wahrnehmung > Die Wahrnehmung von Objekten im zeitgebundenen Raum ist ganz allgemein betrachtet Voraussetzung für das Entstehen und Machen wie auch Bewerten und Nutzen von Architekturen. Diese zunächst sinnliche, später dann auch mentale oder auch abstrakt geistige Wahrnehmung, Rekonstruktion, Erinnerung wie auch Vorstellung von gebautem Raum ist jedoch sehr stark vom wahrnehmenden Individuum (Subjekt) und seinem sinnlichen wie geistigem Erfahrungshorizont abhängig. Dies macht es freilich sehr schwierig wenn nicht sogar unmöglich, bei mehreren Milliarden Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Kulturkreises etc. auch nur annähernd einen gemeinsamen Nenner als vermeindliche Wirklichkeit und/ oder Wahrheit von Architektur benennen zu können. Physikalisch oder stofflich, also naturwissenschaftlich, können wir die Dinge vielleicht relativ exakt und scharf umrisssen definieren. Doch wie etwas Stoffliches in seiner Form, seiner Proportion, seiner Farbigkeit, seiner Materialität, seiner Größe, seiner Struktur usw. letztendlich auf den einzelnen Menschen „wirkt“, können wir i.d.R. nur über Verständigung (also kommunikative Konvention) erahnen, vermuten und verifizieren, daß andere Menschen ähnliches (kongruent) sinnlich wahrnehmen, fühlen, denken, spüren etc..
In unserem westlichen Kulturkreis (wie natürlich auch in anderen Kulturen) haben wir durch unsere über hunderte von Jahren spezifisch entwickelte Sprache und unsere Bildung bzw. Ausbildung (kurz: Kulturentwicklung) eine relativ hohe Sprach- und Ausdruckskompatibilität, die uns mehr oder weniger unbewußt in aller Wahrnehmung wie auch sinnlichen und geistigen Wertung, Bewertung und Interpretation auf einen quasi „Großen Nenner“ bringt. Hier sind alle Kulturkreise mehr oder weniger in einem relativ geschlossenen, jedoch in sich schlüssigen und über Jahrhunderte hinweg bewehrten System, während Kulturentwicklung i.d.R. nur durch Austausch (inter-soziokulturell), Forschung (neue Erkenntnisse) und/ oder Innovationen (Erfindungen) stattfinden kann. Eine Vielzahl von Bautechniken und Baustilen sind (wie vieles andere natürlich auch) nur über die vielen Völkerwanderungen, Kriege, Eroberungen, den internationalen Handel und die abenteuerlustigen wie forschenden Entdecker und Seefahrer seiner Zeit quasi als Import fremder Kulturformen nach Europa gekommen (wie auch umgekehrt). Und mit dem Aufkommen von Medien (Buchdruck, Zeitung, Telefon, Radio, Fernsehen, Internet) und der zunhmend grenzenlosen Mobilität (Automobil, Eisenbahn, Flugzeug) gelangen sie immer schneller, direkter, nahezu synchron von der einen in die andere Kulturform, vermischen sich, lösen sich auf und ab, bilden Hybride, konkurrieren miteinander usw.. Bis heute haben wir dadurch vor allem innerhalb der letzten 200 Jahre eine durchgehende „Verwestlichung“ der globalen Welt in sehr vielen Kulturkreisen, zumindest, was die Technik und Artefakte anbelangt, wohl weniger im Bereich von Sprache, Religion/ Ritus, Politik, Wirtschaft und allgemein gesellschaftlicher Norm- und Ethikvorstellungen. Dennoch: der wie auch immer hergestellte Siegeszug der sogenannten westlichen (oder auch „zivilisierten“) Welt ist evident und zudem in seiner quantitativen Ausbreitung kaum mehr umkehrbar.
