fragen über fragen > Diese Frage haben sich damalige Architekten, Baumeister und Städtebauer allesamt vor nun mehr als 100 Jahren gestellt, als die neuen gesellschaftlichen, funktionalen wie räumlichen Anforderungen als Resultat der ungebremsten industriellen Revolution (Fortschritt) nicht mehr mit den „alten“, klassischen wie über Jahrhunderte erprobten Vorstellungen und Lösungen von Stadt und Architektur beantwortet werden konnten oder sollten. Für die neuen, immer größer werdenden Fabriken und Industrieanlagen, die neuen Verkehrsanlagen (Eisenbahn, Schiff, Flugzeug, Automobil), die dazugehörigen technischen wie versorgenden Infrastrukturen (Gas, Wasser, Elektrizität) wie auch für die explosionsartige Nachfrage nach neuem Lebens-, Stadt-, Handels- und Wohnraum taugten die „alten“ Lösungen (Fachwerkstadt, Gutshof/ Bauernhof etc.) nur bedingt bis garnicht mehr. Zumindest standen diese neuen Gebäude und Anlagen nun in einem offensichtlichen Kontext mit den althergebrachten Baustilen. Alles mußte nun weitaus größer und schneller gebaut werden, natürlich mit modernen, industriell hergestellten Baustoffen (Stahl, Beton, Glas). Anfänglich taten sich die modernen Baumeister schwer, ihren über die Jahrhunderte entwickelten, traditionellen, zuletzt mit dem Klassizismus stark akademisierten Entwurfs- und Stilkanon auf Grundlage überwiegend handwerklicher Produktion komplett zu ersetzen, so daß man zwar moderne, stählerne Fabrik- und Bahnhofshallen baute, diese aber mit konventionellen Kopfgebäuden mit klassischen Fassadenmotiven (Stilarchitekturen) kaschierte. Mit dem Bauhaus Ende der 1920´er Jahre wurde erstmals ein durch und durch modernes Bauwerk errichtet, daß formal vollkommen frei von eklektizistischen Überlagerungen war. Statt sichtbarer Ziegelmauern, Fachwerk, Sprossenfenstern, Resaliten, Erkern, Gauben und Walmdächern gab´s nun weiss verputzte Wände, filigrane Stahlfenster, Stahlbeton- und Stahlstützen und auf Kuben reduzierte Baukörper mit Flachdächern. Immerhin ein formal „neuer Stil“, den wir bis heute als sogenannten „Bauhausstil“ kennen und der sich damals auch international und flächendeckend als sogenannter „International Style“ weltweit etablieren konnte. Doch seit der Geburtsstunde der sogenannten „Moderne“ hat sich rückblickend in den letzten vergangenen 80 Jahren dieser formal „ablesbare“, ästhetische Stil bis heute in unzählige Stilvarianten wie Neuschöpfungen mehr oder weniger aufgelöst und negiert. In Deutschland hat das 3. Reich die bedeutsame Entwicklung der Moderne, deren Väter ja mit dem Bauhaus u.a. Walter Gropius und Mies van der Rohe zweifelsfrei waren, im Keim erstickt (Araberarchitektur) und der Wiederaufbau hat die Stilfrage aus soziohistorischen wie auch organisatorischen Gründen mehr oder weniger ins Abseits gedrängt. Mit der Postmoderne der 1970´er und 1980´er Jahre gab es sogar wieder so etwas wie einen (rückwärtsgewandten) Eklektizismus, indem man alte Motive aus der steingehauenen Antike mit modernen, weissen Putzfassaden kreuzte und die klare Sprache der Kuben erneut durch mehr oder weniger „altbackene“ Giebelarchitekturen, Kuppelbauten und Tonnengewölbe ersetzte. Dies war die (vielleicht berechtigte wie notwendige) gesellschaftliche Reaktion auf die bis in die 1970´er Jahre durch den Vulgär-Kapitalismus (die Immobilie als Spekulationsobjekt) zum gestaltarmen Funktionalismus (z.B. Plattenbau) reduzierten bzw. verarmten Moderne. Die Postmoderne war quasi der architektonische Ausdruck der endlich nach Freiheit und Selbstbestimmung strebenden Hippyzeit, die bewußt und konsequent mit dem Konservativen, dem Regelwerk der industriellen Rationalisierung (die man – als Strukturalist – glaubte, einfach in seiner geordneten Struktur auf den Menschen zu übertragen) brechen wollte und mußte und sich in seiner sozialen Kritik noch am ehesten im Dekonstruktivismus verinnerlichte. „Erlaubt ist, was gefällt!“ und: „Mach es anders, als die anderen!“ waren der vom Wohlstand begleitete Beginn der sogenannten Individualgesellschaft, die wir ja noch bis heute in einem gesättigten bis zum Teil sehr dekadentem, vor allem materialistischen Zustand haben. Zweifelsfrei haben diese gestalterisch verarmten, funktionalistischen Bauwerke (die es auch heute noch gibt) nichts gemein mit den Ursprüngen und Intentionen der eigentlichen Moderne (Leitbild von Mies van der Rohe: „less is more“), deren Protagonisten sich immerhin nebst programmatischen Visionen auch noch eines ästhetischen Stils bewußt waren. Seltsamer Weise bewegt uns die Ästhetik des Bauhauses noch heute, obwohl wir längst ganz andere Formen und Materialien kennen, die das Produktdesign seit Jahrzehnten in unseren Alltag bringt. Das ehemals so starke „sozialkritische“ Moment (also das radikale Suchen nach neuen, besseren, historisch „unbelasteten“ Kultur- und Ausdrucksformen) wird heute eigentlich nur noch von sehr wenigen, wenn auch sehr bekannten Architekten transportiert, jedoch mit weitaus weniger politischer oder sozialkritischer Motivation und Intention. Zu Ihnen zählen etwa Coop Himmelblau, Günther Behnisch, Daniel Libeskind, Zaha Hadid oder Frank O. Gehry. Statt ein modernes „less is more“ oder postmodernes „less is bore“ schreien sie nun: „Architektur muß brennen (und fliegen)!“.
