ästhetik der ankunft :: jeder Ort der Welt, an dem sich mögliche Schönheit entfalten kann, wird zunächst einmal von einem anderen Ort aus erreicht. Die Reise und der Weg von einem Ort zu einem anderen Ort ist selbst bereits Teil des sinnlichen Vergnügungs und zieht sich von Geburt an als Kette von mehr oder weniger bewußt wahrgenommen Orts- und Raumwechseln ein Leben lang fort . Dies erfolgt im Nahbereich zum aufgesuchten Ort (also zum Objekt der Begierde) meistens ganz konventionell per pedes über Wege und Straßen, aber auch direkt mit dem Auto, Bus, der Bahn, dem Zweirad, vielleicht auch mit dem Boot (Venedig, Hafen- und Küstenstädte), mit Pferden (auf einer Ranche oder Farm) oder anderen Fortbewegungsmitteln (Schnee-Scooter und Seilbahnen in Bergregionen, Schlittschuhe auf zugefrorenen Kanälen in Holland, Elch- und Rentier-Schlitten in Skandinavien oder auch kilometerlange Rollbänder in Tokyo usw.). Bereits während dieser Reise offenbart sich unseren Sinnen eine Art filmischer Schnell-Durchlauf von Räumen, Raumfolgen, Raumszenen, Landschaftssituationen und Stadtansichten sowie deren welchselseitige Kombination, z.T. auch überlagert mit „medialen“ Bildern anderer Orte und Motive zu anderen wei auch gleichen Zeiten. Mal reichen die Blicke kilometerweit in herrliche Landschaften (Alpenpanorama, Seeblick), mal erhaschen wir nur kleine, kurz entfernte Detailansichten oder Fragmente von Landschaften oder Gebäudeteilen, deren Zusammenhang sich uns nicht vollkommen erschließt. Und auch die Anreise bei Tageslicht ist vollkommen verschieden zu einer nächtlichen Anreise, in der nur künstliches Licht den Weg zeigt. Und auch eine Winterreise präsentiert sich anders als eine Sommerreise, und selbst die Tageszeit und Witterung hat Einfluß auf unsere sinnliche Wahrnehmung. Auch jungfräuliche Reisen erleben wir anders als alltägliche Reisen durch bereits bekannte Orte. Die schönsten Anreisen jedoch sind jene, bei denen das Zielobjekt (also das Gebäude) bereits schon in mehreren Kilometern Entfernung sichtbar ist, zum Teil wieder verschwindet, sich immer wieder von neuen Perspektiven zeigt und die Annäherung niemals direkt sondern über „Umwege“ erfolgt. Auch der markierte Eingang des Gebäudes sollte niemals „direkt“, also über den kürzesten Weg über eine Sichtachse erreichbar sein: die direkte Annäherung ist -wenn auch effizient und aufrichtig – meist doch wegen ihrer Direktheit eher unhöflich, uncharmant, unelegant bis plump und vielleicht auch einfältig! Schöner ist es, sich dem Ort mit Respekt und Charm langsam und behutsam von der Seite zu nähern (man selbst zeigt also auch immer nur die Körperseite und signalisiert damit Friedsamkeit und Passivität) und dabei zugleich die Umgebung (vielleicht den schön gestalteten Garten oder die umgebende Landschaft) achtend wie beobachtend. Erst kurz vor dem Ziel darf sich der Blick frontal auf den Eingang wenden, wo das Spiel sich im Innenraum natürlich in gekonnter Weise fortsetzt und man nur über geschickt gestaltete, meist unmerkliche „Umwege“ zum eigentlichen Ziel gelangt. Vielleicht entstammt diese Form der vorsichtigen, etwas umständlichen Annäherung auch unserem einstigen Jagdverhalten, vielleicht aber ist sie auch nur erlernter Ausdruck einer kulturellen Haltung, die den höchsten Lustgewinn nicht im nackten, lauten und plötzlichen Demonstrieren einer Sache (Exhibitionismus, Machtdemonstration, Präsenz etc.) sondern auf subtile Art und Weise im dezent verschleiernden Verdecken von etwas erzielt. Die zwischenmenschliche Kunst der höflichen Zierde und Aufmerksamkeit, des sich bewußten Klein- und Leisemachens signalisiert nach Konvention Höflichkeit und Respekt, während die direkte, frontale Konfrontation eher bedrohlich, dominant und als Zeichen von Agressivität wahrgenommen wird. Tatsächlich finden sich in alten Kulturkreisen, etwa in China oder Japan, körperliche Haltungen, die formal auch auf Gebäude oder Gebäudeteile übertragen wurden, so, wie auch umgekehrt das heroische wie monumentale „Protzen“ und „Triumphieren“ sich ebenfalls in einigen Bauwerken der Geschichte (nicht nur der faschistoiden Architektur) wiederfindet. Die hohe Kunst der charmanten, unaufdringlichen Annäherung würden wir vielleicht