Aus diesen Gründen ist die Welt des 21. Jahrhunderts auch nicht mehr vergleichbar mit den sogenannten „Alten Welten“, die jedoch räumlich, stofflich, in Form von Gebäuden und Architekturen auch ausserhalb von Museen immer noch Teil unserer modernen Gegenwart sind. Sie zu differenzieren und sich ihrere Genesis, Legitimation und epochalen Authentizität bewußt zu werden, fällt den meisten Menschen jedoch schwer. Unsere Städte sind qusi ein gebautes Nebeneinander von manchmal mehr als 1.000 Jahren Kulturgeschichte. Immer wieder werden wir also mit sehr alten Formen, Strukturen, Konstruktionen, Grundrissen, Fassaden, Bildern, Ornamenten usw. konfrontiert, ohne diese als wirklich antiquiert zu empfinden, da wir sie mit aktuellen Nutzungen in die Gegenwart gerettet bzw. durch „Updates“ transferiert haben (dies funktioniert mit universalem Raum sehr gut, weniger mit sonstigen irdischen Artefakten, etwa einer alten Schreibmaschine oder einem Pferdewagen). Damit gehen sie (also die alten Architekturen) aber auch automatisch in unseren aktuellen Sprach- und Kulturfundus ein, werden historisch (zeitlich) „sublimiert“ und eingeebnet, obwohl sie architektonisch natürlich antiquiert und damit eigentlich mehr als unpassend wie unzeitgemäß sind. Alte Gegenstände kommen ins Museum und sind dort eindeutig als Antiquität erkennbar. Bei Gebäuden und Städten hingegen ist dies fast unmöglich. Daher auch die innere Zerissenheit, wenn bei Neubaustädten „ohne“ historischen Kontext plötzlich in der Wahrnehmung und Bewertung von Raum trotz aller funktionalen Vollständigkeit scheinbar etwas (hier dann gewohnt „altes“) fehlt. Niemand käme auf die Idee, eine alte Schreibmaschine anno 1889 oder ein altes Bakalittelefon einem schnellen Smartbook oder Handy vorzuziegen. In der Architektur aber emfinden wir die alten Raum- und Gebäudelösungen nach wie vor in ihrer gesamten Wirkung irgendwie „ansprechend“ und „schön“, daß wir sie eben nicht abreissen oder ins Museum stecken. All das ist unser meist unbewußter wie selbstverständlicher (normaler) Alltag im Umgang mit Architekturen. Tatsächlich verhält sich die Sache aber weitaus komplexer und vielschichtiger.
skalierung der welt > um die Sache nicht komplizierter, aber verständlicher zu machen, wird die vermeindliche Subjektivität und temporäre, vielmehr historische Überlagerung und undifferenzierte Durchmischung (die ja zu großer Unschärfe wie auch Mißverständnissen führt) nun noch durch das Vorhandensein von Maßstäben und „Skalen“ differenziert . In der Gebäude- und Architekturplanung befassen sich Architekten i.d.R. in einer Maßstabs-Skala von M 1:1.000 bis M 1:10. In der Innenarchitektur M 1:50 bis M 2:1. Im Städtebau M 1:100.000 bis M 1:500. Der Mensch beherrscht ohne techn. Zusatzmittel in seinem Leben mehr oder weniger die Meter-Skala M 1: 10.000.000 (10.000km: Umfang Äquator = 40.000km) bis M 10.000:1 (1/10 Millimeter: Haar, Staubkorn), also insgesamt ein Spektrum mit dem Faktor 10 Milliarden! Mit dem Auge sehen wir hingegen je nach Witterung und Höhenlage nur 200-300km weit, im Nahbereich liegt die Sehschärfe je nach Alter bei etwa 3cm auf 100 Meter Entfernung, was in etwa einem Punkt von 3/10 Millimeter entspricht. Die Physik hingegen umfaßt ganze 44 Größenordnungen und kommt locker in Bereiche von 1: 10.000.000.000.000.000.000.000.000 (10 exp. 26 = Yottameter) bis 1.000.000.000.000.000.000 : 1 (10 exp. -18 = Attometer). Die kleinste mögliche Raumlänge überhaupt ist die Planck-Länge mit 10 exp. -35!
Jeder einzelne dieser für den normalen Menschen primär maßgeblichen 10 Größenordnungen, in denen sich unser ganzes Handeln, Denken, Fühlen und Wahrnehmen abspielt, hat nachweislich seine vollkommen eigene Gesetzmäßigkeit, Sprach-, Bedeutungs- und Bewertungsebene, die zum Teil fließend ineinander übergehen oder auch mehrere Größenordnungen umfassen können. Man stelle sich etwa eine Winterlandschaft vor, bei dem alles sichtbare auf der Erde über 10 Größenordnungen hinweg, also vom mit dem Auge noch erkennbaren 1/10 Millimeter bis zum 40.000km messenden Erdumfang als Satelittenbild „schneeweiss“ ist!
skalen in der architektur > In der Architektur hingegen haben wir es in der Planung, Herstellung und bewußten Wahrnehmung i.d.R. mit dem 1/10 Millimeter (feinkörnige Oberflächenstrukturen, Folien etc.), dem Millimeter (normale Oberflächenstrukturen, Körnung, Maserung, Spaltmaße, Fugen etc.), dem Zentimeter (Fugen, übliche Profilmaße und Schichtdicken von i.d.R. nichttragenden Bauteilen), dem Dezimeter (tragende Bauteile wie Stützen, Pfeiler, Platten- und Steinmaße etc.), dem Meter (Fenster, Türen, Öffnungen, Wände, Decken, Fassadenelemente), 10 Meter (Gebäudeansichten/ -Fassaden, Bauvolumen, unmittelbarer städtebaulicher Kontext etc.), 100 Meter (mittelbarer Kontext, Blockstrukturen, städtisches Gefüge) bis hin zum Kilometer (bei sehr große Gebäuden, Parkanlagen, Flughäfen, Verkehrsinfrastrukturen etc.) zu tun, also immerhin 7-8 relevante Größenordnungen.
