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evaluation von architektur

Donnerstag, April 25th, 2013

evaluation von architektur : anders, als bei anderen Artefakten, Maschinen oder Werkzeugen besitzen Architekten und Bauherren immer noch keine verläßlichen, allgemein anerkanntzen bzw. gültigen Kriterien zur Bewertung von Architektur. Jedes Gebäude oder städtebauliche Lösung wird in der Regel nach vorangegangenem Wettbewerb nach mehreren Kriterien von einer meist mehrköpfigen Fachpreisjury mit einer „Empfehlung“ beurteilt. Hierbei sind die Grundkriterien u.a. die städtebauliche Einfügung (Kontext), die Lösung funktionaler wie auch technischer, konstruktiver und statischer Zusammenhänge (Funktion + Konstruktion) sowie die baukörperliche Lösung innerhalb der sich über das Material darstellenden Form (Form). Schließlich eine wirtschaftliche und ökologische Bewertung (Langlebigkeit, Energiebedarf, Recycelbarkeit u.a.), u.a. auch der Erschließungsaufwand (Verhältnis Nutzfläche : Erschließungsfläche) wie auch die Baubarkeit bzw. der Bauaufwand innerhalb eines bestimmten Zeitfensters beurteilt werden. In der Summe der zahlreichen Bewertungsaspekte liegt es neben der sogenannten Sachpreisjury (mit Laien besetzt) dann am Architekten oder Ingenieur, eine bauliche bzw. architektonische Lösung als hervorragend, gut oder unbefriedigend zu bewerten.

Da Architektur bekanntlich mehr ist als die rein konstruktive, statische oder wirtschaftliche Raumlösung für eine bestimmte Funktion (Bauaufgabe), müssen zur Evaluation von Architektur andere Kriterien herangezogen werden, die weit über die üblichen Kriterien (ein vernünftiges Gebäude zu erstellen) hinausgehen. Auch solltem diese „architektonischen“ Bewertungen vorranig einen höheren Stellenwert als die bis dato üblichen Bewertungen erhalten, um tatsächlich gute Architekturen herausarbeiten und fördern zu können.

Hierbei machen wir versuchsweise den Vorschlag, bestimmte ( nämlich hauptsächlich ästhetisch relevante) Kriterien hinsichtlich ihrer Komplexität miteinander zu vergleichen bzw. zu addieren, um aus der Summe mehrere Einzelbewertungen einen durchschnittlichen Bewertungsfaktor für die Gesamtkomplexität der Architektur oder eines Gebäudes zu erhalten. Komplexität ist hier das Maß, an dem sich Artefakte  u.a. auch bzw. vor allem in ästhetischer Sicht messen müssen. Eine hohe Komplexität setzt voraus, daß nicht nur die Anzahl von einzelnen Gestaltungsaspekten zunimmt, sondern diese auch in ihrer wechselseitigen Beziehung optimal aufeinander abgestimmt sind und auf komplexe Weise sich fügen.

  1. Komplexität des Grundrisses
  2. Komplexität der Funktionen
  3. Komplexität des Raumes, Raumprofiles
  4. Komplexität der äußeren Form, Kubatur und Ansichten
  5. Komplexität des Tragwerkes
  6. Komplexität von Material und Licht

Beispiel Form und Grundriss: ein Kreis hat einen Faktor von 0.5, eine ovale Form den Faktor 0.6, ein Dreieck den Faktor 0.7, ein Achteck den Faktor 0.8, ein Quadrat den Faktor 0.9, ein Rechteck den Faktor 1.0, ein Parallelogramm den Faktor 1.1 usw. Hierbei werden die geometrischen Bedingungen und Beziehungen der einzelnen Linien bzw. Formen bzw. deren gesamte Komplexität (Anzahl der Linien, deren Schnittpunkte, deren Winkelbeziehungen, Symmetrie etc.) beurteilt. Schließlich kann die Komplexität auch noch durch die Anzahl (numera) und Art mehrerer zusammenwirkender Formen bestimmt werden. Zwei Kreise haben eine höhere Komplexität als ein Kreis. Zwei unterschiedlich große Kreise haben eine höhere Komplexität als zwei gleichgroße Kreise usw. Ein Kreis und ein Quadrat haben eine höhere Komplexität als zwei Kreise. Ein Dreieck, Quadrat und Kreis haben eine niedrigere Komplexität als ein Dreieck, Quadrat und Oval usw. Auch die Entfernung und Position der einzelnen Formen, Figuren bzw. Elemente kann neben der Anzahl und Art (Typus) die Komplexität bestimmen. Zwei Quadrate, deren Oberkante auf einer gemeinsamen Linie liegen, sind als Gesamtkomposition weniger komplex als eine parallele, aber in beiden Achsen versetzte Anordnung wie auch zwei parallele Quadrate eine geringere Komplexität aufweisen als zwei zueinander verdrehte Quadrate, deren Symmetrieachsen also einen nicht orthogonalen Winkel bilden usw. Ferner kann auch durch den Takt und Rhythmus mehrerer Elemente die Komplexität verändert werden. Da das menschliche Auge bzw. Gehirn ab einer Anzahl von zirka 3 bus 5 die einzelnen Elemente nur noch als Gruppenform erfassen kann (es gibt auch Ausnahmen), werden alle Reihungen bzw. Wiederholungen mit mehr als 3 bis 5 Elementen nur noch mit einer einfachen „Gruppem“-Komplexität bewertet, wobei 7 Quadrate nicht mehr oder weniger komplex sind als 9 oder 11 Quadrate. Eine gleichmäßige (vom betrachter visuell schnell zu erfassende) Anordnung ( z.B. Raster, Linie etc.) ist weniger komplex als eine ungleichmäßige Anordnung. Ein Takt von 1-1-1 ist weniger komplex als ein alternierender Takt von 1-2-1 oder 1-1-2-1-1 usw.

Um eine solch vergleichende Bewertung einfacher Ordnungsstrukturen und einfacher geometrischer Formen bzw. Figuren hinsichtlich ihrer Komplexität vorzunehmen, muß man sich zunächst sehr intensiv mit den einzelnen Formen, Elementen und Figuren beschäftigen: dies kann zunächst im „Selbstversuch“ sehr subjektiv -von Zeit zu Zeit auch unterschiedlich!- sein, später aber durch mehr oder weniger wissenschaftliche Vergleiche mit Beobachtungen bzw. Bewertungen anderer Personen zu vielleicht ähnlichen, sich widerholenden Aussagen und Bewertungen, sprich Ergebnnissen führen. Auch statistische Verfahren können hierbei helfen, eine halbwegs verlässliche Aussage über die zunächst einmal ganz subjektiv empfundene Komplexität von Geometrien zu erhalten. Freilich stecken wir hier in der Wahrnehmungspsychologie immer noch in den Kinderschuhen, was die Bewertung von Formen, Farben, Mustern, Strukturen und deren komplexes Zusammenwirken betrifft.  Auch unterschiedliche Kulturkreise, Umweltbedingungen und sonstige Unterscheidungen (Mann, Frau, Kind, Erwachsener, Bildungsgrad etc.) könnten vielleicht einen Einfluss auf unterschiedliche Bewertungsergebnisse liefern. Da wir als Gestalter und Architekten wegen fehlender wissenschaftlicher Ergebnisse hier jedoch keine Wahl haben, müssen wir nolens volens hypothetisch vorgehen und uns unsere eigene Berwertungsmatrix schaffen, um den Gesetzen des Sehens, Wahrnehmens und Empfindens irgendwie näher zu kommen. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es zu diesem relativ unscharfen Erkenntnismodell leider keine Alternative. Doch weiter:

Ein gewöhnlicher rechteckiger Raum erhält in der Grundrissbewertung also 1 Punkt, während ein kreisförmiger Raum nur mit 0.5 bewertet wird. Wird nun der rechteckige Grundriss noch mit additiven und subtraktiven Elementen (Kreis, Oval, Dreieck, Rechteck, freie Form) erweitert bzw. verjüngt (Vor- und Rücksprünge), erhöht sich damit auch die Komplexität des Grundrisses, da jede Aus- bzw. Einbuchtung (z.B. eine Loggia, ein Erker, ein Atrium), jede Richtungsänderung (ein spitzer oder flacher Winkel, eine bogenförmige oder geschwungene Wand etc.) wie auch jede Änderung der Raumgröße (schmaler Gang, große Halle, kleiner Raum etc.) zugleich auch eine zusätzliche Zonierung bzw. Gliederung des Raumes bewirkt, die den Raum also mit zusätzlichen Informationen und Bedeutungen ausstattet.

Der Grundriss einer Kirche (Basilika) beispielsweise könnte ein einfaches Rechteck mit 1 Punkt sein. Da aber nun noch das Seitenschiff (1 Punkt), im dritten Viertel ein Querhaus (1 Punkt) und am letzten Viertel ein Chor (1 Punkt) angehängt wird und sich im Kreuzungspunkt von Haupt- und Nebenschiff ein erhöhtes Vierungsquadrat (1 Punkt) ergibt und auch der Eingang noch durch einen subtraktiven Einschnitt (1 Punkt) herausgearbeitet wird, erhöht sich die Komplexität des Grundrisses von 1 Punkt auf 5 Punkte. Erhalten die beiden Seitenschiffe nun noch ein zusätzliches Seitenschiff (wie bei einer 5-schiffigen Basilika, 1 Punkt) und der Chor zusätzliche Apsiden (1 Punkt), hat der Grundriss gegenüber einem normalen Quadrat (0.8) bereits eine Komplexität von 7 Punkten. Genauso verfahren wir dann in der Beurteilung der Schnitte (vertikaler Raum, z.B. niedriges Seitenschiff, hohes Mittelschiff, noch höhere Kuppel über Vierung etc.) und der Ansichten (z.B. niedrige Wand Seitenschiff mit/ohne Apsiden, Dach Seitenschiff, verglaster/ unverglaster Obergarden Wand Mittelschiff, Dach Mittelschiff, überhöhter Kuppelaufbau über Vierung, ggfs. Laternenabschluß): je stärker der Grundriss, der (vertikale) Innenraum und die Ansichten gegliedert sind, desto höher ist seine Gesamtkomplexität. Im Falle der gotischen Kirchen käme noch das raumwirkende, meist hochkomplexe Werk der Strebepfeiler hinzu, die u.a. die Seitenschiffe konstruktiv mit dem Hauptschiff verbinden oder aus der Rosette über dem Eingang eine 3-dimensional gegliederte, selbstrragende Konstruktion machen (im Vergleich zu einem flachen, kreisförmigen Scheibenfenster: zusätzliche Gliederung des kreisförmigen Fensters in Kreissegmente: 1 Punkt. Zusätzliche Tiefenwirkung (1 Punk) durch das asymmetrisch (1 Punkt) profilierte Maßwerk: 2 Punkt).

Beispiel Konstruktion: Massive Wand: 1 Punkt. Mit Öffnungen gegliederte Wand: 2 Punkte. Wand mit Strebepfeilern/ Pfeilern: 2 Punkte. Wand als Curtain-Wall (Glas, Stütze im Innenraum): 2 Punkte. Massive Flachdecke oder Dach: 1 Punkt. Decke oder Dach mit massiven Unterzügen oder sichtbaren Sparren: 2 Punkte. Decke oder Dach mit sichtbarem Fachwerkbinder: 3 Punkte. Decke oder Dach als räumliches, mehrschichtiges Fachwerk: 4 Punkte. Materialgefüge: Ausführung eines Fachwerkträgers mit Ober- Untergurt und Streben mit nur einem Material und nur einem Profilquerschnitt: 1 Punkt. Differenzierung zwichen Obergurt, Untergurt und Streben durch 3 unterschiedliche Materialien mit zusätzlich unterschiedlichem Profil: 6 Punkte.

Beispiel Licht: gleichmäßige Ausleuchtung des Raumes: 1 Punkt. Zonierte Ausleuchtung des Raumes mit unterschiedlichen Helligkeits- und Farbwerten: 2 Punkte. Zonierte Ausleuchtung mit Akzenten: 3 Punkte usw., ferner bewußte Lichtlenkung des Tageslichtes (Schattenwurf, Ausleuchtung): 2 Punkte. Dynamische Lichtquellen: 1 Punkt. Farblich aufeinander abgestimmte Lichtquellen. 1 Punkt. Blendfreie Lichtquellen. 1 Punkt usw.

Beispiel Material + Farbe: einfarbig, homogenes Material: 1 Punkt. Zweifarbigkeit, gegliedertes bzw. strukturiertes Material: 2 Punkte. Mehrfarbigkeit, 2-3 Materialien, plastisch stark gegliederte Struktur: 3 Punkte usw. Die Komplexität der materialien kann auch hier noch viel feiner und tiefer differenziert werden.

Es wird klar, daß mit zunehmender Differenzierung und Gliederung der einzelnen Bauteile auch der ästhetische wie gestalterische Anspruch steigt, daß alle einzelnen Faktoren (isolierte Betrachtung) auch wieder „zusammen“ ein ästhetisch ansprechendes, in sich stimmiges Bild abgeben. Aus der bloßen Addition von stark differenzierten oder gegliederten Einzelbauteilen mit hoher Komplexität (hohe Punktzahl) ergibt sich aber nicht automatisch auch eine hohe Gesamtkomplexität der zu bewertenden Architektur. So etwa sollten rechnerisch die einmalige „Gesamtbewertung“ ca. 50% der Endbewertung ausmachen, während die zahlreichen Einzelbewertungen mit zunehmender Bearbeitungstiefe ebenfalls nur maximal 50% Anteil an der Gesamtbewertung ausmachen. Hiermit können falsche Annahmen bei der Einzelbewertung wie auch bei der Gesamtbewertung ggfs. ausgeglichen werden. Im Idealfall enstpricht die subjektive, mit seinen Präferenzen stärker auf das Individuum ausgerichtete Gesamtbewertung der Sunmme aller annähernd objektiv ermittelten Teilbewertungen. Hiemit wird der Erfahrung, daß das Ganze mehr (oder zumindest anders) ist als die Summe seiner Teile, Rechnung geschuldet. Erst, wenn uns die Neurologen und Psychologen einen Schlüssel für das System der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung unserer Umwelt liefern (wovon wir derzeit nicht ausgehen, daß dies in absehbarer Zeit gelingen mag), ließen sich dann für die unterschiedlichen Subjekte vielleicht auch maßgeschneiderte Komplexitätsmodelle aus dem Bereich der Architektur entwickeln und anwenden. Da aber die Umweltbedingungen, der zeitliche Kontext und damit auch die ästhetischen Bewertungssysteme so vielschichtig und einzigartig sind, glauben wir nicht an allgemeingültige Rechenverfahren mit absoluten, universalen Ergebnissen. Da das Gehirn keine statische Sache ist und sich neuronale Netzwerke und deren Strukturen mit der Entwicklungszeit sowie jeder auf das Gehirn neu einfließenden Information ändern können, bräuchte man zudem ein dynamisches Rechenmodell, welches aus dem Reich der unendlich vielen Möglichkeiten und Varianten relativ wahrscheinliche Aussagen für x-beliebige Zeitpunkte von Entwicklungsszenarien träfe. Das käme einer Berechnung der Welt auf Grundlage kausaler (wissenschaftlicher) Zusammenhänge gleich, mit der alles Vorangegangene exakt rekonstruiert und alles Zukünftige exakt vorausgesagt werden könnte. Relativ unwahrscheinlich wie auch sinnlos! Also beschränken wir uns auf das, was wir bereits über die Mathematik, die Physik und die Chemie zu wissen glauben und wie das Stoffliche auf unterschiedliche Art und Weise auf uns Menschen wirkt oder wirken kann (Psychologie, Medizin, Biologie). Ein weiterer Faktor ist der (quantitativ wie qualitativ) große Unterschied zwischen dem naturwissenschaftlich Möglichen und dem widernaturwissenschaftlich Denkbarem! Unser Gehirn kann Dinge konstruieren (Phantasie, Traum etc.), die es so in der molekularen Welt nicht geben kann (existieren kann), etwa, wenn sie sich vorstellen, ein Quantenflossler zu sein, der vor Millionen Jahren einmal gelebt hat oder sie eine Kugel aus Gold sind, die von der Erde in 1 Sekunde auf den Mond reist. Fiktive Konstruktionen, die physikalische, mathematische oder chemische Gesetzmäßigkeiten brechen und dann auch noch mit irregulären Zeitverschiebungen arbeiten, wirken wohl auf unser Bewußtsein (z.B. Traumarbeit), sind aber nicht wissenschaftlich berechenbar noch voraussagbar. Dieses Paradox, daß das Mögliche (also unser Gehirn) etwas Unmögliches denken kann, was auch noch auf das Mögliche (also unseren Körper) wirkt, ist frei von jeder wissenschaftlichen Determination. Jeder Roman, jeder Film, jedes Theater- oder auch Musikstück und auch jedes künstlerische Bild wie auch jedes Werbebild arbeitet in seiner Wirkungsweise mit der Möglichkeit der „regellosen“ Konstruktion (Phantasie) in unseren Gehirnen. Was genau in unseren Köpfen passiert, kann man zwar mit EEG und MRT messen (sichtbar machen), aber nicht bewerten noch voraussagen. So bräuchten wir in der Architektur Million von Untersuchungen, wie welche Farben, Formen, Materialien und Konstruktionen in unterschiedlichsten Kombinationen und unterschiedlichsten Situationen auf uns Menschen wirken, um ggfs. aus diesen Erkenntnissen eine gestalterische Regel im Sinne des Normativen ableiten zu können. Macht das Sinn?

Das Beispiel der Gotik macht deutlich, wie schwierig es ist, für sich hochkomplexe Bauteillösungen zu einem überzeugenden Ganzen zu fügen (Beispiel Kölner Dom vs. Mailänder Dom). Jede Bauaufgabe bzw. Funktion hat demnach eine dazu passende Form und Materialität, die nicht einfach auf andere Bauwerke übertragen werden kann. Dennoch hilft die kategorisierte Bewertung bei der Gesamtbetrachtung. So etwa macht es keinen Sinn, eine extrem leichte, aerodynamische Karosse zu bauen, wenn der Motor nur 10 PS hat oder die Bremsen und Reifen nur bis 100km/h taugen. Auch hier, bei der (zeit- und raumgebundenen) Bewertung von Architektur, ist letztendlich die Gesamtperformance der Komplexität ausschlaggebend, ob es sich um vorbildliche, mittelmäßige oder schlechte Architektur handelt.

Ein anderes Problem ist zweifelsfrei, daß wir Menschen sowohl komplexe wie auch weniger komplexe Zusammenhänge, Artefakte, Werkzeuge, Maschinen, Bilder, Literatur oder Musik mögen. Wir denken, daß das „Besondere“ wie auch schöne nur durch das „Unbedeutende“ bzw. Banale oder auch Häßliche von uns Menschen wahrgenommen wird: das „Besondere“ (in diesem Fall hochkomplexe Lösungen) wird manchmal auch schon durch die Anzahl bzw. Vervielfältigung in seiner ästhetischen Wirkung eleminiert, da es dem Schönen und Besonderem im Bewußtsein des Betrachters an vergleichbarem Häßlichem und Bedeutungslosem mangelt. Was wäre das Empire State Building, wenn es davon noch ein paar weitere an gleicher Stelle oder benachbarten Orten gäbe? Auch die Originalität und Einzigartigkeit ist -spätestens nach der Reprokunst von Andy Warhol-  ein wichtiger Faktor. Jeden Tag Hummer und Kaviar essen kann auf Dauer auch ganz schön langweilig und abgeschmackt sein, so wie auch tägliche Kartoffelspeisen unsere Sinne auf Dauer nur wenig befriedigen. Dennoch kann man sich die Mühe machen, Objekte, Artefakte und auch Architekturen einmal mathematisch zu evaluieren (auch nur eine Zahl von vielen), um hiermit ein vielleicht hilfreiches, professionelles Werkzeug im Umgang mit der meist subjektiven Bewertung von Architektur zu bekommen. Die Schnittstelle zwischen mathematisch evidenter Komplexität (Ratio) und letztendlich ausschlaggebendem subjektivem Empfinden (individuelle Psyche, ein undefiniertes wie schwankendes Mischmasch aus Erfahrung, Wissen, Ahnung, Glaube und Gefühl) mag weder rational noch irrational lösbar sein, wohl aber bilden beide Pole das grundlegende Bewußtsein für unsere menschliche Existenz. Ein Blick oder Horchen in die Musik mag hierbei hilfreich sein, denn auch hier hat es in der Zeit „hörbare“ Entwicklungen hinsichtlich der Komplexitätssteigerung und effektvollen Sinnesreizung von Kompositionen und Spielarten gegeben, wenn Rhythmus, Takt, Modulation, Moll-Dur, Disharmonien, Dodekaphonie oder einfach nur neue Instrumente im Jazz oder der Klassik über ein simples wenn auch berührendes „Allemeineentchen“ weit hinausgewachsen sind.

