ästhetik des ortes :: alles fängt mit einem Ort an, an dem sich Gebäude ästhetisch entfalten können. Ist der Ort selbst ohne Reiz, kann auch ein schönes Gebäude den Ort nicht wesentlich verbessern (was noch zu beweisen wäre). Jedes Gebäude ist in seiner Wahrnehmung fest und wechselseitig mit seiner unmittelbaren Umgebung verknüpft. Architektonische „Oasen“ bilden hier die wenigen Ausnahmen. Schöne Orte werden entweder durch landschaftliche Reize oder/und durch städtebauliche Attraktivitäten definiert, die vom Gebäude aus sichtbar sind. Manche Orte entfalten ihren Reiz sogar nur zu bestimmten Jahreszeiten, andere entfalten ihre Magie erst bei Dunkelheit oder erst durch bestimmte menschliche Aktivitäten. Wichtig ist, daß das Gebäude selbst i.d.R. nicht den schönsten Platz oder ort einnehmen sollte, vielmehr den Blick auf den schönsten Platz oder Ort erst ermöglicht (im Gegenteil zu besonderen Bauwerken, etwa den Denkmälern). Ein 20 geschossiges Appartmenthaus kann von aussen betrachtet sehr häßlich sein, offenbart jedoch seine ganze Schönheit erst durch seinen einmaligen Fernblick auf die Landschaft oder Stadtumgebung. Andere Orte sind tief unter oder über der der Erde (Bergwerk, Stollen, Bergdorf, Almhütte, Gipfelstation etc.) und erzeugen durch ihre territoriale Exponiertheit ein besonderes Gefühl der (unstädtischen, unurbanen) Einmaligkeit. Und auch Orte der Geheimhaltung stahlen eine gewisse Anziehungskraft aus (Verboten Stadt, Sicherheitszonen, Regierungssitze, Herrschaftshäuser, Vatikan etc.). Letztendlich wird der räumliche Kontext bei der ästhetischen Bewertung von Gebäuden immer mitgelesen und kann viele ästhetische Mängel des eigentlichen Gebäudes (innen wie außen) kompensieren. Gar gibt es Gebäude, die nur über ihre Fassade und Hülle, andere nur über ihren Innenraum ästhetisieren. Schließlich gibt es noch besondere Orte, die wir als die Orte der Vergangenheit bezeichnen, sie als Kultstätten weihen oder mit ihnen bestimmte Epochen oder Zeitabschnitte verbinden. Dazu zält u.a. auch die Ruinenarchitektur (alte Burgen, verfallene Häuser bis hin zu ganzen Städten etc.) wie auch stillgelegte, ehemalige Industrielandschaften (Ruhrgebiet, Bergwerke). Auch technische Gebäude oder Anlagen wirken neu wie alt über eine bestimmte Maschinenästhetik, die meist durch Größe, Kraft, Dynamik, Präzision oder auch Konstruktion beeindruckt. Bis heute kennen wir eine Vielzahl solcher spezieller Orte, die uns manchmal erst im nachhinein ästhetisch bewußt werden und die in ihrer Entstehungs- und Nutzungszeit als solche Orte nicht geplant oder beabsichtigt waren. Für die Definition von Heimat -und dies überall auf der Erde- ist die gestalterische Charakteristik eines Ortes (einer Region) von großer Bedeutung, da wir Menschen uns mit diesen lokalen bis hin zu nationalen Motiven, die von Ort zu Ort, von Kultur zu Kultur ganz unterschiedlich ausfallen können, in der sinnstiftenden Suche nach Heimat sehr stark identifizieren. Schlicht ausgedrückt brauchen die Kölner ihren Kölner Dom, die Ägypter ihre Pyramiden, die New Yorker ihre Miss Liberty, der Pariser ihren Eifelturm, die Berliner ihren Alex, die Friese ihre friesengrün getünchten Haustüren, die Skandinavier ihre rostrot oder zartgelb gestrichenen Holzhäuser wie auch die Schweizer ihre mossbewachsenen Berghütten. Wer reizvolle, originelle landschaftliche Motive in direkter Sichtweite hat, kann auf architektonische wie auch städtebauliche Originalitäten quasi verzichten, zumindest sind sie kaum von Bedeutung, da hier meist das landschaftliche Motiv an Schönheit und Raumgefühl kaum zu überbieten ist bzw. städtebauliche Anstrengungen nicht als wirkliche Konkurrenz zu befürchten hat. Städte oder Orte in der flachen Ebene haben es hier schon weitaus schwieriger, wenn der Blick auf die nächste, landschaftlich reizvolle Erhebung oder Attraktion nicht sichtbar ist. Wer Topographie, Berge, Täler, Felder, Wiesen, Flüsse, Seen und Küsten in seiner Umgebung hat, mag bereits an den schönsten Orten der Erde leben und braucht dazu nicht viel architektonisches oder städtebauliches Spektakel. Wer jedoch in kilometerlangen Stadtgebieten, sogenannten „Metropolregionen“ mit weit über 5 Millionen Einwohnern lebt (Rhein-Ruhrgebiet 12 Mio EW, Moskau 17 Mio EW, Kairo 18 Mio EW, Mexico City, New York und Delhi ca. 19 Mio EW, Sudogwan (Seoul) 22 Mio EW bis hin zu Tokio 38 Mio EW), für den sind die architektonischen wie städtebaulichen Reize zur Herstellung einer Identifikation (also zumindest ein Gefühl von Heimat) mit dem Ort von großer Bedeutung. Stadtmenschen lieben ihr Quartier, ihren Quartiersplatz, ihr Quartiersgrün und ihr Quartiershauptgebäude (das alte Rathaus, eine Kirche, den Stadtplatz oder ähnliche, bedeutende Bauwerke). Wenn es keine Landmarke gibt, die