skalen im städtebau > Im Städtebau bewegen wir uns in der Skala von 10 Meter (übliche Parzellengröße) über 100 Meter (Blockstrukturen), 1km (Quartiere/ Stadtteile/ Dörfer), 10km (ganze Städte) bis hin zu 100 km (Ballungsgebiete), also etwa 5 relevante Größenordnungen. Städtebau und Architektur umfassen also insgesamt 9 bis 10 zum Teil stark ineinander übergehende wie zusammenhämgende Größenordnungen, die „theoretisch“ bei jeder professionellen wie sachlichen Diskussion differenziert betrachtet werden müßten, in der Praxis aber meist willkürlich vermengt werden. Es wäre sehr hilfreich, die jeweilige Größenordnung als feste Kategorie zu benennen, wenn man über einzelne Gebäudeaspekte oder Stadtaspekte diskutiert. Auch fehlt bisher eine umfassende Darstellung bzw. Differenzierung von Skaleneffekten: wie wirkt z.B. eine Farbe oder Oberflächenstruktur/ Materialität (z.B. Sichtbeton, Metallpaneel, Glas) im Zentimeter- und Meterbereich (Innenwand- und Fassadenbereich), wie im 10- bis 100-Meterbereich? Eine regelmäßige Lochfassade, bestimmte Gebäude- oder Dachformen wirken im Kilometerbereich (die klassische Fernsicht oder auch Perspektive der Stadtsilhouhette) freilich ganz anders als im Vertrauten 1- bis 10-Meter-Bereich. Auch Lichtquellen haben je nach Größenordnung ganz unterschiedliche Effekte auf die Wahrnehmung des Raumes. Soetwa ist das typische Nachtbild von Frankfurt, Hamburg, L.A. oder N.Y. vor allem ein Bild der Kilometer-Skala (Flugzeugperspektive), während der Timessquare oder auch das Brandenburger-Tor überwiegend in der 10-Meter-Skale funktioniert usw., obwohl ja auch alle anderen Größenordnungen und deren spezifischen Aspekte trotzdem vorhanden sind.
jeder skala ihr geheimnis > Es macht also Sinn, unsere (gebaute) Umwelt einmal mehr viel differenzierter unter dem Aspekt und der spezifischen Perspektive der Skalen zu betrachten und zu interpretieren, um vielleicht neue Sichtweisen, aber auch neue Zusammenhänge erschliessen zu können. Sicherlich ist die Skalenfrage vor allem eine Frage des Kontextes, also der fliessenden Übergänge von Maßstäben und Größenordnungen, die in Zeiten zunehmender Verselbständigung von Bauaktivitäten und Bauprojekten umso mehr beachtet werden sollte. In der Praxis schliesslich muß sich das Ding, das Objekt, das Gebäude wie auch die Stadt in beinahe allen Größenordnungen und Maßstäben bewerten, vielmehr „erfahren“ lassen. Was im kleinen Maßstab oder einer kleinen Größenordnung (Skala) funktioniert, kann bereits für einen größeren Maßstab oder eine höhere Größenordnung ganz unpassend oder unstimmig sein wie auch umgekehrt. Tatsächlich ist es unsere Praxis und tief verankerte Logik, trotz unterschiedlicher Größenordnungen stets und immer wieder die gleichen uns bekannten Strukturen und Ordnungsmuster (hier also vorallem die Geometrie, die gerade Linie, den rechten Winkel, das Quadrat/ Rechteck, das Dreieck, den Kreis, die Mathematik i.a.) anzuwenden, obwohl jede Größenordnung genau genommen seine eigene Gesetzmäßigkeit wie auch seine eigene Struktur hat. Die uns bekannten Strukturen und Ordnungsmuster werden von uns Menschen mehr oder weniger beliebig rauf- oder runterskaliert, ohne sich tatsächlich mit den spezifischen Eigenheiten der jeweiligen Größenordnung zu beschäftigen. Beim Straßenbau oder auch Eisenbahnbau etwa funktioniert zum Beispiel beim Richtungswechsel der rechte Winkel überhaupt nicht und auch Flüsse oder Kanäle folgen nur schwerlich der geraden Linie oder einem 30°, 60° oder 90° Winkel. Und auch das Prinzip der scharfen Kanten funktioniert (etwa aus Verletzungsgründen, ergonomischen Gründen, Gründen der Herstellung etc.) u.a. nicht mehr bei Möbeln, Objekten oder anderen Artefakten. Und auch in der ästehtischen Wahrnehmung macht die Größe und Anzahl aus ein und dem gleichen Ding etwas ganz anderes. Wird etwa ein in den Proportionen und Materialien für