Ein wesentliches Merkmal aller herausragenden Architekturen bis zu Beginn der „Moderne“ ist der plastische, raumbildende Umgang mit den vornehmlich massiven Bauteilen. All das, was uns die griechische, später dann auch die römische Baukunst neben ihrem reichen, künstlerischen Schmuckwerk und Dekor nebst der Kunst der rechten Teilung (Proportionen) an Schönheit überlassen hat, würde ohne diese innen- wie aussenraumbildenden Elemente nicht funktionieren. Diese besonderen, den Gebäuden „Tiefe“ und Kraft gebenden Zwischenräume wirken vor allem durch das komplexe Zusammenspiel von frei gestellten Stützen (Säulen) oder Pfeilern, die mit Wänden, Balken und meist gewölbten Decken als „gebundenes System“ zu wunderschönen Arkarden, Loggien und Portalen geformt sind, an denen die Sonne ihren Schatten werfen kann. Innenräumlich wurden durch Reihen von Säulen insbesondere beim Typus der Basilika mehrschiffige Grundrisse räumlich fein differenziert sowie durch Kuppeln, Kreuzgewölbe wie auch kassettierte Decken (Balkendecken) plastisch im Deckenbereich fortgeführt. Obwohl bei einem Amphietheater die kreisrunde oder ovalen Form von aussen betrachtet eine recht plumpe Körpergeometrie aufweist, gelang es den Baumeistern, die monumentale Fassade durch Ausbildung mehrgeschossiger Arkaden, also von Säulen oder Pfeilern getragene Bögen, räumlich und plastisch zu differenzieren und zudem der Fassade mit den aneinander gereihten Rundbogenöffnungen ein unverwechselbares Motiv zu geben. Dieses raumbildende Arkaden-Motiv wurde auch bei den die Landschaft bildlich prägenden, römischen Aquädukten sowie einigen Brückenbauwerken angewendet. Ferner finden wir es auch bei den monumentalen Triumpfbögen oder den großzügigen Eingangsportalen bedeutender Bauwerke wieder, feiner differenziert und im kleineren Maszstab dann auch bei Fensteröffnungen, Hauseingängen und Loggien von Wohngebäuden. Diese monumentale, zudem motivgebende Plastizität von Massivbauten mit überwiegend platonischen Körpern findet sich später bereits entmaterialisiert auch noch in den gotischen Bauwerken mit ihrem statisch wirksamen System von filigranen Strebepfeilern und Maszwerk wieder. Hier wohl seit der Antike der erste Versuch, die bis dato massive, solide Konstruktion (hoher Materialaufwand, hoher Flächen- und Raumverbrauch der Konstruktion) statisch so weit wie möglich zu entmaterialisieren und dem quasi ausgehöhlten Innenraum nicht nur formal eine neue Qualität von räumlicher Leichtigkeit und Weite zu verschaffen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, mit filigranem Maszwerk und Glasscheiben erstmals große Öffnungen in den Wänden anzulegen, die den Innenraum mit Licht fluten.
Aus überwiegend technischen, rationellen wie ökonomischen, zum Teil auch energetischen Überlegungen haben wir jedoch heute diese Form der architektonischen wie auch städtebaulich bedeutenden Raumbildung nahezu aufgegeben und durch überwiegend „plane“ Fassaden sowie überwiegend kompakte Baukörper ohne nennenswerte Ausbildung von Zwischenräumen (Atrien, Höfe, Gassen, Platzfolgen, Hallen, Säulengänge, Balkone, Loggien etc.) ersetzt. Lediglich die bewußte Trennung von Tragwerk (Stützen, Pfeiler) und Fassade (Curtain-Wall) hat hier noch zu einem „neuen“ räumlichen Zwischenspiel der Bauelemente beigetragen, kann aber räumlich nicht an die signifikante Expressivität der griechischen oder römischen Monumentalbauwerke heranreichen. Freilich sind monumentale Bauwerke aus Stein -und kaum andere, zudem „wehrhafte“ Materialien standen den alten Baumeistern dieser bedeutenden Epochen neben Holz zur Verfügung- konstruktiv wie statisch vollkommen anders zu bewerten als neuzeitliche, statisch minimierte Stahl- oder Stahlbetonbauten mit nahezu entmaterialisierten Glasfassaden oder mehrschichtig aufgebauten Fassaden und Hüllflächen. Doch nicht nur die materielle Minimierung der konstruktiven Bauteile (Wände, Stützen, Decken) hat den Bauwerken ihre innen- wie außenräumliche Plastizität durch Tiefe und Masse geraubt. Auch die Oberflächengestaltung ist innen wie aussen auf überwiegend „plane“, möglichst großformatige, meist fugenfreie, pflegeleichte Flächen reduziert worden.