Die Natur ist freilch immer noch Meister im Herstellen komplexer Mechanismen oder Organismen. Das komplexe, nahezu chaotische, statisch hochgradig unbestimmte Tragwerk eines Baumes mit seinen vielen unterschiedlich langen, dicken und schrägen Ästen und Zweigen ist beispielsweise wesentlich komplexer als eine symmetrisch konstruierte Baumstütze aus Stahl, auch wenn es formale Ähnlichkeiten gibt. Jeder Ast und jeder Zweig ist én Detail genau so dimensioniert und ausgerichtet, daß im sich ständig änderndem Gesamtsystem (Wurzel, Stamm, Äste, Zweige, Blätter) eine maximal große Blattkrone auf die ständig wechselnden Witterungsverhältnisse -insbesondere den Wind- reagieren kann. Die stählerne, relativ unflexible Baumstütze  hingegen ist auf eine überdimensionierte Maximallast (Dachlast, Windlast, Sicherheitswert etc.) berechnet worden und damit im Vergleich zum Baum permanent um ein Vielfaches überdimensioniert, was aus ästhetischer Sicht schnell zu einer ungünstigen Verzerrung von ästhetisch empfundenen (Natur-) Proportionen führt. Sie kann sich den ändernden Lastfällen nicht anpassen. Darum ist (bisher) jeder lebende Organismus grundsätzlich allen bisher nur möglichen, technisch konstruierten Konkurrenz-Artefakten stets überlegen, auch wenn mit zunehmender Anzahl an Sensoren unsere Maschinen immer flexibler und reaktionstüchtiger werden (Vergleich: Netzwerk Gehirn-Netzwerk Computer). Intelligente Maschinen müssen also über Fähigkeiten verfügen, sich selbst in ihrer Struktur zu verändern, also zunächst einmal Masse und Energie zu steigern oder zu vermindern, um sich effizient (geringer Energieaufwand) und damit optimal an die Umweltbedingungen anzupassen. Ein intelligenter Stuhl würde seine Tragfähigkeit also erst im tatsächlichen Lastfall mit Masse und Energie herstellen (etwa durch einen Sensor, der im Lastfall einen Kompressor aktiviert, um die Membran der Sitzfläche mit Luft zu füllen). Sensoren sind tatsächlich bereits seit mehreren Jahren das A + O im Fahrzeugbau von Flugzeugen, Eisenbahnen, Schiffen oder PKW´s.

Doch wie sieht eine Architektur aus, die sich mit Hilfe von Sensoren „intelligent“ verhält? Neben den bis heute einsetzbaren technischen Sensoren zur Regulierung von Wärme, Kälte, Licht, Schließanlagen oder Brandmeldeanlagen sind die Bauteile selbst noch überwiegend „sensorlos“, statisch, fest und unflexibel. Wie aber sieht beispielsweise ein sensorisches Tragwerk aus? Eine sensorische Decke oder eine sensorische Wand? Kann nicht sogar das gesamte Gebäude oder Teile des Gebäudes sich in seiner Position und Größe entsprechend der neuen Funktion, eines neuen Kontextes oder einer veränderten Witterung verändern? Ein sensorisches Tragwerk etwa würde die benötigten Kräfte und Festigkeitseigenschaften beispielsweise nur bei tatsächlichem Bedarf, also eintretenden Lastfällen aktivieren (Beispiel: pneumatische Architektur . . siehe Sitzmembran, automatisch ausfahrende Windbremsen zur Reduktion von Druck- und Sogkräften bei Fassaden und Dächern, Erhöhung des Bauteildruckes oder Gewichtes bei starken Regenfällen, Schneefall oder starken Winden durch z.B. Hydrauliksysteme oder chemische Wandlungsprozesse etc.). „Intelligente“ Wand- und Deckensysteme könnten z.B. nach Bedarf und Nutzung oder auch Lastfall eingefaltet, abgesenkt, stabilisiert, verschoben werden oder einfach nur ihre Opazität und Lichtfarbe ändern. Natürlich haben alle sensorischen Systeme etwas mit Technik und Kybernetik (Steuerungssystemen) zu tun und verbrauchen für den Antrieb zusätzliche Energie, können aber auch Energie und zusätzliche Nutzungen bzw. Funktionen durch ihre flexible Nutzungsoptimierung einsparen.

Zumindest werden wir schon in wenigen Jahren ganz neue, „smarte“ Bauteile und Materialien kennenlernen, die durch ihre Multifunktionalität und chemisch-sensorische Wandelbarkeit ganz neue Kategorien einführen werden. Dazu zählen etwa heute schon die sogenannten „phase-changing-materials“, Bauteile, die mit microverkapselten, wassergebundenen Wachsen arbeiten und die Wärmespeicherkapazität bei beliebig gewünschter Schalttemperatur enorm erhöhen (z.B. als Beigabe von Putzen, Gipsbauplatten, Mehrscheibenglas etc.). So etwa besitz ein 3 cm Putz mit 30% PCM-Anteil die gleiche Speichermasse wie eine 18cm dicke Betonwand oder eine 23cm dicke Ziegelwand. (Hierbei wird die benötigte Energiemenge  beim sogenannten „Phasenübergang“ von flüssig zu fest oder fest zu flüssig genutzt. Um 1kg Eis mit 0°C zu 1 kg Wasser mit 0°C zu schmelzen, benötigt man eine Energie von 333 Kilojoule. Mit dieser Energie kann man aber auch 1 kg Wasser von 0°C auf ca. 80°C erwärmen.)

Was die Evaluation von Architektur anbelangt, wird sich zumindest die Komplexität der einzelnen Bauteile, Bauelemente bzw. Baustoffe durch solche  und ähnliche Produktinnovationen allein durch die Zunahme an Funktionalitäten stark erhöhen. Auch aus ästhetischer Sicht können hier durch den Faktor Wandelbarkeit und Flexibilität neue Effekte und Anwendungen und damit auch eine höhere Komplexität je Raum- oder Bauteileinheit erzielt werden. Wenn die Bauteile nun selbst durch Sensoren oder chemische Prozesse wie bei den PCM´s die Temperatur, die Wärmespeicherfähigkeit, die Feuchtigkeit, die Akustik, das Licht, die Farbe und ggfs. auch die Härte bzw. Festigkeit (Tragfähigkeit) oder molekulare Dichte und auch Dampfdurchlässigkeit ändern können, haben wir es zumindest technisch mit einer ganz neuen Art von Komfort und Leistungsfähigkeit (Performance) von Gebäuden und Räumen zu tun, die auch zu einer neuen Ästhetik führen kann.

Freilich werden sich auch solche Architekturen in Sachen ästhetischer Komplexität mit denen unserer Vorfahren stets messen müssen, auch wenn wir bei einigen besonderen Gebäuden (etwa den Pyramidenbauten oder einigen Kirchen- und Dombauten) wissen, daß hier mehrere hundert Jahre Bauzeit und heute unbezahlbar viele Handwerksleistung wie auch nicht zu beeinflussendes, geniales schöpferisches „Können“ von Künstlern und Bildhauern (Michelangelo, Alberti, Bramante etc.) notwendig gewesen sind, die aus heutiger Sicht eher unrealistisch erscheinen. So etwa ist zum Beispiel die Maßgenauigkeit der alten Ägypter, deren exakten Quaderfugen der massiven, tonnenschweren Steine weniger als 1/10mm voneinander abwichen (Vergleich zu den Spaltmaßen der hochtechnisierten Automobilbranche), bereits ein Meisterwerk der Baukunst wie auch die römischen Aquädukte mit ihrem über mehrere hundert Kilometer „gleichmäßig“ verlaufendem Gefälle von nur 0,5% eine handwerkliche Meisterleistung sind (selbst Gefälle von 1,5% scheinen für heutige Estrich- und Bodenverleger ein handwerkliches Problem zu sein!).

Die ästhetische Evaluation über ein Punktesystem, welches die Komplexität einzelner Bauteile und Formen etc. von innen- und Außenraum sowie deren wechselseitigen Zusammenhänge bei unterschiedlichsten Nutzungsfällen bzw. Umgebungszuständen bewertet, wird natürlich mit der Bewertung des urbanen oder landschaftlichen Kontextes systematisch fortgeführt. Was nutzt uns die Bewertung einer Kirche oder eines Palastes, wenn wir den städtebaulichen Kontext nicht mit einbeziehen? Stellen sie sich ein Meisterwerk eines bekannten Renaissance-Künstlers vor und platzieren dieses Bild oder diese Skulptur an mehreren, vollkommen unterschiedlichen Orten, und sie werden feststellen, wie unterschiedlich der Kontext (z.B. Mailänder Bahnhof, St. Petersdom in Rom, Museum von Richard Meyer in Frankfurt, Fußballstadion auf Schalke, Atelier Bauhaus Dessau, direkt neben Rembrandt und Vermeer im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig, in einem Großraumflugzeug über dem Atlantik etc.) auf die ästhetische Wahrnehmung des gleichen Bildes wirkt. Der Kontext ist bei der Evaluation von Architekturen mindestens so bedeutend wie das Gebäude selbst! Und sie werden einstimmen, daß besondere Orte und schöne Landschaften als Hintergrund bereits mehr als die Hälfte der Miete ausmachen, um einen Ort bzw. ein Gebäude als schön und zeizvoll zu bewerten. Hier gibt es Synergieeffekte, die weitaus stärker wiegen können als alle Mühe und Schweißarbeit in ein komplexes, ästhetisch anspruchsvolles Artefakt. Aber auch hier haben wir u.a. gelernt, das ideale und perfekte  Zustände (wenn es sie denn überhaupt gibt!) nicht unbedingt ausschlaggebend sind, um einen Ort als spannend, zeizvoll, schön oder besonders zu empfinden. Manchmal ist es es genau das Unperfekte, das Störende, das vermeindlich Häßliche, das Mittelmäßige und Unvollkommene, das Unlogische wie Unverständliche in oder an einer Situation oder einem Artefakt, die für uns Menschen vielleicht gerade darum so interessant und schätzenswert bis liebenswert erscheint.

Was die Rolle der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts anbelangt, insbesondere in der Kunst, ist hier die Zeit zu finden, in denen sich Menschen systematisch und konsequent (beinahe wissenschaftlich strukturiert und organisiert) mit der Wirkungsweise von Einzeleffekten auseinander gesetzt haben. Auch Michelangelo hat zahlreiche Studien und Skizzen angefertigt, um über dieses selektierte Probieren und Studieren einzelner Körperphysiognomien oder Figurenkompositionen usw. die Wirkungsweise einer komplexeren Darstellung zu studieren, deren Ergebnis wir heute so bewundern. Die Künstler der Modernen hingegen haben sich weniger um das „Endwerk“ (also das fertige Bild oder die fertige Skulptur) als vielmehr und ausschließlich um jene vielen kleinen Einzeleffekte gekümmert, die es so zahlreich zu erforschen galt und deren wahrnehmungspsychologischen Erkenntnisse bzw. Grundlagen über Formen, Geometrien, Muster, Farben und Helligkeiten und deren Wechselwirkungen auch heute immer noch Gültigkeit haben. Das rote (oder auch schwarze) Quadrat auf weißem Hintergrund von Malewitsch aus dem Jahre 1915 ist eben nur darum so interessant, da es in der größtmöglichen Reduktion (also dem Weglassen eines störenden Kontexes) die maximale Komplexität des Wenigen bzw. Einzelnen demonstriert und damit das Wesen des Quadrates sowie zweier Farben mit Vorder- und Hintergrund für uns sichtbar macht (gleich, ob es einen Nutzen hat oder sinnvoll erscheint). Das wäre in etwa so, als wenn Dave Garrett auf seiner fast 300 Jahre alten „San Lorenzo“ Stradivari statt Rimski-Korsakow´s beliebten Hummelflug stundenlang nur den Kammerton „A“ spielen würde, um das Wesen dieses einen Tones zu studieren. Ist das legitim? Natürlich ist dies legitim und es ist sogar ästhetisch wertvoll, wenn man bei einigen Kulturen wie auch Tieren ähnliche Vokal und 1-Ton-Meditationen bzw. kommunikativen Sprachsysteme vorfindet (Konzentration auf einen Grundton, Ausblenden des Hintergrundrauschens usw.). Unsere Welt ist so unvorstellbar komplex, daß wir Menschen sie (wissenschaftlich/ akademisch spätestens seit den alten Griechen) methodisch sezieren und zerlegen, um hinter die Geheimnisse des Seins, des Raumes, der Materie, der Energie und der Zeit zu gelangen. Ob uns das so gewonnene Wissen etwas nutzt, ist freilich eine andere Frage, die nicht minderschwer zu beantworten ist, wenn wir uns in ethischen oder zumindest moralischen Spannungsfeldern unserer Zivilisation bewegen. Dennoch: werfen wir nur pauschal einen kurzen Blick auf die Welt der Artefakte, der Gebäude und Städte, so können wir insgesamt nicht glücklich sein über dann doch soviel . . . sprich „zuviel“ der Lieblosigkeit, Mittelmäßigkeit, Belanglosigkeit, Häßlichkeit und Einfallslosigkeit mancher Artefakte und Gebäude. Wir Gestalter, Designer, Maschinenbauer, Architekten und Städtebauer sind die einzigen, die sich darum professionell kümmern! Diesen Job macht sonst keiner außer uns!

Studieren Sie darum als Architekt (oder auch Gestalter, Designer, Musiker, Maler etc.) zunächst alle einzelnen Grundgeometrien, Grundformen, Basismaterialien und sonstigen Einzeleffekte, um ihr spezielles Wesen zu verstehen (quasi das Erlernen des ABC), um sie dann peu á peu in Kombination mit weiteren Formen oder Geometrien, Tönen, Farben etc. zu studieren usw. Schließlich enden sie nicht nur bei einer mehr oder weniger komplexen Gesamtkomposition (also dem eigentlichen Werk) sondern sind auch noch in der Lage, dieses Werk durch Improvisation, durch Variationen, durch unterschiedliche Tempi und Zeitverzögerungen (Synkopen) vielfältig darzustellen, um die Komplexität (in diesem Falle die gesamte Bandbreite des ästhetisch wahrnehmbaren Spannungspotential . .  denken Sie an Hitchkock´s „Psycho“ oder Albinoni´s Adagio in g-moll, an Bach´s „Air“ oder die Toccata in D-Moll oder auch Beethoven´s Pathetique usw.) zu steigern. Da wollen wir letztendlich hin, wenn wir Freude, Genuß und Spaß an der ästhetischen Wahrnehmung haben und die schnöde wie freudlose Ebene des bloß funktionalen wie formalen oder des sich bloß ständig Wiederholenden überwinden und ein wenig dem näher kommen können, was man allgemeinhin als göttlich oder gottgleich bezeichnet. Architektur ist tatsächlich wie gefrorene Musik, die es noch so vielfältig zu entwickeln und zu entdecken gilt!

Bewertungsverfahren wie das oben vorgestellte Punkteverfahren helfen uns dabei, das komplexe Zusammenspiel von Ort, Raum, Form, Material, Farbe, Konstruktion und Funktion besser zu verstehen, es uns „bewußt“ zu machen, was dort im Einzelnen wie im Gesamten überhaupt passiert, wie und warum es passiert und letztendlich auch, wie es ästhetisch auf uns wirkt. Auch wenn wir sehr wahrscheinlich niemals zu normativen -sprich zu jeder Zeit und allen Orten „allgemeingültigen“ Aussagen kommen werden, können wir zumindest versuchen, uns an ein  Quasi-Ideal vorsichtig heranzutasten, um diese Lösung als aktuelle Referenz zur Diskussionn zu stellen, dass andere sich an ihr messen können. Und glauben Sie mir, daß die meisten Entscheidungen für die Gestalt eines Objektes oder eines Gebäudes eben nicht einem halbwegs nachvollziehbaren Bewertungsverfahren zu Grunde liegen sondern meistens höchst irrationale wie subjektive Entscheidungen oder auch Präferenzen einzelner Personen sind (Gestalter, Ausführende wie Bauherren). Nicht selten sind die (ästhetischen) Ergebnisse reine Zufallsprodukte, die konsequent wie leidenschaftlich, aber meist mit beidseitig zementierten Scheuklappen, meist großer Unwissenheit,  Einfältigkeit, großem Starrsinn, Selbstverliebtheit oder auch überzogener Selbstüberschätzung in die Welt gesetzt werden. Beratungsresistenz sind das eine, schlechte Berater das andere, was unseren Alltag im hektischen wie geizdurchdrungenem Schaffen von Artefakten meist prägt. Es fehlt fast immer Zeit und oder mit der Zeit verbundenes Geld, die Dinge der Gestaltung „langsam“ und bedächtig anzugehen. Der Weg nach guten bis optimalen Lösungen braucht nun einmal seine Zeit (sein vertieftes Studium) und kann eben nicht über Copy +Paste von irgendwelchen (automatisierten) Schubladenlösungen generiert werden, die bestenfalls mittelmäßige Lösungen repräsentieren. Gute Architekten nehmen sich diese Zeit, etwa Mario Botta, Peter Zumthor, Alvaro Siza oder auch David Chipperfield – um nur einige bekannte zu nennen-, die Artefakte von A bis Z in jeder nur möglichen Beziehung zu durchdenken. Doch der Alltag der unzähligen anderen „namenlosen“ Architekten und Gestalter -und die sind in der Mehrheit! – haben diesen „Luxus“ von Zeit und wohlwollenden wie potenten Bauherren mit attraktiven Bauprojekten meist nicht. Sie kassieren meist nur ein jämmerlich gedrücktes Honorar, mit dem einfach bei bestem Willen und vorhandener Begabung „keine“ vernünftige oder kulturell bedeutende Architektur zu machen ist! Heraus kommen dann einfallslose Standardkisten wie vielleicht auch gutgemeinte, aber letztendlich konzeptlose Stilvermischungen jeder Coleur. Weil es zum Beispiel keine qualitätssichernden Evaluationsverfahren gibt, die die Bauherren, den gestaltenden Architekten wie auch die Öffentlichkeit (als Bauherr) vor schlechter Architektur schützt.