sich genommen gestalterisch ausgewogenes Haus 100 oder 1000 mal entlang einer geraden Linie aneinandergereiht (multipliziert), verliert das Haus an sich all seine ursprüngliche Schönheit und Bedeutung. Ähnlich geht es mit gestalterisch passablen Einzellösungen von Fenstern und Balkonen, die aber in der Multiplikation (etwa bei einem Hochhaus) eine ganz andere gestalterische, ästhetische wie semantische Wahrnehmung erzeugen. Es gilt der Übersummensatz: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Skalenbewertungen (und damit kontextgebundene Bewertungen) sind daher sehr wichtig, da sie allein und ausschliesslich den gegebenen Kontext berücksichtigen und ganzheitliche, umfassende Bewertungen und Aussagen ermöglichen. Was in der planerischen wie dann auch gebauten Praxis jedoch zunehmend geschieht, ist ein meist unbedachtes „Zusammenschustern“ von in sich funktionierenen Einzellösungen, womit natürlich kein gestalterisches Gesamtkonzept mehr zu realisieren ist. Auch die hohe Qualität von Einzellösung -was selten genug vorkommt- kann hier ein Versagen in der Summenwirkung, also dem Gesamtbild, nicht verhindern. Von der Industrie angebotene oder entwickelte Einzellösungen (Bausysteme) sollten daher zumindest gestalterische Optionen (Varianzen) für unterschiedliche Situationen und Kontexte (Maßstäbe, Größenordnungen) anbieten, um hier maximale Kompatibilität und gestalerische Kontinuität zu ermöglichen.
skalensprünge : üblicherweise versuchen wir Menschen, einmal gefundene Lösungsansätze, Einsichten und Erklärungsmodelle (hier also unser theoretisches wie praktisches Verständnis von Logik) stets auf andere Phänomene des Lebens zu übertragen. Die Bionik etwa ist eine dieser neuen wissenschaftlichen Disziplinen, die Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten und Strukturen aus der beobachteten Natur irgendwie gewinn- und erkenntnisbringend in die Welt der Artefakte übertragen möchte. Tatsächlich lassen sich aus der Beobachtung der Natur wertvolle Schlüsse ziehen, die uns bei der Konstruktion künstlicher Objekte helfen können (nicht unbedingt müssen), diese zu optimieren. Doch: nicht alles, was in der meist biologischen (Nano-) Welt funktioniert, läßt sich desswegen auch einfach auf unsere technischen oder gar sozialen Probleme skalieren und/ oder kopieren. Auf der Suche nach idealen wie leistungsstarken Sozialstrukturen hat man bereits sehr früh die Natur (etwa die Bienen- und Ameisenvölker) als Vorbild herangezogen, und doch mußte der direkte Transfer dieser beobachteten Strukturen auf die Menschheit oftmals scheitern. Anders, als bei den meisten vorkommenden biologischen Existenzformen können Menschen soetwas wie Liebe, Nächstenliebe, ein Mitgefühl und auch ein Gewissen entwickeln, welche den natürlichen, allzu logischen Gesetzmäßigkeiten von „Friß oder Stirb“ (darwinsitisch: nur der Stärkere und/oder Gesündeste gewinnt/ überlebt) ein strategisches Schnippchen schlagen. Wesentlich erfolgreicher hingegen sind aus der Natur beobachtete bzw. abgeleitete „physikalische“ Strukturen, mit denen vor allem Statiker und Konstrukteure zu mit unter hervorragenden wie besonderen technischen Lösungen gekommen sind (vom Klettverschluß bis hin zum Tubemodell beim Hochhausbau). Wie Zug- und Druckkräfte am Besten in materialisierter Form stabil funktionieren, können wir in unterschiedlichen Maßstäben etwa an Bäumen, Gräsern, Vogelnestern, Bienenstöcken, Eiern, Skelettstrukturen, Schuppen, Korallenriffs oder sonstigen Naturgebilden gut studieren. Hier hat Mutter Erde in mehreren Millionen von Jahren (mühsamer) statischer Entwicklungsarbeit beinahe ideale wie perfekte Lösungen und Strukturen geschaffen, deren Geheimnisse uns helfen können. Und auch sonstige Strukturen, insbesondere in der Ornamentik, haben wir Menschen ja längst imitiert, kopiert und auf andere Gegenstände und/ oder Mechanismen tranferiert.