Sie legen bewußt den Stachel in die akademisch verwalteten Wunden, ignorieren rationale wie rationelle Baustandards, bedienen sich innovativer Bautechnologien und einer (laut) protestierenden wie auch mahnenden Zeichen- und Symbolhaftigkeit. Selbstverständlich liegt auch in ihren Gebäuden trotz aller zu kritisierender ästhetischer wie funktionaler Formalismen nebst einer wichtigen sozialen Funktion (nämlich die Kritik per se) auch eine ästhetische Sprache zu Grunde, die sie als Künstler und Baumeister in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit meisterhaft beherrschen. Und doch ist das Bild, daß wir „zusammen“ in unseren alten wie neuen Städten zeichnen (und diese sind zunächst einmal ein Konglomerat aus zirka 50% historischer Bausubstanz vor 1900, 25% moderner Bauwerke ab 1900 bis 1950 und zirka 25% zeitgenössischer Bauwerke aus den letzten 50 Jahren) , ein ästhetisch und formal äußerst chaotoisches Bild, eine belanglose Potterie von 1001 Möglichkeiten, die für sich genommen zweifelsfrei „ästhetisches“ Potential besitzen, aber unfähig sind, eine Art „orchestrale Musik“ anzustimmen. Auch sogenannte Masterpläne, wie man sie spätestens seit den 1990´er Jahren gerne und vermehrt für große Baugebiete verwendet, können und konnten den bunten Stilmix auf der eizelnen Parzelle nicht verhindern. Ein bunter Blumenstrauß ist dann doch noch etwas anderes als ein großer Blumenladen, der 100 verschiedene, wenn auch sehr schöne Blumen präsentiert. Was uns fehlt, ist die erkennbare Linie, die Einheit, die Gemeinsamkeit, der Respekt voreinander. Und gerade das sollte eine höher entwickelte Kultur doch gerade leisten und sich an Komplexität und Schönheit von der Kunst der Solitärbebauung unterscheiden! Es scheint, als ob wir jede Menge gute bis hervorragende Solisten haben, die aber unfähig sind, irgendeine Melodie gemeinsam anzustimmen. Hier versagt unserer Kreativität und unser Können, etwas komplexes innerhalb einer Stadt neu zu schaffen. Auf die dann doch allzu bunt geratene wie formalistische Postmoderne (ich nenne sie mal Denkmal- und Zitatenarchitektur) folgte etwa Anfang der 1990´er Jahre mit der erneuten Besinnung auf Klarheit und vor allem technischer Rationalität (Vorbild: Mies van der Rohe) wiederum eine Art Gegenbewegung, die sich mehr an die Möglichkeiten und das Design modernen, überwiegend industriell hergestellter Materialien (Stahl, Glas, Aluminium, Beton), innovativer Tragwerke und innovativer Haustechnik orientierte. Doch auch diese vollkommen reduzierte, quasi perfekte, eher technisch anmutende Stahl-Glas-Beton-Architektur mit ihren minimalistischen bis nahezu versteckten Detaillösungen konnte unser sinnliches Bedürfnis nach Gemütlichkeit, Geborgenheit, Authentizität und formaler Zeichenhaftigkeit bis heute nicht wirklich befriedigen. In Berlin etwa bemüht man sich seit Jahrzehnten, den alten Glanz der ehemals steinernen Stadt (Schinkel´s Klassizismus) mit edlen Messingprofilen und teuren, als Lochfassade in allen Variationen durchgerasterten Steinfassaden am Leben zu erhalten. In Hamburg bedient man sich erfolgreich der Besinnung auf den wetterfesten Klinker, das hanseatische Kupferblech und alte Gebäudemotive wie etwa den typischen Setbacks (Staffelgeschossen) und die großzügigen Hofanlagen der alten Kontorhäuser. In Braunschweig, Hannover wie auch Berlin rekonstruiert man in aller Hilflosigkeit sogar wieder alte Schlösser, um den Menschen ein sicheres Gefühl von würdiger Heimat, Geschichte und Stadtbewußtsein zu geben. All das ist freilich mehr als 80 Jahre nach dem Bauhaus sehr rückwärtsgewand, ziemlich konservativ, beinahe nostalgisch bis romatisch verklärt, um nicht zu sagen geradezu anachronistisch und schizophrän verglichen mit allen anderen „fortschrittlichen“ Entwicklungen unserer Lebensbereiche im 21. Jahrhundert. Wie auch paßt das I-Pad, das I-Phone, das Internet, der aerodynamisch geformte Hightech-Schuh, unserer Nasa-Multifunktionskleidung aus Gore-Tex oder der windschnittige Aluminium-Audi TT zu Berlins oder Braunschweigs monumentalen, steinernen (Schloss-)Fassaden oder den bunt geklinkerten, walmgedeckten „Puppenhäusern“ der zahlreichen Fertighausanbieter in unseren zeitgenössischen Neubausiedlungen? All das passt natürlich garnicht zusammen und ist in der Analyse Ausdruck einer kompletten gesellschaftlichen wie auch architektonischen und städtebaulichen Orientierungslosigkeit. Und weil hier offensichtlich tragende wie gehaltvolle Konzepte infolge politischer wie fachlicher Konsenslosigkeit fehlen, darf es nicht wundern, dass zahlreiche Projekte neuerdings unter dem ach so fortschrittlich klingendem Motto „energetisches“ oder „nachhaltiges“ Bauen zum Besten verkauft werden. Als ob technische (Einzel-) Lösungen allein uns hier wirklich weiterhelfen könnten! Im Gegenteil: die neue EnEv (Energieeinsparverordnung) führt in der praktischen Anwendung letztendlich dazu, dass -meist aus Kostengründen- nur noch billige Wärmedämmverbundsysteme (weiss, zartgelb oder siennarot gestrichene Klock-Klock-Fassaden) verbaut werden. Selbst ansehnliche, alte Klinkerfassaden von hohem Wert werden bei der Sanierung komplett mit WDVS in Weiss gepampert. Diese „Pampas-Fassaden“ verdecken all das, was Architektur mit sichtbaren Konstruktionen und Materialien gestalten könnte. Überhaupt ist das Thema „Authentizität“ nicht zuletzt mit der EnEv zu einer Achillesverse der modernen Architektur verkommen. Wenn die Aufgabe der Architektur allein darauf reduziert wird, einen geschaffenen Raum klimatisch oder energetisch sinnvoll einzufassen, beraubt man sie ihrer eigentlichen Legitimation und Essenz. Solche Bauwerke sind bestenfalls Zweckbauten, aber keine Architekturen. Es wäre so, als ob man einem Musiker lediglich 3 Töne und 1 Oktave zur Verfügung stellt. Da kommt nur langweiliges wie primitives Spielautomaten-Gedudel bei heraus.
stilmerkmale > Doch zurück zur Stilfrage: einen Baustil erkennen wir in der Architektur und im Städtebau immer dann, wenn die kreierten Gestaltungsregeln -welche auch immer- durchgehend und konsequent bei einer Vielzahl von Gebäuden (auch typologisch und funktional unterschiedlicher Art) angewendet werden. Die geschaffenen Regeln sorgen dafür, dass sich die Gebäude von anderen Gebäuden (anderen Stilen) eindeutig unterscheiden. Damit sich ein Stil baugeschichtlich etablieren kann, muß er zudem in genügend großer Anzahl wiederholt werden. Die Gestaltungsregeln müssen nicht starr sein, sondern können auch variieren und weiter entwickelt werden, sofern sich daraus ein ähnlicher oder gar ein anderer erkennbarer Stil ergibt. Der Stil selbst ergibt sich vereinfacht aus der spezifischen An- und Verwendung wie auch Verbindung des Materials innerhalb einer dafür geeigneten, materialspezifischen Konstruktion, dem Organisationsprinzip des Raumes und seiner Funktionen (horizontal, vertikal, orthogonal, gekrümmt, gestapelt etc.) sowie dem Umgang mit Öffnungen in horizontalen wie vertikalen Bauteilen. Dabei reicht es formal nicht, nur ein oder zwei Kriterien zu erfüllen. Es müssen alle 3 Kriterien erfüllt werden, um das Gebäude stilistisch zu definieren. Ein gläsernes Gewächshaus mit Giebeldach ist freilich etwas ganz anderes als ein der Form, Kubatur und Größe nach ähnliches, aber massiv mit Steinen, Fenstern und Türen gebautes Wohnhaus. Auch eine Gruppe von formal identischen Häusern (z.B. zweigeschossiges Wohnhaus mit Giebeldach) erreicht keine stilistische Kohärenz innerhalb der Gruppe, wenn