Im Ergebnis erscheint uns die Architektur in Form von realen Gebäuden meist relativ verständlich und plausibel zu sein. Tatsächlich aber verbergen sich hinter der sichtbaren, wahrnehmbaren Architektur eine große Anzahl von mehr oder weniger gut gelösten, in stetiger Wechselwirkung miteinander verbundenen Teilaspekten. Diese über den Raum und das Material gelöste Verknüpfungsarbeit nennen wir „komplex“, wenn die Teile zueinander in einer starken Wechselbeziehung stehen. Je größer die Anzahl der Teilaspekte sowie deren Beziehung bzw. Verknüpfungspunkte zu- und untereinander ist, desto höher ist der Grad der Komplexität des Gebäudes. Kompliziertheit oder Einfachheit hat hingegen nichts mit dem Maß an Komplexität zu tun. Um einen ungefähren Eindruck zu geben, wie vielschichtig und komplex Architekturen konzipiert sein können, hier eine grobe, ungegliederte wie unvollständige Auflistung von Teil- und Einzelaspekten, die mal mehr, mal weniger entwurfsprägend zusammenhängen.
– Tragwerk, Konstruktion
– Material, Stofflichkeit
– Statik, Festigkeit
– Topographie
– Funktion, Nutzung
– Flexibilität, Universalität
– Bauteile, Bauelemente
– Gebäudetypen, Typologie
– Morphologie
– Genesis, Habitus
– Fassaden und Hüllflächen
– Böden, Decken und Dächer
– Räume, Raumdisposition
– Transparenz
– Monumentalität
– Wegeführung
– Fluchtwege
– Ordnungssysteme
– Horizontale, Vertikale
– Körper und Volumen
– Raum, Fläche, Linie, Punkt
– Überlagerung, Durchdringung
– Fugen, Fügungen
– Proportionen, Harmonie
– Licht, Lichtführung, Kunstlicht
– Farbe, Farbigkeit, Sättigung
– Symmetrie, Asymmetrie
– Hierarchien, Struktur
– Takt, Rhythmus
– Figur und Hintergrund
– Übersummenprinzip
– Kontrastwirkung, Schärfe
– promenade architectural
– Analogie Innenraum-Aussenraum
– Perspektiven, Standpunkte
– Visuelle Effekte, Verzerrungen, Täuschungen
– Formen, Figuren und Körper
– Haustechnik, Versorgung
– Bauphysik, Wärmeschutz
– Klimatisierung, Heizen, Kühlen
– Sonnenschutz
– Schallschutz, Akustik
– Brandschutz
– Gebäudesicherung
– Gebäudeautomatisierung
– Gebäudereinigung
– genius loci, Ort
– Setzung, Verankerung
– Kontext, Umgebung
– mikro-makro, lokal-global
– Muster, Texturen, Oberflächen
– Objekte im Raum
– Reihung, Addition, Subtraktion, Multiplikation
– Numera, Zahl, Quantität
– ergonomisches Design
– energetisches Design
– Ökologie, Nachhaltigkeit
– Ökonomie, Wirtschaftlichkeit
– Abstraktionsebene, Gegenständlichkeit
– Freiräume, Zwischenräume
– Achsen, Linien
– Markierungen, Zeichen
– Symol, Motiv, Thema, Leitbild
– Syntax, Semantik, Sprache
– Interieur, Möblierung
– Detailausbildung
– Ornamentik, Schmuck
– Treppen, Rampen, Stiegen
– Fenster, Türen, Öffnungen
– Wandverkleidungen, Wandsysteme
– Fassadensysteme
– Komposition, Arrangement
– Ästhetik, Sinnfälligkeit
– Dialog, Kommunikation
– Metaphern, Gestik, Artikulation
– Maszstab, Größe, Dimensionierung
– Lebenszyklus, Zerfall, Recycling
Über jeden einzelnen Punkt und mögliche Beziehungen bzw. Wechselwirkungen zu anderen Aspekten ließe sich nun ausführlich und vertiefend berichten und erläutern. Erfahrene Architekten haben durch viel Übung, Lernen und Ausprobieren sowie aus dem reichen Fundus vorangegangener Baulösungen eine Vielzahl von Wechselwirkungen, Phänomenen und Mechanismen begriffen. Dieses erworbene (Sprach-) Wissen setzen sie intuitiv, systematisch, methodisch oder manchmal auch ganz zufällig in ihren Werken um. Da nicht alle Punkte gleichzeitig bedacht werden können, braucht ein Entwurf viel Zeit, um mögliche Wechselwirkung durch sukzessive Nachverdichtung und Perspektivwechsel zu verstehen und beurteilen