Die (zunehmende) Vielzahl an Konstruktionsmöglichkeiten, an Bauweisen, an Formen und speziellen Bauprogrammen spricht uns Städtebauer und Architekten eben nicht davon frei, beliebig mit dem Raum und dem Material umzugehen. Demokratie, Individualismus und Freiheit werden hier spätestens mit dem Ende der ach so verhassten Stilarchitektur (also der Kunst des gemeinschaftlichen Bauens nach vorgegebenen Regeln) des späten 19. Jahrhunderts bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts (also dem Beginn der Moderne) bis heute falsch verstanden, solange sich die einzelnen Bauwerke nicht einem übergeordneten, mittel- bis lanfristig angelegtem Grestaltungskonzept unterordnen, welches mehrheitlich von allen Städtebauern und Architekten als bestmöglicher Standard innerhalb des großen Ganzen (also der eigentlichen Baukultur) definiert und akzeptiert wird. Die notwendigen Experimente und das ständige Suchen nach neuen Ausdrucksformen bzw. Bauweisen ist bis heute zum Selbstzweck verkommen, anstatt deren Ergebnisse über Analyse und Evaluation in die vorangegangene Bautradition „behutsam“ und mit bedacht überzuführen. Es ist so, als würden wir unser Recht (z.B. innerhalb eines Rechtsstaates) so flexibel gestalten, daß ein jeder selbst nach freiem Gusto das Recht zu seinen Gunsten auslegen kann. Wir würden das in Sachen des Rechtswesen zweifelsfrei als Anarchie (oder auch Diktatur) bezeichnen und uns -gegen diese Willkür- zurecht wehren. Nicht so im Falle der Städtebau- und Architekturgeschichte der letzten 100 Jahre! Weder Baugesetzte, Stadträte, Handwerksinnungen, Architektenkammern noch ausbildende Universitäten haben verhindern können, daß wir heute mehr denn je in einer Zeit des „Macht, was Ihr wollt“ leben. Das liegt nicht etwa an einer nicht vorhandenen Explosion an Komplexität von modernen Bauwerken bzw. Bauaufgaben, die uns etwa den Gesamtüberblick versperren würde (der Kölner Dom -ab 13. Jahrhundert- oder der St. Peters Dom -ab 16. Jahrhundert- sind Bauwerke von bis heute unübertroffen hoher architektonischer Komplexität!), sondern an einer [mit der Industrialisierung und dem Kapitalismus beginnenden] schleichenden sozialen, gesellschaftlichen, politischen wie wirtschaftlichen, damit insgesamt kulturellen Zersetzung bzw. Abflachung von kulturellen Werten wie auch handwerklichen Techniken (Quantität statt Qualität!). Die Industrialisierung (Technik) hat in Kopplung mit dem Kapitalismus ein ganzes soziales wie kulturelles Wertesystem innerhalb nur weniger Jahrzehnte komplett umgekrempelt. Die Industrialisierung hat die Menschheit bis heute zu modernen Knechten, Sklaven oder Leibeigenen gemacht und dabei mit dem gewaltigen Hunger nach Rohstoffen und Energien ganze intakte Landschaften und Natursysteme dem Erdboden gleich gemacht. Heute glauben wir mit allem Wohlstand und Luxus „frei und unabhängig“ zu sein, bleiben aber dennoch stets Gefangene unseres mittlerweile global ausgedehnten Wirtschafts- und Machtsystemes, das wir mit aktuellem Blick auf China, Afrika, Südamerika oder Korea wie auch auf die globale Umweltzerstörung jedoch nicht mehr oder immer weniger kontrollieren, geschweige denn verantworten können, weil immer deutlicher wird, das unsere Politiksysteme wie auch unsere Techniksyeteme keine echten Kultursysteme (also pro civitas), sondern primär rein wirtschaftlich orientierte Machtsysteme (pro pecunia) von wenigen Privilegierten sind. All das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir von Fortschritt und Moderne sprechen! Weder der amerikanische Traum, weder Hitler, weder Marx und Engels noch Stalin, Lenin oder Mao . .  und auch nicht alle ach so sakrosanten Weltreligionen haben uns wirklich eine bessere, fortschrittlichere Welt im Sinne von „civitas + natura“ geschenkt. Weder haben sie Gerechtigkeit, Frieden noch wirkliche Freiheit in die Völker gebracht. Immer nur geht es um Macht, um Herrschaft, um Beherrschung, um Vorteile von wenigen über viele. Der sogenannte Westen hat in den letzten 200 Jahren so viel intakte Erde vernichtet, daß ganze Arten aussterben, Ozeane leer gefischt sind, es zu gravierenden Klimaverschiebungen kommt (oder kommen kann), ganze Ökosysteme kippen und ganze Landstriche toxisch oder radioaktiv verseucht sind. Es ist, also ob wir an dem Fortschrittsmüll, den der Westen seit 200 Jahren produziert, allmählich selbst ersticken. Tonnen von giftigen Chemikalien haben wir aus der Erde geholt, sie in Artefakte gepreßt und als Müll wieder auf Mutter Erde als Todestrank geworfen. Allein das Spiel mit der Radioaktivität hat die Erde seit 1945 (6. + 9. August Bomnenabwurf auf Hiroshima und Nagasakie) wahrscheinlich einen ganzen Kontinent an Leben gekostet und es grenzt an ein Wunder, das der Max-GAU bei 70.000 Atomsprengköpfen in der Hochzeit des Kalten Krieges zwischen der ehemaligen UdSSR und den USA bisher immer noch nicht eingetroffen ist.

Solange es im 21. Jahrhundert keine Exitstrategien gibt, an denen sich alle Länder, vielmehr alle Menschen dieser Erde festhalten, werden die Verluste an Natur und Leben so hoch sein wie noch nie zuvor. Die Brennbunkte werden immer deutlicher und heftiger, wenn 50 Millionen, 100 Millionen oder gar 500 Millionen Menschen und mehr auf die Straße gehen/ gehen werden, um gegen Unrecht, Unterdrückung, Diktatur und Gewalt zu demonstrieren und dabei nicht selten gegen sich selbst kämpfen werden. Die Angst um den Clash of Cultures (orig. „Clash of Civilization“, 1993 von S. Huntington) ist trotz Coca-Cola, Nike und Tittytainment (1995 von Z. Brzezinski eingeführter Begriff, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident J. Carter) so nah gerückt wie nie zuvor. Es brodelt in China, in Griechenland, in Italien, in Ägypten, in Syrien, in Brasilien, in Mexico, in den USA, in Korea, in Rußland usw., daß es in Zeiten von Twitter und dem www nur eine Frage der Zeit ist, wann es zu einer globalen Solidarisierung der Menschen kommen wird. Und weit und breit gibt es keine (politische) Person -noch ein politisches Konzept!- , die wie einst M. Gandhi, Mutter Theresa, N. Mandela, K. Annan, M. L. King, J. Carter, J.F. Kennedy, W. Brandt oder M. Gorbatschow eine „global“ akzeptierte Führungsposition einnehmen könnte, um ein mögliches Chaos von gewaltsamen Bürgerkriegen (wie in Yugoslavien, Somalia, Syrien etc.) verhindern zu können. Zu groß sind die politischen Unterschiede, zu stark die Emotionen der Bevölkerung, zu groß die Kluft zwischen Arm und Reich und zu schwach wohl die internationalen Organisationen (etwa die UNO). Allein der irrationale Dauer-Zankapfel der Religionen zwischen dem Islam, den Christen und Juden beweist die große Unfähigkeit der religiösen Führer, wirklich Frieden und Liebe zu stiften. Ein weltweites Waffenverbot würde helfen, Schlimmeres zu verhindern.

Hinter diesen gesellschaftlich bedrohlichen Hintergründen kommen nun wir Architekten (und Künstler, Musiker, Dramaturgen, Dichter…) und vollen mehr baukulturelles wie ästhetisches Verständnis, werben für neue Technologien und Baumaterialien usw. All das, nicht weil wir in einem Elfenbeinturm leben, sondern weil es eine pädagogische Tugend wie Einsicht ist, die Menschen mit kulturell bedeutsamen Artefakten zu konfrontieren, daß sie das Gute und Wohlwollende im Menschen befruchtet und unterstützt! Das Lieblose unserer Artefakte spiegelt sich in unseren Seelen wider wie auch umgekehrt. Wir können das Gute im Menschen nur durch das Gute -also das „Schöne“ und „Geistreiche“- fördern, stützen und erhalten. Es erinnert uns daran, daß wir Menschen auch „anders“ können als brutal, agressiv, plump und einfallslos. Anspruchsvolle Architektur -wie auch anspruchsvolle Kunst, Literatur, Musik oder Theater- und Tanzstücke etc.- sind ein flüchtiges bis bleibendes Denkmal und auch ein Stück Hoffnung für den kultivierten, liebenden, friedlichen Menschen! Nicht mehr und nicht weniger. Es kann nur dieses eine Ziel sein, zu dem wir Menschen streben können, um für uns eine angenehme, befriedigende Welt zu schaffen, die unsere Befriedigung nicht aus dem natürlichen Prinzip von „Mord und Todschlag“ (Darwinistisch also: Fressen und gefressen werden…oder auch „Survival of the Fittest“), also den primitiven, archaischen, tierischen Machtgelüsten zieht (biblisch auch: Auge um Auge, Zahn umd Zahn), sondern geistig und sinnlich viel höher- und weiterentwickelt ist. Zumindest muß den leiblichen Instinkten und Trieben -wenn man/ Mensch sie schon mental nicht kontrollieren kann- ein vergleichbares Gegengewicht zur Balance entgegen gestellt werden. Umgebe Dich mit dem „Schönen“ und es wird Deine Seele -und damit Deine Menschlichkeit- auf wundersame Weise besänftigen!

Wenn man sich die Stilarchitekturen der letzten 2000 Jahre vergewissert, wird klar, daß massive, wehrhafte Burgen- und Festungsarchitekturen eine ganz andere Ausstrahlung auf uns Menschen haben als beispielsweise geometrisch ausgewogene Renaissancebauten (Ratio, Mathematik) oder romantisch verschnörkelte Barock- oder Jugendstilbauten (paradisische Fleischeslust á la Adam + Eva in P.P. Rubens-Manier). Gotische Bauwerke hingegen sind ein Zwitter, halb Monumental, halb Entmaterialisiert. Wahrscheinlich hätten die gotischen Baumeister (oder mehr „Ingenieure“) ihre Kathedralen wie Paxton und Eiffel gebaut, wenn sie Stahl und Glas statt Stein als Baumaterial gehabt hätten. Und natürlich hatten die Alten Griechen bereits mit Stein (und Holz) bereits eine extrem feine Vorstellung von Maß und Zahl (Proportionen), Transparenz, materieller Auflösung, Filigranheit der Bauteile und ästhetisch ansprechenden Linien und Kurven, die die Römer zunächst nur kopieren konnten und erst sehr viel später mit der Renaissance (15. und 16. Jahrhundert) weiterentwickelt haben. All das wirkt -wenn wir es denn vor Augen haben!- nachhaltig auf unsere Kultur, auf unsere persönliche Menschwerdung, auf unsere Sinnesschärfe und sehr, sehr wahrscheinlich -wenn wissenschaftlich auch noch nicht ganz bewiesen- auch auf unsere neurologische Struktur und Entwicklung im Denken und Fühlen! Darum ist es so wichtig, der (also unserer) Unfägigkeit des politischen wie sozialen Lebens etwas „Schönes“ entgegen zu setzen, an dem sich unsere ungünstigen Eigenschaften aufrichten und orientieren können, daß wir das Rohe und Gewaltsame in uns in soetwas wie „Erhabenheit“ überführen können. Und was wären wir für armselige Kreaturen, wenn wir all das (überflüssige) Schöne tatsächlich streichen würden? Mag sein, daß wir vielleicht (agressive) Säuge-Tiere mit primitiven Instinkten und Trieben bleiben, doch unser Geist hat in der Geschichte der Menschheit mehrmals bewiesen, daß er uns zu höheren Sphären des Bewußtseins und des Schöpfens bringen kann. Im Übrigen ist die Musik einer Epoche oder Generation ein sehr guter Seiesmograph für die seelische und ästhetische Verfassung einer Gesellschaft. Je schneller der Takt, je eintöniger die Melodie und je lauter die Töne, desto kopfloser, also animalischer oder triebhafter unser Menschsein, desto aktover unser limbisches System. Das (kontrollierte) Denken und ästhetische Empfinden hingegen beginnt mit einem Schweigen und Zuhören und zuckt eben nicht mit der rhythmischen Libido unseres Körpers. Stimulanz und Erregung (“ I Can´t Get No Satisfaction“, M. Jagger/ K. Richards, 1965) sind zweifelsfrei auch Mittel in der Architektur (Beispielsweise im Barock oder auch Jugendstil), sind aber in ihrer Wirkung meist nur von kurzer Dauer, da ihnen geistige Substanz fehlt, die die Zeit und den Augenblick übersteht. Der „Paukenschlag“ (in der Architektur etwa der „Dekorierte Schuppen“ der Postmoderne) ist aus der hedonistischen Perspektive legitim, doch er muß sparsam verwendet werden, um nicht in (militärische) Stupidität und gehorsame Gewöhnung zu verfallen. Las Vegas macht Spaß, ist aber als Lebensraum vollkommen ungeeignet. Das laute Spektakel ist u.a. Sache der Musik, des Theaters und vielleicht auch der Kunst, nicht aber der Architektur und des Städtebaues, wie wir es immer wieder seit nunmehr 50 Jahren weltweit beobachten können.

Der Dekonstruktivuismus ist etwa eine solche Spielart, die keine Ordnung und Sinnhaftigkeit erkennen läßt, außer der überhöhten Selbstdarstellung durch provokante Andersartigkeit. Als Raumlösung ist die Dekonstruktion nur schwer geeignet, da der Formalismus wider und zugleich mit der Konstruktion etwas Zersetzendes, Negierendes, Unvollendetes, wenn auch Witziges und Ironisches im Sinne von Ambivalenz als Form der Kritik hat. Doch wenn Architektur und Städtebau sich selbst nicht mehr für wichtig und lösbar hält, bekunden wir damit nicht mehr und nicht weniger als unser Versagen und unsere Unfähigkeit, eine Art nihilistische Kapitulation („Gott ist tot!“ aus „Die fröhliche Wissenschaften“ von F. Nietzsche, 1882). Das inszenierte Chaos (gleichsam der urgewaltigen Schöpfung und Werdung der Erde und des Kosmos) selbst -von dem wir ja nicht wissen, ob es zu „etwas“ wird oder ob es zerfällt- hat ästhetisch betrachtet freilich seine Substanz und Wirkung durch die eingefrorene, daher für uns Menschen ungewohnte Darstellung eines Prozesses. Aber mehr als eine reißerische Momentaufnahme ist es dann auch nicht, womit wir Menschen wieder zum triebhaften Voyeur kommen! Der Prozess des Werdens oder Sterbens taugt als Leitbild für eine wissenschaftlich basierte Kultur nicht, ist bestenfalls noch wissenschaftlicher Teil einer experimentellen Analyse vom Werden und Vergehen (von Konstruktionen) und hat damit eher Forschungs- und Laborcharakter. Das gleiche gilt, wenn Architekten die Architektur und den Städtebau mit der Bildhauerei verwechseln und spannende „Skulpturen“ formen wollen, für die es aber keine logischen, natürlichen Konstruktionen gibt. Die formale Abstraktion ist immer nur Teil des (notwendigen) Forschens, nicht aber schon das Ergebnis selbst! Abstraktion als Selbstzweck im Ergebnis ist einfach nur dumm, unvermögend wie unbefriedigend, bestenfalls eine Übung, eine Etüde und beleidigt alles Können vorangegangener Epochen. Nicht so in der Kunst, wohl aber im Sädtebau und der Architektur, die weder Satire, Karrikatur, Plastik, Comic noch Kunst sind! Diesen Unterschied haben wir leider mit den auf die Moderne folgenden Experimenten der individuellen wie sozialen und politischen Befreiung verlernt, wenn die starken wie zweifelsfrei notwendigen Antiparolen gegen allen Mief der Vergangenheit (insbesondere gegen den Faschismus in Deutschland) automatisch auch auf über Jahrtausende entwickelte Prinzipien der Ästhetik und Baukultur übertragen wurde, was man mit den Naturwissenschaften freilich nicht konnte. Doch Architektur und Städtebau hat sehr wohl etwas mit Erkenntnissen, mit Mathematik und Physik zu tun, das man sie eben nicht ideologisch beliebig verpressen und biegen kann.

Unsere Professoren an der Technischen Universität Braunschweig, die überwiegend in den 1930´er Jahren geboren waren (M. v. Gerkan,  C. Schulitz, M. Schiedhelm, R. Ostertag, G. Wagner, K. Hartmann, H. Wehberg, J. Weber u.a.), haben die radikalen Umwälzungen der 50´er und 60´ er Jahre als junge Erwachsene und „Junge Architekten“ mit aller Faszination des sogenannten deutschen Wirtschaftswunders sowie den rasanten wie langanhaltenden Wiederaufbau mitbekommen und schließlich selbst in den 1970´er und 1980´er Jahren an der großen Befreiung der zum Vulgärfunktionalimus fehlentwickelten wie leidsam mißbrauchten Moderne u.a. durch die Postmoderne (quasi als Nachzügler der Kunstrevolte von Joseph Beuys und Andy Warhol) und andere stilistische Extreme im Halbrausch der 68´er Bewegung (dafür waren die Herren und Damen wahrscheinlich schon zu sehr etabliert) partizipiert. Doch immer wieder wurden unsere allzu kreativen Gegenentwürfe bzw. Alternativen zur Postmoderne in den 1990´er und 2000´er Jahren á la „Architektur muß brennen“ (G. Behnisch, Coop Himmelblau usw.) als zu formalistisch und zu willkürlich disqualifiziert und gekonnt auseinander genommen. Eben weil diese Generation, geprägt u.a. von Mies, von Gropius, May, Krämer und auch L. C., gesehen bzw. eingesehen hat, wie stark wir uns spätestens mit der Postmoderne von den eigentlichen Zielen bzw. Visionen einer vernunft- und wissensbasierten, „modernen“ Gesellschaft (die Vision und Utopie der 1920´er Jahre?) distanziert haben, zumal auch einige der sozialen Experimente der 68´er Bewegung (sexuelle Revolution, Kommune, Pille, Emanzipation, Studentenrevolution etc.) nicht immer funktionierten. Die Postmoderne (wir holen mal den bunten wie spaßigen, dennoch fein geordneten und auch philosophisch mit J.-F. Lyotard sorgsam unterbauten Formen- und Farbkasten der Geschichte heraus, um der wilden („born to be wild“ anno 1968) Kultur der Bronx und der Popart etwas zivilisiert „europäisches“ entgegen zu stellen) mußte scheitern. Denn Architektur taugt für 1:1 Adaptionen aus der jeweiligen aktuellen Kunst- und Modestörmungen nur bedingt bis garnicht!

Was aber blieb, wenn man auch den ollen Schinkel, den Klassizismus nicht wieder beleben wollte? Also wieder zurück zur Moderne ???, zu Mies van der Rohe etc., zu echten Konstruktionen, zu ehrlichen und innovativen Materialien, zu den Erkenntnissen der aktuellen Wissenschaft, zu rational begründeten Architektursprachen, die wirtschaftlich, funktional wie auch ästhetisch wieder Sinn machten und endlich wieder auf den Kontext reagierten (denn auch der Städtebau war/ ist eine Katastrophe). Doch das große Dilemma der neuen Freiheit, der Selbstbestimmung und Individualisierungen, der Welt der unendlich vielen Möglichkeiten etc. ist ja bis heute weder sozial noch kulturell, wohl aber marktwirtschaftlich gelöst. „Leben und Leben lassen“, also eine überaus tolerante Gesellschaft,  bewahrt uns heute „noch“ vor heftigen zivilen Auseinandersetzungen, erzeugt dabei in der Summe unglaublich viel Diversität, viele Biotope, ist aber nicht mehr in der Lage, grundlegende Orientierung, Halt, Sicherheit und gemeinschaftliche Ziele und Wertevorstellungen vorzugeben außer dem Prinzip der Vielfalt und Toleranz selbst. Dies führt aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einem schleichenden Auseinanderdriften von Gesellschaften in kleine Gruppen (also nicht miteinander kommunizierende Parallelgesellschaften) und dem Verlust von Volksmacht und der damit einhergehenden Stärkung von Wirtschaftsmacht. Nur selten finden diese Gruppen seit dem RAF-Terror, der Ölkrise und dem Ende des Kalten Krieges mit der Wiedervereinigung zusammen, um kritisch gegen das ein oder andere zu protestieren oder Solidarität im Sinne von Schwestern- und Brüderschaft zu zeigen (z.b. Fußball-WM 2006, Lichterkette 1992 in Sachen Brandanschlag von Mölln). Auch die Medien, insb. das Fernsehen, kann seit Mitte der 1980´er Jahre (Etablierung des Privatfernsehen) mit ihren einst so erfolgreichen „Familien“-Formaten (Der Große Preis, Wetten das?, Die Schwarzwaldklinik, Sportschau etc.) nur noch Teile der Bevölkerung synchron erreichen. Und weil seit dem (Zerfall der UdSSR, Wiedervereinigung) kein wirklicher Feind (vielleicht noch die Radiaktivität, div. Weichmacher in Kunststoffen und Farben, die Klimakatastrophe, das Artensterben, der antiwestliche Terror islam. Fundis) mehr in Sicht ist und der ganze stigmatisierende Ballast des komplexen internationalen Regelwerkes (Kalter Krieg) futsch ist, zählt eigentlich nur noch der clever zu erwirtschaftende Profit (Wettbewerb der Abzocke), das ICH, die persönliche Leistungs-Referenz (Haus, Auto, Boot, Kind + Kegel etc.) und sonstige „Vorteile“, die wir unseren Kindern in Vorbereitung auf die hart umkäpfte Leistungsgesellschaft (survival of the fittest!) aufbürden. Hier schwingt mit vorgehaltener Hand all die Angst und Ahnung mit, daß wir früher oder später doch noch die Zeche zahlen müssen, die 60 Jahre Wohlstandsgesellschaft auf dem Rücken der Natur und der armen, ausgebeuteten Völker angerichtet haben. Nicht umsonst rüsten man derzeit überall mit orwellscher Sicherheitstechnik („1984“ ist 1949 publiziert worden!) auf, um 7 Mrd. Menschen im Fall der Fälle (also der interkontinentalen Super-Demo) kontrollieren zu können. Parallel üben wir uns -wie auch alle Geheimdienste dieser Erde- weltweit mit dem Medium Internet auf Kommunikation, Völkerverständigung (Spionage) und Kulturaustausch (Datenaustausch) oder wollen doch nur ein Schnäppchen in der Geiz-ist-geil-Konsumwelt bei E-bay schlagen…während die (insb. amerikanische) Robotertechnik bereits alle militärischen Funktionen kostengünstig und hocheffektiv ausüben kann (perfect-kill by joystick).