die verwendeten Materialien und Farben trotz gleicher Anordnung der Öffnungen (Fenster, Türen) sich zu stark voneinander unterscheiden. Die Verwendung des gleichen Materials ist bei der beabsichtigten Stilbildung weitaus signifikanter als bei den anderen beiden Kriterien, bei denen der Umgang mit den Öffnungen wiederum stäker ins Gewicht fällt als das gewählte Organisationsprinzip. Der Trick besteht nun einfach darin, vor allem über das Material eine sichtbare Einheit zu schaffen, obwohl die einzelnen Gebäude ganz unterschiedlicher Form und Größe sind und zudem noch unterschiedliche Öffnungen aufweisen. Werden dennoch unterschiedliche Materialien verwendet, müssen dafür Form, Größe und Öffnungen umso stärker einander gleichen. Diese gestaltungs- wie wahrnehmungspsychologischen Effekte kann man sehr leicht an alten Städten und deren noch bestehenden Gebäudeeinheiten bzw. Quartieren nachvollziehen (z.B. alte Fachwerk-Städte, Renaissance-Städte wie Venedig oder Florenz, antike Städte wie Rom, klassizistische Bauwerke usw.), die uns in ihrem Gesamterscheinungsbild überwiegend „positiv“ wie in sich schlüssig auffallen. Doch am Beispiel der tristen Plattenbausiedlungen und monotonen Hochhaussiedlungen (Menschenburgen, Wohnmaschinen) ab Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es offensichtlich neben den oben genannten drei stilistischen Hauptkriterien noch etwas anderes, was schliesslich unseren ästetischen Geschmack beeinflußt: die „Maßstäblichkeit“ eines Gebäudes, die Qualität und Güte des verwendeten wie verbauten Materials (auch die Qualität der Ausführung) sowie der Reichtum an formaler Gestaltung und Kreativität (die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit). Bei diesen „weichen“ Kriterien geht es in erster Linie um Respekt und Würde, die wir in die materielle Welt einarbeiten, ob uns Menschen etwas grob, fremd und brutal oder angenehm, feinsinnig, ebenbürtig, elegant und kultiviert gegenüber tritt. Wenn die Architektur die menschlichen Gefühle und Denkweisen mißachtet oder nicht auf sie reagiert, wird sie unsere Herzen als auch unseren Verstand nicht erwärmen. „Erhabenheit“ und „Schönheit“ (Poesie) ist etwas, was man immer nur im Zusammenhang mit dem (kultivierten) denkenden wie sinnenden Menschen bewerten kann. Selbstverständlich können wir durch Artefakte auch negative Gefühle und Denkweisen zum Ausdruck bringen, die wenig erhaben und menschenwürdig sind. Doch es scheint wenig sinnvoll wie nachvollziehbar zu sein, unsere Gebäude bewußt böse, grob, verachtend, aggressiv, herrisch, dominant oder gar einfaltslos und primitiv zu gestalten, wenn es denn keine ideologisch mißbrauchten Gebäude sondern unsere eigenen Lebensräume sind.
unit speak + spell ?! >Würden alle Bauschaffenden (öffentliche wie private, dito Hochschulen für Architektur und Städtebau) begreifen, wie wichtig die „gemeinsame“ Sprach- und Stilbildung insgesamt für unsere Städte und unsere Baukultur ist, hätten wir m.E. sehr, sehr viel gewonnen. Stattdessen bleibt es scheinbar beim stilistischen Wetteifern von (Pseudo-) Innovationen und endet im schlimmsten Falle bei den allzu egozentrischen Selbstverwirklichungen irgendwelcher zahlungskräftigen Bauherren, Stararchitekten oder Baukünstler. Freilich gibt es immer noch einige Architekten, die dem Klassizismus (also dem Regelwerk der klassischen Antike) sehr nahe stehen und dieses über mehrer Jahrhunderte sehr fein ausgeklügelte System für das ursprünglichste, vernünftigste, ausdrucksstärkste wie auch variabelste halten, zumal es darüber hinaus eines der wenigen System ist, dass auch den Maßstab des Menschen in Maß, Zahl und Proportion auf anspruchsvolle Art und Weise integriert. Man sagt, es sei als „gebundenes System“ wohl das komplexeste aller bekannten Systeme. Die Moderne hingegen hat diese korrekte wie sichere Methode des Entwerfens und Bauens bewußt vom strengen, geometrischen Regelwerk befreit, zumal die neuen Baumaterialien und Konstruktionsmöglichkeiten nun ganz andere Bauteile, Räume und Gebäude ermöglichte, die mit dem alten formalen Regelwerk und den dafür vorgesehenen Konstruktionsweisen nicht herzustellen waren. Und warum auch sollte man etwa den Fortschritt in der Kunst, also rückblickend etwa den Expressionimus, den Impressionismus oder den Kubismus . . . für falsch oder unbrauchbar erklären, nur weil er nicht konservativ, gegenständlich oder wirklichkeitstreu war? Tatsächlich haben uns diese vollkommen neuen Stile und Techniken auch ein neues Bewußtsein in der Kunst- und Wahrnehumgswelt von Objekten und Artefakten geöffnet. Die damals moderne Architektur von Walter Gropius und Mies van der Rohe u.a. hat es der Kunst, wenn auch etwas zeitverzögert, nur gleichgetan. Und dies zu Recht! Und dabei haben sich vor allem an das neue Material (Stahl, Glas, Beton), die neuen Konstruktionsmethoden sowie deren statischen Potentiale und Gersetzmäßigkeiten gehalten. Und die Proportionen der klaren, ungegliederten Flächen und Stützen haben sie anfänglich vielleicht noch mit dem Zirkel (Goldener Schnitt etc.), später aber ganz intuitiv bestimmt. Und die aus heutiger Sicht recht plumpe, herrschaftliche Achsialsymmetrie vergangener Jahrhunderte haben sie verlassen, um endlich die schönen Geheimnisse der asymmetrischen, dynamischen, Spannung erzeugenden Balance zu ergründen und zudem der Demokratie eine neue, geometrische Ordnung bzw. Ausdrucksweise zu geben. Aus dem Einerlei der getakteten, mathematischen (geometrischen) Regelmäßigkeit haben sie die Töne nun weit in die Länge gezogen oder abrupt und kurz enden lassen. Aus der Klassik wurde nun Jazz, Blues und Rock, später dann auch Funk, Soul, Heavy Metal, Punk, Pop usw. . Zumindest haben sie die Gebäude von der akademischen Zier und erdrückenden Corsage der dominanten Klassik befreit, um die Dinge (Materialien, Konstruktionen, Funktionen) so zu lassen, wie sie (gemäß dem Fortschritt der Technik und den menschlichen Bedürfnissen und aktuellen Lebensweisen) eben waren und sind. Kurzum: der Klassizusmus ist, auch wenn er über Jahrhunderte hinweg das Primat aller Architekturen bildete, heute aus vielerlei Gründen nicht mehr zeitgemäß. Nicht etwa, weil heute die Gesetze der schönen Proportionen oder der Statik (Stütze/ Balken) nicht mehr gelten würden, wohl aber, weil uns die Moderne andere Geheimnisse und Wahrheiten des Schönen geöffnet hat, die unserem heutigen freien, demokratischen, nicht hierarchisch organisiertem Leben eher entsprechen als etwa Rekonstruktionen von wilhelminischen Schlossfassaden. Wir können nicht auf der einen Seite Fortschritt wollen und zulassen, ihn aber an anderer Stelle verweigern. Diese Methode ist anachronistisch und irreführend! Doch was ist nun der Stil des Fortschrittes? Oder hat der Fortschritt überhaupt keinen Stil mehr? Fest steht, dass auch der Bauhausstil antiquiert ist, so, wie auch der Klassizismus in die Mottenkiste gehört. Beide Stile gehorchen freilich immer noch den klassischen Gestaltungsgesetzen, sind quasi ausgewiesene „Klassiker“ durch und durch. Doch wie man stilistisch nun mit Faserbetonen, Kunststoffen, Carbonfasern, Hightech-Stahl, Textilmembranen, Holzschichtstoffen und Hightech-Glas ein „korrektes“ (aktuelles, zeitgemäßes) Gebäude zu konstruieren hat, wissen wir immer noch nicht so recht. Beton und Stein, selbst Stahl sollten eigentlich keine bedeutende Rolle mehr spielen, wenn wir den konstruktiven wie statischen Fortschritt in der Gewichts- und Materialreduzierung sehen.