eher den kultivierten, feinsinnigen Franzosen (Versaille, Sonnengott Ludwig der 14te) wie auch den sich stets höflich sich verbeugenden Chinesen oder Japanern zubilligen, weniger wohl den strammen, robusten „Nordmännern“, Vikingern, texanischen Cowboys oder auch Barbaren. Zumindest gibt es bei der näheren Betrachtung der sozialen Kultur gewisse Ähnlichkeiten oder formale Analogien mit der Ausgestaltung von Gebäuden sowie auch deren bewußte Einbindung in den räumlichen Kontext. Ein weiterer Unterschied in der Ausgestaltung der Annäherung von Gebäuden wird schließlich auch durch die Differenzierung in öffentliche, herrschaftliche und nichtöffentliche, private Gebäude vorgenommen. Nahezu alle öffentlichen Gebäude der Vormoderne (Rathäuser, Gerichtsgebäude, Universitätsgebäude, Schulen, Opernhäuser, Theater, Bahnhöfe, Regierunsgebäude) wie auch sakrale Bauten wurden in ihrer symmetrischen Grundfigur meist direkt über ihre Mittelachse erschlossen und nur in seltenen Fällen asymmetrsich über die Seiten, Flügel oder gar rückwärtig. Die zentrale, mittige Erschließung bedingt formal auch eine symmetrische Gestaltung des Vorbereiches (i.d.R. Platzanlagen, Parkanlagen, Vorfahrten oder auf den Eingang führende Straßenachsen). Mit Beginn der Moderne hat man jedoch das klare Prinzip der Symmetrie als vornehmliches, tradiertes Zeichen und feste Ordnungsstruktur für öffentliche Funktionen aus mehreren Gründen (ästhetische, funktionale, politische wie soziale) aufgegeben, so das eine eindeutige Identifizierung über das altbewehrte Ordnungssystem Symmetrie heute in dieser Eindeutigkeit nicht mehr möglich und aus meist politischen Bekenntnissen (Zeitgeist) von vielen Menschen nicht mehr gewünscht ist (Gleichsetzung totalitärer Systeme mit der Symmetrie, Abwendung von totalitären Systemen, Suche nach neuen Ausdrucksweisen und Ordnungsstrukturen für moderne, freie Gesellschaften etc.).
All dies, obwohl die Symmetrie aus ästhetischer Sicht zweifelsfrei sehr starke Effekte erzeugt und im Prinzip eine Grundkonstante menschlicher Sichtweisen wie auch natürlicher Konstruktionssysteme darstellt (Körpersymmetrie der Natur, Biologie etc.). Dennoch ist die Symmetrie aus gestalterischer Sicht in Sachen Vielfalt und Kreativität stark eingeschränkt. Räumlich betrachtet wird ja der zu gestaltende Raum zur Hälfte durch bloße Spiegelung aufgefüllt, während freie Kompositionen den gleichen Raum auf viel differenziertere und vielfältigere Art und Weise gestalterisch nutzen können. Zudem verlangen symmetrische Systeme ein sehr hohes Maß an Perfektion und Ebenmaß wie auch die Proportionen der einzelnen Bauteile sehr empfindlich aufeinander abgestimmt sein müssen, um das Auge nicht zu beleidigen. Die Symmetrie ist von allen architektonischen Ordnungssystemen wohl die abstraktetste, eindeutigste und perfekteste Struktur und bildet in ihrer mathematischen Klarheit einen geistigen wie auch sinnlich wahrnehmbaren Gegenpol zum eher chaotischen, asymmetrischen System des Menschen wie auch zur Natur (es gibt kein symmetrisches Wetter, keinen symmetrischen Wald, kein symmetrisches Gebirge und selbst symmetrische Lebwesewen (Beispiel Gesicht) sind nur scheinbar symmetrisch konzipiert). Dennoch ist die Symmetrie trotz ihrer starken Ordnung weniger komplex und ästhetisch von minderer Bedeutung und Ausdruckskraft als die Vielfalt asymmetrischer wie auch chaotischer Ordnungssysteme. Studiert man alte Stadtgrundrisse, finden sich kaum Anzeichen symmetrischer Stadtgründungen oder Stadtplanungen, war die Symmetrie über viele Jahrhunderte hinweg allein den Göttern vorbehalten (Tempelbau). Grundsätzlich sollten Architekturen so gestaltet sein, dass die Ankunft zu einem Gebäude (oder auch zu einem Stadtteil) über und durch eine Vielzahl von Elementen und sinnlichen Effekten begleitet wird: Treppen, Höhenunterschiede, Sichtachsen, Raumfolgen, Brücken, Tore, Tunnel, Enge und Weite, Höhe und Horizontale bis hin zu farblichen und materiellen Variationen bzw. Wechsel wie auch formalen, zeichenhaften Darstellungen (Symbole etc.) sorgen für eine erlebnisreiche wie sinnliche Raumerfahrung innerhalb eines funktionalen Kontextes. „Schönes“ Reisen heißt hier, charakteristische Orte von Originalität