Und in solchen Zeiten kommen chinesische (natürlich auch deutsche) Bauherren und wollen auf dem frischen Neubaugebiet vor den Toren der Stadt „traditionelle Friesenhäuser“ bauen! Freilich haben die Chinesen wie auch die Japaner noch eine ganz andere, nämlich extrem ambivalente  Beziehung zur staatlich autoritär anerzogenen „Kulturpflege“, weil auch sie ein wenig den alten, guten Zeiten hinterhertrauern, in denen ein festes, soziales wie kulturelles Regelwerk das Überleben auf und mit der Landschaft über Generationen hinweg sicherte! Doch es ist der falsche Weg, so, wie auch die „alte“ Ado-Gardine ins Retro-Museum gehört (die neuen Ado-Gardinen sind übrigens sehr modern!). Der Respekt vor den Leistungen der Alten ist das Eine, was jede Gesellschaft zu leisten hat. Die Suche nach zeitgemäßen, adäquaten Lebensmöglichkeiten das Andere, was jede Epoche wie Generation neu für sich herauszufinden hat. In der Architektur ist alleine wichtig, welche Strukturen verwendet werden, daß sie mit möglichst allen oder sehr vielen komplexen Anforderungen kompatibel sind. Konstruktionen und Materialien können und werden sich lt. dem technischen Fortschritt ändern, nicht aber grundlegende Strukturen, die sich wie ein roter Faden durch unsere Kulturgeschichte ziehen, die das tragende Fundament von temporär wechselnden Funktionen sind und die synchron mit dem Logos und unserer Sprache verlaufen. Diese Zäsur zwischen fundamentaler (Raum- und Tragwerks-) Struktur und modischer Applikation (ehemals das Ornament, heute das Design) und sich ändernden Raumprogrammen bzw. Nutzungen müssen wir machen, um das System des Logos und der (Natur-) Wissenschaften nicht ad absurdum zu führen. Alles andere ist inkonsequent, schizophrän, ambivalent, trügerisch und destruktiv, nicht vorbildlich noch richtungsweisend. Scheinwelten sind Welten ohne Substanz und genügen niemals einer kulturellen Existenzsicherung.

Um diese wichtige Unterscheidung zu verstehen muß man das Wesen von Strukturen und des Logos, der i.d.R. den äußeren, naturgegebenen Strukturen angepasst ist, studieren. Kein Molekül, keine chemische Verbindung unserer Welt kommt ohne eine solche mathematische und physikalische Struktur aus. Hier herrschen feste Gesetzmäßigkeiten für das eine oder das andere, daß ein jeder Stoff, ein jedes Molekül bis hin zu ganzen Organismen, die aus unendlich vielen Molekülen bestehen, nur innerhalb dieser speziellen Strukturen existieren kann. Dabei gibt es mehr oder weniger statische bzw. ruhende Strukturen und Strukturen, die äußeren Einwirkungen und Kräften ausgesetzt sind und sich diesen Kräften oder Energien strukturbedingt anpassen können, ohne dabei in eine neue Struktur zu zerfallen. Ein Grashalm oder ein Baum ist beispielsweise so strukturiert, daß er sich den extremen Windkräften anpassen kann, ohne dabei als Gesamtsystem bzw. Gesamtstruktur zerstört zu werden. Hierbei ist es nicht die eine oder andere Zellstruktur sondern das mehr oder weniger lockere Gefüge von Zellen in Ringstruktur um eine Kernachse, die den Baum so flexibel und fest wie eben nötig macht. Diese Zellen bzw. der Zellenverband darf weder zu steif (spröder Bruch) noch zu locker (dauerhafte plastische Verformung) sein. Der Spielraum, den die einzelnen Zellen und Zellverbände innerhalb der chemischen Struktur haben, ist dabei sehr gering. Neben den Windkräften muß der Baum nun auch noch gegen Hitze, Kälte und Feuchtigkeit geschützt sein (Rinde, Borke) und er braucht innerhalb der Zellstrukturen ein effizientes vertikales wie horizontales Versorgungssystem (Kapillarsystem), um alle Äste, Zweige und Blätter von der Wurzel aus mit Nährstoffen und Wasser zu versorgen. Wächst der Baum schief oder wächst die Krone einseitig, droht er wegen der Gravitationskräfte zum Erdmittelpunkt hin zu kippen. Das ist der Grund, warum der Baumstamm und die Krone kreisförmig um eine vertikale Achse wächst. Die Physik (Statik) gibt also vor, wie sich die einzelnen Zellen räumlich zu einem Stamm und einer Krone anzuordnen haben. Und gewachsen wird nicht schichtweise mit einem festen Durchmesser, sondern ringweise mit zunehmendem Durchmesser, da sich mit zunehmender Höhe des Baumes das Drehmoment (Kraft x Hebelarm) und das Eigengewicht erhöht und Höhe und Durchmesser des Baumes statisch wegen der Knicklänge stets im gleichen, idealen Verhältnis bleiben sollten. Diese physikalischen und chemischen Strukturen bleiben Konstruktionsprinzip des Baumes und können nicht beliebig verändert werden, ohne das komplexe System bei gleichen Umwelteinflüssen zu benachteiligen. Greift man in solche stabilen, optimal ausgeklügelten Systeme ein, etwa bei der Tier- und Pflanzenzucht, kommen meistens Mißbildungen und krankheitsanfällige Züchtungen heraus, die die komplexen Grundfunktionen der Tiere (Beispiel Dackel, Basset, Bobtail) oder Pflanzen (Zuchtrosen, Zuchttulpen, Apfelbäume) stark einschränken können. So etwa ist das maximale Wachstum des menschlichen Gehirns in erster Linie abhängig von der statisch machbaren Knochen- und Muskelstruktur des Schädels und der Wirbelsäule innerhalb der verschiedenen Wachstumsphasen. Unser Gehirn ist strukturell bzw. statisch nicht für größere, schwerere Gehirne konzeptioniert und müßte erst durch Mutationen zu anderen Größenverhältnissen gelangen. Problematisch ist hierbei nicht die Größe des Kopfes, sondernd das enorme Wachstum der Schädeldecke, was hierfür notwendig wäre.

Und in der Architektur gelten diese Naturgesetztze, insbesondere die Statik, in ähnlicher Weise. Eine Holzstütze hat für den gleichen Lastfall andere Querschnitte als eine Stein- oder Betonstütze usw. Hierbei ergeben sich also materialbedingte, aber auch strukturbedingte Idealformen (Papp-Wabenstruktur vs. Vollholzquerschnitt, H-Profil vs. Rohrprofil), um als Stütze oder Träger für die Spannweite x und die Last y effektiv brauchbar zu sein. So kommen die materialspezifischen Proportionen von Konstruktionen ins Spiel, daß eine Stütze, eine Wand oder ein Träger mit der Höhe h und der wirkenden Last F einen idealen Durchmesser d oder eine ideale Breite b haben muß usw. Sollen die lastabtragenden Stützen schlanker werden, muß der Stützenabstand und damit die (Decken-) Last F je Stütze verringert werden. Sollen die Stützen einen großen Abstand a haben, müssen die Stützen und der tragende Deckenbalken (Sturz) einen entsprechend größeren Querschnitt besitzen, um die höheren Lasten je Stütze und das höhere Biegemoment im Träger abzufangen usw. Ähnlich ist auch unser Skelett konstruiert bzw. dimensioniert. Je nach Lastfall und Beanspruchungsart sind die Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskeln ganz unterschiedlich geformt und ausgeprägt. Das statische Grundprinzip bleibt aber bei allen Knochen- bzw. Skelettaufbauten immer das gleiche. Folgt nun eine frei erfundene Form, z.B. eine mehrfach gewölbte Schale, nicht den idealen Kraftlinien, muß eine verhältnismäßig aufwendige Hilfskonstruktion oder ein überdimensioniertes Bauteil verwendet werden. Diese Hilfskonstruktionen können zumindest bei zugbeanspruchten Bauteilen sehr elegant durch hochzugfeste, leichte Carbonfasern (innen wie außen) oder auch filigrane Seilabspannungen relativ „unsichtbar“ bzw. unbemerkt in oder an das Bauteil eingebracht werden. Bei auf Druck- und  Biegung belasteten Bauteilen ist dies schon weitaus schwieriger, da Druckkräfte nur von sehr dichten, also schweren Materialien (Stein, Beton, Stahl) aufgenommen werden können, wenn man sie nicht durch räumliche Sekundärtragwerke, etwa einem Fachwerkträger oder einer Seilabspannungen etc. räumlich löst. Doch ein Baum mit Krückstock scheint nur wenig ästhetisches Potential zu haben. Warum also sollen wir einen schiefen Turm bauen, der nur durch aufwendige Sonder- und Hilfskunstruktionen stabil ist?

Hier nun greift das Prinzip des Logos, der mit möglichst geringem Aufwand maximale Perfomance herstellt, indem er ohne Umwege -also meist über den kürzesten, direkten Weg- den Gesetzen der Physik folgt. Will man z.B. eine Kuppel bauen, kann die statisch ideale Form einfach über eine hängende Kette ermittelt werden (wie bei A. Gaudi´s Sagrada Familia), so, wie eine gewölbte Membrane über die natürliche Oberflächenspannung von Seifenblasen simuliert werden kann. Die formal von uns favorisierte oder beabsichtigte Linie folgt also i.d.R. nicht automatisch der statischen Ideallinie in der Konstruktion. Wollen wir nun die Naturgesetze unbedingt bezwingen (weil wir etwa nicht Untertan der Natur sein wollen (Glaube) oder die Naturgesetze einfach noch nicht kennen (Dummheit)), entscheiden wir uns für die mehr als anstrengende wie umständliche Quadratur des Kreises (Architektur der Klimmzüge). Folgen wir hingegen dem Logos der Natur und seiner Gesetze, folgen wir einfach der Linie einer Kette (oder eines Seiles) oder der natürlich sich formenden Oberflächenspannung einer Seifenblase. Die eine Konstruktion wird wahrscheinlich plump, kompliziert und umständlich wirken, die andere ist wohl statisch wie auch ästhetisch kaum mehr zu optimieren. Dieses Beispiel läßt ahnen, daß wir in der idealen wie effizienten Gestaltung von Konstruktionen garnicht so frei sind, wie wir es vielleicht immer denken oder es uns wünschen. Hier haben wir gestalterisch lediglich noch die Chance, aus symmetrischen Kräftegleichgewichten (Prinzip Waage) auch asymmetrische Lastverteilungen zu konstruieren (links kurzer Hebelarm x hohes Gewicht = rechts langer Hebelarm x geringes Gewicht). Ein schief wachsender Baum muß den verschobenen, statisch ungünstigen Schwerpunkt des Stammes (es wirkt hier durch den Neigungswinkel ein ungünstiges Drehmoment) durch eine gegenüberliegend wachsende Krone (oder Astwerk) ausgleichen, um stehen zu bleiben (analog zum Balanceakt eines Seiltänzers mit Stangen). Freilich kostet der asymmetrische Balanceakt zusätzliche Kraft und Aufwand und ist zudem meist mit funktionalen Mängeln behaftet. Stellen sie sich vor, unsere Beine wären um 10cm in der Länge verschieden: wir würden humpeln und wahrscheinlich den Sprint verlieren. Andererseits ist ein schief gewachsener Baum, der seine Krone weit über einer schönen Wiese oder Flußaue auskragen läßt, ein herrlich romatischer Ort. Folgen wir also eher dem Prinzip der Rationalität, der Ökonomie und der Effizienz, werden i.d.R. symmetrische Systeme als statische wie funktionale Ideallösung bevorzugt. Folgen wir hingegen mehr unseren ästhetischen Empfindungen, sind es eher unsymmetrische Systeme, die uns beschäftigen und uns wahren Sinnesgenuß bescheren. Andererseits brauchen wir die Asymmetrie (also das Gleichgewicht im Ungleichgewicht), um statische Systeme weiter zu entwickeln, schließlich auch, um Fortschritt und Wachstum zu generieren. Das ungleiche Paar, etwa als Komplementär, ist Ausdruck einer solchen Asymmetrie, bildhaft z.B. Dick und Doof, die Schöne und das Biest, Adam und Eva usw.  In der Kombination des Ungleichen können (evolutionär wie auch ästhetisch) vorteilhafte Symbiosen entstehen, da es hier zu einer Steigerung bzw. Verbesserung von Qualitäten (oder auch Fähigkeiten) kommt! In der Architektur wäre dies vergleichbar mit der Kombination von Transparenz und Massivität (Opazität), von der Vertikalen und Horizontalen, von Regelmäßigkeit und Störung, von Groß- und Kleinmaßstäblichkeit usw. Die Sprachverschiedenheit erzeugt Spannung, die einen vermittelnden (lösenden) Denkprozeß, also eine neuronale Vernetzungsarbeit im Sinne von Bewußtseinserweiterung verursacht.

 

revolution der architektur ?!

Montag, April 22nd, 2013

revolution der architektur ?! : rückschauend auf die vorangegangenen Beiträge muß sich in der Architekturauffassung und Architekturproduktion grundlegend etwas ändern. Zunächst müssen wir die Wirkungen der bereits mehrere Jahrhunderte andauernden industriellen Revolution (Rationalisierung, Mechanisierung, effiziente Technologien, Verstädterung etc.) und seit wenigen Jahrzehnten auch die Auswirkungen der digitalen Revolution hinsichtlich unserer sozialen und wirtschaftlichen Kultur bzw. Organisationsstrukturen neu bewerten und hierfür geeignete, passende Lösungen finden. Wenn wir neue (technische) Möglichkeiten der Kommunikation, der Mobilität, der Energie- und Rohstoffverwertung, der Arbeitsorganisation, der Logistik usw. haben, sind die alten Strukturen und Arbeitsaufwendungen (Arbeitsplatzverteilung) aus dem letzten Jahrhundert obsolet: wir brauchen neue Strukturen, neue Werte, neue Märkte und natürlich auch andere Gebäude und Infrastrukturen. Daß wir heute nach über 150 Jahren Eisenbahngeschichte immer noch auf zwei aufwendig auf einem Schotterbett verlegten Metallgleisen mit gemütlichen 100km/h bis 200km/h durch´s Land reisen (Verspätungen mal nicht eingerechnet) und auch unsere Autos auf den Autobahnen kaum schneller als 130km/h fahren (Tempolimit, Staus usw.) , ist nicht wirklich ein technischer Fortschritt, den wir in den letzten 100 Jahren gemacht haben. In der Landwirtschaft hingegen hat 1 Maschine mit 1 Schlag 10 bis 20 Arbeitsplätze ersetzt und ist zudem noch 10 bis 100 mal schneller als per Hand, mit dem Pferd oder Ochsen. Im Berufserkehr brauchen wir wie eh und jeh (damals 1 Stunde zu Fuß oder mit dem Fahrrad/ Krad) immer noch mehr als 1 Stunde täglich, wegen der Staus, der zahlreichen Ampeln und den weiter entfernten Arbeitsplätzen. Allein die Ampeln, das permanente Beschleunigen und wieder Abbremsen sowie das 5 minütige Parkplatzsuchen sorgen in den Städten für einen doppelt so hohen Spritverbrauch, Materialverbrauch (Bremsen, Reifen, Motor) und Schadstoffausstoß. Warum haben wir in den Städten nicht schon längst 10-25km/h schnelle Rollbänder, die uns wie die U-Bahn in weniger als 15 Minuten zu einem 5km entfernten Ort bringen? Warum kann man von Hamburg bis München nicht innerhalb 1 Stunde Reisezeit mit einer getunnelten Magnetschwebebahn fahren, die genauso schnell ist wie ein Flugzeug inkl. Check In+Out, jedoch 100 mal weniger Energie verbraucht und im Vergleich zum Individualverkehr (PKW) nur 1/100 an Kosten verursacht? Warum sind unsere 100 größten Städte über 100.000 Einwohner nicht längst wie bei der alten russischen Rohrpost mit hocheffizienten Transport-Pipes verbunden, um die benötigten Waren und Güter mit überflüssigem Nachtstrom (Wind- und Wasserkraft) zudem noch staulos mit 100km/h zu verteilen? Warum noch 25m² große Büros, wenn ein PC-Arbeitsplatz gerade mal 1/10 an Fläche benötigt und die Arbeit bei schönem Wetter dank Internet und WLAN eigentlich auch auf der grünen Wiese oder von zu Hause erledigt werden kann? Unsere Städte und Landschaften würden freilich ganz, ganz anders aussehen, wenn wir alle uns bekannten Technologien auch mal effektiv und ohne Kompromisse anwenden würden. So aber wiegen unsere WC-Schüsseln aus Sanitärporzellan immer noch 30kg und brauchen 6 Liter Frischwasser, um 1/2 Kilo Scheiße oder Urin in die Kanalisation zu spülen, statt aus den jährlich 400 kg hochwertiger Biomasse je Einwohner anständigen Kompost, Dämmstoffe oder Biobriketts zu fertigen (von den Kamelen lernen). Und was wäre nur, wenn wir die 7 -8 Mrd m² Dach- und Fassadenflächen (ca. 2,8-3,2 Mrd Tonnen Massivbauweise) unserer Wohngebäude zu 70% Flächenanteil mit energieproduzierenden, hocheffizienten Leichtbaufassaden (ca. 70 – 80 Mio Tonnen und 250 TWh Energieertrag p.a.) ausstatten würden? Was wäre, wenn wir die potentielle Energie des Regenwassers von ca. 3 Mrd m² Dachflächen mit einem Energieertrag von weit über 100 TWh nutzen würden? Öl und Gas? All das brauchen wir schon längst nicht mehr. Wir können mit Regenwasser, Sonne und Wind soviel Energie produzieren, daß jeder Bundesbürger 4.000 bis 5.000kWh im Jahr (entspricht ca. 400-500 Liter Öl, also in etwa der derzeitige Jahresverbrauch einer ungedämmten, energetisch unsanierten 40m² Wohnung aus den 1970´er Jahren) nur durch sein Haus bzw. Wohnung produziert.

Wir haben seit Kriegsende in fast 70 Jahren eine extrem massive, monumentale Umwelt (Dörfer, Städte, Straßen) gebaut, aus der andere, fortschrittliche Generationen locker 10 mal mehr Städte bauen würden. 9/10 der in Deutschland verbauten Massen sind defacto überflüssig wie steinerne Paläste aus der Antike. Wozu brauchen wir das alles, wenn wir mit nur 1/10 an Aufwand, Rohstoffen, versiegelten Böden und Energie viel bequemer, leichter und effizienter leben könnten, und das auch noch fast gratis? Wie sollen wir moderne Architektur machen, wenn die Schulen noch immer in Klassenräumen denken, die Dienstleister immer noch in Büroräumen, die Bürgermeister immer noch in Parkplatzflächen? Jeden Tag werden in Deutschland 100 ha Bauland geopfert. Wofür, wenn 9/10 der derzeitigen Grundflächen eh überflüssig sind?

