ästhetik der komposition

ästhetik der komposition :: auch, wenn das Reich der Bilder und des Bildhaften in der Architektur noch längst nicht abgeschlossen ist, hier ein weiterer Aspekt, der ebenfalls stark mit dem bildhaften verbunden ist. Unter Kompositionen versteht man i.a. das synchrone wie parallele Zusammenspiel mehrerer artverwandter wie wesensfremder Teile innerhalb eines definierten bzw. ablesbaren Ganzen, etwa einem Bild, einer Skulptur, einem Musikstück, einer städtebaulichen Anlage wie auch einem Gebäudeensemble usw.. Auch ein Gebäude kann bereits als Ganzes gelesen werden, wenn man seinen (urbanen) Kontext nicht mit in das Bild einbezieht. Das einzelne Gebäude besteht dann aus einzelnen Elementen wie Decken, Wänden, Stützen, Dächern, Fenstern, Türen, Treppen usw., die als Komposition zu einem zusammenhängenden Gebäude gefügt sind und damit automatisch einen höheren Informations- bzw. Bildwert und Gestaltungswert besitzen als deren herausgelösten Einzelteile. Die Komposition kann am Beispiel der Musik in verschiedenen Genres erfolgen. So kann man Musikstücke nur für Soloinstrumente, für mehrere Instrumente oder sogar für ein ganzes Orchester komponieren. Mit steigender Anzahl von Instrumenten nimmt i.d.R. auch die Komplexität der Komposition zu. Doch eine hohe Komplexität kann auch mit der Komposition für nur ein einzelnes Musikinstrument erreicht werden! Aus ästhetischer Sicht mag das weite Spektrum von orchestraler Musik den soloinstrumentierten Kompositionen weit überlegen sein, doch ist Vielfalt und hohe Komplexität nicht immer ein Garant für das Eintreten ästhetische Effekte, dass es ratsam ist, verschiedene Gattungen oder Genres (Bautypen, Typologien) nicht miteinander zu vergleichen. Ähnlich kompliziert bzw. uneindeutig verhält es sich auch bei architektonischen und städtebaulichen Kompositionen. Das schöne Haus kann nicht mit der Komposition eines Wolkenkratzers verglichen werden, da die ästhetischen Reize ganz unterschiedlicher Art und Wirkungsweise sind! Statistisch betrachtet sind mehrere Einzelkompositionen für uns Menschen ästhetisch wertvoller als eine entsprechende Großkomposition, die, auch wenn sie gut gemacht ist, letztendlich nur einen Teil der Bevölkerung ästhetisch reizt. Den gleichen Raum an Einzelkompositionen aufgefüllt kann hingegen eine viel größerer Bandbreite an ästhetischen Reizen und damit individuellen Präferenzen generieren. Insofern ist die Art der Kompositionen immer auch eine politische und soziale Frage, wenn Gleichheit, Vielfalt, Individualität und Kolletivität diskutiert werden wollen. In den groben Zyklen unserer Kultur vollzieht sich meist immer ein Wandel von Harmonie und Einheit hin zum Chaos und der Vielfalt (wie auch umgekehrt) als mögliche Pole. Was uns Menschen dabei historisch betrachtet in Erinnerung bleibt, sind meistens immer nur die Ausbildungen von Polen als sogenannte Extreme (Hochpunkte/ Climax einer kulturellen Epoche), während die fließenden Übergangsformen -die qualitativ wie quantitativ den eigentlichen Grund einer Kultur bilden- meistens nicht eindeutig identifiziert noch erinnert oder honoriert werden. Ein weites Spektrum von Bildkompositionen und deren ästhetischen Wirkung finden wir in der Kunst und Malerei. Historisch betrachtet waren die gegenständlichen Abbilungen bis zur modernen, abstrakten Kunst (Impressionismus, Expressioniusmus, Kubismus ff.) nahezu passungsgleich bzw. synchron mit den Motiven, Bildern und beabsichtigten Stimmungen in der Architektur. Die Darstellung von Götterszenen oder anderen religiösen, historischen wie auch sozialkritischen Motiven hatte die Architektur seiner Zeit als festes Hintergrundmotiv integriert. Die Architektur war damit in der Bildkomposition fest verankert, bildete mit der meist figürlichen und realistischen Darstellung eine Art Symbiose im Sinne einer vollständigen wie umfassenden Kulturdarstellung. Wie aber konnte man nun impressionistische, kubistische oder expressionistische Bilder in die reale, nicht abstrakte Architektur transferieren? Tatsächlich hat man in der Architektur versucht, die jeweiligen Stilmerkmale der Kunst auf die Bauwerke zu übertragen, überwiegend durch entsprechende Fassadenornamentik (Jugendstil, Arts & Crafts, Expressionismus usw.). Eine baukörperliche Interpretation, die nicht nur über die Fassade und das Ornament als Schmuck wirkte, war hingegen schwon weitaus schwieriger zu realisieren. Am deutlichsten ist dies vielleicht in der Umsetzung des Neoplastizismus durch das Rietveld-Haus in Utrecht gelungen. Aber auch Le Corbusier konnte zumindest ansatzweise den Kubismus von Picasso in einigen wenigen Bauten auch baukörperlich und räumlich, zumindest aber plastisch und skulptural realisieren. Auch den Konstruktivismus und Dekonstruktivismus versuchte man -hier überwiegend durch russische Baukünstler vertreten- in Architektur zu transformieren. Die Suche nach neuen Bildern, Formen und Strukturen war das große Experimentierfeld der modernen Kunst schlechthin und wurde bis heute mit einigen Jahren Verzögerung stets in die Architektur transportiert. Warum die Architektur keine eigenständigen Bilder produzierte, lag wohl am Stilmuff des Klassizismus und der emotionalen Negation aller monumentalen, nationalsozialistisch geprägten Bild- und Formenideen. Neben dem Aufgreifen von bekannten Motiven oder Stilen aus der Kunst waren es in der Moderne allein strukturelle, konstruktive und funktionale Erneuerungen, die der Architektur tatsächlich zu mehr Eigenständigkeit bei Formfindngsprozessen verhalfen. Eine klare Abgrenzung zur Kunst (die ja bis heute gesellschaftlich stets synchron und auf breiter Basis medial publiziert und vermarktet wird) scheint immer noch schwierig, wenn man bildstarke, designorientierte Architekturen etwa von F. O. Gehry, Z. Hadid oder auch D. Libeskind betrachtet. Da es heute keine Regeln mehr für das rechte, richtige oder auch korrekte Bauen gibt, scheint alles irgendwie möglich, realisierbar und vorstellbar zu sein. Alles bildhafte in der Architektur -was ja von uns Menschen nach wie vor verlangt und begehrt wird!- unterliegt mehr und mehr medialen wie marktorientierten Gesetzen von „Moden“. Moden werden über das Design generiert, während Architekturen bis dato eigenen Gesetzmäßigkeiten -Funktion, Konstruktion/ Material, Kontext- folgte. Das Bild eines Hauses ist heute nicht mehr aus den geometrischen Kompositionen und der Grammatik der klassischen Architektur abgeleitet, vielmehr wird es zunehmend über marktgängige Designmotive bestimmt, die wie ein Kleid über rein tektonische Prinzipien (insb. isolierte Tragwerksstrukturen) gelegt werden: das Colani-Haus, das Ritzi-Haus, das Appel-Haus, das Porsche-Haus, das Nike-Haus usw.