next to the future > Ein realistischer Blick in die nahe Zukunft: Im Bereich der innovativen Baumaterialien werden Produkte aus Zement- und Carbonfasern, etwa mit Carbonfasern seilgespannte Zelt oder Flächentragwerk mit einer dünnen, transluzenten bis semitranspartenten, selbsttragenden High-Tech-Kunststoffmembran mit integriertem Sonnen-Energie-Aborber sowie integrierten Licht- und Medienfunktionen die hohe Kunst der Raumkonstruktion darstellen. Die ehemals massiven Stahlbetondecken können nun als extrem leichte, voll recycelbare Kunststoff-, Papier-/ Pappe- oder optimierte Holzverbunddecken bzw. Flächentragwerke kaum leichter und entmaterialisierter, damit auch umwelt- und ressourcenschonender hergestellt werden. Die riesigen mit einer Membran überkuppelten Städte von Buckminster Fuller aus den 1960´er und 1970´er Jahren werden nun im großen Stil industriell, damit kostengünstig und in großen Massen verfügbar quasi „von der Rolle“ als kostengünstige Meterware hergestellt. Alle Maschinen, Objekte, Apparaturen wie auch Möbel sind ebenfalls zunehmend entmaterialisiert und miniaturisiert. Masse und Material ist in der neuen Welt kaum noch zu finden. Stattdessen ist alles extrem leicht, variabel, transparent und medial-kommunikativ „ins Licht“ gesetzt. Unser Leben wird mehr und mehr eine nicht endenwollende (Licht-)Projektion von intelligenten Algorithmen sein. Umbauter Raum wie bebauter Grund wird trotz Bevölkerungswachstum nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was wir heute als luxeriösen Standard je Einwohner in einer trügerisch unbegrenzten Wohlstandsgesellschaft an Flächen verbrauchen (ca. 40-50m² Wohnfläche, 20m² je Büroarbeitsplatz, 10m² Verkehrsflächen etc.). Unsere derzeit extrem materiell ausgerichtete Welt (trotz Hightech wiegt ein Sport-Utility-Vehicle Baujahr 2011 über 2 Tonnen!) wird zunehmend effizienter und ressourcensparender, so dass auch die energie- und ressourcenhungrige Industrie sowie das produzierende Gewerbe dramatisch schrumpfen wird. Funk und digitale Informationstechnologien (Internet etfc.) sorgen für dezentrale, ortsunabhängige wie platzsparende Arbeitsplätze im 3. und 4. Wirtschaftssektor, der bis zu 80% aller Arbeitsplätze abdecken wird. Es wird sich zunehmend eine Bildungs-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft bilden, die auf virtuelle, mediale wie kommunikative Art und Weise den Stoff, das Material und den Raum überwindet. Auch der Transport von Rohstoffen, Waren, Gütern und Personen wird dramatisch sinken. Unbegrenzte Energie durch Sonne, Wind und Wasser (Solarthermie etc.) wird sämtliche fossilen Energieträger ablösen. Individuelle Flugobjekte aus leichten Carbonfasern (IFO´s) mit solarem Stromantrieb werden das rollende 1-2 Tonnen-Auto mit emissionsstarken Diesel- oder Ottomotor ablösen, zigtausend Kilometer asphaltierter Strassen und Autobahnen werden überflüssig werden und renaturalisiert. Zersiedelte wie versiegelte Landschaften werden wieder renaturalisiert, die vorhandenen Großstädte nachverdichtet und wesentlich effizienter ausgestattet. Millionen Quadratmeter von Laden- und Verkaufsflächen in den Konsumtempeln der Innenstädte wie auch auf der „Grünen Wiese“ (Gewerbeparks) werden durch den digitalen Direktversand obsolet. Je Einwohner werden jährlich nur noch 50 bis 60 Tonnenkilometern an Waren bewegt. Im mobilen Bereich (Reisen) sind wir dafür je Einwohner und Jahr mit 1.600 bis 2.000 Tonnenkilometern – allerding umweltschonend mit kostenloser Sonnenenergie – global von Megapolis zu Megapolis mit IFO´s und solar angtriebenen THST (Tube High-Speed-Train, 800 bis 1.000km/h)) unterwegs. Unsere Städte werden eine Einwohnerdichte von mindestens 500 bis weit über 1000 Einwohnern je Hektar haben. Zum Vergleich: eine eingeschossige Bungalowsiedlung aus den 1970´er Jahren kommt auf zirka 100 Einwohnern je Hektar Grund und Boden. 10 Mrd. Menschen werden dann weltweit in etwa 1.000 bis 1.500 Megastädten mit bis zu 10 Mio. und mehr Einwohnern auf insgesamt nur 10 Mio Hektar (100.000 km²) Bodenfläche leben und arbeiten. 100 Mio. kosmopolitische Deutsche (Europäer) werden dann zu 80% in vielleicht 20 attraktiven Großstädten um die 5 Mio. Einwohner auf insgesamt nur knapp 1.000 km² Grund- und Bodenfläche leben. Die neuen Städte werden nicht größer als 10x10km sein und sind innerhalb weniger Minuten bis maximal 10 Minuten mit intelligenten, emissionsfreien Verkehrsmitteln unter- wie oberirdisch komplett zu erschliessen. Die alten, nicht mehr genutzten Dörfer, Kleinstädte, Vorstädte und monofunktionalen Satelittenstädte werden abgerissen oder für touristische und kulturelle Zwecke genutzt. Die Strecke Hamburg-München wird mit den in luftdurchströmten Röhren durchsausenden THST´s innerhalb von 60 Minuten zurück gelegt. Der Besitz von Grund und Boden, Immobilien wie materiellen Gütern wird in der neuen Kommunikations- und Wissensgesellschaft keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Stattdessen geht es immer mehr um soziale Interaktion, „Geselligkeit“, Bildung und kreative Kommunikation. Die Beschäftigungsquote wird auf unter 20%, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf 20 Stunden und die durchschnittliche Beschäftigungszeit auf unter 25 Jahre gesenkt. Schule, Bildung und Ausbildung werden auf 20 Lebensjahre erweitert und lebenslang fortgeführt. Die Lebenserwartung wird von 85 auf über 100 Jahre ansteigen. Innerhalb der Städte wird es zu massiven Umbaumaßnahmen kommen, bei denen ein Großteil der alten, aus Denkmalschutzgründen nicht erhaltenswerten Gebäude und Quartiere durch flexibel nutzbare, hochvernetzte Großraum- oder multifunktionale Hybridgebäude der Größe XXL mit mehr als 10 bis zu 25 Geschossen ersetzt werden. Statt Einzelbebauungen mit Monofunktionen werden die neuen Gebäudekomplexe auf hochverdichteten Grundflächen von 2 bis 5 Hektar errichtet und funktionieren mit allen Infrastrukturen und Angeboten im Prinzip wie eine kleine Stadt (1.000 bis 2.500 Einwohner je Cluster) in der Stadt. Diese City-Cluster werden von einer gemeinsamen Klimahülle