die kunst der unterfläche :: wie stark die Oberfläche, insbesondere die materielle Oberfläche in den letzten 2 bis 3 Jahrzehnten an marktwirtschaftlicher Bedeutung und technologischer wie funktioneller Entwicklung wie auch Innovation zugenommen hat, können wir sehr gut dokumentieren. Nahezu alle modernen wie tradierten Baustoffe sind in beinahe allen Produkt- und Bauteilanwendungen in Sachen Oberflächeneigenschaften nicht zuletzt durch neue Verarbeitungstechnologien wie auch neue Werkstoffe und neue Kombinationen von Werkstoffen neu aufgelegt worden und überzeugen mal mehr, mal weniger überzeugend mit neuen, positiven Materialeigenschaften. Wie aber steht es mit den Flächen darunter, also den sogenannten „Unterflächen“? Die räumliche Wirkung und (sinnliche/ ästhetische) Darstellung der Schicht oder auch mehrerer Schichten unter der Oberfläche ist etwas, was u.a. die alten Maler der Renaissance und des Barock, aber auch schon die alten Griechen durch ihre speziellen Lasur-, Lack- und Maltechniken bereits vor mehreren 100 Jahren nahezu perfektioniert haben. Nicht die deckende Oberfläche selbst ist das Ziel der darstellenden Technik, sondern das Sichtbarmachen von tiefer gelegenen Strukturen, Motiven oder Inhalten. Die Welt hinter der offensichtlichen, sprich optisch sichtbaren Welt zu entdecken, war spätestens mit den wohl bekanntesten Universalgenies der Renaissance, mit Leonardo da Vinci, vielmehr noch mit Michelangelo Buonarroti, aber auch Albrecht Dürer (der nur 4 Jahre älter als Michelangelo war), auf wundersame Art und Weise in der Welt. Der bekannte „Feldhase“ Dürer´s anno 1502 stellt die bis heute anerkannte Perfektion der räumlichen Oberflächen- und Körperdarstellung dar, während die anatomischen Skizzen der beiden italienischen Meister den sezierenden wie faszinierenden Blick unter die Oberfläche der Haut wagten. Die Darstellung von Innereien, Muskelfasern, Gewebestrukturen, Knochen, Blutgefäßen und anderen Organen war sicherlich dem medizinischen Fortschritt bzw. seiner beginnenden Verwissenschaftlichung geschuldet. Und doch mußte Michelangelo genaue Kenntnisse über die Anatomie des Körpers haben, um seine Plastiken -etwa den David, entstanden zwischen 1501-1504 in Florenz- so überzeugend zu fertigen. Wie auch immer haben die Renaissancemaler nicht nur die Perspektive und mit ihr die von Licht und Schatten gebildete Tiefe des Raumes entdeckt sondern auch die geheimnisvolle Technik der Unterflächendarstellung, die die Farben mehrschichtig und hochkomplex zum Leuchten bringen oder zu einer ungeheur realistischen Detailierung von Oberflächen genutzt wird. Die nicht transparente Oberfläche (die Haut, das Fell, das Haar usw.) verbirgt -wenn auch auf sehr schöne Art und Weise- etwas, was wir nicht einsehen können, es aber als neugierige und wissbedürftige Menschen nur allzugerne einsehen wollten, so, wie wir beinahe wahnsinnig werden, wenn es um die Uneinsehbarkeit der vermuteten Seele oder der geglaubten Konstruktion eines Gottes/ mehrerer Götter geht! Wir sehen die Gestirne am Himmel und die Wolken am Horizont: und wir wissen nicht (bis Galileo und Kepler), welche Dimensionen diese visuelle Oberfläche der Natur wirklich hat! Endet die Welt hinter dem Horizont? Ist die Erde eine Scheibe? Sind die Sterne nichts anderes als ein zweidimensionales, mechanisches Bühnenbild? So dachte man (oder die Kirche) viele Jahrhunderte, bis