das schöne

: das schöne

Nur allzugern wüßten wir, was in der Welt „schön“ ist und was „Schönheit“ überhaupt ist. Subjektiv könne wir -kann jeder- natürlich immer und zu jeder Zeit eine Aussage oder Bewertung über das von uns als „schön“ empfundene oder als „schön“ gedachte treffen. Häufig ist es so, daß wir das „Schöne“ innerhalb eines Kulturkreises (also das, was diese Kultur als „schön“ definiert) erst erlernen müssen, weil es Teil einer sozialen Kultursprache ist, die wir uns mit dem Erwachsenwerden aneignen müssen/ wollen/ können.

Das soziokulturell „Schöne“ wird i.d.R. erlernt wie die Sprache einer Kultur. Nicht alles, was für die eine Kultur „schön“ ist, ist auch gleichzeitig für andere Kulturen „schön“. Schön ist, was gefällt! Es gefällt uns (fast immer), wenn es sinnlich angenehm ist, es unser neuronales Belohnsystem aktiviert und wir dadurch eine meist physische, zumindest biochemische Befriedigung erlangen. Wie nun biochemische Belohnsysteme im allgemeinen und individuellen funktionieren, mag von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sein, so daß wir auch hier trotz evidenter Kenntnisse über allgemeine, biochemische Zusammenhänge im Gehirn letztendlich auch das einzelne Individuum betrachten müssen. Eine klare Abgrenzung zwischen dem Gehirn i.a. (also das, was bei allen Menschen gleich abläuft) und dem individuellen Gehirn (was u.a. gentisch und/ oder umweltbedingt anders funktioniert) mag hilfreich sein, macht die Sache aber nicht einfacher.

Angenehme Sinnesreizungen können aber auch durch neuronale Verknüpfungen mit bestimmten, für uns schöne oder besondere Ereignisse hergestellt werden, wenn etwa bestimmte Düfte, Töne, Farben oder Formen uns an ein „schönes“ Ereignis erinnern. Sodann ist beispielsweise die Rose oder der Rosenduft (i.a. soziokulturell als Zeichen der Liebe als „schön“ befunden) nur dann schön für uns, wenn wir damit „keine“ negativen Erlebnisse oder Zusammenhänge, sondern (sinnlich) positive, etwa unsere eigene Verliebtheit, die wir damals als ein „schönes Gefühl“ empfunden haben, verbinden. Sich zu verlieben und dabei den Duft einer Rose zu atmen (zu riechen), verstärkt das Gefühl und sinnliche Empfinden der Verliebtheit. Aber: nicht der Rosenduft selbst macht verliebt, sondern es ist die Verknüpfung des Rosenduftes mit der Verliebtheit (Emotion), daß wir beim Rosenduft auch ohne Verliebtheit an dieses Erlebnis denken!

Die Schönheit von Insekten beispielsweise etwa wird nur von solchen Menschen bewundert, die mit dem Insekt (eine Spinne, ein Käfer, ein Grashüpfer) kein sie ängstigenden Erlebnisse hatten. Dank „Biene Maja“ ist vielen Kindern die Angst vor den Bienen und Grashüpfern (Flip) vielleicht genommen worden. Und auch „Die kleine Raupe Nimmersatt“, „Lassi“, „Samson“ und „Bibo“ aus der Sesamstraße, „Bambi“ oder „Flipper“ haben vielleicht dazu beigetragen, daß Kinder (und spätere Erwachsene) sich nicht oder weniger vor Raupen, (Regen-)Würmern, Maden, Hunden, Vögeln, Bären, Rehen oder sehr großen Fischen bzw. Delfinen fürchten, obwohl die ein oder anderen Tiere für uns Menschen sehr gefährlich sein können. So wundert man sich, wenn die Schmusekatze unerwartet ihre Krallen ausfährt und der niedliche Hund einmal zum Wadenbiß ansetzt.