Kompositionen, vor allem urbane Kompositionen, sind jedoch auf Grundlage solcher markenorientierten Bildvorstellungen (Designs) nicht mehr zu leisten. Das aktuelle Beispiel der Hamburger Hafencity zeigt deutlich, wie schwierig es ist, einen urbanen Raum allein mit Solitärarchitekturen (bekannte Star-Solisten) zu instrumentieren, dass man die vielen, einzelnen Gebäude (Instrumente) irgendwie im Rahmen einer Gesamtkomposition wahrnehmen könnte. Ohne räumliche Abgrenzung spielen hier mehrere begabte Solisten synchron und am gleichen Ort ihre eigene Melodie, ihr spezifisches Instrument…doch sie spielen nicht zusammen, wie es bei Orchestern üblich ist. Anders, als bei den Erwartungen an eine Weltausstellung (EXPO), konkurrieren hier die eingeladenen Solisten, während die Bewohner und Nutzer der Gebäude aus ästhetischer Sicht allein im Spannungsfeld dieses Wettbewerbes stehen , nicht aber einen ästhetisch anspruchsvollen Rahmen als Ort zum Leben und Arbeiten erhalten. Es findet sich hier keine formale Struktur, die stark genug ist, die zahlreichen Stile zu vereinen. Nicht, dass hier etwa alle Gebäude idealerweise die gleiche Form, Geschossigkeit, Materialität oder Fassadenausbildung erhalten müßten, um als Gesamtkomposition zu gefallen. Oft reicht es, wenn nur ein wesentliches Stilmerkmal (z.B. ähnliche Fensterformate (z.B. Lochfassade) oder ein einheitliches Fassadenmaterial (roter Klinker) oder ein bestimmtes Dacheindeckungsmaterial (z.B. Kupfer) oder ein charakteristisches Motiv (z.B. Treppenanlagen oder Schornsteine) usw. als kleinster, gemeinsammer Nenner die Grundlage einer urbanen Komposition legt. Auch mittelalterliche Städte hatten eine große Varianz in der Ausbildung von Fassaden und Gebäudetypen, doch ein durchgängies, zudem sichtbares Konstruktionssystem sowie eine reduzierte Materialsprache. Das gleiche kompositorische Dilemma findet sich auch an der sogenannten „Perlenkette“ vis à vis des Hamburger Hafen. Für sich genommen mögen die einzelnen Gebäude famos und vorbildlich gestaltet sein, doch innerhalb des urbanen Kontextes sind sie eher gedankenlos, ohne Esprit und ohne eine bildhafte Vorstellung für den urbanen Raum bloß aneinandergereiht. Dies muss nicht zwingend die Schuld der Städtebauer und Architekten sein, vielleicht ist es eher die Hilflosigkeit, mit der Städtebauer und Architekten letztenlich dem Willen der Investoren und Bauherren ausgeliefert sind. Hierüber mag man spekulieren und streiten. Im Ergebnis aber wurden hier Millionen Euro, kreative wie handwerkliche Anstrengungen in sicherlich funktionierende und auch vorzeigbare Bauprojekte investiert, die aus ästhetischer Sicht jedoch, verglichen mit der Stadtbaukunst vorangegangener Epochen, weit hinter den Möglichkeiten eines modernen Städtebaues liegen und nur halbherzig die ästhetischen Bedürfnisse der Menschen reflektiert. Allein das Fehlen einer Quartierskrone in der Hafen-City, die sich als Bild erst durch Zufall und im nachhinein mit der Elbphilharmonie entwickelt hat, zeigt die Schwäche wie auch Mittelmäßigkeit der städtebaulichen Planung, aber auch die Kurzsichtigkeit der Investoren. Es reicht offensichtlich nicht aus, allein durch international bekannte Stararchitekten die Kultur unserer Zeit städtebaulich zum Ausdruck zu bringen. Die hohe Ãäthetische Empfindlichkeit, mit der wir Menschen heute unserer Umwelt sehen, sollte sich vor allem auch in den Großkompositionen urbaner Anlagen spiegeln. Das Design (und damit auch der Kult um Personen, deren extremen Stile und innovativen Techniken und Materialien) eines Gebäudes ist dabei garnicht so ausschlaggebend, hingegen der Blick für das Ganze und damit der Blick für den urbanen Raumn und den Kontext weitaus entscheidender, um ästhetische Effekte als Qualitätsmerkmal eines Ortes umzusetzen und kulturell zu etablieren. Überhaupt scheint es so zu sein, dass neue Städte ohne historischen Kontext nur sehr selten an die bewundernswerte Raum- und Aufenthaltsqualität alter Stadtkompositionen heranreichen. Auch der neuzeitliche „Masterplan“ hat trotz aller Anstrengungen nur selten ein urbanes Gesamtbild von hohem ästhetischen Wert generieren können. Die neuen Gebäude selbst haben zweifelsfrei einen hohen technischen wie auch funktionalen, in ihrer Konzeption auch hohen formalen und ästhetischen Wert, kranken aber sämtlich in der so wichtigen Schnittstelle zum urbanen Kontext. Zu gestaltende Aussenräume verkommen zunehmend zu unansehnlichen Verkehrsinfrastrukturen und potentielle Grünflächen werden aus Kostengründen erst garnicht mehr zur Gestaltung freigegeben, stattdessen versiegelt, asphaltiert oder unzugänglich gemacht. Würde man den N.Y.´ern ihren Central-Park nehmen – was einige Investoren tatsächlich beabsichtigt haben sollen- würde die Stadt ihr Herz. ihre Seele verkaufen und zudem an fundamentaler Lebensqualität verlieren.

