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technik vs. architektur

Freitag, Juni 13th, 2014

technik vs. architektur :: wenn man versucht, über die tausendjährige Geschichte und Entwicklung der Architektur und Baukunst bis zur Gegenwart einen Ausblick auf die Architektur der Zukunft zu zeichnen, wird von all dem, was wir heute noch als Standards im Sprachsystem der Architektur begreifen und zu großen Teilen aus Gewohnheit (und Tradition) daran festhalten, wahrscheinlich nicht mehr viel übrig bleiben.

> solitäre Gebäude werden durch komplexe, multifunktionale Raumgebilde ersetzt

> sämtliche Bauteile werden primär technischen Funktionen untergeordnet

> lineare Konstruktionen mit statisch bestimmten Systemen (Stütze, Balken) werden durch komplexe Raumkonstruktionen mit statisch unbestimmten Systemen ersetzt

> die einzelnen Bauteile (Boden, Wand, Decke, Dach etc.) werden aus ihrer speziellen Funktion herausgelöst und nur noch als universale, multifunktionale Elemente verwendet

> klassische Raumfunktionen werden durch multifunktionale Universalräume ersetzt. Eine Vielzahl von bekannten Funktionen (Raumnutzungen) wird einfach verschwinden.

Die Gebäude selbst werden demnach hochtechnisierte Raumgebilde sein, die wie Maschinen arbeiten, wie Maschinen konstruiert und designt sind und auch wie Maschinen zusammengebaut, repariert und erweitert werden. Jedes Teil dieser Maschinen ist mit Sensoren ausgestattet und wird permanent über Rechner mit entsprechenden Programmen kontrolliert, dokumentiert und optimal gesteuert. Gebäude werden demnach zu technischen Artefakten (technischen Anlagen) mit einer Vielzahl von technischen, steuerbaren Einzelkomponenten, die überwiegend industriell in technischen, standartisierten Verfahren hergestellt werden. Manuell zu bedienende Bauteile (Fenster, Türen etc.) wird es nicht mehr geben. Auch das Reinigen und Warten der Bauteile wird nahezu vollständig automatisiert.

Auch den klassischen Grundriss mit einer mehr oder weniger festen Anordnung von Räumen und massiven, immobilen Wänden wird es nicht mehr geben. Stattdessen nur ein leichtes, erweiterbares, modulares Tragsystem, in welches die einzelnen Komponenten flexibel und austauschbar integriert sind. Die Immobilie wird quasi zur Mobilie, auch wenn sie nur bedingt rollen, fahren, fliegen oder schwimmen kann. Zumindest wird sie ein technischer Systembaukasten werden, in dem auch dynamische Bauteile zunehmend eine Rolle spielen werden.  Vor allem aber können die Bauteile hinsichtlich ihrer technischen Funktionen (Akustik, Transparenz, Lichtreflektion, Temperatur, Dichtigkeit, Luftdurchlässigkeit, Dämmung, Klimatisierung, Helligkeit, Farbigkeit usw.)  individuell und automatisch konfiguriert werden. Die Bauteile reagieren (mehr oder weniger intelligent) mit ihrer Umwelt und auf die Umwelt, passen sich also der Umgebung und entsprechenden Situation -weit über klimatische Bedingungen hinaus- ideal oder optimal an. So etwa können sich beispielsweise Zugänge und Öffnungen (konventionelle Türanlagen für Rettungs- und Fluchtwege, Eingänge etc.) den tatsächlichen Besucherströmen oder anwesenden Personen ideal anpassen. Hierfür werden die Personen über eine Vielzahl von Sensoren und Kameras registriert, lokalisiert und deren Laufrichtung bzw. Bewegungsmuster vorausberechnet, um dann entsprechende Automatiktüren oder sonstige automatisch betriebene Wandöffnungen punktgenau und in entsprechender Breite herzustellen. Genauso werden über Raum- und Bewegungssensoren beispielsweise die optimale Raumbeleuchtung und optimale Raumklimatisierung automatisch reguliert.

Die eigentliche Innovation aber besteht -neber der bereits heute weit entwickelten Gebäudeautomatisation- in der funktionalen Automatisierung über entsprechend ausgerüstete Wand- und Deckenbauteile, die nahezu alle konventionellen Möbelfunktionen wie auch sonstigen technischen Geräte enthalten. Lager- und Regalsysteme, Sanitäreinheiten, Küchensysteme, Mediensysteme etc. (inkl. Klimatisierung und Beleuchtung) sind bereits in den Wänden und Decken integriert und können je nach Bedarf als variable Funktion aktiviert werden. Dabei werden die funktionalen Technik-Module einfach in freier Anordnung in die statischen Decken- und Wandsysteme bzw. deren kleinteiliges Modulraster eingefügt und angeschlossen. Stellen sie sich eine im Raster von 5x5cm oder 10x10cm gekachelte Wand-, Decken- oder Bodenfläche als Matrix vor. In jedes einzelne Raster kann nun ein Gerät, ein Sensor, eine Maschine oder ein sonstiges funktionales Objekt „verdeckt“ oder auch sichtbar eingebaut werden. Damit wird die Wand, die Decke oder der Fußboden selbst zu einer multifunktionalen Einheit, extrem wandelbar, austauschbar und individuell konfigurierbar bzw. elementierbar.