umfasst und sind energetisch vollständig autark (Energiegewinnung, Abfälle, Recycling, Stoffkreislauf etc.). Zwischen den Clustern befinden sich großzügig dimensionierte, urban gestaltete Natur- und Landschaftsräume mit Parkanlagen, Wäldern , Wiesen, Sport- und Freizeitanlagen. Der Anteil der privat genutzten Räume sinkt von derzeit 40m² je Einwohner auf weit unter 20m² je Einwohner. Dafür steigt der Anteil der gemeinschaftlich für Kultur und Freizeit genutzten Flächen und Räume. Bäume, Pflanzen und Grün wird eine Renaissance in den neuen Städten erleben und einen wesentlichen Beitrag zum Raumklima wie zur Innen- und Aussenraumgestaltung beitragen. Jeder Haushalt wird einen kleinen Balkon- , Terrassen- oder Dachgarten mit Nutz- und Zierpflanzen kultivieren. Die komplette, öko-strombetriebene Verkehrsinfrastruktur wird in unterirdischen High-Speed-Tubes verlegt. Asphaltierte Strassen werden zu begrünten, überdachten Promenaden, Wohn- und Spiellandschaften umgebaut. Die Geschosse werden hochgradig über Skywalks, Brücken und „Speed-Walks“ miteinander vernetzt sein, so dass es einen horizontalen wie vertikalen Austausch gibt. Vier- bis fünfgeschossige Hallenräume („local centers“) werden direkt mit den angrenzenden Wohn-, Laden- und Bürogeschossen auf allen Ebenen verbunden sein. Werkstätten, Läden, Praxen, Freizeit- und Wellnesseinrichtungen, Bildungs- und Kultureinrichtungen etc. finden sich nun auch in den oberen, mit Wohnungen und halböffentlichen Platzanlagen ausgestatteten Geschossen. Die Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit wird zunehmend aufgehoben sein. Räume werden, mit Ausnahme sehr spezieller Nutzungsanforderungen (Labore, Reinräume, Kliniken, Schallräume etc.), multifunktional und variabel bespielbar sein. In der Komposition wird es eine Mischung wie Weiterentwicklung des N.Y.´er Rockefeller Centers (komplexe Blockstruktur, vertikale/ horizontale Vernetzung) sowie des Centre Pompidou in Paris (Tragstruktur, Technik, Transparenz, Erschliessung) sein. Je Wohneinheit (derzeit 40m²/ Einwohner) werden statt 50 Tonnen i.d.R. massiver Baumaterialien (Beton, Stein, Stahl, Glas) bei nur noch halber Wohnungsgröße (20m²/ Einwohner) und innovativer Leichtbauweise weit weniger als 5 Tonnen Baumaterial je Einwohner benötigt. Damit werden etwa im Wohnungsbau für 100 Mio. Menschen in der BRD statt 5 Mrd. Tonnen massiver Baumaterialien nur noch 500 Mio. Tonnen Leichtbau-Baumaterialien benötigt und 90% der Ressourcen und der damit einhergehenden Material- und Energieverbräuche (Material Input Per Service) sowie damit verbundenen Emissionen eingespart. Die neuen Konstruktionen sind auf eine Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren ausgerichtet, dafür aber zu 100% recycelbar. Insgesamt kommt es damit langfristig zu Einsparungen von mehr als 80% an Rohstoffen und sonstiger Baukosten. Die primäre Raum- und Tragstruktur der neuen Gebäude wird aus funktionalen wie statischen Gründen überwiegend orthogonal, zumindest geometrisch ogranisiert sein, wird aber durch einen formal freien Innenausbau flexibel ergänzt. Sämtliche Gebäudeteile sind industriell vorfabriziert und werden als vorinstallierte Fix+Foxi-Units in modularer Montagebauweise vor Ort aufgebaut. Alle Gebäude sind zudem mit intelligenten Steuerungssystemen vollautomatisiert (Licht, Klima/ Heizung, Schliessanlagen, Sicherheit etc.).
systemfrage > Die neue Gebäudeklasse XXL ist, wie der holländische Architekt Rem Koolhaas und der Designer Bruce Mau es bereits 1995 in ihrer Publikation S-M-L-XL vorwegnenommen haben, in Folge der maximalen Komplexität solcher Gebäude ausser Konkurrenz mit konvetionellen Architekturvorstellungen und den üblichen, vor allem ästhetischen Bewertungsverfahren. Da die großen Gebäude sich dem Betrachter niemals als Ganzes erschliessen, präsentiert sich das Gebäude maszstabsbedingt immer nur in Teilbereichen, in Sequenzen und einzelnen Szenen, deren Gesamtkontext (Thema, Handlung, Geschichte) jedoch stets verborgen bleibt. Doch solch eine hohe Komplexität von Gebäuden kann nur durch eine konsequente wie multikompatible Systemanwendungen erreicht werden, die den gewohnten individuellen Gestaltungsspielraum mehr oder weniger auflösen wird. Die jeweiligen Einzelkomponenten der Gebäude können also nicht eigenständig, sondern immer nur im Kontext und damit in starker Systemabhängigkeit der gefundenen bzw. vorgegebenen Megastruktur entwickelt werden. Je flexibler die Megastruktur angelegt ist, desto größer wird die Gestaltungsfreiheit und Austauschbarkeit der einzelnen Module und Systemkomponenten sein, desto geringer wird gleichzeitig ihre formale wie ästhetische Konsistenz sein. Die antiken Städte wie beispielsweise später auch die wunderbaren Fachwerkstädte hatten u.a. durch die begrenzt vorgegebenen Materialien und Konstruktionsmöglichkeiten ein solch übergeordnetes Primärsystem (unit speak + spell), mit dem man vergleichbar zu den XXL-Gebäuden ebenfalls einen hochkomplexen Städtebau umgesetzt hat. Auch die alten Pyramiden waren – zumindest typologisch – vergleichbar mit solchen noch zu entwerfenden XXL-Gebäuden, die wir in Zukunft bauen werden. Die Systemfrage wird daher vor allem eine Strukturfrage sein, aus der sich dann alle weiteren in sich stimmigen Möglichkeiten und Lösungen ableiten lassen. XXL-Gebäude sind demnach mehr Städtebau als Architektur bzw. führen die Architektur durch Auflösung der gleichen strukturell und systematisch in den Städtebau über. Wohlgemerkt: es geht nicht mehr darum, den Raum ästhetisch oder künstlerisch zu gestalten, sonder allein darum, den Raum und die Funktionen in maximaler Quantität rational, rationell, effizient und synergetisch über die Konstruktion und eine ihr folgende Mega-Struktur zu organisieren. Die neue Qualität dieser Städte besteht also in ihrer maximalen räumlichen wie funktionalen Venetzung und Verknüpfung der bis dato stets isoliert und unabhängig bzw. eigenständig konstruierten Funktionen. „Das Einfamilienhaus“, „die Schule“, „das Krankenhaus“, „das Museum“ oder die „Stadthalle“ wird es