zu können. Grundsätzlich können und werden Teilaspekte sowie deren physischen und psychischen Mechanismen und Phänomene zunächst isoliert und objektiv betrachtet. Durch die Verknüpfungsarbeit mit anderen Teilen entstehen jedoch meist -analog zur Sprache- vollkommen neue Bedingungen und Bedeutungen, die mit den analytischen, syntaktischen wie semantischen Methoden der Einzelaspekte meist nicht mehr zufriedenstellend zu lösen oder zu klären sind. Daher die Erfahrung, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Neben den rein technischen, physikalischen wie psychologischen Effekten, Phänomenen und Mechanismen, die wir empirisch relativ gut beschreiben können, sind alle existierenden Ausdruckssysteme jedoch stets orts-, personen-, kultur und zeitgebunden. Sinn, Zweck und Schönheit von Architekturen (begriffen als kulturelles Sprachsystem) unterliegen damit einem natürlichen Prozess des Vergänglichen, des „gesellschaftlichen“ Wandels. Alte Sprachen können wir heute nicht mehr verstehen, so wie aktuelle oder moderne Sprachen i.d.R. nicht durch das Sprachmuster älterer/ anderer Kulturen gelesen werden können. Damit wir uns überhaupt „verstehen“, also „kommunizieren“ können, braucht es für alle Menschen und zu allen Zeiten eine „Sprachkonvention“. Dies gilt im gleichen Maße auch für das räumliche, stoffliche Ausdruckssystem „Architektur“. Hinzuz kommt, daß Sprachsysteme nicht und niemals starr sind. Sie entwickeln sich mit den Menschen und der Zeit weiter, mischen sich mit anderen Sprachen, verfremden sich, gleichen sich an oder werden sogar syntaktisch wie semantisch ganz neu entwickelt (Beispiel: Symbole, Abkürzungen, kulturelle Mischsprachen usw.). In der Architektur wird bis heute fälschlicher Weise die sogenannte „Klassik“ des Altertums (ein ausgeklügeltes, gebundenes System von geometrisch proportionierten Stützen, Wänden und Balken aus Stein und Holz) als universale „Muttersprache“ bezeichnet. Tatsächlich aber haben wir nicht zuletzt durch beinahe unendlich neue Materialien, neue Konstruktionsmöglichkeiten und vollkommen neue Funktionen längst andere, eigenständige Sprachsysteme und Ausdrucksweisen erfunden, die zudem „synchron“ mit unserer modernen Kultur, unseren aktuellen Ansprüchen und Erkenntnissen schwingen. Überhaupt ist das Thema der Synchronität bzw. Synchronisation kennzeichnend für den permanenten Wandel von modernen, „fortschrittlichen“ Gesellschaften und Kulturen. Bereits vor mehr als 100 Jahren gab es unter den führenden Architekten und Baumeistern einen tiefen Dissenz über die tatsächliche Notwendigkeit von „synchronen“, „zeitgemäßen“ Sprach-, Konstruktions- und Ausdruckssystemen. Bereits damals skizzierte man (u.a. Sant Elias) ein „futuristisches“ Bild von der Stadt und den Gebäuden, die mit Stahl, Stahlbeton und Glas den neuen Gesetzen der unaufhaltsamen wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik, der zunehmenden Geschwindigkeit, Wandelbarkeit und Flexibilität, dem ungeheuren Tempo der rasanten Entwicklungen und des bahnbrechenden technischen wie auch sozialen und interkulturellen Fortschrittes folgen sollten bzw. dessen direkter architektonischer und städtebaulicher Ausdruck sein sollte. Andere hingegen beschworen (bis heute) weiterhin den jahrhunderte lang kultivierten Kanon der monumentalen, griechischen und römischen, vitruvianischen Bautradition, die auf den Prinzipien der „firmitas“, „utilitas“ und „venustas“ basierte und im europäischen, akademisierten Klassizismus als Weiterentwicklung der Renaissance scheinbar ihren ultimativen Höhepunkt gefunden hatte. Die