uns Entdecker und Forscher das trügerische, allzu flache Bild entlarvten und aus der Scheibe eine dellige Kugel und aus dem Sternenbild einen unendlich tiefen und weiten Kosmos machten. Hinter all dem steckt immer die Suche nach dem Sinn von alle dem, was wir mit unseren Augen sehen können. Können wir dem Auge, über das wir ja die Welt erblicken, trauen oder ist die sogenannte Wirklichkeit noch etwas anderes als das, was wir sinnlich wahrnehmen und darum als Realität interpretieren? Doch auch ohne zu wissen, was sich tatsächlich hinter der Oberfläche, also dem uns dargebotenem Bild verbirgt, sind wir Menschen wahre Meister im Verbergen, Täuschen, Lügen und Verzerren von dem, was wir Denken, meinen und Fühlen und nicht zuletzt haben wir sogar Freude daran, etwas nicht genau zu wissen, es bloß zu ahnen, zu glauben oder zu vermuten oder andere etwas glauben und vermuten zu lassen. Wenn nun jemand kommt, den menschlichen Körper seziert und ihn auch noch sehr realistisch „malt“, mag das viele (unwissende) Menschen damals sehr irritiert, desillusioniert und auch geschockt haben, da mit der Darstellung der Realität ganze (Glaubens-) Konstrukte und Vorstellungen vom Leben mit einmal zusammen brachen. Der Körper wurde in alle Einzelteile zerlegt und es wurde keine Seele, kein Ich gefunden, die es doch geben mußte! Und im Kosmos wurde auch kein Paradies gefunden, keine Himmelpforte und auch nicht der Sitz oder das zu Hause des lieben Gottes oder anderer ferner Mächte! Wie auch immer wissen wir heute, daß hinter der Oberfläche immer noch etwas ist, was uns der Anschein der Oberfläche nicht verrät. Und wir wissen auch, daß wir einen Körper komplett auf molekularer Ebene durchdringen können (etwa durch Röntgenstrahlen, CT, chemische Analysen usw.). Doch in der Realität sehen wir meist immer nur die Oberfläche, die meist nur bei Verletzungen oder Beschädigungen ihre unteren Schichten sichtbar macht. Wie groß ist nun der Reiz, das Unterschichtige materieller Dinge trotzdem sichtbar zu machen, nämlich durch transparente oder semitransparente Oberflächenstoffe? Glas, Plexi, Gase und transparente Gele, Flüssigkeiten oder Lacke gehören zu solchen Stoffen, die eine mehr oder weniger durchsichtige Oberfläche besitzen und das stoffliche darunter je nach Struktur mit dem auftretendem Licht in ein neues Bild setzen. Hierbei treten optische Effekte auf, wenn Lichtreflektion, Lichtbrechung und Farbfilterung den realen Gegenstand optisch verzaubern und räumlich verzerren wie bei einem Kaleidoskop. Diese räumliche und farbliche Tiefe wünschte man sich gerne auch bei einigen unserer modernen Baustoffe und Produkte wieder zurück, daß sie mehr mit dem Licht und den Farben spielen und zudem mehrere räumliche Ebenen gleichzeitig an Struktur, Form wie auch Funktion und Inhalt in einem dann doch zweidimensional wahrgenommenen Bild darstellen könnten, welches unser Gehirn wieder zu einem räumlichen Bild rekonstruiert und verinnerlicht. Die schärfe und Präszision, mit der eine homogene, perfekte Oberfläche uns ästhetisch daher kommt ist nicht zu vergleichen mit der vielschichtigen Unschärfe räumlich wie farblich sich überlagender Bilder, die sich beim Darstellen von Unterflächen (Unterschichten) ergeben. Das Unbestimmte, Mehrdeutige, Doppeldeutige, Vielschichtige ist für uns Menschen wesentlich attraktiver als die Reduktion auf einen zweidimensionalen