Was nun architektonische Kompositionen anbelangt, sind die urbanen Kompositionen denen der einzelnen Gebäude wie auch Gebäudeensemble in ihrer ästhetischen Wirkung und psychologischen Bedeutung für die Nutzer weit überlegen. Das urbane „Sourrounding“ ist maßgeblich, ob wir uns in einem Gebäude oder in einem Viertel wohl fühlen. Erst in der folgenden Nutzerebene nehmen wir die eigentliche Gebäudekomposition und ihre ästhetischen Wirkung wahr. Eine Besonderheit findet sich in der Raumwahrnehmung von Kirchen, deren Innenräume wie auch zugehörigen Gebäudeanlagen (Klosterhof etc.) sich mehr oder weniger bewußt von der Umgebung abschotten. Aber auch Schlossanlagen, Regierungssitze oder Burganlagen folgen durch konsequente Abgrenzung zum Aussenraum der Raumkonzeption einer in sich abgeschlossenen Welt in der Welt. Hervorragende urbane Gebäudekompositionen finden sich etwa am Markusplatz in Venedig (San Marco, Campanile, Loggetta, Palazzo Ducale etc.), der Piazza della Signoria in Florenz (Palazzzo Vecchio, Loggia dei Lanzi, Uffizien etc.) dem Petersplatz in Rom, dem barocken Ensemble von Semper Oper – Zwinger – Hofkirche – Residenzschloss und Frauenkirche in Dresden wie auch der Akropolis in Athen. Aber auch geschlossene Anlagen wie die Wartburg in Eisenach, die Hohenzollernburg in Bisingen oder die Prager Burg auf dem Hradschin mit Karlsbrücke bilden vortreffliche Motive für ästhetisch gelungene Gebäudekompositionen èn Motiv. Das kompositorische Referenzgebäude der Moderne ist hier zweifelsfrei das von Walter Gropius entworfene Bauhaus in Dessau, eine Komposition von vier bzw. fünf funktional wie formal differenzierten Gebäudeteilen (z.T. mit unterschiedlicher Geschossigkeit), die verbunden über ein zweigeschossiges Brückengebäude eine formal wie funktional komplexe Raum- bzw. Gebäudeeinheit bilden. Wichtig ist bei allen Kompositionen, statisch kompakte, also in sich ruhende Baukörper mit horizontal oder vertikal dimensionierten Baukörpern räumlich und bildhaft zu verbinden. So müssen nicht nur die Proportionen der einzelnen Baukörper (in Abhängigkeit der jeweiligen Funktionen) in sich stimmig sein sondern auch deren grundlegende Körperproportion zu denen der anderen Gebäude passen, dass sie räumlich und auch bildlich ansprechende, spannungsvolle Motive und Raumsituationen bilden. Hinzu kommen Öffnungen, Material, Farbe und Oberflächenstruktur in Entsprechung der Funktion wie auch aus ästhetischer Sicht im Erscheinungsbild der gesamten Anlage. Kompositionen – gleich welcher Art – benutzen allesamt die Regeln oder auch Wirkungsweisen der Proportionen, um einander und miteinander zu gefallen.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.