Die Gebäude von morgen werden zum einen aus einer modularen Tragstruktur, zum anderen aus frei wählbaren, zudem austauschbaren Technik- und Funktionsmodulen bestehen, die flexibel in die Tragstruktur integriert werden. Der klassische Systembaukasten, bisher eine Herausforderung von Maschinen- und Anlagenbauern, wird zunehmend unsere symbolhaften Architektur- bzw. Gebäude- und Raumvorstellung, die sich ja aus dem Blickwinkel für das übergeordnete „Ganze“ entwickelt hat- verdrängen und durch unendlich viele Kleinteile  bzw. Detailkombinationen ersetzen. Die Dominanz des Technischen und Funktionalen wird zudem das handwerkliche, das individuelle, das künstlerische Moment bisheriger Architektursprachen systemtaisch -weil mit gigantischer wirtschaftlicher (industrieller) Macht- sukzessive in Frage stellen und in weiten Teilen auch über kurzweilige Modeerscheinungen komplett ablösen und ersetzen. Es wird den „großen Wurf“ eines (formal und künstlerisch) begabten Architekten nicht mehr geben, wohl täglich neue Building-Applications vom High-Tech-Fließband, die den app-geilen Baukonsumenten verlocken und umwerben. Ein Quadratmeter Wandfläche kann nun vom Bauherren individuell mit beispielsweise 100 Funktions-Modulen (im 10x10cm Raster) im Preissegment von 1 bis 1.000 Euro je Modul bestückt und elementiert werden. Insgesamt wird es weit über 1.000 Module unterschiedlichster Funktion und Qualität geben, die wiederum in 10 bis 1.000 unterschiedlichen Oberflächendesigns angeboten werden. Jede einzelne Wand, Decken- oder Bodenfläche wird damit in seiner speziellen Konfiguration quasi zu einem (wandelbaren) Unikat. Die permanente Beschäftigung mit (aktiver) Technik und plumper Materialität wird uns zunehmend in einen gesellschaftlich abgestorbenen Raum überführen, in dem analoge Kommunikation und Beschäftigung (mit dem Menschen) kaum noch eine Rolle spielen wird. Die Technik wird hier die zunehmend autistisch und egoistisch werdende Individualgesellschaft maximal unterstützen bzw. deren Wünsche befriedigen. Der Hang nach Kontrolle und Macht ist -und war- ein Ding der Technik par exellence. Virtuelle (Wissens- und Kommunikations-) Räume nun nicht mehr nur am Monitor sondern im ganzen Raum, im ganzen Gebäude. Unendlich viele Informationen werden dabei über unzählige Sensoren gesammelt, gespeichert, ausgewertet und in automatische Anwendungen übergeführt. Ein Raum von 15m² Raumgröße kann beispielsweise mit 7.000 Modulen im 10´er Raster elementiert werden. Auf einer Fläche von 100cm² (=1 Modul) können sie bereits heute weit über 100 Sensoren (siehe Sensortechnik Handy´s) einbauen. Je Quadratmeter könnten über 10.000 Sensoren installiert werden, die alles physikalisch Meßbare erfassen. Gewicht, Raum- und Körpertemperatur, Feuchtigkeit, relative Positionen, Bewegungen im Raum, Helligkeit, Farben, Formen, Akustik (Herzschlag, Atmung, Stimmen), chemische Zustände der Luft usw.! In Kombination können so aus den einzelnen Parametern funktionale Ableitungen modelliert werden, die erstaunlich viele Aussagen über uns Menschen erlauben. Die Sensoren könnten etwa verraten, ob wir hungrig oder müde sind, ob wir entspannt oder aggressiv sind, ob wir aufmerksam oder unkonzentriert sind usw. In Kombination mit individuellen Datenbanken können sogar Handlungsmuster vorausgesagt werden: Bewohner/ Person X wird in Y Minuten Raum Z betreten und die Handlung x ausführen.