Farbeffekt, die allein durch äußerste Abstraktion und Reinheit brillieren kann. Perlmutt, pianolackierte Oberflächen, Spiegel, farbige Kirchengläser, alte Butzenscheiben usw. haben als (semi-) transparente Leucht- und Lichtstoffe mindestens eine ästhetische Dimension mehr, um unsere Sinne zu beglücken. Man denke an unser Auge, speziell an die tiefschichtige wie farbstrukturierte Iris oder auch an feines Porzellan bzw. seinen Namensgeber, die Kaurisschnecke (auch Porzellanschnecke genannt), an Schellack (ein harziger Gummilack der Lackschildlaus), Schleiflacke auf Pianos und Holzinstrumenten oder in Bernstein (fossiler Harz) eingeschlossene Objekte. Die Kunst des Verbergens wie Hütens liegt immer darin, doch noch hinreichend von dem zu zeigen, was verborgen oder geschützt werden soll, ohne es aber offen und preis zu legen. Die Vermutung und Spekulation durch das bloße Andeuten von etwas Wagem ist hierbei der geistige Genuß, den die optische Täuschung in uns verursacht. Zu glauben oder zu ahnen, daß man wüßte, wie etwas ist oder sein könnte (also die Spekulation), bereitet uns mehr Freude als tatsächlich zu wissen, wie es ist (das Wissen). Sofern wünschten wir uns trotz aller Aufklärung und Vernunft wieder ein wenig mehr von dieser verborgenen, nicht direkt zugänglichen Wahrheit, die wir gerne wieder gegen die Darstellung des nackten, aber sinnlich unvergnüglichen Wissens eintauschen wollen. Letztendlich führt alle Kunst der Reduktion in ein fades, trostloses Nichts, welches für uns Menschen aus ästhetischer Sicht weitaus weniger bedeutsam ist als die Erfindung und der Genuß der visuellen wie der ihr folgenden geistigen Konstruktionen oder auch Rekonstruktion, die sehr viel mit Phantasie, also einem kreativen neuronalen Prozess zu tun hat. Die Wahrnehmung von rämlicher Tiefe ist verglichen mit der Wahrnehmung einer zweidimensionalen Fläche weitaus komplexer. Doch Raum und seine zusätzliche 3´te Dimension -also die Tiefe- erfordert nicht nur mehr neuronale Leistung (Rechenkapazität, neuronale Vernetzung etc.) sondern wirkt zudem höchst befriedigend auf unser eher irrationales Verlangen nach Sehnsucht. Nicht in der (abweisenden) Fläche fühlen wir uns sicher und geborgen (eher etwas für Spezialisten), sondern im schützenden Raum! Und das gleiche gilt für das Verlangen nach Freiheit, die ebenfalls nur über den (möglichst grenzenlosen) Raum anstatt über die plakative Fläche geleistet wird. Die Natur, ja der gesamte Kosmos selbst braucht die Tiefe der Räume, um sich physikalisch, chemisch wie biologisch zu entfalten. Pauschal könnte man definieren, daß das Leben ohne die 3´te Dimension nicht auskommt und die zweidimenionale Fläche allein -wenn sie denn nicht in einem Raum angeordnet ist- kein Leben noch Lebendigkeit vermitteln oder herstellen kann. Ein anderes Thema der Fläche ist natürlich ihre Dichte bzw. ihre raumbildende Durchlässigkeit: hier bekommt die Oberfläche ihre -wenn auch begrenzte- räumliche Dimension (nicht nur durch Perforationen, Poren und Löcher, auch durch einfache Transparenz) und wird für uns Menschen als Halb und Halb (Beispiel Glas, semitransparente Textilstoffe, Gewebe, Geflechte etc.) durch den höheren Grad an visueller, aber auch haptischer „Information“ wieder reizvoll. Denn das, was letztendlich für unser Interesse ausschlaggebend ist, liegt im qualitativen wie quantitativem Informationsgehalt der Wahrnehmung. Ein