So etwa ist der relieffartige Langzeitverbund von Schrift bzw. Zeichen/ Symbol und tragendem Material, also der „Gravur“, durch zweidimensionale, hauchdünne, mehr oder weniger transparente, farbige, jederzeit austauschbare „Klebefolie“ (als Nachfolger der ebenfalls zweidimensionalen Mal- und Lackiertechnik) gewichen. Räumlich wirkende Geländer und Zaunanlagen, die ehemals noch kunstvoll sowie reich an Formen und Ornament handwerklich geschreinert, gedrechselt oder geschmiedet wurden, sind durch industriell fabrizierte, gleichmäßig angeordnete, uniforme Drähte, Seile, Stäbe oder dünne Platten/ Bleche reduziert worden. Letztendlich hat u.a. die Pop Art der 1960´er und 1970´er Jahre das „Plakative“ und seriell herstellbare wie kopierbare nicht nur in die Kunst, sondern auch in das Design und -kaum vorstellbar- in die ja vornehmlich auf „Raum“ und „Konstruktion“ ausgerichtete Architektur getragen. Der Mangel bzw. das Fehlen von (materiell begrenztem) Raum wurde durch Begriffe wie „Transparenz“ und der Vorstellung vom „fließenden Raum“ (plan libre) ersetzt. Und tatsächlich haben wir mit der Loslösung vom überwiegend geschlossenem, massiven wie monumentalen „Einraum“ mit Fenstern und Türen hin zum entmaterialisierten, fließenden, vollverglasten, wie von Zauberhand getragenen „plan libre“ eines Le Corbusiers oder den in wunderbaren Scheibenkompositionen aufgelösten „Barcelona Pavillion“ eines Mies van der Rohes urplötzlich eine ganz andere, vollkommen neue, befreiende Raum- wie auch Bauteilerfahrung dazu gewonnen. Die Qualitäten von Transparenz, kontrollierbarer bzw. individuell regulierbarer Weite und Tiefe durch großformatige, manchmal auch nur verspiegelte Glasflächen und die Befreiung von statischen wie auch konstruktiven Zwängen (stüzen- und wandfreie, nahezu endlos weitspannende Räume) ist letztendlich der Beginn wie zugleich in seiner extremen Gegenhaltung zum monumentalen Massivbau der vorangegangenen Jahrtausende auch schon der Höhepunkt der sogenannten „Moderne“.