zu schaffen, sie lesbar zu machen, sie zu identifizieren und in ihrer Raumfolge ähnlich einer Menüfolge im zeitlichen Ablauf (also kontinuierlichem Perspektivwechsel) wirken zu lassen. Je unterschiedlicher wie auch extremer die Raumsituationen dabei aufeinander folgen, desto stärker kommt dabei auch ihr Habitus als eine Art emotionales Wechselbad zur Wirkung. Stellen sie sich eine eingeschossige, brettbeschlagene Imbißbude vor, die in Front eines 400m hohen Wolkenkratzers steht oder schauen sie aus dem 100 Stockwerk auf eben jene kleine, eingeschossige Imbißbude herab, die an Raumvolumen mehr als 40.000 mal kleiner ist! Kurzum: Räume müssen nicht nur „schön“ gestaltet sein, sie müssen vor allem in der Folge von Räumen möglichst „unterschiedlich“ gestaltet sein, dass sie auf der Reise ein sinnliches -nicht lanweiliges noch schockierendes- Erlebnis wert sind. Diese Form der räumlichen Inszenierung erfolgt nicht durch die bloße Addition funktionaler Bauwerke (also das Auffällen eines Stadtgrundrisses), sondern ist zu großen Anteilen die gekonnte wie kreative Planung eines begabten Städtebauers, der über Platzanlagen, Straßen, Wege, Brücken, Flüsse, Parkanlagen, Niveauwechsel, Sichtachsen wie auch Festlegung von Nutzungen, Bauweisen, Geschossigkeit und Materialien etc. eine abwechslungsreiche Struktur vorgibt, die schließlich durch Gebäude unterschiedlichster Größe und Funktion wie auch durch Stadtmöbeliar und Pflanzen sich zu allen möglichen Perspektiven als Raumbild vervollständigt und in seiner ästhetischen Wirkung verstärkt wird. Das ,was allen schönen Städten gemein ist, ist die sorgsame Platzierung von ausgesuchten Solitären und Platzanlagen sowie das gekonnte Setzen von einigen wichtigen Hochpunkten (Türme jeglicher Art [Eiffelturm Paris, Fernsehturm Berlin, Wasserturm Braunschweig] , Kirchturmspitzen [Köner Dom, Dom zu Florenz, Kuppeln vom Kremel], Hochhäuser [ehem. WTC, Manhatten], aber auch Brückenbauwerke [Köhlbrandbrücke Hamburg, Golden Gate S.F., Tower Bridge London], Krananlagen [Hafenanlage HH, Krananlage Würzburg], Schornsteine [VW-Werk Wolfsburg] etc.) im Stadtprofil bzw. der Stadtsilhouette als eindeutige, charakteristische wie symbolische Markierung des Ortes. Hochpunkte werden hierbei zum einen für die Fernansicht (also die klassische Stadtsilhouette als zeichenhaftes Motiv), aber auch direkt im räumlichen Nahbereich eines Quartiers (etwa ein Denkmal auf einer Platzanlage, der Rathausturm etc.) platziert. Letztendlich geht es bei der architektonischen wie städtebaulichen Reise um eine in sich stimmige wie vor allem abwechslungsreiche Gesamtabwicklung von Raumerlebnissen, die weder Variationen in der Struktur, dem Material, der Farbe, der Transparenz noch der Form, der Funktion, der Konstruktion, der Vegetation oder der Topographie meidet. Darum ist es für Architekten auch so schwierig, „das“ oder ein perfektes Gebäude zu entwerfen, welches als der Weisheit letzter Schluß eine „universale“ Anwendung erlauben würde. Die gibt es natürlich nicht, solange sich die Orte selbst voneinander unterscheiden und dito die Menschen selbst so unterschiedlich Denken, Fühlen und ihre Kultur und Sprache individuell bestimmen. Nur innerhalb einer bestimmten ästhetischen Kultur -also innerhalb eines Teilfragmentes- gibt es künstlerische und ästhetische Regeln und Gesetzmäßigkeiten, dass die gewünschten Effekte eintreten mögen. Das in sich stimmige Bild einer ausgewogenen Renaissancefassade eines Palastes oder einer Kirche beispielsweise kann man nicht einfach durch andere Elemente, Formen, Konstruktionen, Materialien oder Farben verändern, ohne das ästhetische Bild zu zerstören. Und auch eine Berliner Nationalgalerie oder den Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe kann man nicht wesentlich anders gestalten, wenn man das ästhetische Bild nicht zerstören will, um es etwa durch ein neues Bild (was ja durchweg legitim ist) zu ersetzen. Tatsächlich sind in der Vergangenheit durch Abriss und Umbau zahlreiche Ursprungsgebäude radikal verändert worden und haben es zu neuen, ästhetischen Ausdrucksformen geschafft, haben sich in diesem Sinne sogar verbessert oder haben bedauerlicherweise an Wirkung, Glanz und Originalität verloren.