vielschichtiger Blick (wie auch ein vielschichtigeres Tasten) ist nun eimmal wesentlich interessanter als auf eine weiße, flächig homogene, matte Wand zu schauen. Seltsamer Weise haben wir seit einigen Jahrzehnten eine zunehmende Reizüberflutung mit zweidimensionalen Abbildungen, die durch den digitalen Massenprint, digitale Kameras, Handys wie auch PC´s bzw. den zweidimensionalen Pixelscreen tagtäglich auf uns einwirken. Im wahrsten Sinne des Wortes haben wir es sensorisch mit einer Verflachung unseres Lebens zu tun, wenn wir nur noch oder überwiegend mit einfachen Oberflächendesigns und Interfaces konfrontiert werden, die immer flacher und plakativer, sprich „intuitiv anwendbarer“ (usebility) werden. Wohl gibt es auch Tendenzen, dieses informative Manko durch 3-d Applikationen, Aninmationen (bewegte Bilder), Videos, Musik und Ton sowie 3-d Druckverfahren von Printmedien zu kompensieren, kommt aber als extrem vergängliches bzw. kurzlebiges Medium nicht an die realen Raumwahrnehmung der Realität heran. Der Cyber-Space hat wohl seine Reize, verliert sich jedoch in seiner systembedingten, begrenzten, sinnlichen Wahrnehmung. Die Simulation wie auch künstliche Konstruktion von Leben und Raum in oder durch Oberflächen kann das reale Leben, den realen Raum wie auch die reale Kommunikation nicht ersetzen. Auch dann nicht, wenn die neuen Screens sich optisch in mehreren Ebenen in den flachen Raum schichten! Raumtiefe kann zwar durch 2-dimensionale bis 2 1/2 dimensionale Darstellungstechniken (Beispiel Hologramm) vordergründig angetäuscht werden, doch ihr fehlt letztendlich immer der Bezug zu den weiteren menschlichen Sinneswahrnehmungen (Tasten, Riechen, Schmecken, Gravitation, Temperatur usw.). Insofern haben wir es immer nur mit technischen Abstraktionen zu tun, die als Erfindung bzw. Erneuerung fraglos innovativ sind, aber an die sinnliche Komplexität realer Raumwahrnehmung nicht annähernd herankommt. Wohl könne durch Raum-Simulatoren (Flugsimulatoren etc.) verblüffend ähnliche Sinneseindrücke (Raumwahrnehmung, Gravitation, Dynamik, Hitze, Akustik, Duft etc.) mit entsprechenden körperlichen Reaktionen evoziert werden, doch stellt sich uns hier immer auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Simulationen. Sie stehen als sinnlich effektive, aber gefahrenlose Ersatzwelt neben der eigentlichen, mitunter gefährlichen Welt. Einen Sturz aus 100 Meter Höhe kann neuronal wie biochemisch simuliert werden, ohne, daß der Probant ernsthaft zu schaden kommt. Auch andere Sinneseindrücke und damit verbundene Körperreaktionen könnten/ können so situativ simuliert werden und dies ganz frei von räumlichen Konstruktionen oder anderen Zwängen der realen Welt. Das mag unsere Phantasie und unsere sinnliche Erlebniswelt beleben und weit über das irdisch Erfahrbare hinaus gehen. Doch wie fad und öd muß uns dann die Normalwelt erscheinen, die ja unser eigentlicher Lebensraum ist? Ähnliche Probleme haben wir bereits mit dem Konsum von Drogen, die ebenfalls eine verführerische, parallele Welt in der Welt schaffen und als Erlebnis stets mit der realen Welt in Konkurrenz steht. Wann aber kann der Mensch aufhören, immer mehr und anders zu begehren als das, was real -also begrenzt- in der Welt vorgegeben ist? Und was passiert mit unserer Wahrnehmung von Welt, wenn die Simulation für uns wesentlich angenehmer, spannender und wirkungsvoller