Die Rolle des Raumes in der Architektur ist mit dem Vorhandensein dieser beiden Extreme (maximale Transparenz vs. maximale Massivität) quasi mathematisch-physikalisch-chemisch seit beinahe mehr als 80 Jahren in ihren Potentialen theoretisch wie praktisch erschöpft und kann sich seit dem nur noch irgendwo dazwischen, wenn auch sehr vielfältig in der Bandbreite alter wie neuer Materialien und Materialkombinationen variieren wie thematisieren. Das einzige, was noch ein Novum sein kann, ist der raumzeitliche Umgang mit Materie (also der Vorstellung von „Immobilie“ als etwas im Raum statisch festes, zeitlich dauerhaftes, örtlich unverrückbares), wenn zum Beispiel die maximale Transparenz selbst zu einem Monument wird (Kristall, Diamant) oder dazu analog unsere tonnenschweren Pyramiden das Fliegen anfangen. Auch der Maßstab -man denke an membranüberdachte Städte oder Orte, wie sie Buckminster Fuller bereits vor 60 Jahren visionierte- wird uns im Vergleich zu den weiten Bahnhofshallen, Fabrikhallen, Stadien und Messehallen nicht wirklich eine neue Raumerfahrungen bringen. Wohl aber der schnelle, unkontrollierbare Wechsel von Raumeindrücken, möglicherweise sogar auch von ganzen Bauteilen, Fassaden und Oberflächen, wenn wir uns etwa mit temporären wie dynamischen Bauwerken befassen oder Oberflächen sich zu permanent ändernden Screens, Projektions- und Werbeflächen verwandeln. Ein Bauwerk ist dann weder räumlich noch funktional etwas kontinuierliches, statisches und abgeschlossenes (im Sinne einer materiellen, örtlichen „Setzung“), sondern etwas prozesshaftes, wandelbares, stets veränderliches. Diese Form von plakativer, temporärer, auf Geschwindigkeit und Fernblick ausgerichteter „Kulissenarchitektur“ wurde u.a. in den 1960´er und 1970´er Jahren vor allem in Las Vegas etabliert („Der dekorierte Schuppen“, Robert Venturi, Denise Scott Brown). In einer Welt der Symbole und Zeichen reicht ein „anständiges“ Gebäude der Form und Typologie nach allein nicht mehr aus, um seinen Zweck oder Inhalt mit den bescheidenen Mitteln der Architektur zu repräsentieren, zu kommunizieren. Schrift und Zeichen, Symbol, Farbe und Licht haben seitdem immer mehr an Bedeutung bei der scheinbar allein auf Kommunikation und Werbung gerichteten Gestaltung des öffentlichen Raumes dazu gewonnen. Das, was ehemals die signifikanten Kirchtürme für die Stadtsilhouette waren, später dann die Hochhäuser und Wolkenkratzer, sind heute gigantisch große, meist leuchtende Werbebanner an den glatten Glas- und Blechfassaden unserer modernen Konsumkisten neben der Autobahn. Aber auch die Fassaden der Innenstädte sind -und dies bereits seit den 1950´er und 1960´er Jahren- mehr oder weniger zugekleistert mit konkurrierender, meist agressiver, um jeden Preis Aufmerkasamkeit erhaschender Leuchtreklame, Werbebannern und aktuell großformatigen, digitalen LED-Displays, auf denen sich auch Filme und Videos abspielen lassen. Die Innenstädte von Tokyo, Shanghai oder Las Vegas würden bei Dunkelheit ohne Licht und Strom nicht funktionieren.
Was bleibt, ist hier als Paradigmenwechsel allein die vollständige Loslösung von Materie und Raum, die in diesem Falle nur virtuell und künstlich, also als vom Menschen kreierte, digitale Kunstwelt hergestellt werden kann. 3d-Hologramme etwa simulieren optisch wie auch sinnlich, vor allem aber in der Wirkung emotional wahrnehmbaren Raum jenseits unserer tatsächlichen, physikalisch-chemisch begrenzten Möglichkeiten auf der Oberfläche Erde. Längst haben Programmierer von Spielen und digital erstellten Filmen (Science Fiction, Animationen etc.) damit angefangen, solche virtuellen, quasi phantastischen Räume, Objekte, Scenen wie auch Handlungen zu entwerfen, sie digital für unsere Sinne abzubilden und auch durch Simulatoren (z.B. Flugsimulator) physisch für uns erfahrbar zu machen. Tatsächlich wird diese Technologie der virtuellen, digitalen Simulation und vor allem der „visuellen Projektion“ zunehmend unseren Alltag beherrschen. Und