Vertrautheit ist also ein wesentliches Zeichen von etwas, was wir später einmal als „schön“ empfinden. Neurologisch haben die Kinder bei den Tierfilmen jede Menge „Spaß“, also biochemisch viel Adrenalin und Co. gehabt, also einen angenehmen physischen Zustand erlebt, der die filmisch dargebotenen Ereignisse und einzelnen Tiere mit etwas für sie „Positivem“ verknüpft und im Gehirn abspeichert. Es folgen den Tieren natürlich weitere sinnliche Wahrnehmungen wie Düfte, Musik, Stimmen, Gesten, Orte usw., mit denen wir Angenehmes oder auch Unangenehmes verbinden, meist ein Leben lang. Für den einzelnen Menschen bedeutet dies, daß weniger das Ding als solches per se „schön“ ist sondern zunächst einmal das mit dem Ding affizierte, also physisch oder biochemisch erlebte „schön“ sein muß, daß wir es als positive Empfindung überhaupt zulassen, ein Interesse dafür zeigen und es nicht bewußt ausfiltern. Haben wir einmal ein bestimmtes „Interesse“ für ein Ding oder eine Sache in uns geweckt (weil es mit positiven Erlebnissen oder Empfindungen verknüpft war/ist), folgt i.d.R.  meist eine weitere, auch geistige (Logos) Beschäftigung und Vertiefung mit dem Ding oder einer Sache, die uns das Wesen Stück für Stück durch Beschäftigung mit dem Ding oder der Sache näher bringt und damit auch automatisch den Grad an Vertrautheit steigert.

Aus der Suchtforschung wissen wir, daß „angenehme“ Zustände immer wieder von uns Menschen zur wiederholten Befriedigung angestrebt werden, jedoch unser Gehirn durch Wiederholung der (biochemischen) Reize oder Reizauslöser immer schwächer auf die gleichen Reize reagiert, so daß i.d.R. die Dosis gesteigert oder andere, potenzierende Reizkombinationen gewählt werden, um den gewünschten biochemischen Belohneffekt (Dopamin, Adrenalin, Serotonin etc.) auszulösen. Dies kann im Einzelnen ein Mehr, Schneller oder Höher bedeuten, solange wir uns dabei nicht irreversibel physisch schädigen. Hier ein Hinweis, daß das traditionelle Fasten und/ oder enthaltsame Leben durchweg Sinn machen, um sich als Mensch die schöne Welt der Sinnesreizungen nicht krankhaft, suchthaft, triebhaft zu verkleistern. Auf das Schöne muß also auch Enthaltsamkeit als das Fehlen von Schönheit folgen, um einer Abflachung und Inflation an Reizwirkungen auf langer Sicht entgegen zu wirken.

Aus dieser Perspektive können wir heute ganz gut verstehen, warum die Moderne den formal, plastisch wie künstlerisch weit überhöhten Stilsalat des Klassizismus und Eklektizismus durch ein nüchternes „less is more“ erlösen wollte, um wieder zu normalen, nicht dekadenten „Sinnesreizungen“ zu gelangen. Und wir können auch verstehen, daß der zunehmende Spartanismus des sogenannten Vulgärfunktionalismus in den 1960´er Jahren wieder in die farben- und formenfrohe Postmoderne oder in den konstruktionswilden Dekonstruktivismus geführt hat, die wiederum durch einen nüchternen Rationalismus abgelöst wurde usw. Sodann folgt auf das große Fressen und die Füllerei stets ein radikales Fasten und Abkotzen. Ob es dazwischen auch eine „normale“, sprich extremfreie Stimulation unserer Sinne gibt, wäre im Sinne einer kantischen Vernunft wünschenswert, aber wenig menschlich. Die Schönheit des „Normalen“ existiert freilich nicht ganz ohne solche Extreme, doch sie kann aus dem Blickpunkt der Ästhetik zu einer sehr fruchtbaren, sprich vernünftigen Basis werden, die sowohl die gestalerische Magersucht wie auch das oppulente, dekadente Fest als legitime Formen des Daseins erlauben würde. Aber bitteschön sollen die Extreme -wenn man sich etwas wünschen könnte- dann auch nicht mehr von den sogenannten Mediocren, sondern von den wenigen Genies, die jede Epoche an Köpfen hervorbringt, geschöpft werden, um das Extrem nicht wieder mit einer Inflation der Mittelmäßigkeit zu verwässern.