überlagerzung von skalen > Doch Skalierung kann auch noch anders funktionieren: unser Gehirn ist in der Lage, unterschiedlichste Bilder (und damit auch Skalen, Maßstäbe, Ebenen) von der Echtzeit und dem Raum (synchrone Wahrnehmung der Welt) zu lösen, um sie als einmal gespeicherte Information beliebig in unserem Denken und Fühlen in einen neuen Kontext zu stellen. Soweta können wir denkenderweise die Vorstellungen von den unendlichen Weiten des Universums (Galaxie, Sternenbild) mühelos auf eine im Mikroskop beobachtete Molekularstruktur übertragen und beide Welten, obwohl sie mehrer Tausend von Größenordnungen voneinander entfernt sind, „fiktiv“ miteinander verbinden. Diese Form der geistigen Rekonstruktion wie Konstruktion ist eine kreative wie phantasievolle Arbeit, die offensichtlich etwas ermöglicht, was es in der realen Welt eigentlich nicht gibt und doch in unserem Denken als Phantasie (also als gedachte/ vorgestellte Wahrheit) existiert. Wir sind also in der Lage, ein objektives Bild, vielmehr ein hier und jetzt wahrgenommenes Abbild unserer „realen“ Umwelt mit vorangegangenen Bildern (Erinnerungen) aus einer ganz anderer Zeit, aus einem ganz anderen Raum . . . miteinander zu verbinden. Damit lösen wir die tatsächliche Geschichte der unmittelbar wahrgenommenen Wirklichkeit aus ihrem festen Kontext heraus, überlagern sie unzulässiger aber möglicher Weise mit anderen Bildern und kommen durch dieses Mischen automatisch und stets individuell zu ganz anderen geistigen wie emotionalen, vor allem ästhetischen Bewertungen. Ebenen- und Bildersprünge kommen hier genauso wie Skalensprünge zur psychologischen Wirkung. Die Welt ist nicht (ausschließlich) so, wie sie uns Kraft unserer Sinne erscheint . . . sondern auch so, wie wir sie uns (dazu-)denken. Und gerade Architektur ist etwas, das allein schon durch seine jahrtausende alte Geschichte unendlich viele dieser vielen Bilder, Ebenen und Skalen in sich trägt. Es gibt kaum eine Architektur, die sich von all diesen psychologischen Effekten in der subjektiven Wahrnehmung derselben absolut und gesetzmäßig (damit zwingend) frei machen kann. Selbst die hochabstrakten, stets weißen Geometrien von Richard Meyer oder auch die wilden Dekonstruktionen von Tschumi oder Coop Himmelblau (die allesamt sehr wenige geometrische Analogien zur Natur aufweisen) werden von uns Menschen trotz ihrer Autoreferenz immer und immer wieder mit den erlernten alten, ursprünglichen Bilden von der Höhle, der Hütte, dem Zelt oder dem Giebelhaus in Verbindung gebracht. Es ist in der Artefaktewelt sehr schwierig, sich in der Gestaltung, erst recht in der Objektwahrnehmung von den unendlich vielen Bildern von unserer Natur und damit auch von ihren Skalen zu lösen.
skalierung schafft grösse :: Skalensprünge in der Architektur hat es freilich immer gegeben, solange das unentwegte Streben nach Größe und Höhe immer gewaltigere Bauwerke und Konstruktionen geschaffen hat. Die bisher radikalsten Skalensprünge hatte wohl noch vor der faschistischen Monumental-Architektur von Albert Speer (Kuppelbau der Ruhmeshalle der Welthauptstadt Germania 1939) der Franzose Étienne-Louis Boullée mit seinen maßlosen Kuppel- und Kugelbauten (Kenotaph für Newton 1784, Revolutionsarchitektur) gehabt. Aber auch die gewaltigen Pyramidenbauten stellten einen enormen Skalensprung dar. Die 415 Meter hohen Türme des WTC in N.Y. aus den frühen 1970´er Jahren waren hingegen nur unwesentlich höher als das Empire State Building mit 381m Höhe anno 1931! Hingegen ist das 828 Meter hohe Burj Khalifa anno 2010 in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) bereits doppelt so hoch wie das ehemalige WTC. Und auch in der Horizontalen haben wir heute mittlerweile Megastädte wie Sao Paulo oder Mexico City, deren Metropolregion bereits heute über 80km bis 90km Quadratlänge erreicht haben (das Ruhrgebiet hat zum Vergleich eine Quadratlänge von zirka 66km). Das Gefühl für eine Region solcher Größe ist freilich etwas anderes, als ein überschaubares Dorf oder eine kleine Stadt seine Heimat nennen zu können. Hier verliert sich lokale Identität in globaler und damit auch anonymer Identität, wenn man über mehrere Stunden hinweg durch eine nicht enden wollende Stadt fahren kann. Das Phänomen von Größe ist jedoch zweischneidig, da es einerseits dem universalen Charakter entgegenkommt (man denke an die Weite der Ozeane oder an die Unendlichkeit des Universums), andererseits aber den menschlichen Maßstab und damit Eigenschaften wie Vertrautheit und/ oder manuelles Handling/ Beherrschbarkeit überwindet. Der Wunsch nach Größe ist auch religiös motiviert, wenn man an den Turmbau zu Babel denkt. Das Große und Unendliche wird „Gott“ gleichgestellt. Und schließlich sagt Größe etwas über den gesellschaftlichen Rang innerhalb einer hierarschischen Sozialstruktur aus.
