Um die Schwierigkeit des Entwerfens und dessen syntaktische wie semantische Komplexität einmal anschaulich zu machen, soll dieser Prozess des Entscheidens hier am Beispiel einer einfachen Treppe demonstriert werden. Zunächst fangen wir mit den konstruktiven und funktionalen Fragen an und vertiefen uns schließlich in Fragen der Details, Materialien und Oberflächen:
– Wo soll die Treppe beginnen, wo soll sie hinführen?
– Optimale bzw. ideale Lage der Treppe im Grundriss?
– Einläufig oder mehrläufig mit Podest ausgeführt?
– Gerader, gebogener, geknickter oder gewendelter Treppenlauf?
– Treppe frei im Raum oder entlang einer Wand?
– Wie breit soll die Treppe sein?
– Wieviele Personen benutzen die Treppe gleichzeitig?
– Welche Personen (Kinder, Alte) benutzen die Treppe?
– Maximale Läne des Treppenlaufes bis zum nächsten Podest?
– Wie groß/ tief sollen die Podeste ausgeführt werden?
– Aus welchem Material sollen die Podeste ausgeführt werden?
– Lezte Stufe vom Bodenbelag bzw. Podest differenziert?
– Treppe am Antritt und/oder Austritt mit Aufweitung?
– Wie steil darf die Treppe sein? Maximales Steigungsmasz?
– Baurechtliche Bestimmungen zur Breite und Steigung der Treppe?
– Treppe massiv oder mit Unterkonstruktion?
– Statischer Querschnitt des massiven Unterlaufes?
– Unterlauf gerade/ treppenförmig verlaufend?
– Unterlauf und Seiten: verputzt/ verkleidet/ Sichtbeton?
– Stufenbelag flächenbündig mit Putzebene? Auskragung?
– Fugenausbildung zwischen Putz und Stufen?
– Seitl. Randeinfassung der Stufen über Stahlprofile?
– Seitliche Auflager der Trittstufen untermauert? Konsolen?
– Unterkonstruktion aus Holmen oder Wangen? Querschnitt?
– Auflager der Holme oder Wangen am An- und Austritt?
– Trittstufen einachsig, zwei- oder mehrachsig gelagert?
– Position der Holme, Wangen: seitl., mittig, eingerückt?
– Trittstufen ggfs. mit zusätzlicher, statischer Verstärkung?
– Zusätzliche Konstruktion der Stufen sichtbar/verdeckt?
– Stufen evt. einzeln an Stäben oder Seilen abgehängt?
– Aus welchem Material bestehen die Seile/ Stäbe?
– Welcher Querschnitt soll für die Seile/ Stäbe gewählt werden?
– Wie werden die Seile/ Stäbe an den Trittstufen befestigt?
– Stufen an der Umwehrung abgehängt oder eingespannt?
– Stufen als Kragarm (z.B. seitl. eingespannt) ausgebildet?
– Material der Unterkonstruktion der Trittstufen?
– Material der Trittstufen/ Setzstufen?
– Wie sind die Kanten der Trittstufen ausgebildet?
– Trittstufen mit einem rutschsicheren Profil?
– Rutschsicher Oberfläche der Trittstufen?
– Treppe mit geschlossenen Setzstufen?
– Stufen mit Unterschnitt?
– Treppe einseitig/ beidseitig umwehrt?
– Höhe der Umwehrung bzw. des Handlaufes?
– Mehrere Handläufe (niedrigere Höhe für Kinder)?
– Material des Handlaufes?
– Querschnitt des Handlaufes?
– Seitliche Befestigung des Handlaufes an Wänden/ Geländer?
– Wie soll der Handlauf an den Treppenenden fortgeführt werden?
– Material der Unterkonstruktion für das Geländer?
– Befestigung der Geländerpfosten an Treppe/Treppenlauf?
– Material und Querschnitt der Füllung?
– Transparente, semitransparente, opake oder gemischte Füllung?
– Füllung massiv, aus Platten, Stäben, Seilen, Blechen, Rosten?
– Befestigung der Füllung an Pfosten bzw. tragenden Bauteilen?
– Geländerstäbe, -Seile, Roste etc. verikal/ horizontal/ schräg?
– Max. Abstände zwischen den Stäben, baurechtliche Vorgabe?
– Abstand zwischen Füllung und Handlauf bzw. Trittstufe?
– Ausbildung Geländer am An-u. Austritt (Treppenauge, Podest)?
– Darf die Konstruktion frei „schwingen“?
– Trittstufen mit Trittschallschutz?
– Brandschutzanforderungen an die Treppenkonstruktion?
– Beleuchtung an den Geländern oder Stufen?
– Lackierung der Konstruktion/ Füllung? In welcher Farbe?