Wir sollten aufhören, in antiquierten Architekturkategorien wie Fenster, Türen, Wände, Decken und Gebäude (Solitäre) zu denken. Wichtig ist allein der Raum, seine Konstruktion und seine Hülle. Denken sie sich eine Grundfläche von 100 Hektar (1km²), die mit einer 25-50 Meter hohen Membran klimatisch geschützt ist, genügend Sonnenlicht hinein läßt und im Innenraum durch natürliche Begrünung (Bäume, Planzen usw.), Bäche und Wasserflächen konstante Temperaturen und ein ausgewogenes, natürliches Klima hat. In diesen Raum von ca. 30 Mio m³ Raumvolumen stellen sie nun nach Bedarf (ca. 1,5 Millionen m² Nutzfläche für ca. 20.000 Bewohner bzw. Nutzer, also ca. 75m² Nutzfläche je Bewohner à 25.000,- Euro Herstellungskosten, zusammen ca. 500 Millionen Euro Herstellungskosten) flexible Leichtbaukonstruktionen mit leichten, transparenten wie opaken Wand- und Deckenelementen als 5-7 geschossige Ebenenlandschaft hinein. Nur 1/3 der Grundfläche und ca. 1/4 des Raumvolumens ist akustisch-optisch umbauter Raum, mittels Brücken, Stegen, Rollbänder sowie Aufzügen auf mehreren Ebenen flexibel miteinander vernetzt. Der Rest sind „autofreie“ (z.T. begrünte) Freiflächen- und Freiräume für Fußgänger, E-Scooter und Fahrradfahrer, quasi die öffentlichen wie auch privaten Außenräume, die wir auch von den normalen Städten (Platz, Hof, Passage etc.) gewohnt sind. Fassaden im klassischen Sinne gibt es nicht mehr. Wohl gibt es filigrane Pylone aus Carbonfasern, Hightech-Membranen, filigrane Raumtragwerke aus Zellulose, Kunststoff und Aluminium, nichtmetallische Seilabspannungen und farbige, transluzente Energie- und Akustikflächen. Das ganze funktioniert wie eine moderne Theaterbühne oder Messehalle, auf der in kurzer Zeit x-beliebige Scenen als temporäre Raumsituatione geschaffen werden können. Die ganze City-Linse wiegt vielleicht nicht mehr als 250.000 Tonnen (zum vergleich etwa 4,5 Mio Tonnen bei konventioneller Bauweise für 50.000 Nutzern) und kommt mit insgesamt weniger als 250 kg Baustoffen je m² Baugrund aus. Allein über die energetische Nutzung des Regenwassers können ca. 300 kWh je Nutzer generiert werden. Weitere 1.000 kWh je Nutzer werden über die PV-Membran erzeugt. Hinzu kommen hocheffektive Brennglaskollektoren für die Warmwassererzeugung. Die windzugewandten Membranen können zusätzlich Energie aus dem Wind beisteuern und reduzieren damit zusätzlich den Energieverlust durch den i.d.R. auskühlenden Windabtrag. Auch Windräder mit Rotorendurchmessern von über 100m können auf den Zentrapylon installiert werden.  Hochentwickelte Sonnen-Brenngläser erzeugen hochenergetische Laserstrahlen, mit denen man u.a. Stahl wie Butter schneiden kann oder auch hocheffiziente Wasserdampfturbinen antreiben kann. Die Membran ist innenseitig z.T. licht- und energiereflektierend, so daß die Oberfläche nachts als riesige Projektionsfläche genutzt werden kann. Öl, Kohle und Gas wie Kohlenmonoxid, Rußparikel und CO2 sucht man hier vergeblich :-)

Solche Projekte, wenn auch mit anderer Zielsetzung,  gibt es bereits: etwa das 50 Hektar große, traumhaft schöne „Eden Projekt“ in Cornwall in England mit seinen semitransparenten, locker aneinandergereihten geodätischen Kuppeln . . . . oder die „Biosphäre 2“, ein leider gescheitertes Forschungsprojekt der USA in Tucson/ Arizona auf 1,3 Hektar Fläche mit 203.000m³ Raumvolumen. Buckminster Fuller realisierte bereits 1967 die Biosphère zur Expo in Montreal. Oder die mit 40.000m² Membran eingedeckte, 66.000m² und 5,5 Mio m³ Raumvolumen große Halle des ehemaligen Cargolifters im Spreewald, die heute -trotz hoher Energieverluste- als tropischer Freizeitpark mit z.T. stolzen 26° C Raumtemperatur genutzt wird. Auch das Centre Pompidou in Paris Ende der 1970´er Jahre ist mit einem Raumvolumen von über 400.000m³ auf 10.000m² Grundfläche ein erster innovativer Schritt gewesen, Architektur und Funktion durch damals moderne Tragwerke und Technik „sichtbar“ zu ersetzen bzw. zu verbinden, um damit eine neue, der Zeit und Technik „synchrone“ Raumästhetik zu begründen (ist auch schon wieder über 35 Jahre her und sieht immer noch sehr aktuell und modern aus!).

hybrid : Ein weiteres, sehr tragfähiges wie wirtschaftliches Konzept wird durch den sogenannten „Hybrid“ dargestellt, bei dem die bis dato räumlich meist getrennten Funktionen Wohnen, Freizeit/ Kultur, Verwaltung/ Büro und Arbeiten (Werkstätten, Labore, emissionsarmes Gewerbe etc.) wieder in „einen“ kompakten Baukörper zusammengefasst werden. Hierfür stellen sie sich eine ca. 5 x 80 m große, nord-südgerichtete Parzelle mit 400m² Grundfläche vor, von denen 4 bis 5 Streifen mit einer Gesamtbreite von 20-25 Meter aneinandergereiht werden. Im Norden werden die ersten 15 Meter (75m²) mit  Stellplätzen, Fahrbahn und einem als Terrasse genutzten, überdachten Lade- bzw. Warenanlieferungsbereich genutzt. Es folgt eine zweigeschossige, 25 Meter lange Produktions-, Labor-, Praxis oder Werkstatthalle (mit Gallerien) mit Warenannahme, Lager, Sanitärbereich, Werkstatt/ Labor und abschließenderVerkaufsfläche sowie Büro und Sozialraum/ Teeküche im oberen Galeriegeschoss, zusammen ca. 175m² für insgesamt 3-4 Arbeitsplätze. An die abschließende Verkaufsfläche schließt ein 5 Meter breiter Promenadengang als Hauptverteiler mit eingestellten Treppen und Aufzügen an. Schließlich ein 2 x 2 geschossiges, 15 Meter tiefes, zirka 12 Meter hohes Wohnloft als 2 geschossige Maisonettwohnung à 150m² Wohnfläche für jeweils 4 Personen (2 Kinder + 2 Erwachsene) mit anschließender, 20 Meter tiefen Gartenparzelle (100m²). Über der Werkhalle befinden sich nun weitere 75-150m² große, 1-2 geschossige Räume, die mit 75m² begrünten Dachterrassen oder sonstigen Freiflächen für Sport und Freizeit als flexible Bildungs-, Freizeit und Kultureinrichtung genutzt werden. Zirka 200m² der Grundfläche inklusive Promenadengang werden also für´s Wohnen genutzt (davon 50% bebaut), während die andere Hälfte des Grundstückes (zu 62,5% bebaut) über 2-4 Geschosse für die Arbeit, Freizeit und Kultur genutzt wird. Das Gebäude mit ca. 2.500m³ Raumvolumen hat je Parzelle eine Dachfläche von 225m², die zu 150m² als extensiv begrüntes Flachdach und zu 75m² als bespielbare Dachterrasse genutzt wird. Die Decken werden als ca. 15-20cm dicke, 5 Meter breite und 20 Meter lange Holzelementdecken für den Wohnbereich verbaut. Die Werkstätten erhalten aus Brandschutzgründen eine leichte Verbunddecke oder ebenfalls eine GK-verkleidete Holzelementdecke mit Schallschutzaborber. Je Parzelle leben 2x 4-Personenhaushalte, also 4-5 Erwachsene und 3-4 Kinder, zusammen 8 Personnen (50m² Grundstücksfläche je Bewohner, davon 12,5m² Garten, 12,5m² Wohnen, 15,6m² Arbeiten/ Kultur/ Freizeit und 9,4m² für Erschließung/ Straße/Parken). 4-5 Parzellen bilden einen Block mit 8-10 Haushalten à 4 Personen, zusammen also 32-40 Bewohner mit insgesamt 16-20 Arbeitsplätzen und 15-20 Kindern. 20 Blöcke à 30 Meter Breite (insg. 600 Meter x 80 Meter = 4,8 ha) bilden mit 800 Bewohnern bereits 1 Kindergarten- bzw. Schulklasse à 15 Kinder mit insgesamt 30-40 Betreuern/ Lehrern sowie insgesamt Raum für ca. 400 Arbeitsplätze (bei einer Beschäftigungsquote von 50%).

Der Vorteil einer solchen 4-geschossigen Hybridbauweise liegt in der effizienten wie wirtschaftlichen, weil hochkompakten Bauweise mit minimalem Energie- und Rohstoffverbrauch, einer optimalen Ausnutzung des Grundstückes (minimale Versiegelungsflächen durch geringe Verkehrsfläche) sowie den extrem kurzen, fußläufigen Wegen zu den Arbeitsplätzen bzw. öffentlichen Kukltur- Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, daß die durchschnittliche Verkehrszeit bei täglich 15 Minuten (meist mobil) von ca. 60 Stunden p.a. (6,5 Arbeitstage) auf zirka 1 Minute täglich und 2-4 Stunden p.a. (0,25 Arbeitstage) inklusive aller damit verbundenen Kosten, Emissionen und Energieaufwendungen (PKW, Benzin, Tickets, Straßen etc.) reduziert werden kann. Bei einem 4-Personenhaushalt mit zwei Berufstätigen werden hier jedes Jahr 13 ganze Arbeitstage à 9 Stunden an Zeit eingespart, die der Freizeit und der Familie gewidmet werden können. Je Block (40 Einwohner) sind es bereits 130 Arbeitstage bzw. 26 Arbeitswochen (1/2 Jahresjob) und je Superblock mit 800 Einwohnern dann bereits 2.600 Arbeitstage bzw. 520 Arbeitswochen bzw. 130 Arbeitsmonate bzw. 10 ganze Arbeitsjahre bzw 10. Vollzeitjobs an eingesparter Zeit (ca. 2,5% der gesamten Arbeitszeit)! Hier ist das Jahrhunderte alte Prinzip der alten Bauernhöfe mit ihren direkt ans Wohngebäude angrenzenden Wirtschaftsgebäuden (kurze Wege) Vorbild. Die ca. 625m² bis 1.000m² große Arbeitsfläche je Block kann natürlich ganz flexibel mit den 10 bis 15 benötigten Arbeitsplätzen ausgestattet werden (große Halle, kleinere Werkstätten, Labore, Büros, Verkaufsräme etc.) wie auch der obere Bereich für Kultur, Bildung und Freizeit mit seinen 600m² bis 800m² Nutzfläche ganz variabel mit unterschiedlich großen Räumen und Nutzungen, sogar mit einer Kleinhalle von 12 x 24 bzw. Turnhalle mit 16 x 28 Meter Flächenbedarf, ausgestattet werden kann.

Je 40´er-Block werden zum Wohnen „und“ Arbeiten lediglich 1.875m² Fassadenfläche (47m²/Bewohner) und 1.125m² Dachfläche (28m²/ Bewohner), zusammen also etwa 3.000m² Hüllfläche benötigt (75m² je Bewohner). Das entspricht der Hüllfläche, die bereits ein 160m² großer, 1-geschossiger Bungalow für 4 Personen verbraucht! Die 225m² große Dachfläche je Parzelle ist z.T. mit PV-Anlagen und Brennglaskollektoren, z.T. als extensiv begrüntes Flachdach oder Dachterrasse und z.T. mit Glasoberlichtern (z.B. über dem Promenadengang) ausgebildet. Die pro Jahr je nach Regenspende (650-850 Liter/m²) insgesamt 150 bis 190 Tonnen Regenwasser werden bei einer Gebäudehöhe von 12 Metern je Parzelle zu 17.000 bis 21.000 kWh Strom (ca. 2.125 kWh bis 2.625 kWh pro Bewohner) umgewandelt (eine Leistung von ca. 1,94-2,4 kW je Stunde bei 8.760 Stunden pro Jahr). Der restliche Strom- und Wärmebedarf wird über die PV-Anlage (ca. 125kWh/m² x 40m² = 5.000 kWh) und Dachkollektoren mit 1.000 Liter Wärmespeicher ( 7.500 kWh für Warmwasser/ Heizung) erzeugt, so daß das Gebäude keine zusätzliche Energie benötigt. Die 40 Personen erzeugen je Block und Jahr ca. 16 Tonnen Müll, davon 4 Tonnen Bioabfall, 7 Tonnen Haus- und Spermüll und 5 Tonnen Wertstoffe. Das sind täglich je Block zirka 40 bis 45 kg Müll. Je Tonne Biomüll können ca. 100m³ Biogas mit einem Methananteil von 61% erzeugt werden. 1 Block erzeugt also bei 4 Tonnen Biomüll ca. 400m³ Biogas mit einer Energie von zirka 2.650kWh (66 kWh je Bewohner), die zusätzlich als Strom oder in einem Strom-Wärme-Kraftwerk (Blockheizkraftwerk) genutzt werden können.

Natürlich kann man ein solches Hybridkonzept mit einer Gebäudetiefe von ca. 40-50 Metern auch noch mit zusätzlichen Geschossen nachverdichten oder auch nur 2 geschossig ausführen, solange die benötigten Grundstücksflächen und Baumaterialien in der Summe effektiver genutzt werden als bei der klassischen Trennung in Wohngebäude und Nichtwohngebäude mit üblichen Gebäudetiefen von maximal 12-15 Metern. Die Trennung zwischen Wohen (privat) und Arbeit wird durch den halböffentlichen, 5 Meter breiten Promenadengang, der wie eine verglaste Passage funktioniert, erreicht. Raumgreifende Maisonette mit Lufträumen, offenen Treppenanlagen und Gallerien wirken als attraktive Loftwohnung dem üblichen Geschoßwohnungsbau (Etagenwohnung) entgegen. Jeder Wohneinheit wird ein gemeinschaftlich genutzter, von Emissionen geschützter Garten vorgelagert. Die Dachlandschaften bzw. Dächer werden zu 100% als intime Terrassen, begrünte Dächer oder als Energielieferanten genutzt. Ein Konstruktionsraster von 500cm bis 750cm erlaubt statisch minimale Deckenhöhen und den Einsatz vorgefertigter (Holz-) Deckenelemente (250 x 500cm oder auch Mehrfeldträger). Soziale Einheiten von bis zu 40 Bewohnern mit einem kinderanteil von 25-50% erlauben ein attraktive Nachbarschaft, die nicht zur üblichen Anonymität führt. Die halböffentliche Promenade ist kommunikative Schnittstelle zwischen Wohnen und Arbeiten. Die Hallenräume können kleinteilig wie auch großräumig genutzt werden. Emissionsstarke Funktionen sind dabei nach Norden zur Fahrstrasse orientiert (dienende Funktion), während Geschäfte, Verkaufsräume, Büros zur Promenade orientiert sind. Je Bewohner stehen zirka 85 bis 95m² Nutzfläche zur Verfügung (10 m² Promenade, 35m² Wohnen, 20m² bis 25m² Arbeiten, 20m² bis 25m² Sonderflächen). Durch die kompakte wie einfache Leichtbauweise liegen die Herstellungskosten je nach Ausstattung und Technik für 3.400 bis 3.800m² (1 Block = 40 Bewohner) bei ca. 2,0-2,5 Mio Euro (50.000,- bis 62.500,- Euro je Bewohner) und liegen damit volkswirtschaftlich betrachtet mit mehr als 50% unter den Kosten und Aufwendungen für eine übliche, infrastrukturaufwendige Trennung von Wohnen (Wohn-/ Neubausiedlungen mit Ein- und Mehrfamilienhäusern und getrenntes Arbeiten in üblichen Geschoss- und Kleingewerbebauten). 1 Block enstspricht in etwa dem Raumvolumen eines 10 geschossigen Hochhauses (35-40 Meter Höhe) mit einer Grundfläche von 12 x 30 Metern, daß ebenfalls eine Grundfläche von 2.000m² benötigt, aber energetisch wie wirtschaftlich wesentlich schlechter abschneiden würde, auch wenn das Verhältnis von Nutzfläche zur Verkehrsfläche in etwa gleich wäre. Das vergleichbare Hochhaus weist zudem durch seine 10-fache Ebenentrennung (4-8 Nutzer je Geschoß) eine wesentlich niedrigere Kommunikationsdichte auf als der 4-geschossige Hybrid (10-20 Nutzer je Geschoß).

 

 

die verpennte moderne

Freitag, April 12th, 2013

mit steinen bauten einst die römer:: wenn man sich die Bau- und Architekturgeschichte der letzten 2000 Jahre vergewissert, fällt auf, wie wenig sich das moderne Bauen in den letzten 100 Jahren technologisch weiterentwickelt hat. Immer noch spielt der Massivbau, also das Jahrtausende alte Bauen mit Steinen und Beton bzw. Stahlbeton wie auch Holz, eine sehr große Rolle im Baugeschäft. Leichte Aluminiumkonstruktionen, filigrane Raumtragwerke, Membranen, pneumatische Architekturen, Carbonfaserschalen, Curtain Walls etc. hat man bereits vor mehr als 50 Jahren entwickelt und realisiert. Wie wenig ist heute im Baugeschäft davon übriggeblieben? Es scheint, als ob die Postmoderne der frühen 1970´er Jahre alle innovativen Kräften der damaligen Moderne komplett zum Erliegen gebracht hat.

Spitzentechnologie haben wir spätestens seit den 1980´er Jahren in der Mikroelektronik (IT), dem Maschinenbau (Space Shuttel) und der Biologie (Genetik, Mikrobiologie). Aus den schweren Ziegelsteinen wurden etwas leichtere, großformatige Poroton und Gasbetonsteine mit minimalem Fugenanteil. Aus den massiven Vollholztägern wurden schlanke, gebogene, aber immer noch massive Brettschichtholzträger. Aus den soliden Brettern wurden OSB-, Span-, Multiplex-, MDF-, HPL-, Waben- und Tischlerplatten in allen nur möglichen Beschichtungen. Aus den Stahlträgern wurden mit Seilen und Streben unterspannte Raumtragwerke. Aus Ortbetonkonstruktionen wurden immer noch massive Stahlbetonkonstruktionen, die als Fertigteilelemente verbaut werden. Hier und da werden zugfeste Carbonfasern in den Beton eingelassen oder Stahleinlagen vorgespannt, um die Zugfestigkeit des Materials zu verbessern. Chemische Zubstanzen helfen, dass der Beton fließfähig, selbstverdichtend, schnell abbindend, hochfest, korrosionsbeständig und auch wasserdicht wird. Aus gewellten und trapezförmigen Blechen wurden immer dünnere Sandwichelemente mit integrierten Dämmkernen. Aus einfachen Fenstergläsern wurden absolut ebene, 2- bis 3-scheibige, großformatige, rahmenlose Isolierglasscheiben mit Vakuum- oder Gasfüllung und diversen Dampf- oder Folienbeschichtungen, um die Energie- und Lichtdurchlässigkeit zu beeinflussen. Schweres Gussglas wird mit transparenter Dämmung fassadentauglich und farbige Polycarbonat-Stegplatten werden in großen Formaten als Dach- und Fassadenemente eingesetzt. Statt schwerer Bitumenanstriche und verschweißter Bitumenbahnen gibt es heute Folien und Flüssigabdichter zur Bauwerksabdichtung. Metalle werden pulverlackiert. Hölzer werden kesseldruckimprägniert und hochgeflammt, um feuchtigkeits- und bioresistent zu sein. Statt warm- und heißleuchtender Wolframfäden haben wir hocheffiziente LED´s und OLED´s. Statt manueller Kippschalter steuern wir die Hauselektrik heute via Smartphone, PC, Touchpad und Funk. Kurbelstangen und Zugbänder für die Markiese und Verschattungsanlagen werden durch Elektromotoren ersetzt. Amaturen und Raumbeleuchtungen werden über optische Sensoren aktiviert. Böden werden vollflächig mit Epoxidharz „finish“ vergossen.