Aber auch hier kann man sicherlich anderer Meinung sein, wenn man von multikulturellen, pluralistischen Gesellschaftsmodellen ausgeht, die mehrheitlich keinem Mainstream (Konsens) verfolgen, sondern 5, 10 oder 20 gleichstarke, soziokulturelle Parallelgesellschaften bilden, die via Toleranz nebeneinander und miteinander existieren, so, wie es mehr schlecht als recht, weil z.T. extrem konflikt- und gewaltgeladen, derzeit über 200 verschiedene Nationen mit all ihren politischen, ethischen, ökonomischen oder religiösen Unterschieden versuchen. Wie auch immer man das Schöne (also die Kulturen) und seine vielfältigsten Erscheinungsweisen im globalen und lokalem Raum organisieren möchte, bleibt bei allen (schönen) Schöpfungen immer die Sinnfrage, die der industrialisierte Westen traditionell eher mit (technischer) Rationalität und (ökonomischer) Effizienz, der Osten eher mit (philosophischer wie religiöser) Klugkeit und Weisheit beantwortet. Natürlich ist dieses Bild zu grob und pauschal und bei weitem nicht vollständig. Die Organisation im Raum wird sowieso durch das globale, die Völker synchronisierende Internet und die nahezu unbegrenzten Reisemöglichkeiten zunehmend aufgelöst, wenn diese Technologie auch von allen Staaten als Standard ohne Einschränkungen (Zensuren, Kontrollen) zugelassen werden sollte. Und doch bleibt bei den Menschen trotz dieser gewaltigen Option auf globale Vielfalt immer auch die Frage oder vielmehr Sehnsucht nach Identität, Ursprung und Genesis. Man will regional oder/ und national leben, alte Traditionen und Ordnungssysteme pflegen und weiter entwickeln, anstatt sich international und multikulturell zu geben und die kulturellen Lösungen anderer Völker zu übernehmen. Dahinter steckt das Motiv der Sicherheit, der Unabhängigkeit, der Souverenität, des Stolzes und ein wenig auch des Selbstbewußtseins und der Selbstverliebtheit mit all den Konsequenzen der Ausgrenzung, der Sonderbehandlung, der sozialen Isolation, des kulturellen Zwangs, der Rückständigkeit usw..

Freilich muß man sich einmal bewußt werden, daß alle Völker in ihrer spezifischen Kultur allesamt bis zum heutigen Tag im Kampf ums Überleben sehr „erfolgreich“ gewesen sind! Andernfalls wären sie nicht mehr da. Und tatsächlich gibt es den Welthandel, das Tauschen von Gütern und Waren, aber auch von Kulturen, von Wissen, von Ideen schon seit vielen Tausend Jahren, daß selbst die sogenannten Nationalstaaten schon längst international „infiltriert“, ethisch durchmischt und kulturell bereichert sind. Und auch die letzten, von der Zivilisation noch unberührten Ureinwohner sind durch den gefräßigen wie rücksichtslosen Rohstoffabbau längst in die Zivilisation verdrängt worden, weil man ihnen die Grundlage ihrer Existenz, nämlich die intakte Natur als Lebensraum genommen hat. Wir kommen heute nicht umhin, zu akzeptieren, daß der globale Prozeß der Industrialisierung, der Demokratisierung und der Kapitalisierung, ein System, welches in England um 1750 gestartet war, bis heute nahezu alle Lebensbereiche und alle Kulturen berührt und durchdrungen hat. Überall auf der Erde gibt es das Wissen, die Technik und schließlich auch die Produkte, die dieses System in den letzten 250 Jahren geschaffen hat. Und mit diesem System gibt es auch eine systembedingte Vorstellung von dem „Schönen“, das mit dem ökonomisch getriebenen Kulturtransfer scheinbar die ganze Welt überspannt hat. Das Design und die Wertevorstellungen der neuen, fortschrittlichen, zivilisierten Welt ist spätestens mit den modernen Medien (Radio, TV, Internet, Werbung….) bis in das letzte Kinderzimmer vorgedrungen und weckt unaufhaltsam Begehrlichkeiten in der (meist mittel- und rechtelosen) Bevölkerung. Reichtum und Wohlstand sind evident mit der Vorstellung bzw. Demonstration des neuzeitlichen „Schönen“, angefangen vom Design der Coca Cola-Flasche bis hin zum Traum-Porsche oder Traum-Ferrari. Das, was teuer und selten ist, markiert hier die Referenz des Schönen und ist damit aber letztendlich ein Produkt der Industrie, der Ingenieure und Produktdesigner, nicht aber der Künstler! Das Schöne findet sich nun einmal mehr in industriell hergestellten Gegenständen anstatt in handwerklicher, origineller Kunstproduktion. Tatsächlich werden wir bereits schon in wenigen Jahren selbst zu Produktdesignern und Createuren des Schönen schlechthin, wenn die Techik der 3D-Drucker über das Internet verfügbar sein wird. Wen kümmert dann noch das „Gute Design“ oder der Stardesigner Lagerfeld, Bertone oder Colani, wenn jeder Mensch sein individuelles Design umsetzen kann? Und auch Architekten braucht es nicht mehr, wenn Architekturprogramme die autonome Konfiguration von x-beliebigen Bauvorhaben ermöglichen werden. Letztendlich ist die Welt der Artefakte durch die Materialien, die Physik und die Mathematik bzw. Geometrie relativ begrenzt, so daß es eine ideale Aufgabe des Computers sein wird, alle nur denklichen Formen und Konstruktionen hinsichtlich Funktion, Preis und Design durchzurechnen. All dies nur eine Frage von smarten Algorithmen und Rechenleistung, um Design oder das „Schöne“ mit der Maschine herstellen zu können. Und selbst Innovationen können mit entsprechenden Algorithmen generiert werden! Und immer wird das für „schön“ empfunden, was unsere Biochemie am heftigsten anregen bzw. stimulieren wird. Auch das kann man theoretisch messen und filtern, um für jeden Menschen ein individuelles Reiz- und Designspektrum zu erarbeiten. Und neben unserem genetischen Auto-Programm werden uns Neurologen und Psychologen irgendwann auch die Frage beantworten, wie und wo  umweltbedingte Sinnlichkeit und Reizbarkeit entwickelt, gesteuert und beeinflußt werden kann.