Wie man leicht erkennen kann: „Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ Natürlich könnten wir unsere Treppen auf zwei oder drei bewährte und übliche Konstruktionsarten „konventionell“ reduzieren, was aber dazu führen würde, dass alle Treppen mehr oder weniger gleich aussehen. Tatsächlich gibt es diese „standartisierten“ Katalog-Treppen aus Holz, Stahl oder Stahlbeton, einläufig, mit Podest oder gewendelt mit frei wählbaren Materialien, Querschnitten, Füllungen, Handläufen usw. Dieses Beispiel soll nur exemplarisch zeigen, wieviele Fragen zunächst einmal gestellt und beantwortet werden müssen/ können, um letztendlich eine Treppe bauen zu können. Ähnlich viele Fragen bzw. komplexe Zusammenhänge ergeben sich auch beim Gestalten/ Entwerfen eines Fensters, einer Tür, eines Möbelstücks oder der Einrichtung einer Küche oder eines Badezimmers. Um nun zu „neuen“ Lösungen zu kommen, müssen auch neue, andere Fragen gestellt werden, die wiederum durch neue oder andere Materialien und Konstruktionen gelöst werden können. Im Falle der Treppe könnten wir aktuelle Materialien auf ihre Brauchbarkeit bzw. Verwendung überprüfen. So etwa können unterschiedlichste Bleche als durchgehender Treppenlauf gefaltet bzw. gekantet werden. Blechtafeln könnten, anstatt sie zu schweißen oder zu schrauben, mit modernen Klebern „geklebt“ werden. Diverse Kunststoffe könnten mit zugfesten Carbonfasern zu extrem dünnplattigen Treppenläufen vergossen, gepresst oder kaltverformt werden (Kunststoffschalenbau). Statt massiver Hölzer für die Trittstufen könnten aus dünnen Funieren zusammengeleimte, extrem stabile Mehschichtplatten (Multiplex etc.) verwendet werden. Um noch dünnere Querschnitte zu bekommen, könnten die Platten mit Carbonfasern oder modernen, zugfesten Textilien armiert werden. Die unerwünschte Durchbiegung oder das Brechen von massiven Platten (Stein, Holz) könnte durch aufgeklebte bzw. eingelassene Stahl- oder Aluminiumprofile wie auch textile Armierung vermieden werden. Konventionelle Stahlbetonläufe könnten durch den Zusatz von zugfesten Fasern (Faserbeton) noch schlanker gestaltet werden. Ein gefalteter Treppenlauf kann beispielsweise auch aus kraftschlüssig verleimten, dünnen Holzplatten, Funierplatten oder sonstigen Holzquerschnitten hergestellt werden (analog der Herstellung von Brettschichtholz BSH). Trittstufen können aus Verbundsicherheitsgläsern hergestellt werden. Geländer und Handlauf können pfostenlos aus einseitig, an der Unterseite linear eingespannten Verbundsicherheitsglasscheiben (VSG) oder auch Acrylglasscheiben ausgeführt werden. Geländer können aus dünnen, extrem leichten Steg- oder Wabenplatten aus (gefärbten) Polycarbonat etc. hergestellt werden. Textile Mebranen können als seilgespannte Geländerfüllung verwendet werden. Die neuen Anwendungsmöglichkeiten von LED´s erlauben eine direkte Integration der Leuchtmittel in die (transluzenten) Bauteile. Denkbar sind auch hydraulisch über einen Teleskopmechanismus in die Wände einfahrbare Trittstufen. Aber auch „Zweckentfemdung“ von Baustoffen kann zu neuen Lösungen führen. So könnten Kunststoffrohre, wie sie üblicherweise für Ab-/Wasserleitung verwendet werden, Bambusrohre oder auch Stahrohre aus dem Gerüstbau für die Treppenkonstruktion verwendet werden. Auch U-Profile, wie sie üblicherweise für den Trockenbau verwendet werden, könnten als Unterkonstruktion für die gesamten Treppe verwendet werden. Die gesamte Treppe einschließlich Geländer könnte komplett ohne Träger (Wangen, Holme etc.) an vertikal abgespannten Seilen montiert werden. Das Geländer könnte – wie Günther Behnisch es Anfang der 1990´er Jahre beim Deutschen Bundestag in Bonn getan hat- aus einem wilden Verbund von Latten wie ein Art „Treppennest“ konstruiert sein. Auch „Schiebbare“, also mobile Treppen, wie man sie etwa zum Besteigen von Flugzeugen kennt, könnten unsere klassischen, „immobilen“ Treppen zum Vorteile flexibel nutzbarer Grundrisse ersetzen. Solange die Treppe sicher und komfortabel zu benutzen ist, ihre sichere Konstruktion uns das Abtragen der Lasten plausibel macht oder uns wie von Zauberhand getragen zum Staunen bringt, kann eine Treppe ohne Vergleich der Kosten und Aufwendungen nicht besser oder schlechter im Sinne von Richtig oder Falsch sein. Wohl kann ihre Rafinesse, ihre Ästhetik, ihr Design und ihre handwerkliche Machart einen qualitativen Wert vermitteln, der unsere individuellen Vorlieben jenseits aller physikalischen Funktionalität ausreichend befriedigt.
Letztendlich bestimmen neben der Statik und der Funktion vor allem ökonomische, rationelle wie auch ökologische Aspekte (Materialverbrauch, Ressourcen-Input, Recycelbarkeit etc.), mit welchen Materialien und Konstruktionsmethoden eine Treppe gebaut wird. Massive Treppen (Stein, Beton) haben zum Beispiel den Vorteil, den Trittschall durch den hohen Anteil an Masse bestmöglich zu reduzieren. Nachteilig hingegen bei Ortbetontreppen der relativ hohe Arbeits- und Zeitaufwand beim Einschalen, Betongießen, Ausschalen sowie Nachbehandeln der Oberflächen vor Ort. Relativ exakt vorgefertigte Betontreppen hingegen müssen bereits während des Bauprozesses (Baulogistik) mit Krananlagen in das Bauwerk eingebracht werden. Holz- oder Stahltreppen (Wangen- oder Holmtreppen) hingegen können -ebenfalls exakt in leicht zu transportierenden Einzelteilen vorgefertigt- innerhalb weniger Stunden auch nach Abschluss der Rohbauarbeiten noch vor Ort montiert werden.