Die Räume, in denen wir in Zukunft leben, wissen manchmal (oder eigentlich immer) mehr als wir selbst! Die Toiletten-App beispielsweise kann relativ präzise voraussagen, wann eine Person auf´s stille Örtchen muß (um zum Beispiel automatisch das Licht zu schalten, einen favorisierten Duft zu versprühen, die WC-Brille anzuwärmen oder eine Musik erklingen zu lassen). Und ein kleines, chemisches WC-Labor kann sogar ausführliche Daten über unsere Nahrung, unseren Stoffwechsel, unsere Verdauung und unsere Gesundheit i.a. ermitteln. Noch während des Toilettenganges leuchtet dezent ein Display auf und informiert uns über unseren aktuellen Gesundheitszustand. In jedem Raum sind diverse Kameras installiert, die unsere Körperhaltung, unsere Gestik, unsere Körpertemperatur, unsere Atemfrequenz und unsere Pupillenbewegungen registrieren. Auch hieraus können eine Vielzahl von physischen und psychischen Voraussagen über eine Person getroffen werden.

Kurzum wird die (tote, wenn auch sinnliche) materielle Welt der Artefakte quasi zu einem „aktiven“ Beobachter (Datensammler) und Kommunikator (Kommunikationsassistenz) „belebt“ und sukzessive in unser Leben integriert. Wie schnell und umfassend kleine, elektronische Geräte uns Menschen faszinieren und mehr oder weniger gewollt unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, zeigt das Beispiel der Handy- und Smartphone-Manie (Wahnsinn, phasenweise affektive Störung!). Es ist oder wäre ein leichtes, die soziale und ökonomische Erfahrungen im Ungang mit solch interaktiver Technik auch auf andere Artefakte, neben dem Automobil nun denn auch auf die Architektur zu transportieren. Die meisten Menschen sind neugierig, sind eitel und zudem materialistisch und habsüchtig eingestellt, dass Sinn und Zweck solcher Technik kaum hinterfragt wird, solange sie uns irgendwie (wenn auch nur oberflächlich und kurzweilig) „befriedigt“. Den Mensch als Konsumenten von Genüssen jeder Art (satisfaction!) hat es schon immer gegeben, nur niemals so zahlreich, so flächendeckend, so vorgesättigt und so ungehämmt sinnenlos. Das (unvernünftige wie verantwortungslose) Schneller, Höher, Weiter in der physischen und psychischen Befriedigung kann heute und morgen nur noch über Innovationen, über technische und chemische Hilfsmittel gesteigert werden. Trotz der vielen ungelösten Probleme in unserer Welt (Natur und Gesellschaft) machen die Sehnsüchte nach „satisfaction“ hier keine Pause, keinen Stillstand. Wenn der morgentliche Blick in den Spiegel durch ein interaktives Schönheits-und Pflegeprogramm begleitet wird (unsichtbare Kameras/ Sensoren hinter dem Spiegel können Augen, Gesicht und Körper erfassen, analysieren und entsprechende Anweisungen oder Tips geben), hindert uns unsere Eitelkeit mit nichten daran, auf diese Schmeichelei zu verzichten.

„Assistenzsysteme“ (elektronische Klugscheisser und Besserwisser) werden schon bald in nahezu allen Geräten wie auch sonstigen Artefakten verbaut sein. Solange die Menschen glauben, in dem toten Gegenstand trotz allem etwas „menschliches“, gar eine Seele zu erblicken -und sie tun es tatsächlich!- ist Technik tatsächlich der Schlüssel zum Paradies. Technik sorgt dafür, dass nahezu alle Sinne optimal und effizient stimuliert werden, dass es ein Mensch kaum besser machen könnte. Zudem generiert Technik die maximale Erfahrung und das universale Wissen der Menschheit, mehr, als es ein halbwegs gebildeter Mensch allein fassen und begreifen könnte. Assistenzsysteme werden uns schon in wenigen Jahren nonstop und rund um die Uhr durch unser Leben führen, geben Ratschläge, Anweisungen, Hinweise, Tip´s und verbinden uns synchron mit dem Rest der Welt. All das ist möglich, weil wir uns um das nackte Überleben kaum noch kümmern müssen. Doch gerade hier liegt auch eine sehr große Gefahr, wenn Maschinen und Technik bzw. Technologien i.a. nahezu alle Kompetenzen (Fähigkeiten) der Menschen übernehmen und die Menschheit damit in eine extrem hohe Abhängigkeit manövrieren, die weder vom einzelnen Individuum noch von größeren Gruppen -auch nicht von der Politik- mehr beherrscht oder kontrolliert werden kann. Das Zugpferd der Technik ist zum einen der rentable Markt (mit all seinen perfiden Abhängigkeitsmechanismen), zum anderen das Versprechen und der Glaube -nicht etwa die Vernunft oder Einsicht!- , eine bessere, „vorteilhaftere“ Welt mit und durch Technik generierenn zu können. Unser wirtschaftliches System verhindert ein kritisches Fragen, ein Fragen in die Zukunft nach Sinn und Zweck, solange mit Technik Geld verdient werden kann, Arbeitsplätze geschaffen werden und es irgendeinen strategischen Wettbewerbsvorteil gibt oder ein solcher in Aussicht gestellt wird. Technik bzw. der Technikmarkt spielt dabei mit Gefühlen wie Angst um Benachteiligung, um Sicherheit und Ausgrenzung. „Vorsprung durch Technik“ basiert auf niederen Gefühlen (stets gewinnen zu wollen, nicht verlieren zu können, nicht unterlegen sein zu wollen) und ist damit quasi eine Art Selbstläufer der Legitimation von Technik und seiner permanenten Erneuerung.