Damit rücken wir aber auch wahrscheinlich immer weiter von der Vorstellung einer universal bechreibbaren Schönheit (vgl. Renaissance) als vermeindliches Ideal weg, wenn Schönheit im weitesten Sinne allein vom individuellen Sinnesreizmuster des einzelnen Menschen abhängig ist. Und auch hier können wir bereits heute sagen, daß die stärksten Reize wohl im limbischen System (Emotionen und Trieb) ausgelöst werden. Der Drang nach Fortpflanzung, nach Sattheit, nach Wärme, Sicherheit und Schmerzfreiheit (Opiate) sind das eine, was das Schöne definieren wird. Das andere ist die Angst, die Furcht, der Schock, der Streß und die Aufregung … Adrenalin und bestimmte Hormone (Testosteron etc.), die uns genügend sinnliche, vielmehr biochemische Befriedigung durch kurzweilige Aufregung und extreme körperliche Streßsituationen (den Kick) bescheren. Alles andere und damit uns Menschen im wesentlichen voneinander Unterscheidende sind meist klangliche oder visuelle, aber auch haptische und olfaktorische „Verknüpfungen“ in Form von sinnlichen Assoziationen mit eben solch stark erlebten Emotionen, positive wie negative.

Hier kommen wir in das Reich der individuellen Psychologie (das Reich der Präferenzen) und verlassen die empirisch halbwegs gesicherte Welt des normativ als schön Empfundenen. Das Normative ist hier der sogenannte Klassiker, der von einer statistisch genügend großen Anzahl von Menschen übereinstimmend als schön empfunden wird. Nun aber müssen wir herausfinden, warum die einen Menschen auf Mozart, andere aber nicht auf Mozart sondern auf Chopin oder Rachmaninow abfahren, andere weder auf Bach, Mozart, Chopin noch Rachmaninow sondern auf Rammstein oder Motörhead abfahren usw.. Letztendlich gibt es in der Musik vielleicht 10 musiktheoretische Hauptströmungen, die sich vielleicht ganz grob in 100 bis 1.000 leicht unterscheidbare Spezialisierungen entwickelt haben, obwohl es rein kombinatorisch mehrere Millionen, vielleicht auch Milliarden sein könnten, wenn jeder Mensch seine ganz eigene Musikpräferenz entwickeln würde. Tatsächlich wird das Reich der Musik -u.a. aus marktwirtschaftlichen Gründen- auf überschaubare 100 bis 1.000 reduziert. Zum anderen dient Musik als soziales und kulturelles Kommunikationsmittel und soll dabei möglichst vielen Menschen ein gemeinsames (Sprach-) Erlebnis vermitteln, um babylonische Verhältnisse, also den Verlust von Gemeinschaft, zu vermeiden. Andere Musik kann nicht einzigartig genug sein, wenn Paare mit ihr beispielsweise die Verliebtheitsphase verbinden. Neben dem theoretisch Möglichen gibt es also noch einen soziokulturellen Grund für die selektierte bzw. eingeschränkte Definition des Schönen. Der soziokultutrelle Hintergrund hat u.a. etwas mit „Strategien“ zu tun, um in der meist hierarchisch gegliederten Gruppe erfolgreich zu sein. Da es hier -im sozialen Kontext- meist um Spielarten von Macht, Dominanz, Unterwürfigkeit, Autorität, Respekt etc. geht, wird das rein biochemisch generierte Vergnügen von Musik auf eine andere, eher symbolische oder rituelle Kommunikationsebene gehoben, die mit der Musik selbst nicht mehr direkt in einem Zusammenhang steht.