bautypologisch wie programmatisch als neue Bauaufgabe nicht mehr geben. Stattdessen nahtlos ineinander übergehende, fliessende Räume und Funktionen, die ständig wechseln und örtlich wandern. Diese neue Form der universalen Multifinktionalität bzw. Auflösung der Bautypologien entspricht in etwa dem Modell der grossen Messen. Freilich werden die alten Gebäude, die jahrhunderte alte Bausubstanz mit ihrer tradierten, typologiebestimmten Architektur- und Städtebaustruktur „parallel“ zu diesen neuen „Universal City-Clustern“ bestehen bleiben. Hierbei kommt es entweder zu einer Überlagerungen und Durchdringungen von Alt und Neu wie auch zu einem örtlichen Nebeneinander beider Systeme. Vor allem in Ländern mit einem starken Bevölkerungswachstum entstehen jedoch auch vollkommen neue Städte (Neu-Urbanisierungen) ohne irgendeinen bauhistorischen Kontext. In der nächsten Stufe schliesslich wird die konventionell festverortete, also „immobile“ Achitektur in eine mobile, dynamische Raumauffassung übergeführt. Nicht nur einzelne Bauteile können bewegt werden, auch ganze Units oder Cluster werden wie auf einem Rangierbahnhof oder Containerterminal immer wieder neu arrangiert. Es wird vor allem zunehmend mobile Städte geben, die auf mehrgeschossigen Superschiffen die Ozeane durchkreuzen. Auf dem derzeit größten Kreuzfahrtschiff der Welt, der Oasis of the Seas, haben 5.400 Passagiere sowie 2.165 Besatzungsmitglieder (insg. 7.565 Personen) in 2706 Kabinen und 1956 Balkonkabinen auf 16 Ebenen mit 4 Pools und 8 Restaurants auf einer Fläche von zirka 47m Breite x 361m Länge (ca. 1,5 ha) Platz. Hier liegt die (Einwohner-)Dichte bei über 5.000 Menschen je Hektar Grundfläche! Die Stadt als sichere Festung mit installiertem Bürgerrecht (Stadtrecht) wird unter dem Namen „Heimat“ keine Bedeutung mehr für die Standortfrage haben, weder ethnisch, wirtschaftlich, kulturell noch gesellschaftlich. All das, weil materieller Besitz und örtliche Verankerung (millelalterlich: „my home is my castle“) den tatsächlichen Bedürfnissen, Wünschen und Möglichkeiten der Web-Menschen nicht mehr gerecht wird. Unser Leben wird eine ständige, ortsunabhängige „Reise“ auf Mutter Erde sein. Durch diese globale Verortung bzw. Vernetzung aller Menschen entsteht ein synergetischer Austausch von Ideen, Gedanken, Sprachen und Kulturen, wie wir ihn derzeit nur von der internationalen Wirtschaft (internationale Produktion und Handel) kennen. Die Überwindung von Grenzen (Ort) und Sprachen setzt kulturelle Potentiale frei, die es in dieser hohen Komplexität zuvor noch nie gegeben hat. Damit wird vor allem der Mensch im Allgemeinen sich und seine soziale Kultur quasi „neu erfinden“. Die ständige Angst vor materieller wie sozialer, aber auch nationaler Sicherung (Nahrung, Gesundheit, sozialer Status Quo, Arbeit, Wettbewerb, Rente etc.) infolge altbekannter egoistischer Lobbyisten- und Machtökonomie (nicht altruistischer, vielmehr eigennütziger „Haushaltung“) wird durch weltweite Demokratieprozesse (Kommunikation und Organisation via Internet) zunehmend aufgehoben.
soziale utopie? > Das Zusammenwachsen der Welt scheint mit dem Internet aus heutiger Sicht kein wirkliches Problem mehr zu sein. Der direkte Austausch der Menschen kann nun auf allen Ebenen (politisch, wirtschaftlich, privat/ zivil etc.) ganz „ungefiltert“, ganz ohne Gewaltmonopol oder mediale Zensur „online“ erfolgen. Diese technische Möglichkeit verändert unsere Kultur der freien und mündigen Geister schneller, als wir es vielleicht von den Innovationen der letzten Jahrzehnte gewohnt waren. Die alten Machtstrukturen (politische wie wirtschaftliche) haben gegen diese neue Form der Kommunikation keine wirksame Waffe mehr und müssen sich zunehmend der Freiheit und Selbstorganisation der Menschen ergeben. Diese neue Freiheit der „aktiven Kommunikation“ führt jedoch nicht in die angemahnte und viel beschworene „Anarchie“ (das vermeindliche Chaos wildgewordener wie gewaltsamer Stupidos) sondern in Transparenz, Aufklärung, zivile Verantwortung und beachtenswerte Sozialkompetenz. Auch wird der aktuell viel beschworene „Clash of Cultures“ wie auch der Kampf um die letzten Ressourcen sich als ein leztes vergebliches Aufbäumen alter konservativer wie materialistischer Kräfte erschöpfen. Es wird kaum mehr möglich sein, ein Volk von mehreren Milliarden Menschen medial durch eine bis dato kontrollierte Einweg-Kommunikation zu täuschen oder es zielgerichtet zu manipulieren. Je stärker die gesteuerte Manipulation (Zensur, Werbung, Desinformatione etc.), desto enger rücken die Menschen medial wie kommunikativ „weltweit“ zusammen und erkennen, dass sie als große Gruppe „Mensch“ nicht nur theoretisch sondern ganz praktisch und real die eigentliche Macht darstellt. Dies bedeutet aber auch, dass die Menschen nun selbst „Verantwortung“ für alles tragen, was in der (hochspezialisierten) Welt passiert. Aus der unbekümmerten Arbeits- und Konsumgesellschaft am Tropf von Politik und Wirtschaft (Führungseliten) wird nun eine kritische, reflektierende, nachfragende, mitdenkende und verantwortungsbewußte Gesellschaft, die ihr soziales, kulturelles, politisches wie materialistisches Verhalten selbst definiert und dann auch über sicherlich mühsame Demokratieprozesse von der kommunalen Ebene bis hin zum Land und Bund realisiert. Damit werden dann auch erstmals strukturelle, städtebauliche wie architektonische Fragen auf einer vollkommen neuen, weitaus transparenteren wie argumentationsstärkeren, vor allem aber weitaus komplexeren Ebene diskutiert und entschieden. Vorhandene Komplexität, deren wechselseitigen Mechanismen und Ahängigkeiten, gilt es nun unter sozialen, kulturellen wie wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten zu entschlüsseln, zu entfilzen, zu analysieren und kritisch auf ihre Tauglichkeit, Effizienz und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Am Anfang aller Diskussion um irgendetwas stehen die primären, existentiellen Fragen, „wie“ wir überhaupt leben wollen/ können und „welche“ Welt wir dabei unseren Kindern hinterlassen werden.