den angestammten Ort der Heimat markiert, muß es ein Gebäude oder eine Ansammlung von Gebäuden (das Quartier) sein, die den Lebensraum der Menschen und Bürger als einmaligen, unverwechselbaren Ort „markieren“. Solange Menschen in einzelnen Gemeinschaften leben, brauchen sie zur kulturellen Abgrenzung und selbstbewußten Unterscheidung ein eigenständiges Ausdruckssystem (Sprache, Schrift, Musik, Mode, Kunst, Städtebau, Architektur etc.). Diese Form des kulturellen Wettbewerbes hat -einmal abgesehen von den vernichtenden Kriegen- in den letzten Jahrtausenden auch zur Entwicklung wunderschöner Kunstformen wie auch eigenständiger Kulturräume geführt. Auch innerhalb der Städte galt es, mit der vortrefflichen Gestaltung seines Hauses die eigene Bedeutung und den sozialen Rang innerhalb der Gesellschaft nach außen sichtbar und kenntlich zu machen. Heute sind es sogenannte Prestigeprojekte (meist Wolkenkrater), mit denen man national im Ansehen um Macht und Stärke um die Wette eifert. Auch diese Form des direkten Machtausdruckes durch schlichte Größe kann eine bestimmte Form der ästhetischen Wahrnehmung sein, auch wenn sie sich den feineren Sinnen kaum erschließen mag. Waren es damals die zahlreichen Herrschaftshäuser, die die besten Künstler und Baumeister ihrer Zeit engagierten, sind es heute global agierende Multi-Konzerne und börsennotierte Aktienunternehmen, die ihre „corporate identity“ über „corporate design“ und „corporate architecture“ kommunikativ, materiell und räumlich zum Ausdruck bringen wollen, dies überwiegend durch Größe, weniger durch Qualität. Doch es bleibt fraglich, ob die sogenannte Marke als architektonisches Branding „tres international“ auch ohne den Ort oder die Region als feste, identitätsstiftende Konstante la „global net“ auskommen wird. VW gehört immer noch zu Wolfsburg wie BMW zu München, Porsche zu Stuttgart, Thysse-Krupp zu Essen oder Chanel zu Paris. Tatsächlich spielt der Ort scheinbar aus wirtschaftlichen Gründen eine immer geringere Rolle (Beispiel Nokia), falls echte Standortvorteile (Qualifikation, Attraktivität und Lebensstandard der Region) von den Unternehmen höher bewertet wird als der sogenannte „Sharholder Value“. Wie auch immer besitzen attraktive Orte eine gewisse Strahlkraft und nicht selten kommt es zu einer überwiegend wirtschaftlichen, sprich unternehmerischen Prägung des Ortes, wenn ein Großteil der Arbeitsplätze und des Kapitals und damit das Vorhandensein von Wohlstand und Fortschritt durch das lokal angestammte Unternehmen quasi synergetisch begünstigt werden. Weitere Formen der ästhetischen Ortswahrnehmung finden sich in Städten wie Las Vegas, deren Faszination einerseits von der Spiel- und Amüsiersucht seiner Gäste, andererseits von der faszinierenden, nächtlichen Licht- und Werbekunst geschuldet ist, die alle konventionellen Maßstäbe angemessener Architekturen als rein komerzielle und vor allem emotionalisierende Kunstform überwindet. Las Vegas ist im Prinzip ein riesengroßes Schauspielhaus, in der die Architektur bloß Kulisse für die große Show ist. Eine Nummer kleiner sind es die großen Boulevards und reklameleuchtenden Einkaufsstraßen der großen Städte, die uns konsumhungrigen Menschen mehr als befriedigen. Alles, was auf kleinstem Raum blitz, blinkt und leuchtet erhöht unsere Aufmerksamkeit, zieht uns in den Bann, ist das Geheimnis jahrtausende alter Markt- und Basarkultur, ist pure Kultur des Handels. „China Town“ ist sicherlich eine der ausgeprägtesten Handelsorte weltweit mit soviel Magie, Faszination und Sinneseindrücken, dass man auch diese eher chaotischen Orte menschlichen Treibens auch im ästhetischen Sinne begreifen kann. Dem diametral gegenübergestellt die Orte der Stille, der Kontemplation, Oasen der Meditation, der Ruhe und Besinnlichkeit. Es sind nicht nur alte Klosteranlagen, Kirchen und Gebetshäuser, auch Gärten, Parkanlagen und Friedhöfe (Grabstätten), die die Kunst der Enthaltsamkeit und Reduktion beherrschen, Orte, an denen das allzu Laute und Bunte der Menschen sich bewußt zurücknimmt. Und Sie werden dieses ästhetische Spektrum von Laut und Leise, Groß und Klein, Bunt und Monochrom, Schnell und Langsam oder auch Hell und Denkel auch in ihrer Stadt oder Umgebung entdecken. Nicht gilt es, sich etwa für das eine oder andere zu entscheiden, dass es das bessere sein könnte…vielmehr reagieren diese unterschiedlichen Orte auf unterschiedlichste Bedürfnisse und Stimmungen der Menschen wie auch des einzelnen Menschen selbst, dessen ästhetisches Verlangen niemals kontinuierlich und stetig sondern stets voller Abwechslung und im Wandel ist. Orte können -bei Mißfallen der Umgebung- gewechselt werden, manche Orte sind stets selbst in einem permanenten Wandel, manche (private Orte) können selbst individuell angepaßt werden.