Ähnlich kompliziert oder komplex verhält es sich im Prinzip mit allen Künsten, auch der Architektur und dem Design. Das Primat des Schönen ist immer etwas anderes als die soziokulturelle Wertung und Verwertung bzw. Verwendung des Schönen zum Zwecke der gemeinschaftlichen Kommunikation, Identifikation und kollektiven Machtausübung oder Machtdemonstration. Und die soziokulturelle Definition -die zunehmend in westlich orientierten Ländern eine marktwirtschaftliche Diktion ist- muß nicht zwingend mit der individuellen Präferenz übereinstimmen, auch wenn sie auf die Geschmacksbildung i.d.R. einen relativ starken Einfluß ausübt. Der sogenannte “ Trend“ ist eine solch soziokulturell geprägte Wertvorstellung bzw. Definition des vermeindlich „Schönen“. Trends werden heute mehr denn je durch die zahlreichen (Werbe-) Medien abgebildet und sollen dabei auf die potentiellen Kunden oder Zielgruppen direkt wie indirekt „geschmacksbildend“ (also „prägend“) einwirken. Hier bestimmt allein der Markt (also die Hersteller, die Bauindustrie, die Immobilienwirtschaft wie auch alle Bau- und Architekturverlage, Printmedien etc. ), was zur Zeit „aktuell“, schick und trendy zu sein hat.

Mit der (werbenden) Abbildung aktueller Trends läßt sich jedoch das eigentliche Spektrum des Schönen nur sehr fragmentarisch und zudem nur einseitig projezieren, zumal der Fokus i.d.R. sehr stark auf (meist fragwürdige) Produktinnovationen gerichtet ist. Das „Neue“ oder „Innovative“ allein ist kein Garant für ästhetische Qualität! Hier beruht die Reizbefriedigung allein auf soziokulturellen Zwängen („In“, „en vogue“ oder „aktuell“ zu sein/ sein zu müssen, um von der Gruppe nicht ausgeschlossen zu werden) oder dem Motiv, alles Neue „besitzen“ oder konsumieren zu müssen (Materialismus, Kaufsucht etc.). Wenn alle anderen mit einem Handy oder i-phone rumlaufen, muß man auch ein i-phone besitzen (Gruppenzwang etc.). Um nun aber zu kulturell anspruchsvollen wie kulturell bedeutsamen Artefakten zu kommen, die hohe funktionale Eigenschaften mit fortschrittlicher Technik und zeitloser Ästhetik verbinden, bedarf es einer ganz anderen Meisterschaft, die sich jenseits der profitorientierten Ökonomie und des Marktwettbewerbes, vor allem jenseits der aktuellen Kultur und dem Konsumverhalten bewegt. Das Schaffen von Ästhetik ist mit monetärer Kalkulation im Hintergrund nicht möglich! Der monetäre Wert stellt sich bestenfalls im nachhinein ein. So etwa wären kulturell so bedeutende Gebäude wie der Kölner Dom oder auch die Oper von Sidney, vielleicht auch die neue Elbphilharmonie in Hamburg mit einer überwiegend ökonomischen Haltung vielleicht niemals gebaut worden.