dies nicht, weil wir es wirklich wollten, bräuchten, für sinnvoll oder gar schön hielten, es also unseren tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen würde, sondern allein, weil u.a. die Wirtschaft, die Industrie mit ihrem dem Mensch innenwohnenden Zwang, Drang und Mechanismus des ewigen Erfindens und Optimierens „ohne“ diese technischen Innovationen ihren Antrieb und damit ihre Legitimation verlieren würde. Der phantastische, nahezu grenzenlose „Schein vom Sein“ wird etwas sein -und war es übrigens schon immer- , was uns Menschen sehr stark beschäftigt und interessiert, solange wir dabei nicht vergessen, daß es neben dieser vielversprechend grenzenlosen Scheinwelt noch eine reale Welt der einfachsten stofflichen, physischen Bedürfnisse gibt. Welche Bedeutung haben dann noch Gebäude, außer, einen physischen, geschützten Ort anzubieten, der dann beliebig und variierend mit digitalen Scheinwelten projeziert und bespielt wird? Und warum konventionell eine massive Wand als neutrale Projektionsfläche bauen, wenn die Wand selbst bereits aktives „Medium“ für den „Informationen“ sinnenden und saugenden, vielmehr „sehenden“ Menschen sein kann? Freilich: „Licht“ ist nicht alles, doch für uns Menschen offensichtlich das ideale und effizienteste Kommunikations- und Orientierungsmedium im Raum und Gedanken. Darum wird moderne Architektur im 21. Jahrhundert -wie Julius Posener es bereits für das 20. Jahrhundert festgehalten hat, ausschliesslich und überwiegend mit kommunikativen, medialen Bauelementen arrangiert. Und dies nicht wie gewohnt immobil, sondern flexibel, austauschbar, mobil und auch dynamisch. Der geschlossene, statisch fest verortete Raum wird im Zeitalter der Lichtgeschwindigkeit, der synchronen Kommunikation und Miniaturisierung unserer Objektewelt kaum noch Bedeutung, vielmehr Interesse haben. Stattdessen maximale Auflösung von Grenzen und Hindernissen, maximale Aufweitung des Raumkontinuums, Raumgewinn durch Skalierung und Maszstabswechsel. Die dazugehörigen Bauelemente werden multifunktional sein, mehr wandelbares wie bespielbares Medium als solides, selbstreferentielles Tragwerk.
Natürlich bleibt der geschützte Raum, den wir nach wie vor benötigen, eine Angelegenheit der Kostruktion und Materie, die aber immer weiter reduziert und zunehmend mit anderen Funktionen durchdrungen und überlagert sein wird. Die Effizienz von Bauteilen wird nicht nur wegen der Ressourcenknappheit und damit verbundenen Kosten ein wichtiges Thema spielen. Wenn wir z.B. transluzente Dächer aus hauchdünnen, weit über den Raum spannenden Membranen fertigen können, läßt sich das Flächengewicht und damit letztendlich der Materialverbrauch je Quadratmeter Dachfläche von derzeit vielleicht 100 bis 150 kg auf vielleicht 2 kg/m² und weniger reduzieren. Damit könnte auch die bisher massive Tragkonstruktion durch statisch optimierte Pylone und weitspannende Seile extrem minimiert werden. Die Membran selbst kann nun so augebaut sein, daß sie sowohl das Sonnenlicht in Strom umwandelt (Photovoltaik) und dazu noch durch Veränderung der molekularen Dichte von transparent bis opak die Sonneneinstrahlung und das einfallende Licht wie auch den Energiedurchlass reguliert. Natürlich kann sie auch mit LED´s bestückt selbst zur flächigen Leuchtquelle wie auch zur lichtreflektierenden Projektionsfläche werden. Und zuletzt kann diese Membran je nach Witterung und Nutzung oder für Reperaturen schnell und lautlos eingefahren bzw. eingerollt werden. Stromleitende, interaktive Spezialkunststoffe können all dies bei minimalsten Ressourcenverbrauch. Mit den selbstleuchtenden, energieregulierenden wie statisch extrem festen wie wandelbaren Leichtbaukunststoffen werden auch Autos und Flugzeuge gebaut. Natürlich dann auch auch Häuser und Gebäude. Wer dennoch Sehnsucht nach handfestem „Erdmaterial“ jenseits der molekularen Strukturen hat, besucht einfach das weltgrößte Museum für Bau- und Architekturgeschichte: nämlich nach wie vor unsere Erde.