ist als die Realität? Wie steht es mit der Suchtgefahr, ähnliche intensive Effekte stets neu zu stimulieren? Hierauf haben wir keine Antwort, außer der, daß sich der Mensch, die Menschheit dadurch stets verändern wird und ein anderer wird, als er zuvor gewesen ist. Das ist nicht verboten und wissenschaftlich betrachtet sogar ausdrücklich Programm der Evolution! Die Natur ist nichts festes, auch wenn sie im Kleinen wie Großen nach Gesetzmäßigkeiten abläuft. Doch diese Gesetzmäßigkeiten werden immer wieder gestört, zerstört, daß sich die Natur einen neuen, der Situation angemessenen, stabilen Rhythmus sucht, bis auch dieser wieder durch andere Kräfte verändert wird usw. Doch ist das Prinzip des Wandels schon selbst eine Lizens zum Zerstören dessen, was gerade ist? Wer oder was bestimmt überhaupt -mit Ausnahme der Natur- , wann von Menschenhand (Beispiel Krieg) etwas zerstört und damit neues geschaffen wird? In Anbetracht der uns bekannten Dimensionen von Zeit und Raum (die ja bekanntlich alle menschlichen Maßstäbe sprengt) kann man sagen, daß -gleich was wir auf der Erde auch machen- es dem Kosmos, der Zeit, dem Raum und den unvorstellbar großen Energien, die das alles zusammenhalten, ziemlich egal ist, was auf der Erde passiert. Diese Erkenntnis bringt uns jedoch in der Sinnfrage unseres menschlichen Seins nicht weiter. Also wieder zurück zum irdischen Raum: wenn das Flache als Abstraktion an Informationsgehalt im Vergleich zum Räumlichen zu flach, also neuronal zu wenig reizvoll ist, bleibt zur weiteren Reizsteigerung nur noch der Raum, der die Möglichkeiten an neuronalen Verknüpfungen quantitativ wie qualitativ geradezu potenziert. Hierbei ist nicht die physikalisch meßbare Tiefe des Raumes ausschlaggebend, sondern allein die sinnlich wahrnehmbare Dichte an Elementen (=Informationsgehalt) im Raum, die wir bzw. unser Gehirn dann meist sprachlich codiert in Bedeutungen (Semantik, Grundlage von bewußten Entscheidungen) übersetzen und abspeichern kann. Der Raum selbst läßt in seiner Tiefe mehrere, nahezu unendlich viele Funktionen, Strukturen, Formen, Farben, Materialien etc. zu, die die Oberfläche selbst in Anzahl und Qualität nicht leisten kann. Hinzu kommen allein vom Gehirn hergestellte Konstruktionen (Stoff-, Raum- und diverse Informationsergänzungen, die wir zwar nicht direkt wahrnehmen, aber über logisches wie auch hypothetisches Denken assoziieren). Die venezianische Maske (oder auch Maskerade) ist ein schönes Beispiel dafür, wie unser Gehirn das nicht wahrnehmbare Gesicht hinter der Maske trotzdem rekonstruiert oder mit der sichtbaren Maske irgendwie in Passung zu bringen versucht. Der Informationsgehalt der Maske wird quasi auf den (unbekannten) Maskenträger übertragen, ohne daß wir den tatsächlichen Informationsgehalt des verborgenen Gesichtes kennen. Auch wenn unser Verstand die offensichtliche Täuschung erkennt (also um die Täuschung weiß), hinterläßt die Maske dennoch eine sinnliche Wirkung (Neuronen funken, biochemische Prozesse werden aktiviert usw.). Und das allein ist das (menschliche) Vergnügen, um das es geht: bereits erlernte, also sichere Muster absichtlich zu irritieren, neue Konstellationen, neue Verknüpfungen herzustellen, um mit einem derart ausgelösten Lernprozess letztendlich das Gefühl von Lebendigkeit wie auch Bewußtseinserweiterung herzustellen. Und gerade hierfür eignet sich der Raum (die