Blenden wir nun aktuelle -wie auch historische- Kulturdefinitionen wie auch ökomomische Bewertungsfaktoren im Schaffen und Wirken des Schönen aus (also alle „erlernten“ Bewertungsfaktoren), bleibt in der stofflichen, materiellen Welt ein starker Zusammenhang zwischen den Sinnesapparaten und dem Gehirn, vielmehr seiner biochemischen Verwertung der Sinnesreize, die wir mit etwas für uns Positivem wie Angenehmen verbinden. So etwa ist der vermeindliche Gestank von Fekalien oder die dreckige Pfütze zunächst einmal etwas kulturell erlerntes, wenn beispielsweise Babys und Kleinkinder ohne soziokulturelles, ästhetisches Bewußtsein olfaktorisch oder aus hygienischen Gründen überhaupt kein Problem mit den Ausscheidungen haben (wie übrigens die wenigsten Tiere auch, da sie mit und über die Duftstoffe in den Ausscheidungen miteinander kommunizieren!) und Kinder beim Sprung in die Pfütze enormen Gaudi verspüren. So gibt es bestimmte stoffliche Eigenschaften, die uns Menschen beim Tasten, Riechen und Sehen einfach Spaß und Freude machen. Dazu zählen etwa samtweiche bis schlammig weiche, plastische oder zähplastische Materialien (Samt, weiche Wolle, formbare Tonerde, zähflüssiger Gips oder pastöse Spachtelmasse, Quark, Gele, Salben etc.), handwarme Stoffe mit Temperaturen zwischen 20° bis 40° Celsius, helle, gelbe bis rot-orangefarbene wie auch blutrote Warm-Farben (Feuer, Sonne, Früchte, Blut, Fleisch etc.) mit einer Farbtemperatur von etwa 1500 bis 3500 Kelvin, ferner weiche, runde Formen (analog zu den eigenen Körperformen, Gliedmaßen, Verlauf natürliche Landschaften) wie auch lichtreflektierende Oberflächen (Spiegelungen, Funkeln etc.). Olfaktorisch stehen wir überwiegend auf süße, nichtbeißende, ätherische Düfte wie auch auf Lösungsmittel, Lacke, Terpentin oder Benzin (aromatische Benzole/ Kohlenwasserstoffe, die toxisch wirken und ein Gefühl von Euphorie auslösen können), auf frischgemähtes Gras, Heu oder süßlich riechende Holzspäne usw. Im dynamischen Sehbereich begeistern wir uns für Farbverläufe, unerwartet schnelle wie langsame Wechsel von Hell und Dunkel, Änderungen im Kontrast und der Schärfe (Zoom, Weichblende, Gasflimmern) sowie für nicht nachvollziehbare, fließende Bewegungen (Wasserfall, Welle, Film) mit einer Bildfrequenz von mehr als 60-65 Hertz (flimmerfrei bei ca. 80 Hz). All das sind wahrnehmbare Eigenschaften unserer stofflichen Umwelt, auf die sich unsere Sinnesorgane und das Gehirn (menschenspezifisch) über einen sehr langen Entwicklungszeitraum spezialisiert bzw. ideal eingestellt haben.