Welche Gewalt (Macht) Technik haben kann, wurde wohl erstmals mit den bestialischen Panzern und chemischen Waffen des 1. Weltkrieg offensichtlich, die den „fairen“ Mannenkampf der Soldaten ad absurdum führten. Kein 1/4 Jahrhundert später bereits die Atombomben der US-Amerikaner, die ganze Städte mit samt seiner Zivilbevölkerung mit einem Sekundenschlag vernichtet haben. 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieg verfügen wir über Technik/ Technologien, die uns den Weltraum zugänglich machen, aber auch die ganze Erde mit einem Schlag mehrfach ausradieren könnte, ohne, daß der Mensch, eine Armee, eine Nation auch nur den Hauch einer Chance der Gegenwehr hätte. Biologische und chemische Kampfstoffe sind das gefährlichste, was es neben der atomaren Bedrohung überhaupt gibt. Das wir sie noch nicht längst verboten und abgeschafft haben, zeugt von der emotionalen Struktur des Menschen, der dem Frieden nicht traut und die Geste der Macht stets dem Vertrauen in sich selbst bevorzugt. Nach wie vor glauben wir, daß die Technik (das Werkzeug) allein den Menschen ihren Vorteil in der Evolution sichert und ausbaut. Freilich kann der Mensch die Natur nur durch Technik bezwingen, sie beherrschen, zu seinen Gunsten verändern. Doch in dem Maße, wie die Technik die Natur bezwingt, wird sie auch für den Menschen zu einer ernstahaften Bedrohung, einer echten Gefahr: a) wenn die Technik gezielt/ vorsätzlich gegen Menschen eingesetzt wird, b) wenn die Technik versehentlich/ fahrlässig gegen den Menschen eingesetzt wird und schließlich c), wenn Technik ausser Kontrolle gerät und vom Menschen nicht mehr beherrscht werden kann. Technik selbst hat keine Moral (ist damit frei von gut und böse, nützlich und unnützlich, sinnvoll und sinnlos) und ist in seiner angewandten Möglichkeit ein fester Bestandteil der Natur (vielmehr der Naturgesetze). Was die Technik allein gefährlich oder bedenklich macht, ist der Mensch selbst, ist sein unmoralisches, unkontrollierbares oder fehlerhaftes Verhalten im Umgang mit Technik und der Anwendung von Technik. Und selbst automatische, technikbasierte Kontrollsysteme (die menschliches Versagen ja verhindern sollen), sind kein Garant für fehlerfreies Funktionieren von Technik. Denn jede Technik (auch Kontrolltechnik) wird vom Menschen produziert und hergestellt und unterliegt damit einer -wenn auch geringen-  Wahrscheinlichkeit von Versagen oder Fehlfunktion. Alle voran ist es Software, die neben falschen Konstruktionen oder Materialfehlern die Hauptursache von Fehlfunktionen ist. Auch redundante Systeme schützen nicht vor Fehlern, wenn sie beispielsweise aus den gleichen (fehlerhaften) Materialien oder gleichen (fehlerhaften) Konstruktionen und Bauteilkomponenten gebaut sind oder aber ungünstige Umweltbedingungen (Naturkatastrophen, Feuer, Sabotage, Krieg etc.) beide oder mehrere Systeme gleichermassen ausser Gefecht setzen. Hinzu kommt die Gefahr, daß immer komplexer werdende Techniksysteme auch immer mehr störungsanfällige Bauteilkomponenten besitzen, die die Wahrscheinlichkeit eines Versagens ungünstig beeinflussen. Um die Abhängigkeit von einem (möglicherweise versagendem) System so klein wie möglich zu halten, ist es mehr als schlau, parallel immer noch ein oder zwei alternative Systeme zu betreiben bzw. vorzuhalten.

Freilich sind die technikbedingten Gefahren und Risiken im Hochbau verglichen mit anderen Technikfeldern realtiv bedeutungslos und/oder harmlos. Auch, ob der „Nutzen“ den hohen Technikaufwand im Bauwesen rechtfertigt, ist unter ökonomischen und vor allem ökologischen Gesichtspunkten (Ressourcenverbrauch) eher kritisch zu hinterfragen.