skalierung von bauteilen > Größe im Sinne der Skala heißt aber auch, daß die tragenden Bauteile wie Stützen und Träger in ihren Querschnitten weit über 1 Meter messen, Streben über mehrere Geschosse spannen, Träger über 80 bis 100 Meter weit spannen und massive Wände wie auch Fundamente mehrere Meter Dicke haben. Die Fundamente des WTC 1 etwa bildeten insgesamt einen massiven Betonwürfel von 18 Meter Kantenlänge (über 6000 Kubikmeter Beton). Damit kann man verdammt viele Fundamente für Einfamilienhäuser bauen. Dennoch: die Skalierung von einzelnen Gebäuden scheint derzeit horizontal wie vertikal noch relativ begrenzt und überschaubar zu sein und bewegt sich (ausgehend vom Kabinenraum einer kleinen Badezimmerzelle oder eines WC´s, also etwa 1,5 bis 2 m² Grundfläche bzw. 3 bis 5m³ umbauter Raum realistisch etwa um den Skalenfaktor 1.000. Sicherlich können wir auch Gebäude von 10km oder gar 100km Länge herstellen, doch baukonstruktiv und strukturell wäre dieses Gebäude lediglich eine Aneinanderreihung von konventionellen Einzelgebäuden und deren Konstruktionen mit dem Skalenfaktor 10 bis 100. Auch einzelne Bauteile sind derzeit technisch und wirtschaftlich bedingt auf eine (statische) Montage- und Transportlänge von 30 bis 50 Meter begrenzt, wenngleich man auch kilometerlange Mauern und Flächen aus Steinen, Asphalt oder Beton herstellen kann und es auch Folienbahnen gibt, die mehrer hundert Meter an Länge erreichen können. So stelle man sich etwa einen 1km hohen Wolkenkratzer vor, dessen Fassade nicht aus etwa 5 bis 10m² großen, geschoßhohen Einzelpaneelen (Glaselementen) sondern von der Rolle weg aus 10.000m² großen Fassaden-Folien mit einer Breite von 10 Metern und einer Länge von 1km bestünde, die mehrlagig übereinander abgerollt und verbunden eine statisch wirksame Fassadenmembran bilden würden. Dies wäre zumindest mal ein echter Skalensprung um den Fakltor 100 im Bereich der Baulemente, aber auch aus formaler und ästhetischer Sicht sicherlich eine Innovation. Der kilometerlange „Fassadenteppich“ aus einem Stück würde auch in der horizontalen (etwa die Fassadenabwicklung eines ganzen Straßenzuges oder Stadtblockes von 1km Länge) funktionieren und ebenfalls zu formal wie ästhetisch ganz neuen Ansichten und Qualitäten führen. Im übrigen ist die „Folie“ als modernes Gestaltungselement für Flächen eine konsequente Weiterentwicklung der neoplastizistischen Verfahren aus der Moderne. Statt weiss verputzter und gestrichener Flächen (Bauhaus & Co.) nun nicht nur in der Werbung extrem dünne Folien oder Netze, x-beliebig bedruckt, in allen Farben, in allen möglichen Strukturen, wasserabweisend, hygienisch, extrem leicht, transparent, semitransparent oder opak, selbstleuchtend als Flächen-LED oder mit integrierten Photovoltaikmodulen usw. Und auch die Unterkonstruktion sind nicht mehr massiv aus Wänden sondern eher wie eine leichte Zeltunterkonstruktion aus filigranen Stangen und Rohren, die ein leichtes Raumtragwerk bilden. Oder im Grundriss als vertikale Membran in freier Abwicklung aufgestellt, etwa mit kurvig fließenden Formen analog zu Alvar Aaltos geschwungenen Vasen usw. Doch große Bauteile allein machen noch lange keine gelungene Architektur aus, so, wie auch der Sinn, Zweck und die Anmutung von großen Gebäuden stets fragwürdig bleibt.
