc.). Diese brachiale Entzerrung der Stadtgrundrisse, wie sie ab 1850 der Pariser Stadtplaner Haussmann unter Napoléon III. in Paris durchführte, gelang nur mit dem unwiderbringlichem Verlust von Kulturgut, schmerzhafter Zwangsumsiedlung der angestammten Pariser und einer einsetzenden Grundstückspekulation. Wie auch immer haben sich diese kilometerlangen, endlos breiten „Sichtachsen“ (im Klatext: leistungsfähige Verkehrsschneisen) bis heute in nahezu allen europäischen Großstädten als Novum etabliert. Die Baukultur ist dabei jedoch nur noch in anonymen „Massen“ gedacht, die es vor allem ingenieurmäßig effektiv zu organisieren galt. Diese radikale Reduktion des Stadtraumes und der Baukultur mit all ihren ästhetischen, ökonomischen und sozialen Qualitäten auf verkehrstechnische und infrastrukturelle Funktionen hat unsere Städte bis heute grundlegend verändert, vielmehr zerstört. Natürlich mußte sich in den überfüllten, viel zu engen und unhygienischen Städten der Industrialisierung etwas ändern (wie man es ja dann auch in der Charta von Athen [CIAM] 1933 formuliert hatte), doch die gewünschte funktionale wie räumliche Entzerrung ist durch eine zusätzlich einsetzende räumliche Trennung und Expansion (mit den Folgen zunehmenden Verkehrs) und einer empfindlichen Funktionsverlagerung in die Randgebiete (Ausbluten der Kernstadt etc.) mehr oder weniger gescheitert bzw. über das eigentliche Ziel hinaus geschossen. Die starke räumliche Konzentration (Zergliederung) von einzelnen Funktionen hat dazu geführt, daß die hierfür notwendigen verkehrstechnischen Infrastrukturen den eigentlichen Stadt- und Naturraum zwischen A (Wohngebiet), B (Arbeiten), C (Handel, Konsum) und D (Freizeit, Erholung) zu emissionsstarken Bewegungsräumen haben verkommen lassen. Kurzum: man hat den öffentlichen Stadtraum (wie auch Naturraum) dem Verkehr geopfert und damit den bisherigen Funktionen des öffentlichen Stadtraumes (das öffentliche Leben) mehr oder weniger den gar ausgemacht. Das eigentliche Leben spielt sich nur noch in geschützten (Innen-) Räumen jenseits der Verkehrsräume ab. Der Raum dazwischen, die Straßen, die Wege, die Plätze . . . aber sind längst tot. Und mit der Anonymisierung des öffentlichen, gemeinschaftlichen Raumes stirbt auch die (individuelle) Kultivierung dieses Raumes.

Erst, wenn wir die Monofunktionen wieder auflösen und es zu einer halbwegs gleichmäßigen räumlichen Streuung der vielfältigsten Funktionen gibt, kann der Stadtraum wieder von seinen Bewohnern kulturell und räumlich besetzt und genutzt werden, dann, wenn die Wege zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten, zur Post, zum Arzt, zum Rathaus, zum Einkaufsladen oder zum Schwimmbad wieder „zu Fuß“ erledigt werden können. Denn es sind allein die Bewohner einer Stadt oder eines Viertels, die die notwendige und gewünschte Identität und Kultur stiften (indem sie direkte Verantwortung für den „lokalen“ Raum übernehmen), nicht etwa Parkhäuser, Schnellstraßen, Straßenbahnen, Einkaufscentren oder Bankhochhäuser. Der volkswirtschaftliche wie soziokulturelle Schaden, den das sogenannte Pendler-Arbeiten verursacht, ist enorm. Allein 6 Millionen deutsche Beschäftigte pendeln täglich (mit der Bahn oder dem Auto) über 25 km zum Arbeitsplatz, 8,5 Millionen Beschäftigte benötigen täglich mehr als 1 Stunde für den Hin- und Rückweg. Hinzu kommen weiter 1 Millionen Wochenendpendler. Belastet werden hierbei nicht nur die betroffenen Pendler (Zeitaufwand, Fahrtkosten, Unfallrisiko etc.), sondern vor allem die Anlieger der jeweiligen Verkehrswege (Emissionen, Flächen- und Raumverlust), die Natur (Zäsuren von Landschaftsräumen) und das Streckennetz (Reperaturen, Instandhaltung, Ausbau etc.) selbst. Dies ist vor allem ein logistisches Problem, wenn die Arbeitsplätze zu weit vom Wohnort (oder der Wohnort zu weit vom Arbeitsplatz) entfernt sind, weil es zu wenig oder zu teure Wohnungen in Arbeitsplatznähe gibt oder privilegierte Gründe einen Wohnortwechsel bzw. Arbeitsplatzwechsel verhindern (zu niedrige Fahrtkosten, Übernahme der finanziellen Aufwendungen vom Arbeitgeber etc.). Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe ein Gesetz, daß Arbeitsplätze, Wege zu Bildungseinrichtungen oder öffentlichen Versorgungseinrichtungen etc. maximal 10-15 km vom Wohnort entfernt sein dürfen, um die Umweltbelastungen für Mensch und Natur und die finanziellen wie materiellen Aufwendungen für den Individualverkehr zu reduzieren! Obwohl es überwiegend mehr Profiteure als Verlierer geben würde, würde man (vielleicht auch nur ein privilegierter Teil der Gesellschaft) mit dem Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung bezüglich des Wohnortes bzw. Arbeitsstelle dagegen klagen. Es ist zudem bekannt, das ein Mehrverbrauch von Ressourcen (Straßenbau, Energie, Automobilbau usw.) automatisch die Wirtschaft (also das zusätzliche Generieren von Arbeitsplätzen) ankurbelt. Doch dieses allein auf Beschäftigung und Umsatz (Rendite, Profit) fokussierte Wirtschaftssystem müssen wir wieder eindämmen, um wieder zu einer echten Kultur der Einsicht und Vernunft zu gelangen, ohne dabei die Natur oder andere Mitmenschen unnötig zu belasten. Dabei geht es garnicht um eine drohende Ökodiktatur (vor der ja angeblich die Freiheitsliebenden so viel Angst haben), sondern primär um die Loslösung der Menschen vor nicht nachhaltigen, nicht weitsichtigen wie nicht verantwortungsvollen Wirtschaftssystemen (das endlose Hamsterrad des Kapitalismus) durch Intelligenz, Einsicht, Vernunft und Verantwortung (was den Einsatz von Technik, den Handel und die Möglichkeit der freien Wahl ja nicht ausschließt)! Der Smog von Honkong ist ein drastisches, aber reales Beispiel für diese zerstörerische, alles andere als nachhaltige Wirtschaftsform.

Um in der Zukunft erfolgreich und sicher leben und überleben zu können, muß das Leitbild unseres Handelns durch Vernunft und Einsicht geprägt sein. Persönliche Interessen, ökonomische Interessen, politische oder auch wirtschaftliche Interessen sind per se nicht durch Vernunft und Einsicht geleitet! Erst durch entsprechende Gesetze (Rahmenbedingungen, Leitbilder etc.) können diese Funktionen (wie etwa der Wettbewerb) im Sinne obiger Maxime positiv beeinflusst, gesteuert, realisiert und geschützt werden.