Raumtiefe) vortrefflich, unsere Neuronen über die Tiefe der Raumschichten ausgiebig und immer wieder von neuem zu beschäftigen. Natürlich kann auch das Fehlen von Informationen (etwa bei einer einfachen, 2-dimensionalen Schwarz-Weiß-Skizze) neuronale Lernprozesse aktivieren. Hierbei versucht das Gehirn von ganz allein, fehlende Informationen (etwa bei einer Karrikatur) zu ergänzen, zu rekonstruieren, mit den bekannten Bildern irgendwie in Deckung zu bringen. Da das abstrakte Bild jedoch mehrere Möglichkeiten der Vervollständigung zuläßt, liegt der Reiz hier in der numerisch hohen Deutbarkeit: das Unscharfe (Indeterminierte) erzeugt entsprechend viele Varianten von Interpretationen und regt damit wesentlich die Phantasie der Menschen an. Werden nun solche einfachen Abstraktionen zusätzlich in den Raum gestaffelt, entstehen zusätzliche Zeichenabstraktionen: zum einen den jeweiligen Schichten eindeutig zugeordnet…zum anderen durch Verknüpfung der Schichten miteinander. Ist in der 1. Schicht ein horizontaler Balken, in der zweiten Schicht ein vertikaler Balken angeordnet, kann das Auge hier ein Kreuz (von zwei ungleich großen Balken) erkennen, obwohl die Balken räumlich nicht miteinander verbunden sind. Wird der Balken in der 2. Schicht zudem derart vergrößert, daß beide Balken aus einer Perspektive gleich breit und lang erscheinen, kann das Auge nicht einmal mehr die beiden Raumebenen differenzieren. Wird der Balken in der 2. Schicht weiter vergrößert, glauben wir sogar, daß der hintere Balken im Vordergrund liegt, während der vordere Balken anscheinend im Hintergrund liegt (optische Raumwahrnehmungsregel: Vordergrung = groß, Hintergrund = klein). Erst durch einen Perspektivwechsel oder einen möglichen Schattenwurf können wir die tatsächliche Raumkonstruktion realistisch erfassen und begreifen den absolut größeren Balken wieder im Hintergrund. Das visuelle Relativieren von Objekten oder Zeichen im Raum ist ein hochkomplexer Mechanismus im Gehirn, der immer wieder zu verblüffenden Täuschungen führt, wenn notwendige Informationen zur Definition von Vorder- und Hintergrund fehlen. Auch die Raumwahrnehmungsregel: Vordergrund = hell, Hintergrund = dunkel oder Vordergrund = scharf, Hintergrund = unscharf etc. kann in einer rämlichen Anordnung durch inverse Objektplatzierungen oder inverse Lichtverhältnisse vollkommen auf den Kopf gestellt werden.
Raum ermöglicht also in der visuellen Wahrnehmung das gleichzeitige Vorhandensein von mehreren Ebenen bzw. „Gründen“ (also alles zwischen Vorder- und Hintergrund), bei dem bestimmte, von uns als Muster erlernte Strukturen (meist phsikalische, aber auch funktionale oder ästhetische) uns helfen, eine „mögliche“ wie auch real „unmögliche“ Beziehung zwischen den jeweiligen, für uns perspektivisch immer noch begrenzt sichtbaren Gründen oder einzelnen Darstellungsebenen herzustellen. Darin liegt ein großer Reiz, da sich die unterschiedlichsten Bedeutungen von irgendetwas uns bekanntem oder auch noch unbekanntem durch die räumliche Tiefenstaffelung (Vorder- bis Hintergrund) in ein optisches „Bild“ bringen, also einen räumlichen, vielmehr visuellen Zusammenhang, deren Wechselwirkung und Kausalität wir zunächst einmal anhand unserer bereits erlernten Muster prüfen und verifizieren müssen (statische, physikalische wie funktionale und auch semantische Rekonstruktion mit Hilfe unseres individuellen, neuronalen