vom plakativen zum konstruktiven skalensprung :: der erste wirkliche Skalensprung (nach dem Bau der Pyramiden) vollzog sich wohl mit der Postmoderne, als miniaturisierte (Comic-) Figuren auf den Maßstab von Gebäuden um den Faktor 100 hochskaliert wurden. Soetwa wurde in den USA aus dem üblichen, kistenähnlichen Imbißtand (die Imbißbude als mobiler Bauwagen oder ähnliches) in den 1970´er Jahren ein übergroßes, 10 Meter langes „Hot-Dog“ oder ein mutiertes „Mega-Huhn“. All das ist freilich Hollywood, Entertainment pur und die Sorge in Europa war groß, daß Architektur (nach dem Schock der Moderne) nun noch zu einem „dekorierten Schuppen“ verkommen könnte. Wenn schon Dekor, dann doch bitte jenes der alten Baumeister! Doch auch hier nur allzu flacher Formalismus, wenn Quadrat, Kreis und Dreieck uns in poppigen bis pastellen Farben entgegenspringen, gleich, ob nach den Regeln der Alten oder in dekonstruktiver, maßstäblich wie statisch irritierender Manier á la Tschumi. Ganz anders hingegen der konstruktive Skalensprung, bei dem hochskalierte Konstruktionen (gewaltige Balken und Stahlrohrkonstruktionen) schon weitaus glaubwürdiger daher kamen (Centre Pompidou, Ölplattform, Shanghai Bank etc.). Diese seinerzeit sehr technisch anmutenden Gebäude (manche schimpfen sie noch heute auch als brutale, seelenlose „Architektur-Maschinen“) haben jedoch den Vorteil, daß sie das Wesen von Tragen und Lasten (die „firmitas“ als eine der drei Haupttugenden von Architektur) nicht verschleiern und damit weitaus authentischer wirken als etwa ein vollverglastes Pyramiden-Hotel. Und bis heute haben wir diese Frage von Schein und Sein immer noch nicht kulturell so richtig beantworten können. Sollen die Dinge so sein wie sie sind? Oder sollen wir die Dinge so machen, wie sie uns als „schön“ erscheinen? Man hat sich darauf geeinigt, diese Frage neuerdings den „individuellen“ Präferenzen zu überlassen und überläßt damit das Feld der vermeindlichen Stilfrage rigeros dem Individualismus (anstatt der Einsicht und/ oder Wissenschaft), stets in der Hoffnung, daß das Individuum „einsichtig“ und vernünftig wird (als fortgesetzter Glaube in die Vernunft der Aufklärung) und sich die beste Lösung langfristig von alleine durchsetzen wird. Tatsächlich aber bestimmt der Markt (und nicht die Vernunft), was und wie gebaut wird. Und zum Markt gehört natürlich auch die Bauindustrie wie auch zahlreiche Immobilienspekulanten. Die einen wollen möglichst viele Produkte verkaufen . . . die anderen wollen mit möglichst wenig Produkten (Investitionen) maximale Renditen erzielen. Man trifft sich letztendlich in der vermeindlichen „Mittelmäßigkeit“ des Konsenses und baut (sehr wahrscheinlich) an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen wie auch an unseren tatsächlichen Möglichkeiten des Entwerfens und Bauens (handwerkliche Kunst) vorbei (doch dies ist keine Frage der Skalierung sondern eine kulturelle und politische Frage).
anachronismus der skalen > das Idyll einer mittelalterlichen Gasse mit feinteilig gegliederten Butzenfenstern und viel zu kleinen Türen ist freilich kaum vereinbar mit Gebäuden aus der Kilometer-Klasse. Der Kontrast zwischen beiden Gebäudetypen ist maßstabsbedingt zu gross (wenn auch faszinierend), als daß man noch von einer artverwandten „Familie“ sprechen könnte und entspricht in etwa dem Bild eines 400 Meter langen Supertankers (oder der Queen Mary XXL), der in einem kleinen, französischen Fischerhafen direkt neben einer Vielzahl kleiner Fischerboote vor Anker liegt. Sollen wir nun alle Fachwerkstädte und kleinen Fischkutter abschaffen und uns allein auf den „modernen“ Bau von Megagebäuden, Megaschiffen und Megaflugzeugen konzentrieren, weil sie am ehesten unseren (wirtschaftlichen) Bedürfnissen und unserem technischen Know-how entsprechen? Warum überhaupt noch am „Meter-Detail“ festhalten, wenn die Zeit doch so schnell und grenzenlos geworden ist? Tatsächlich geht es darum, eine Skala zu beherrschen und ihren Reichtum an Formen und Möglichkeiten zu erkennen, um daraus eine „Kultur“ bilden zu können. Die Kilometer-Skala ersetzt also an kulturellem Gehalt und Potential nicht etwa die über Jahrhunderte kultivierte wie gewohnte „Meter-Skala“ sowenig die moderne „Mikro-oder Nano-Skala“ etwa die Meter- oder Kilometer-Skala ersetzen könnte/ würde. Sie bilden abstrakt formuliert lediglich zusätzliche „Möglichkeiten“ der Existenz, unserer Existenz, als Menschen auf dieser Erde, einer begrenten Umwelt leben zu können. Und solange wir mit dem Kulturgut vorangegangener Epochen respektvoll umgehen, trägt dies zur Vielfalt unserer aktuellen Kultur bei. Und doch sind wir Menschen immer wieder erschüttert, wenn wir uns die tatsächlichen Dimensionen der modernen Industrie und ihrer baulichen Anlagen (hier also die 100 Meter- bis 10 km-Skala) vor Auge halten und sie uns nicht selten als bedrohlich, häßlich und fremd entgegen tritt, obwohl die Skalen der Natur weitaus größere oder ähnliche Dimensionen und Maßstäbe erreicht (Bergmassiv, Wüste, Flüsse, Ozeane etc.). Interessant erscheint hier, daß wir Menschen spätestens mit dem Zeitalter der Mikroelektronik (Chipbau usw.), in den Naturwissenschaften bereits mit Beginn der ersten Vergrößerungsgläser und Mikroskope, eine explosionsartige Skalenerweiterung in beide Richtungen vollziehen: „Miniaturisierung“ und „Maxiaturisierung“ erweitern und bereichern seitdem unsere angestammte wie über Jahrtausende hinweg vertraute Meter-Welt.