Ob diese Welt der neuen Technik uns Menschen vollkommen und optimal befriedigen wird, kann jedoch schon heute mit Recht bezeifelt werden. Selbstverständlich können wir Menschen lernen, in künstlichen Räumen mit künstlichen Materialien und virtuellen Projektionen zu leben, zu überleben. Doch Natur und Lebendigkeit bleiben als Referenz für den Menschen nach wie vor die bestmöglichen Erfüller unserer Psyche, unserer Seele und unserer Sinne. Die Natur zu simulieren, sie zu imitieren, ist freilich denkbar, um der seelenlosen Sterilität von Kunstlicht und Kunststoff wenigstens etwas irdisches mit auf den Weg zu geben. Doch ästhetisch sind wir Menschen nicht so leicht in die Irre zu führen, wie das Beispiel der perfekt imitierten Laminatböden und Resopalmuster leicht zeigt. Sobald wir Menschen um den sinnlichen „Betrug“ wissen, bekommt die ganze Anstrengung etwas „billiges“, kulturloses und wertloses mit auf den Weg. Eines der größten Probleme, daß die Baustoffindustrie mit den neuen High-Tech-Produkten hat, ist das Fehlen von Varianz, Porösität und Körnigkeit. Diese ist zum einen aus funktionalen Gründen natürlich nicht gewünscht (Hygiene, Schmutzresistenz, Leitfähigkeit von Flüssigkeiten etc.), zum anderen ist sie durch maschinelle Fabrikationsprozesse quasi vorbedingt (Walzen, Ziehen, Pressen, Giessen, Lackieren etc.). Wie stark wir uns dennoch nach den „Löchern“ sehnen, macht das abstruse Beispiel der industriell gelöcherten, geknickten, sandgestrahlten, beinahe vollkommen zerstörten Jeansstoffe deutlich. „Gebrauchsspuren“ sind etwas, was wir Menschen durch Respekt und Wissen um die Geschichte als etwas wertvolles erachten und schätzen. Ein nagelneuer Teddybär hat keinen Wert verglichen mit dem über die Jahrzehnte stark abgenutzten Lieblingsteddy. Perfekte Technik kann uns zumindest seelisch und emotional nicht wirklich glücklichen machen. Hier sind wir Menschen quasi ambivalent, vielleicht, weil im Leben selbst das Werden stets mit dem Vergehen, mit dem Zerfall verbunden ist. So haben wir einerseits Sehnsucht nach dem ewigen Leben, nach der Perfektion, nach dem Absoluten, wissen aber auch, dass dieses „Diamantenleben“ naturgegeben nicht möglich ist und zudem ahnen wir um seine Kälte und Unlebendigkeit. Hier mag es unserer eigene Angst vor dem Vergänglichen sein, die uns die wahre Qualität und den Wert der „Geschichte“, der Patina und des Alterns verstellt. Zum Glück haben wir in der Architektur noch genügend solcher Bauwerke, die uns von diesem „Altern“ des mit Lebensgeschichten begleiteten Stofflichen erzählen. Der Ort ist wichtig für die Erinnerung. Der Raum ist wichtig für die Erinnerung. Ohne diese mit dem Ort und dem Raum verknüpfte Erinnerung sind wir Menschen „leer wie eine Flasche“. Metaphysisch ist der Raum dazwischen, die Nische, etwas zutiefst existentielles. Der Zwischenraum, die Fuge, die Pore, die Höle gibt uns Schutz und Sicherheit. Je glatter und raumloser wir nun unsere Umwelt gestalten, desto mehr negieren wir symbolisch wie formal dieses Prinzip des in der Nische sich einnistenden und werdenden Lebens. Auch, wenn wir den aufrechten Gang beherrschen und das Wissen um die Welt uns viel Angst genommen hat, sind diese vielleicht archaischen Instinkte und Bedürfnisse nach geschlossenen, schützenden, beherrschbaren Räumen immer noch in uns Menschen vorhanden. In einem Glashaus öffentlich zu leben, ist sicherlich ein Abenteuer und eine Herausforderung wert, widerspricht auf lange Sicht derzeit jedoch unserem kulturellen Habitus. Zumindest haben wir diese Form der räumlichen Haltlosigkeit (noch) nicht in unserer Kultur vorgesehen. Diese kompromisslos „offene“ Kultur müßten wir Menschen erst noch schaffen, dass sie tatsächlich normative, kulturelle Kräfte auf unsere Bewertungsmuster entfaltet. Dazu würde auch der Verzicht auf Eigentum und Besitz, den es ja (räumlich) zu schützen gilt, entfallen. Auch unsere körperliche Scham, unsere ganze Intimität müßten wir aufgeben. Das Verbergen, Verstecken und Geheimhalten ist dennoch eine Kunst des Seins, die uns Menschen ganz gut zu befriedigen mag. Was aber soll an diese Stelle treten, wenn das „Verborgene“, der Schleier, das Unscharfe und Undeutliche keinen Reiz mehr haben soll?
