ästhetik der flächen :: die Gestaltung, räumliche Disposition und räumliche Komposition von Flächen ist in der ästhetischen Bewertung von Architekturen das A und O. Flächen können Funktionen ausdrücken, können Konstruktionen sichtbar machen, geben Orientierung und Richtung im Raum und ermöglichen/ verhindern Sichtebzüge zum umgebenden Raum. Die stoffliche Fläche hat Form, Proportion, Materialität, Licht und Farbe. In der Betrachtung der Fläche (Oberfläche) treffen mehrere sinnliche Wahrnehmungsprozesse auf komplexe Weise zusammen und lösen gemäß unserer Form-, Material-, Farb- und Lichtcodierung unterschiedlichste neuronale Verknüpfungen und Stimulationen (Reize) aus, die mal bewußt oder auch unbewußt in uns wirken. Bei den Flächen haben wir die Beobachtung gemacht, dass Linien und Muster oder Texturen stärker wirken als Farben, welche wiederum stärker wirken als Formen. Die Linie ist darum so stark, weil sie der erlernten Schriftsprache (abstrahiertes Informations- und Kommunikationssystem von hoher sozialer Bedeutung) sehr ähnlich ist. Formen hingegen müssen zur Identifizierung erst in (erlernte) Gnome zerlegt werden, während Farben direkt visuell differenziert und assoziiert werden können. Auch Linien (Zeichen) müssen wie die Formen erst erlernt, codiert und entschlüsselt werden, doch ihr Informationsgehalt hat i.d.R. für uns modernen Menschen eine höhere Priorität als die Farbcodierung, die vielleicht in anderen, sprach- und zeichenarmen Entwicklungsstufen des Menschen von höherer Priorität war als heute. Tatsächlich ist das sprachliche Ausdruckssystem unserer linienbasierten Schriftzeichen wesentlich variabler, vielfältiger und auch leistungsfähiger zu gebrauchen (extrem hoher Wortschatz, semantische Ebene) als die vergleichbaren Farben- oder Formensprachen. Immerhin wird ein linienloses Objekt zur Identifizierung erst einmal in linienumrissene Genome zerlegt. Linien auf Flächen können neben dem Auftragen von linienbasierten Mustern durch Fugen, Material-, Farbwechsel oder auch Schatteneffekte (Relieffwirkung) erzeugt werden. Auf der zu gestaltenden Fläche gibt es also zahlreiche Möglichkeiten, die für uns Menschen so bedeutungsvollen „Linien = Schriftzeichen = Symbole“ darzustellen, um quasi eine Art kommunikative Aufmerksamkeit durch architektonische Flächen zu erzeugen. Da in der Fläche alles sinnlich wahrnehmbare zusammentrifft, ist die Gestaltung der Flächen das wichtigste Ausdruckssystem der Architektur, während die Flächen selbst im Idealfall reine statische Konstruktionen sind. Ob die Flächen nur reine Konstruktion sein dürfen oder sich von der Konstruktion der Form und Materialität nach lösen dürfen, ist verstandesmäßig (Logos) eine schwierig zu beantwortende Frage, unter ästhetischen Gesichtspunkten hingegen legitim und erwünscht. Tatsächlich empfinden wir reine, unveredelte Konstruktionen und ihre sichtbaren Flächen oft zu grob, zu rauh, zu unedel, dass wir sie gerne so hätten wie unsere sensorisch wie materiell feinveredelten Objekte (Möbel, Geräte, Textilien usw.). So wird die mit rauhen, scheckigen Ziegelsteinen gemauerte Wand fein verputzt, tapeziert oder mit Holzpaneelen verkleidet, die rauhen, unebenen Bohlen- und Dielen des Bodens mit Teppich, Linoleum, PVC, Laminat oder Feinsteinzeug belegt, Stahlflächen