Musterspeichers = Erfahrungen). Wer einmal ein Polarlicht oder eine Fata Morgana gesehen hat, wird die große Irritation sicherlich bestätigen, wenn Sichtbares (also als Realität von uns Wahrgenommenes) nicht mehr mit unseren als sicher abgespeicherten, erlernten Mustern (also den via Erfahrungen oder auch via Verstand [logos] gewonnenen Erkenntnissen über die menschliche Interpretation der Wahrheit der Dinge) in Deckung zu bringen ist. Dann feuern die Neuronen auf der (vergeblichen) Suche nach einem erklärendem Muster wie bekloppt im Gehirn, lösen dabei sicherlich die ein oder andere biochemische Reaktion aus, welche uns wiederum ein (vielleicht) angenehmes Gefühl von Lebendigkeit und höchstem Bewußtsein verursacht (extrem aktive Emotionalität und gesteigerte Sinnesaktivität).
Da Objekte, die uns interessieren, meist immer im räumlichen Kontext eines Vorder- und Hintergrundes erscheinen (so weit oder nah das Auge reicht), muss das Gehirn immer wieder das kontextuale Bild (also eine Landschaft, eine Innenraumeinrichtung, ein Straßenraum etc.) mit dem Bild des eigentlichen Objektes in Relation und Passung bringen, und dies strukturell, statisch, physikalisch, chemisch, funktional, ästhetisch, akustisch wie auch semantisch. Da das räumliche, also visuell erfasste Bild jedoch durch eine Vielzahl von unterschiedlichsten Rekonstruktionsmaßnahmen eher diffus und unscharf bleibt (wir sehen ja nur das, was wir durch Ergänzungen und mühsame Bildrekonstruktionen optisch im Gehirn als vermeindliche Realität des Bildes räumlich zusammenbauen), bleiben quasi alle Bilder, die wir neuronal verarbeiten, auf einer sehr hohen abstrakten Ebene im Gedächnis als subjektive Wahrheit vom Sein zurück. Nichts ist tatsächlich so, wie es uns (optisch) erscheint, und doch ist auch der „Schein“ wie auch die Sinnestäuschung ein existenter Teil der Realität! Kurzum ist das, was sich im Raum ansammeln kann und von uns Menschen (vielleicht) bemerkt und gesehen wird ein unendlich großer Zauberraum von Möglichkeiten des Lebens. Je weniger im Raum „dazwischen“ ist, desto bestimmter und eindeutiger der Sinneseindruck, desto geringer die neuronale Aktivität, desto stimmiger das bereits bekannte Muster, desto geringer die Aufmerksamkeit usw.
Wenn man dieses Prinzip zwischen der Objektwelt, unseren filternden, unvollkommenen Sinnesapparaten und unserem vernetztendem Gehirn (Muster, Sprache, Bedeutung, Relevanz usw.) sowie den damit verbundenen physischen „Emotionen“ (Ausschuss von Hormonen, Adrenalin & Co. etc.) einmal verstanden hat, dem wird sich der triviale Raum als genialer wie regelloser Quell von unendlicher Lebendigkeit zeigen. Auch, wenn das Polarlicht oder die Fata Morgana keinen Sinn machen, so erzeugen sie in uns ein emotionales wie auch ästhetisches Momentum, ein -wenn auch nur kurz anhaltendes- Gefühl von Glück und Lebendigkeit. Betrachten Sie zum Beispiel die ersten farbig-transparenten, analogen Modems anno 2003 (56kbps!) der Firma Elsa oder den ebenfalls farbig-transparenten Monitor „iMac“ anno 1998 von Apple oder bereits anno 1986 den transparenten Walkmann WM504 von Sony, wird klar, welcher ästhetische Reiz von transparenten Bauteilen oder Objekten ausgehen kann, die ihr Innenleben unseren Augen komplett preisgeben. Freilich wollen wir uns den Schönen David anno 1504 von Michelangelo niemals als transparente oder semitransparente Plastik