Andere sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften, die scheinbar zum Leben und Überleben in der Entwicklungsphase der Menschheit weniger wichtig erscheinen,  können wir hingegen nicht, nicht mehr oder nur noch kaum wahrnehmen, obwohl sie stofflich, vielmehr physikalisch existieren.  Unser Wahrnehmungsspektrum ist durch Spezialisierung relativ beschränkt und evolutionär bedingt ideal auf unser Leben abgestimmt. Folglich können auch ästhetische Maßstäbe nur innerhalb dieses sinnlichen Wahrnehmungsspektrums für uns Menschen eine Bedeutung haben, wenn man von den intellektuellen Leistungen unseres ästhetischen Bewußtseins einmal absieht. Im optischen Bereich sei noch zu erwähnen, daß hier die kaum 30 jährige Entwicklung im Film, Fernsehen, Internet und der Computerspiele mit Einführung der schnell geschnitten Musikvideos aus den 1980´er Jahren zu einer gravierenden Veränderung der Wahrnehmung geführt hat. Kontrollierbare Bildfolgen (etwa das langsame Szenenbild in einem Derick) werden hierbei durch eine explosionsartige Flut von schnell abfolgenden wie unterschiedlichsten Bildern abgelöst, wodurch eine Art visueller Flash entsteht (Chaos, Irritation, Hektik, Adenalinaustoß usw.) und gleichzeitig die kognitive Verarbeitungstiefe (also das Nachdenken über das gezeigte Bild) abflacht, während die sensorische Reaktionsempfindlichkeit (z.B. durch schnelle, automatisierte Reflexe an der Spielkonsole oder dem Joystick) ansteigt. Schnelle Bilder werden dabei auch unterbewußt wahrgenommen (unbewußte Bildmanipulation), entziehen sich aber komplett unserem aufmerksamen Blick bzw. unserem kontrollierten Bewußtsein. Den gleichen Effekt kann man übrigens auch mit hochfrequenter Musik jenseits der 200 Hz erzielen, wenn die Tonfolgen wie auch der Takt oder Rhytmus akustisch nicht mehr klar voneinander getrennt bzw. bestimmt werden können. Hier kommt es dann zu seltsamen Klang- und Tonüberlagerungen oder/ und Verzerrungen, die wiederum in der Reizverarbeitung Chaos, Irritation, Hektik, Adrenalin etc. auslösen. Optik und Akustik folgt hier dem Prinzip des Schwindels, also dem Verlust der stabilen Ortung und des Gleichgewichtes im Raum, wenn das sensorische Messen und die neuronale Reizverarbeitung dem Tempo der Reizimpilse nicht mehr folgen kann.