ökonomie + ökologie > Alles, was wir Menschen machen, hat im stofflichen Gesamtsystem Erde-Natur-Mensch einen Einfluss auf unsere unmittelbare Umwelt, hinterläßt also Fußspuren und Abdrücke, die sich mehr oder weniger schnell verflüchtigen. Ökonomie heißt zunächst einmal, mit dem, was an Ressourcen, Energien und sonstigen Potentialen vorhanden ist, das beste für uns „und“ unsere Umwelt (Ökologie) herauszuholen. Neu ist, dass wir seit etwa 40 Jahren (Saurer Regen, Waldsterben, Ölkrise, Grünen-Bewegung, Club of Rome etc.) den Umweltschutz in unsere industriell geprägte, sozial-kapitalistische Wirtschafterei per Gesetz eingeführt haben. Rückblickend haben wir hier sicherlich bis heute sehr viel erreicht, und doch haben wir angesichts der derzeitigen Ökobilanz und aktuellen Zustände offensichtlich immer noch zu wenig gemacht (Artensterben, Klimaerwärmung, emissionsstarke Kohlekraftwerke, zu hoher Gesamt-Energieverbrauch, zu hoher Rohstoffverbrauch, risikohafte Kernenergie, Abholzung der Regenwäldern/ Brandrodung, Verlust von einzigartigen Ökosystemen durch profitorientierte Ressourcenausbeute und Urbanisierung, Müllproblem, Smog, Tankerhaverien usw.). Viele dieser vermeindlichen Umweltkatastrophen entstehen sicherlich nicht direkt in unserem Land, doch sind wir als ausgewiesene Rohstoffimporteure und -veredler, Spitzen-Technik-Produzenten, Technikexporteure und privilegierte Wohlstandskonsumenten maßgeblich mitverantwortlich für eine Vielzahl von wirtschaftlichen wie kulturellen Fehlentwicklungen, die bis heute mehr an Profit, Renditen und sicheren Arbeitsplätzen (Beschäftigungsdruck, Wettbewerb) als an zukunftsfähigen, nachhaltigen, umweltschonenden wie auch sozial verträglichen Lösungen orientiert waren/ sind. Die industrielle Massentierhaltung mit den bekannten, gravierenden gesundheitlichen Folgen für Tier, Landschaft und Mensch ist nur eines von vielen Beispielen, wie unsere renditeorientierte Wirtschafterei zu mit unter lebensgefährlichen, zumindest umweltbelastenden Konsequenzen führen kann. Auch die verhängnisvolle Überfischung der Meere schließt nicht gerade auf ein intelligente, vorausschauende Wirtschafterei, ebensowenig die unversicherbare (weil nicht zu kontrollierende) Kernenergie (Tschernobyl, Fukushima) oder zigtausende Kilometer von lecken Gas- und Ölpipelines, die den Europäern Energie aus Russland liefern. Alle Probleme, die „allein“ aus unserer Wohlstandsgesellschaft resultieren, werden letztendlich zu einem großen Anteil im fernen Ausland (billige, zudem rechtelose Arbeitskräfte, billige Rohstoffe und Energien, fehlende Umweltauflagen usw.) und natürlich stets auf Kosten der Natur und Menschen gelöst. Deutsche Bäckereien etwa produzieren bis zu 20% über, damit die Regale auch noch nach 18:00h im Discounter voll gefüllt sind. Diese wertvollen Abfälle (die Welt hungert ja bedauerlicher Weise immer noch) werden schließlich zu Tierfutter verarbeitet (den Tieren sei die feine Körnerkost gegönnt) oder zur Erzeugung von Wärme (Backwaren haben in etwa den gleichen Heizwert wie Holzpellets) verwendet. Allein mit der Energieproduktion aus den Bäckerei-Abfällen könnte ein ganzes Atomkraftwerk in der BRD stillgelegt werden. Doch das Spiel ist noch lange nicht zu Ende: die Überproduktion wird natürlich auf den Brotpreis umgeschlagen (den zahlen natürlich wir Verbraucher mit steigenden Lebenshaltungskosten) und die erhöhte Nachfrage nach Weizen treibt den Weizenpreis auf dem Weltmartkt nach oben, so dass arme Länder (defacto unsere Weizenproduzenten) sich selbst keinen Weizen als Grundnahrung mehr leisten können und damit die Hungerproblematik zusätzlich verschärft wird. Die Mengen an weltweit weggeworfenen Weizenprodukten würde ausreichen, um alle weltweit 1 Mrd. hungernden Menschen (24.000 sterben nach Angaben von UNICEF täglich an Hunger und deren Folgen, davon 75% Kinder unter 5 Jahren) 3x mit Nahrung zu versorgen. Dieses Wirschaftssystem, welches sich freilich durch pervertierte Markt- und Spekulationsmechanismen in allen anderen Branchen ähnlich gestaltet, ist also alles andere als intelligent, effizient, nachhaltig oder gar sozialverträglich. Im Bereich Hoch- und Tiefbau sieht es mit der Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und Effizienz übrigens nicht anders aus. Am Beispiel des extrem gestiegenen Flächenbedarfs je Einwohner verbrauchen wir nahezu doppelt so viel kostbare, zudem immer weniger nachwachsende Rohstoffe und Energien wie noch vor 100 Jahren. Dazu kommen trotz Bevölkerungsrückgang und immer effizienter gebauten Produktionsanlagen tagtäglich mehr als 100, von den Kommunen meist aus steuerlichen Gründen (attraktiver Wohnraum, Schaffung neuer Arbeitsplätze durch Ansiedlung neuer Betriebe/ Firmen, Standortfaktor, Konkurrenz mit den Nachbargemeinden etc.) freigegebene Hektar „frisches Bauland“ für neue Gewerbeparks (Shoppen auf der Grünen Parkplatz-Wiese, Outletcenter usw.) und kleine Einfamilienhaussiedlungen inklusive Strassen und versorgender Infrastrukturen verbraucht wird. Bis 2020 ist es das ehrenwerte Ziel der Bundesregierung, den Flächenverbrauch auf 30 Hektar „täglich“ zu reduzieren. Doch: nachhaltig, ökologisch wie ökonomisch wäre tatsächlich, bereits heute täglich 30 Hektar und mehr durch Nachverdichtung der Städte an wertvollem Grund und Boden zurück zu gewinnen. Die Energie, die wir durch moderne Technik und Dämmung einsparen, wird in der Gesamtbilanz unterm Strich jedoch absolut durch den gestiegenen Flächenverbrauch wieder aufgezehrt. Hinzu kommt, dass die verwendeten „modernen“ Baumaterialien (Stahl, Glas, Zement, Verbundbaustoffe etc.) zunehmend „veredelt“ sind, also viel mehr Energie und Rohstoffe (MIPS) in der Herstellung verbrauchen als der nach wie vor ökologischste Referenzbaustoff „Holz“. Beispiel Automobilbranche: Ein alter Golf GTI mit 110PS der ersten Generation Baujahr 1976 (ca. 810kg Leergewicht, natürlich ohne Servolenkung, EPS, Airbags, Klimaanlage und elektr. Fensterheber) verbraucht im Berliner Stadtverkehr in etwa so viel Sprit wie der neuste Golf Bluemotion mit 105PS und zirka 6,0 Liter Verbrauch auf 100km. Der neuste Golf GTI V mit 200PS und 1420kg Leergewicht verbraucht zirka 13,7 Liter/100km. Auch hier wird der technische Fortschritt durch innovative, effizientere Antriebstechniken durch ein vermeindlich „komfortables“ Zusatzgewicht (+ 75% Gewichtszunahme) defacto wieder aufgezehrt. Hier versagt gleichermaßen der Automobilhersteller (verdient wird nach wie vor an den teuren Luxus-Autos), der Kunde (der statt leichten und sparsamer 1 Liter Hybrid-Autos immer noch 2 Tonnen schwere SUV´s nachfragt) wie auch die Gesetzgebung (die den Herstellern infolge starker Lobbyarbeit oder auch Imkompetenz eben keine oder zu halbherzige gesetzliche Grenzwerte vorgeben). Solange unser marktorientiertes Wirtschaftssystem allein und überwiegend durch Absatzsteigerung und damit verbundenen Mehrverbrauch an Energien und Ressourcen motiviert ist, haben vernünftige, nachhaltige Ökonomie- und Ökologiekonzepte global wie lokal betrachtet keine Chance. Da der „freie Markt“ offensichtlich nicht von selbst -wie immner wieder fälschlicher Weise behauptet – ökonomische wie ökologische Konzepte generiert (das macht er nur in der „rationalisierten“ Produktions- und Arbeitswelt), kann hier nur der Gesetzgeber als übergeordneter Regulator die Wirtschaft wie privaten Konsumenten zur gesellschaftlichen Ökonomie und Ökologie durch entsprechende Gesetze zwingen. Obwohl die Industrie, die Wirtschaft wie auch die privaten Haushalte immer effizientere Produktions- und Energiesysteme (Heizen, Klimatisierung, Licht, regenerative Energiegewinnung etc.) verwenden, sinkt die Ressourcen-, Emissions- und CO2 Belastung infolge steigender Produktionseinheiten, zunehmender Produktvielfalt, kurzlebiger Produkte, zunehmender Verbrauchseinheiten und steigendem Raum- bzw. Flächenverbrauch bei gleichzeitig stagnierender bis leicht rückgängiger Bevölkerung nicht. Defacto versagt hier unserer Regierung (gleich welcher Coleur), da sie wider besseren Wissens seit Jahrzehnten die ökonomische wie ökologische Grundproblematik unserer kurzsichtigen Mehrverbrauchswirtschaft nicht konsequent genug bekämpft. Statt einer verbrauchsorientierten Marktwirtschaft (von der letztendlich nur wenige profitieren) brauchen wir „weltweit“ eine ökologisch ausgerichtete Sozialwirtschaft (von der alle materiell wie kulturell profitieren), und diese natürlich nicht mit altertümlichen, sondern mit hocheffizienten Spitzentechnologien. Solange man auf dieser Erde mit selbst gemachten Gefahren und Risiken (Krieg, Umweltkatastrophen, Umweltverschmutzung, Entsorgung/ Müll, Krankheiten, Ressourcenverbrauch usw.) Geld verdienen kann, bewegen wir uns kulturell und wirtschaftlich jenseits von Vernunft und Verantwortung für Natur und Mensch.