Und doch: fast alle Neubauwohnungen auf der grünen Wiese sind konventionelle Massivbauten mit zementösen Mauerwerk und WDVS oder gedämmte Klinkerfassaden, die Dächer mit altbackener Ziegeleindeckung anno 1850, vielleicht auch mal ein Betonziegel, hier und da als innovatives Highlight auch mal eine Solaranlage auf dem Dach und die Garagentore allesamt automatisch. Was nur haben wir Architekten, Bauingenieure und die Baustoffindustrie in den letzten 50 Jahren falsch gemacht, daß wir immer noch mit Steinen, Mörtel, Putz, Fliesen und Beton bauen und unsere Autos immer noch Benzin verbrennen und größtenteils aus Metall sind? In der Formel 1 gibt es bereits seit Jahrzehnten kaum noch Metallteile! Carbonfasern werden bereits seit 1955 industriell in England hergestellt. Lotus fertigte bereits 1957 das erste Glasfaser-Monocoque für einen Rennwagen, McLaren den ersten CFK-Rennwagen 1981! Und wenn man sich die filigranen Luftfahrtschiffe des Grafen von Zeppelin anno 1898 (also vor mehr als 115 Jahren!) anschaut, kommen einem die Tränen, wenn man heutige Großbauprojekte in Glasscheiben aufgelöster Monumentalbauweise sieht. Frei Otto und Rolf Gutbrod bauten damals den deutschen Pavillon auf der Expo 1967 in Montreal als filigrane Zeltkonstruktion mit einem 8.000m² überdeckenden Kunststoffnetz mit bis zu 38 Meter hohen Pylonen, dem Vorläufer des heute so bekannten Olympiastadions von 1972 (auch schon wieder 41 Jahre her). Wie in vorangegeangenen Beiträgen schon mehrmals erwähnt, bauen deutsche Architekten und Ingenieure heute immer noch mit Bauteilkonstruktionen von weit über 500kg/m² bis 1.000kg/m², so, als ob sie noch nie etwas von Ressourcenoptimierung und leichten Tragwerken gehört hätten, anstatt sich an neue Konstruktionen und Materialien zu wagen, die weit unter 50kg/m² wiegen und darüber hinaus wesentlich flexibler und schneller zu errichten sind.  Was etwa ist aus dem Papier-Wabenhaus des Erfinders Gerd Niemöller anno 2009  geworden? Eine Wabenplatte kann mit bis zu 50 Tonnen Gewicht je Quadratmeter belastet werden! Wieso gibt es heute überhaupt noch Bauteile mit mehr als 100mm Bauteildicke und mehr als 50kg/m² Eigengewicht? Eine hochdämmende 3-Fachverglasung mit 4mm Glas etwa wiegt gerade einmal 30kg/m². Hohlkammerplatten aus Polycarbonat beispielsweise sind durch ihre geringe Wichte von nur 1.200kg/m³ gegenüber Glas mit 2.500kg/m³ nochmals wesentlich leichter: eine 50mm Platte ohne Nanogelfüllung hat einen U-Wert von zirka 1.0W/m²K und wiegt nur 4,8kg/m², mit Nanogel gefüllt etwa 8,3 kg/m² und einem U-Wert von 0,48W/m²K. Eine 3-wandige 25mm Platte mit Nanogel hat einen U-Wert vom 0,9 und ein Gewicht von 5,1kg/m². Damit sind die Polycarbonatplatten bei vergleichbarem Wärmschutz 6 mal leichter als vergleichbare Glaskonstruktionen! Leichtbau-Wabenverbundplatten von 50mm stärke haben z.B. ein Gewicht von 13 kg/m² bei einer Dichte von nur 250kg/m³ und 15 Tonnen Druckfestigkeit je m² sowie 27 dB Schalldämmmaß.

Das 1/2 Millionen Euro teure, 4-geschossige, vollverglaste, zu 99% recycelbare und in nur 11 Wochen realisierte, emissionsfreie Nullenergiehaus R128 von Werner Sobek anno 2003 etwa wiegt als filigrane, vollverschraubte Stahl-Glas-Aluminium-Holzkonstruktion aus Fertigteilen insg. nur 40 Tonnen bei 250m² Wohnfläche und hat damit einen Netto-Materialverbrauch von nur 160kg/m² Wohnfläche bei relativ bescheidenen 2.000,- Euro Herstellungskosten je m² Wohnfläche. Die Decken sind in Dickholzzbauweise ausgeführt. Lediglich die Sohle ist als hochgedämmte StB-Decke ausgeführt. Die 33mm dicke 3-Fachverglasung mit Edelgasfüllung besitzt einen U-Wert von 0,4W/m²K. Die mit Wasserleitungen ausgestatteten Deckenelemente kühlen im Sommer und führen einstrahlende Sonnenwärme über einen Wärmetauscher in das Heizsystem. Hier ein nun auch schon wieder 11 Jahre altes Paradebeispiel, wie moderne, innovative Architektur aussehen kann, wenn Ingenieure und Architekten sich Gedanken über effiziente Tragwerke, Bauteile und Versorgungssysteme machen.

Nicht, daß wir an dieser Stelle mit Carbon oder Polycarbonat ökologisch bedenkliche Produkte empfehlen (die Ökobilanzierung, Recycelbarkeit, Brandeigenschaften, Toxizität, Langlebigkeit etc. muß hier selbstverständlich gegenüber konventionellen Baustoffen standhalten). Es geht uns darum, daß viel zu wenig moderne, also alternative Baustoffe und Baustofflösungen erprobt werden und nach geprüfter Eignung dann auch schnell von der Bauindustrie und allen Baubeteiligten, also auch den Planern und Architekten als verbindlicher neuer „Standard“ umgesetzt werden. So etwa können wir auch auf gesetzgeberischer Seite nicht verstehen, warum hier -anders als bei der dann doch eher zahnlosen EnEV (Energieeinsparverordnung)- der Baustoffindustrie sowie den Bauenden keine Grenzwerte gesetzt werden, die die Entwicklung von leichten und umweltgerechten Baustoffen fördert. Was nützt alle ökologische Plänkerei, wenn wir nach wie vor je m² Nutzfläche 1 bis 2 Tonnen Baumaterialien verschwenden, wenn wir es auch mit 20, 50 oder 100kg oder 150kg/m² hinbekommen? Allein hier liegen gewaltige ökologische Einsparpotentiale, die mindestens so umweltrelevant sind wie der Wärmeschutz, eine effiziente Kühl- und Wärmeerzeugung sowie der geringer Energieverbrauch von Maschinen, Motoren und Geräten.

Wer also hat hier in globalen Zeiten seit nunmehr 25 Jahren Angst vor wirklich effizienten, intelligenten, die Umwelt massiv entlastenden Lösungen? Wenn es die Architekten selbser sind: wo bleiben die Kammern (die ja dem Justizministerium unterstellt ist) und der visionäre Sachverstand der Ingenieure? Wenn es die Bauherren sind: wo bleibt der Gesetzgeber, das Baugesetz und die mediale Aufklärung? Wenn es die Baustoffindustrie ist: wo bleibt der Gesetzgeber, der Produkte und Bauteile über Mindestanforderungen reglementiert? Welche Rolle spielt hier das DIBt (Deutsche Institut für Bautechnik) und die entsprechende EU-Gesetzgebung? Alles wie gehabt durch Lobbyismus und Korruption verdrängt, verschoben und aufgehoben? Was hat der Staat, der Gesetzgeber davon? Garantierte Arbeitsplätze in der Forschung und Industrie wie bei den Braunkohle- und Atomkraftwerken?

Wir können heute alles Stoffliche messen und objektiv beuteilen, ohne uns in irgendwelchen Meinungen oder Ansichten zu verlieren. Wieviele Gutachten und Expertisen braucht es wirklich (in der BRD, in der EU), bis der Umweltschutz und der technologische Fortschritt auch im Bauwesen angekommen ist? Welche Rolle spielt hierbei das zu 40% über Bund und Länder (also uns Steuerzahlern!) finanzierte Frauenhofer Institut, daß mit 20.000 Mitarbeitern ein jährliches Forschungsvolumen von 1,8 Mrd. Euro bearbeitet? Wie kann überhaupt ein Institut solchen Ranges -dessen Sinn und Zweck hier keinesfalls strittig ist- sowohl  Aufträge aus der freien Wirtschaft wie auch staatliche Aufträge konfliktfrei und objektiv generieren, zumal hier der Staat mit 40% Anteil keine Mehrheit besitzt? Hier fängt der Filz und die Korruption an, wo nicht eindeutig zwischen unterschiedlichen Interessen getrennt wird. Warum gibts es bis heute noch keine offiziellen, rechtverbindlichen wie vollständigen Materialkennzahlen bzw. eine Kennzeichnungspflicht mit allen relevanten Daten inkl. Ökobilanzierung, Input-Output (MIPS) sämtlicher zugelassener Bauprodukte? Jedes einzelne Gebäude müßte in Prinzip einen flächen- bzw. raumbezogenen Ressourcen- und Energiepass -kurz „Gebäudepass“- haben, in dem sämtliche zur Herstellung verwendeten Rohstoffe und Energiene sowie anfallende Emissionen etc. „quadratmeterbezogen“ aufgelistet werden. Wenn sie heute ein 1.200kg bis 2.200kg schweres Auto kaufen, steht nirgends, wieviel Stahl, Metall, Aluminium, Gummi, Kunststoff, Glas, Keramik, Textil, Schaumstoff, Schmierstoff usw. in dem Fahrzeug brutto wie netto verbaut wurden. Und auch nicht, wieviel Energie, CO2 und andere Ressourcen sowie toxische Stoffe zur Herstellung des Autos verbraucht wurden. Auch nicht, wie hoch die Langlebigkeit und  Recyklierungsquote der einzelnen Bauteile und der einzelnen Stoffe ist. Aber nur so können wir Konsumenten letztendlich beurteilen und vergleichen, ob ein Auto (oder auch jeder andere konsumierbare Gegenstand) ökologisch taugt, effizient ist, es den Preis wert ist.

Wenn wir (als Bürger und Konsument) das Umweltministerium, das Bundesbauministerium oder das Ministerium für Verbbraucherschutz führen würden, hätten wir längst eine umfassende wie ausnahmslose Kennzeichnungspflicht „aller“ konsumierbaren Produkte (auch von Lebensmitteln) veranlaßt sowie dazu umfassende Tests und Vergleiche in Sachen „Performance“ und Ökologie als Verbraucherinformation durchgeführt und regelmäßig publiziert. Dazu würden wir auf Basis des vorhandenen wissenschaftlichen, unabhängigen Wissens rigeros Grenzwerte festsetzen, die maximal in 1-2 Jahren (und nicht erst in 5 bis 15 Jahren) von den Herstellern bzw. der Industrie umzusetzen sind. Heute kann in nur 24 Monaten ein komplett neues Auto neu entwickelt und realisiert bzw. fabriziert werden! Was also ist so schwer daran, vergleichweise einfache, wenig komplexe wie wenig komplizierte Produkte, wie sie auch im Bauwesen überwiegend verwendet werden,  in weniger als 12 Monaten zu realisieren? Und auch die Evaluation von relativ simpler Technik kann innerhalb weniger Monate zuverlässig durchgeführt werden.

Demokratie heißt: die Bürger bestimmen den Markt . . . und nicht die Hersteller und Lobbyisten! Und die Bürger bestimmen (durch Wahlen) auch die Politik, die den Markt reguliert.

Wir Deutschen zahlen derzeit zirka 550 Mrd Euro Steuern jährlich, also je Bundesbürger knapp 6.700,- Euro bzw. 13.300,- Euro je Haushalt. Die Krankenkassen haben 2010 Einnahmen wie Ausgaben von rund 175 Mrd. Euro, also je Bundesbürger 2.135,- Euro im Jahr (was so mancher Haushalt nicht einmal als verfügbares monatliches Nettoeinkommen hat). Steuern und KK-Beiträge haben zusammen ein stolzes Volumen von über 725 Mrd. Euro, also über 8.800,- Euro je Bundesbürger bzw. 17.600,- Euro je Haushalt! Ist es in der Wirtschaft nicht selbstverständlich, daß man für jeden Rechnungsbetrag, für jede koch so kleine Leistung eine genaue, nachvollziehbare Leistungsbeschreibung und detaillierte Kostenzusammenstellung erhält, und zwar gratis und unaufgefordert zur Rechnung dazu? Wie kann es sein, daß 40 Millionen Haushalte weder vom Staat noch von den Krankenkassen eine exakte wie regelmäßige, nachvollziehbare Jahresbilanzierung der Ein- und Ausgaben frei Haus bekommen, zumal diese von uns Steuer- und KK-Beitragszahlern geleistete Summe von 725 Mrd. Euro keine freiwillige Abgabe sondern gesetzlich regulierte Zwangsabgaben sind? Traut man uns Bundesbürgern die Wirtschafterei und den Umgang mit dem Taschenrechner etwa nicht mehr zu? All dass ärgert uns maßlos, wenn seit Jahrzehnten von Transparenz, von Verantwortung der Politiker, gar von Verantwortung der freien Wirtschaft oder auch von Vertrauen in Menschen, gar von sozialer Gerechtigkeit oder der sogenannten Mündigkeit der Bürger etc. geredet wird und hierbei gegenüber der Bevölkerung nicht einmal die einfachsten Grundlagen des transparenten, fairen Rechnungswesen angewendet werden. So etwa ist es nach wie vor ein Skandal, wenn öffentliche Ausschreibungen in 3 stelliger Millionenhöhe (wie beim privatisierten Autobahnausbau A7 mit 600 Mio Euro an die Firma Bilfinger) vom Staat an private Unternehmen (ÖPP) mit zeifelhaften Wirtschaflichkeitsprüfungen von an den Unternehmen  involvierten Beraterkonzernen politisch durchgeboxt werden. Allein hier geht es nach Berechnungen um ca. 50 Millionen Euro und 1 – 2 Jahre geringere Bauzeiten, die der Steuerzahler gegenüber einer konventionellen Sanierung wie Bauausführung ohne PPP zu viel zahlen bzw. einsparen könnte. Vollkommen unglaubwürdig wie unseriös in diesem Falle das Nachbessern von Wirtschaftlichkeitsberechnungen pro ÖPP und die plötzlich sinkenden Kosten seitens des privaten Auftragnehmers. Wohlgemerkt: der Staat kennst sich als jahrzehntelanger  Autobahnbauer und Autobahnsanierer bestens mit den tatsächlich anfallenden Kosten aus.

Wie auch immer: (Bau-) Programme müssen jedweder Art immer wieder neu überprüft werden, ob sie überhaupt Sinn machen, wie hoch der wirkliche Raum- oder Flächenbedarf tatsächlich ist oder sein wird und schießlich, welche konstruktiven wie wirtschaftlichen Alternativen es gegenüber konventionellen Bauweisen (hier also die Bauweise der Alten Römer) gibt. Und man kann sich als Staat auch professionel und gut „beraten“ lassen (im Falle der Autobahn hat die BRD jedoch mitnichten genügend eigene Kompetenzen, daß es einer zusätzlichen Beratung aus der freien Wirtschaft nicht erforderte), doch sollte man dann auch 100% „unabhängige“ Berater wie Volksentscheider wählen und nicht solche, die auch die möglichen Auftragnehmer beraten oder sich von diesen stattlich bezahlen lassen. All das stinkt nach Vetternwirtschaft, nach Lobbyismus, nach Bestechung und Korruption und ist auf politischer Seite (Stichwort Politikverdrossenheit) nur schwer bis garnicht wieder geradezubügeln, auch wenn die meisten Schafe dieser Republik nach wie vor sehr, sehr vergeßlich sind…aber eben nicht alle!

Zurück zur Moderne, die vielversprechend vor 100 Jahren begonnen hatte und heute von einigen „modernen“ Bauherren immerhin noch als Retromöhre wiederentdeckt wurde (man traut sich tatsächlich, Flachdächer zu bauen, die Fassaden weiss mit WDVS und raumhoch verglast, legt Wert auf bodengleiche Duschen und ein installiertes Bussystem!) und opponiert damit demonstrativ gegen die unzähligen konservativen Gieblhäuser aus der Fertighausabteilung (Angebot exklusive Bodenplatte mit 2 Bodenfliesen zur Auswahl!), wie gehabt mit Klinkerfassade, Säulenveranda, Erkerchen und lackierten Dachpfannen in Nachtblau oder Ferrari-Rot. Deutschland, wie tief bist du gesunken! Wenn die Holländer in den letzten 20 Jahren mit ihrem innovativen wie experimentierfreudigen Städtebau nicht gewesen wären, würden wir heute wahrscheinlich immer noch triste Platten- und Zeilenbauten oder giebleständige Häuschen anno vorvorgestern mit graubraunen Putzfassaden und Kunststoffrollläden in mausgrau bauen. So schauen wir nach der Ära Mies van der Rohes und Walter Gropius heute wie gestern nach Japan, nach Holland, in die Schweiz, nach GB und nach Skandinavien, um zu lernen, wie moderne Architektur gebaut wird. Die Technik kommt gerne aus Deutschland (zuverlässige Qualitätsprodukte), doch was ist mit der Architektur, den Konstruktionen (dem ureigensten deutschen Ingeniuer-Gen), den Innovationen? Hier haben scheinbar ganze Generationen von Architekten- und Ingenieurkammern, ausbildenden Hochschulen, Baubehörden und Bauministern „gepennt“. Keiner von den Nachfolgenden des Bauhauses war nach Mies und Gropius so visionär und fortschrittlich, Deutschland mit einer Vision, mit einem Bild von und für die Zukunft fit zu machen, die begonnenen kreativen Triebe zu einem herrlichen Garten wachsen zu lassen. Dass Nazideutschland das Bauhaus und die Moderne abgeschafft haben steht außer Frage – kalter Kaffee. Doch seitdem sind fast 7 Jahrzehnte vergangen, in denen die alten kreativen Köpfe der Moderne bis heute wahrscheinlich mindestens 7 Feuerwerke dargeboten hätten, wenn man sie nur gelassen hätte und der braune Kapitalistenfilz mit goldener Adokante und schützendem Jägerzaun sich in den ängstlichen Spießerköpfen der nachkriegsdeutschen Führungskräfte und getreuen Wirtschaftswunder-Wähler nicht so lange gehalten hätte. Hätten wenigstens die Mühen der 60´er Jahre allen Muff und alle Ängstlichkeit der allzu reaktionären Deutschen weggesprengt, ist es heute nicht wirklich unsere eigene Kultur, die „modern“ und fortschrittlich ist sondern vielmehr die Kräfte und Verdienste des globalen Marktes (angefangen bei den Neue-Welt-Importen aus Hollywood, den Jazz, den Rock´n Roll über Honda-Kawasaki-Yamaha-HiFi- und Tamagotchi-Nippon, Bill Gates und IBM´s IT-Silicon Valley oder Jane Fondas Aerobic-Inspirationen usw.), die uns bis heute zu einer modernen Gesellschaft animiert und getrieben haben (den USA sei Dank dafür). Freilich haben auch die Deutschen nach 1945 bis heute mehr als fleißig und hartnäckig bahnbrechende Erfindungen und technische Innovationen in fast allen Lebensbereichen erbracht (Patente noch und nöcher, auf die wir und andere nicht verzichten wollten . . . Entwicklungen von Bosch (Zündkerze, u.a. ABS), Porsche (911), Mercedes (300SL) . . . Scanner, Stollenschuh, Dübel, Pille, Chipkarte, Airbag, MP3, Funkuhr, Greenfreeze, das digitales Fernsehen . . .und sogar der 1979 von Sony etablierten Walkmann hatte bereits 1977 angeblich ein Deutscher patentieren lassen usw.), doch andere Länder haben längst aufgeholt und spielen ganz weit vorne mit in der Championsleague des 22. Jahrhunderts. Nicht geht es um Erfindungen und Erforschungen als Selbstzweck, sondern um wirklichen Fortschritt, der durch neues Wissen und neue  Technik erreicht werden kann.