werden lackiert, poliert und gebürstet usw.. In der Summe betrachtet gibt es heute kaum noch reine Konstruktionen, die ohne Veredelungstechniken verbaut werden. Selbst die betonierten Wände und Stützen haben feinste Schalungen, dass die Oberflächen wie geleckt aussehen. Wohl aber kann es sein, dass im Einerlei der Totalveredelung von Flächen gerade die unedlen Flächen im Kontrast dazu eine ästhetische Faszination ausüben, etwa, weil sie selten und rar geworden sind, eine archaische, ursprüngliche Anmutung haben, die uns von dem kulturellen wie auch sozialem Druck der perfekten Veredelung angenehm befreit. Bislang differenziert sich die Gesellschaft in ihrem Status und Rang vor allem über die Güte, Größe und den Grad der Veredelung von Produkten, natürlich dann auch den verwendeten Baumaterialien. Wer sich Glas, Marmor, Onyx, Schiefer, Eiche, Corian, Kupfer oder Edelstahl leisten kann, verwendet statusgemäß solche Materialien und diese in großen Formaten wie großen Flächen. Hiermit aber bekommen Flächen eine zusätzliche Bedeutung, die nicht unbedingt etwas mit ästhetischen Effekten, wohl aber mit sozialen Hierarchien zu tun hat. Wie auch immer stehen uns heute in der Architektur nahezu unendlich viele Möglichkeiten zur Gestaltung von Flächen zur Verfügung. Dabei kann jedes Material in unterschiedlichsten Oberflächenstrukturen, -texturen, -mustern und Größen bzw. Formatem in nahezu jeder gewünschten Farbpalette angeboten werden. Allein über die Farben und deren Reflektionsvermögen (matt, seidenmatt, glänzend) können mehrere tausend Flächeneffekte generiert werden. Hinzu kommen diverse, materialspezifische Muster, Maserungen, Texturen und Strukturen (z.B. Lochung, Prägung, Welle, Trapez, Rille, Körnung usw.) sowie unterschiedlichste Lichtreflektions- und Absorbtionseffekte, transparente Eigenschaften bis hin den direkt oder indirekt sich wandelnden Oberflächen. Dabei werden Feinstrukturen des Materials (z.B. Holzmaserung) i.d.R. noch durch Grobstrukturen (z.B. Fugenbild, Materialfügung) überlagert und ergänzt. Wenn wir über Flächenkompositionen im Raum sprechen, meinen wir damit auch immer die Komposition von Farb-, Licht-, (Schatten-) und Struktur- oder Musterflächen. Jedes natürliche Material (Holz, Stahl, Stein) hat zunächst einmal seine eigene, materialspezifische Farbigkeit und Oberflächenstruktur, die wir Menschen im Laufe unseres Lebens mehr oder weniger authentisch erlernen. Kunststoffe wie Farbanstriche (Lacke, Lasuren, Schichtstoffe, Folien, Laminate etc.) hingegen können in der Farbigkeit wie auch Oberflächenstruktur frei gewählt werden. Künstlich hergestellte Baustoffe (z.B. Laminatboden, Kunststoffenster) unterscheiden sich von echten bzw. natürlichen Baustoffen in der Oberflächenwahrnehmung allein darin, dass wie die Echtheit sensorisch (zumindest im Nahbereich) und damit auch im ästhetischen Sinn überprüfen können und damit zwischen „echt“ und „unecht“ sehr wohl differenzieren, sofern die künstlichen Materialien „Imitate“ von natürlichen Materialien sind. Um diesen offensichtlichen Betrug zu vermeiden, verzichten wir bei der Materialwahl aus ästhetischen Gründen grundsätzlich auf Oberflächenimitate, sofern die Imitation nicht selbst zu einem ästhetischen Thema werden soll. Zur weiteren Differenzierung von Flächen dienen u.a. folgende Einordnungen:
– transluzente/ transparente/ semitransparente/ opake Flächen
– ebene/ gewölbte/ gekrümmte/ runde/ gefaltete/ gekantete Flächen
– innen/ außenliegende Flächen (Wärme-, Wind- und Feuchtigkeitsschutz)
– horizontale/ geneigte/ vertikale Flächen
– matte/ seidenglänzende/ glänzende/ spiegelnde Flächen
– helle/ dunkle Flächen (lichtabsorbierend/ lichtreflektierend)
– glatte (schallharte)/ poröse (schallschluckende) Flächen
– einfarbige/ mehrfarbige Flächen
– gerasterte/ gemusterte/ strukturierte Flächen
Den einzelnen Flächen werden i.d.R. Konstruktionen (Wand, Decke, Dach, Stütze etc.), Funktionen (Wohnen, Schlafen, Kochen, Bad etc.) wie bauphysikalische Eigenschaften (Schallschutz, Brandschutz, Wärmeschutz, Feuchtigkeitsschutz, Hygiene, Einbruchsicherheit etc.) zugeordnet, die einen erheblichen Einfluß auf die Materialwahl (physikalische, statische Eigenschaften) sowie deren Oberflächenbeschaffenheit (Akustik, Lichtreflektion, Hygiene usw.) hat. Hinzu kommen „funktionale“ Farben, um z.B. bestimmte Lichtverhältnisse (helle Flächen für hohe Lichtreflektion), bestimmte Farbstimmungen (belebendes Rot, beruhigendes Blau, friedvolles Rosa etc.), bestimmte Nutzungsprofile (Theaterraum in Schwarz, OP in Grün, Küchen in Weiss) oder auch den Grad der Wärme- und Lichtreflektion/-absorption zu beeinflussen bzw. zu gestalten. Statisch wirksame Flächen sind etwas sich selbst aussteifende Trapez- oder Wellenbleche wie auch Waben- und Stegplatten.
Aus der Vielzahl von Funktionen (Nutzungsanforderungen) und Konstruktionen haben sich mit der Zeit bestimmte Materialien und Oberflächeneigenschaften als überaus praktikabel und vorteilhaft bzw. als ungeeignet oder problematisch erwiesen, so dass die jeweiligen Flächen tatsächlich nicht beliebig verwendbar sind. Niemand würde auf die Idee kommen, ein Schwimmbad mit feuchtigkeitsempfindlichen Teppich- oder Holzböden auszustatten oder die Wände eines sterilen OP´s mit Textilien oder Filz zu bespannen, einen Kamin aus Holz oder Kunststoff zu bauen oder eine gemütliche Kneipe mit Edelstahl einzurichten usw.. Die Form und Größe der Flächen, ihre Farbe und deren Oberflächenstruktur müssen also immer den statischen, bauphysikalischen und nutzungsabhängigen Anforderungen genügen, so dass hier bereits eine Vielzahl von Möglichkeiten bei der Materialwahl ausscheidet. Hinzu kommt die Filterung nach Kostenaspekten sowie wirtschaftliche Überlegungen zur Langlebigkeit (Lebenszyklus) und dem laufenden Pflege-, Instandhaltungs- und Reperaturaufwand. In der Summe aller zu berücksichtigenden Faktoren haben sich nicht zuletzt über die Preisregulierung (industrielle Fertigung) gewisse Standards durchgesetzt, die nicht zwingend ästhetisch und langlebig, wohl aber praktikabel, funktional und bezahlbar sind. Hinzu kommt die zunehmende ökologische Bewertung von Baukonstruktionen und Bauteilen, die auf eine maximale Leistungsfähigkeit bei minimalem oder bestmöglichem Ressourcen- und Energieaufwand abzielt. Die sogenannte „Performance“ von Konstruktion und Material steckt noch in der (technischen) Entwicklung, wird aber in den nächsten Jahren eine Vielzahl neuer Formen, Strukturen und Flächen bei Gebäuden ermöglichen, die dann auch zu neuen ästhetischen Effekten führen.