Ganz unabhängig von der oben beschriebenen Physik der Sinneswahrnehmung gibt es in der Ästhetik ein weiteres Phänomen, was bemerkenswert erscheint: offensichtlich gibt es bei der Bewertung des Schönen einen direkten Zusammenhang mit dem Vorhandensein des Unschönen oder weniger Schönen. Um die Wirkung des Schönen zu steigern, braucht es den Kontrast zum Unschönen. Wenn alles gleichermaßen schön oder angenehm ist, verliert die Schönheit ihren Glanz, ihre Bedeutung. Damit rückt die Schönheit ins Relative zur Umgebung (auch zum großen Speicher des Erlebten) und entzieht sich zunehmend einer exakten Meßbarkeit. Der Kontext, und wir gehen einmal davon aus, daß der Kontext nur in der Abstraktion ausgeblendet werden kann, ist jedoch etwas sehr komplexes und zudem einmaliges, stets das Schöne (oder Wahrgenommene) zu jeder Zeit umgebende. Und das Schöne wird dabei umgeben von Licht, Farbe, Materie, Klang, Duft, Raum und allen kognitiv dazu individuell assoziierten Bildern, Stimmungen wie auch Emotionen. Wie also kann unter Berücksichtigung des variierenden Kontextes (also die Summe von äußeren Umweltreizen und individuellen, mentalen Rekonstruktionen) eine klare Definition des Schönen überhaupt zustande kommen? Wenn alles um uns herum gleichermaßen schön und perfekt ist, werden wir darin sehr wahrscheinlich keine Schönheit mehr, vielmehr eine Gewohnheit, also eine Trivialität oder Banalität erkennen. Und das Vortreffliche wird an Wert und Schönheit gewinnen, je gestaltloser (oder auch häßlicher) der Kontext ist. Auch hierfür gibt es eine empirisch, vielmehr statistisch zu ermittelnde Zahl, die das rechte Verhältnis vom Schönen zum Unschönen beschreibt, damit es (für uns Menschen) seine ideale oder maximale Wirkung zeigt (oder auch verliert). Ein vortrefflicher Solitär braucht, um zur rechten Wirkung zu gelangen, das 10- bis 100- fache, besser noch 1000-fache an einfacher Gestalt als unmittelbaren Kontext, um in seiner Andersartigkeit und Schönheit als wertvoll erachtet zu werden. Je mehr Dunkelheit, desto strahlender die Leuchte. Je mehr Appetit, desto schmackhafter das Gericht. Je kälter der Winter, desto angenehmer der wärmende Ofen. je mehr Grau in Grau, desto leuchtender der Farbkleks usw. Da wir Menschen zusätzlich dazu neigen, immer das zu begehren, was wir gerade nicht oder noch nicht genug haben (Sehnsucht, Neid, Gier, Habsucht, Langeweile etc.), sind die sensorischen Kontraste im Leben um so bedeutsamer für uns Menschen. Hier arbeiten Künstler (wie auch Musiker, Schriftsteller, Filmemacher, Werbefachleute) u.a. bewußt mit dem Mittel des „Akzent“, der aus der schönen oder auch häßlichen, aber auf die Dauer langweilenden Gleichmäßigkeit (Monotonie) von irgendetwas plötzlich eine reizvolle Spannung erzeugt, die sich im Prinzip Vorder- und Hintergrund quasi selbst in seiner Wirkung potenziert. Das Merkmal der Andersartigkeit, also alles außerhalb des Gewöhnlichen oder Normalen, erhält naturgemäß von uns Menschen viel Aufmerksamkeit, um auf mögliche Veränderungen (im ungünstigsten Falle eine lebensbedrohliche Gefahr) rechtzeitig reagieren zu können. In der Summe potenzieren sich wiederum der bildhafte Kontrast (Vorder- Hintergrund-Prinzip) und die bildhafte Andersartigkeit bzw. unbekannte „Neuigkeit“, die uns per se neugierig macht. Wenn man auf die Dächer von Florenz schaut, wirkt der gleichmäßige, fast monotone Hintergrund der roten Ziegeldächer relativ banal (wenngleich sich unter den Dächern einige der schönsten Renaissancebauten verbergen). Erst der Turm vom Palazzo Vecchio und die Domkuppel mit dem Campanile di Giotto der Kathedrale Santa Maria del Fiore bringen eine ästhetische Spannung in das rote Ziegelmeer. Zum einen ist es der dreifarbige (Ziegelrot, Anthrazit, Weiß) Marmor der Fassade, der die roten Dachlandschaften optisch durch ein relativ monochromes wie grobmaßstäbliches Schwarz-Weiß-Muster bricht. Zum anderen ist es die Vertikale der beiden Türme, die wie ein Fingerzeig aus dem roten Ziegelmeer emporsteigen. Und schließlich die schöne Form der großen Kuppel (die wiederum mit rotem Ziegel eingedeckt ist) und den beiden Campanile, die mit ihrer vertikalen Frontalität so garnichts mit den eher horizontalen, feingliedrigen Dachlandschaften bzw. üblichen Gebäudeabschlüssen der umliegenden Gebäude gemein haben. Anders als die große Domkuppel von Brunelleschi hebt sich aber die weitaus kleinere, jedoch in Kupfer eingefaßte Kuppel der Großen Synagoge, die keine 600 Meter weiter östlich vom Dom steht, im Rot-Grün-Farbkontrast wesentlich deutlicher vom roten Ziegelmeer ab und bildet optisch einen mindestens gleich starken Akzent wie der fast 3 mal so große Dom, obwohl die Synagoge kaum größer ist als das Vierungsquadrat des Domes!

Kurzum: es muß im Gesamtkontext nicht alles ästhetisch ausgetüffelt sein, vielmehr muß es zu dem Besonderen ein rechtes Verhältnis aufweisen, damit wir es als schönes Bild erkennen. Viele gothische Kathedralen haben hier beispielsweise ein ästhetisches Problem, da nahezu alle Bauteile und Fassadenteile nahezu mit dem gleichen Detaillierungsgrad an kunstvollem Maßwerk ausgeschmückt sind, so daß eine optische Differenzierung für das Auge kaum möglich ist. Zu viel Gestaltung verliert das so wichtige Mittel der ästhetischen Potenzierung durch bewußte Akzentuierung, Strukturierung und Gliederung. Das bombastische Feuerwerk taugt nicht für den langen, ruhigen Blick.

 

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