Entscheidend ist bei einer neuen Technik oder Technologie immer die Gesamtperformance, daß mit immer geringerem Material-, Energie-,  Herstellungs- und Konstruktionsaufwand eine noch höhere Leistung bei gleicher oder längerer Lebensdauer erbracht werden kann. Letztendlich ist die Performance eines Produktes der Qutient aus:

Energieeinsatz x Rohstoffeinsatz x CO2 Emissionen x Toxis x Arbeitszeit x Maschinen- oder Werkzeugeinsatz x Transportaufwand x Montageaufwand x Reperaturaufwand x Instandhaltungsaufwand x Recyclierungsaufwand) / (Funktionsleistung x Haltbarkeit x Recycelbarkeit x Rohstoffverfügbarkeit). Je kleiner dieser Wert ist, desto effektiver ist die Technik. Im Prinzip kann man jeden Gegenstand, jedes Artefakt mathematisch simpel quantifizieren und zum umltimativen Vergleich stellen. Kosten spielen hier keine Rolle, da diese über vom Menschen künstlich hergestellte Bewertungsverfahren (Angebot und Nachfrage, Markt) extrem variabel und unzuverlässig sind.

Die neuen Klebetechniken etwa erlauben bei minimalem Materialaufwand einen effektiven wie sicheren Einsatz im Flugzeug- und Karosserie-wie auch Glas- und Kunststoffbau. Vorbei sind die Zeiten des aufwendigen Bohren, Schrauben und Schweißen. Auch Klett ist einer dieser hocheffektiven Verbindungstechniken. Um Gewicht zu sparen, werden derzeit pneumatische Sitze unter 1.000 Gramm je Sitzplatz in bzw.  für Passagierflugzeuge entwickelt (Economie 500-1.000g/ Sitz, Business 1.500-3.000g/ Sitz, 1. Klasse 3000-5000g/ Sitz). Die Sitze bzw. Tubes der schweizer Firma Lantal bestehen aus dünnen, o,25mm dicken Polyurethanfilms sowie Bezügen aus Nomex-Kevlar-Stoffen für den Brandschutz . Die pneumatischen (Sport-) Hallen hatten wie schon in den 1970´er Jahren und seitdem sind die Spezial-Membranen extrem weiterentwickelt worden (u.a. von Conti-Tech). Lediglich der Brand- und Schallschutz muß bei den Leichtbaukonstruktionen noch optimiert werden, um diese Systeme seriell auch im Hochbau einsetzen zu können. Fassaden- und Dachelemente, die Energie speichern und erzeugen können, gibt es ebenfalls seit mehreren Jahrzehnten. Im Prinzip dürften heute keine Materialien mehr verbaut werden, die ohne smarte Energiefunktionen ausgestattet sind. Überhaupt ist es ein Unding, daß das Nullenergiehaus wie auch Energie-Plus-Haus (hier wird mehr Energie erzeugt, als das Haus selbst benötigt) noch kein gesetzlicher Standard ist. So aber vollzieht sich der Wandel nur in frustrierend kleinen Mäuseschritten, die sämtliche Synergieeffekte zunichte machen. Was für eine verschlafene Gesellschaft, die technologisch (und damit pro Umwelt + Natur) weit, sehr sehr weit hinter ihren Möglichkeiten dahertrottet!

Drum: fordern Sie vom Markt das 250 kg schwere 0.5 Liter-Auto, das 2.500 Gramm schwere Fahrrad, den 25 kg schweren Motorroller, den 250 Gramm schweren Laptop, die 500 kg schwere 40m² Wohnung mit einem jährlichen Energieertrag von zusätzlich 2.000kWh, die 5 kg schwere Büroeinrichtung, den 1.000 Gramm schweren Bürodrehstuhl usw. Helfen sie mit, daß jeder Mensch in 1 Leben statt über 150 Tonnen nur noch 50 Tonnen, gar nur 10 Tonne an veredelten Rostoffen verbraucht, die zudem zu 100% recycelt werden können.

Fordern Sie die Verpackungsindustrie auf, die Produkte mit dem minimalsten Verpackungsaufwand zu verkaufen. Eine konventionelle 1-Liter Milchtüte verbraucht ca. 37% mehr Verpackungsmaterial als eine kompakte 2 Liter-Milchtüte und 47% mehr als ein kompakte 2,5 Liter Milchtüte. Das sind bis zu 50% mehr Verpackungstransportgewicht und Materialkosten als notwendig, die Sie als Verbraucher mehrbezahlen und zudem die Umwelt belasten. Fordern Sie den Staat auf, Mogelpackungen zu verbieten, die nicht selten bis zu 50% Luft verpacken. Maximal sollten -bis auf wenige Ausnahmen- 5% Leervolumen erlaubt sein. Wenn man z.B. Zucker oder Salz mit dünnem Papier (120-150g/m²) verpacken kann, bracht man keine 0.5-1.0mm dicken Kartonagen, die das doppelte bis 5-fache wiegen. Viele Produkte sind zu 50% bis 90% mit stink normalem Wasser verdünnt bzw. vermischt (z.B. Duschgel, Haarshampoo, Flüssigseifen, Zahnpasta, Cremes, Waschmittel, Geschirrspüler etc.). Wenn man die Hauptsubstanzen auch ohne Qualitätseinbußen konzentriert oder getrocknet herstellen kann, dann kann man auch auf 50% bis 75% Gewichtsanteil H2O inkl. dafür notwendiger Verpackung und Gewicht verzichten (Beispiel: Brausetabletten, Asperintabletten, Gallseife etc.). Sie als Kunde müssen weniger schleppen und auch weniger bezahlen, da weniger Verpackung, weniger Transportkosten und weniger Lagerungskosten -die ja allesamt als Aufpreis aufgeschlagen werden- entstehen und zudem haben sie zu Hause die doppelte Lager- oder Regalfläche über . . und auf deutschen wie europäischen Autobahnen und Eisenbahnstrecken halbiert sich der lärmende, emissionsreiche, den Verkehrsfluß beeinträchtigende LKW-Verkehr! Alle gewinnen! Warum wird´s nicht schön längst gemacht?

Weil wir ein unmoralisches wie vernunftfreies Wirtschaftssystem haben, das mit Müll, Dreck, Mehrverbrauch, Mängeln, Fehlern, Sollbruchstellen, Krieg, Zerstörung, Unfällen und Krankheiten schlichtweg „Arbeit“ generiert und damit ziemlich viel „Geld“ verdienen kann! Ökonomisch betrachtet: der Kranke kann nicht krank genug sein, daß man sich an ihm eine goldene Nase verdienen kann. Und der Krieg kann nicht zerstörerisch genug sein, daß man Soldaten beschäftigen kann, Panzer und Waffen bauen kann und über den folgenden Wiederaufbau und die umfangreiche humanitäre Hilfe sehr viel Arbeit und Wachstum generiert, daß es fast wie eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten aussieht (wären da nicht die vielen Toten und Krepierten, das viele Menschnleid und eine auf viele Jahrzehnte hinweg zerstörte Umwelt). Und auch die Müllverbrennungsanlagen klagen, wenn wir zu wenig Müll produzieren, weil die Anlagen sonst nicht wirtschaftlich, sprich rentabel laufen. Die Wasserwerke klagen, wenn unsere Sparamaturen und 15-Liter-WC´s zu wenig Abwasser in die Kanalisation leiten, daß die dafür überdimenionierten Rohre nun mit zusätzlichem Aufwand gereinigt werden müssen und damit die Rendite der Wasserwerker schmälert. Und die tausend Sollbruchstellen in Handys, Kaffeemaschinen, Waschmaschinen usw. sorgen dafür, daß die Lebensdauer um mehr als 1/10 verkürzt wird, damit 10 x mehr Produktion, Umsatz, Rendite und Arbeitsplätze geschaffen werden durch 10 x mehr Energie-, Rohstoff-, Emissions- und Transportverbrauch: das nennt man wirtschaftliches Wachstum durch „professionelle Destruktion“ (destruktive Wirtschaft vs. konstruktive Wirtschaft)!  Dagen kämpfen Menschen freilich schon seit mehreren 1.000 Jahren auf der ganzen Welt, um aus dem profitorientiertem, privilegiertem Unrecht einiger weniger (zum angeblichen Wohle der Mehrheit) ein vernunftbezogenes, soziales, ökologisches, der Allgemeinheit und schließlich auch der Natur dienendes Recht zu machen (also im eigentlichen Sinne wirklicher „Fortschritt“!). Das Motto lautet: Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche! Den Ast zu sägen, auf dem man Sitz, schafft doppelt Arbeit! Und sie wissen nicht,was sie tun! In der Architektur bzw. im Bauwesen ist der Materialeinsatz je Kopf allein für den Privathaushalt mit derzeit 80-100 Tonnen je Leben in etwa so hoch wie der Verbrauch an Lebensmitteln und Getränken (wohlgemerkt als Nettogewicht!). Hinzu kommen weitere 5-10% Materialaufwand nur für die Mobilität (5-10 Tonnen PKW) und weitere 5-10 Tonnen für Haushaltswaren, Möbel, Geräte, Textilien, Bücher, Zeitschriften usw. Mehr als 80% der gesamten Materialien (Gewicht) werden also für private Wohngebäude verwendet! Rechnet man die Infrastrukturen, Straßen (690.000km)  Gebäude zum Arbeiten sowie öffentlichen Gebäude mit ein, kommt man schnell in 80 Lebensjahren auf ca. 280 Tonnen Schotter, Asphalt und Beton etc. für die Verkehrsflächen + 80 Tonnen Baumaterialien für Wohngebäude + 40 Tonnen Baumaterialien für alle übrigen Gebäude, zusammen also mehr als 400 Tonnen allein nur für Baumaterialien (das sind 5 Tonnen pro Jahr und Einwohner)!  Etwa 5 % (18.000km² mit einem Gewicht von ca. 14,4 Mrd. Tonnen, das entspricht in etwa einem Würfelvolumen von 2 km Kantenlänge) der gesamten Fläche der BRD (357.121km²) wird derzeit für Verkehrsflächen (ca. 220m² je Einwohner und ca. 175 Tonnen Gesamtgewicht je Einwohner) , etwas mehr als 12% (45.000km²) für Siedlungsflächen verwendet. Hinzu kommen weitere Flächen und Baumaterialien für das Bahn- und Wasserstraßennetz.

Wenn man sich vergewissert, daß je Einwohner jedes Jahr 1.500kg Baumaterialien für Gebäude benötigt werden, kann man schon stutzig werden, wenn wir statt der 1.500kg eigentlich nur 250 bis 500kg für die gleiche Nutzfläche bräuchten. Die Einsparung von Umweltbelastungen durch Ressourcenabbau, Energieverbrauch, CO2-Emissionen, Produktionsaufwand und Transport sind bei 82 Millionen Einwohnern und einer jährlichen Gebäude-Baustoff-Tonnage von 125 Millionen Tonnen enorm hoch! Wir könnten jedes Jahr locker über 80 Millionen Tonnen Baumaterialien im Wert von ca. 40 Mrd Euro (ca. 500,- Euro je Tonne und Bundesbürger) einsparen! Doch solange sich Effizienz nicht in verbindlichen Gesetzestexten, Richtlinien und Normen niederschlägt, bleibt auch beim Bauen (anders als in der Raum- und Luftfahrtindustrie) alles wie gehabt. Sieht so technologischer und kultureller Fortschritt aus?

Beispiel Zugfestigkeit: Carbonfasern (1.780kg/m³, Zugspannung 3,75kN/mm²) sind je Gewichtseinheit ca. 5,5 mal effektiver als Stahl (7.850kg/m³, Zugspannung 3,0kN/mm²). Glas ist mit 2.550kg/m³ und 2,4kN/mm² Zugspannung bereits 2,46 mal so effektiv wie Stahl. Bei den Membranen hat je Flächengewicht der innovative Stoff „Kevlan“ (z.B. Cargolifter CL75) eine etwa 3-mal so hohe Zugfestigkeit wie PET-Materialien, die eine etwa 3-mal höhere Zugfestigkeit wie Gewebe aus Baumwolle besitzen.

Aluminiumwabenplatten mit einer Zellweite von z.B. 6mm und beidseitiger Alu-Deckbeschichtung von 0,6mm Stärke haben beispielsweise ein Flächengewicht von 4,0 kg/m²  bzw. 159 kg/m³ (6,3mm Plattendicke) bis 8,0kg/m² bzw. 192 kg/m³ (52mm Plattendicke). Kartonierte Wabenplatten haben ein Raumgewicht von ca. 130kg/m³ (10mm Print-Wabenplatte) bzw. 185kg/m³ mit zusätzlicher Kraftlinerbeschichtung (10mm Building-Platte). Eine Wabenplatte mit 10mm Zellweite aus Liner (140 g/m² Flächengewicht Wabe) hat ein Raumgewicht von ca. 40kg/m³ und eine Druckfestigkeit von 55 Tonne je m². Eine Wabenplatte mit 15mm Zellweite trägt noch stolze 48 Tonnen je m² und hat ein leicht reduziertes Gewicht von nur noch 34kg/m³.

Was wir Architekten uns wünschen, sind extrem leichte, umweltschonende, voll rezyklierbare, giftfreie, pflegeleichte wie multifunktionale Baustoffe, die neben ihrer optimierten Tragstruktur (Wand, Boden, Decke, Dach, Umwehrung) auch Lichtfunktionen, Dämmfunktionen (Wärmeschutz, Akustik etc.) und Brandschutzfunktionen übernehmen. Quasi eierlegende Wollmilchsäue, die technisch einfach, rohstoff- und energiearm herzustellen sind und durch ihre funktionalen wie statischen Aspekte überzeugen.

 

 

ästhetik der farben

Freitag, April 12th, 2013

ästhetik der farben :: unsere mit den Augen im Lichtspektrum von 380 bis 780nm wahrgenommene stoffliche Welt wird maßgeblich über Farben und deren Helligkeit definiert. Neben dem Farbreiz (Optik) und der Farbvalenz (die physiologische Farbwahrnehmung) ist hierfür den ästhetischen Bereich vor allem die Farbempfindung (das psychologische Erleben von Farbe) von Bedeutung. Grundsätzlich reagieren und empfinden Menschen mit vollständig entwickelten Sehorganen zum Teil übereinstimmend, aber auch ganz individuell auf bestimmte Farben. Farben werden psychologisch und in ihrer Bedeutung von uns erlernt, so dass hier auch der kulturelle wie naturgegebene Kontext eine große Bedeutung in der Farbempfindung spielt. Rot (Feuer) und Gelb (Sonne) werden i.a. als aktive und warme Farben (Signalwirkung), Blau (Himmel, Meer) und Grün (Vegitation) als eher passive, schwerere Farben empfunden, wenngleich auch ein leuchtendes, helles Blau oder hellstrahlendes Grün sehr stimulierend wirken kann. Satte, als rein empfundene Farben wirken kräftiger und eindeutiger im Ton als mit Schwarz oder Weiß abgetönte oder gemischte Farben (z.B. milde Pastelltöne).  Violett, Türkis, Orange und Grün bilden die aus den Grundfarben gemischten Sekundärfarben, während Purpur bzw. Mangenta, Braun, Oliv, Weiß, Grau und Schwarz die Tertiärfarben bilden. Als Komplementärfarben werden Orange und Blau, Rot und Grün sowie Gelb und Violett wahrgenommen. Im quantitativen Gleichgewicht befinden sich die Komplementärfarben in etwa bei 1:2 von Orange und Blau, 1:1 von Rot und Grün und 1:3 von Gelb und Violett. Ein neutrales Grau (also ein Grau ohne einen dominanten Farbton) ergibt sich beim Mischen der Komplementärfarben. Eine weitere Differenzierung der Farben ergibt sich aus der Helligkeit (direkt oder indirekt) der Farbtöne (also das Absorptions- bzw. Reflektionsvermögen, die Leuchtintensität), die wiederum von der unmittelbaren Umgebungsfarbe (Hintergrundfarbe) wie auch von der umgebenden Helligkeit des Hintergrundes (Kontrastwirkung) bestimmt wird. Die Umgebungsfarben sind letztendlich auch wegen ihrer Farbton- und Helligkeitsreflektion von entscheidender Bedeutung für die Wahl und Wirkung einer Farbe bzw. Farbkombination, die wiederum in Passung zum gewälten Material stehen muß, welches wiederum vor allem den statischen und funktionalen Anforderungen genügen muß. Grundsätzlich unterscheiden wir neben den hellen und dunklen, den empfundenen leichten und schweren, den intensiv und blass leuchtenden sowie den farbsatten und pastellenen oder cremigen Farbtönen noch nach der Farbtemperatur, also den warmen (gelb-rötlichen) oder kalten (blau-violetten) Farbtönen. Die wirkende Farbtemperatur der Farben wird hierbei neben der eigenen Farbtemperatur auch noch über die Farbtemperatur des Kunst- und/ oder Tageslichtes beeinflußt. Warme Farben sollten daher überwiegend mit warmen bis warmweissem Licht, kalte Farben entsprechend mit kaltem bis kaltweissem Licht illuminiert sein, um die beabsichtigte Farbstimmung nicht zu schwächen. Neutrale Farben (Weiss- und Grautöne) passen sich dem Umgebungslicht bezüglich der Farbtemperatur ideal an.

Bei allen komplexen physikalischen Zusammenhängen in Sache Farbe und Farbwahrnehmung kommt es letztendlich auf den zu erzielenden, i.d.R. individuell gewünschten Farbcharakter eines Raumes oder einer Fassade an. Ist erst einmal eine Grundfarbe oder einen Grundfarbton als Farbmilieu oder Thema (weich, zart, hart, bunt, belebend, aktiv, sportlich, beruhigend, gedämpft, passiv, meditativ, kontrastreich, einfarbig, hell, dunkel, sachlich, gemütlich, aufdringlich, zurückhaltend etc.) vorgegeben, zeigt sich schnell an Hand von Farbmustern oder Farbfächern, welche Farbtöne (Materialoberflächen) zum gewählten Farbmilieu quantitativ wie qualitativ, harmonisch wie auch kontrastierend passen. Mit zirka 1.500 bis 2.000 abgestuften Farbtönen können im Bereich Architektur nahezu alle wichtigen wie sinnvollen Farbräume abgedeckt werden (z.B. Scala Brillux), auch wenn die Zahl der möglichen Farbtöne weit darüber liegt (ca. 3.500 Farben HKS-Druckfarben, 1.950 NCS-Farben, 213 RAL-Töne usw.). Erweitert wird das Farbspektrum schließlich noch durch die Reflektionsart des Farbauftrages, also matt, seidenmatt, glänzend oder hochglänzend sowie den verschiedenen Metallicfarbtönen. Last but not least die speziellen, meist mehrfarbigen Spachtel-, Putz- oder Lackiertechniken, bei denen verschiedenste Farbnuancen, Schattierungen oder auch Farbverläufe und Marmorierungen etc. möglich sind.

Wir arbeiten gerne mit Farben, die vorzugsweise auf matte Holz-, Naturstein- und Betonoberflächen dezent abgestimmt sind. Statt satter, leuchtender oder auch dunkler Farben bevorzugen wir eher helle, freundliche Pastell- und Cremetöne, die ggfs. mit satten Akzenten ergänzt werden können. Statt reinweisser, stark kontrastierender Wand- oder Deckenflächen verwenden wir gerne leicht abgetönte, cremeweisse Farben mit einer warmen Farbtemperatur. Farbige Wände gerne in Wein- bis Purpur- oder auch Rostrot (Cortenstahl), dazu warmes Cremeweiss, Vanillegelb, Pistazi oder Sand sowie eloxiertes Aluminium. Ferner ganz edel und beruhigend ein dunkles Kobalt-, Nacht- oder auch Perlnachtblau mit dezentem Grau, Schiefer und Weiss abgesetzt, dazu patiniertes Zinn oder eloxiertes Aluminium. Bei den Grüntönen bevorzugen wir helles Schilfgrün, Blassgrün oder auch helles Lindgrün, dazu helles Grau, Cremeweiss oder zartes Vanillegelb, Akzente mit Olivgrün oder Chromoxidgrün. Sehr erfrischend Cremweiss oder ein helles Grau zusammen mit leuchtendem Mais- oder Rapsgelb, auch in komplementärer Kombination mit hellem Pastellblau oder auch dunklem Kobolt- oder Nachtblau. Bei farbigen Wänden sind Holzfußböden wegen ihrer eigenen Farbigkeit ( Rot-, Braun- und Gelbanteile) meist problematisch, dass wir hier meist neutrale dunkle oder helle Steinböden, zur Wandfarbe farblich abgestimmte Teppiche (Velour, Schlinge etc.) oder auch Linoleumbeläge einsetzen. Bei Gebäuden mit Bezug zu Landschaften können hier auch Farben aus der Natur oder zur Natur bzw. Landschaft passende Farben gewählt werden. Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, Räume möglichst farbneutral auszurichten, um den individuellen Objekten und Möbeln mehr Spielraum zu geben.