Quantitativ betrachtet ist die Entwicklung moderen, aktueller Architektur zumindest in Europa natürlich in der unzähligen Masse von vorhandenen alten, konventionellen Bauwerken wie Städten und Stadträumen nicht oder nur kaum relevant. Anders sieht es in den neuen Supermetropolen und gigantischen Neubauprojekten Chinas oder Indiens aus. Hier können und werden tatsächlich im großen Maßstab komplett neue Strukturen geschaffen , ohne sich mit dem Alten auseinander setzen zu müssen. Wie diese neuen Welten als gebaute Utopien dann aussehen, kann man zum Beispiel in Dubai, Shanghai oder Singapor studieren. Auch, wenn diese neuen Städte und Gebäude immer noch jede Menge Reminiszensen an die „Alte Welt“ haben, versuchen sie zumindest im Maßstab und den neuen Materialien und Techniken dem gewohnten Formalismus zu entkommen, sofern wirtschaftliche Überlegungen auch hier immer wieder zu den gleichen, bekannten Lösungen zwingen. Doch was ist das für ein urbaner Raum, in dem ein „selbstverliebter“ Bubble auf den anderen folgt und allein über skulpturale Form und illuminierte Oberfläche zu beeindrucken versucht? Hier fehlen im Städtebau noch Strukturen, diese neuen Gebäudeformen und Typen zu einem ganzen Gebilde zu fügen. Doch diese Unfähigkeit, den öffentlichen Raum irgendwie über die bloße Funktion hinaus auch ästhetisch und künstlerisch „zusammenhängend“ zu gestalten, liegt nicht an den Bubble-Architekturen oder sonstigen modernen Entwürfen, sondern generell an fehlenden, übergreifenden Gesamtkonzepten. Selbst bei kleinsten Neubausiedlungen passiert meist immer das, was jedem Städtebauer und Architekten an seiner Kunst und gesellschaftlichen Aufgabe als Gestalter von Räumen zweifeln und verzweifeln läßt: eine bunte Potterie von „individuellen“, die Umgebung nicht weiter respektierenden Stilen, die weder Form-, Typologie- noch Materialzusammenhänge erkennen läßt. In der Musik nennt man das eine Kakaphonie. Im Städtebau ist es die Verwirklichung der eigenen Träume, etwa mit dem Landhaus im toskanischen Stil, dem Sylter Haus mit Fledermausgauben oder auch dem sogenannten Architektenhaus im Bauhausstil usw.! All das darf sich baurechtlich und zivilrechtlich fein nebeneinander reihen als ultimative Präsentation des „Guten Geschmackes“. Darum ist der Verlust des Raumes etwas, was im Grunde schon mit Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hat, als die Baumeister ihr Gestaltungsmonopol mehr oder weniger, aber Stück für Stück an die private Wirtschaft, an die Bauindustrie wie später dann auch an demokratische Verfahren eines neuen Rechtsstaates abgegeben haben. Demokratien und Rechtssysteme sind freilich nicht verwerflich, wenn denn die Entscheider, Gesetzgeber und Volksvertreter auch „kompetent“ auf ihrem Gebiet sind und ein lanfristig angelegtes Konzept als Rahmenstruktur mit auf den Weg geben.