vorstellen! Transparenz allein und mit ihr die quantitative Steigerung von visuellen Informationen im Raum macht ästhetisch betrachtet nur dann einen Sinn, wenn die hüllende Form selbst zu schwach ist, um aus sich heraus ein Objekt vollkommen (also ästhetisch und funktional) klären zu können. Beim Einsatz von Technik, insbesondere bei beweglichen Teilen, ist die Form, also beispielsweise die Hülle eines Motors, der eigentlichen Funktion meist untergeordnet. Offene Uhrwerke (im Kleinen wie auch Großen) oder auch alte Dampflokomotiven mit ihrem quasi vollständig freigelegtem Fahrwerk (Radsätze, Treib- und Kuppelstangen, Dampfzylinder, Kolbenstangen, Blattfederpakete etc.) überzeugen uns ästhetisch nicht wegen ihrer schönen Form sondern allein wegen der im Raum angeordneten Mechanik, die Kraft über einen Hebelarm in eine Wegstrecke (Drehung, Kolbenhub etc.) überträgt und damit Dynamik in ein sichtbares, ästhetisches Moment umwandelt. Ganz anders der 80 Jahre alte, legendäre Silberpfeil W25 von Mercedes oder in seiner extremsten und schönsten Form überhaupt der Stromlinienrennwagen Typ C und D der Auto Union anno 1937 und 1938: hier ist allein die (aerodynamische) Form der Karosse das ästhetische Moment, wenn Kraft in maximale „Geschwindigkeit“ umgesetzt werden soll. Es folgten 1939 bei den Dampfloks die Stromlinienverkleidung der BR 03.10 von Borsig oder die im gleichen Jahr von R. Loewy designte S1 der Pennsylvania Railroad (die fliegende Zigarre). 1940 der BMW 328 und 1955 schliesslich der erste Citroen DS, der Shark unter den Limousinen! Sodann kann man in der ästhetischen Bewertung von Artefakten natürlich in rein technische/ mechanische und rein arodynamische/ formale Körper und Formen differenzieren. Ob Frauen und Männer eher die schöne, chaotisch dahinfliessende Hülle oder eher die technischen, meist geometrisierten Innereien bevorzugen, mag noch zu untersuchen sein. Wahrscheinlich ist – und dies auch nur höchst oberflächlich betrachtet-, dass das weibliche Geschlecht naturgegeben eher mit elegant und weich geschwungenen Kurvenlinien zu „werben“ versucht, während das männliche Geschlecht naturgegeben eher mit kompakteren, archiaischeren und kraftstrotzenden Formen zu „werben“ versucht, ganz unabhängig davon, welches Geschlecht tatsächlich umworben wird. Interessant ist hierbei, dass die Männer dabei natürliche auch Liebhaber und damit ästhetische Experten der sogenannten weichen (femininen) Formen sind, so, wie die Frauen entsprechend ästhetische Experten der etwas kantigeren (maskulinen) Formen sind. Da unsere Gesellschaft jedoch quantitativ immer „androgyner“ geworden ist, macht eine solch klischeemäßige Differenzierung zwischen Frauen und Männern -wenn es sie denn überhaupt gibt- m.E. kaum mehr einen Sinn, zumal sich ästhetische Präferenzen auch während des Lebenslaufes eines Menschen grundsätzlich verändern können. „Unisex“ ist im übrigen keine Erfindung der Moderne sondern ein Teil unseres biologischen Programmes, sowohl bei den Tieren wie auch bei den Menschen, deren genetischen Unterschiede zu den Tieren ja scheinbar nur minimal sind. Wie auch immer ist das optische Erfassen des materiellen Gefüges unserer Umwelt seit jeher eine Spezialität des Menschen, die immer wieder auf´s neue Neugier und Faszination in uns weckt in dem bewußten wie unbewußten Streben, die Welt zu entdecken und zu verstehen, kurz um: „einzusehen“.