Metalloberflächen von Stahlzargen, Stahlstützen oder auch PR-Fassaden werden von uns gerne in Anthrazit-, Silber- und Grautönen (div. DB-Töne) pulverlackiert oder mit Eisenglimmer gestrichen. Zu Sichtbetonflächen arrangieren wir gerne schwarz bis silbrig gebeizte, matte, geölte Holzflächen (geringer Gelb- und Rotanteil) oder auch schwarz- bis anthrazitfarbene Stein- oder Faserzementplatten. Hochglänzende Farben vermeiden wir, da sie meist bei Möbeln und Objekten eingesetzt werden. Fußböden als Parkett oder Dielenboden je nach Atmosphäre und Lichtanforderungen in dunkler, fast schwarzer Wenge, Wallnuss, Birne oder auch gekalkter Eiche. Für stark beanspruchte Bereiche eignet sich auch naturfarbiges bis caramellfarbiges Bambusparkett. Anspruchsvolle Wandoberflächen von Bädern wie auch Badobjekten lassen sich wunderbar mit farbpigmentierten, kalkgeseiftem Muschelkalkputz (Tadelakt) herstellen, der jedoch in handwerklicher Technik ausgeführt auch seinen Preis hat.

Grundfarben (insbesondere Grau- und Weißtöne an den Wänden bzw. Fassaden) erweisen sich durch ihre relativ empfundene Farbneutralität wie ausreichend helle Lichtreflektion als idealer Partner für farb- und strukturtragende Oberflächen wie auch Möblierungen. Aber auch helle Beigetöne (Sandstein etc.) passen als Grundfarbe sehr gut zu farblich tragenden, dunkleren wie auch weißen Oberflächen. Schwarz-Weiß-Effekte mit maximaler Kontrastwirkung sollten hingegen nur sparsam und im richtigen Verhältnis gewählt werden, um das Auge nicht zu sehr zu strapatzieren bzw. zu irritieren (Moir-Effekt usw.). Changierende Farbtöne eignen sich ideal für gerasterte, große Flächen, da sie die eher als langweilig bis steril empfundene Rasterstruktur farblich belebt (Beispiel Klinkerwand, Bodenfliesen, Terracottaböden etc.).

Fassadenfarben werden von uns zunächst aus den vorhandenen Farben der unmittelbaren Umgebung abgeleitet (städtebaulicher wie regionaler/ lokaler Kontext, Vegetation, Landschaften etc.) und schließlich in Übereinstimmung mit den gewählten Konstruktionen bzw. deren verwendeten Materialien gebracht, welche wiederum zu den gewählten Innenraumfarben (Bäden, Wände, Deckenuntersichten in Abhängigkeit von den spezifischen Funktion) abgestimmt sein sollten. Eine harte Trennung zwischen Außen- und Innenfarben bzw. Materialien  stören das empfundene Raumkontinuum, so dass wir die verwendeten Materialien und deren Farben gerne nahtlos von Außen nach Innen (oder auch umgekehrt) fließen lassen. Hierdurch wir die Raumzonierung wie auch funktionale Trennung merklich aufgelöst bzw. gemindert und der wahrgenommene Innen- und Außenraum wird optisch durch Aufhebung der Grenzen wesentlich vergrößert. Insbesonderer bei vollverglasten Fassaden (Foyerzonen, Wintergärten, Räume mit vorgelagerten Terrassen etc.) können hierdurch sehr schöne Raum- und Materialeffekte entstehen. Nach Möglichkeit verwenden wir „bunte“ und satte Farben (insb. bei den Farbanstrichen) im urbanen wie vor allem ländlichen Kontext nur sehr sparsam, sofern die gewünschte Farbigkeit nicht bereits über das gewählte Material zur Wirkung kommt. Lediglich in architektonisch ausgewiesenen „Kunsträumen“ (etwa im Innenstadtbereich von Metropolen, Vergnügungsviertel, like „Las Vegas“ etc.) dürfen unserer Meinung nach auch satte, poppige Farben zur chrarakteristischen Milieubildung im öffentlichen Raum eingesetzt werden, sofern die Farbigkeit per se nicht bereits kulturelles Stilmerkmal einer Region oder eines Viertels ist (etwa die typisch rot getünchten Häuser in Norwegen, das freundliche Schweden-Gelb, das nordisch-frisische Blau oder das bergische Grün an Fensterläden und Türen usw.). Es ist nicht die Aufgabe der Architektur, Farbe in all ihrer Schönheit und Vielfalt zu präsentieren, wohl aber das verwendete Material und die Konstruktion ehrlich und sinnvoll im Raum darzustellen. Die Farbe und davon meist genügend kommt früh genug als mobile Applikation durch die Kunst, die Werbung und das Design in die Räume und an die Fassaden und kann dort ihre meist kurzweilige Mode ausreichend demonstrieren. Farbe verhält sich hier vielmehr als individueller Schmuck. Es gibt andere Kulturen, in denen die Farbe eine wesentlich größere Bedeutung hat als in Europa. Südamerikanische, aber auch afrikanische Länder gehen beispielsweise viel selbstbewußter, aber auch wesentlich tradierter und stilsicherer mit „bunten“ Farben in der Architektur um, während unsere europäischen, insbesondere nordeuropäischen Ausdrucksmittel eher technischer, konstruktiver und funktionaler Art sind. Die herrlichen Farben des mexikanischen Architekten Luis Barrag¡n (1902-1988), aber auch die mediterranen Pastelltöne Le Corbusiers wirken farbpsychologisch natürlich auch auf uns (Nord-) Europäer, sind jedoch kulturell (auch baukulturell) nicht oder nur sehr schwach in unserer Lebensvorstellung verankert. Ganz anders in Guatemala (Farben der Maya), Cuba, Bombay, Hawai oder auch Sri Lanka, wo die satten und bunten Farben quasi mit der Kultur, den Menschen und der Landschaft verschmolzen sind. Aber auch die Niederlande (Oranje) und Griechenland (Blau) u.a. benutzen Farbe zur kulturellen Identifikation. Aus Italien kennen wir das sogenannte Siennarot (ungebrannt eher Ocker bis Gelb, gebrannt Rotbraun) und die verschiedenen Orange-Ocker-Rottöne der regionalen Terracottaprodukte und der alten Dachziegel, dazu zahlreiche Sepia- und Umbratönungen. Die relativ homogenen Dachlandschaften von Florenz, Siena oder auch Bologna strahlen ein intensives Rot-Orange, was sich nahezu komplementär zur umgebenden grünen Hügellandschaft abzeichnet. Und in Siena ist sogar die berühmte Piazza del Campo, auf der alljährlich der bekannte „Palio“ stattfindet, mit Siennaroten Backsteinen zwischen hellen Travertinstreifen gepflastert.

ästhetik der materialien

Freitag, April 12th, 2013

ästhetik der materialien :: mit Materialien meinen wir aus ästhetischer Sicht alle sichtbaren, damit auch farbigen, oberflächenstrukturierten und formhaltigen Flächen. Neben seiner ästhetisch zu bewertenden Farbigkeit und Oberflächenstruktur hat das Material aber auch eine semantische Ebene, wenn wir den Wert des Materials, seinen Ursprung und seine Herstellunsgbedingungen vergewissern. Die meisten natürlichen Materialien entnehmen wir direkt der Natur, so dass mit dem geschlagenen Holz, den aus den Steinbrüchen gebrochenen Steinen und den zu Ziegelsteinen geformten Ton eine starke, direkte Verbindung zur Natur hergestellt wird. Anders sieht es mit allen künstlich hergestellten Materialien aus, deren Ausgangsmaterialien infolge der verschiedensten Herstellungs- und Veredelungsprozesse nicht mehr oder nur sehr schwer in einen direkten Bezug zu den uns bekannten Stoffen der Natur gestellt werden können. Dazu zählen u.a. alle Metalle, Ölprodukte, Beton, Kunststeine, Holzfaserwerkstoffe, Glas usw. Diese künstlich hergestellten Materialien (abstract materials) müssen sich unser Vertrauen erst durch Gewöhnung (meist über die Produktwelt/ Produktdesign) und kulturelle Normierungsprozesse erarbeiten. In der sensorischen Wahrnehmung (Tastsinn) sprechen uns warme und leicht rauhe Materialien (Griffigkeit, Handschmeichler) mehr an als kalte und glatte Materialien. Extrem poröse Materialien -mit Ausnahme von Textilien oder Teppichen-  werden im Nahbereich eher als grob, roh oder unveredelt empfunden (kultureller Veredelungszwang). Je mehr Hohlräume bzw. offene Poren eine Oberfläche besitzt, desto mehr Sorge um unerwünschte Substanzen, Staub oder Dreck. Extrem glatte Flächen werden zwar als hygienisch unbedenklich empfunden, bieten aber unserem fein ausgeprägten Tastsinn durch den fehlenden Gripp nur wenig Reize. Glatte Oberflächen eignen sich daher ideal für Licht- und Farbreflektionen. Insbesondere hochpolierte Metall- oder spiegelnde Lackflächen erzeugen kontrastreiche, helle Lichtreflektionen (Silber-, Spiegel- und Blinkereffekt), die unser Auge besonders stark reizen (Chromeffekt). Da nun bei Gebäuden die einzelnen Flächen innen wie außen meist unterschiedliche Anforderungen erfüllen müssen, kommt es -mit Ausnahme reiner Holzbauten (z.B. Holzhütte, Blockhaus)- zwangsläufig zu einem räumlichen Materialmix, der vom Architekten in Sachen Farbe, Struktur und Materialwertigkeit sorgsam aufeinander abzustimmen ist. Obwohl die künstlich hergestellten Materialien die natürlichen Materialien (Holz, Stein, Ton) mittlerweile an Vielfalt weit übertreffen, nehmen sie in der ästhetischen Bewertung nach wie vor einen hohen Rang ein, während beispielsweise unveredelte Ölprodukte (insbesondere Kunststoffe) trotz vieler hervorragender Materialeigenschaften größtenteils als minderwertig eingestuft werden, sofern sie keine interessanten haptischen Eigenschaften vorweisen. Auch wenn ölbasierte Materialien aus dem neuzeitlichen Bauen kaum mehr wegzudenken sind (z.B. Bauwerksabdichtung, Folien, Dichtungen, Dämmstoffe), sollte ihr Einsatz jedoch aus ökologischen, gesundheitlichen wie auch brandschutztechnischen Gründen möglichst vermieden werden, wenn konventionelle Baustoffe hier eine echte Alternative bieten. Zur Zeit lassen sich u.a. mit diversen Kunstharz- oder Ölprodukten (HPL- oder Schichtstoffplatten, Laminate, Finishfilms etc., z.B. Duropal, Resopal bereits seit 1930, Trespa etc.), nahezu alle bekannten Naturbaustoffe in ihrer Oberflächenwirkung (Farbe, Struktur etc.) nahezu realistisch imitieren, so dass der industrielle Material-Fake es dem Betrachter zunehmend schwer macht, zwischen echten und künstlichen Materialien zu unterscheiden. Imitationen haben unserer Meinung nach nur dann eine ästhetische Legimitation, wenn sie vom Betrachter oder Benutzer nicht identifiziert bzw. authentifiziert werden können (das eingesetzte Material kann nicht berührt, getastet oder andersartig sensorisch, z.B. über den Klang oder Geruch überprüft werden).

Grundsätzlich ordnen wir bestimmten Gebäuden wie auch den jeweiligen Bauteilen bereits normierte, standartisierte und ästhetisch abgestimmte Materialien zu. Hier greifen wir auf den reichen, Jahrhunderte alten Fundus der uns bekannten Baukultur zurück. Neue ästhetische Effekte entstehen nur dann, wenn die uns bekannten Materialien quasi zweckentfremdet an Bauteilen auftreten, wo wir sie nicht vermuten oder aber die Materialien in ungewohnten Strukturen oder Formen präsent sind. So könnte etwa ein Epoxid- oder Terrazzoboden, der sich nun auch an den Wand- und Deckenoberflächen befindet, zu neuen Eindrücken verhelfen. Oder stellen sie sich eine Bodenfliese im gigantischen Format von 100×200 Zentimeter vor oder Fliesen in elegant geschwungenen Alvar Aalto-Formen. Auch durch neue Kombinationen von bekannten Materialien können ästhetische Effekte erzielt werden. So etwa können verschiedene Gläser oder Steinpartikel (unterschiedliche Größen, Farben, Formate etc.) als Zuschlagstoff in Beton, Epoxidharzen oder Putz eingesetzt werden. Feines Stahlgewebe, Stahlwolle etc. kann in Glasscheiben oder transparenten Kunststoffen (Acrylglas etc.) eingeschlossen werden usw.. Auch in der Oberflächenbehandlung können neue Effekte durch Prägungen, Stanzungen oder sonstige maschinelle wie manuelle Bearbeitung erzielt werden. Gipskartonplatten bzw. deren Kartonbeschichtung könnten mit x-beliebigen Prägungen und Zusatzstoffen (Finishfilm etc.), wie man sie auch bei Tapeten einsetzt, hergestellt werden. Glasscheiben können heute durch neue, kostengünstige Herstellungsverfahren plastisch verformt werden (Beispiel Elbphilharmonie).

Nachwachsendes, CO2-neutrales Holz etwa ist einer dieser Ur-Baustoffe, der mittlerweile durch moderne Herstellungstechnologien zu einem hochleistungsfähigen Material entwickelt wurde. Hier sind es u.a. die Holzspan- und Holzfaserplatten (OSB, HPL, MDF etc.), Multiplexplatten, aber auch Brettschichthözer (weitspannende, auch gebogene Leimholz-Träger) sowie impregnierende, pilz-, insekten- und feuerhemmende Verfahren, die Holz zu einem statisch wie bauphysikalisch normierten, innen wie außen vielseitig verwendbaren, kostengünstigen und ökologisch verträglichen Baustoff machen. Aber auch hier werden zum Teil umweltbedenkliche Zusatzstoffe (formaldehydharzbasierte Leime, z.T. chrom- bzw. borhaltige Fungizide oder Insektizide) beigemischt, die die Ökobilanz negativ beeinflussen können. ästhetisch betrachtet sind die uns bekannten Schnitt-, Wurzel- und Furnierhölzer von Nadel-, Laub- und Tropenbäumen durch ihre typische Farbe und charakteristische Maserung gekennzeichnet. Hinzu kommen vielfältigste Veredelungstechniken der Oberfläche wie Wachsen, Ölen, Lackieren und Lasieren, die dem dunkelbraun bis schwarzem, mittelbraun bis rötlichem oder hellgelben bis weissen Holz zu einer Vielzahl ästhetischer Effekte verhelfen. Auch das Altern und Verwittern, die Bildung einer Patina sowie Gebrauchsspuren des relativ weichen Materials erzeugen äshetische Effekte. Nicht selten wird dem Holz (dem Baum, dem Wald) eine besondere Geschichte zugestanden, die denen der Menschen gleicht (Individualität, Alterungsprozess, Wachstum). Holz ist im Gegensatz zum Stein, Beton oder Metall ein relativ warmes und weiches Material, ist also für den direkten Körperkontakt bzw. Berührungen (Haptik) sehr gut geeignet. Holz kann bei richtiger Pflege und geeignetem konstruktiven Schutz -selbst in Feuchtbereichen wie beim Brückenbau, Pfahlgründungen etc.- mehrere hundert Jahre bestehen. Nachwachsendes Holz hat den großen Vorteil, extrem leicht bearbeitet und zu 100% recycelt zu werden. Zudem ist Holz mit einer Dichte von 600 bis 800kg/m³ verglichen mit Steinen, Beton oder Metallen ein sehr leichter Baustoff, was sowohl die manuelle Herstellung wie auch den Energieaufwand für den Transport wesentlich begünstigt. Aus ökologischer Sicht ist der Jahrhundert alte Holzfachwerkbau mit Wandausfachungen aus Lehm oder Tonziegeln statisch, konstruktiv wie bauhysikalisch eine ideale Symbiose, formal jedoch mit dem Bezug zum Mittelalter etwas antiquiert. Dennoch werden für den Holzgeschossbau zur Zeit tragfähige, sichere Konzepte (Brandschutz) entwickelt, die den Holzbau wieder als moderne, technisch hochentwickelte Bauweise zum Massivbau in Konkurrenz setzt. Hochwertige Hölzer (sehr alte Bäume mit großem Stammdurchmesser etc.) haben zudem durch ihre zunehmende Seltenheit einen hohen Marktwert, so dass sie auch gerne für den anspruchsvollen, luxeriösen Innenausbau verwendet werden.

Die Metalle sind in der Regel sehr harte, steife, hochwärmeleitende (kalt wie heiß) Materialien, werden aber als sicheres, stabiles, langlebiges wie hochwertiges Konstruktionsmaterial voll akzeptiert. Metallbleche hingegen müssen durch Strukturierung oder Beschichtung veredelt werden, um als wertiges Material akzeptiert zu werden (sonst Assoziation vom „billigen“, schnell durchrostendem, beuligen Blech). Auch Aluminium muß zur ästhetischen Akzeptanz oberflächenbehandelt sein (z.B. durch Eloxierung). Farbige Metalle mit Rot- und Gelbanteilen (Kupfer, Bronze, Gold) leben durch ihre warme Farbwirkung und werden zudem als kostbare Materialien eingestuft (Schmuck). Silber und Chrom, auch polierte Edelstahlflächen wirken optisch durch den hohen Anteil an Weißlichtreflektion (Spiegeleffekt). Sollen die auffälligen, eher kalt empfundenen Spiegeleffekte vermieden werden, können die Metalloberflächen (insbesondere von Beschlägen) auch matt gebürstet werden (höhere tastsensorische Akzeptanz). Bei der Beschichtung von Metalloberflächen erweisen sich Pulvebeschichtungen (leicht rauhe Oberfläche) mit dunkel- bis hellgrauem Eisenglimmer (leichter Glitzereffekt) als ästhetisch sehr ansprechend. Traditionell aus dem Schiffsbau empfehlen sich für den Flächenanstrich von Metallen matte wie partiell auch glänzende Weißlacke (Entmaterialisierung, hohe Lichtreflektion, Anmutung von Eleganz und Leichtigkeit), aber auch beruhigendes Mittelblau (Arbeitswelt, Blaumann), neutrales Grau (Grundierung), Orange (Schutzanstrich in Eisenoxidrot, Mennige) und Gelb (Signalfarbe, Sicherheitsaspekt) aus dem Industriebau. Sichtbare, unverkleidete Stahlkonstruktionen, die vorzugsweise im Ingenieur- und Industriebau eingesetzt werden, haben eine gewisse technische Ästhetikkomponente, die in ihrer Sachlichkeit und auf das wesentliche reduzierten Formsprache gerne auch in industriefremde Nutzungen übertragen wird (Hallen- und Werkstattcharakter, Skelettbau). Hinzu kommen feine bis grobe, semitransparente Stahlgewebe, die als hochwertiger, langlebiger Sonnenschutz oder auch als Zaun- oder Geländerfüllung verwendet werden (s.a. Kunst der Verschleierung). Metalle und Aluminium sind im Vergleich zu Holzprodukten extrem rohstoff- und energieintensiv, dass der Einsatz zumindest aus ökologischer Sicht auf statisch bzw. konstruktiv notwendige Bauteile bergrenzt sein sollte.