vorteile der skalierung :: bei der Bewertung von unterschiedlichen Skalen hinsichtlich Zweck, Sinnhaftigkeit und Nutzen kommen wir in unserer technologischen Entwicklung jedoch schnell an meist praktikable oder wirtschaftliche Grenzen, nicht selten auch an rein physikalische oder herstellungsbedingte Grenzen. Beispiel: selbst, wenn die wirtschaftliche Herstellung einer etwa 10 x 10 Meter großen Glasscheibe möglich wäre, bleibt zu klären, ob der zusätzliche Zeit- und Kostenaufwand für den Transport und die Montage mit konventionellen großformatigen Glasscheiben (also etwa 150 x 350cm) konkurrieren kann. Auch in einem möglichen Schadensfall würden enorme Kosten auftreten, da gleich 100m² Glasscheibe anstatt 5m² Glasscheibe ausgetauscht bzw. ersetzt werden müssen. Auch bei statischen Systemen muß sehr genau abgewägt werden, welche Vorteile Großstrukturen tatsächlich gegenüber konventionellen, vielgliedrigen Tragsystemen (autonome Teilsysteme) haben, insbesondere im Sicherheitsbereich, wenn es etwa bei Erdbeben oder sonstigen Schadensfällen zum Versagen dieser Großstrukturen führt: führt das Versagen eines einzigen Bauteils zum Zusammenbruch eines ganzen Gebäudes, ist das statische System wohl nicht sehr empfehlenswert, zumindest aber sehr risikohaft. Im Schiffsbau etwa wurde dieses Problem bei den ersten Haverien der großen Öltanker schließlich durch den Bau von zusätzlichen Doppelwänden und statisch autonomen Sektionen gelöst. Sicherheitsbeiwerte und zusätzliche, redundante Systeme sorgen schließlich für erhebliche Mehrkosten und stellen den tatsächlichen Nutzen von Großstruktur letztendlich wieder in Frage. Auch im Mikrobereich gibt es ähnliche Probleme, wenn etwa die Ausschussrate und Fehlerquote bei der sehr kostenintensiven Herstellung von extrem leistungsfähigen Mikroprozessoren produktionsbedingt zu hoch ist oder es im Anwendungsfall zu kompletten Systemausfällen von Rechnern führen kann. Skalierung als reiner Selbstzweck macht in der Praxis also erfahrungsgemäß keinen Sinn, wenn die kritischen Größen der Beherrschbarkeit von spezifischen Systemen überschritten werden. Eine der gewaltigsten High-Tech-Maschinen der Menschheit überhaupt, das Space-Shuttle der Nasa, versagte beim Start der Challenger 1986 tragischer Weise, weil trotz Wissen der Ingenieure nur ein einziges Material, ein Dichtungsring am Feststoff-Booster, fehlerhaft bzw. für bestimmte Temperaturen nicht geeignet war. Dies nur ein Beispiel, wie schwierig und anspruchsvoll es bei hochkomplexen technischen Systemen ist, das Risiko von Teilversagen einzelner Systeme (Technik wie auch menschlicher Systeme) mit einer realtiven Sicherheit zu beherrschen (siehe auch Sicherheit von Atomkraftwerken, Tschernobyl, Fukushima etc.). Im Bauwesen werden uns diese Grenzen hauptsächlich durch den Standsicherheitsnachweis gesetzt, bei dem die statischen Systeme mögliche Explosionen, Stürme, Schneelasten oder Erdbeben stand halten müssen.