Wenn wir dieses Konzept einer ökologischen wie gleichermaßen sozialen Wirtschaft nun auch konsequent auf den Städtebau und die Architektur übertragen, kommen wir freilich zu ganz anderen Stadtgrundrissen, Verkehrskonzepten, Gebäudetypologien, Raumgrößen, Raumnutzungen, Gebäudegrundrissen, Konstruktionsmethoden und Materialien, die sich bekanntermaßen eben nicht mit den alten Techniken, Verfahren und Methoden lösen lassen. Hier benötigen wir vollkommen neue Werkzeuge wie auch neue Sprachsysteme, um einen Paradigmenwechsel herzustellen. Alte Dächer mir PV-Modulen zu bestücken, ist nicht etwa innovativ oder fortschrittlich, sondern technisch wie architektonisch bloß ein Kompromiss, ein Provisorium, das weder der Architektur noch der Technologie gerecht wird. Stattdessen müssen wir alte Systeme (Ordnungssysteme, Bauweisen) und Gewohnheiten (Lebensweisen, kultureller Ritus etc.) verlassen und neue Systeme suchen, die unseren aktuellen Lebensweisen, vielmehr Lebenswünsche und vor allem auch Lebensträume am ehesten entsprechen. Hieran schließt sich die allererste Frage, wie wir Menschen überhaupt miteinander leben und arbeiten wollen und können. Die Technik (Industrialisierung) hat uns über viele Jahrundert hinweg von der Landwirtschaft und dem dezantralen Wohnen in kleinen Einheiten auf dem Lande emanzipiert (Bauernhaus, Dorf etc.). Dies war bis heute freilich die Geburtststunde der Großstadt und ihrer Ober- und Unterzentren, wie wir sie heute erleben. Doch auch die Industrie hat heute, anders als noch vor 30 Jahren, weder eine gesellschaftlich noch räumlich (städtebaulich) ordnende Rolle (Arbeitsplätze schwinden zunehmend wie zuvor in der Landwirtschaft durch zunehmende Rationalisierung und Technikeinsatz). Durch den Verkehr und den internationalen Warenhandel ist die Industrie wie auch das produzierende Gewerbe mehr oder wenigiger „ortsunabhängig“ geworden. Nokia baut heute eine Fabrik in Deutschland, morgen in Rumänien und übermorgen in Ungarn. Fest angeraumte Arbeitsplätze auf Lebenszeit gibt es kaum noch. Produktionsstandorte wandern, sobald sie fiskalisch abgeschrieben sind und mögliche Subventionen maximal abgegriffen wurden. Ganze Familien ziehen derzeit innerhalb nur weniger Jahre der verfügbaren Arbeit hinterher, und das grenzüberschreitend. Die Suche nach materieller wie auch räumlicher „Sicherheit“ (Heimat) wird immer schwerer zu lösen sein. Flexibilität (und damit auch die Bereitschaft, räumlich umzuziehen) wird nicht mehr nur von Führungskräften verlangt sondern durchzieht beinahe den gesamten Arbeitsmarkt. Das über lange Zeiträume mit Krediten finanzierte „Einfamilienhaus“ obliegt einem enorm hohen Risiko, da der sichere Arbeitsplatz auch in Spitzenpositionen langfristig nicht mehr garantiert ist.
stadt vs. land > um die Ziele einer nachhaltigen wie sozialen Volkswirtschaft zu erreichen, muß auch die räumliche Organisation der Bereiche Wohnen, Freizeit, Kultur, Arbeit und Handel viel dichter und effizienter ausgestaltet sein. Der massive Ausbau des Verkehrs- und Straßennetzes sowie bezahlbare Mobilität hat in den letzten 30 bis 40 Jahren dazu geführt, daß die einzelnen Funktionen räumlich immer weiter auseinander gedrivtet sind und damit vermeindliche Unsummen von Zeitaufwendungen, Energie- und Rohstoffverbrauch, Emissionen, Unfallrisiken sowie Kosten produzieren. Die meisten Menschen „pendeln“ heute täglich zwischen 20 bis 50 Kilometer zwischen Arbeitsplatz und Wohnung und selbst kurze Strecken werden überflüssiger Weise mit dem PKW erledigt. Hierfür opfern die Menschen nicht selten 10% der Arbeitszeit (6 x 40 Stunden p.a. im Berufsverkehr) und mehr als 10% ihres Einkommens für den Unterhalt eines KfZ. Dieser Mobilitätswahnsinn hat freilich seinen Preis, den nicht zuletzt die Umwelt und die Natur zu zahlen hat. Diese alltäglichen Hauptverkehrsströme durch Stadt und Dorf machen die betroffenen, zu Verkehrsräumen mißbrauchten Lebensräume zu wahren Unräumen mit viel unnötigem Lärm, Gestank und erhöhtem Unfallrisiko. Viel sinnvoller wäre es, Wohnen, Freizeit und Arbeiten wieder räumlich in einem Radius von 5 bis 10 Kilometern anzuordnen, um den Anteil des motorisierten Individualverkehres zu Gunsten des emissionsarmen sowie weitaus „kommunikativeren“ Fußgänger- und Fahrradverkehrs zu senken. Bundesdeutsche Straßenprofile sind in manchen Städten und Dörfern mittlerweile derart fußgängerunfreundlich gestaltet, dass für PKW-Stellflächen (Parkplätze) und Fahrbahnen mehr als 80% der Flächen bereit gestellt werden. Ein ausgewogenes, innerstädtisches Strassenprofil hält mindestens 50% der Flächen für Fußgänger frei zuzüglich Grünstreifen/ Bebaumung, Radweg, PKW-Parkplatz und Fahrbahn. Und auch die sogenannte „Wohnstrasse“ mit Tempo 30 macht als zurückeroberter Lebensraum nur dann Sinn, wenn die Bürgersteige mindestens 2 Meter breit sind, genügend Bäume platziert sind und die Laufflächen frei von Hindernissen wie Pollern, Schildermasten, Leuchtenmasten und Stromkästen sind. Nicht nur Kinderwagen brauchen ordentlich Platz, auch ältere Menschen bewegen sich zunehmend mit sperrigen Rollatoren. Und auch der zunehmende, unsinnige wie verunsichernde „Schilderwald“ muß nicht nur aus gestalterischen Gründen ein Ende finden.