Modernisten, Futuristen, Reformer, Revolutionäre und Avantgardisten warfen den klassizistischen Protagonisten einen nicht mehr tragbaren, historisierenden wie ästhetisierenden, dennoch totgetrampelten, stupiden, schablonenartigen Malen-Nach-Zahlen „Formalimus“ vor, der den aktuellen sozialen, wirtschaftlichen und technischen Gegebenheiten und Bedürfnissen asynchron wie negierend gegenüber stand. Die Traditionalisten hingegen sahen allein in den festen Werten, Formen, Typologien und Konstruktionen, in Langlebigkeit, im Denkmal und im baulich Monumentalen die essentiellen Bedürfnisse der Menschen wie auch eines (National-) Staates langfristig gesichert und befriedigt. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine psychologische Komponente, die nach individueller wie letztendlich auch nationaler, also politischer Sicherheit, Kontinuität, Stärke, Größe und fester Struktur verlangt. Die andere psychologische Komponente hingegen sucht Veränderung, Fortschritt, Wandel, Entwicklung, Wagnis und Experiment und ist aus heutiger Sicht mehr oder weniger alleiniger Quell allen menschlichen Fortschritts.
Was heute im 20. wie auch 21. Jahrhundert passiert, ist u.a. ein sehr seltsames, beinahe groteskes Nebeneinander des moderaten Traditionalisten und innovativen Modernisten (Futuristen, Avantgardisten) am gleichen Ort. Wärend man in Berlin, Braunschweig oder Hannover alte Schlösser mit modernen Stahlbetonkonstruktionen „rekonstruiert“, sie im gleichen Atemzug durch (halbwegs) moderne, aber allseits bekannte „Shoparchitektur“ (Corporate Design) kreuzt, baut man in Dubai, Tokio und Shanghai seltsam skulpturale High-Tech-Wolkenkrater als nationale Statussymbole. In beiden wie noch tausend anderen Fällen allerorts findet sich jedoch weit und breit keine „Authentizität“, keine „Synchronisation“ von Material, Konstruktion, Form, Funktion und gesellschaftlicher Kultur. So leben wir nun schon seit einigen Jahrzehnten in einem eher bedauerlichen Zustand der architektonischen wie städtebaulichen Hilfs- und Konzeptionslosigkeit, ein gestalterisches Vakuum, in dem es offensichtlich keine synchrone, konventionelle Sprache mehr gibt, bestenfalls einen chaotischen Wettbewerb meist willkürlicher, vor allem aber „extremer“, damit nolens volens provozierender, aggressiver, polemisierender wie polarisierender Stil- und Sprachoptionen. Doch diese durch den freien Markt und das Wettbewerbswesen implizierte pluralistische Vielfalt, nennen wir es „Moden“, liegt derart extrem wie selbstreferentiell ausformuliert wohl nicht in der (idealen) Vorstellung der meisten Städtebauer und Architekten. So kommt es, dass rekonstruierte wilhelminische Schlossfassaden und farbig bis formal „verspielte“ Rizzi-Häuser (mehr eine Kunst-Skulptur als ein Gebäude) dicht beisammen den neuen/ alten urbanen Kontext für die (reparierte) Stadt der Zukunft formulieren. Krasser -vielleicht auch witziger, gar homurvoll- kann man nicht darstellen, wie zerissen und widersprüchlich offensichtlich unserer Wünsche und Begehren sind. Wenn aber Städte zu Spielplätzen á la Disney-World umgebaut werden, kommen wir zu einer Art Ausstellungs-Architektur, vielmehr zu einem Ausstellungs-Städtebau, in dem übergeordnete Gestaltungszusammenhänge anscheinend keinerlei Bedeutung mehr haben. Da aber das Übersummenprinzip in der Gestaltung immer noch allgemeingültiges Gesetz ist, müssen wir diesen formalen Widerspruch lösen. Entwerder „gestalten wir“ im Sinne „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ oder wir überlassen den dann ungestalteten, fragmentierten Raum einer pluralistischen, unkontrollierbaren Ausdrucksform.